Mittwoch, 14. November 2018

Aus der Dampflok einen ICE gemacht


Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer im Deutschen Theater Göttingen

Es ist durchaus ein Wagnis, dieses Werk auf die Bühne zu bringen. Schließlich hat jeder die Bilder der Augsburger Puppenkisten vor dem Erwartungshorizont. Das Deutsche Theater Göttingen hat das Wagnis aber auf sich genommen. Sein Familienstück funktioniert, weil es sich von der televisionären Vorlage abgrenzt.

Es ist ein Wagnis im doppelten Sinn. Auch der härteste aller Kritiker will mal den Jim und den Lukas live sehen. Trotz seines hohen Alters von fast 13 Jahren und der einstudierten Coolness eines Pubertiers will er einen Blick auf eines der schönsten Werke deutscher Jugendliteratur wagen.

Als der Vorhang sich hebt, verzaubert bereits der erste Anblick und die Musik von Michael Frei hat das Publikum schon vorbereitet. Es gibt Pop statt Volksmusik. Niemand singt das Lied von der Insel mit zwei Bergen und das ist auch ganz gut so. Die Inszenierung von Katharina Ramser macht sich so weit es geht frei von den Schablonen der Puppenkiste.

Die Bonzen haben nur kurze Zeit Oberwasser.
Alle Fotos: Thomas Müller
Auch im Bühnenbild von Michael Böhler sind keine zwei Berg zu sehen sondern der Laden von Waas, der übergeht in die Burg von Alfons den Viertel vor Zwölften, die übergeht in den Lokschuppen. Alles ist miteinander verwoben und verzahnt. Wer bisher nicht wusste, was Mikrokosmos bedeutet, dem sollte es spätestens jetzt klar sein.

Der kindlichen Hälfte sind soziologische Überlegungen egal. Eine ganze Insel auf 2 mal 5 Meter, schön übersichtlich, aber zuwenig Platz, das wird deutlich. Dann sind da noch die kleinen Gags, die entdecken kann wer will. Dazu gehört auch die Uhr, die immer auf Viertel vor Zwölf steht. Der Zeigefinger des härtesten aller Kritiker wandert über die Bühne.

Dann kommt Herr Ärmel ins Bild und auch Frau Waas. Herrlich, diese 50-er Jahre Klamotten. Daniel Mühe in mausgrau und unscheinbar, Katharina Müller im farbenfrohen Petticoat. Bei den Kostümen hat Stefani Klie ins Füllhorn gegriffen. Mit dieser Besetzung wagt Katharina Ramser den nächsten Bruch. Diese Frau Waas hat nicht gemeinsam mit der großmütterlichen Vorlage sondern ist lebensnah und tatkräftig.

Die Erzählung setzt mittendrin ein. Die Vorgeschichte klären Frau Waas und Herr Ärmel im Dialog. Diesen Kunstgriff macht die Dramaturgie von Jascha Fendel noch an einigen anderen Stellen und nicht immer so gelungen wie hier. Für Knopf-Experten mag dies gelegentlich zäh wirken, aber es ist ein probates Mittel, um die lange Geschichte auf kindgerecht 75 Minuten zu kürzen.

Nun betreten die anderen Akteure die Arena. Florian Eppinger gibt einen Lukas wie man sich einen Lokomotivführer wünscht, zupackend, handlungsorientiert und immer Kopf hoch. So einem möchte man gern zum besten Freund haben und Kinder brauchen das.

Die etwas verwirrten Charaktere scheinen die Lieblingsrollen von Gerd Zinck zu sein. Auf jeden Fall ist sein König Alfons recht planlos, ohne aber die Grenze zum Lächerlichen zu überschreiten. Marchal Impinga Rugano bringt die nötige Frische und Unbekümmertheit mit, um einen glaubhaften Jim Knopf zu spielen. Solch ein Junge zögert nicht lange, um mit seinem besten Freund in die Welt zu ziehen.

Ein Schwarz, schwärzer als Schwarz: Die Schule der
Frau Mahlzahn.
Ach ja, die Emma, die darf natürlich nicht fehlen und die Göttinger Emma ist so etwas wie die Exzellenz unter den Dampfloks. Still und zurückhaltend, aber immer präsent.

Damit beginnt der Reigen an wunderbaren Bildern. Die Reise über das Meer erweist mit dem Folien-Trick seine Referenz an die Puppenkiste. Das versteht nur die ältere Hälfte im Publikum und der anderen ist es egal. Die sieht eine Bühne in vertrauenswürdiges Blau getaucht und einen Jim Knopf und einen Lukas, die als Puppen in einer Mini-Emma über die Bühne gezogen werden. Das macht Appetit auf mehr.

Es ist eine zauberhafte und verzauberte Welt, durch die beiden Freunde da reisen. Das Bühnenbild zu China verschlägt dem härtesten aller Kritiker und seinem Vater erst einmal die Sprache. Das man soviel Exotik mit Augenzwinkern und Selbstironie auf die Bühne eines Stadttheaters bringen kann, macht schon sprachlos.

Die Inszenierung von Katharina Ramser hat aber auch die ordentliche Portion von Respektlosigkeit bewahrt, die viele Kinderbücher der späten 50-er und frühen 60-er Jahre auszeichnet. Der Einsatz der Unter- und Oberbonzen ist eine gelungene Farce auf Obrigkeitsdenken. Das erfreut sogar das Pubertier.

