Montag, 14. Januar 2019

Ein Parzival für alle Fälle

Sven Mattke entstaubt für Junges Theater Nordhausen

Es bedarf keines Wunder, damit Sohn und Vater mal einer Meinung sind. Es braucht nur ein mitreißendes Stück Theater und schon sind sie sich einig. So geschah es am Sonnabend im Theater unterm Dach in Nordhausen. Sven Mattke und Nele Neitzke zeigten in der Uraufführung von "Young Parzival" eine großartige Aufführung.

25.000 paarweise Verse umfasst der Epos von Wolfram von Eschenbach aus den Jahren 1200 bis 1210. In Buchform sind das 16 Bände. Nele Neitzke hat es geschafft, dieses literarische Monstrum auf 65 Minuten Schauspiel zu komprimieren und konzentrieren. die Meisterleistung besteht darin, dass nichts verloren geht.

Krone auf: Sven Mattke spielt den König Artus.
Alle Fotos: András Dobi
Der Dramaturgin und Regisseurin ist es gelungen, die lange Legende auf die Eckpunkte zu reduzieren. In beeindruckenden Schlüsselszene  setzen sie die Wegmarken. Die Entwicklung des jungen Manns, sein Prozess der Reifung wird deutlich und nachvollziehbar. Es fehlt nichts.

Sven Mattke schafft es, ein gesamtes Universum entstehen zu lassen. Er ist Parzival, Gahmuret ebenso wie Herzeloyde oder Artus.  Er spielt den Sohn, den Vater, die Mutter gleichfalls wie den Sagenkönig ohne Verlust.

Krone auf den Kopf oder rote Lederjacke an, ein Bein nach vorne gestellt und die Lanze auf die Schulter. Es sind nur wenig Requisiten und Gesten, die den Rollenwechsel deutlich machen. Das beeindruckt vor allem den härtesten aller Kritiker. Vergleichbares hat er in seiner 6-jährigen Karriere als Theaterbegutachter noch nicht erlebt.

Es ist vor allem die freche Darstellungsweise, die die jüngeren im Publikum anspricht. Mattke schaft dies, ohne sich anzubiedern. Da wirkt nichts aufgesetzt. Wenn Mattke rappt, dann rappt er halt. Das ist nun mal die Sprache der Jugend und es ist eine Inszenierung am Jungen Theater Nordhausen. Zielgruppe genau erkannt und gut angesprochen, kann man das zusammenfassen.

Aber schon mit kleinen Mitteln, mit einem Wechsel in Gestik und Stimmlage schafft er ebenso den Sprung in Erwachsenenalter. Das mancher der Helden, dabei zur Karikatur wird, ist durchaus beabsichtigt. Es sorgt für eine deutliche Entkrampfung, wenn man die Denkmäler von den Sockeln holt.

Parzival ist unterwegs.
Aber den härtesten aller Kritiker in seinen reifen 13 Jahren begeistert vor allem der lockere Umgang des Darstellers mit seinem Publikum. Mattke sammelt Vorschläge, stellt Fragen, geht souverän über die Gummi-Baum-Panne hinweg und animiert alle zum Konzertleuchten. Mit dem Dialog mit Souffleur Christopher dekonstruiert er zudem die Geheimnisse des Theaters. Die Regieanweisungen für den Mann am Licht spricht er auch gleich mit. Nicht staunende Faszination sondern laute Begeisterung für das Theater ist sein Ziel.

Trotzdem kippt die Aufführung nie in den Trash ab. Dafür sorgen die Schlüsselszenen wie die Hirschjagd des Jüngling. Mattkes Stimme steigert sich vorlaufend im Tempo, im Kopfkino sieht man den Hirsch immer schneller fliehen. Das steht im starken Kontrast zu ehr starren Darstellung und dem Mangel an Bewegung. Das Erweckungserlebnis des Jüngling findet fast nur im Text statt und ist deswegen um so eindringlicher. Dann fließt das Blut aus der Gießkanne und einen Moment lang herrscht Sille. Dramaturgisch gelungen.

Gleiches gilt für die Suche des Parzivals nach dem Gral. Minutenlanger Moonwalk und Sven Mattke kommt nicht von der Stelle. So einfach und verständlich kann man Plackerei in Bewegung fassen. Da ist es doch gut, das sich all der Aufwand am Schluss doch lohnt und das Stück in Frieden und Freunden in Festivitäten endet. Die Liebe besiegt alle Widrigkeiten ist die Botschaft und dafür gibt es Applaus im Pop-Konzert-Qualität









Material #1: Theater Nordhausen - Der Spielplan
Material #2: Young Parzival - Das Stück

Material #3: Parzival - Die Legende




Andere Meinungen vom härtesten aller Kritiker

Der härteste aller Kritiker - Teil eins
Der härteste aller Kritiker - Teil zwei
Der härteste aller Kritiker - Teil drei
Der härteste aller Kritiker - Teil vier
Der härteste aller Kritiker - Teil fünf
Der härteste aller Kritiker - Teil sechs
Der härteste aller Kritiker - Teil sieben
Der härteste aller Kritiker - Teil acht
Der härteste aller Kritiker - Teil neun
Der härteste aller Kritiker - Teil zehn
Der härteste aller Kritiker - Teil elf
Der härteste aller Kritiker - Teil zwölf
Der härteste aller Kritiker - Teil dreizehn
Der härteste aller Kritiker - Teil vierzehn
Der härteste aller Kritiker - Teil fünfzehn
Der härteste aller Kritiker - Teil sechzehn
Der härteste aller Kritiker - Teil siebzehn
Der härteste aller Kritiker - Teil achtzehn





Donnerstag, 10. Januar 2019

Erst bedingt witzig, dann doch rasant

Theater Rudolstadt tagt als Festkomitee in Nordhausen

Es existiert kein englischen Wort für die deutsche "Vereinsmeierei". Dennoch gibt es sie auf der Insel zu Genüge. Das lehrt das Stück "Das Festkomitee" von Alan Ayckbourn. Für das Theater Rudolstadt hat Steffen Mensching die Komödie inszeniert. Die Premiere in Nordhausen zeigt ein sehr langes Vorspiel, das erst nach der Pause Fahrt aufnimmt und bis dahin nur bedingt witzig ist.

