Sonntag, 7. April 2013

Karasch Ensemble spielt mit Mythen und Orten

Shakespeares Hamlet im Sommertheater an neuen Plätzen


Ja, gut die Aufführung in Nordhausen liegt schon bald zwei Jahre zurück, aber zum einen sind die Projekte der Hamburger Truppe größtenteils Unikate. Zum anderen war es die Aufführung, die mich in den letzten drei Jahren am stärksten berührt, geradezu beeindruckt hat. In der Retropsektive wurde mir nun der Ausbesserungsbedarf deutlich.
Jedenfalls möchte ich jeder und jedem, der mal die Chance hat, eine Aufführung des "karasch ensemble" zu erleben, raten: Geh hin, unbedingt! Denn ich schreibe bewußt " zu erleben" statt "zu sehen". Außerdem ist auf der Website der Theatergruppe so schön lang und breit aus meiner Rezension zitiert, dass ich den Rest der Welt nicht vorenthalten mag. Zum tieferen Verständnis: die Aufführung fand im Rahmen des Sommertheaters Nordhausen  nicht im Großen Haus, sondern an unterschiedlichen Orten im Altdorfer Kirchviertel statt und hatte somit auch einen sportlichen Aspekt. Die verlebten und zum Teil nicht mehr existenten Spielstätten gaben der Nordhäuser Inszenierung einen deutlich morbiden Charme.

Der Prinz ist in der Altstadt. Das "karasch ensemble" spielt die Tragödie "Hamlet" an unbekannten Orten im Südharz. Der Gastgeber, das Theater Nordhausen, nennt das Experiment Sommertheater.
Der Schädel macht die Runde. Noch bevor das Spiel um Schuld und Sühne vor dem ehemaligen Teehaus so richtig beginnt, taucht die Requisite auf. Die Assoziation Hamlet-Schädel gehört zum europäischen Kulturschatz. Wie ein Spielball fliegt das Utensil von Schauspieler zu Schauspieler. Was tödlich enden wird, beginnt als ausgelassener Sommerreigen.

Ein Sommerreigen mit Schädel: Hamlet vor dem
ehemaligen Teehaus in Nordhausen. Foto: Kügler
Wer den Schädel hat, der hat das Sagen. Sechs Schauspieler besetzen elf Rollen. Teils sprechen sie den Text simultan, als Chor der klassischen Tragödie. Teils wechseln sie die Rollen. Noch kann das Publik die Positionen nicht mit einzelnen Akteuren besetzen. Die Regieanweisungen kommen auch zur Sprache. Das verlangt Gewöhnung, steigert aber den Informationsgehalt. Die ersten zwei Szenen werden auf die Ausgangslage reduziert.  König Claudius starb überraschend und Sohn Hamlet hegt einen üblen Verdacht gegen Mutter Gertrude und Onkel Polonius.
Regisseurin Sabine Karasch hat den Monolith in seine Bestandteile zerlegt. Das Ensemble spielt Theater, es spielt Theater spielen und es spielt mit dem Theater. Sechs Akteure dekonstruieren und rekonstruieren Shaekspeare und seine Folgen.

Szenenwechsel - nächster Spielort ist "St. Maria im Tale". Der Sommerreigen versinkt im gotischen Kirchenschiff in Düsternis. Gebäude und Gespiele ergänezn und bedingen einander. Die Aufhebung der Rollenzuweisung schwindet. Marco Stickel übernimmt eindeutig den Part des mörderischen Bruders. Sarah Kattih wird immer mehr zur Königin Gertrude. Die Kostümierung macht es sichtbar. Die anderen Akteure müssen noch auf ihre Rollen warten. Das Spiel findet zwischen den Kirchenbänken, auf der Empore und im Altarraum statt. Mittendrin im Schauspiel wird nun selbst den Unbedarften klar: DAs hier, das kann kein gutes Ende nehmen.

In der Schärfgasse bekommen Mord und Rache die
Mechanik eines Glockenspiels. Foto: Kügler
Nächster Szenewechsel: Eine Baustelle in der Schärfgasse. Wie die Figuren eines Glockenspiels tauchen die Schauspieler in den Fensterlöchern und im Türrahmen aus der Höhle eines Fachwerkbaus auf. Mord und Rache folgen einer eigenen Mechanik. Das Kollektiv löst sich auf. Gestorben wird allein - David Paryla ist der Prinz, Bodil Stutz leidet als Ophelia und Alexander Wagner wird nun als Polonius und als Laertius den Tod finden. Doch vor dem Finale kommt der Ortswechsel zurück in die Altdorfer Kirchgasse. Die letzte Spielstätte, die Garage des Wasserverbandes, liefert eine räumliche Dichte, die die finale Auseinandersetzung nochmals komprimiert. Publikum und Schauspieler dicht an dicht, sind Hamlet und seine Begleiter nun Getriebene, einer tödlichen Logik ausgeliefert.

Der Rest ist nicht Schweigen. Der Rest ist Begeisterung. Wer sich auf das "karasch ensemble" einlässt, erhält eine neue Sicht auf ein Werk, das durch Reduzierung und Rekonstruktion seinen Anspruch erneuert. Die Orte des Geschehen sind die vierte Dimension in der Inszenierung, die unbestritten auch Kopf-Kino ist.



Nachtrag: Das Experiment Sommertheater war aus meiner Sicht erstklassig und gelungen. Leider gab es in Nordhausen bisher keine adäquate Fortsetzung. Schade.

Mal groß, mal klein geschrieben, egal, hier das karasch ensemble


Das Original im HarzKurier