Sonntag, 16. Februar 2020

Ein Festival der Mimik

stille hunde mit literarischen Roulette im Schloss Herzberg

Was die Interpretation von Literatur anbelangt sind Stefan Dehler und Christoph Huber unbestritten die Nummer eins in der Region. Als stille hunde stellten sie dies am Freitag mit dem literarischen Roulette im Schloss Herzberg unter Beweis. Freches Kabarett oder gewagte Neuinterpretation. Die Arbeit mit den Perlen der Weltliteratur wurde auf alle Fälle zum Festival der Mimik.

Sechsunddreißig Texte hängen mit Nummern versehen an zwei Stellwänden auf der Bühne. Dazu kommen siebenunddreißig Nummern in einem Lostopf. Christoph Huber wählt die Zuschauer aus, die die Lose ziehen dürfen. Der Zufall bestimmt das Programm.

Bevor es damit losgeht, gibt es aber noch einen amüsanten Seitenhieb auf den Literaturbetrieb. In den Rollen des enttäuschten Schriftstellers und des entnervten Kritikers liefern Dehler und Huber ein Feuerwerk der Plattitüden ab. Sie lassen kein der Formulierungen aus, die den Diskurs über Geschriebenes prägen. Damit wird deutlich, dass eben vieles im Literaturbetrieb beliebig und austauschbar ist.

Literat und Kritiker: Das literarische Duett.
Alle Fotos: Thomas Kügler
Stefan Dehler ist der Spätberufene, der seinen Roman durchaus in einer Reihe mit den großen Werken sieht. Schließlich geht es in "Liegen gelassenes Leben" um eine Bahnfahrt nach Osnabrück, die 60 Jahre dauert und nie ihr Ziel findet, weil in Hannover der Anschluss verpasst wird. Allein dieses Konstrukt ist schon großartig. Aber das verkannte Genie lädt seine Banalitäten so seht mit  Phrasen auf, dass es zum Kabarett. Dieser latenten Aggression kann der desinteressierte Kritiker nichts entgegensetzen.

Aber dann geht es  los. Die erste Zuschauerin zieht und es ist die "Null". Das Lachen ist groß, die Stimmung von Anfang an da. Sie wird mit einer Flasche Schierker Feuerstein belohnt und Dehler und Huber beweisen, dass sie noch etwas perfekt beherrschen: die Zuhörer einbeziehen. Wie jede andere Vorstellung der stillen hunde ist auch das literarische Roulette ein Spiel mit dem Publikum.

Sich dem Glücklos auszusetzen, dass zeugt von einer Menge Selbstvertrauen. Die stillen hunde haben es, weil sie ihr Metier beherrschen. Da kann man sich ohne große Vorbereitung schon mal in Sekundenschnelle von einen Text zum anderen schwingen, Dies machen sie gleich mit der ersten Geschichte deutlich. Es ist "Fanny Hill" von Cleland, die Geschichte einer Prostituierten  im England des 18. Jahrhunderts. Das Fazit vorweg: Bei allen Klamauk wird deutlich, dass Fanny Hill wie eine Ware verschachert wird.

Im Gegensatz zu den sonstigen szenischen Lesungen müssen Huber und Dehler auf Requisiten verzichten, es bleiben nur das Pult und ein Sakko. Das wird später zweckentfremdet. Diese vermeintliche machen sie aber allemal wett. Ihr Vortrag ist Schauspiel komprimiert auf aller kleinsten Raum. Ein Festival aus Mimik, Rhetorik und Gesten.

Jeder Gesichtszug passt. Die Pausen im Vortrag sind richtig gesetzt. Neue Rollenwechsel werden mit neuen Stimmlagen  angekündigt und die Akzente genau gesetzt. Eine ungewöhnliche Betonung eröffnet neue Perspektiven aus Bekanntes. Der Sprung von einer Rolle in die nächste gelingt ohne Übergang. Das spricht für die perfekte Beherrschung des Textes und des Handwerks.

Nicht jeder möchte umschlungen werden.
Foto: Kügler
So wird auch ein Sachtext wie eine Rezension von Kurt Tucholsky zu einen Erlebnis. Aus dröger Literaturkritik wird ein Lacherfolg. Aber die stillen hunde können auch Hintersinn. Das zeigen sie mit dem Raben Jakob Krakel-Kakel aus den wenig bekannten Tiergeschichten von Manfred Kybel. In dieser Parabel über den täglichen Ehekrieg steckt so viel Süffisanz über Betrug und Rache, dass das Lachen am Ende auch eine befreiende Wirkung hat.

