Montag, 6. August 2018

Ein Konzert, das nie enden dürfte

PKOW und Liv Migdal spielen in Benneckenstein die 8 Jahreszeiten

Persönliche Erklärung:

Da fährt man in die Berge, um eines seiner Lieblingsstücke zu hören und dann kommt man zurück und hat ein ganz anderes neues Lieblingsstück. Herrlich.

Vorspann:

Gegensätze und Gemeinsamkeiten, Referenz und Differenz in einem Konzert. Das war die 8 Jahreszeiten des Philharmonischen Kammerorchester Wernigerode und Stargast Liv Migdal beim Theaternaturfestival. Das Konzert auf der Waldbühne in Benneckenstein war eins von denen, die nie enden dürften oder zumindest doppelt so lang sein müssten.


Kleine Besetzung in ungewohnter Sitzordnung.
Alle Fotos: Kügler
Vivaldis Zyklus "Vier Jahreszeiten" gehört zum kollektiven Gedächtnis der Menschheit. Es soll keine Werk geben, das so oft eingespielt wurde, wie das Werk des Venezianers. Mit den Mittel der Barockmusik ist es ein ganzjährige Klimabeschreibung und dies macht es so eingängig, das das Publikum regelmäßig wetterfühlig wird.  Mit einer zyklischen Themenentwicklung ist das Paradebeispiel für die Tonsetzerei des  18. Jahrhunderts.

Also, was könnte man dem noch hinzufügen, was noch nicht gespielt wurde? Das Streicherensemble des Philharmonischen Kammerorchester schafft es dennoch. 18 Streicher und ein Cembalo: Sein Vivaldi ist schon in der Besetzung reduziert.

Wo die meisten Einspielungen auf Überwältigung bauen, setzen die Nordharzer auf Zurückhaltung. Der Auftakt im tutti klingt ungewohnt disharmonisch und ist wohl nicht als ein Verweis aus das zweite Stück des Abend. Dann übernimmt Alexey Naumenko als Solist und führt einen feinen Bogen.

Ein zarter, ein fast lyrischer Vivaldi entwickelt sich hier jetzt. Das hat wenig mit barocker Pracht zu tun, sondern erinnert schon an die Innerlichkeit romantischer Werke. Ob nun im Solo oder im tutti, alle Musiker scheinen die Töne zu streicheln, zu liebkosen und zu wiegen.

Trotzdem gibt es einen Rückgriff auf die barocke Praxis. Kein Dirigent versperrt in diesem Teil den Blick auf das Orchester. Naumenko agiert nur als Primus inter Pares, später kommen auch andere zu solistischen Ehren.

Im Allegro des ersten Satzes entwickeln der Solist, Krzysztof Baranowski und Nicolae Bogdan Ionita einen Dialog über drei Banden. Mit leichter Hand werfen sie sich das allgegenärtige Thema zu, entwickeln es weiter und geben es dann zurück an das Orchester. In solchen Momenten scheint die Zeit still zu stehen.

Naumenko kann auch anders. Die berühmte Gewitterpassage im zweiten Satz spielt er im stürmischen Tempo, dass dem Ensemble und dem Publikum die Noten nur so um die Ohren fliegen. Schwupp ist das Gewitter vorbei und wie in Natura verläuft alles zwei Gänge langsamer und leiser. Der Solist verzögert sein Spiel so sehr, dass das Raum-Zeit-Kontinuum fast gefährdet ist. Seine Synkopen erreichen die Länge eines Gitarrensolos von Peter Frampton. Fernab der Welt kann man sich in diesen See von Tönen versenken.

Im dritten Satz darf das Cembalo aus dem langen Schatten der Streicher treten.  Filigran, leicht und leise bleibt auch hier das Motto. Auch Hartmut Ruß am Cello tritt nun ins Licht. Das Cembalo übergibt an den Cellisten und der entwickelt eine einen Dialog mit der Solo-Violine.