Eigentlich ist es eine tolle Idee. Die Kleinstadt soll ein Fest bekommen, wie es in Pendon noch keins gegeben hat. Dafür hat Ray eine Geschichte aus der Vergangenheit ausgegraben. Um "Die Zwölf von Pendon" soll ein Historienspiel entstehen, an dem die ganze Bevölkerung teilnehmen kann. Schließlich steckt hier alles drin, was die Gegenwart braucht: Freiheitsdrang, Widerstand und Gerechtigkeit.

Also lädt Ray ein paar Mitbürger zur Gründung eines Festkomitees ein. Doch aus dem gemeinsamen Projekt wird schnell ein Zankapfel. Jeder will sein eigenes Süppchen daraus kochen und Weltansichten prallen aufeinander. Neid, Missgunst und Streit brechen aus und die Aufführung des Historienspiels endet im Chaos.

Auch in der Weihnachtszeit tagt das Festkomitee.
Alle Fotos: Lisa Stern
Alan Ayckbourn kennt sich aus in der englischen Provinz und in deren Kulturbetrieb. Schließich hat er mehr als 40 Jahre das Stephen Joseph Theatre in Scarborough geleitet. Daneben hat er sich zu einem der wichtigsten zeitgenössischen Dramatiker Großbritanniens geschrieben und wurde dafür in den Adelsstand erhoben.

Die zivilisatorische Decke ist dünn und des braucht nur wenig, um die englische Mittelschicht aus dem emotionalen Sattel zu heben. Das ist Ayckbourns immer wieder kehrendes Thema und im "Festkomitee" lässt er die verschiedenen Vertreter dieser Spezies aufeinander los. Es sind aber Menschen wie du und ich. Zudem sind es Typen, die jede und jeder, die und der schon mal Lebenszeit auf Sitzungen vernichtet hat, zu Genüge kennt. Da sind dem Autor und dem Regisseur realistische Beschreibungen gelungen.

Da ist Oberorganisator Ray als bürgerlicher Durchschnitt. Er hat zwar die Idee und bringt die Menschen an einem Tisch zusammen. Belohnt wird er mit dem Posten des ersten Vorsitzenden. Schnell gibt er das Heft des Handelns aus der Hand und beschränkt sich aufs Vermitteln und auf Erhaltung des Status Friede-Freude-Festival. Schließlich ist er ja mit dem Vorsitz sediert.

Die Gestik immer etwas eingeschränkt und die Stimme immer im Mittenbereich. Mit seiner gehemmten, leicht verklemmten Darstellung gelingt Rayk Gaida eine schlüssige Beschreibung des Biedermeiers, der die Brandstifter nicht sehen will. Selbst die kurzen Wutausbrüchen passen da ins Gesamtbild.

Die Intimfeinde Helen und Eric.
Foto: Lisa Stern
Gewohnt souverän, aber etwas zurückhaltender als sonst und vor allem im Bereich Leisetreter. Matthias Winde kann in der Rolle des Stadtrats Evans überzeugen. Jede Kleinstadt kennt diesen Berufsjugendlichen, der arg engagiert ist in Sachen Kultur, aber keine Ergebnisse aufweisen kann und im Hotel Mama wohnt. Aber für alle hat er einen guten Ratschlag. Abgerundet wird das Bild mit der stimmigen Kunstlederhose.

Da ist Oliver Baesler in der Rolle des kämpferischen Lehrers Eric Collins der passende Gegenentwurf. Brust raus, große Gesten, grimmige Mimik und immer mit fester Stimme, stets unter Spannung und auf dem Sprung. Aus solchem Holz sind wahre Revoluzzer geschnitzt.

Da ist die Rolle der Helen vielschichtiger angelegt. Ulrike Gronow schafft es, der Gattin von Ray  unerwartete Tiefe zu verleihen. Ihr Spiel ist vielschichtiger als das ihres Widerparts Eric. Von schnösselig über zickig bis hin zu empathisch aber auch kämpferisch vermag Gronow die Gemütszustände der Middleclass zu vermitteln. Dabei wirkt ihr Spiel immer ehrlich.

Für Sophie wird die Arbeit im Festkomitee zu einem Prozess der Emanzipation. Vom Mauerblümchen zur Mitbestimmerin. Laura Bettinger bringt eben diese Befreiung in Etappen in jeder Szene nachvollziehbar auf die Bühne. Das macht sich in ihrem Äußerem bemerkbar. Mathias Werner hat es geschafft, diese Entwicklung in die richtigen Kostüme zu stecken.

Der Vorhang ist schon lange vor der Aufführung geöffnet. Er gibt den Blick frei auf ein Interieur mit einem morbiden Charme. Stockflecken an den Wänden, vertrocknete Grünpflanzen und Lücken in den Tapeten. Das ist also das Biotop, in dem große Träume Wirklichkeit werden sollen. Dem Publikum ist schon auf den ersten Blick klar, dass in solch einem Ambiente nur wenig gedeihen kann. Mathias Werner hat auch hier gute Arbeit geleistet.

Doch die lange Tischreihe an der Rampe wirkt nicht nur wie das letzte Abendmahl. Sie ist auch  eine Barriere. Vieles von dem wenigen, was in Bewegung ereignet, findet für die Zuschauer somit im toten Winkel statt. Erst als nach der Pause diese Schranke fällt, bekommt die Inszenierung auch Tempo. Oder lautet Steffen Menschings Credo: Das,was am Tisch passiert, hindert den Mensch am Mensch sein.

Ayckbourns Werk präsentiert Typen und Aussagen mit Ewigkeitsanspruch. Dass es dann doch schon 42 Jahre alt ist, merkt man der Aufführung dann doch an. Hier hätte einer dramaturgischen Auffrischung bedurft. Beinharte Marxisten kennen nur die Wenigstens aus eigener Erfahrung. Somit verpufft ein großer Teil der Auseinandersetzungen zwischen Helen und Eric in einer luftleeren Geschichtsträchtigkeit. Umstürzler mit Beamtenstatus kommen heutzutage als Grüne daher.

