Sonntag, 24. April 2016

Bilder des Unbegreiflichen

Junges Theater bringt die Katastrophe von Tschernobyl auf die Bühne

Der 26. April 1986 hat die Welt verändert. Damals explodierte der Atomreaktor im ukrainischen Tschernobyl. Der erste GAU tötet abertausende Menschen. Er beendete die Biographien von weitaus mehr Menschen, indem er ein riesiges Gebiet radioaktiv verseuchte, und er tötet noch heute. Mit "Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft" hat das Junge Theater Göttingen die Katastrophe auf die Bühne gebracht. Bei der Premiere am Freitag gab es donnernden Applaus.

Ein karge Bühne, im Hintergrund eine weiße Wand, davor ein Streifen mit Erde. Zwei Darsteller sitzen an der Rampe und blicken in den Zuschauerraum, im Hintergrund schleppen drei Darsteller Hausrat an der weißen Wand vorbei. Aus dem Off erzählen mehrere Stimmen zugleich von ihrem Leben vor der Katastrophe. Das erwartet das Publikum beim Betreten des Saals.

Pflanzen als Zeichen der Hoffnung.
Alle Fotos: Dorothea Heise/JT
Dann beginnt das Stück, die Darsteller verlassen die Bühne. Aus dem Off ist jetzt nur noch ein Knacken zu hören. Es wird wohl ein Geigerzähler sein. Schließlich sind wir jetzt auf verstrahltem Gebiet. Dann setzen die Erzählungen ein. Die Opfer der Katastrophe berichten, wie es ist, am Rande der Legalität in der verbotenen Zone zu leben.  Sie erzählen von der Evakuierung, vom Verschwinden der Nachbarn, vom Verbot die Früchte aus dem eigenen Garten zu essen.

Immer wieder tauchten ein oder zwei Schauspieler auf, wortlos. Sie verzichten auf Sprache, weil , das, was hier verhandelt wird kaum in Worte zu fassen ist. Der GAU hat auch die Dimensionen der Sprache gesprengt. Besonders eindrücklich ist die Szene, als Katharina Brehl das Milch trinken simuliert und doch keinen Schluck hinunter bekommt, was verschütt geht, weil auch Milch nicht gegen die Radioaktivität hilft.

Stattdessen unterstreichen sie Worte aus dem Off mit Taten oder Nichttaten, mit werkel oder mit einfach nur hocken, starren und rauchen. Ihr Handeln ist ein kalte, karge und hoffnungslose Symbolik, die für den Verlust der Zukunft steht. Einen Namen hat keiner, das Unglück macht keine Unterschiede.

Die Gespräche, die Swetlana Alexijewitsch mit den Opfern und Hinterbliebenen führte und protokollierte und die 2006 unter dem Titel "Tschernobyl. Ein Chronik der Zukunft" in deutscher Spracher veröffentlicht worden, sind die Grundlage dieser Inszenierung. Mit diesem eindrucksvollen Konzept hat Peer Ripberger die Worte sichtbar gemacht. So hilft er dem Publikum beim Verstehen dessen, was nicht zu begreifen ist.

Auch Milch trinken hilft nicht gegen die Radio-
aktivität. Foto: D. Heise
Dann kommt ein Schnitt. Ein Darsteller tritt nach vorne und stellt Fragen, Fragen, fragen, bohrende Fragen. Fragen, die auch nach 30 Jahren noch nicht beantwortet sind, Fragen, die meist rhetorischer Natur sind. Jeder darf einmal im Laufe des Abends.

Nun beginnt der nächste Block. Jetzt erzählen die Soldaten, die den Sarkophag um den havarierten Reaktor bauten von ihren vermeintlichen Heldentaten, vom Sterben der Kameraden, vom Sterben der eigenen Kinder, vom Schweigen der Staatsführung. 800.000 Soldaten waren am Unglücksreaktor im Einsatz. Später wird noch die Frau eines Feuerwehrmannes vom qualvollen Strahlentod ihres Mannes erzählen, vom Ende der Zukunft, von der Tochter, die schwerkrank zur Welt kam erzählen.

Dann tritt wieder ein Darsteller an die Rampe und stellt Fragen, Fragen, bohrende Fragen. Es sind auch unbequeme Fragen dabei, Fragen nach unserer Selbstgerechtigkeit, Fragen nach unseren Ersatzhandlungen, nach der Beruhigung des eigenen Gewissens. Jubeln wir die Energiewende hoch, um bloß nicht über unseren Energiehunger nachdenken zu müssen?

Auch wenn Ripbergers Konzept eindrucksvoll ist, so unterliegt es auch der Gefahr der vorzeitigen Ermüdung. Die verordnete Reduzierung der schauspielerischen Mittel trägt nicht den ganzen Abend. Wenn zum fünften Mal ein Darsteller nach vorne tritt, um sich mit rhetorischen Fragen an das Publikum wendet und nicht wirklich auf Antworten wartet, dann ist die Grenze zwischen Theater und Belehrung längst überschritten. Arbeiten hier die Zuspätgekommenen die eigene Tatenlosigkeit ab? Damit läuft "Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft"  Gefahr, das zu werden, was Peter Christoph Scholz in seinem Monolog seiner eigenen Generation vorwirft: Ersatzhandlung für mangelndes Engagement? Theaterbesuch zur Beruhigung des eigenen schlechten Gewissens?

Der verseuchte Boden muss weg. Foto: D. Heise/JT 
Natürlich darf auch das Politiker-Bashing nicht fehlen. Karsten Zinser schimpft wie ein Rohrspatz auf diese "Flachzangen". Das ist billig und einfach und nimmt leider die Fragen nach der eigenen Verantwortlichkeit teilweise zurück. Schade. Im Umkehrschluss muss die Frage erlaubt sein, wie hoch der politische Anteil am Premierenjubel war und wie hoch der schauspielerische Anteil.

Weil eben alles zwanghaft auserzählt werden muss, verpasst die Inszenierung zweimal die Möglichkeit eindrucksvoll zu enden. Mehr als ein Stunde lang ist die Erde auf der Bühne das Symbol auf die verlorene Heimat, für den Verlust der Natur. Obwohl verstrahlt setzen die Menschen kleine Pflanzen in diesen Boden. Doch alles Hoffen hilft nicht. Die Erde muss weg, alle fassen mit an und verfrachten den Boden in Schubkarren, Kübel, Eimer und Plastiksäcke. Dann stellen sie diese Schatz an den Bühnenrand. Deutlicher kann man sich werden und leider wirkt alles, was dann kommt, wie angehängt.

Dennoch bleibt "Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft" eine mitreißende Inszenierung, die dem Publikum hilft, das Unbegreifliche zu erfassen. Es ist Dokumentationstheater mit einer beeindruckenden und tiefen Symbolik. Die karge Ausstattung wirft das Publikum immer wieder auf den Kern der Tragödie vom 26. April 1986 zurück. Es ist Kopf-Theater im besten Sinne und es zwingt jeden dazu, Position zu beziehen.


Der Spielplan am Jungen Theater
Das Stück