Donnerstag, 9. August 2018

Der Käpt'n ist erst am Anfang der Reise

Max Prosa debütiert mit einer Performance beim Theaternaturfestival

Ein Festival der darstellenden Künste zu sein, das ist der Anspruch von Theaternatur auf der Waldbühne in Benneckenstein. Deswegen gibt es auch Workshops, Konzerte und Kino und eben auch ein Performance. Die hier ist von Max Prosa, heißt "Die Reise des lausigen Kapitäns" und kommt noch nicht so recht von der Stelle. Mehr als "Leinen los" ist nicht drin.

Max Prosa wird unter dem Label Singer-Songwirter geführt und ist er der zahlreichen Vertreter der neuen deutschen Innerlichkeit. Nicht umsonst heißt sein aktuelles Projekt "Im Stillen" und versammelt Lieder, Lyrik und Erzählungen in einem Band und dies ist auch die Vorlage für die Performance "Die Reise des lausigen Kapitäns". Bei der Uraufführung in Benneckenstein ist ihr recht schnell der Wind ausgegangen.

Der lausige Kapitän ist Ex-Student und einst wollte er zu Reisen jenseits des Horizonts aufbrechen. Doch er ist nie aus der Fußgängerzone herausgekommen und verdient dort sich seinen Lebensunterhalt als Straßenmusiker. Per Zufall trifft er auf zwei alte Weggefährten, die die Reise schon frühzeitig abgebrochen haben und sich nun wieder im konventionellen Fahrwasser befinden.

Ein Abend voller Selbstbetrachtung.
Foto: Kügler
Das ist der Ausgangspunkt und von diesem hält der lausige Kapitän Rückschau auf sein Leben. Auf der LED-Wand tauchen die Geister, die er rief, Stück für Stück auf. Mit Musik und Texten arbeitet sich Max Prosa nun daran ab.

Es ist Lyrik vom allerfeinsten. Jedes Wort passt, nichts ist zuviel und die Bilder, die er mit Sprache mal, sind eingängig. Das Publikum ist in wenigen Augenblicken in Reiselust. Das ist wohl der Zauber der Poesie.

Musikalisch ist es leichte Reisekost, reduziert auf Stimme, Gitarre und E-Piano.  Der Dialog Sänger - E-Piano mit der Ex-Liebe Maria gehört sicherlich zu den intimsten Momenten. Der Tanz mit dem Maria-Tuch lässt die Zeit still stehen. Doch das trägt nicht ein ganzes Abendprogramm. Was im intimen Club funktionieren mag, das läuft auf der großen Bühne ins Leere.

Es erinnert sehr an Jacques in seinen depressiven Phasen, wie die Long-Version von "Ne me quitte pas". Leider geht Max Prosa die Energie des legendären Belgiers völlig ab. Er stellt Fragen, zeigt aber keine Möglichkeiten auf. Es scheint, als ob die Generation Klettverschluss kaum der Pubertät entronnen schon in der Midlife-Krise angekommen ist.

So ehrlich ist Max Prosa dann doch. Hier wir kein Aussteigertum verherrlicht. Er hinterfragt die falsche Romantik durchaus. Während die Kumpels im seichten Fahrwasser vor sich hindümpeln scheint der lausige Käpt'n in die Sackgasse geraten zu sein.

Was eine poetische Betrachtung zum Thema "Kein richtiges Leben im Falschen" werden könnte, scheitert am spröden Spiel der drei Akteure. Was die Aussprache und die Varianz der Stimme anbelangt, da muss der lausige Kapitän aber noch mal ordentlich nachsteuern. Von Anfang bis Ende befindet er sich in ein und derselben Tonlage.

So bleibt die Gewissheit, an Bord einer Uraufführung gewsen zu sein und und einem Experiment beigewohnt zu haben. Dennoch sei dem lausigen Kapitän für die weiteren Fahrten immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel gewünscht. 






Material #1: Theaternatur - Das Festival


Material #2: Max Prosa - Die offizielle Website
Material #2a: Max Prosa - Bei Facebook
Material #2b: Die Biografie - Max Prosa bei wikipedia

Montag, 6. August 2018

Alles voller Magie


Shakespeares Sturm in einer Inszenierung nicht von dieser Welt
  

Sprechtheater, Musik und Videoanimationen, es ist ein Theaterstück an der Grenze zur Performance. Mit seiner Inszenierung von Shakespeares Sturm überzeugt Janek Liebetruth zum Start des Theaternaturfestivals. Inhalt und Raum verschmelzen zu einer Einheit.

Das Stück startet fulminant. Aus den Lautsprecher singt Kai Wingenfelder davon, dass es nicht die Zeit, sich Fragen zu stellen. Auf der LED-Wand brennt ein Feuerwerk ab und ein Sturm fegt über die schwarze, verspiegelte Spielfläche. Vom Rand tritt Angelika Böttiger in das Auge des Sturm. Sie ist die Zauberin Prospera und die Herrin der sturmumtosten Insel mit Rockstar-Gehabe.

Schon vor zwei Jahren in seinen Räubern hat Regisseur Janek Liebetruth eine tragende Rolle das Geschlecht wechseln lassen. Miranda darf aber Tochter bleiben, so will Liebetruth den  Generationskonflikt und den demographischen Konflikt als Überthema des diesjährigen Festivals hervorheben. Schließlich gehe es ja auch um Macht über die Nächsten.

Angelika Böttiger ist ganz die rachelüsterne Herrscherin, steif in Gestik und Mimik und knapp im Befehlston. Erst vor dem finalen Schlag gegen den verhassten Bruder Antonio darf sie herunterkommen von hohen Ross und vom Proklamations- in den Sprechmodus wechseln. Es deutet sich ein Prozess an. Aus Rache wird Güte und damit ist es nicht verwunderlich, dass auch hier alles zum Schluss in Harmonie endet. Katja Göhler als Miranda bleibt auf die Rolle der folgsamen Tochter reduziert und damit nicht mehr als Beiwerk.

Das Personal haben Janek Liebetruth und Lena Fritschle deutlich reduziert. Zwar sind nur noch sieben Figuren auf der Bühne zu finden, doch für das Stück bedeutet dies keine Einbuße. Ganz im Gegenteil, die Straffung bedeutet Konzentration.