Gerade diese Geschichte lebt von den Spannungen, die beiden Darsteller  immer wieder gern inszenieren. Die Rollenverteilung bleibt die gewohnte: der feinsinnige Dehler gegen den holprigen Huber. Gegenseitige Frotzeleien gehören einfach dazu und jeder kann sich eine Identifikationsfigur aussuchen. Während Dehler zwischen den Texten versucht. Literaturkenntnisse zu vermitteln, zieht Huber als Nummer-Boy alle Aufmerksamkeit auf sich.

Das Publikum ist an Komik und nicht an Wissen interessiert, ist die Selbsterkenntnis. auf jeden Fall bekommt Pöhlde wieder ein Portion Spott ab und das Publikum freut sich darüber.

Die stillen hunde können nicht nur Hintersinn und literarischen Comedy. Sie können auch Kopfkino. Das geht an, als das Losglück das Schlusskapitel von Moby-Dick aufruft. Jetzt ist Schluss mit lustig. Dehler steigert sich so sehr in die Rolle des Käpt'n Ahaabs, dass dem Publikum in den ersten Reihen durchaus Angst und Bange wird. Der Wahnsinn steht ihm ins Gesichts geschrieben. Niemand lacht mehr und das Publikum wird zu den totgeweihten Matrosen, die bald Mann für Mann über Bord gehen. Nur das Schleudern der Harpunen sorgt für kurze Pausen in der Anspannung. Dieser Vortrag macht deutlich, wer hier Täter und Opfer ist. Das Tier reagiert nur auf den abgrundtiefen Hass des Käpt'ns und ist damit menschlicher als der Mensch.

Die Darsteller hatten ein Zeitlimit gesetzt.  Zweimal 45 Minuten hieß die, aber am Ende wurde es dann doch fast drei Stunden.Offensichtlich haben Huber und Dehler selbst Spaß an diesem Treiben und diesen Spaß können sie auf einzigartige Art und Weise vermitteln.



Material #1: Die stillen hunde - die Website






Montag, 10. Februar 2020

Wenn Wichtigtuer auf Verblendete treffen

Das Theater Nordhausen zeigt "Schtonk" zur richtige Zeit

Wenn die Schatten der dunkelsten Vergangenheit die Gegenwart einholen, dann ist das in aller Regel nicht witzig. Bei "Schtonk" im Theater Nordhausen aber doch. Damit ist es das passende Stück zu den Verwerfungen der Thüringer und der bundesdeutschen Politik. Bei der Premiere am Freitag gab es reichlich Applaus.

Der Skandal um die angeblichen Hitler-Tagebücher erschütterte 1983 die alte Bundesrepublik. Gerade das linksliberale Magazin "stern" hatte die Fälschungen aus dubiosen Quellen bezogen. Anstatt den Medien-Coup des Jahrzehnts zu landen, flog die Geschichte recht schnell auf. Zurück blieb ein Scherbenhaufen, unter dem der "stern" fast erstickte.

Der eigentliche Skandal waren aber nicht die Fälschungen sondern der Sumpf aus Alt- und Neonazis und Geschäftemachern, in den sie die stern-Redakteure und die Geschäftsleitung begaben, um die Auflage zu steigern. Das hat der Film "Schtonk" von Helmut Dietl und Ulrich Limmer gezeigt.

Reiner Heise hat die Komödie für das Theater Rudolstadt auf die Bühne gebracht. Die Premiere in Nordhausen zeigte, dass seine Inszenierung dem Film in nichts nachsteht. Es geht nicht um die akribisch Nacherzählung der Ereignisse, sondern um die Typen, die solch einen Skandal erst möglich mache. Heise deckt sogar Seiten auf,
die bisher verborgen blieben.

Von Absteiger zum Hochmut und zurück: Seidensticker
als Hermann Wilié.        Alle Fotos: Lisa Stern
Ein Garant für den Erfolg ist Markus Seidensticker in der Rolle des Hermann Willié. Dieser hat seinen Zenit als Journalist deutlich überschritten. Er vermischt auch schon mal Privates und Berufliches und sein Interesse an den Devotionalien des NS-Regimes hat den Liebhaber-Status erreicht.

Seidensticker schafft es, Willié als kompletten Typen darzustellen, in seiner Schleimigkeit, in seiner Verzweiflung, in seinem Hochmut und in seinem Wahn, als der Schwindel auffliegt. Dabei arbeit er vor allem mit der Stimme. Seidensticker setzt die feinen Nuancen, die das Auf und Ab deutlich machen. Dabei hält er aber die Grenzen ein. Sein Willié erzeugt kein Mitleid, er ist nie Opfer sondern immer Täter.