Die Ritter von der traurigen Gestalt.
Foto: Lisa Stern
Ähnliches gilt für die schwierige wirtschaftliche Situation, die im Hintergrund immer wieder durchschimmert. War sie damals eine Spätfolge des untergegangenen Empires, ist sie jetzt dem selbst verschuldeten Brexit zuzuschreiben. Da wäre mehr Aktualität möglich gewesen.

Auch der Aufbau entspricht den Gewohnheiten der 70-er Jahre. In den Szenen einer Planung tagen die Protagonisten dreimal. Anfang, Mitte und kurz vor dem Ende. Von der Idee über die Planung zur Umsetzung. Die Spannungen bauen sich vor der Pause häppchenweise auf, um sich dann in einem furiosen Finale zu entladen. Das ist leicht verständlich und leicht verdaulich, aber eben auch ein wenig altbacken.

Bis dahin glänzt die Inszenierung mit scharfen Wortgefechten und kleinen Details, die beobachtet werden müssen, wie die Stoffhunde von Sophie. Mann muss genau hinhören und genau hinschauen. Die Wortbeiträge sind sicherlich wie aus dem wahren Leben und bieten einen hohen Wiedererkennungswert, für alle, die schon mal Lebenszeit auf Sitzungen vernichtet haben.

Der Orkan im zweiten Akt fegt dann all diese zivilisatorischen Errungenschaften hinweg. Es bleibt nichts. Für diejenige, die ihren Humor an Woody Allen geschult haben, ist diese Inszenierung ein zusätzlicher Gewinn.






Material #1: Theater Nordhausen - Der Spielplan
Material #2: Das Stück- Website des Theater Rudolstadt

Material #3: Alan Ayckbourn - Die Biographie auf deutsch
Material #4: Say it in englisch - Die komplette Biografie





Sonntag, 30. Dezember 2018

Die Wahrheit ist ein zweischneidiges Schwert

Der Volksfeind als ein feines Psychogramm am Göttinger DT

Es scheint aktueller denn je. Ein Arzt deckt einen Umweltskandal auf und die Mächtigen wollen ihn vertuschen. Das ist der Kern von Ibsens Volksfeind. Doch die Inszenierung von Gerhard Willert am Deutschen Theater in Göttingen konzentriert sich auf die Handelnden und nicht auf den Skandal. Darin liegt die Stärke und deswegen ist dieser Volksfeind auch nach 135 Jahren mehr als aktuell und weist über die Gegenwart hinaus.

Tomas Stockmann hat in seiner Heimatstadt eine Heilquelle entdeckt. Das Nest wird zum Kurbad  und erlebt dadurch einen wirtschaftlichen Aufschwung. Stockmann selbst erhält die Stelle des Kuraztes, nachdem er und seine Familie lange Jahre in der Provinz darben mussten.

Doch als die Investitionen in die neuen Kuranlagen sich langsam auszahlen, macht Stockmann die nächste Entdeckung. Doch mangelhafte Bauarbeit ist das Wasser verschmutzt und vergiftet die Kurgäste. Stockmann will seine Ergebnisse veröffentlichen und trifft dabei auf zweifelhafte Unterstützung und auf reichlich Widerstand. Der härteste Konkurrent ist sein Bruder Peter. Der ist nicht nur Stadtvorsteher sondern zugleich auch Kurdirektor.

Schon mal ein Glas auf den Sieg: Noch ist sich die
Front der Reformer einig.   Alle Fotos: Thomas Aurin
Tomas Stockmann und seine Erkenntnisse werden zum Faustpfand im lokalpolitischen Intrigenspiel. Jeder will sein Süppchen mit dem trüben Wasser kochen. Stockmann und seine Familie geraten zwischen die Mühlsteine.

Doch Gerhard Willert schaut unter die Oberfläche. Es ist nicht so sehr der Skandal, der ihn interessiert sondern vielmehr die Skandalösen. "Was sind das für Menschen, die dort aufeinander losgehen?" scheint die leitende Fragestellung. In diesem kleinstädtischen Kosmos aus 9 Akteuren skizziert er jede Person fein und nachvollziehbar.

Zum Schluss sind alle fragwürdige Gestalten. Nur den wenigsten geht es um die Sache, sondern vor allem erst mal um die eigenen Person. Damit erlangt das Werk ein Stück Zeitlosigkeit. Leider machen die Kostüme von Ilka Kops diesen Schritt nicht mit. Sie verbleiben leider viel zu sehr in den 80-er Jahre des 19. Jahrhunderts.

Willert traut seinem Publikum was zu. Er lässt seine Darsteller nicht mit dem Zeigefinger agieren. Die Zuschauerinnen und Zuschauer dürfen ganz allein zu der ernüchternden Erkenntnis kommen. Dafür setzt er entscheidende Augenblicke, deren Aha ein kurzes Schweigen folgt. So kann das Erschrecken nachhallen und wirken.

Im dritten Akt kippt die Handlung, die Front der Reformer bröckelt und Peter Stockmann nimmt das Heft des Handelns an sich. Sei es das Auftauchen der Aktentasche oder Tomas Stockmann in der Kreuzigungshaltung. Dieser Abschnitt ist gespickt mit diesen Aha-Szenen und dadurch gewinnt ie Aufführung noch einmal Tempo.

Erst Heiligsprechung, dann Kreuzigung: Billing,
Tomas Stockmann, Hovstadt und Aslaksen. Foto: Aurin
 
Das Kolosseum in Billy-Optik. Das Bühnenbild von Alexandra Pitz liefert die passende Arena für das Kesseltreiben. Die übermenschlich hohen Regale, verkleidet mit Milchglas, sind Wandelhalle und Heimstätte zugleich. Dennoch wirken die Darstellerinnen und Darsteller immer eine Nummer zu klein, so wie die Geschichte, die sie da lostreten, eine Nummer zu groß ist für sie. Wenn sich die Bühne dann wie ein Karussell dreht, dann ist es eine weitere Rotation in der Abwärtsspirale.