Dem stehen viele Einfälle gegenüber, die erst überraschen und dann überzeugen. Dazu gehört bestimmt das Trimmrad als Symbol für sklavenhaftes Schuften. Überall sind Andeutungen versteckt.  Im Minutentakt gibt es in dieser Inszenierung etwas zu entdecken, manchmal im Kleine und Verborgenen, manchmal in der großen Geste.

Im diesem Ensemble von sieben gleichwertigen Darstellern nimmt Vincent Göhre dennoch eine Sonderrolle ein. Als Windgeist Ariel sorgt er für die komödiantischen Augenblick. Vor allem beherrscht er die kleinen Tricks bewundernswert. Wo andere auf viele Worte und raumgreifende Gesten setzen, brilliert er mit Mimenspiel und beiläufigen Handgreiflichkeiten. Seine Geringschätzung für den urinierenden Antonio braucht keine Worte, Blicke reichen.  Kaum zu Glauben, dass der junge Mann gerade mal Mitte zwanzig ist. Somit ist von Vincent Göhre noch viel zu erwarten.

Prospera hat den Geist, den sie rief, gut im Griff.
Fest verankert im dramatischen Fach ist Gerrit Neuhaus als Königssohn Fernando. Wie Böttiger auch eine Stammkraft beim Theaternaturfestival zeigt jetzt Neuhaus mit dem liebestrunkenen Prinzen mal eine neue Seite seiner Darstellungskunst. Auch die ist sehenswert. Aber vor allem sein suchender Blick und sein ratloser Körper beim Landen auf dem unbekannten Eiland bleiben in Erinnerung.

Die undankbarste Rolle hat ohne Frage Lena Stamm als Monstrum Caliban. Der Geschlechterwechsel beim Nachwuchs der Hexe Sycorax gibt zumindest die Möglichkeit eine zusätzliche Liebesgeschichte mit dem Mundschenk Stephano zu inszenieren und zu zeigen, dass die Liebe auch aus Monstern empfindsame Wesen. Aber es ist vor allem die großartige Stimme, mit der Lena Stamm überzeugen kann. Ihr "Like a prayer" hat Gänsehautfaktor.

Über der Einsatz von Pop-Songs. Das ist nicht Beiwerk oder Stimmungsmache. Die Musik wird zum Träger der Handlung und beschert dem allwissenden und ahnenden Publikum durchaus heitere Momente.

Nun hat Shakespeares Werk schon mehr als 4000 Jahre auf dem Buckel. Wie transportiert man das Treiben um Rache und Vergebung in die Gegenwart? Der Einsatz der Musik ist ein Mittel, aber  Liebetruth und Fritschle setzen auf die Sprache. Prospera verbleibt als erhabenes Monumentum ewigen Menschheitstriebe durchweg im Shakespearischen Original, doch alle anderen Figuren dürfen auch mal in die Jetzt-Sprache wechseln. Je weiter unten im Ranking, desto öfter sogar. Antonio und Stephano dürfen sogar ins Managersprech wechseln.

Die Botschaft? Die Sanierer und Abservierer des 17. Jahrhunderts unterscheiden sich nicht von denen des 21. Jahrhunderts. Noch nicht einmal die Kostümierung unterscheidet sie. Dieser Strum ist alles andere als ein Historienspiel und die einfallsreich und überraschende Ausstattung von Leah Lichtwitz bewahrt diese Inszenierung ganz bestimmt davor.

Der Prinz ist auf der Suche.
Alle Fotos: Kügler
Ein Prinz im Blümchen-Sakko und ein amtierender Herzog gekleidet wie ein Vorstadtzuhälter. Lichtwitz hat Mut bewiesen und dieser Mut zahlt sich für alle Beteiligten aus.

Ach ja, dann sind da ja noch die Bühne und das Bühnenbild. Eine schwarze, verspiegelte Spielfläche, gesäumt von fünf LED-Wänden und Spiegeln. Auf dem ersten Blick wirkt es wie ein Raumschiff, ein technisierter Fremdkörper inmitten des Waldes. Damit erfüllt es alle Kriterien eines Schauspielverhinderungsbühnenbildes.

Doch Daniel Unger ist hier Großartiges gelungen. Das Bühnenbild ist weder Beiwerk und reine Kulisse, noch Monstrum im Hintergrund. Es ist aktiver Teil der Inszenierung. Die Animationen geben den Ort an, zeigt Fenster und Türen, wenn Prosperas Heim die Spielstätte ist oder zeigt grüne Wildnis wenn Antonio und Stephano durch die Gegend irrlichtern. Vor allem aber zeigt es das, was auf einer Bühne mit konventionellen Mittel nicht machbar ist, die Zauberkraft der Prospera.

Aber es wirkt auch auf der Meta-Ebene, dieses Raumschiff. Mitten im Wald gelandet,  trennt es diesen Ort vom Rest der Welt, gibt ihm eine ganz besondere Magie. Die Waldbühne wird selbst zur Insel und das Publikum zu unsichtbaren Zuschauern beim Treiben der Herrscherin Prospera. Nach 400 Jahren Suche ist klar: Prosperos Insel liegt auf 51° 6' Nord und 10° 7' Ost.







Material #1: Das Theaternaturfestival - Die Website
Material #1a: Der Sturm - die Inszenierung

Material #2: William Shakespeare - Die Biografie
Material #2a: Der Sturm - das Stück

Ein Konzert, das nie enden dürfte

PKOW und Liv Migdal spielen in Benneckenstein die 8 Jahreszeiten

Persönliche Erklärung:

Da fährt man in die Berge, um eines seiner Lieblingsstücke zu hören und dann kommt man zurück und hat ein ganz anderes neues Lieblingsstück. Herrlich.

Vorspann:

Gegensätze und Gemeinsamkeiten, Referenz und Differenz in einem Konzert. Das war die 8 Jahreszeiten des Philharmonischen Kammerorchester Wernigerode und Stargast Liv Migdal beim Theaternaturfestival. Das Konzert auf der Waldbühne in Benneckenstein war eins von denen, die nie enden dürften oder zumindest doppelt so lang sein müssten.


