Sonntag, 18. Mai 2014

Du Narr, wärst du doch bei deinen Leisten geblieben

Theater Nordhausen zeigt einen Rigoletto, bei dem alles stimmt

Am Ende bekommt er die Höchststrafe. Rigoletto, der Narr, der sich mit den Mächtigen angelegt hat, fällt tief, verliert seine Tochter und muss dennoch weiterleben. Bis es soweit ist, zeigt die Operkompanie des Theater Nordhausen bei der Premiere eine Inszenierung, an der alles stimmig und nichts zuviel ist. Kürzer gesagt: Katharina Thoma ist eine ganz große Oper gelungen.
Grundlage dieser überragenden Leistung ist das Loh-Orchester unter Markus Frank. In der Ouvertüre zeigt das Orchester, dass es die vielen Tonarten des Unglücks meisterhaft beherrscht. Die Bläser flüstern erst und blähen sich dann auf, die Streicher brummen drohend, wachsen an und begleitet von den Pauken finden sich alle im Crescendo zusammen, um am Ende einen zerquetschten Rigoletto zu hinterlassen. Denn das Bühnengeschehen beginnt in Nordhausen noch vor dem ersten Akt. Auf der abgedunkelten Bühne irrt der Narr  im Gegenlicht zwischen zwei Treppenrampen umher, die ihn am Ende der Ouvertüre zermahlen werden. Das Vorspiel erklärt in expressionistischer Weise den Verlauf des Musiktheaters. Aber das Zusammenspiel zwischen Bühnen und Orchestergraben verlangt nicht nur Ausdrucksstärke,sonder auch Präzision und gegenseitige Anerkennung. Der Klangkörper ist an diesem Abend der kongeniale Partner großartiger Solisten. Nie drängt sich das Orchester in den Vordergrund, nie versteckt es sich.