Aber der stärkste Auftritt, der mit Szenenapplaus belohnt wird, gehört einer Puppen, nämlich Ping Pong, dem 32. Kindeskind des Oberkochs. Das man so viel Leben in ein wenig Stoff, Styropor und Draht bringen kann, das begeistert. Überhaupt stört hier keine political correctness das Auslaben von Klischees.

Diese Inszenierung erhebt den Anspruch, ein Familienstück zu sein und diesen Anspruch erfüllt sie zur Gänze. Es gibt jede Menge Poesie für die Best Ager, Dramatik für die Eltern und Klamauk für die Jüngsten. Dazu gibt es Dramatik für die Best Ager, Klamauk für die Eltern und Poesie für die Jüngsten. Die Reihe könnte man noch fortsetzen

Ende gut, Alles gut und Lummerland wird auch noch
größer.       Alle Fotos: Thomas Müller
Egal welche Altersklasse, das Ballett der Geier überzeugt nicht nur choreographisch sondern für als Comedy, auch ohne Text. Absicht und Hoffen der Aasfresser wird auch der Generation U 13 klar. Aber auch hier bleibt die Grenze zur Lächerlichkeit unangetastet.

Ronny Thaleyer spielt den Halbdrachen Nepomuk mit mitreißender Inbrunst, dass man meint, selbst unter der dicken Maske noch das strahlende Lachen sehen zu können. Überhaupt liegt der Zauber dieser Aufführung dran, dass alle Akteure sehr viel Spaß am Spiel haben und diesen Spaß eben auch vermitteln und in das Publikum tragen können. Ein strahlendes Lächeln streift mehrfac über das Gesicht des ach so coolen Pubertiers. Es ist wohl der Blick zurück in eine Kindheit, die gerade zu Ende geht.

Schluss mit der Poesie, nun geht es in die Drachenstadt und die ist vor allem dunkel. Ein Schwarz, schwärzer als Schwarz, ein Schwarz, das alles Licht schluckt. Alpträume werden wahr. In dem höhlenartigen Bühnenbild blicken nur die gelben Augen von Frau Mahlzahn auf. Das wirkt nicht nur auf Kinder. Zumindest optisch ist dieser Drache ein Genuss.

Bis hierhin ist das Erzähltempo eher auf Dampflok-Niveau. Dem Publikum bleibt genug Zeit, unterwegs die zahlreichen Blumen zu pflücken. Der Text kann wirken und der härteste aller kritiker weiß das zu schätzen. Dann geht alles ganz schnell. Die Dampflok wird zum rasenden ICE und zwingt den Drachen in die Knie. Der Jubel ist groß und der Weg zum Happy End vorbereitet. Der zeigt sich im heiteren Ton eines 50-er Jahre-Musicals.

Alles wird gut, wenn du einen Freund hast, auf dem man sich verlassen kann. Und es ist gut, wenn du weißt, was du willst. Dann kannst du alle Gefahren der Welt bewältigen und die Platzproblem in Lummerland erst recht. Das ist die Mutmacher-Botschaft dieses Stücks. Dafür gibt selbst der härteste aller Kritiker eine klare Eins.




Material #1: Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer - Das Buch
Material #2: Michael Ende - Die Biografie

Material #3: Deutsches Theater - Die Website
Material #4: Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer - Das Stück


Andere Meinungen vom härtesten aller Kritiker

Der härteste aller Kritiker - Teil eins
Der härteste aller Kritiker - Teil zwei
Der härteste aller Kritiker - Teil drei
Der härteste aller Kritiker - Teil vier
Der härteste aller Kritiker - Teil fünf
Der härteste aller Kritiker - Teil sechs
Der härteste aller Kritiker - Teil sieben
Der härteste aller Kritiker - Teil acht
Der härteste aller Kritiker - Teil neun
Der härteste aller Kritiker - Teil zehn
Der härteste aller Kritiker - Teil elf
Der härteste aller Kritiker - Teil zwölf
Der härteste aller Kritiker - Teil dreizehn
Der härteste aller Kritiker - Teil vierzehn
Der härteste aller Kritiker - Teil fünfzehn
Der härteste aller Kritiker - Teil sechzehn
Der härteste aller Kritiker - Teil siebzehn






Sonntag, 4. November 2018

Wenn Näseln und Brummen gewollt sind

Das Modern Cello-Piano-Duo in Osterode

Wer hätte gedacht,dass bei einer Veranstaltung der Musikgemeinde jemals ein Song von Nirvana erklingt? Dazu bedurfte es erst des Besuchs von Daniel Sorour und Clemens Kröger. Als Modern Cello-Piano Duo gastierten sie in der VHS Osterode und hatten noch einige andere Überraschungen im Gepäck.

Von kammermusikalischer Besinnlichkeit war das Konzert im VHS-Forum weit entfernt. Spanische Tänze und bombastischer Rock im Gewand klassischer Instrumentierung bestimmten das Programm. Expressive Spielweise dominierten den Vortrag. Dabei schaffen es Sorour und Kröger, eine klare Linie zu halten und Kontinuitäten über die unterschiedlichen Stile zu verdeutlichen.

Oben näselt es, unten brummt es, so lautete Dvorák Urteil über das Cello. Doch die Zeiten ändern sich und auch die Hörgewohnheiten. Was einst als Abwertung gedacht war, wird hier zum Gewinn. In beeindruckender Weise weiß Daniel Sorour die Klangmöglichkeiten seines Instruments zu nutzen und zu vermitteln. Doch der Bezug zum vermeintlichen Cello-Spiel von Jimi Hendrix entfällt, der Vergleich gebührt einem anderen.

