Sonntag, 1. Juni 2014

Am Ende haben sich dann doch alle lieb

Festspieloper Faramondo entwickelt Händel konsequent weiter

Mit der Oper "Faramondo" setzten die Göttinger Händel Festspiele ihr Vorhaben fort, unbekannte Werke einem breiten Publikum vorzustellen. Die Premiere am 31. Mai zeigte neben tiefen Gefühlen  gelegentlich auch Humor und vor allem großartige Solisten. Nach dem experimentellen "Siroe, Re di Persia" kehrte das Team um Regisseur Paul Curran zu traditionellen Erzählstrukturen zurück und schaffte es trotzdem, dem Stoff neue Impulse zu verleihen. Das Publikum bedankte sich für diese Aufführung mit langanhaltenden Applaus für die Sänger, das Festspielorchester und die Macher.
Doch, doch, es ist eine traditionelle Oper im modernistischen Gewand. Hinter allen modernistischen Fassaden hat die Struktur aus dem 30-er Jahren des 18. Jahrhunderts Bestand. Rezitativ - zweifelnder Proatgonist - Arie an das Publikum - Abgang. Aber auch die Botschaften bleiben dieselben: Unter den Adligen gibt es nur wenige Edle,aber trotz aller kriegerischen Handlungen überwindet die Liebe den Hass. Garniert wird diese mit optischen Bonmot wie einem Unterwäsche-schnüffelnden Bösewicht und einer Frust-Pizza-essenden Clothilde.
Es werden viele Waffen gezückt in dieser Oper.
Alle Fotos: A. Säckl 
Die Entstehung
Händel vertonte die Legende um den ersten Frankenönig Faramond 1738 nach seinem Kuraufenthalt n Aachen. Dies war der Beginn der kreativsten Phase des Maestros. Doch er musste sich der Krise der Opera seria im London seiner Zeit stellen. Das große Singspiel geriet von zwei Seiten unter Druck. Zum einen hatte die balladenlastige Beggar's Opera das Gunst des Publikums errungen, zum anderen veränderte das Dramma per musica immer stärker die Rezeption von Bühnenstücken. Die Kastraten Farinelli und Senesino hatten ihre besten Zeiten als Sangesstars hinters. Händel antwortet auf die Herausforderung mit einem Werk, dass die Arie als die tragende Säule  des Musiktheaters feierte. Diesem Ansatz folgt die Göttinger Inszenierung in Gänze, aber dafür verlangt es eben Könner in ihren Fächern.
Es wird auch auf den Vorhang scharf geschossen.
Das Libretto dieser Oper liest sich wie das Drehbuch einer Telenovela. Frankenkönig Faramondo tötet im Kampf den Kimbern-Prinzen Sveno. Dessen Vater Gustavo schwört seine Getreuen auf Rache ein und fordert den Kopf Faramondos. Gleichzeitig will er Clothilde, Schwester des Faramondo, töten, besinnt sich aber eines Besseren und lässt die Geisel amLeben. Adolfo, Sohn des Gustavo, verliebt sich in die Gefangene. Derweil erobert Faramondo den Palast des Gustavo, trifft dort auf die Prinzessin Rosimonda und verliebt sich in die junge Dame, die ebenfalls Gefallen an dem Verfemten findet. Mit seiner Liebe zur Tochter Gustavos macht sich Faramondo aber seinen bisherigen Verbündeten Gernando zum Todfeind. Denn der König der Schwaben begehrt die junge Dame ebenfalls. Dann gibt es dort noch den Vasallen Teobaldo, der König Gustavo einst ein Kuckuckskind unterschob, und seinen Sohn Childerico, der sich bald als echter Prinz entpuppen soll.
Das Libretto für Händels Faramondo lieferte Apostelo Zeno, die musikalischen Vorlagen stammen von Francesco Gasparini. Bei waren Mitglieder der Accademia dell'Arcadia. Die Arkandier wollten die Ideal der Antike und die dramatischen Kriterien Aristoteles wiederbeleben und fordert die Kongruenz von Zeit, Ort und Handlung, um die Glaubwürdigkeit zu steigern.
Die Umsetzung
Mit dem Griff in die Geschichte wollte Händel wie auch im Oratorium Joshua Aussagen zur Zeit machen. In diesem Sinne ist die Göttinger Inszenierung eine konsequente Fortführung. Mal bestimmt der Plüsch des 19. Jahrhunderts das Bühnenbild und die Kostüme,  mal sind es die Krieger des 21. Jahrhunderts, die aufräumen. Immer gab es Kampf und Töten und immer hat ein Krieg, ob nun gerechtfertigt oder nicht, neues Unrecht geboren. Diese Aussage führen Regisseur Paul Curran und Bühnenbildner Gary McCann konsequent weiter. Adolfo und Clothilde mit Kabelbinder gefesselt, mit Säcken über den Kopf, da werden im dritten Akt die Assoziationen an die Misshandelten von Abu Ghuraib sehr deutlich.
Auch im Keller der IGS wird gekämpft. Foto: Säckl
Doch, doch, es ist eine traditionelle Oper im modernistischen Gewand. Die Protagonisten sind bekleidet, niemand läuft nackt durch die zerstörte Landschaft und wälzt sich in Schlamm und Blut, selbst auf Video-Einblendungen, die sich beim Thema Krieg als Mittel geradezu aufdrängen hatt Curran verzichtet.
Das Bühnenbild bleibt Bühnenbild und wird nicht zum heimlichen Stars wie beim letztjährigen "Siroe, Re di Persia". Auf den ersten und zweiten Blick mag es verwirren, dass der Palast des Gustavo ausschaut wie ein Salon des Neo-Klassizismus erinnern und die Kerkerräume den Charme eines abgegriffen IGS-Kellers verbreitet. Aber zu all diesen Zeiten und an all diesen Orten herrschte Krieg und damit ist die Forderung nach Kongruenz erfüllt. Krieg ist immer auch ein Spiel um Macht und Menschen und somit ist ein Spielcasino auch ein passender Ort für ein Geschacher um Leben.
Aber egal an welchem imaginären Ort und zu welcher imaginären Zeit, das Lichtdesign von Kevin Treacy verleiht der Bühne mit dem Spiel von strahlender Rampe, Halbschatten und Finsternis eine Tiefe, die man sich auch für andere Inszenierungen am Deutschen Theater wünscht.
Doch, doch, es ist eine traditionelle Oper im modernistischen Gewand. Da zu allen Zeiten Krieg herrschte, ist auch der Modemix dieser Inszenierung nur eine konsequente Fortführung des eingeschlagenen Wegs. Unter dieser Prämisse passen eben kleines Schwarzes, Pailletten, Zweireiher,Lack und Leder und Kampfdress zueinander.
Und eins hat in den Zeiten der Telenovela Bestand: Die Bösen sind nun einmal böse und die Guten gehen lieber freiwillig in den Tod, als gegen ihr Gewissen zu verstossen.
Die Protagonisten
Händels Faramondo ist reich an Arien. Die schaffen den Platz, um die Nöte der Handelnden auszubreiten und sie geben den Sängern die Möglichkeit Präsenz zu zeigen und zu glänzen. Die Solisten in dieser Aufführungen stehen die Solisten um so mehr im Rampenlicht, da dies häufig vor dem geschlossenen Vorhang geschieht. Somit kann sich das Publikum auf eine Figur fokussieren und diese im Dialog ausloten.
Anna Starushkevych überzeugt als

