Mittwoch, 14. Oktober 2015

Was für ein Mensch

Günter Maria Halmer liest Kishon und Roth

Satire kann zeitlos sein. Gute Satire ist zeitlos. Das bewies Günther Maria Halmer bei seiner Lesung im Kloster Walkenried. Es war so menschlich, da war die Zugabe schon vorprogrammiert.
Auf dem Programm standen Texte von Ephraim Kishon und Eugen Roth. Begleitet wurde der Vorleser von Jörg Fuhrländer am Akkordeon.

Der macht auch den Auftakt. Er improvisiert über ein Thema, das deutlich nach Klezmer klingt. Dabei versinkt Fuhrländer in die Musik und fast in sein Instrument. Halmer stellt den Musiker später als  seinen Partner vor.

Jörg Fuhrländer ist auch ein guter
Zuhörer. Alle Fotos: tok
Es ist eine kongeniale Partnerschaft. Hier der extrovertierte Münchner, dort der stille Siegerländer, das ergibt eine abwechslungsreiche, eine kontrastreiche Paarung. Zwischen den Lesungen gibt Fuhrländer dem Publikum immer genug Zeit und Raum zum Verdauen und Vorbereiten. Das Repertoire umfasst Tango, Chanson und Tango-Motive. Nichts, was sich aufdrängt und von eigentlichen Ziel des Abends ablenken könnte.

Das lautet nun einmal Vorlesen und Zuhören. Der erste Teil des Abends besteht aus drei Texten von Ephraim Kishon. Damit ist klar, dass es um Alltagsbeobachtungen, menschliches Verhalten im Allgemeinen und Menschen in überspitzten Situationen geht, also um echte Typen und irgendwie um jeden von uns.

Halmer liest zwei Stücke aus Kishons Hundezyklus. "Pedigree" dreht sich  um die Anschaffung eines HJundes für die Familie Kishon. Dabei zerlegt er die Ansprüche, Vorwände und Wirklichkeit in ihre Einzelteile. Die beste Ehefarau von allen schiebt die Kinder vor, um ihren Wunsch nach einem Vierbeiner zu rechtfertigen. Die falsche Bescheidenheit entpuppt sich als Ehrgeiz zum lupenreinen Stammbaum des Vierbeiners und der Ich-Erzähler kann die Erwartungen seiner Familie nur mit Halbwahrheiten ausbremsen. Ein Familienleben wie im richtigen Leben also, weil sich jeder wiedererkennt, hat Halmer auch gleich die Lacher auf seiner Seite.

Aber es scheint, als müsse sich der Profi erst einmal an das ungewöhnliche Umfeld herantasten. Die Stimme sitzt nicht in allen Passagen und klingt noch sperrig. Der Vorleser liest nur vor.

Bei Halmer klingt auch der Schüttel-
reim rund.
Doch dies ändert sich schon mit der zweiten Geschichten. "Die Dressur" erzählt, wie es in der Familie Kishon weitergeht nach der Anschaffung der Hündin. Mit ''Papi als Schwimmlehrer" ist halmer mittendrin in seinem Element. Die Vorlesung wird jetzt zur szenischen Lesung. Die Stimme hat Schwung und Dynamik, mal laut, mal leise, mal flehend, mal drohend. Das Kino im Kopf im Kopf geht an. Halmer liest nicht Kishon, Halmer spielt Kishon mit begrenzter Ausstattung, aber treffend.

So muss es sein, wenn Väter versuchen, ihrem verzagten Nachwuchs das Schwimmen beizubringen. Es endet in der Katastrophe und das schon seit Generationen. Aus diesen Katastrophe kommen wir alle mit einem Schmunzeln heraus.

Den zweiten Teil des Abend bestreitet das Duo mit Texten von Eugen Roth aus seinem "Ein Mensch"-Zyklus. Dies sind Lebensweisheiten und Anekdoten im Schüttelreim-Rhythmus. Die Mensch-Geschichten sind wohl einst für's Selbstlesen und Nachdenken konzipiert wurden. Deshalb klingt es anfangs hölzern und sperrig. Doch Halmer findet sich bald in den Werken zurecht und das Publikum folgt ihm in die zeitlosen Geschichten von Roth, die wie Kishon allzu menschliches zum Thema haben. Schließlich geht es um Weisheiten und Verhaltensweisen, die die Jahrzehnte überdauert haben, weil sie wohl ins Genom geschrieben sind. Deswegen enthält sich Halmer der Häme und der Überheblichkeit. Der Schüttelreim klingt weich und die Geschichten über enttäuschte Liebhaber und andere Mitmenschen zeigen eins: Mitgefühl.

So bleibt am Ende die Gewissheit, dass dort auf der Bühne zwei Menschen stehen, die ihre Mitmenschen verstehen.        


Günther Mari Halmer bei wikipedia
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