Kleine Besetzung in ungewohnter Sitzordnung.
Alle Fotos: Kügler
Vivaldis Zyklus "Vier Jahreszeiten" gehört zum kollektiven Gedächtnis der Menschheit. Es soll keine Werk geben, das so oft eingespielt wurde, wie das Werk des Venezianers. Mit den Mittel der Barockmusik ist es ein ganzjährige Klimabeschreibung und dies macht es so eingängig, das das Publikum regelmäßig wetterfühlig wird.  Mit einer zyklischen Themenentwicklung ist das Paradebeispiel für die Tonsetzerei des  18. Jahrhunderts.

Also, was könnte man dem noch hinzufügen, was noch nicht gespielt wurde? Das Streicherensemble des Philharmonischen Kammerorchester schafft es dennoch. 18 Streicher und ein Cembalo: Sein Vivaldi ist schon in der Besetzung reduziert.

Wo die meisten Einspielungen auf Überwältigung bauen, setzen die Nordharzer auf Zurückhaltung. Der Auftakt im tutti klingt ungewohnt disharmonisch und ist wohl nicht als ein Verweis aus das zweite Stück des Abend. Dann übernimmt Alexey Naumenko als Solist und führt einen feinen Bogen.

Ein zarter, ein fast lyrischer Vivaldi entwickelt sich hier jetzt. Das hat wenig mit barocker Pracht zu tun, sondern erinnert schon an die Innerlichkeit romantischer Werke. Ob nun im Solo oder im tutti, alle Musiker scheinen die Töne zu streicheln, zu liebkosen und zu wiegen.

Trotzdem gibt es einen Rückgriff auf die barocke Praxis. Kein Dirigent versperrt in diesem Teil den Blick auf das Orchester. Naumenko agiert nur als Primus inter Pares, später kommen auch andere zu solistischen Ehren.

Im Allegro des ersten Satzes entwickeln der Solist, Krzysztof Baranowski und Nicolae Bogdan Ionita einen Dialog über drei Banden. Mit leichter Hand werfen sie sich das allgegenärtige Thema zu, entwickeln es weiter und geben es dann zurück an das Orchester. In solchen Momenten scheint die Zeit still zu stehen.

Naumenko kann auch anders. Die berühmte Gewitterpassage im zweiten Satz spielt er im stürmischen Tempo, dass dem Ensemble und dem Publikum die Noten nur so um die Ohren fliegen. Schwupp ist das Gewitter vorbei und wie in Natura verläuft alles zwei Gänge langsamer und leiser. Der Solist verzögert sein Spiel so sehr, dass das Raum-Zeit-Kontinuum fast gefährdet ist. Seine Synkopen erreichen die Länge eines Gitarrensolos von Peter Frampton. Fernab der Welt kann man sich in diesen See von Tönen versenken.

Im dritten Satz darf das Cembalo aus dem langen Schatten der Streicher treten.  Filigran, leicht und leise bleibt auch hier das Motto. Auch Hartmut Ruß am Cello tritt nun ins Licht. Das Cembalo übergibt an den Cellisten und der entwickelt eine einen Dialog mit der Solo-Violine.

Der Winter friert alles ein. Im vierten Satz ist die Experimentierfreude beendet. Das PKOW kehrt in die Fahrrinne der üblichen Rezeption zurück.

Piazolla ist das schwere Schicksal allumfassender Popularität erspart geblieben. Seine "Jahreszeiten in Buenos Aires" ist mit dem Makel "Expertenwissen" behaftet. Trotzdem drängen sich gleich zwei Fragen auf: Piazzolla ohne Bandoneon und Tango nur mit Streicher, kann das gut gehen?

Zumindest an diesem Abend auf der Waldbühne in Benneckenstein macht es das. Diese liegt natürlich am Stargast. Liv Migdal gehört zu den aufstrebenden Sternen am Himmel voller Geigen Trotz ihrer Jugendlichkeit hat Migdal schon eine Reihe von nationalen und internationalen Ehrungen erfahren. Zierlich an Gestalt beherrscht sie die Bühne schon vom ersten Augenblick an.

Aber erst einmal ist das Orchester am Zug. Hunderte von Hummeln lässt es durch den argentinischen Frühling summen. Fast meint man, ihnen beim Sprung von Blüte zu Blüte zusehen zu können. Dann erst setzt Migdal ein mit einem Streich über das volle Brett ein. Dann fügt ich die Solistin in das Treiben des Orchester ein.

Liv Migdal verzaubert das Publikum.
Alle Fotos: tok
Hier wird die Klasse der 30-Jährigen sofort deutlich. Piazzzolla hat es seinen Epigongen nicht einfach gemacht. Dieses Werk ist voll mit lautmalerische Passagen. Er hat die besagten Hummel um sich versammelt, manchmal knarrt eine alte Tür im Wind und im Gewitter knallt ein Fenster. Damit sind die Estaciones ein eine wirkliche Herausforderung und Migdal stürzt sich da gern hinein. Aber in Sekundenbruchteilen und ohne Übergang findet sie sofort wieder in den Strom der Melodie. Dies verlangt nicht nur Empathie mit dem Werk, sondern erst einmal technische Fähigkeiten auf höchstem Niveau

Fünf, sechs, sieben Mal springt Liv Migdal über diese großen Klippen und landet jedesmal butterweich im musikalischen Rio Plate. Das versöhnt das Publikum mit den ungewohnten Klängen. Es ist ein dieser selten Momente, in dem Auditorium und Bühnenpersonal unsichtbar verbunden seinen.

Mit ihrer Begeisterung reißt Migdal das gesamte Ensemble mit. EBen noch zurückhaltend und Venezianisch kühl entfesseln die 18 Streicher nun einen wahren Rhythmus-Sturm. Tango mit Bogen geht doch. Aus dem innerlichen und reduzierten Abend wird eine hochemotionales Event. Auch wenn Piazzolla einige Referenzen an Vivaldi verwendet hat, der Unterschied ist das belebende Element.

Also wird schon nach fünf Minuten klar, dass dieses Konzert einfach viel zu kurz sein wird. Dennoch fügen sich die Zuhörer in ihre schweres Schicksal und quittieren jeden der vier Sätze mit Applaus aus der Kategorie Pop-Art. Die Solistin fühlt sich geschmeichelt, gibt das Lob zurück und verstärkt damit das temporäre Band zwischen den vor und denen auf der Bühne noch einmal.