Die Musik von Christoph Coburger wirkt als Vorbereiter der Entscheidungen. Aus dem minimalen Klangteppich wird ein rhythmisches Klopfen. Da setzt die Musik aus, die entscheidenden Worte fallen, und die Stille wirk nach. Ein überzeugendes Konzept.

Tomas Stockmann ist nicht nur im Besitz der einzig selig machenden Wahrheit, in seinem Idealismus steckt auch jede Menge Egozentrismus und vor allem Sucht nach Genugtuung. Es geht ihm nicht nur um die Sache, sondern auch um seine Person und um Gutmachung für jahrelange Schmähungen. Gabriel von Berlepsch macht diese Zwiespältigkeit erlebbar.

Immer lauter und immer steifer. Er steigert sich in Stimme und Gestik immer mehr in den vermeintlichen Triumph. Sein fordernder Auftritt mit Hohlkreuz in der Redaktion ist an Selbstgefälligkeit kaum zu überbieten. Übertroffen wird dies nur durch die genießerische Miene im Augenblick der Seligsprechung durch die Redakteure Hovstadt und Billing. Jetzt kann Stockmann nicht mehr zurück und hierin liegt die Tragik seiner Persönlichkeit. Auch er instrumentiert die Wahrheit und stürzt wie Ikarus. Das kann von Berlepsch verdeutlichen.

Auch darstellerisch ist Peter Stockmann hierzu der Gegenentwurf. Die Euphorie seines Bruders konterkariert er mit Besonnenheit. Marco Matthes agiert mit einer Stimmen in der mittleren Lage und mit einer sparsamen Gestik. Seine Hände bleiben stets in der Nähe des Torso und die Mimik im kontrollierten Bereich. Damit macht Matthes deutlich, dass Peter Stockmann eben die Kontrolle behält. In den entscheidenden Szenen senkt sich seine Stimme auf das Zuflüstern des Verräters, gewissermaßen ein Jago im Kostüm des Biedermannes. Das ist vielleicht die reifste Leistung in dieser Aufführung. Wenn er noch argumentiert, dass die Allgemeinheit die Verluste der Unternehmer tragen müssen, dann ist diese Inszenierung in der Jetztzeit angekommen.

Hart an der Grenze zur Karikatur hat Gregor Schleuning seinen Druckereibesitzer Aslaksen als Prototyp des Kleinbürgers angelegt. Da ist immer wieder das genüssliche Streichen über den eigenen Schnurrbart und die joviale, leicht geneigte Körperhaltung. Das Ganze ist so eingängig, dass das Publikum schon beim dritten Mal vorausahnt, dass Aslaksen zur Mäßigung aufruft.

Kolosseum in Billy-Optik: Die Arena für die Brüder
Stockmann.   Alle Fotos: Thomas Aurin
Komplettiert wird das Feld der Kleinbürger mit den Redakteuren Billing und Hovstadt. Als die Stunde gekommen scheint, bricht sich ihr revolutionärer Eifer ungeahnte Bahnen. Im Grunde unfähig zu Tat projizieren sie ihre Sehnsüchte auf Tomas Stockmann als Messias. Gerade Florian Donath macht als dieses zweifelhafte Verhalten begreifbar. Er fällt nicht nur wie ein Kartenhaus zusammen, auch seine Stimme schafft den Bruch vom Revoluzzer zum Duckmäuser ohne Verlust. Vatermörder und Kneifer sind sein natürliches Habitat und seine Anspannung entlädt sich im dem Zwang, anderen den Nacken massieren zu müssen. In dieser Übersprunghandlung liegt ein schöner Wiedererkennungswert.

 Motive und Persönlichkeiten der Kontrahenten bloßgelegt, damit hat Willert mit seinem Volksfeind über die Zeit und über das Thema hinausgewiesen. Deswegen ist diese Inszenierung so sehenswert.






Material #1: DT Göttingen - Der Spielplan
Material #2: Ein Volksfeind - Erläuterungen zum Stück


Material #3: Ein Volksfeind - Der Eintrag bei wikipedia
Material #4: Henrik Ibsen - Die Biografie
   


Mittwoch, 14. November 2018

Aus der Dampflok einen ICE gemacht


Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer im Deutschen Theater Göttingen

Es ist durchaus ein Wagnis, dieses Werk auf die Bühne zu bringen. Schließlich hat jeder die Bilder der Augsburger Puppenkisten vor dem Erwartungshorizont. Das Deutsche Theater Göttingen hat das Wagnis aber auf sich genommen. Sein Familienstück funktioniert, weil es sich von der televisionären Vorlage abgrenzt.

Es ist ein Wagnis im doppelten Sinn. Auch der härteste aller Kritiker will mal den Jim und den Lukas live sehen. Trotz seines hohen Alters von fast 13 Jahren und der einstudierten Coolness eines Pubertiers will er einen Blick auf eines der schönsten Werke deutscher Jugendliteratur wagen.

Als der Vorhang sich hebt, verzaubert bereits der erste Anblick und die Musik von Michael Frei hat das Publikum schon vorbereitet. Es gibt Pop statt Volksmusik. Niemand singt das Lied von der Insel mit zwei Bergen und das ist auch ganz gut so. Die Inszenierung von Katharina Ramser macht sich so weit es geht frei von den Schablonen der Puppenkiste.

Die Bonzen haben nur kurze Zeit Oberwasser.
Alle Fotos: Thomas Müller
Auch im Bühnenbild von Michael Böhler sind keine zwei Berg zu sehen sondern der Laden von Waas, der übergeht in die Burg von Alfons den Viertel vor Zwölften, die übergeht in den Lokschuppen. Alles ist miteinander verwoben und verzahnt. Wer bisher nicht wusste, was Mikrokosmos bedeutet, dem sollte es spätestens jetzt klar sein.

Der kindlichen Hälfte sind soziologische Überlegungen egal. Eine ganze Insel auf 2 mal 5 Meter, schön übersichtlich, aber zuwenig Platz, das wird deutlich. Dann sind da noch die kleinen Gags, die entdecken kann wer will. Dazu gehört auch die Uhr, die immer auf Viertel vor Zwölf steht. Der Zeigefinger des härtesten aller Kritiker wandert über die Bühne.