Aber es geht rasant los. Den Auftakt machen zwei Stücke aus den Danzas Espagnolas von Enrique Granadas. Ein Cello kann also auch Flamengo. Dann kommt das Kontrastprogramm. Nach dem kräftigen Klavierakkorden übernimmt das Cello. Die Euphorie weicht der Melancholie und Sorour legt ein sehr feines Vibrato in sein Spiel.

David Sorour ist zumindest am
Cello besser als Brian May.
Foto: Kügler
Diese feine Technik gepaart mit der Fähigkeit, einen Ton bis in die Unendlichkeit zu ziehen, macht dann die Milonga del Angel zu einem himmlischen Genuss. Sorour trifft den typischen Ton von Piazzolla. Man braucht also kein Bandoneon, um diese Mischung aus Traurigkeit und Hoffnung in Musik umzusetzen und es ist einer dieser seltenen Momente, in der sich ein Konzertsaal aus dem Raum-Zeit-Gefüge löst. Zumindest tritt die nüchterne Atmosphäre des Konzertsaals in den Hintergrund.

Mit der Pampeana geht es wieder in kräftigere Gefilde. Zwei Songs von Freddi Mercury beweisen, dass die Musik von Queen eigentlich Klassik im Rockgewand ist. Wenn Brian May je ein Cello gehabt hätte, dann hätte er es wohl so gespielt wie David Sorour bei Don't stop me now.

Zur Opulenz der Showrocker setzten Kröger und Sorour nach der Pause den Kontrapunkt. Die Fratres von Arvo Pärt übersetzt die Innerlichkeit der Gregorianik in den Minimalismus der 60-er Jahre. Das Modern Cello-Piano Duo ist also mit allen musikalischen Wassern gewaschen. Folgerichtig singt das Cello geradezu im The Girl from Ipanema. Das Forum der VHS swingt und das Publikum summt mit.

Erst nochmal Piazzolla und dann das, worauf viele gewartet haben: Smells like Teen Spirit von Nirvana und dass geht auch richtig ab. Kröger legt mit expressiven Klaierspiel die Basis, auf der Sorour sein Cello im Grunge-Style schreien lässt. Damit ist klar, dass es gar nicht so entscheidend ist, aus welcher Schublade man die Noten holt. Entscheidend ist die Tatsache, dass Musik das Transportmittel für überbordende Emotionen ist, die auch mal die Jahrhunderte überdauern können. Das ist die Erkenntnis dieses Abends.





Material #1: Modern Cello-Piano Duo - Die Website

Material #2: Musikgemeinde Osterode - Die Website





Dienstag, 30. Oktober 2018

Zaubertanz


Sommernachtstraum als Ballett zwischen Komödie und Kunst

Das ist Tanztheater in der fünften Dimension. Mit seiner Choreographie zu Shakespeares "Sommermnachtstraum"  am Theater Nordhausen verzaubert Ivan Alboresi nicht nur. Er setzt neue Wegmarken in Sachen zeitgemäßes Ballett. Die Premiere hinterließ ein begeistertes Publikum.

Eigentlich wollte er ja nie Erzählballett machen. Stimmungen zu generieren und zu transportieren, dass sei sein Anliegen, hat Nordhausens Ballettchef Ivan Alboresi immer wieder betont. Nun ist er sich selbst untreu geworden und hat wohl deswegen hat seine Ballettcompagnie TNLos eine großartige Leistung vorgelegt. Die drei Bilder "Tag", "Nacht" und "Morgen" glänzen durch eine eigenständige Formsprache.

Tanz, Musik, Kostüme, Bühnenbild und Licht. Hier stimmt alles und alles fügt sich in ein verzauberndes Ganzes. vor allem Wolfgang Kurima Rauschning ist mit dem Bühnenbild ein großer Wurf gelungen. Es ist keine Dekoration, ist keine Spielflächebegrenzung sondern akitver Part der Inszenierung. Als Puck im zweiten Bild eintritt in einen Dialog mit der Videoanimation des Bühnenbilds ist die fünfte Dimension eröffnet.

Aus vielen Einzelnen wird ein Ganzes und das wogt.
Alle Fotos: Andras Dobi
Doch erst ist die Bühne leer und die Wände blank. Die Amazonenkönigin Hippolyta ganz auf sich geworfen. Sie hat den Kampf gegen Theseus verloren und muss nun den Herzog von Athen heiraten.  Gabriela Finardi schafft es eindrucksvoll, diesem Kummer eine Gestalt zu geben. Ganz in sich versunken ist sie fast schon das bekannte Häufchen Elend. Doch sie schafft es, sich aus der Verzweiflung zu lösen und großen kreisen Bewegungen macht sie die Bühne frei für die Pärchen, die sich nun suchen und finden.

Sie drehen sich umeinander. Der Tanz beschleunigt sich. So sieht also das merkwürdige Paarungsverhalten geschlechtsreifer Großstädter aus. Die kreisenden Bewegungen beschleunigen die Choreografie und die immer wiederkehrenden Muster des Cembalos wirken wie ein Techno-Song aus dem Barock. Mit dem Einsatz des Minimalisten Philip Glass ist Michael Helmrath ein belebneder Bruch der Erwartungen gelungen. Schließlich war Romantik mit Mendelssohn Bartholdy angekündigt worden.

