Sonntag, 11. Mai 2014

Eine flog über's Kuckucksnest, fast jedenfalls

TfN-MusicalCompany wagt sich an "Fast normal"


Hingehen, anschauen und zuhören und zwar unbedingt. Dieses Stück ist hinreißend, atemberaubend, rührt das Herz und geht an die Nieren. Craig Simmons hat "Fast normal" von Tom Kitt und Brian Yorkey als rasante Achterbahnfahrt durch die Höhen und Tiefen und durch die manischen und depressiven Phasen einer bipolaren Störung inszeniert. Das Kammermusical verzichtet auf eine große Besetzung und große Szenen, sondern überzeugt mit Charakterstudien und eindringlichen Szenen. Am Schluss bleibt die Katastrophe aus, ein Happy End gibt es auch nicht, aber die Hoffnung bleibt.

Alle zusammen singen das Loblied auf die
Psychopharmaka. Fotos: TfN/Hartmann
"Fast normal" ist der Kammerspiel unter den Musicals und kommt mit sechs Sängerinnen und Sängern aus. Das macht das Stück und die Geschichte, die es erzählt, aber auch so eindringlich und intensiv und ist im Gegenzug auch ein Herausforderung für die Akteure. Hier gibt es keine Massenszenen, in den man sich  verstecken könnte. Permanente Präsenz ist gefordert. Der Erfolg der Hildesheimer Inszenierung ist auch im Ensemble begründet. Es gibt keine Rolle, die abfällt. Caroline Kiesewetter lootet als Diana Goodman alle Höhe und Tiefen der Hausfrau und Mutter mit psychischen Problemen aus. Die  pure Verzweifelung und die Angst vor sich selbst kommen genauso gut zur Geltung wie die Euphorie der manischen Phasen und der Trotz der beginnenden Krisen. Alexander Prosek ist besonders dann stark, wenn die Hilflosigkeit und Schwäche von Dan Goodman nicht zu übersehen ist.
Caroline Zins überzeugt als Natalie Goodman, die auf die Lieblosigkeit der Mutter und die Hilflosigkeit des Vaters erst Überehrgeiz und anschließend mit Trotz reagiert. Der starke Pol in dieser Inszenierung ist Jonas Hein als Gabe Goodman, als das Phantom des Musicals. Denn Gabe Goodman ist tot. Er starb im Alter von acht Monaten und nur in der Wahnwelt seiner Mutter wurde er zum Teenager.
Das Baby wurde nicht Opfer eines Unfall, es verstarb nicht wegen elterlichen Fehlverhaltens. Es wurde Opfer einer ärztlichen Fehldiagnose, eines sogenannte Kunstfehler.
Wenn ein Kind vor den Eltern stirbt, dann ist nicht nur eine göttliche Ordnung gestört, dann wird auch das Leben der Überlebenden in Unordnung gebracht. Aber nicht die Schuldfrage belastet das Leben der Familie Goodman, sondern die Unfähigkeit mit dem Verlust umzugehen.
Gabe ist das allgegenwärtige
Phantom des Musicals.
 Für Diana ist es ein zweifacher Verlust. Mit der Geburt ihres ersten Kindes verlor sie die jugendliche Unschuld, wurde vom Studenten-Daseins ins Mutterglück gestoßen und anschließend des Lebensinhaltes beraubt. Gabe lebt in ihrer Phantasie weiter und wuchs heran. Auf ihn projiziert Diana ihrer Sehnsüchte, er wird zur Stütze im Alltag und zum Ratgeber. Es entsteht ein fast schon libidinöse Verhältnis, denn der junge Mann  soll der Mutter die  Unbeschwertheit der Jugendtage zurückbringen. Diana Goodman lebt ständig auf der Kante zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt. Mit wenigen Mitteln kippt in der yweiten Syene das Bild von der gany normal vrr[ckten Familie mit Teenagern Zu ihrer Tochter Natalie konnte sie nie ein Beziehung aufbauen.
Und dann ist da die Angst vor den Entscheidungen. So weiter machen geht, das geht nicht. Alle Behandlungen haben nicht das gewünschte Ergebnis gebracht. Das Gespenst der Vergangenheit ist immer noch da. Aber es ist auch die Frag erlaubt: Was ist normal? Wer setzt die Norm? Wer trägt die Erwartungen an die Protagonisten und ans Publikum heran?
Mit Elektokrampftherapie als ultima ratio droht Diana das Schicksal von Randall Patrick McMurphy in "Einer flog über das Kuckucksnest". Doch die Kontrolle über ihr Leben hat sie schon vor langer Zeit verloren. Aber an welchem Punkt eigentlich? All dies liegt im Spiel von Caroline Kiesewetter.