Dann kommt Herr Ärmel ins Bild und auch Frau Waas. Herrlich, diese 50-er Jahre Klamotten. Daniel Mühe in mausgrau und unscheinbar, Katharina Müller im farbenfrohen Petticoat. Bei den Kostümen hat Stefani Klie ins Füllhorn gegriffen. Mit dieser Besetzung wagt Katharina Ramser den nächsten Bruch. Diese Frau Waas hat nicht gemeinsam mit der großmütterlichen Vorlage sondern ist lebensnah und tatkräftig.

Die Erzählung setzt mittendrin ein. Die Vorgeschichte klären Frau Waas und Herr Ärmel im Dialog. Diesen Kunstgriff macht die Dramaturgie von Jascha Fendel noch an einigen anderen Stellen und nicht immer so gelungen wie hier. Für Knopf-Experten mag dies gelegentlich zäh wirken, aber es ist ein probates Mittel, um die lange Geschichte auf kindgerecht 75 Minuten zu kürzen.

Nun betreten die anderen Akteure die Arena. Florian Eppinger gibt einen Lukas wie man sich einen Lokomotivführer wünscht, zupackend, handlungsorientiert und immer Kopf hoch. So einem möchte man gern zum besten Freund haben und Kinder brauchen das.

Die etwas verwirrten Charaktere scheinen die Lieblingsrollen von Gerd Zinck zu sein. Auf jeden Fall ist sein König Alfons recht planlos, ohne aber die Grenze zum Lächerlichen zu überschreiten. Marchal Impinga Rugano bringt die nötige Frische und Unbekümmertheit mit, um einen glaubhaften Jim Knopf zu spielen. Solch ein Junge zögert nicht lange, um mit seinem besten Freund in die Welt zu ziehen.

Ein Schwarz, schwärzer als Schwarz: Die Schule der
Frau Mahlzahn.
Ach ja, die Emma, die darf natürlich nicht fehlen und die Göttinger Emma ist so etwas wie die Exzellenz unter den Dampfloks. Still und zurückhaltend, aber immer präsent.

Damit beginnt der Reigen an wunderbaren Bildern. Die Reise über das Meer erweist mit dem Folien-Trick seine Referenz an die Puppenkiste. Das versteht nur die ältere Hälfte im Publikum und der anderen ist es egal. Die sieht eine Bühne in vertrauenswürdiges Blau getaucht und einen Jim Knopf und einen Lukas, die als Puppen in einer Mini-Emma über die Bühne gezogen werden. Das macht Appetit auf mehr.

Es ist eine zauberhafte und verzauberte Welt, durch die beiden Freunde da reisen. Das Bühnenbild zu China verschlägt dem härtesten aller Kritiker und seinem Vater erst einmal die Sprache. Das man soviel Exotik mit Augenzwinkern und Selbstironie auf die Bühne eines Stadttheaters bringen kann, macht schon sprachlos.

Die Inszenierung von Katharina Ramser hat aber auch die ordentliche Portion von Respektlosigkeit bewahrt, die viele Kinderbücher der späten 50-er und frühen 60-er Jahre auszeichnet. Der Einsatz der Unter- und Oberbonzen ist eine gelungene Farce auf Obrigkeitsdenken. Das erfreut sogar das Pubertier.

Aber der stärkste Auftritt, der mit Szenenapplaus belohnt wird, gehört einer Puppen, nämlich Ping Pong, dem 32. Kindeskind des Oberkochs. Das man so viel Leben in ein wenig Stoff, Styropor und Draht bringen kann, das begeistert. Überhaupt stört hier keine political correctness das Auslaben von Klischees.

Diese Inszenierung erhebt den Anspruch, ein Familienstück zu sein und diesen Anspruch erfüllt sie zur Gänze. Es gibt jede Menge Poesie für die Best Ager, Dramatik für die Eltern und Klamauk für die Jüngsten. Dazu gibt es Dramatik für die Best Ager, Klamauk für die Eltern und Poesie für die Jüngsten. Die Reihe könnte man noch fortsetzen

Ende gut, Alles gut und Lummerland wird auch noch
größer.       Alle Fotos: Thomas Müller
Egal welche Altersklasse, das Ballett der Geier überzeugt nicht nur choreographisch sondern für als Comedy, auch ohne Text. Absicht und Hoffen der Aasfresser wird auch der Generation U 13 klar. Aber auch hier bleibt die Grenze zur Lächerlichkeit unangetastet.

Ronny Thaleyer spielt den Halbdrachen Nepomuk mit mitreißender Inbrunst, dass man meint, selbst unter der dicken Maske noch das strahlende Lachen sehen zu können. Überhaupt liegt der Zauber dieser Aufführung dran, dass alle Akteure sehr viel Spaß am Spiel haben und diesen Spaß eben auch vermitteln und in das Publikum tragen können. Ein strahlendes Lächeln streift mehrfac über das Gesicht des ach so coolen Pubertiers. Es ist wohl der Blick zurück in eine Kindheit, die gerade zu Ende geht.

Schluss mit der Poesie, nun geht es in die Drachenstadt und die ist vor allem dunkel. Ein Schwarz, schwärzer als Schwarz, ein Schwarz, das alles Licht schluckt. Alpträume werden wahr. In dem höhlenartigen Bühnenbild blicken nur die gelben Augen von Frau Mahlzahn auf. Das wirkt nicht nur auf Kinder. Zumindest optisch ist dieser Drache ein Genuss.

Bis hierhin ist das Erzähltempo eher auf Dampflok-Niveau. Dem Publikum bleibt genug Zeit, unterwegs die zahlreichen Blumen zu pflücken. Der Text kann wirken und der härteste aller kritiker weiß das zu schätzen. Dann geht alles ganz schnell. Die Dampflok wird zum rasenden ICE und zwingt den Drachen in die Knie. Der Jubel ist groß und der Weg zum Happy End vorbereitet. Der zeigt sich im heiteren Ton eines 50-er Jahre-Musicals.