Aber aus den Paaren werden Kleingruppen und daraus wird ein Tutti. Der Modern Dance wird ergänzt mit Schritten aus dem Jazz Dance. Trotzdem bleibt jede Figur im Ensemble klar zu erkennen und mischt sich doch zu einem Ganzen, das wogt und köchelt. solche dynamischen Bilder mit Körpern zu schaffen, das ist die Hohe Kunst, die Ivan Alboresi beherrscht wie kaum ein anderer. Damit erdet er die zahlreichen Stränge des Erzählballetts in einer großen expressiven Geste.

Dann wird barocke Pracht auf die weißen Wände projiziert. Theseus und Hippolyta schreiten ein zur Vermählung. die schlichten Kostüme werden durch floralen Wagemut ersetzt. Die nächste Überraschung ist gelungen.

Das Paar des Abends: Puck und
Pouquette.      Foto: Andras Dobi
Im nächsten Bild ist dann Zauberwelt angesagt. Die Nacht dämmert im Wald und Mendelssohn Bartholdy erklingt. Joshua Lowe hat auch als Oberon das Schreiten beibehalten. Er ist der Herrscher im Wald, das ist deutlich. Er kann seine Position als Solist an diesem Abend wieder unter Beweis stellen.

Doch die Darsteller, die den größten Eindruck hinterlassen, sind eindeutig Keiko Okawa als Pouquette und Andrea Guiseppe Zinnato als Puck. Kann man frech tanzen? Diese Frage ist in der Fachliteratur noch nicht beantwortet.

Aber Okawa und Zinnato geben ein Antwort darauf. Ja, es geht. Kopf nach Oben, und immer schnelle kleine Schritte und hier ein Sprung und dort ein Sprung. In beeindruckender Harmonie bilden sie die jugendliche Seite dieser Komödie um. Zwischen die meditativen und verzweifelten Szenen setzt das Duo die frechen Akzente. Dafür gibt es am Ende auch donnernden Applaus.

Vor der fünften Dimension kommt die vierte. Die Bürger hat es in den Wald verschlagen. dort treiben sie ihr Paarungsverhalten weiter. Doch dann ist punktgenau Stillstand, das Bühnenbild verschwindet im Dunkel. Nur Spots beleuchten einzelne Akteure und dann regnet es Reclam-Hefte in die offene Hände. Zeit und Licht treffen zusammen. Boahh, gekonnt und zauberhaft.

Im Zaubertanz regnet es Einfälle. Es ist diese Vielzahl an Überraschungsmomenten und die Erzählungen von den zahlreichen Wandel der Akteure, die diese Choreografie ausmacht. Shakespeares Handlungsstrang wird in das Persönliche und das Expressive erweitert. Damit überwindet Alboresi dann doch die Begrenzungen des Erzählballetts.





Material #1: Theater Nordhausen - Der Spielplan
Material #2: Sommernachtstraum - Die Choreografie

Material #3: Shakespeares Sommernachtstraum - Die Handlung
Material #4: Mendelssohns Sommernachtstraum - Die Musik







Donnerstag, 25. Oktober 2018

Zwischen Florett und Keule

Lesung mit Waschanlagen, Welpenkäufer und Katzenfutter-Sommeliers

Dietmar Wischmeyer schont niemanden. Weder sich und schon gar nicht sein Publikum. Das weiß das aber und kommt trotzdem und gerade deswegen. Also war das Deutsche Theater voll, als er beim Literaturherbst Göttingen las und zwar vor und zurück.

1996 hieß der Bundeskanzler Helmut Kohl und Muhammad Ali eröffnete die Olympischen Spiele in Atlanta. Damals war Wischmeyer das letzte Mal zu Gast beim Literaturherbst. Er und das Frühstyxradio definierten damals, was Humor in Deutschland darf. Seitdem fielen das Privatfernsehen und die Political Correctness über das Land her. Beide verschoben die Grenzen in unterschiedliche Richtungen.

Wischmeyer ist das egal. Damit ist eine Lesung mit dem Vater des Frühstyxradios auch eine Reise in die Zeit, als PC noch für Personal Computer stand. Wie das so eben ist, wenn man sich lange Zeit nicht gesehen hat. Die Erwartungen sind besonders hoch. Doch Wischmeyer liefert.

Draußen herrscht Rock-Konzert-Gedränge, im Musentempel eher stille Spannung. Klein und bescheiden tritt Wischmeyer hinter dem Vorhang hervor. Er verbeugt sich kurz und nimmt Platz. Die Veranstaltung ist als szenische Lesung angekündigt. Die ganze Szenerie besteht aus einem Amtsstubenschreibtisch und einem orangen Telefon mit Wählscheibe.

Das ist die ganze Szenerie bei der Lesung.
Alle Fotos: Kügler
Es gibt keine lange Vorrede, kein Gedöns. Wischmeyer steigt gleich in die Lesung ein. Auch später wird er auf Überleitungen zwischen Texten verzichten. Die Übergänge sind fließend, aber das gilt ja auch für die Wischmeyersche Fiktion und dem, was die meisten im Publikum für Realität halten.

"Wischmeyer liest vor und zurück" lautet der Titel und der Wortwitz erschließt sich erst beim zweiten Nachdenken. Das war es dann aber auch mit Lyrik, der Rest ist Punk.

