Samstag, 20. Februar 2016

Entspannt in den Untergang

Matthias Kaschig inszeniert einen großartigen Romulus am Deutschen Theater

Der Zeitpunkt hätte nicht besser sein können. Mitten in der Dauerkrise der europäischen Politik bringt Matthias Kaschig “Romulus der Große” auf die Bühne des Deutschen Theaters in Göttingen. Seine Inszenierung zeigt auf erfrischende Weise die gesamte Tiefe in Dürrenmatts Groteske um den letzten Kaiser Roms. Es gab viel zu lachen und das Publikum zeigte sich bei der Premiere am Samstag begeistert.

Das Absurde Theater war das Metier von Friedrich Dürrenmatt. Mit den Mitteln der Überspitzung, der Übertreibung und des Unmöglichen sezierte er seine Zeitgenossen und legte den Finger in die Wunde. Genau dies macht die Aufführung des Frühwerks “Romulus der Große” deutlich. Kaschig zeigt zum Schluss mit mehr als einem Augenzwinkern Eitelkeiten  und Enttäuschungen bei dem Streben nach Geschichtsträchtigkeit.

Spurius Titus Mamma hat schlechte Nachrichten.
Allo Fotos: Thomas M. Jauk
Die Aufführung beginnt mit einem Knalleffekt. Reiterpräfekt Spurius Titus Mamma (Gabriel von Berlepsch) stürmt auf die Bühne. Er hat schlechte Nachrichten für den Kaiser. Die Germanen haben Pavia erobert und marschieren nun auf Rom vor. Spurius Titus ist auf Hüfthöhe von einem Speer durchbohrt. Die sperrige Requisite wird noch für manchen Scherz sorgen an diesem Abend. Klamauk ist im Absurden Theater erlaubt, damit bleibt das Ensemble der Vorlage treu. Nur mit einem Lendenschurz bekleidet, weckt die Figur des Spurius Titus Assoziationen mit einem Gekreuzigten.

Der Landsitz des Kaisers ist alles andere als herrschaftlich. Das Bühnenbild von Michael Böhler zeigt das eingestürzte Dach eines großen Hühnerstalls. Im Leben des Kaisers dreht sich alles um das Federvieh und sein Hofstaat entpuppt sich als Hühnerhof. Inneminister Tullius Rotundus (Andreas
 Jeßing) ist ständig überfordert, Verteidigungsminister Mares permanent beleidigt. Die schiefe Ebene des Dachs macht klar: Hier geht es nur noch abwärts. Die römische Gesellschaft kommt hier ins Rutschen und in Stolpern. Slapstick ist gewollt und eine atemlose Darstellung vorprogrammiert. Die Reduzierung auf die drei Farben schwarz, weiß und stroh macht die Trostlosigkeit der Situation deutlich.

Noch glaubt der Hofstaat an die Rettung.
Alle Fotos: Thomas M. Jauk 
Der Kaiser kennt die Lage seines Landes sehr gut, aber er handelt nicht. Doch Vorsicht vor voreiligen Schlüssen und Parallelen zur Gegenwart. Romulus fehlt nicht das Konzept zum Handel, sein Nichtstun hat moralische Gründe. Wegen der hohen Blutschuld des Römischen Reiches lässt er das Imperium mit Absicht in den Ruin treiben.

Die Restbestände der römischen Geschichte verscherbelt Romulus in Form von Büsten an den Antiquitätenhändler Apollyon. So kommt wenigstens Geld für das Hühnerfutter ins Haus. Doch Romulus will nicht begreifen, dass er mit diesem Vorhaben die Biografien seiner Mitmenschen mit in den Abgrund gleiten lässt. Der Dialog mit dem Schwiegersohn-Anwärter Ämillian (Lutz Gebhardt), der für sein Vaterland unglaubliche Leiden auf sich nahm, gehört zu den bittersten Momenten.