Was bleibt, ist die Erinnerung an einen einmaligen Abend.







  



Material #1: Theaternatur - Das Festival - Die Website
Material #2: 8 Jahreszeiten - Das Konzert

Material #3: Antonio Vivaldi - Die Biografie
Matterial #3a: Le quattro stagioni - Das Werk 

Material #4: Astor Piazzolla - Die Biografie
Material #4a: Estaciones Portenas - Das Werk

Material #5: Liv Migdal - Die Website
Material #5a: Liv Migdal - Die Biografie

Material #6: Das Philharmonische Kammerorchester Wernigerode - Die Website



Samstag, 14. Juli 2018

Ein ganz starkes Dribbling

Marco Luca Castelli variiert Maradona bei den Domfestspielen

Es ist ein intensiver Solo-Lauf über 75 Minuten, der immer wieder fasziniert und berührt. Mit seinen Maradona-Variationen zeigt Marco Luca Castelli, dass es im Theater durchaus persönliche Statements gibt, die auch anderen aus der Seele sprechen. Aber es ist wohl auch eine Rose, die nur im Verborgenen einer Studiobühne aufblühen. Auf jeden Fall hatten das Publikum, die Domfestspiele und der Fußball solch ein Stück selten nötiger als jetzt.

In Zeiten, in denen die große Koalition aus Prenzel-Schwaben und Heilsarmee den öffentlichen Diskurs beherrschen sind Castellis "Maradona-Variationen" ein  deutliches Nein zur neuen Moral, unter der die Lebensfreude erschrickt.  Allein schon deswegen, weil Castelli den Exzess als Lebensmodell in Betracht zieht, ohne ihn zu romantisieren.

Eine von Castellis Botschaft lautet: Ein Leben ist nur dann lebenswert, wenn es auch spürt und sich gern daran erinnert. Frei nach dem Motto: Man weiß, man ist da und wenn man dann tot ist, dass da was war. In Zeiten, in denen die normierten Hipster ein gleichförmiges Yin und Yang zur verbindlichen Maxime erhoben haben und sich am Durchschnitt orientieren, ist das schon ein kalkulierter Affront.

Matteo (unten) konnte den Triumph des SSC Neapel
nicht mehr miterleben.    Alle Fotos: Lormis 
"Die Maradona Variationen" sind bei den diesjährigen Domfestspielen die einzige Aufführung, in der nicht gesungen wird, die nicht witzig oder gar spektakulär sein will. Es ist ein Innehalten und ein Reflektieren über eine öffentliche Person, die aber auch zur Selbstreflexion zwingt. Castellis Beitrag ist mehr als Unterhaltung und damit der stärkste Beitrag in der Saison 2018.

Eine nackte Glühbirne beleuchtet die kleine Bühne. Kunstrasen, ein unechter Bonsai, ein farbstichiges Foto, eine Flasche Rotwein und ein Glas. Im Laufe des Abends bekommt jedes Teil diese Sammelsuriums seine Bedeutung. Aus den Lautsprecher klimpert Glenn Gould die Goldberg-Variationen. Noch so ein schwieriges Genie. Gemessenen Schrittes kommt Castelli die Treppe herauf, fast wie ein Torero, dann geht das Flutlicht an.

Vor den Rängen beginnt Castelli mit seinem Plädoyer. Mit raumgreifenden Gesten, eindringlicher Mimik und kräftiger Stimme erklärt er, warum es erstrebenswert ist wie der Fußballgott zu sein. Kaum zu glauben, aber er füllt das weite Rund der ehemaligen Klosterkirche ganz ohne elektrische Verstärkung.

Dann geht er mit der Stimme runter, setzt eine Kunstpause, um kurz zu erklären, warum es gar nicht gut sein könnte, wie Maradona zu sein. Doch dann setzt er sein Plädoyer wieder fort. Das nennt man Bühnenpräsenz. Das mag zwar manchem Theoretiker old fashioned zu erscheinen, wirkt aber und ist in der Enge des Raums ergreifend.

Das Warmlaufen ist vorbei, das Flutlicht geht aus, die nackte Glühbirne wirft ein spärliches Licht auf die Spielfläche. Gould klimpert wieder die Goldberg-Etüden. Diese Einstellung trennt die einzelnen Szenen voneinander und Castelli geht in die Kabine und wechselt in der  Zwischenzeit in eine andere Rolle.

Am 10. Mai 1987 hatte Diego Armando Maradona den SSC Neapel zur ersten italienischen Meisterschaft geführt. Zum ersten Mal errang eine Mannschaft aus dem Süden den Scudetto. Das war mehr als Genugtuung für eine Region seit mehr als 120 Jahre abgehängt war.

Fußball und Bier gehören wohl doch zusammen.
Castelli erzählt von diesem Tag aus der Perspektive eines Fans und er macht dies in einer Eindringlichkeit, die einen manchmal schaudern lässt. Die Grenze zwischen Darsteller und Rolle verschwindet an diesem Abend zum ersten Mal. Mal ist er laut, mal nachdenklich, mal hart am Weinen. Vor allem wenn der unbekannte Tifosi von seinem Freund Matteo erzählt, der diesen Tag nicht mehr erleben konnte.

Auch wenn im Publikum nur Tedesci sitzen, können sie endlich verstehen, was dieser Tag für die Bewohner des so arg geschmähten Mezzogiornos bedeutet und warum Maradona dort immer noch ein Heiliger ist. Kontrastiert mit dem doch so ungerechtem Schicksal des Matteo wirkt dies lange nach.

Damit machen die Maradona-Variationen etwas deutlich, was viele vergessen haben: Fußball war einst der Sport der Unterpriviligierten, der den Verlierern des Lebens die Chance bot, selbst einmal auf der Sonnenseite zu stehen. Fußball ist vor allem Lebensgefühl und Emotion und nicht Geschäft. Allein dafür muss man den Autoren und dem Darsteller danken. Die Wahrscheinlichkeit, dass Präsi Grindel oder Übungsleiter Löw das sehen, dürfte aber gegen Null zu Null tendieren.

Das Flutlicht erlischt, die Birne geht an, Szenenwechsel.