Alles wird gut, wenn du einen Freund hast, auf dem man sich verlassen kann. Und es ist gut, wenn du weißt, was du willst. Dann kannst du alle Gefahren der Welt bewältigen und die Platzproblem in Lummerland erst recht. Das ist die Mutmacher-Botschaft dieses Stücks. Dafür gibt selbst der härteste aller Kritiker eine klare Eins.




Material #1: Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer - Das Buch
Material #2: Michael Ende - Die Biografie

Material #3: Deutsches Theater - Die Website
Material #4: Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer - Das Stück


Andere Meinungen vom härtesten aller Kritiker

Der härteste aller Kritiker - Teil eins
Der härteste aller Kritiker - Teil zwei
Der härteste aller Kritiker - Teil drei
Der härteste aller Kritiker - Teil vier
Der härteste aller Kritiker - Teil fünf
Der härteste aller Kritiker - Teil sechs
Der härteste aller Kritiker - Teil sieben
Der härteste aller Kritiker - Teil acht
Der härteste aller Kritiker - Teil neun
Der härteste aller Kritiker - Teil zehn
Der härteste aller Kritiker - Teil elf
Der härteste aller Kritiker - Teil zwölf
Der härteste aller Kritiker - Teil dreizehn
Der härteste aller Kritiker - Teil vierzehn
Der härteste aller Kritiker - Teil fünfzehn
Der härteste aller Kritiker - Teil sechzehn
Der härteste aller Kritiker - Teil siebzehn






Sonntag, 4. November 2018

Wenn Näseln und Brummen gewollt sind

Das Modern Cello-Piano-Duo in Osterode

Wer hätte gedacht,dass bei einer Veranstaltung der Musikgemeinde jemals ein Song von Nirvana erklingt? Dazu bedurfte es erst des Besuchs von Daniel Sorour und Clemens Kröger. Als Modern Cello-Piano Duo gastierten sie in der VHS Osterode und hatten noch einige andere Überraschungen im Gepäck.

Von kammermusikalischer Besinnlichkeit war das Konzert im VHS-Forum weit entfernt. Spanische Tänze und bombastischer Rock im Gewand klassischer Instrumentierung bestimmten das Programm. Expressive Spielweise dominierten den Vortrag. Dabei schaffen es Sorour und Kröger, eine klare Linie zu halten und Kontinuitäten über die unterschiedlichen Stile zu verdeutlichen.

Oben näselt es, unten brummt es, so lautete Dvorák Urteil über das Cello. Doch die Zeiten ändern sich und auch die Hörgewohnheiten. Was einst als Abwertung gedacht war, wird hier zum Gewinn. In beeindruckender Weise weiß Daniel Sorour die Klangmöglichkeiten seines Instruments zu nutzen und zu vermitteln. Doch der Bezug zum vermeintlichen Cello-Spiel von Jimi Hendrix entfällt, der Vergleich gebührt einem anderen.

Aber es geht rasant los. Den Auftakt machen zwei Stücke aus den Danzas Espagnolas von Enrique Granadas. Ein Cello kann also auch Flamengo. Dann kommt das Kontrastprogramm. Nach dem kräftigen Klavierakkorden übernimmt das Cello. Die Euphorie weicht der Melancholie und Sorour legt ein sehr feines Vibrato in sein Spiel.

David Sorour ist zumindest am
Cello besser als Brian May.
Foto: Kügler
Diese feine Technik gepaart mit der Fähigkeit, einen Ton bis in die Unendlichkeit zu ziehen, macht dann die Milonga del Angel zu einem himmlischen Genuss. Sorour trifft den typischen Ton von Piazzolla. Man braucht also kein Bandoneon, um diese Mischung aus Traurigkeit und Hoffnung in Musik umzusetzen und es ist einer dieser seltenen Momente, in der sich ein Konzertsaal aus dem Raum-Zeit-Gefüge löst. Zumindest tritt die nüchterne Atmosphäre des Konzertsaals in den Hintergrund.

Mit der Pampeana geht es wieder in kräftigere Gefilde. Zwei Songs von Freddi Mercury beweisen, dass die Musik von Queen eigentlich Klassik im Rockgewand ist. Wenn Brian May je ein Cello gehabt hätte, dann hätte er es wohl so gespielt wie David Sorour bei Don't stop me now.

Zur Opulenz der Showrocker setzten Kröger und Sorour nach der Pause den Kontrapunkt. Die Fratres von Arvo Pärt übersetzt die Innerlichkeit der Gregorianik in den Minimalismus der 60-er Jahre. Das Modern Cello-Piano Duo ist also mit allen musikalischen Wassern gewaschen. Folgerichtig singt das Cello geradezu im The Girl from Ipanema. Das Forum der VHS swingt und das Publikum summt mit.

Erst nochmal Piazzolla und dann das, worauf viele gewartet haben: Smells like Teen Spirit von Nirvana und dass geht auch richtig ab. Kröger legt mit expressiven Klaierspiel die Basis, auf der Sorour sein Cello im Grunge-Style schreien lässt. Damit ist klar, dass es gar nicht so entscheidend ist, aus welcher Schublade man die Noten holt. Entscheidend ist die Tatsache, dass Musik das Transportmittel für überbordende Emotionen ist, die auch mal die Jahrhunderte überdauern können. Das ist die Erkenntnis dieses Abends.





Material #1: Modern Cello-Piano Duo - Die Website

Material #2: Musikgemeinde Osterode - Die Website





Dienstag, 30. Oktober 2018

Zaubertanz


Sommernachtstraum als Ballett zwischen Komödie und Kunst

Das ist Tanztheater in der fünften Dimension. Mit seiner Choreographie zu Shakespeares "Sommermnachtstraum"  am Theater Nordhausen verzaubert Ivan Alboresi nicht nur. Er setzt neue Wegmarken in Sachen zeitgemäßes Ballett. Die Premiere hinterließ ein begeistertes Publikum.