Der Winter friert alles ein. Im vierten Satz ist die Experimentierfreude beendet. Das PKOW kehrt in die Fahrrinne der üblichen Rezeption zurück.

Piazolla ist das schwere Schicksal allumfassender Popularität erspart geblieben. Seine "Jahreszeiten in Buenos Aires" ist mit dem Makel "Expertenwissen" behaftet. Trotzdem drängen sich gleich zwei Fragen auf: Piazzolla ohne Bandoneon und Tango nur mit Streicher, kann das gut gehen?

Zumindest an diesem Abend auf der Waldbühne in Benneckenstein macht es das. Diese liegt natürlich am Stargast. Liv Migdal gehört zu den aufstrebenden Sternen am Himmel voller Geigen Trotz ihrer Jugendlichkeit hat Migdal schon eine Reihe von nationalen und internationalen Ehrungen erfahren. Zierlich an Gestalt beherrscht sie die Bühne schon vom ersten Augenblick an.

Aber erst einmal ist das Orchester am Zug. Hunderte von Hummeln lässt es durch den argentinischen Frühling summen. Fast meint man, ihnen beim Sprung von Blüte zu Blüte zusehen zu können. Dann erst setzt Migdal ein mit einem Streich über das volle Brett ein. Dann fügt ich die Solistin in das Treiben des Orchester ein.

Liv Migdal verzaubert das Publikum.
Alle Fotos: tok
Hier wird die Klasse der 30-Jährigen sofort deutlich. Piazzzolla hat es seinen Epigongen nicht einfach gemacht. Dieses Werk ist voll mit lautmalerische Passagen. Er hat die besagten Hummel um sich versammelt, manchmal knarrt eine alte Tür im Wind und im Gewitter knallt ein Fenster. Damit sind die Estaciones ein eine wirkliche Herausforderung und Migdal stürzt sich da gern hinein. Aber in Sekundenbruchteilen und ohne Übergang findet sie sofort wieder in den Strom der Melodie. Dies verlangt nicht nur Empathie mit dem Werk, sondern erst einmal technische Fähigkeiten auf höchstem Niveau

Fünf, sechs, sieben Mal springt Liv Migdal über diese großen Klippen und landet jedesmal butterweich im musikalischen Rio Plate. Das versöhnt das Publikum mit den ungewohnten Klängen. Es ist ein dieser selten Momente, in dem Auditorium und Bühnenpersonal unsichtbar verbunden seinen.

Mit ihrer Begeisterung reißt Migdal das gesamte Ensemble mit. EBen noch zurückhaltend und Venezianisch kühl entfesseln die 18 Streicher nun einen wahren Rhythmus-Sturm. Tango mit Bogen geht doch. Aus dem innerlichen und reduzierten Abend wird eine hochemotionales Event. Auch wenn Piazzolla einige Referenzen an Vivaldi verwendet hat, der Unterschied ist das belebende Element.

Also wird schon nach fünf Minuten klar, dass dieses Konzert einfach viel zu kurz sein wird. Dennoch fügen sich die Zuhörer in ihre schweres Schicksal und quittieren jeden der vier Sätze mit Applaus aus der Kategorie Pop-Art. Die Solistin fühlt sich geschmeichelt, gibt das Lob zurück und verstärkt damit das temporäre Band zwischen den vor und denen auf der Bühne noch einmal.

Was bleibt, ist die Erinnerung an einen einmaligen Abend.







  



Material #1: Theaternatur - Das Festival - Die Website
Material #2: 8 Jahreszeiten - Das Konzert

Material #3: Antonio Vivaldi - Die Biografie
Matterial #3a: Le quattro stagioni - Das Werk 

Material #4: Astor Piazzolla - Die Biografie
Material #4a: Estaciones Portenas - Das Werk

Material #5: Liv Migdal - Die Website
Material #5a: Liv Migdal - Die Biografie

Material #6: Das Philharmonische Kammerorchester Wernigerode - Die Website