Sonntag, 23. September 2018

Musikalischer Brückenschlag gelungen

Knabenchor Hannover und la festa musicale im Hildesheimer Dom

Es gibt Konzerte, von denen man wünscht, sie gingen nie zu Ende. Tritt das aber nicht ein, dann hat  man aber trotzdem seinen Frieden mit der Welt geschlossen. Der Auftritt des Barockorchesters "la festa musicale" und in des Knabenchor Hannover im Hildeheimer Dom war solch ein Abend. Am Schluss lässt sich das Konzert mit einem Begriff zusammenfassen: Rundum gelungen.

Die seit langem angespannten Beziehungen zwischen der Landeshauptstadt und Hildesheim zu verbessern, das muss der Sparkassenstiftung wohl eine Herzensangelegenheit sein. Was sollte sonst der Beweggrund gewesen sein, gleich zwei Hannöversche Ensembles ins Allerheiligste einzuladen?

Genauso gewagt war das Programm. Vor allem italienische Barocker der eher unbekannten Art standen auf dem Zettel. Mit der Musik von Agostino Steffani, Diogenio Bigaglia und Antonio Lotti sollte noch einmal verdeutlicht werden, dass es einst einen regen Austausch zwischen Venedig und Hannover gegeben hat. Abgeschlossen wurde der Abend mit dem Magnificat von Antonio Vivaldi und dem Nisi Dominus des zeitweiligen Hannoveraners und Venedig-Besucher Georg Friedrich Händel.

Vom Frühbarock über das Hochbarock in die Spätphase mag zwar keine originelle Auswahl zu sein. Aber Jörg Breiding machte damit immerhin die musikalische Entwicklung im 17. und 18. Jahrundert deutlich. Die Dramaturgie überzeugte.

Mancher Chorknabe ist dem Knabenaltern entwachsen
Alle Fotos: Kügler
Es ist schon ein deutlicher Gewinn, wenn Musik an dem Ort gespielt wird, für den sie komponiert wurde. Das macht gleich der Einstieg deutlich. Das Magnificat von Steffani untermauert diese These eindrucksvoll.

Ein Orgelakkord, dann eine Solo-Stimme und schon setzt der Chor ein. Die hellen Knabenstimme steigen an die hohe Decke empor und perlen von dort auf das Publikum herab. Die Töne strömen in die Seitenschiffe und von dort zurück ins Mittelschiff. Der Hall der Kathedrale gibt den jungen Stimmen ein erstaunliches Volumen.

Was ist schon Dolby-Surround gegen live? Das Publikum wird in eine kuschelige Decke aus Musik gehüllt und der Dom wird zu einer Zeitkapsel. Die Welt da draußen existiert nicht mehr, zumindest die nächsten 90 Minuten nicht mehr.

Das Magnficat von Steffani ist kunstfertige Lobpreisung. Filigran umspielen die einzelnen Lagen einander, Solisten setzen im Alt und Tenor Akzente, bis der Chor wieder einsetzt. Die Übergange funktionieren wunderbar.

Dann bleiben den Streichern einzelne Passagen. "la festa musicale" überzeugen an diesem Abend als Ensemble, als eine Einheit gleichwertiger Musiker, die trotz des jugendlichen Alters schon über einen hohen Grad an Zusammenspiel verfügen. Damit kann das Dirigat von Jörg Breiding zurckhaltend bleiben und sich auf die wesentlichen Dinge beschränken. Aber eins ist klar. Dem Gesang kommt an diesem Abend das Primat zu.

In der "Missa á 5 con stromenti" hat Bigaglia ein belebendes Zusammenspiel von Solisten und Chor entworfen. Jede Strophe beginnt mit dem Solo-Gesang, dann antwortet der Chor und führt das Motiv weiter und entwickelt es zu neuem Material. Das ist Barock, wie er sein soll.

Das Orchester muss sich zurückhalten, der Dirigent
ja auch.    Fotos: Kügler
Nach den weltabgewandten Steffani und dem innerlichen Bigaglia bildet das "Credo in F" von Antonio Lotti den nötigen Kontrast. Es ist barocke Pracht und Lebensfreude, die sich hier Bahn bricht. Der ist erreicht, als die Streicher Barocktänze servieren. Das Largho des "Spiritum Sanctum" bietet nur eine kurze Pause, bis die Pracht im Schlussvers noch großartiger zurückkehrt. Es scheint, als habe das Publikum Angst, solch ein Werk mit so etwas Schnödem wie Applaus zu begleiten.

Im dritten Satz des Magnificat von Vivaldi dürfen die Srreicher dann glänzen. Plötzlich ist es da, dieses vom großen Venezianer so geliebte Staccato. Das sorgt noch einmal für eine deutliche Tempoverschärfung. Das Konzert ist ganz im Diesseits angekommen. Auch hier bleibt Breiding angenehm zurückhaltend.

Händels "Nisi Dominus" ist geprägt vom Wechselspiel der Instrumentalisten und der Solisten. Im "Varnum est vobis" kann sich Georg Poplutz auszeichnen, Ohne Verluste lotet er alle Höhen und Tiefen seiner Stimmlage aus.  Im dritten Satz legen die Streicher das Fundament, auf dem Counternor Alex Potter für diese Lage ungewohnt weltvergessen singt. Aber die Überraschung ist Wolf Matthias Friedrich im vierten Satz. Ein Bass, der mit solch Dynamik auch in die Höhen kommt, sollte man für die Zukunft auf der Rechnung haben.

Mit dem "Beatus vir" und dem "Gloria Patri et Filio" bleibt dem Chor das Schlusswort und die setzt er in voller Pracht des späten Barocks. Nach solchen einem Konzert vergibt man nicht nur seinen ärgsten Feinden und den eigenen Verwandten sondern auch den Hannoveranern.




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