Montag, 15. Juni 2015

Kunst statt Musik

Das David Orlowsky Trio im Kreuzgang

"Klezmer Kings" heißt das aktuelle Programm des David Orlowsky (DOT) und es soll ein Hommage an die Männer sein, die in der 1920-er Jahren in den USA den Klezmer wieder revitalisierten. Das DOT wollte nicht die alten Werke nachspielen, sondern das historische Material selbst revitalisieren.

Florian Dohrmann fand Freude am Spiel.
Alle Fotos: tok
Es fängt verheißungsvoll an. Der Bass von Florian Dohrmann wummert, dann setzt die näselnde Klarinette von David Orlowsky ein. Sie imitiert die Singstimme eines getragenen Liedes. Der typische Klezmer-Klang ist da und weil Tempo und Volumen sich ständig steigern, ist stellt sich die Vorfreude auf eine schwunghaften Abend ein.

Doch bereits nach 1 Minute 30 ist der Zauber verflogen. Abrupt bremsen Orlowsky und Dohrmann ab und nehmen eine andere Abfahrt. Die Musik gerät in ruhigere Gewässer, deutlich ruhiger und vor allem seichter.
In sich selbst versunken improvisiert David Orlowsky über das knappe Thema. Der Klezmer wird zum Jazz. Damit ist das Schema für den Rest des Abends vorgegeben. Die akustische Picknick-Decke ist ausgebreitet und bedeckt den Klezmer.

James Joyce schuf einst den Stream of Consciousness, Andreas Vollenweider gab den Stream of Beschallung dazu und das DOT machte den Stream of Self-Reflection daraus. Ein Stück geht in das andere über, die Grenzen sind fließend, auch zwischen den Genres. Denn es ist jede Menge Pat-Metheny-Jazz-Attitüde in der Mixtur des Theaters. Am deutlichsten wird dies bei der Hommage an Dave Tarras. Dessen Gypsy, Sam's Freilach und Yemenite Dance gehen nathlos ineinander über, Anfang und Ende verschwinden, der Dialog Bass-Klarinette scheint endlos.

Die Konturen verschwinden und die Stücke werden auswechselbar. Vollenweider lässt grüßen. Gelegentlich darf sich Jens-Uwe Popp an der Gitarre zu Wort melden und einen Schuss spanische Klassik hinzugeben und einen Kontrapunkt setzen.

David Orlowsky ist in die Musik versunken. 
Klezmer war die Musik der aschkenasischen Juden, eine Volksmusik, in der Osteuropa und Orient verschmolzen. Schnell, laut und schrill. Hochzeitsfeiern waren der bevorzugte Auftrittsort für die Klezmorim. Ihre Musik war Tanzmusik, war ein Freudenfest, ein Hommage an das Leben, eben schnell, laut und schrill wie das Leben selbst. Der Fachmann unterscheidet 8 Liedformen, die alle mit Tänzen verbunden war.

Von diesem Erbe ist beim DOT wenig geblieben, selbst, wenn sie einen Tanz spielen. Die Klarinette übernimmt die Melodieführung, das bleibt als Regress auf die Vergangenheit. Doch die Lebensfreude schaut nur selten um die Ecke. Es sind eher drei Musiker, die auf höchsten Niveau über Klezmer-inspirierte Themen improvisieren. Statt Lebensfreude geht es hier um Innerlichkeit. Aber die Fortführung der Tradition ist auch nicht der Anspruch von David Orlowsky und seinen Mitmusikern. Es geht um Weiterentwicklung und Verschmelzung und viele Rückgriffe auf den Jazz. Sie machen keinen Klezmer, sondern Chamber.World.Music. Weltmusik in der Kammerversion.

Was dabei herauskommt ist die Akademisierung einer Volksmusik, die deutlich an Würze, an Schärfe und an Ironie verliert. Sinnbildlich ist hier "Kum aher Du Filozof" von Vevl Zbrazher. Die laute Festmusik ist im stillen Kämmerlein gelandet und der Philosophie nur ein Nachdenker, der die Welt bestimmt nicht verändern wird. Schade nur, dass Yablokoffs "Papirosn" genau so todtraurig kland.

Das kann man mögen, man muss es aber nicht. Der Purist ärgert sich über die Irreführung, das Publikum ist begeistert.



Die DOT-Homepage
DOT bei wikipedia

Die Kreuzgangkonzerte