Rigoletto glaubt sich auf einer Stufe mit
dem Herzog. Alle Fotos: Tilmann  Graner
Der erste Akt kontrastiert zur düsteren Ouvertüre. Hell und farbenfroh vergnügt sich die Festgesellschaft am Hofe des Herzog von Mantua. Die beiden Treppenrampen wurden zur den Rängen eines Amphitheaters umrangiert. in dem die Höfling ihrem Herrscher gleich  eine Brot-und-Spiele-Komödie liefern werden. Die beiden Treppenkörper prägen das Bühnenbild, sie ermöglichen Aufstieg und Abstieg und dienen auch als Barrieren.  Julia Müller ist eine Ausstattung gelungen, die mit ihrer Symbolik die Aussage des Werks unterstützt, die Ambivalenz im Verhältnis von Herrscher und Beherrschten, von Vater und Tochter, verdeutlicht. Das vor allem erlaubt das Bühnenbild mit seiner Reduktion die Konzentration auf die Akteure und auf das Geschehen. Hier ist nichts schmückendes Beiwerk, alles trägt zum gemeinsamen Ergebnis bei.
Plakativ sind die Kostüme von Barbara Häusl. Sie verzichtet auf jeglichen Historizismus und siedelt die Bekleidung irgendwo im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert an. Schließlich wollte Verdi seine Oper und das zu Grunde liegende Drama "Le roi s'amuse" von Victor Hugo durchaus als Beschreibung der Gegenwart verstehen und wich nur aus politische Gründen in das Mittelalter zurück. Die Form- und Farbgebung ist eindeutig. Rigoletto in düsteren Schwarz, die Höfling schwarz-weiß in biedermeierlichen Frack, die Hofdamen aufgebretzelt in bunten Reifröcken des Rokoko. Der Herzog von Mantua als eitler Hahn in knallrot oder auch in blutrot.
Der Herzog amüsiert sich zwischen all den
Damen und auf Kosten seiner Höflinge. 
In italieniescher Tradition lebt Verdis Oper von den ariosen Rezitativen, die in dramatische Szenen eingebettet sind, ein scheinbarer Widerspruch, der in der Nordhäuser Inszenierung bestens aufgelöst wird. Raffaele d'Ascanio als Herzog von Mantua ist diesen Anforderungen mehr als gewachsen. Schon im "Questa o quella" entblättert es ein erstaunliches Vermögen. Sein Stimmfarbe scheint für diese changierende Rolle wie geschaffen und man kann ihn durchaus als Entdeckung des Abends bezeichnen. Er präsentiert die Verzweiflung im "Parmi veder le lagrime" genauso überzeugend wie die Leichtigkeit des "Ladonna é mobile". Der Tenor und Spezialist für die Belcanto-Rollen erfüllt die hohen Erwartungen damit mehr als zu Genüge.
Rigoletto war der Einbruch der Realität in die italienische Romantik. Verdis löste hier die alten Gleichungen schön = gut = wahr und häßlich = böse = verlogen auf. Im Kampf zwischen der kleinbürgerlichen Moral und der Amoralität das Adels machte er den Entstellten zum Helden auf verlorenen Posten. Mit Rigoletto gelang ihm der widersprüchliste und menschlichste Protagonist seiner Werke. Denn die Inszenierung in Nordhausen macht klar, dass auch der Narr nicht nur ein Opfer ist. Er verhöhnt den trauernden Vater, den Graf von Monterone, verbündet sich mit seinem Herzog gegen die Höflinge und schmiedet Mordpläne, denen letztendlich die eigene Tochter zum Opfer fällt.
Das ist nicht das einzige Duett,
das in guter Erinnerung bleibt
Kai Günter scheint ein Abonnement auf die dunklen Rollen zu haben. Im letzten Jahr war der Bariton als fliegender Holländer bei den Schlossfestpielen in Sondershausen zu sehen. Bei der Rigoletto-Premiere in Nordhausen setzte er auf die guten Erinnerungen ein noch stärkere Präsenz drauf.  In Nordhausen entwickelt er Rigoletto als einen Kleinbürger, der hinter seiner Fassade als Possenreißer verletzlich ist, seinen vermeintlichen Schatz mit Kontrollwahn vor der Welt verstecken will, falsch interpretiert wird und mit seinem Streben nach Glück scheitern muss, weil er nicht erkennen kann, dass er sich mit den falschen Mitteln mit den falschen Leuten anlegt.
Nicht zuletzt im "Cotigiani, vil razza damnata" im zweiten Akt, als er seine Tochter aus den Klauen der Entführer befreien möchte, zeigt er die ganze Palette seiner Ausdruckskraft. Klarheit trifft hier auf Dynamik. Doch gegen die Gruppe bleibt der Einzelne machtlos.
Mit Elena Puszta als Gilda hat Kai Günther eine kongeniale Partnerin gefunden. Das Duett "Figlia! Mio padre!" im ersten Akt ist sicherlich ein Glanzlicht in dieser an Höhepunkten reichen Aufführung. Günther bildet die Grundlage, auf der die Sopranistin sich mit engelsgleichen Tönen in die Höhe schwingen kann. Im Duett "T'amo, t'amo" mit Raffaele d'Ascanio wiederholt sie diese überragende Leistung nicht zum einigen Mal bei dieser Premiere. Auch im Quartett des dritten Aktes, dem "Bella figlia del amroe" ist sie mehr als nur eine Stimme. Sie versteht es, sich hier zu behaupten zwischen den Polen Vater und Herzog. Das kleine, bezopfte Mädchen Gilda ist kurzer Zeit zur selbstbewussten jungen Frau herangereift. Damit bestätigt sie die starken Eindrücke, die die Berlinerin bei ihren bisherigen Auftritten in Nordhausen hinterlassen hat.
Mit Sparafucile hat sich Rigoletto  den
falschen Geschäftspartner ausgesucht.
Gut in Erinnerung bleibt  bei der Premiere auch Florian Kontschak als Sparafucile. Mit Präzision betont die technische, die kühle Seite seines Mörderhandwerks. Menschen vom Leben in den Tod befördert ist ein Job wie jeder andere und es spielt keine Rolle, wer das Opfer ist. Anja Daniela Wagner muss sich als dessen Schwester Maddalena anfangs in ihre Rolle hineinfinden. Doch ihr Duett mit d'Ascanio ist geballtes Begehren, ist purer Sex, das lässt sich nicht anders sagen.
Mit dieser Aufführung treffen Katharina Thoma und ihre Ensemble den Kern der Oper. In kurzen szenischen Blöcken wird die komplette dramatische und psychologische Entwicklung von drei Personen in ihrer gesamten Komplexität erfasst. Orchester, Sänger, Bühnenbild und Kostüme fügen sich zu einer Gesamtaussage, die nicht im Historizismus stecken bleibt. Auch in Zeiten sexueller Freizügigkeit bleibt die Frage nach Moralität erhalten. Sie verschiebt sich in andere Bereiche und akzentuiert das menschliche Miteinander stärker. Gleiches gilt für das Konfliktfeld Adoleszenz, kindliche Loslösung und elterliche Kontrolle. In dieser Inszenierung ist Rigoletto auch 163 Jahre nach seiner Uraufführung ein Werk mit Zeitbezug.


Das Theater Nordhausen
Das Werk in der Selbstdarstellung
Nächste Aufführungen: 23. Mai, 7. Juni