Sonntag, 12. Mai 2013

Händels Siroe als Daily Soap im Puppenhaus

Premiere der Festspieloper im DT Göttingen

Immo Karaman hebt “Siroe, Re di Persia” auf ein bürgerliches Niveau


Eigentlich weiß niermand so recht, warum die Legende um die Ränke am Hofe der Sassaniden zu den selten aufgeführten Werken Händels gehört. Dabei hat “Siroe, Re di Persia” allse zu bieten, was man von einer Oper erwartet. Auf jeden Fall nimmt man so keine fertigen Bilder mit in die Aufführung, wohl aber bleibende Eindrücke nach der Inszenierung in Göttingen. Die Regie Immo Karaman und das Bühnenbild  von Timo Dentler haben eine Festspieloper geschaffen, die lange nachwirkt und es in der Verarbeitung ihre ganze Tiefe offenbart.
Getragen wird die Inszenierung von einem glänzenden Festspielorchester. Unter der Leitung von Laurence Cummings zeigt es sich als dynamsicher Klangkörper, dessen Einzelteile und dessen Gesamtheit überzeugen, als gleichwertiger Partner zu den Sängern, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Getragen wird die Göttinger Inszenierung vor allem durch die klare und pointierte Stimme von Anna Dennis als Emira, den weichen Tönen von Aleksandra Zamojska als Laodice und Bettina Fritsche als stille, ballettänzelnde Dienerin. Als erste und letzte auf der Bühne und als Konstante ergibt diese neue Rolle die Klammer, wenn die Oper droht in eine Abfolge von Einzelschicksalen zu verfallen. Sie ist eins von Symbolen in eineer Inszenierung voller versteckter Zeichen.
Dies macht den Reiz der Göttinger Inszenierung aus. Hier muss man nicht mitdenken, aber man darf es und wenn man es macht, dann steigt sich der Erlebniswert deutlich.

Es stimmt etwas nicht im Hause Cosroe (2. v.l.)
Cosroe, König von Persien, hat Asbite, den König von Cambaja, erschlagen und dessen Verwandtschaft getötet. Einzig die Tochter Emira hat das Massaker überlebt, hat Rache geschworen und lebt nun unter falscher Identität am persischen Hof. Dumm nur, dass sie sich in Prinz Siroe verliebt hat. Cosroe ist müde und will nun die Nachfolge regeln. Favorit auf den Thron ist der erstgeborene Siroe, aber Bruder Medarse auch dorthin. Dann ist da noch Laodice, Schwester von General Arasse und Mätrese von Cosroe, aber unsterblich in Siroe verliebt.
Damit beginnt ein Geschichte von “Mädchen liebt Jüngling, der aber liebt eine andere”. Die Geschichte ist die von zwei Jungs, die nicht nur um die Krone, sondern vor allem um die Zuneigung des gemeinsamen Vaters kämpfen. Das sind alles Geschichten, die nicht nur an einem persischen Königshof des 6. Jahrhunderts stattfinden, sondern das ist Daily Soap.Damit ist es nur logisch, dass Karaman und Dentler die Oper nicht im einem Palast sondern im morbiden Charme eines englischen Landhaus des späten 20. Jahrhunderts. Die royalen Intrigen werden bürgerlich, das Fürstentreiben wird demokratisiert, Robe und  Hermelin werden gegen Frack und Lederjacke eingetauscht. Schließlich sind Liebe und Hass, Niedertracht und Ehre kein adliges Vorrecht mehr, sondern der Stoff, der die Daily Soaps befeuert.
Sieben Zimmer auf zwei Etagen, montiert auf einer Drehbühne, das Bühnenbild macht stutzig, eröffnet aber eine neue Dimension, wenn auf zwei Ebenen agiert wird. Durchsichtig wie ein Puppenhaus bekommt der Königsmord eine ordentliche Prise Ibsen. Dauernd in Rotation und immer wieder umdekoriert zeigen sich die Räume stets anders. Niemdan geht zweimal durch das selbe Zimmer, weil sie sich ständig verändern.
Auch die Protagonisten sind stets anders kostümiert, von der Festgarderobe der Siegesfeier über den Reiterdress des Brandstifter Medarse und den Lumpendress des gestürzten Götterliebling Siroe zurück zur Festgarderobe der Versöhnungsfeier. In jeder Szene anders gekleidet und meist im Monroe-Look wird Laodice zum Modepüppchen und damit zu geborenen Opfer. Vielleicht schiebt sie sich deswegen vorzugsweise mit dem Rücken an der Wand durch die Szenerie. Weich und zum Mitsterben schön legt Aleksandra Zamojska ihre Verzweiflung in die Arie der Laodice Wenn Laodice das Opfer ist, dann stellt Emira eindeutig den Kontrapunkt dar. Sehr genau setzt Anna Dennis den Hass der rachsüchtigen Tochter um, die doch auch an sich selbst zweifelt.
Siroe ist in Göttingen der gefallene Liebling
der Götter. Fotos: Theodoro da Silva
Doch irgendwie sie alle Protagonisten nur Opfer der Umstände, ihrer Prinzipien und einer im Nebel verschwindenden Moral. Irgendwann leidet jeder, wird von der Last der EReignisse an den Boden gedrückt, ob nun der gefallene Liebling Siroe, der zündelnde Medarse, der Dauerzweifler Cosroe oder eben Laodice. Im persönlichen Schmerz bleibt jeder allein. Nur Lisandro Abadie nimmt man den König, der just noch seinen Gegner und dessen Familie gemeuchelt hat, nicht so recht ab. Da fehlt die Dynamik, Königsmörder schlurfen nicht in Pantoffeln durch die Szenerie. Da präsentiert sich Ross Ramgobin in der Rolle des General Arasse als Mann der Tat mit einen dynamischen Bass. Kaum zu glauben, dass dieser junge Mann erst vor 4 Jahren mit dem Gesangsstudium begann. Also: Namen merken.
Nur eben jene schweigsam Figur der Dienerin trägt immer den internationalen Dress des Hauspersonals. Ihr gehört das erste Bild, ihr gehört das letzte Bild und ein wissendes Grinsen, wenn die Frage, ob nun Siroe, sein Bruder oder gar Arasse sich die Krone aufsetzt unbeantwortet bleibt. 

Die nächsten Aufführungen sind am 14., 15., 19. und 20. Mai im DT Göttingen. Am 19. Mai folgt das Public Viewing der Festspieloper in der Lokhalle bei freiem Eintritt. Am 20. Mai gibt es im Rahmen des "Händel 4 Kids!" den Siroe als Familienversion in der Stadthalle Göttingen.

Die Internationalen Händel-Festspiele


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