Dienstag, 4. September 2018

Bis zur bitteren Neige

stille hunde arbeiten sich an den Kern des Don Juan heran

Sex, Drugs and Rock'n'Roll. Wer hätte gedacht, dass der Barockdichter Tirso de Molina die Vorlage für den Jetset des 21. Jahrhunderts geliefert hat. Man muss seinen Don Juan nur richtig lesen. Mit ihrer Adaption verlegen die stillen hunde die Gesichte über Lug und Trug nicht nur in die Jetzt-Zeit. Sie liefern damit eine mehr als reife Leistung ab.

Don Juan Tenorio ist ein Modefotograf, dessen Geschäfte schon seit geraumer Zeit nicht so optimal laufen. Das hindert ihn aber nicht, seinem ausschweifenden Lebensstil fortzusetzen. Die Lücken in der Kasse werden immer wieder mit dem Geld des Herrn Schwiegervater aufgefüllt. Dieser Umstand führt nicht dazu, dass Don Juan sich an das Treueversprechen seiner Frau gegenüber hält. Jede Nacht teilt er das Bett mit einer anderen Frau: Prostituierte, Groupies oder andere Starlets und It-Girls.

In Catalinón hat einen treuen Diener. Der ehemalige Türsteher ist nicht die hellste Kerze auf der Torte, aber immerhin verfügt er über das Gespür für die Situation und die wahren Machtverhältnisse. Doch seine Versuche, die Machenschaften seines Chefs zu decken, sind witzlos, denn die Gattin Don Ana weiß ist über alles bestens informiert.

Die Situation spitzt sich zu, als Juans Agentur mal wieder vor der Pleite steht und der Geldgeber im Sterben liegt. Don Ana wird die alleinige Erbin sein und ihrem Mann den Geldhahn zu drehen. so weit die Ausgangssituation. Von dieser Basis aus zeigen die hunde eine Inszenierung, die bis zum überraschenden Ende den Niedergang eines Ekels zeigt. Dabei lässt das Trio keine Gemeinheit und keine Anspielung aus. Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass es jemanden gibt, der sich moralisch noch unter dem Niveau von Don Juan befindet.

Ein opulenter Kronleuchter hängt von der Decke, darunter ein  sehr langer Tisch mit weißen Decken. Ist das die Tafel für das letzte Abendmahl oder einfach nur ein Laufsteg? Auf jeden Fall hat wohl das vorletzte Abendmahl stattgefunden. Ein Dutzend halbvoller und leerer Flaschen sind über den Tisch verteilt.

Wenn Catalinon (links) nicht mehr weiterweiß, dann
wird halt gebetet.        Alle Fotos: Kügler
Zum Auftakt gibt es einen Knalleffekt. Don Juan stürmt in den Saal auf der Suche nach seinem Diener. Schließlich hat er einen Auftrag. Catalinon muss die Prostituierter aus dem Haus werfen, bevor Don Ana wach wird. Also knallt der Herr eine Flasche auf den Tisch. Alle sind wach.

Bademantel, Goldkettchen und wirres Haar, mit wenigen Mitteln wird Stefan Dehler zum Playboy der übernächtigten Sorte.  Seine Bewegungen sind großspurig und fahrig, der Blick geht hin und her. Der Mann steht eindeutig unter Druck. Schließlich ist da nicht nur die Geschichte mit der Prostituierten. Don Juan Tenorio  muss endlich mal wieder einen Scoop landen. Sein Stern ist deutlich im Sinken begriffen.

In dieser Rolle liefert Stefan Dehler eine bemerkenswerte Leistung ab. Er macht die Anspannung des Titelhelden greifbar. Die Stimme ist meist in dem schmalen Bereich zwischen "bestimmt" und "überdrehbar". Das Gesicht schwankt hin und her zwischen überheblich und ernsthaft verzweifelt.

Dennoch glänzt er immer noch als Manipulator. Seine Waffe ist das Wort und von genervt-angespannt schaltet Dehler blitzartig in den zuckersüßen Ton um. Hat er sein Opfer erst einmal umgarnt, geht es zurück in den Befehlston. Den hunden ist hier ein feines Psychogramm gelungen. dies wirkt in der intimen Atmosphäre der Spielstätte umso intensiver.

Opfer dieser Attacken ist die nie gesehene Esme, die in der Agentur den brüchigen Laden zusammenhalten muss und die Befehle per Telefon entgegennehmen nimmt. Überhaupt ist das vielfache Telefonieren eine geschickte dramaturgische Wendung. Viele Nebenfiguren betreten nie die Bühne, sind aber im Gespräch präsent. Schließlich liegt in den Dialogen mit den Gesichtslosen durchaus wichtige Handlung. Auf die kann nicht verzichtet werden, aber muss an das vorhandene Personal angepasst werden. Mit dieser Dramaturgie ist dies gelungen.