 Rosimonda vom ersten Ton an. Foto: Säckl
Emily Fons ist in der Titelrolle ohne Frage eine tragende Rolle dieser Inszenierung. Glaubwürdig vermittelt sie den kraftvollen Eroberer ebenso wie den Verliebten im Zweifel oder den Opferbereiten. Die Bühnenpräsenz der jungen Mezzosopranistin ist enorm und besonders das Solo in der siebzehnten Szene des ersten Akts gehört zu den Höhepunkten des Abends.
Ähnliches gilt für Anna Starushkevych in der Rolle der Rosimonda. Resolut in der fünften Szene des ersten Akts ist ebenso überzeugend wie von Zweifeln zerrissen in der zwölften Szene. In allen Fällen setzt sie die Töne passend. Das Duett Rosimonda und Faramondo im Wechselspiel mit Kate Clark an der Querflöte am Ende des zweiten Akts läßt niemanden im Publikum kalt.
Anna Devin muss sich in die Rolle als Clotilde erst hineinsingen. Zum Anfang überdreht sie ihre Arien und wirkt überambitioniert. Doch die Entwicklung an diesem Abend ist erstaunlich. Die Spurt hat spätestens in der achten Szene des  zweiten Akts gefunden und ihre Arie wird vom Publikum zu Recht mit Szenenapplaus belohnt. Mit Duett mit Adolfo hat sie dann ihren großen Moment.
Von den vielen Möglichkeiten,sich auszuzeichnen lässt Countertenor Maarten Engeltjes viele liegen. Vielleicht hat der die Rolle als Getriebenen zu sehr verinnerlicht. Aber dann kann er am Beginn des   dritten Akts sein Potential zeigen.
Ähnliches gilt für Christopher Lowrey. Anfangs agiert er gebremst und entfaltet sich erst im zweiten Akt. Doch mit Präsenz weiß er in der Rolle des Gernando bis dahin als ein Schwabe zu überzeugen, der mehr Zuhälter als König ist. Sein Unterwäschen-Fetischismus ist nicht der einzige Einfall mit Schmunzeleffekt an diesem Abend. Damit hat Lowrey sicherlich die Rolle mit der größten Charaktertiefe.
Laurnece Cummings verordnet seinem Festspielorchester an diesem Abend in angenehme Zurückhaltung. Faramondo lebt von seinen Sängern und nie besteht die Gefahr, dass diese im Schatten des Klangkörpers stehen. Da wirkt es fast wie eine Belohnung, dass Erwin Wieringa und Alexandre Zanetta mit ihren jubilierenden Hörnern zum Schlussakkord neben die Bühne treten dürfen und sich ein Wechselspiel wie am Ende des zweiten Akts entwickelt. Da überrascht es nicht, dass sich am Ende dann doch alle liebhaben.
Faramondo in der Inszenierung von Paul Curran und mit dem Bühnenbild von Gary McCann überzeugt mit einem klaren Konzept, dass darin besteht Händels Aussagen weiterzuführen und auszubauen. Wer auch hier bereit ist, das Feuer weiterzutragen statt die Asche zu behüten, der wird mit einer Oper belohnt, die mit starken Solisten und netten Einfällen zu überzeugen weiß.

Die nächsten Vorstellungen sind am 2., 3., 5., 8. und 10. Juni. Die Public Viewing "Faramondo für alle!" findet am 8. Juni in der Lokhalle statt.

Die Besprechung der CD bei "Rondo Magazin"

Das Festivalprogramm
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