Da hat Marcus Ostberg die leichtere Aufgabe. Sein Rolle ist die des Fälschers Fritz Knobel. Zwar macht auch der eine Berg- und Talfahrt durch. Beeindruckend sind die Szenen, als Knobel im Fälscherwahn fast droht seine Persönlichkeit an den Führer verliert. Aber Osterberg gewinnt dem Knobel sogar heitere Seite und damit macht er ihn zu sympatischen Gewinner.

Sein Knobel beliefert einen Schwarzmarkt und er weiß die Graubereich auszunutzen. Die Geheimnistuerei ist seine wichtiges Werkzeug. Im Laufe der Vorstellung wird aus einem Getriebenen eine treibende Kraft. Diesen Wandel verdeutlicht Ostberg durch die passende Rhetorik und Körpersprache. Deshalb entwickelt das Publikum durchaus Sympathien für das Schlitzohr.

Rasant, bunt und frech. Die Vorlage ist eine der besten deutschen Komödien der Gegenwart. die Inszenierung von Reiner Heise schaft es, deren hohes Tempo bei zu behalte und zu steigern. Die Aufführung ist zusammengesetzt aus Dutzenden von Szenen. Mal dauern sie wenige Sekunden, mal mehrere Minuten. Damit schafft Heise einen Rhythmus, der das Publikum mitnimmt, weil er filmische Mittel gekonnt auf der Bühne umsetzt.

Dazu gehört auch die Musik. Mal dröhnt sie blechern wie zur Wochenschau, mal kommt sie locker und leicht daher wie ein Schlager aus den 30-er Jahren. Die Musik bereitet nicht nur vor oder rundet ab. Sie wird vom Hilfsmittel zum eigenständigen Bestandteil der Inszenierung.

So sehen Sieger aus: Fritz Knobel und seine Frauen.
Alle Fotos: Lisa Stern
Dabei kann er auf ein akzentuiertes Licht und das großartige Bühnenbild von Manfred Gruber setzten. Vorne die blanke Spielfläche und hinten der schnittige Bug eines Schiffs, unter dessen Deck sich die Fälscherstube im Spitzweg-Modus befindet. Die hat sogar einen Holzofen, der raucht als die Geschäfte laufen. Nie ist beides gleichzeitig zu sehen, die Welt von Fälsche und Geschäftsführern bleiben  getrennt durch einen Vorhand.

Das Schiff läuft nach links aus in eine Hafenkante, an der nachts wohl die Damen aus dem horizontalen Gewerbe flanieren. Tatort ist Hamburg und da kommen sich Medien und Prostitution auch mal nahe. Das macht Johannes Arpe bei seinem Auftritt als Verlagsleiter Dr Wieland deutlich.

An dieser Person zeichnet Heise besonders eindrücklich nach, welche Eigendynamik die Hast nach der Sensation entwickelt. Da werden Widerstandskämpfer schon mal schnell zu Handlagern. Der Wichtigtuer wird geerdet. Dazu passen auch die herrlich säuerlichen Mienen von Jochen Ganser und Benjamin Petschke in den Rollen der übergangenen Chefredakteure auf Williés Geburtstagsfeier. Wichtigtuer treffen hier auf Verblendete. Nur so kann der Schwindel funktionieren, das zeigt diese Aufführung und geht damit über den Film hinaus.

Aber bei aller Analyse ist "Schtonk" doch immer noch eine Komödie. Hintersinn ersetzt hier Plattitüde. Es eine Medienkritik voller gelungener Szenen, die sich in einem straffen Tempo einen ganz eigenen Kosmos zeigen. Die Aktuere geben sich selbst der Lächerlichkeit preis.       

Damit ist "Schtonk" das richtige Stück zur passenden Zeit. Was schade ist? Die Aufarbeitung des Relotius-Skandals wird bestenfalls lehrreich, aber nicht annähernd so unterhaltsam wie "Schtonk" in Nordhausen.     


Material #1: Theater Nordhausen - Der Spielplan
Material #2: "Schtonk" - Das Stück

Material #3: Hitlers Tagebücher - Der Skandal


Sonntag, 2. Februar 2020

Der Mut der Verzweifelten

Das Leben auf der Praça Roosevelt im DT Göttingen

Es mag abgedroschen klingen, aber diese Aufführung geht unter die Haut. Für das Deutsche Theater Göttingen hat Aurelius Śmigiel "Das  Leben auf der Praça Roosevelt" auf die Bühne gebraucht und seine Inszenierung zeigt einen Blick auf die Enttäuschten, die aber nicht in Verzweiflung zurückbleiben.