Castellli ist an an diesem Abend mal ein Tifosi, gleich zweimal Maradona, mal dessen Freund Jorge und gelegentlich einfach Marco Luca Castelli. Egal, welches Trikot er überstreift, in allen Spielsituationen ist er glaubwürdig und authentisch. Er beherrscht das Spiel auf engstem Raum. Auf der Studio-Bühne in Brunshausen lässt er seine Fähigkeiten als Spielgestalter freien Lauf. Seine Dribbling geht über die gesamte Spielfläche und durch alle Höhen und Tiefen des Lebens. Aber auch wenn er fünf- oder sechsmal nach dem Rauchmelder Ausschau hält, die Maradona-Zigarre zündet er nicht an. Weil er dann doch nicht Maradona ist?

Castelli sucht den Kontakt zum Publikum, egal ob mit Rotwein und Zuprosten oder mit dem Frage-Antwort-Spiel. Aber selbst die intimsten Themen wirken nicht peinlich, das kann nicht jeder von sich sagen.

Manchmal muss man auch während des Spiels aus die
Taktiktafel schauen. Alle Fotos: Lormis
Aber auch das Psychogramm des Diego Maradonas klingt plausibel. Fußball als Berufung, kindlicher Ehrgeiz und Absturz und der Versuch, sich selbst wiederzufinden, nachdem er sich selbst dort hingebracht hat, wo er nun ist. Ein tragischer Held am Rande zur Witzfigur, das macht Catelli deutlich. Hat er in die Seele des Gestürzten geschaut oder ist es eine übergroße Portion Empathie? Auf jeden Fall weckt er das tiefere Verständnis beim Publikum. 

Autor und Darsteller lassen das Publikum am Entstehungsprozess teilhaben. Es steckt jede Menge Castelli in diesem Programm und viel Freunde haben ihm geholfen, aber es ist keine Nabelschau.

Auf jeden Fall schließt sich der Kreis und Castelli wiederholt kurz vor dem Abpfiff das Plädoyer aus den ersten Spielminuten, mit allen Einschränkungen und nun etwas nachdenklicher, zurückhaltender, leiser. Der Abend zeigt damit einen Prozess.

"Die Maradona Variationen" sind allem eine Annäherung und auch eine persönliche Hommage. Aber sie sind keine Egozentrik, denn sie haben etwas, was über den Fall Maradona hinausweist, nämlich die Erkenntnist, dass alls Menschen doch einfach nur geliebt werden wollen. Dafür dankt das Publikum Castelli nach dem Abpfiff frenetisch und dann darf der Darstelle das sein, was er wohl am besten ist, nämlich Marco Luca Castelli und damit ein verdammt guter Darsteller.



Material #1: Die Domfestspiele - Der Spielplan
Material #2: Maradona Variationen - Das Stück

Material #3: Marco Luca Castelli - Die Biografie

Material #4: Diego Armando Maradona - Dessen Biografie











Donnerstag, 5. Juli 2018

Am Ende siegt doch die Liebe

Addams Family als schräges Familiendrama bei den Domfestspielen

Man muss sie einfach mögen, diese Mischung aus schwarzem Humor, Gesang, Kitsch und Parodie. Wenn man sich drauf einlässt, dann bietet die Addams Family viele laute und leise Lacher, einige Mitschnipp- und Mitklatsch-Momente und einen kurzweiligen Abend. Zum Schluss siegt die Liebe und es bleibt die Erkenntnis, dass es selbst bei denen nicht viel anders ist als bei Familie Normalo.

Die Addams sind ein wenig in die Jahre gekommen. Seit ihrem ersten Erscheinen im "New Yorker" sind mehr als 80 Jahre vergangen und die Simpsons zeigen seit mehr als 20 Jahren, dass die amerikanische Realität schlimmer ist als die Satire. Teenager in schwarzen Klamotten und mit dem Kajal-All-Inclusive-Abo gehören zum dörflichen Ortsbild und Walking Deads ist Pflichtprogramm für Pubertiere. Trotzdem tauchen die Addams immer wieder wie Untote im Kino auf.

Andrew Lippa hat 2009 ein Musical zu Amerikas schrägster Familie gemacht. Achim Lenz bringt es auf die Bühne der Gandersheimer Domfestspiele. Seine Inszenierung strotzt nicht nur so vor skurrilen Einfällen. Sie ist auch eine Hommage an die klassischen Zeiten des Musicals. Das versteht sogar jemand, der altersbedingt von alldem unbeleckt ist und deswegen vergibt der härteste aller Kritiker sogar 6 von 5 Sternen.

Damit ist er wohl ein wenig übers Ziel hinausgeschossen. Die Euphorie des Zwölfjährigen beweist aber, dass diese Aufführung mehr als familientauglich ist und die Addams selbst noch heute, trotz Simpsons und Walking Deads begeistern können, weil sie immer noch als Gegenentwurf zum Kleinbürger funktionieren.

Ein sorgsam austariertes soziales Gefüge: Die Addams
Family in Bad Gandersheim.   Alle Fotos: Hillebrecht
Dieses Musical ist vor allem eine Reise in die Vergangenheit. Tango, Rumba und Mambo, es gibt viel Lateinamerika und damit viel vom Charme der 30-er Jahre. Die Gleichung Exotik = Erotik funktioniert wohl immer noch. Doch der Hispano-Dialekt von Lucas Baier als Familienoberhaupt Gomez Addams, der ist dann doch ein wenig dick aufgetragen. Das meint auch der härteste aller Kritiker.

Doch kann der Spezialist fürs Tanztheater hier durchaus mal seine komödiantische Seite voll ausspielen. Auf jeden Fall macht er mit ausgefeilten Gesten deutlich, dass er ja eigentlich nicht viel zu melden hat. Wie in ein normaler Familienvater eben auch.

Miriam Schwan ist da aus ganz anderem Holz geschnitzt. Mit fester Stimme und durchgedrückten Rückgrat macht sie als Morticia Addams klar, wer das Sagen im Hause Addams hat. Sie macht deutlich, dass Selbstreflexion nicht so ihre Sache ist, trotz aller krisenhaften Situationen.