Eigentlich wollte er ja nie Erzählballett machen. Stimmungen zu generieren und zu transportieren, dass sei sein Anliegen, hat Nordhausens Ballettchef Ivan Alboresi immer wieder betont. Nun ist er sich selbst untreu geworden und hat wohl deswegen hat seine Ballettcompagnie TNLos eine großartige Leistung vorgelegt. Die drei Bilder "Tag", "Nacht" und "Morgen" glänzen durch eine eigenständige Formsprache.

Tanz, Musik, Kostüme, Bühnenbild und Licht. Hier stimmt alles und alles fügt sich in ein verzauberndes Ganzes. vor allem Wolfgang Kurima Rauschning ist mit dem Bühnenbild ein großer Wurf gelungen. Es ist keine Dekoration, ist keine Spielflächebegrenzung sondern akitver Part der Inszenierung. Als Puck im zweiten Bild eintritt in einen Dialog mit der Videoanimation des Bühnenbilds ist die fünfte Dimension eröffnet.

Aus vielen Einzelnen wird ein Ganzes und das wogt.
Alle Fotos: Andras Dobi
Doch erst ist die Bühne leer und die Wände blank. Die Amazonenkönigin Hippolyta ganz auf sich geworfen. Sie hat den Kampf gegen Theseus verloren und muss nun den Herzog von Athen heiraten.  Gabriela Finardi schafft es eindrucksvoll, diesem Kummer eine Gestalt zu geben. Ganz in sich versunken ist sie fast schon das bekannte Häufchen Elend. Doch sie schafft es, sich aus der Verzweiflung zu lösen und großen kreisen Bewegungen macht sie die Bühne frei für die Pärchen, die sich nun suchen und finden.

Sie drehen sich umeinander. Der Tanz beschleunigt sich. So sieht also das merkwürdige Paarungsverhalten geschlechtsreifer Großstädter aus. Die kreisenden Bewegungen beschleunigen die Choreografie und die immer wiederkehrenden Muster des Cembalos wirken wie ein Techno-Song aus dem Barock. Mit dem Einsatz des Minimalisten Philip Glass ist Michael Helmrath ein belebneder Bruch der Erwartungen gelungen. Schließlich war Romantik mit Mendelssohn Bartholdy angekündigt worden.

Aber aus den Paaren werden Kleingruppen und daraus wird ein Tutti. Der Modern Dance wird ergänzt mit Schritten aus dem Jazz Dance. Trotzdem bleibt jede Figur im Ensemble klar zu erkennen und mischt sich doch zu einem Ganzen, das wogt und köchelt. solche dynamischen Bilder mit Körpern zu schaffen, das ist die Hohe Kunst, die Ivan Alboresi beherrscht wie kaum ein anderer. Damit erdet er die zahlreichen Stränge des Erzählballetts in einer großen expressiven Geste.

Dann wird barocke Pracht auf die weißen Wände projiziert. Theseus und Hippolyta schreiten ein zur Vermählung. die schlichten Kostüme werden durch floralen Wagemut ersetzt. Die nächste Überraschung ist gelungen.

Das Paar des Abends: Puck und
Pouquette.      Foto: Andras Dobi
Im nächsten Bild ist dann Zauberwelt angesagt. Die Nacht dämmert im Wald und Mendelssohn Bartholdy erklingt. Joshua Lowe hat auch als Oberon das Schreiten beibehalten. Er ist der Herrscher im Wald, das ist deutlich. Er kann seine Position als Solist an diesem Abend wieder unter Beweis stellen.

Doch die Darsteller, die den größten Eindruck hinterlassen, sind eindeutig Keiko Okawa als Pouquette und Andrea Guiseppe Zinnato als Puck. Kann man frech tanzen? Diese Frage ist in der Fachliteratur noch nicht beantwortet.

Aber Okawa und Zinnato geben ein Antwort darauf. Ja, es geht. Kopf nach Oben, und immer schnelle kleine Schritte und hier ein Sprung und dort ein Sprung. In beeindruckender Harmonie bilden sie die jugendliche Seite dieser Komödie um. Zwischen die meditativen und verzweifelten Szenen setzt das Duo die frechen Akzente. Dafür gibt es am Ende auch donnernden Applaus.

Vor der fünften Dimension kommt die vierte. Die Bürger hat es in den Wald verschlagen. dort treiben sie ihr Paarungsverhalten weiter. Doch dann ist punktgenau Stillstand, das Bühnenbild verschwindet im Dunkel. Nur Spots beleuchten einzelne Akteure und dann regnet es Reclam-Hefte in die offene Hände. Zeit und Licht treffen zusammen. Boahh, gekonnt und zauberhaft.

Im Zaubertanz regnet es Einfälle. Es ist diese Vielzahl an Überraschungsmomenten und die Erzählungen von den zahlreichen Wandel der Akteure, die diese Choreografie ausmacht. Shakespeares Handlungsstrang wird in das Persönliche und das Expressive erweitert. Damit überwindet Alboresi dann doch die Begrenzungen des Erzählballetts.





Material #1: Theater Nordhausen - Der Spielplan
Material #2: Sommernachtstraum - Die Choreografie

Material #3: Shakespeares Sommernachtstraum - Die Handlung
Material #4: Mendelssohns Sommernachtstraum - Die Musik







Donnerstag, 25. Oktober 2018

Zwischen Florett und Keule

Lesung mit Waschanlagen, Welpenkäufer und Katzenfutter-Sommeliers

Dietmar Wischmeyer schont niemanden. Weder sich und schon gar nicht sein Publikum. Das weiß das aber und kommt trotzdem und gerade deswegen. Also war das Deutsche Theater voll, als er beim Literaturherbst Göttingen las und zwar vor und zurück.

1996 hieß der Bundeskanzler Helmut Kohl und Muhammad Ali eröffnete die Olympischen Spiele in Atlanta. Damals war Wischmeyer das letzte Mal zu Gast beim Literaturherbst. Er und das Frühstyxradio definierten damals, was Humor in Deutschland darf. Seitdem fielen das Privatfernsehen und die Political Correctness über das Land her. Beide verschoben die Grenzen in unterschiedliche Richtungen.