Die stillen hunde haben auf einen Mix aus Gegenwartssprache und Barock verzichtet. Ihre Texte sind ganz dem Hier und Jetzt verpflichtet und die Vokabeln aus dem Managersprech und dem Künstlerfloskeln liefern als Anspielungen genug Schmunzler. Denglish ist eben die Sprache der Blender.

"Don Juan" hat schon früher die Schubladen gesprengt. Ist es Tragödie, Drama oder Komödie? Hier ist sie alles und den komödiantischen Anteil über nimmt Christoph Huber in der Rolle des Adlatus Catalinón.

Man muss sich erst daran gewöhnen, dass jemand mit solcher Präsenz sich permanent klein macht und sich wegduckt. Doch es gelingt und mit dem Gegensatz zwischen Statur und Verhalten arbeitet Huber die Erbärmlichkeit dieser Figur umso besser heraus. Dabei gibt er dem Catalinón aber nicht der Lächerlichkeit preis. Er ist kein Hanswurst sondern nur Opfer der Umstände und eben Diener zweier widerstrebender Herrschaften.

Aus den Rest der Party gießt sich Don Juan eine Kater-Drink zusammen, zum Trinken kommt er nicht. Das Glas mit der Rotwein-Mischung wird im Lauf der zwei Stunden noch vielfach angehoben, angesetzt, aber nie ausgetrunken. Don Juan kommt nicht zum Trinken, weil nun das Hausmädchen Aminta den Saal betritt. Weiberheld und Bedienstete? Na klar, der Strauß-Kahn ist da.

Aminta ist nur ein vor vier gelungenen Rollen für
Maja Müller-Bula.      Foto: Kügler
Die Rolle des Hausmädchen ist nur eine von vier, die Maja Müller-Bula in dieser Inszenierung zum Leben erweckt. Verklemmt, eiskalter Engel oder naiv bis an die Grenze der Dämlichkeit. Die rasanten Wechsel zwischen Arbeitsmigratin, rachsüchtige Gattin und Soap-Darstellerin schafft sie ohne Brüche und ohne Verluste. Damit liefert sie hier wohl die kompletteste Leistung ab. Ihr erster Auftritt als zynische Hausherrin wird mit Szenenapplaus belohnt.

Als Racheengel Dona Ana seziert sie mit erstaunlicher Kälte erst die Situation und dann das Leben ihre Mannes. Sprache und Gestik ist von jeglicher Emotion befreit, das muss man erst mal hinkriegen. Maja Müller-Bula macht den Rosenkrieg zu einer Management-Aufgabe, in dessen Prjekt auch die Biografie der Aminta nur ein Puzzleteil ist.

Die Don Ana der stillen hunde zieht ihren Rachefeldzug bis zum bitteren Ende durch. Dadurch verschieben sich die Gewichte deutlich. Nicht so sehr das Scheitern des Gunter Sachs im Handtaschenformat sondern  die Reaktionen seiner Umwelt und die Konsequenzen des moralischen Niedergangs stehen im Fokus. Das Stück könnte auch "Dona Ana" heißen. Sie ist die wahre Manipulatorin, die das Schlusswort hat. Da bleibt Catlinón nichts anders übrig, als den fragwürdigen Rotwein-Mis bis zur bittern neige zu leeren.

Die Sprache ist in der Gegenwart und die Kostümierung auch. Die stillen hunde verzichten auf jegliche barocken Zitat und gehen damit den Weg konsequent fort. Auf den ersten Blick mag das Schloss Rittmarshausen der kongeniale Ort für eine Adelssaga zu sein. Doch der Gegensatz der reduzierten Inszenierung zu den klassizistischen Attributen der Spielstätte verdeutlicht das Ausmaß der Aktualisierung umso mehr. Vielleicht haben die stillen hunde den Don Juan nicht nur anders interpretiert. Vielleicht haben sie eine komplett neue Geschichte geschrieben und sich dabei lediglich von Tirso de Molina inspirieren lassen.

Auf jeden Fall liefern sie mit dieser Inszenierung ein zynische Statement zu moralischen Ansprüchen und Widersprüchen ab. Die Bezüge zu lebenden Personen sind gewollt und nicht zu übersehen. Das einfache Täter-Opfer-Schema wird aufgelöst und durch ein Rotationsmodell ersetzt. Damit ist "Don Juan" ist die nachhaltigste Leistung der stillen hunde.







Material #1: stille hunde - Die Website
Material #2: stille hunde - Der Spielplan

Material #3: Tirso de Molina - Eintrag bei wikipedia
Material #4: Don Juan - Die Legende