Je länger das Musical dauert, desto mehr wird Natalie zum Gegenpol. Schuldlos als Spätgeborene leidet sie mehr als alle anderen unter der Krankheit der Mutter. Sie hindert den Teenager daran, eine Beziehung zu Gleichaltrigen aufzubauen. Die Aufmerksamkeit der Eltern versucht sie mit schulischen Höchstleistungen zu erzwingen, doch vergebens. Das Leben der Familie Goodman dreht sich um die Mutter und den toten Bruder. Da ist nicht genug Platz und keine Aufmerksamkeit mehr fuer einen pubertierenden Teenager. Da ist niemand der sie an die Hand nimmt bei ihrer Suche nach ihrem Weg in das Leben. Da ist die g;ttliche Ordnun wieder ges;rt und Dan und Diana scheitern als Eltern.
Natalie antwortet mit einer Mischung aus Wut und Verzweiflung. Diesen Hilflosigkeit, aber auch den Trotz und Zorn zeigt Carolin Zins vollständig und in beeindruckender Weise.
Auch diese Therapie zeigt nicht
die gewünschte Wirkung.
Das erst so harmlose Spiel beginnt in einem Bühnenbild, in einer Küche, die auch aus einem IKEA-Katalog stammen könnte. Gedämpftes Licht zeigt eine Welt, die in optische Watte verpackt ist. Doch der harte Schnitt kommt schon nach wenigen Minuten, das Musical beschleunigt von knapp über Null auf 120. Jetzt haben wir es mit einer Familie auf Speed zu tun. Dem hilflosen Schweigen der Akteure folgt eine rasante Folge von Szenen, die bald das Elend in seiner vollen Breite zeigt. In schnellen Bildern erzählt Craig Simmons von enttäuschten Hoffnungen, von Unsicherheiten und Misserfolgen junger Menschen auf ihren Weg, von Therapien, die nicht anschlagen. Die Hatz nach dem eigenen Quentchen Glück lässt keine Zeit zur Reflexion, bis die Einsicht kommt: So geht es nicht weiter. Keine Therapie hilft, wenn der Patient sich nicht helfen lassen will.
Unterstütz wird die atemlose Suche nach Ausweg und Analyse durch das großartige Bühnenbild von Steffen Lebjedzinkski. Die Drehbühne, ständig in Bewegung und in Form einer verdrehten Rampe, erlaubt zum einen den schnellen Wechsel der Szenen und der Ort. Sie ist mal Haus, Praxis oder Schule, mal Hintergrund und mal Podium für das große Solo. Aber sie ist auch eins: Das Hamsterrad. Je mehr sich die Akteure abstrampeln, desto schneller scheint es sich Richtung Abgrund zu drehen. Erst als die Inszenierung nach der Pause in ruhigeres Fahrwasser kommt, dreht sich auch dieses Hamsterrad immer langsamer. So lange, bis  Diana Goodman selbst in sich ruht. Der Flug überdas Kuckucksnest bleibt ihr erspart, aber Besserung gibt es erst, als sie die Verbindungen in die Vergangenheit kappt. Damit ist sie ihrem Gatten zum Schluss den entscheidenden Schritt voraus. Dieser verliert den Vater-Sohn-Konflikt nicht nur, weil sein Widerpart inexistent ist. Zum Schluss ist es Dan, der nicht über den Schatten der Vergangenheit springen kann. Mit dieser Hilflosigkeit bietet Alexander Prosek auch Identifikationsmöglichkeiten. Damit bindet er das Publikum an das Stück.
Neben den Sängern und dem Bühnenbild ist das Licht der achte Akteure. Es taucht einzelne Szenen in optische Watte, es setzt Solisten in Szene, es erhellt, aber es verdunkelt auch. Vieles bleibt unsichtbar. Während der Vordergrund in gleißendes Licht getaucht ist, verschwindet das Bühnenhaus im Dunkel, Licht wird zu purer Symbolik. Damit eröffnet Simmons in seiner Inszenierung eine fünfte Dimension.
Als Schlusschor bleibt eine Referenz an die Mutter als Rock-Musical. Es klingt verdächtig nach "Over at the Frankenstein Place" aus der Rocky Horror Picture Show. Tröstlich zu wissen, das selbst dort immer ein Licht brennt.
Sicherlich kann man vom Besuch eines Musicals genauso wenig therapiert werden, wie man vom Lesen einer Speisekarte satt wird. aber die Empfehlung lautet trotzdem: Hingehen, anschauen und zuhören und zwar unbedingt. Und dann eine eigene Meinung bilden.

Das Theater für Niedersachsen
Das Musical in der Selbstdarstellung
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