Damit ist der Konflikt mit Tochter Wednesday vorprogrammiert. Auch Florentine Kühne bringt die gleiche Entschlossenheit auf die Bühne wie ihre Musicalmutter.

Doch die schönsten Akzente kann Fehmi Göklü in der Rolle des Onkel Fester setzten. In der High Speed Inszenierung ist für die stillen und poetischen Momente zuständig. WEil er nicht nur stampft und proklamiert sondern auch mal leise redet und seine Gesicht und die Augen sprechen lässt, macht er aus seiner Rolle einen ganzen Menschen. Selbst der härteste alle Kritiker ist verzaubert von Göklüs Poesie und zittert mit bei Festers Flug zum Mond.

Doch bei allem Klamauk und schrägen Ideen ist "The Addams Family" ein herkömmliches Familiendrama, nur eben mit Musik. Im Mittelpunkt steht ein sorgsam austariertes soziales Gefüge, die Addams, das nun mit einer Störung konfrontiert wird und ins Trudeln gerät. Bricht dieses Gefüge nun auseinander oder findet es ein neues Gleichgewicht?

Im vorliegenden Falle heißt die Bedrohung Lucas Beineke, ist Musterschüler und Brillenträger und fürchterlich verliebt in Wednesday Addams und will sie heiraten und sie ihn.

Widergespiegelt werden die Addams mit ihrem Gegenentwurf, der Familie Beineke. Als Idealtypus der Kleinfamilie irren sie erst wie einst Brad Majors und Janet Weiss durch die Dunkelheit, um dann ihre begrabenen Träume wiederzufinden und im Wacken-T-Shirt eine Reinkarnation zu erleben. Auf alter Basis haben sie sich neu konstituiert und ein altes Gleichgewicht eingestellt. Deswegen gibt es logischerweise auch ein Happy End mit viel Liebe.

Die Beinekes (Vordergrund) sind für die Addams ein
Clash of Cultures.       Foto: Hillebrecht
Susanne Panzner überzeichnet die überdrehte Alice Beineke ein wenig. Doch ihr Tanz auf dem Tisch gehört schon zu den stärksten Szenen, nicht zuletzt weil er Zitate aus Bunuels "Diskreten Charme der Bourgeoisie" aufgreift. Im Räkeln zerlegt sich das Bürgertum selbst und zeigt seine animalische Seite. Das letzte Abendmahl des ach so strebsamen Kleinbürgertums.

Mit der zweitkleinsten Bigband der Region im Rücken ist "The Addams Family" aber auch ein Hommage die Glanzzeiten des Broadways. Bei allem Drang zur Andersartigkeit serviert das Septett unter der Leitung von Patricia Martin einen schwungvollen Potpourri an Melodien mit hohem Mitsumm-Faktor.  Trotz der kleinen Besetzung  zaubern die sieben Musik ein volles Klangbild

Überzeugende Choreographien sind hier All inclusive. Das bietet gelegentlich auch Erholung von der überdrehten Darstellung und erfreut auch den kleinbürgerlichen Freund des Musiktheaters. Denn verrückt wird manchmal überbewertet.





Material #1: Die Gandersheimer Domfestspiele - Die offizielle Website
Material #2: Addams Family - Das Stück


Material #3: Addams Family - Die Historie





Andere Meinungen vom härtesten aller Kritiker

Der härteste aller Kritiker - Teil eins
Der härteste aller Kritiker - Teil zwei
Der härteste aller Kritiker - Teil drei
Der härteste aller Kritiker - Teil vier
Der härteste aller Kritiker - Teil fünf
Der härteste aller Kritiker - Teil sechs
Der härteste aller Kritiker - Teil sieben
Der härteste aller Kritiker - Teil acht
Der härteste aller Kritiker - Teil neun
Der härteste aller Kritiker - Teil zehn
Der härteste aller Kritiker - Teil elf
Der härteste aller Kritiker - Teil zwölf
Der härteste aller Kritiker - Teil dreizehn
Der härteste aller Kritiker - Teil vierzehn
Der härteste aller Kritiker - Teil fünfzehn
Der härteste aller Kritiker - Teil sechzehn
Der härteste aller Kritiker - Teil siebzehn



Sonntag, 1. Juli 2018

Nicht für immer aber vielleicht für zwei Spielzeiten

Fame - Das Musical bei den Domfestspielen

Rasante Tanzszenen, ein wenig Herzschmerz und Musik mit hohen Mitklatsch-Faktor. Was kann man von einem Musical mehr erwarten. Auf jeden Fall erfüllt "Fame" bei den Gandersheimer Domfestspielen diese Erwartungen und dafür gab es bei der Premiere a lot of standing ovations. Zurecht.

Mit "Fame" hat Alan Parker 1980 Filmgeschichtschen geschrieben und die neue Sparte Tanzfilmmusical begründet. In den 80-er Jahren folgte eine ganze Reihe von Streifen, die sich um das Drehen von Pirouetten drehen. Nach der Fernsehserie von 1982 bis 1987 folgte 1988 das Musical. Aber Achtung, das Bühnenstück setzt weder Fim noch Serie eins zu eins um.

Die Ausgangslage ist aber dieselbe. Acht aus einer Reihe von Kandidatinnen und Kandidaten schafft die Aufnahme. Das Publikum begleitet die Eleven durch die Höhen und Tiefen ihrer Ausbildung. Zum Schluss darf man begutachten, wer sich weiterentwickelt hat.

Auch ein Clash of Cultures: Dinipiri Collins Etebu
als Tyron Jackson und Susannen Panzner als gestrenge
Miss Shermann.         Alle Fotos: Hillebrecht
Auch wenn sich die Namen der Figuren zwischen den unterschiedlichen Versionen ändern, alle Acht stehen für Typen und sind durchaus stereotyp. Da ist der Kämpfer aus dem Ghetto, der Musiker, der unter dem Übervater leidet, der Latin Lover, der mehr Kasper als Don Juan ist, das Mauerblümchen, das in Laufe der Aufführung aufblühen wird, die Strebsame, die für den Aufstieg auch mal die Beziehung opfert, der Strebsame, der die wahre Kunst sucht und natürlich den pummeligen Klassenclown.

