Montag, 10. Juni 2013

Die Tretmühle der Menschwerdung in einem unmenschlichen System

Ein rastloser Hauptmann von Köpenick in Göttingen

Wilhelm Voigt passt nicht in diese Welt und er passt nicht in ihre Ordnung. Er hat lange im Gefängnis gesessen und er hat viel Zeit im Ausland verbracht. Nun kommt er in ein Berlin, dass sich sehr verändert hat. Er, der Schuster, der Handwerker, kommt in eine Stadt, deren Rhythmus sich beschleunigt hat, deren Rhythmus von Maschinen vorgegeben wird. Er kommt in eine Stadt, deren Menschen sich im Rhythmus der Maschinen bewegen. Selbst die, die nicht dem Diktat der Industrie unterliegen, handeln und bewegen sich wie Roboter, denn ihre Abgötter heißen Recht und Gesetz, Ordnung und Vaterland und der Kaiser.
Das Befremden, das stillen Entsetzen ist Lutz Gebhardt in der schon in der ersten Szene ist das Gesicht geschrieben. Ungläubig taumelt er durch die surreale Szenen. An dem Gefühl, nicht dazuzugehören und an dem Entsetzen über das Unmenschliche dieser Ordnung wird sich bis zum Schluss wenig ändern. Dieser "Hauptmann von Köpenick" im Deutschen Theater Göttingen lebt von seinem Hauptdarsteller Lutz Gebhardt. In immer wieder neuen Nuancen macht er dieses Fremd sein in der Heimat deutlich, durch Sprache, Mimik und Gestik. In dem hyperaktiven Haufen der Vaterlandspflichterfüller ist er das Fragezeichen hinter dem Satz "Wo bleibt hier der Mensch".
Die Räume wirken wie Gruften. Fotos: Winarsch 
Daneben schaffen es nur Nadine Nollau in ihrer Rolle als Voigts Schwester Marie Hoprecht und Andreas Jeßing als Schwager Friedrich Hoprecht, sich in das Erinnerungsvermögen zu spielen. Alle anderen Rollen sind kleine Nummern, kleine Rädchen in überdimensionierten Getriebe der wilhelminischen Ordnung. Selbst Brüllen und Angebrüllt zu werden, das ist ihre natürliche Tonlage. Erst mit dem familiären Aufeinandertreffen entschleunigt sich diese Inszenierung. Bis dahin stolpern alle Akteure durch immer neuen Szenen und Räumen. Sie sind nicht Agierende, sondern Getriebene in einem überdimensionalen Hamsterrad. Um aus diesem Hamsterrad zu entkommen, müsste der ehemalige Sträfling nur einen kurzen Augenblick dazugehören, den Augenblick, den es braucht, um einen Pass auszustellen. Aber selbst dies wird ihm verwehrt.
Ein Kern dieser Inszenierung ist das Bühnenbild von Eleonore Bircher. Viele Zimmer, klein und groß,  sind im Rund einer Drehbühne ständig in Bewegung, verändern sich, um durch das Grau in Grau doch immer gleich zu wirken: klaustrophobisch. Mal schneller, mal langsamer stolpern die Akteure und Getriebenen von Raum zu Raum, durch immer wieder neue Türen, die trennen satt zu verbinden. Dies ist die Tretmühle der Menschwerdung in einem unmenschlichen System. Das Leid dreht sich immer wieder um die gleichen Dinge: keine Papiere - keine Arbeit, keine Arbeit - keine Papier, ein Teufelskreis, es dreht sich immer wieder um die selben Dinge .
Schuster und Schwager finden
sehr unterschiedliche Antworten.
Doch was ohne Umbauten das schnelle Abspielen das Stücks an vielen Orten ermöglicht, sorgt einerseits für einen Ermüdungserscheinungen auf und vor der Bühne, andererseits wird der Abgesang auf eine untergegangenen Gesellschaft auf zum Panoptikum. Das Kuriositätenkabinett verdrängt die Antwort auf die Frage "Was ist von diesen Disziplinierungsmechanismen noch übrig geblieben?". Das stetige Tür-auf-Tür-zu-Brüll-rum rückt den Hauptmann von Köpenick in die Nähe einer Farce im Stile von Ray Cooney oder anderen Autoren des englischen Boulevards. Parallelen zum Slapstik der schwarz-weißen Stummfilm-Zeit werden deutlich .
Erst in diesem intimen Moment des Sterbens, als Wilhelm Voigt das Lieschen in einer andere Welt begleitet, da steht die Tretmühle still. Und sie bleibt auch stehen, als der Schuster und sein Schwager über das von ihnen erlittene Unrecht reden und jede seine persönliche Antwort auf die Frage "Wie geht es weiter?" findet. Beide haben verstanden, wie das Getriebe funktioniert, wie der Hase läuft. Der eine fügt sich, der andere macht sich das System zunutze. Und nun läuft es anders herum, auch das gesamte Bühnenbild. Wer die richtige Uniform trägt, der kann bestimmen, wer durch welche Türen stolpert. Darin gefällt er sich, doch selbst darin bleibt er fremd, deswegen stellt er sich der Polizei. Er bleibt der Fremde. Seiner Heimat ist schon vor langer Zeit untergegangen und in der neuen Heimat wird er immer der Exot bleiben, der Befremdlich, mit dem man sich zeigt und mit dem man sich fotografieren lässt, wie in einer Völkerschau der Jahrhundertwende.
Eins macht die Inszenierung von Mark Zurmühle auch deutlich. Der Stoff um den Militärwahn ist sogar ein feingewebter. Wie zufällig kreuzen sich immer wieder die Wege von Voigt, Uniform und Bürgermeister von Köpenick, wie Elementarteilchen, die auf der äußeren Schale eines Kern dahinrasen. Doch ihr Aufeinandertreffen endet in einer Implosion.

Die nächsten Aufführungen finden am 14., 21. und 28. Juni jeweils um 19.45 Uhr im Großen Haus statt.

Der Spielplan.

Das Stück.