Das Publikum hat zwar das Alter der Punk-Heroen, doch es ist durch und durch Bildungsbürgertum. Ein paar Enkelkinder im Geiste sind auch dabei.

Das Programm hat er extra für Göttingen zusammengestellt, seine alte Hassliebe. Über anderthalb Stunden streift er im Schweinsgalopp alle Themen, die die Republik in die selbst verschuldete Hysterie treiben. Bevölkert ist das Wischmeyersche Universum mit Rentnern, Autofahrern und irrlichternde Ex-Präsidentengattinnen. Ach ja, dann taucht da auch noch ein seltsames Gebilde namens SPD auf.

Wischmeyer gießt Häme über sie alle aus. Aber auch über sich selbst. Das unterscheidet den Humoristen von solch Comedy-Chargen wie Mario Barth oder Chris Tall. Er tut dies mit einer Wortgewalt und mit Satzungetümen, die in der  Wat-denn-Wat-denn-weeßte-weeßte-Fraktion zum Hirntod durch Überforderung führen würde. Es ist, als würde Wischmeyer mit Keule und Florett zugleich auf die Selbstgerechten losgehen.

Jeder Satz ist gespickt mit Doppeldeutigkeiten und das Ergebnis eines berechtigen Kalküls. Da hat sich Wischmeyers Studium doch gelohnt und deswegen hat gerade der akademiker und seine Gattin Gefallen an diesem Programm. Wischmeyers Tiraden haben eine Ersatzfunktion. Er macht das, was die Südstadt- und Ostviertelbewohner sich aber nicht dürfen traut.

Egal ob Welpen-Verkauf oder Rache am Finanzamt. Er macht dies in solch einem rasanten Tempo, dass der Zuhörer kaum noch nachkommt. Kaum hat man man eine Pointe verstanden und setz zum Lachen an, da ist schon die nächste Sottise vorbeigezogen und wartet die übernächste Plattitüde. Dazwischen kommen noch zwei Anspielungen und Seitenhiebe. Aber nie lachen alle. Da muss es im Publikum doch unterschiedliche Empfindlichkeiten geben.

Zum Schluss greift doch zum Hörer.
Alle Fotos: Kügler
Wischmeyer auf skurrile Szenarien auf, in deren Dickicht sich mitunter auch sein Alter Ego verstrickt. Das hat schon Kishon so gemacht gemacht, aber bei Wischmeyer ist das Tempo wesentlich höher. Dem Absurden setzt er kühle, fast technische Formulierungen gegenüber, kaum Adjektive oder Adverbien. Der Kontrast steigert das Vergnügen.

In dieser Überspitzung liegt der hohe Realitätswert und deswegen funktioniert das Kopfkino zum Bericht aus der samstäglichen Waschanlage oder zum Dating in der Dorfkneipe so gut. Irgendwann wird die Wirklichkeit Wischmeyers Prophezeiungen einholen, dass ist gewiss. Dass sich sich die zukünftigen Rentner keine Pkws werden leisten können, das ist Gewissheit.

Wischmeyer gießt Häme aus, aber er macht das unpersönlich. Es trifft die Stereotypen. Wer hier verwurstet wird, ist erleidet dies als Stellvertreter für all die Paketboten, Sommeliers, Hipsters "Irgendwie-schon-super-Sagern" und sonstige Nervensägen, die die Republik im Würgegriff haben. Selbst Knöllchen-Horst findet an diesem Abend keine Erwähnung. Weil es Unpersönlich ist, kann man ruhigen Gewissens über diese Mitmenschen lachen.

Szenisch wird die Lesung dann doch irgendwie. Es tönt Grieg aus dem Hintergrund und dann auch der Soundtrack zum kleinen Tierfreund. Da werden Erinnerungen wach und die Vorfreude läuft als Lachtränen aus manchem Augenwinkel. Als Wischmeyer dann zum Ende des Programms den Telefonhörer ergreift, artet es fast in Method Acting aus. Aber auch hier bleibt das gewaltige Wort und dessen Witz im Vordergrund.

Auf jeden Fall spricht er eine Sprache, die einst Tacheles genannt wurde. Damit setzt er zum Abschluss des Literaturherbstes noch einmal ein deutliches Ausrufezeichen. es bleibt zu hoffen, dass der nächste Besuch nicht erst in 22 Jahren stattfindet.





Material #1: Der Göttinger Literaturherbst - Die Website

Material #2: Dietmar Wischmeyer - Die Biografie
Material #3: Ganz offiziell - Die Website

Material #4: Niederachsen und Usbekistan - Interview mit Wischmeyer über Humor
Material #5: Die Welt muss nicht verbessert werden - Wischmeyer über Sendungsbewußtsein
Material #6: Im Ausland ist es gruseliger - Interview über das Land der Bekloppten







Freitag, 5. Oktober 2018

Die Erwartungen im vollen Umfang erfüllt

Durchweg auf hohem Niveau: Ludwig Güttler und seine Ensemble im Kreuzgang

Auf diese Elf kann man bauen. Diese Männer verwandeln die Vorlagen treffsicher. Am Mittwoch spielten Ludwig Güttler und sein Ensemble im Kloster Walkenried. Am Ende erfüllten sie alle Erwartungen.

Das Konzert war Jubiläum und Premiere zugleich. Seit ziemlich genau 30 Jahren ist Güttler immer wieder zu Gast bei den Kreuzgangkonzerten. In den letzten Jahren macht er das durchweg mit dem Blechbläser Ensemble und das hat in diesem Jahr 40. Geburtstag gefeiert.