Ähnlich gilt für den Lehrkörper. Da ist die strenge Klassenlehrerin, die doch nur das Beste will und manchmal übers Ziel hinausschießt und da ist die verständnisvolle Tanzlehrerin, die mit Empathie und Glauben ihre Eleven zu immer neuen Höchstleistungen motiviert. Da ist der verkopfte Schauspiellehrer, der nur von wenigen verstanden wird und der etwas weltfremde Musiklehrer, der aus der Zeit gefallen ist.

Das bietet wenig Ecken und Kanten und kaum Reibungsfläche. Aber eben jede Menge Identifikationsmöglichkeiten und Projektionsfläche. Irgendwie findet jeder im Publikum sich in einer der Figuren wieder, kann mit ihnen fühlen und fühlt sich zugleich eingebunden. Denn die meisten gehören eindeutig zur Fame-Generation. Wer Tragödie will, geht nicht ins Musical. Alle anderen sind hier sehr gut aufgehoben.

Wer ins Musical geht, der möchte Musik hören und Tanz sehen und von beidem gibt es in der Inszenierung von Marc Bollmeyer reichlich. Die Choreografien sind nicht nur rasant sondern eben auch spektakuläre bis an die Grenze zur Akrobatik. Im Laufe des Abend gibt es nicht nur einmal große Augen und offene Münder.

Bei aller holzschnittartigen Ausstattung können die Darstellerinnen und Darsteller trotzdem fesseln. Denn sie spielen zum großen Teil ihre eigene Geschichte. Der Besetzung war ein zweitägiges Casting vorausgegangen. Weil eben alle eine wahre Geschichte spielen und das eben auch mit Engagement machen, deswegen wirkt die Darstellung so glaubwürdig.

Musikalisch packt Ferdinand von Seebach das große Besteck aus. Swing, Pop, Rock und Rap, es ist fast alles dabei, was musikalisch Anfang der 80-er Jahre so auf dem Markt war. Die Festspielband setzt alles ohne Verlust um und bleibt doch immer zurückhaltend im Hintergrund. Tanz und Gesang bleiben im Vordergrund, denn sie erzählen die Geschichte. Nur an der Transparenz des Klangbildes sollte das Ensemble noch ein wenig arbeiten.

Stefanie Köhm hat die stärkste Stimme, darf aber nur
einmal glänzen
.         Foto: Hillebrecht
Ein wenig schade ist es schon, dass Stefanie Köhm in der Rolle der Mabel Washington nur diese eine Solo hat. Ihr Kühlschrank-Gen-Gospel zeigt, dass sie die stärkste Stimme von allen Beteiligten hat.er Etwas mehr davon wäre sicherlich ein Gewinn, schließlich hat sie auch schon an anderen Orten mit stimmgewaltigen Partien überzeugt.

Das Mauerblümchen blüht auf. Den größten Wandel macht Sarah Wilken in der Rolle der Serena Katz mit und vor allem deutlich. Aus der Unbedarften wird die einzige, die alles durchschaut. Diese Entwicklung kann Wilken mit Stimme und Geste überzeugend darstellen und vermitteln. Ihre Meryl-Streep-Hymne ist so ergreifend, dass die Anzahl der feuchten Augen schlagartig nach oben geht.

Aber auch ihr Liebhaber mit Widerwillen zeigt seine starken Seiten. Lucas Baier, eigentlich der Musical-Spezialist unter den Darsteller, kann als Romeo im zweiten Anlauf zeigen, dass er neben dem Tanz auch das Schauspiel beherrscht. Damit macht er in der Rolle des Nick Piazza selbst ein Entwicklung durch.

Eindeutig den stärksten Eindruck als Tänzer hinterlässt Dinipiri Collins Etebu. Auf die Gefahr, klischeehaft zu sein. Der Hamburger hat nicht nur Street Credibility und Rhythmus im Blut sondern eben auch eine atemberaubende Akrobatik.

Das Bühnenbild von Thomas Döll teilt die Spielfläche in drei Zonen. Links mit den Bücher der Klassenraum als Ort der intellektuellen Auseinandersetzung aber auch der stillen Ereignisse, rechts die Zeile mit den Spinden als Ort der komischen oder dramatischen Ereignisse und in der Mitte als Zentrale die Tanzfläche, denn der Tanz steht im Mittelpunkt. Eine Show-Treppe gibt es auch noch, aber die versprüht keinen Glanz und für Carmen Diaz wird sie eindeutig zum Stairway to Heaven.

Eine Antwort bleibt Döll aber schuldig: Wo hat er bloß diese ganzen 80-er Klamotten her? Auch wenn es mit dem "I'm gonna live forever" wohl nichts wird, reicht es aber vielleicht für zwei Spielzeiten.

Nach zahllosen Szenen-Applausen gibt bedankt sich das Publikum nach zwei unterhaltsamen und mitreißenden Stunden mit einem donnernden Beifall. Zu Recht. Wer Musik und Tanz an der Grenz zur Akrobatik erleben will, ist hier genau richtig.






Material #1: Gandersheimer Domfestspiele - Die offizielle Website
Material #2: Fame - Das Musical - Die Beschreibung








Donnerstag, 28. Juni 2018

Wenn das Zentralgestirn wunderschön verglüht

La Traviata im Sinne Verdis weiterentwickelt

So ist es nun mal: Nirgends wird so schön gestorben wie in Verdis Dauerbrenner. Auch bei den Schlossfestspielen in Sondershausen ist die Titelheldin am Ende mausetot. Doch die Inszenierung von Anette Leistenschneider zeigt nicht nur drei Akteure in Höchstform sondern auch einige neue Aspekte.

Das Libretto erscheint wie die Vorlage für eine Tele Novela: Lebedame aus der Pariser Oberschicht trifft auf Jüngling aus gutem Hause. Er ist unsterblich verliebt, sie ziert sich anfangs noch. doch dann schlägt die Liebe mit aller Macht zu und beide beginnen ein ruhiges Leben auf dem Lande.

Dann funkt sein Vater dazwischen, sie opfert sich, er beschimpft. Als beide wieder zueinander finden, ist es zu spät. Die Schwindsucht rafft sie dahin.


