Sonntag, 15. Mai 2016

Ein eiliger Messias

Das Wroclaw Baroque Orchestra spielt Händels Überwerk

Wer den "Messias" spielt, der begibt sich auf ganz dünnes Eis. Es ist Händels meistgespielteste Werk und jeder im Publikum bringt so seine eigen Version mit ins Konzert.  Mit seiner Version konnten das Wroclaw Baroque Orchestra und Leiter Jaroslwa Thiel bei den Händel-Festspielen in Göttingen letztendlich überzeugen. Sie zeigen einen heiteren aber auch eiligen Messias.

Der Anfang ist wenig überraschend. Das Wroclaw Baroque Orchestra startet getragen und gemessen in das Oratorium. Doch nach wenigen Takten ändert sich alles. Thiel steigert das Tempo, die Musik hüpft geradezu. Es ist die Vorfreude auf den Heiland, der dort aus dem Text des Alten Testaments springt. Diese Tonlage dominiert den ganzen Abend in der Stadthalle Göttingen und es ist eine deutliche Stellungnahme.

Diese Herren warten auf den Messias.
Alle Fotos: tok
Weder Händel noch der Librettist Charles Jennens haben das Werk je als Kirchenmusik gesehen, trotz des heiligen Themas. "Spiritual entertainment", geistliche Unterhaltung sollte es werden und genau diese Intention setzen Jaroslaw Thiel und das Wroclaw Baroque Orchestra an diesem Abend um, nicht mehr und nicht weniger. Das mag manchen Pietisten im Publikum nicht passen, ist aber in ganz im Sinne des Komponisten. Nicht umsonst darf der Chor des Nationalen Musikforum (NFM Choir) immer wieder "wonderful, wonderful" jubilieren. Da werden in der Pifa wunderschön die folkloristischen Elemente verarbeitet, bevor Mhairi n Lawson im Sopran von den Hirten singt,  Genau in dieser Leichtigkeit liegt auch der Grund für die überragende Bedeutung des Werkes.

Das Wroclaw Baroque Orchestra nimmt jeder Volte und jede Arabeske mit, die der Komponist ihnen mit auf den Weg zum Finale mitgegeben hat. Leichtigkeit und Freude am Glauben in der Hoffnung auf die Erlösung von der Erbsünde, das sind wohl die religiösen Hintergedanken in diesem Oratorium. Ob man dies in dem Tempo machen, dass Thiel und sein Ensemble hier vorlegen, das steht auf einem anderem Blatt. Auf jeden Fall bewältigen sie den ersten Akt in Rekordzeit. Da ist keine Zeit für selbstverliebte Versunkenheit im Tal der Tränen.

Warum das so sein muss, diese Erleuchtung kommt am Ende des zweiten Akts. Alles arbeitet hin auf diesen berühmten "Hallelujah, Hallelujah"-Chor. Hier liegt die finale Bedeutung, es ist immerhin der Sieg Gottes, der sich hier musikalische Bahn bricht.

Gutes Spiel will gut vorbereitet sein.
Diese Konzept halten Jaroslaw Thiel und sein Ensemble auch im dritten Akt. Somit wird auch der Schlusschor, der von Ehre und Glanz Gottes kündet, zum musikalischen Amen.

Diese Interpretation kann nur deswegen aufgehen, weil der NFM Choir ist ebenbürtiger und eingespielter Partner ist. Das Zusammenspiel zwischen Orchester und Gesangsensemble funktioniert präzise und auf höchsten Niveau. Im "Messias" bietet Händel einen guten Chor viele Möglichkeiten, sich auszuzeichnen. Der NFM Choir nutzt sie alle und ist damit eine Säule einer gelungenen Interpretation.

Eine weitere ist Hilary Summers. Ihr Alt verfügt über eine erstaunliche Bandbreite. Sie kann ihre Stimme mal dunkel und bedeutungsschwanger, mal hell und jubilierend anlegen. Genau das erfordert das Liedmaterial auch von ihr und diesen stimmlichen Reichtum weiß Hilary Summers gerade in der ersten Arie des zweiten Aktes eindrucksvoll einzusetzen. Mal klingst sie drohend und drängend und gleich wieder hell und freudig, beeindruckend.

Alle legen sich mächtig rein.
Alle Fotos: tok 
Seinen sehr guten Eindruck aus "Susanna", dem anderen Oratoirum dieser Spielzeit, bestätigt Colin Balzer. Sollte es die Schublad "lyrischer Tenor" geben, fällt er bestimmt in diese Kateogorie. Dabei ist sein Vortrag an diesem Abend angenehm unpathetisch.  Auf die großen Gesten verzichtet er.

Benjamin Bevan braucht den ganzen ersten Akt, um sich warm zu singen. Erst im zweiten Akt löst sich der Bass aus der selbstverordneten Starrheit, um dann im dritten ein sehr überzeugendes Wechselspiel mit der Solotrompete darzubieten.

Geistliche Unterhaltung wollten Händel und Jennens mit dem Messias bieten. Freude am Glaube, fernab des miesepetrigen Pietismus. Mit dieser Interpretation haben Thiel, das Wroclaw Baroque Orchestra, der NFM Choir und die Solisten genau das geliefert.



Die Händel-Festspiele Göttingen

Das Wroclaw Baroque Orchestra
Der NFM Choir