Der Trompeter aus Dresden ist mittlerweile zu einer Marke geworden und der Titel "Ein Abend mit Güttler" reicht als Programm. Egal was gespielt wird, es wird gut, denn es steht ja Güttler drauf.

Ungewohnt: Die Tuba spielt mal die
erste Geige.     Alle Fotos: Kügler
Das Programm reicht laut Papier von der Renaissance bis in die Moderne. Den Auftakt machen fünf Tänze von Tylman Susato. Der Rheinländer aus dem 16. Jahrhundert gehört zum festen Repertoire von Güttler und seinen Jungs. Ein Teil davon baut sich hinter dem Publikum, die meiste Musiker bleiben auf der Bühne. Das Publikum ist in die Zange genommen. Über seine Köpfe hinweg beginnt das Wechselspiel der Bläser, das musikalische Passspiel. Besonders im Rondo und im Rondo Mon Ami spielen sich Posaunen und Trompeten die Themen zu, um dann den Anderen mit einem Steilpass auf die Reise zu schicken.

Von Gefangennahme kann aber keine Rede sein. Das Auditorium ist mittendrin statt nur dabei und wird so zum Teil des Klangkörpers. Der Spielzug ist zwar nicht neu, auch Güttler hat diese Karten in Walkenried schon regelmäßig ausgespielt. Es war jedes Mal ein Treffer.

Doch dann muss der Meister seine Gefolgschaft enttäuschen. Güttler kürzt das Programm, Bartolini und Bach fliegen raus, aus Zeitgründen.

Das feine Spiel setzt sich auch bei der Suite für Blechbläser von Johann Hermann Schein fort. Der Klang ist voll und kräftig und trotzdem ist jede einzelne Stimme zu erkennen. Auch hier überzeugt Güttler mit einem zurückhaltendem Dirigat. Der Mann am Spielfeldrand beschränkt sich auf das Minimum an Zeichengebung. Das spricht für das eingespielte Team.

Überhaupt überzeugt das Ensemble mit einer geschlossenen Mannschaftsleistung. Die Werke bieten allesamt nur wenige Solo-Partien über wenige Takte. Im Vordergrund steht eindeutig das Zusammenspiel und Güttler erweist sich dabei wieder einmal als primus inter pares. Er kann das Spielfeld auch mal den anderen überlassen.

Aber nun entwickeln fünf Trompeten und vier Posaunen zusammen eine Menge an Dynamik und vor allem eine Menge an Volumen. Das geht zum Teil bis an die Grenze der Hörgewohnheit und der Canzon XVI von Giovanni Gabrieli leidet ein wenig darunter.

Ganz schön voll: Der Meister im Kreise seiner Jünger
Die Sonate As-Dur von Giovanni Battista Sammartini gefällt hingegen durch die feinen Sätze von Trompeten und Posaunen, die sich punktgenau in der feinen Struktur des Werkes wiedertreffen. Diese Sonate zählt nicht ohne Grund zu Güttlers Lieblinge. Auszeichnen kann sich hier Fabian Neckermann an der Tuba. Dem sonst so schwer fälligem Instrument entlockt er feinste Melodienlinien.

In der Sonate b-Moll für Blechbläser des weitgehend vergessenen Victor Ewalds kann sich Neckermann noch einmal auszeichnen. Überhaupt zeigt dieses Werk ein komplett anderes Klangbild. Güttler verschiebt seine Mitspieler hier in Richtung Big Band und das Ensemble meistert dies ohne Verluste.

Der Abend hat die Erwartungen voll erfüllt und das Publikum applaudiert entsprechend. Damit kommt Güttler nicht um die Zugabe herum und die Motette "Singet dem Herrn" von Johann Sebastian Bach doch zur Aufführung. Hier entfaltet das Ensemble noch einmal seinen vollen Klang und die ganze Pracht barocker Lobpreisung. Der Abend endet mit einem furiosen Final in der Fuge. Das weckt die Vorfreude auf Güttlers nächstes Gastspiel im Dezember 2019.





Material #1: Ludwig Güttler - Die Biographie

Material #2: Ludwig Güttler - offizielle Website
Material #3: Das Blechbläserensemble - offizielle Website

Material #4: Die Kreuzgangkonzerte - Das Programm 2018

Material #5: Erfreute Zuhörerschaft - Güttler 2016 im Kreuzgang
Material #6: Erfüllter Kreuzgang - Güttler 2013 im Kloster






Donnerstag, 4. Oktober 2018

Windsors Weiber sind vor allem schrill

Theater Nordhausen: Nicolais Oper hart an der Grenze inszeniert

Irgendwo zwischen Rocky Horror Picture Show, Al Bundy und den Leningrad Cowboys. Anette Leistenschneider inszeniert "Die lustigen Weiber von Windsor" als eine Oper im Grenzbereich. Damit dürfte sie ganz im Sinne des Komponisten gehandelt haben. Bestimmt wird die Aufführung am Theater Nordhausen von zwei starken Polen: Zinzi Frohwein in der Rollle der Felicity Fluth und Michael Tews als Sir John Falstaff.

Der letzte Pulverdampf der misslungenen 48er Revolution hatte sich verzogen, als Otto Nicolai die Arbeiten an seiner komischen Oper zum Abschluss bringt. Aber der Kampf geht in den Kulturpalästen weiter. Die Aufgabe der Kunst ist es, das Reine und Wahre zu zeigen, auch wenn man es nicht verstehen. So das Dogma des alles dominierenden deutschen Idealismus.