Gerd Zinck in der Titelrolle ist das Zentralgestirn dieser Inszenierung. Er schafft es, die vordergründige Sympathie für den moralisierenden Potentaten in Skepsis kippen zu lassen. Aus dem dauerfrühstückenden Tunichgut wird im Laufe des Stücks ein selbst ernannter Richter über das Schicksal seiner Liebsten. Zinck gibt der moralischen Überheblichkeit und der Selbstgerechtigkeit ein süffisantes Gesicht und ein ruhige Stimme. Der Toga-Träger weiß, dass die Zukunft der Hose gehört und die Germanen tragen nun mal diese Beinkleider.

Der Kaiser interessiert sich nur für die
Hühnerzucht.
Dennoch ist er nicht bereit, das Rettungsngebot des Hosenfabrikanten Caesar Rupf anzunehmen. Für die Hand der Kaisertochter will er die anrückenden Barbaren mit Geld zum Umkehren überreden.  Ronny Thalmeyer schafft es, diese Figur mit der richtige Mischung an Unterwürfigkeit und Ernsthaftigkeit vor dem Abgleiten ins Lächerliche zu bewahren

Als Romulus zu spät begreift, dass sein Nichthandeln eben auch Verderben für seine Liebsten bedeutet, findet er schnell in die Spur zurück. Der Gleichmut, in den Zinck mit sparsamer Mimik und Gestik auf die Bühne bringt, übersteigert alles Realistische. Aber gut, Romulus ist eben Absurdes Theater. Manchmal ist dieser Romulus ein begriffsstutziger Kaiser. Dann kann nur den Kopf schütteln und sich gleichzeitig freuen, dass Zinck diese Figur bis in diese Tiefen auslotet.

Damit greift die Inszenierung das Thema “Der Einzelne und das Kollektiv” auf. Während der Hofstaat die Nation retten will, gilt für Romulus nur das Primat des Individuums. Er kann nicht erkennen, dass es kein Gegensatzpaare sind, sondern Individuum und Staat einander bedingen. Romulus will nicht begreifen, dass sein Nichtstun alle Ideale und Taten seiner Liebsten entwertet. Dieses tragische Dilemma vermittelt Gerd Zinck auf ganz undramatische und charmante Weise. Letztlich scheitert Romulus. Die germanischen Eroberer verweigern ihm den Märtyrertod und schicken den abgehalfterten Kaiser einfach in die Pension.

Odoakar (rechts) schmeckt der Spargelwein nicht

so recht.  Foto: Thomas M. Jauk
 
Mit dem Auftritt des Odoaker bekommt die Inszenierung einen zweiten Pol. Bardo Böhlefeld in der Rolle des  siegreichen Germanenfürsten kontrastiert die Schlitzäugigkeit Zincks mit Souveränität und Gradlinigkeit. Die Überlegenheit des Siegers ist nicht nur durch das Tragen der praktischen Hosen begründet. Er ist zudem gut informiert und hat einen Plan B in der Hosentasche. Böhlefeld tragt fast schon eine Heldenbrust zu Markte. Dennoch wird auch er scheitern.

Man bekommt richtig Mitleid, mit den Anti-Helden, als diese merken, dass sie sich völlig falsche Vorstellungen vom Gegenüber gemacht hatten. Bei alle Gemeinsamkeiten, Hühnerzüchter und Getriebener des Weltgeschichte, entscheidet doch das Trennende. So wird Odoaker zum Sieger wider Willen. Romulus wird der moralische Triumph verwehrt, er geht einfach in Pension. Die tragischen Momente sind das Schönste an dieser Groteske.

Chamberlains Appeasement-Politik mag die historische Grundlage für “Romulus der Große” gewesen sein. Vergleiche zur aktuellen politischen Situationen in Europa müssen hinken. In Dürrenmatts Frühwerk geht es um ewig gültige Fallstricke. Was soll man machen, wenn die Entscheidung des einzelnen Mächtigen absehbar in den Abgrund führen.

Kaschig stellt noch einige andere Fragen. Beantworten darf sie das Publikum selbst. Es darf sich aber auch einfach an Wortgefechten, Klamauk und absurden Szenerien freuen. Damit gehört “Romulus der Große” zu  den Höhepunkten der aktuellen Theatersaison.

Der Spielpan am Deutschen Theater
Das Stück

Friedrich Dürrenmatt bei wikipedia