Dienstag, 13. August 2019

Ein wahres Volksfest auf Rädern

Zwei Tage unterwegs in einer Legende 

Dreimal bei Rot über die Ampel, fahren ohne Gurt und zum Schluss auch noch hupend durch die Fußgängerzone. Eigentlich müsste ich meinen Führerschein los sein. Aber weil ich alles das unter Polizeischutz getan habe, darf ich ihn behalten.

Etwa dreihundert Fahrerinnen und Fahrer haben sich am Sonntag in Einbeck genauso verhalten. Schließlich waren Oldtimer Tage und der Autokorso der Abschluss der Feierlichkeiten zum fünften Geburtstag des PS.Speichers.

Die Veranstaltung ist so etwas wie ein Volksfest auf Rädern und es wird immer größer. Im letzten Jahr waren 270 Wagen am Start, in diesem Jahr sollen es deutlich über 300 gewesen sein.

Wie viele Zuschauer es waren, kann man nur schätzen. Gefühlt waren es zehntausend, die zum Teil in Dreier-Reihen am Straßenrand standen und dem Tross zujubelten. Manche hatten sich auch Campingstühle und Tische dafür in den Vorgarten gestellt. Wenn dann die La-Ola durch das Publikum ging, dann feierte man sich und die alten Autos. 

Teilzunehmen und sich bejubeln zu lassen, ist eigentlich ganz einfach. Man musste nur ein altes Autos haben und rechtzeitig in Einbeck sein. Alt war in diesem Falle relativ. Es durfte auch ein Youngtimer sein, also ein Fahrzeug, das mindestens 20 Jahre alt ist.Bei der Rallye am Samstag lag die Messlatte deutlich höher. Das Gefährt musste ein echter Oldtimer sein, also mehr als 30 Jahre auf dem Tacho haben

Fototermin vor der Burg Greene.   Foto: Kügler
Ich war mit einem VW Porsche 914 am Start. Baujahr 1972, neongelb, 80 PS und aus dem Fundus des Veranstalters. Der Vierzylinder und ich, das war Liebe auf dem dritten Blick. Bereits im letzten Jahre sollten ein Kollege und ich damit die Oldtimer Rallye bewältigen. Doch daraus wurde nichts. Nach 20 Metern Testfahrt blieb der Wagen stehen, ging aus und sprang nicht wieder an.

Also war ich durchaus skeptisch, als man mir auch dieses Jahr das Cockpit des 914 zuwies. Doch neues Jahr, neuer Beifahrer, neues Glück. Roland Hildebrand arbeitet für Fachmagazin und war für diese Tour eigens aus München angereist. Schließlich feiert der VW Porsche in diesem Jahr seinen 50. Geburtstag.

Der Patzer vom Vorjahr geht eindeutig auf die Kappe von Porsche, erklärt mir am Samstagnachmittag Wolfgang Blaube. Er ist Porsche-Experte und hat nach eigenem Bekunden schon mehr als 800.000 Kilometer im 914-er zurückgelegt. Seine Zuneigung zu dem Hybriden aus Sport- und Volkswagen ist deutlich zwiegespalten.

Damit ist er keine Ausnahme. Für viele war der 914 seinerzeit der günstigste Weg, sich im Glanze eines Porsche zu sonnen. Viele haben die Insignien, die auf VW verweisen, säuberlich entfernt. In unserem 914 klebt ein Porsche-Emblem auf dem Lenkrad. Original ist das nicht.

Zurück zur Panne: Die Stuttgarter hätten seinerzeit den Einspritzer an einer thermisch ungünstigen Stelle platziert und so kann es immer wieder zur Bildung von Luftblasen in den Kraftstoffwegen, erklärt der Fachmann. Er muss es wissen, immerhin schreibt Blaube für die wichtigsten Publikationen im Segment Oldtimer.

Gut, dass Roland und ich zu diesem Zeitpunkt schon die 150 Kilometer Rallye hinter uns gebracht hatten. Hätten wir das Konstruktionsproblem gekannt, dann hätten wir wohl wieder eine Panne gebaut. Aber so ging alles gut.

Hügel rauf und wieder runter.   Foto: Kügler
Von Einbeck über Greene nach Goslar und über Wildemann und Bad Grund wieder zurück nach Einbeck. Überall dasselbe Phänomen: Am Straßenrand stehen wildfremde Menschen und jubeln dir zu. Wer steckt hier mit seiner Begeisterung eigentlich wen an? Zumindest sind alte Autos ein verbindendes Element.

Hügelauf und bergab, die Strecke führte durch eine Landschaft, in der sich Weserbergland und Harz sehr nahe kommen.  Es ging über Ortschaften, die man nur kennt, wenn man in der 2. Kreisklasse kickt.

Aber eine Oldtimer Rallye ist eindeutig die Luxusliga. Ein 914 im fahrbereiten Zustand gibt es nicht unter 25.000 Euro. Für die Sechszylinder-Version werden auch schon mal 100.000 Euro aufgerufen.

Die Begeisterung

Wolfgang Baube ist sich sicher: “Ein Oldtimer als Wertanlage, das funktioniert nicht.” Er hat in den letzten 30 Jahren viele Blasen auf dem Markt für alte Autos platzen sehen. Gerade sind die Preise für alte Ferraris in den Keller gerauscht. Also muss sich die Motivation wohl aus einer anderen Quelle speisen.