Nein, sagten Otto Nicolai und Weggefährten. Aufgabe der Kunst ist es, zu unterhalten. Deswegen nimmt seine Oper einiges vorweg, was erst 50 Jahre später als Operette salonfähig wird.

Roberta und Felicity haben den Schwindel entdeckt.
Alle Fotos: András Dobi
In diesem Sinne erzählt Regisseurin Anette Leistenschneider die Geschichte von den beiden Frauen, die es ihrem Verehrer zeigen wollen, konsequent weiter. Aus der Abrechnung mit einem selbstgefälligen Adeligen wird ein Farce über das männliche Geschlecht. Auf jeden Fall ist ihre Inszenierung der "Weiber von Windsor" rasant, bunt und schrill.

Dabei kann sie mit Frohwein und Tews auf zwei Hauptdarsteller setzen, die die Anforderung bestens umsetzen. Beide glänzen nicht nur stimmlich, sondern setzen auch schauspielerisch einige Höhepunkte.

Einziges Manko: Trotz aller Einfälle ist die Geschichte zu dünn, um damit drei Stunden zu füllen. Bis zum grandiosen Finale gibt es doch einige Längen.

Kitsch as Kitsch can. Im Bühnenbild und in der Ausstattung haben Wolfgang Kurima Rauschning und Anja Schulz Hentrich alle Insignien aufgefahren, die ein Kontinentaleuropäer für very british hält. Da darf auch die Queen nicht fehlen. Die übernimmt nämlich die Rolle der Erzählerin, inklusive Corgi zu ihren Füßen.

Der größte Teil des Inventar befindet sich auf der Drehbühne und die ermöglicht einen fast lückenlosen Umbau. Damit geht es im Eiltempo durch die Szenen. Zwar ist die Oper von Nicolai hart an der Grenze zur Operette, aber das interessiert nur die Puritaner.

Uta Haase geht in der Rolle der Orientierung gebenden Quenn geradezu auf. Das distinguiert Kommentierende scheint ihre Sache zu sein. So kann sie einige Spitzen setzen, auch für die Gegenwärtigen.

Die Handlung beschränkt sich auf ein Weekend. Der knappe Zeitraum gibt der Oper zusätzliches Tempo. Gut kleinbürgerlich beginnt dies in einem Beauty-Salon mit allen Zutaten und einen Angriff auf den guten Geschmack. Trockenhauben aus den Zeiten als die Frisuren noch B-52 hießen und die Rosen auf der Tapete so groß waren wie ein Gewächshaus. Herrlich.

Dazu Zinzi Frohwein im Peggy-Bundy-Outfit: schwarze Leggins und Leopraden-Top. Da macht schon das Hingucken Spaß. Zudem macht sie auch per Gesang deutlich, dass sie die Hosen anhat. Wunderbar ist schon das Duett mit Anja Daniela Wagner, als sie den Plan zur Rache am Gockel Falstaff fassen.

Ein Angriff auf den guten Geschmack.
Michael Tews singt und spielt den selbstverliebten Adligen mit solcher Hingabe, dass jeder seiner Auftritte zum Vergnügen wird. Auch in der Verkleidungsszene des zweiten Aktes zeigt er ungewöhnliche schauspielerische Fähigkeiten. Für die vielen Tür-auf-Auftritt-Hinter-Hecken-verstecken-Abgang-Tür-knallt-zu-Szenen ist er genau der richtige Mann.

Während Philipp Francke als eifersüchtiger Ehemann gerade in der Sauna-Szene überfordert wirkt, spielt und singt Thomas Kohl den prinzipientreuen Kleinbürger Reich mit britischer Konsequenz. Der Mann arbeit bestimmt im Ministry of Silly Walks.

Ob nun Falstaff, Reich, Fluth oder Spärlich. Eins haben alle Männer in dieser Inszenierung gemeinsam: Sie sind Witzfiguren. Sogar der Opernchor kann in der Sauna-Szene seine komischen Talente mal ausspielen und den Fitness-Wahn auf die Spitze treiben. Sport als Kompensation für verloren gegangene Allmächtigkeit

Auf jeden Fall geht es im hohen Tempo durch drei Akte bis zum grandiosen Finale. Das bietet mit Elfen und Feen eine Reihe von Anspielungen auf Shakespeares Sommernachtstraum. Schließlich liefert der Mann aus Stratford.upon-Avon das Libretto zu dieser Oper.

Als alles auf ein vorhersehbares Ende und einen enttäuschten Falstaff hinausläuft, schafft Anette Leistenschneider noch eine Wende mit einem dicken Augenzwinkern. Wunderbar.


Material #1: Theater Nordhausen - Der Spielplan
Material #2: Die lustigen Weber von Windsor - Die Inszenierung

Material #3: Otto Nicolai - Die Biographie
Material #4: Die lustigen Weiber von Windsor - bei wikipedia




Sonntag, 23. September 2018

Musikalischer Brückenschlag gelungen

Knabenchor Hannover und la festa musicale im Hildesheimer Dom

Es gibt Konzerte, von denen man wünscht, sie gingen nie zu Ende. Tritt das aber nicht ein, dann hat  man aber trotzdem seinen Frieden mit der Welt geschlossen. Der Auftritt des Barockorchesters "la festa musicale" und in des Knabenchor Hannover im Hildeheimer Dom war solch ein Abend. Am Schluss lässt sich das Konzert mit einem Begriff zusammenfassen: Rundum gelungen.