Wischmeyer ist das egal. Damit ist eine Lesung mit dem Vater des Frühstyxradios auch eine Reise in die Zeit, als PC noch für Personal Computer stand. Wie das so eben ist, wenn man sich lange Zeit nicht gesehen hat. Die Erwartungen sind besonders hoch. Doch Wischmeyer liefert.

Draußen herrscht Rock-Konzert-Gedränge, im Musentempel eher stille Spannung. Klein und bescheiden tritt Wischmeyer hinter dem Vorhang hervor. Er verbeugt sich kurz und nimmt Platz. Die Veranstaltung ist als szenische Lesung angekündigt. Die ganze Szenerie besteht aus einem Amtsstubenschreibtisch und einem orangen Telefon mit Wählscheibe.

Das ist die ganze Szenerie bei der Lesung.
Alle Fotos: Kügler
Es gibt keine lange Vorrede, kein Gedöns. Wischmeyer steigt gleich in die Lesung ein. Auch später wird er auf Überleitungen zwischen Texten verzichten. Die Übergänge sind fließend, aber das gilt ja auch für die Wischmeyersche Fiktion und dem, was die meisten im Publikum für Realität halten.

"Wischmeyer liest vor und zurück" lautet der Titel und der Wortwitz erschließt sich erst beim zweiten Nachdenken. Das war es dann aber auch mit Lyrik, der Rest ist Punk.

Das Publikum hat zwar das Alter der Punk-Heroen, doch es ist durch und durch Bildungsbürgertum. Ein paar Enkelkinder im Geiste sind auch dabei.

Das Programm hat er extra für Göttingen zusammengestellt, seine alte Hassliebe. Über anderthalb Stunden streift er im Schweinsgalopp alle Themen, die die Republik in die selbst verschuldete Hysterie treiben. Bevölkert ist das Wischmeyersche Universum mit Rentnern, Autofahrern und irrlichternde Ex-Präsidentengattinnen. Ach ja, dann taucht da auch noch ein seltsames Gebilde namens SPD auf.

Wischmeyer gießt Häme über sie alle aus. Aber auch über sich selbst. Das unterscheidet den Humoristen von solch Comedy-Chargen wie Mario Barth oder Chris Tall. Er tut dies mit einer Wortgewalt und mit Satzungetümen, die in der  Wat-denn-Wat-denn-weeßte-weeßte-Fraktion zum Hirntod durch Überforderung führen würde. Es ist, als würde Wischmeyer mit Keule und Florett zugleich auf die Selbstgerechten losgehen.

Jeder Satz ist gespickt mit Doppeldeutigkeiten und das Ergebnis eines berechtigen Kalküls. Da hat sich Wischmeyers Studium doch gelohnt und deswegen hat gerade der akademiker und seine Gattin Gefallen an diesem Programm. Wischmeyers Tiraden haben eine Ersatzfunktion. Er macht das, was die Südstadt- und Ostviertelbewohner sich aber nicht dürfen traut.

Egal ob Welpen-Verkauf oder Rache am Finanzamt. Er macht dies in solch einem rasanten Tempo, dass der Zuhörer kaum noch nachkommt. Kaum hat man man eine Pointe verstanden und setz zum Lachen an, da ist schon die nächste Sottise vorbeigezogen und wartet die übernächste Plattitüde. Dazwischen kommen noch zwei Anspielungen und Seitenhiebe. Aber nie lachen alle. Da muss es im Publikum doch unterschiedliche Empfindlichkeiten geben.

Zum Schluss greift doch zum Hörer.
Alle Fotos: Kügler
Wischmeyer auf skurrile Szenarien auf, in deren Dickicht sich mitunter auch sein Alter Ego verstrickt. Das hat schon Kishon so gemacht gemacht, aber bei Wischmeyer ist das Tempo wesentlich höher. Dem Absurden setzt er kühle, fast technische Formulierungen gegenüber, kaum Adjektive oder Adverbien. Der Kontrast steigert das Vergnügen.

In dieser Überspitzung liegt der hohe Realitätswert und deswegen funktioniert das Kopfkino zum Bericht aus der samstäglichen Waschanlage oder zum Dating in der Dorfkneipe so gut. Irgendwann wird die Wirklichkeit Wischmeyers Prophezeiungen einholen, dass ist gewiss. Dass sich sich die zukünftigen Rentner keine Pkws werden leisten können, das ist Gewissheit.

Wischmeyer gießt Häme aus, aber er macht das unpersönlich. Es trifft die Stereotypen. Wer hier verwurstet wird, ist erleidet dies als Stellvertreter für all die Paketboten, Sommeliers, Hipsters "Irgendwie-schon-super-Sagern" und sonstige Nervensägen, die die Republik im Würgegriff haben. Selbst Knöllchen-Horst findet an diesem Abend keine Erwähnung. Weil es Unpersönlich ist, kann man ruhigen Gewissens über diese Mitmenschen lachen.

Szenisch wird die Lesung dann doch irgendwie. Es tönt Grieg aus dem Hintergrund und dann auch der Soundtrack zum kleinen Tierfreund. Da werden Erinnerungen wach und die Vorfreude läuft als Lachtränen aus manchem Augenwinkel. Als Wischmeyer dann zum Ende des Programms den Telefonhörer ergreift, artet es fast in Method Acting aus. Aber auch hier bleibt das gewaltige Wort und dessen Witz im Vordergrund.

Auf jeden Fall spricht er eine Sprache, die einst Tacheles genannt wurde. Damit setzt er zum Abschluss des Literaturherbstes noch einmal ein deutliches Ausrufezeichen. es bleibt zu hoffen, dass der nächste Besuch nicht erst in 22 Jahren stattfindet.





Material #1: Der Göttinger Literaturherbst - Die Website

Material #2: Dietmar Wischmeyer - Die Biografie
Material #3: Ganz offiziell - Die Website

Material #4: Niederachsen und Usbekistan - Interview mit Wischmeyer über Humor
Material #5: Die Welt muss nicht verbessert werden - Wischmeyer über Sendungsbewußtsein
Material #6: Im Ausland ist es gruseliger - Interview über das Land der Bekloppten