Es ist wohl eher der Zauber der Vergangenheit. Die kollektive Erinnerung an eine Zeit, die noch beherrschbar schien. In einer Gegenwart, in der selbst das Auswechseln einer Glühbirne den Gang in die Werkstatt erfordert, erzählt man gern Geschichten von Motoren, die man noch mit einem gezielten Hammerschlag zum Laufen brachte. Ach, ja, da ist auch noch das Argument der Individualität

60-er Jahre Design: Eckig trifft auf
eckig.      Foto: Kügler
Jeder möchte seinen Teil zu dieser Erinnerungsarbeit beitragen. Immer wieder riefen uns die Zuschauer zu “Ein Hausfrauenporsche”. Sie lagen nur knapp daneben. Der 914-er war der VoPo, der Volksporsche. Erst sein Nachfolger, der 924, wurde als “Hausfrauporsche” bezeichnet.

Wer zum Teil jahrelang an seinem Auto geschraubt hat, der zeigt ihn natürlich auch gern her. Dafür nimmt er auch schon mal Wege aus Süddeutschland oder aus der Schweiz auf sich. Die meisten runden das ganze mit einer passenden Kostümierung ab. Oldtimer Rallye ist auch ein wenig wie Rosenmontag, nur eben hochpreisig und bei besserem Wettern.

Reizvolle Routen, perfekte Organisation und vor allem das begeisterte Publikum. Die Rallye rund um Einbeck hat sich einen Namen in der Szene gemacht. Das weiß man auch beim Fernsehen. Gleich zwei Sender waren vor Ort.

Vor fünf Jahren wurde der PS.Speicher eröffnet. Stifter Karl-Heinz Rehkopf hatte damals ehrgeizige Vorgaben gemacht. Bei der dritten Auflage der Oldtimer Tage ist man am Ziel angelangt: Einbeck ist zu einer Größe in der Oldtimer-Szene geworden. Das gibt einer Stadt, die sich seit mehr als 40 Jahren auf der Verliererseite glaubt, eine ordentliche Portion Selbstvertrauen. 

Der PS.Speicher ist ein Projekt, das eine ganze Region bewegt und motiviert. Zweihundert Arbeitsplätze sind in seinem Umfeld entstanden. Die zweitägige Begeisterung des Publikums ist ein Form des Dankeschöns. Auch im Fahrerfeld macht sich Euphorie breit. Man winkt man gern zurück und begeht mit nur einer Hand am Steuer die nächste Ordnungswidrigkeit.

Der Testbericht

Servolenkung? Bremskraftverstärker? Anfahrhilfe? Schnickschnack, ein Sportwagen Baujahr 1972 ist Auto pur. Dazu kommt ein Wendekreis in der Nähe eines Treckergespanns. Wer seinen Führerschein nach 1989 erworben hat, der gerät hier schnell auf schwieriges Geläuf.

Volksporsche fahren ist Arbeit. Das Rangieren zum Fototermin vor der Burg Greene geriet zur Sysiphus-Aufgabe, bei der die Anwohner ihre Hilfsbereitschaft bezeugten. Der Ton ist auch hier gleich beim "du"

Der erste Gang liegt unten links und das Schalten wurde zwischendurch zur Lotterie. Das Wechseln der Gänge erforderte ein Feingefühl, das sich erst am zweiten Tag einstellte. Manchmal erinnerte es mich an das Rühren im Getriebe meines einstigen T 2.

Dank des Porsche-Experten wusste ich zu diesem Zeitpunkt schon, dass hier ein Konstruktionsmangel vorliegt. Die Verwindungen des Fahrzeugrahmens während der Fahrt drücken aufs Getriebe. Wenn dann auch noch der Hinterradantrieb in den schnellen Kurven den Wagen in Richtung Straßenrand drückte, wurde es besonders schwierig.

Da sitzt man in einer automobilen Legende und sie
spricht über Farben.    Foto: Hinsching
Mit 80 PS ist der Wagen nach heutigen Vorstellungen eindeutig untermotorisiert. Er kam nicht so recht in Schwung. Roland musste dem Boliden gut zureden, damit er auf der B 82 kurz vor Goslar erstmals die 100 km/h-Marke erreicht. Zurück über den Harz ging es in einige Passagen im zweiten Gang. In der Steigung vor Bad Grund bremste uns ein Amphicar 770 aus unserem Tross aus. Daran vorbeiziehen? Vergiss es. Oldtimer Rallye ist auch eine Form der Entschleunigung.

Beim Korso am Sonntag spielt das alles keine Rolle. Fahrerisch ist die Teilnahme ein Geduldsspiel mit Kupplung und Handbremse. Die hat eine Besonderheit. Egal in welche Zustand, der Hebel ist immer unten. Platziert links vom Fahrersitz soll er so das Personal beim Ein- und Aussteigen nicht behindern.

Aber ich hatte dann den Bogen raus. Volksporsche fahren ist eine Liebe auf den dritten Blick. Im Schritttempo und im Stop-And-Go ging es rund um Einbeck, häufig eine Hand am Lenker und die andere zum Winken aus dem offenen Dach herausgestreckt. Am Marktplatz waren die Hände aber dort, wo sie hingehören, nämlich am Lenkrad. Der Weg durch die Menschenmassen erforderte präzises Steuern auch ohne Servolenkung. Am Tiedexer Tor verdoppelte sich die Zahl der Zuschauer noch einmal. Das Ziel war erreicht und es gab ein letztes Winken und ein allerletztes Winken und ein allerallerletztes Winken.

Den Lapsus “Hausfrauenporsche” habe ich großzügig durchgehen lassen. Den kann ich dann im nächsten Jahr korrigieren. 



Material #1: Der PS.Speicher - Die Website





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