Die seit langem angespannten Beziehungen zwischen der Landeshauptstadt und Hildesheim zu verbessern, das muss der Sparkassenstiftung wohl eine Herzensangelegenheit sein. Was sollte sonst der Beweggrund gewesen sein, gleich zwei Hannöversche Ensembles ins Allerheiligste einzuladen?

Genauso gewagt war das Programm. Vor allem italienische Barocker der eher unbekannten Art standen auf dem Zettel. Mit der Musik von Agostino Steffani, Diogenio Bigaglia und Antonio Lotti sollte noch einmal verdeutlicht werden, dass es einst einen regen Austausch zwischen Venedig und Hannover gegeben hat. Abgeschlossen wurde der Abend mit dem Magnificat von Antonio Vivaldi und dem Nisi Dominus des zeitweiligen Hannoveraners und Venedig-Besucher Georg Friedrich Händel.

Vom Frühbarock über das Hochbarock in die Spätphase mag zwar keine originelle Auswahl zu sein. Aber Jörg Breiding machte damit immerhin die musikalische Entwicklung im 17. und 18. Jahrundert deutlich. Die Dramaturgie überzeugte.

Mancher Chorknabe ist dem Knabenaltern entwachsen
Alle Fotos: Kügler
Es ist schon ein deutlicher Gewinn, wenn Musik an dem Ort gespielt wird, für den sie komponiert wurde. Das macht gleich der Einstieg deutlich. Das Magnificat von Steffani untermauert diese These eindrucksvoll.

Ein Orgelakkord, dann eine Solo-Stimme und schon setzt der Chor ein. Die hellen Knabenstimme steigen an die hohe Decke empor und perlen von dort auf das Publikum herab. Die Töne strömen in die Seitenschiffe und von dort zurück ins Mittelschiff. Der Hall der Kathedrale gibt den jungen Stimmen ein erstaunliches Volumen.

Was ist schon Dolby-Surround gegen live? Das Publikum wird in eine kuschelige Decke aus Musik gehüllt und der Dom wird zu einer Zeitkapsel. Die Welt da draußen existiert nicht mehr, zumindest die nächsten 90 Minuten nicht mehr.

Das Magnficat von Steffani ist kunstfertige Lobpreisung. Filigran umspielen die einzelnen Lagen einander, Solisten setzen im Alt und Tenor Akzente, bis der Chor wieder einsetzt. Die Übergange funktionieren wunderbar.

Dann bleiben den Streichern einzelne Passagen. "la festa musicale" überzeugen an diesem Abend als Ensemble, als eine Einheit gleichwertiger Musiker, die trotz des jugendlichen Alters schon über einen hohen Grad an Zusammenspiel verfügen. Damit kann das Dirigat von Jörg Breiding zurckhaltend bleiben und sich auf die wesentlichen Dinge beschränken. Aber eins ist klar. Dem Gesang kommt an diesem Abend das Primat zu.

In der "Missa á 5 con stromenti" hat Bigaglia ein belebendes Zusammenspiel von Solisten und Chor entworfen. Jede Strophe beginnt mit dem Solo-Gesang, dann antwortet der Chor und führt das Motiv weiter und entwickelt es zu neuem Material. Das ist Barock, wie er sein soll.

Das Orchester muss sich zurückhalten, der Dirigent
ja auch.    Fotos: Kügler
Nach den weltabgewandten Steffani und dem innerlichen Bigaglia bildet das "Credo in F" von Antonio Lotti den nötigen Kontrast. Es ist barocke Pracht und Lebensfreude, die sich hier Bahn bricht. Der ist erreicht, als die Streicher Barocktänze servieren. Das Largho des "Spiritum Sanctum" bietet nur eine kurze Pause, bis die Pracht im Schlussvers noch großartiger zurückkehrt. Es scheint, als habe das Publikum Angst, solch ein Werk mit so etwas Schnödem wie Applaus zu begleiten.

Im dritten Satz des Magnificat von Vivaldi dürfen die Srreicher dann glänzen. Plötzlich ist es da, dieses vom großen Venezianer so geliebte Staccato. Das sorgt noch einmal für eine deutliche Tempoverschärfung. Das Konzert ist ganz im Diesseits angekommen. Auch hier bleibt Breiding angenehm zurückhaltend.

Händels "Nisi Dominus" ist geprägt vom Wechselspiel der Instrumentalisten und der Solisten. Im "Varnum est vobis" kann sich Georg Poplutz auszeichnen, Ohne Verluste lotet er alle Höhen und Tiefen seiner Stimmlage aus.  Im dritten Satz legen die Streicher das Fundament, auf dem Counternor Alex Potter für diese Lage ungewohnt weltvergessen singt. Aber die Überraschung ist Wolf Matthias Friedrich im vierten Satz. Ein Bass, der mit solch Dynamik auch in die Höhen kommt, sollte man für die Zukunft auf der Rechnung haben.

Mit dem "Beatus vir" und dem "Gloria Patri et Filio" bleibt dem Chor das Schlusswort und die setzt er in voller Pracht des späten Barocks. Nach solchen einem Konzert vergibt man nicht nur seinen ärgsten Feinden und den eigenen Verwandten sondern auch den Hannoveranern.




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