Was aus heutiger Sicht banal erscheint, war vor knapp 170 Jahren durchaus revolutionär. Anfang der 1850er Jahre erfindet Verdi die Volksoper. Nicht mehr Adelige und andere vermeintliche Helden stehen im Mittelpunkt das Singspiels sondern die Menschen von der Straße oder dem Rand der Gesellschaft. Dazu gehören der bucklige Hofnarr Rigoletto ebenso wie die Edelprostiuierte Violetta.

Mischung aus Wave Gothic Treffen, "Live and Let Die"
und Familienfeier im S/M-Club. Alle Fotos: Kügler
Um diesem revolutionären Schreiben noch die Krone aufsetzen, macht Verdi eine Frau zum Mittelpunkt seines Werkes. Diesen Weg geht Anette Leistenschneider konsequent weiter. Sie macht Zinzi Frohwein in der Hauptrolle zum Zentralgestirn ihrer Inszenierung. Nur die Vater-Sohn-Szene muss ohne ihre Präsenz auskommen, natürlich logisch.

Anders als in der Nordhäuser "La Traviata" von 2011 ist die Violetta in Sondershausen ist kein Opfer widriger Umstände. Sie handelt bewusst. Erst voller Skepsis erliegt sie dem Zauber und der Macht der Liebe. Eben deswegen verzichtet sie auf Alfredo

Zinzi Frohwein bringt diesem Wandel glaubwürdig auf die Bühne im Lustgarten. Letztendlich scheidet Violetta in Erfüllung ihrer Mission mit jeder Menge Großmut aus dem Leben. Der Wandel von der egozentrischen Lebedame und zur Heiligen ist in dieser Vorstellung deutlich und nachvollziehbar ohne in christliche Erlösung-Elegien umzukippen.

Die Aufführung profitiert eindeutig von Frohweins großem schauspielerischen Talent, für das die Niederländerin schon mehrfach ausgezeichnet wurde. Das die Sopranistin zu den führenden Stimmen am Theater Nordhausen zählt, steht sowieso außer Frage. Dies liegt sicherlich an ihrer Wandlungsfähigkeit. Sie klingt weich und rund, wo Zurückhaltung gefragt ist, doch ohne an Dynamik oder Umfang zu verlieren. Aber sie im zweiten Akt beweist, beherrscht sie auch die Koloraturen und wenn es die Situation erfordert, dann legt sie auch reichlich Vibrato in ihren Vortrag

Kyounghan Seo ist die passenden Ergänzung zu Frohweins Dominanz. Der Koreaner ist wohl der Prototyp eines lyrischen Tenors, auf die großen Gesten verzichtet er. Dies passt vorzüglich zur Rolle des dauerverliebten Alfredo. Nur im dritten Akt darf er dann ganz weit ausholen. Auf jeden Fall sind aber die zahlreichen Duette von Frohwein und Seo gleichzeitig auch die zahlreichen Höhepunkte in dieser Inszenierung.

Violetta legt sich schon mal zum Sterben hin.
Da ist Manos Kia aus ganz anderem Holz geschnitzt. Er wirkt gelegentlich etwas hüftsteif, aber dies bestens passt in die Rolle des Ehrenmanns aus der Provinz. Der Bariton kann auch stimmlich die Standhaftigkeit von Vater Germont umsetzten.

Das Bühnenbild von Christian Floeren erinnert deutlich an seine Arbeit zu den diesjährigen Comedian Harmonists. Die Spielfläche ist weitestgehend freigeräumt, der Fokus liegt auf den Akteuren und die Opulenz des Fin de Siécle findet nur im Kopf statt. Nur im dritten, im Sterbe-Akt, wird deutlich möbliert.

Aber da sind ja noch die vier Buchstaben L,O,V, und E. Erst müssen sie richtig sortiert werden, dann leuchten sie in voller Pracht und dann doch wieder Stück für Stück auszugehen. Als ob man Liebe ein- und ausschalten könnte wie eine Lichtinstallation. Eine gewagte These, die Anette Leistenschneider mit dieser Inszenierung ja widerlegt.

Die Ausstattung reduziert, die Kostüme prachtvoll. Die Inszenierung profitiert von diesem Gegensatz. Dass Nebenrollen und Chor dabei aussehen wie eine Mischung aus Betriebsausflug zum Wave Gothic Treffen, Bond'schen Karneval in "Live and Let Die" und Familienfeier im S/M-Club ist durchaus im Sinne Verdis. Dieser hatte seine Oper durchaus als Zerrspiegel für die Vergnügungssucht des Spätfeudalismus gesehen. Der Spätkapitalismus trägt eben Lack und Leder.

Noch leuchtet die Liebe. 
Mit dieser Ausstattung bringen Leistenschneider und Froenen aber auch eine neue zeitgeistige  Komponente mit ins Boot: die Mystik. La Traviata bekommt in Sondershausen eine dunkle, unerklärliche Seite. Damit geht diese Inszenierung über die Sozialanalyse Verdis hinaus.

Der Auftritt des Todes schon während der Ouvertüre, im Gestalt eines kleinen Blumenmädchen, weist schon frühzeitig auf das unvermeidliche Ende und wirkt gelegentlich konstruiert. Anfangs verweigert Violetta den Tanz mit dem Mädchen, mit dem Tod, im dritten Akt drehen sie dann doch ihre Runde, das ist sehr eingängig.

Der Wechsel von intimen Duetten und rasanten Massenszenen verleihen der Inszenierung ein letztendlich ein hohes Tempo. Dies macht Violettas zweifachen Bruch mit ihren bisherigen Leben umso deutlicher.

Mit sicherer Hand leitet Michael Helmrath das Loh-Orchester durch den Abend. Das Ensemble zeichnet sich durch Zurückhaltung aus, während die Sängerinnen und Sänger immer die musikalische Hauptrolle spielen. Dabei hat Verdi seiner Oper eine bis dato unerreichte Vielfalt an Stilelementen verpasst. Walzer trifft auf spanische Folklore und Spätromantik dräut schicksalergeben. Das Orchester schafft alle Wechsel und selbst in den dunklen Pauken-Passagen bleibt der Klang transparent.






Material #1: Schlossfestspiele Sondershausen - Der Spielplan
Material #2: Schlossfestspiele Sondershausen - Das Stück

Material #3: Giuseppe Verdi - Die Biografie
Material #4: La Traviata - Die Geschichte