Sonntag, 26. Juni 2016

Gelungene Koopertaion

Die Carmina Burana bei den Festspielen in Sondershausen

Auch Markus Frank wird in diesem Sommer das Theater Nordhausen verlassen. Zum Abschied zauberte der Generalmusikdirektor mit dem Loh-Orchester eine monumentale Aufführung mit mehr als 150 Akteuren auf die Bühne der Schlossfestspiele in Sondershausen: Die Carmina Burana von Carl Orff. Das Publikum auf der ausverkauften Tribüne war begeistert.

Carmina Burana? Ach ja, jeder, der in den 1990er Jahren mal Fernsehwerbung oder Boxen gesehen hat, kennt zumindest Teile dieses Werkes. 1934 war Carl Orff auf eine Sammlung von mittelalterlichen Gedicht aus dem Kloster Bendiktbeuren gestossen. Der Bibliothekar Johann Schneller hat dieser Sammlung einst den Titel “Carmina Burana”, Lieder aus Beuren, gegeben.


Frauen links, Kinder mittig und Männer rechts, so
einfach ist die Konzertarchitektur.
 Alle Fotos: tok
Orff war von dem Material so begeistertet, dass die Gedichte innerhalb kürzester Zeit vertonte. Er meinte sogar, dass mit diesem Werk eine neue Zeitrechnung in seiner Biografie beginnt. In aller Bescheidenheit meinte der Komponist, dass seine “Carmina Burana” sogar die Dimensionen der traditionellen Kantaten sprengt.

Um dieses Stück bei den Schlossfestspielen aufführen zu können, bedurfte es vieler Akteure. Neben dem Loh-Orchester und den Solisten Tijana Grujic, Ricardo Frenzel Baudisch und Yonnthek Rhim stehen der Opernchor und die Kantorei aus Nordhausen auf der Bühne. Auch der Mittelstufechor des Humboldt-Gymnasiums ist an der Aufführung beteiligt.

Es ist erstaunlich, wie gut das Zusammenspiel zwischen den Profis und den Amateueren klappt. Eine Abfall in den gesangichen Leistungen kann man nicht feststellen. Hier hat Markus Popp bei der Einstudierung ganze Arbeit geleistet. Zudem wurden die Chöre auf der Bühne gemischt. Die Damen stehen links, die Herren links, in der Mitte die Kinder. Dies erleichtert das dialogische Singen in vielen Sätzen.

Ricardo Frenzel Baudisch macht
den sterbenden Schwan
Auch das Zusammenwirken zwischen den Sängern und dem Orchester klappt wunderbar. Die Instrumente sind kräftig, aber nie dominant und sie beachten das Primat des Gesangs. Markus Frank zaubert einen Klang, alle Bereiche zwischen leise und brüllend beherrscht, aber dennoch transparent bleibt.  Das Loh-Orchester zeigt sich als Einheit, die die Dynamik in diesem Werk umsetzen kann.

Die Carmina Burana ist kein Werk für Musikhistoriker, sondern eine komplette Neuschöpfung. Orff hat den Texten eine Musik beiseite gestellt, die vor allem Stimmungen produzieren soll. Von den etwa 250 Gedichten hat er 24 vertont und dazu die Ode an Glückgöttin Fortuna als Rahmen geschaffen.

Genau diese wummernde und bombastische Ode, die einst omnipräsent im Werbefernsehen und bei der Sportberichterstattung war, eröffnet und beendet auch die Aufführungen in Sondershausen. Somit ist das Gänsehautgefühl beim Publikum von Anfang an dabei. Dazwischen liegen 24 Lieder mit sehr unterschiedlichen Charakter. Die Texte sind alles mögliche nur nicht klösterlich. Es geht um Naturerlebnisse, götter und vor allem um die Liebe und um Sex. Wären sie nicht in Latein oder Mittelhochdeutsch, so bekämen manch Sänger angesichts der Anzüglichkeiten einen roten Kopf.

Grujic, Frenzel Baudisch und Rhim fügen sich nahtlos in den Wechsel von Chor und Solo ein. Tenor Frenzel Baudisch hat seine Sternstunde beim Klagelied des toten Schwans. Er macht den Schmerz eines Tieres auf dem Grill körperlich erfahrbar.

Zum Schluss gab es viel Applaus für den Ex-Chef.
Tijana Grujic gehörte zu den großen Entdeckungen der letzjährigen Festspieloper. In der “Carmina Burana” kann die Sopranistin gleich dreimal Akzente setzen. Das Duett mit  Yonnthek Rhim in “Lieblich ist die Zeit” zeigt einen wunderbaren Wechsel von brachialer Lust und stiller Verzweiflung.

Das Lob an Fortuna schließt den Kreis und das Publikum übt sich stilecht in der Disziplin “Wildes Getrampel”. Nach acht Jahren an Theater Nordhausen verabschiedet sich Markus Frank mit einer Inszenierung, die die Maßstäbe verrückt.


Spielplan der Schlossfestspiele

Das Werk in der Eigenbeschreibung
Das Werk bei wikipedia