Die Praça Roosevelt ist ein Platz in der brasilianischen Wirtschaftsmetropole Sao Paulo. Eine neogotische Kirche ist umstanden von Platanen und Hochhäusern. Gebaut in den 60-er Jahre als ein Versprechen auf eine bessere Zukunft, ist er nun die Heimat von Dealern, Nutten und Ausgegrenzten. Zwischen die Bordelle reihen sich Büros, Spielhallen und kleine Gewerbebetriebe.

Die Autorin Dea Loher hat den Ort während ihres Brasilien-Aufenthalts kennengelernt. Ihre Erfahrungen hat sie 2012 zu einen Stück verarbeitet, Das zeigt sich weder als Tragödie noch als Drama ist, obwohl es von beiden viel hat. Es ist einfach ein hartes Stück Dokumentationstheater.

Ein Bett wie ein Gefängnis.
Alle Fotos: Thomas Aurin/DT Göttingen
Diese Konfrontation mit einer Realität außerhalb des Theatersaals ist für das Publikum durchaus eine Herausforderung. Bei der Premiere trifft Villa auf Pappkarton, Pensionsansprüche auf Sammelbüchse. Betretenes Schweigen unterbrochen von Gekicher. Dabei ist Göttingen Praça Roosevelt doch gar nicht so weit weg.Sie heißt Iduna Zentrum und steht am Weender Tor.

Jósef Halldórson konnte der Verlockung widerstehen. Sein Bühnenbild zeigt eben keinen Platz. Es ist reduziert und aufgeräumt. Es wirkt wie eine Mischung aus Malewitsch und Dali. Die Reduktion löst die Inszenierung ein wenig aus Zeit und Raum und verlagert das Geschehen ins Allgemeingültige.

Die Lebenslinien der Akteure treffen sich auf der Drehbühne. Je nach Szene rückt diese eine Kulisse in den Vordergrund. Zum Auftakt steht ein Bett im Fokus. Seine massiven Eisenstäbe erinnern an ein Gefängnis. Hier dämmert der Streifenpolizist Mirador dem Tod entgegen. Seine Frau besucht ihn nach langer Zeit und erzählt vom gemeinsamen Sohn, der eines gewaltsamen Todes gestorben ist. Dafür macht sie ihren Mann verantwortlich.

In der Retrospektive erzählt er davon, wie zur Katastrophe kam und wie er seinen Sohn schon verloren hatte, lange bevor er starb. Dabei ist die Erzählung durchaus vielschichtig. Alles hängt mit allem zusammen.Immer wieder kreuzen sich die Wege, zieht das eine das andere nach sich.

Die letzte Chance, um aus der Abwärtsspirale zu entkommen, wäre für Miradors Sohn eine Anstellung bei Vito. Doch der wird seine Fabrik schließen, weil er keine Waffen mehr herstellen möchte, weil er beobachtet hat, wie Mirador mit einer Waffe aus seiner Produktion auf seinen Sohn gezielt hat. Damit werden die beiden zu Verbindungspunkte in der Abfolge der Szenen.

Concha und Aurora. 
Egal, welche Entscheidung du triffst, sie ist falsch. Das arbeitet Śmigiel bestens heraus. Vito will die Spirale der Gewalt nicht mehr unterstützen und schließt seine Fabriken. Damit liefert er seine Mitarbeiter dem Elend und der Gewalt aus. Irgendjemand bezahlt immer.

Dabei lebt die Inszenierung vom einem irritierenden Widerspruch. Trotz der mehr als schwierigen Lage, in der sich die Akteure befinden, tragen sie eine Gelassenheit zur Schau, anfangs befremdlich wird. Paul Wenning in der Rolle des Streifenpolizisten Mirador trägt seinen Text so lakonisch vor, dass es fast schon ein Provokation ist. Wo andere große Emotionen präsentieren würden, beeindruckt er mit Souveränität dem Schicksal gegenüber. Das lässt er in ausreichenden Kunstpausen wirken.

Dazwischen schimmert immer wieder die Überforderung eines Manns hindurch, der seine Welt nicht ganz begreifen kann oder will. Denn diese Welt funktioniert nicht nach seinen Regeln und damit kann sich Mirador nicht arrangieren. Damit ist Wenning eine umfassende Charakterisierung geglückt.

Auch Vitos Verzweiflung ist anfangs eine stille. Erst in der Sportbar-Szene dreht Christoph Türkay in dieser Rolle auf. Die rasanten Wechsel zwischen zu Tode betrübt und rasende Wut gelingen ihm wunderbar. Umso schöner ist es, als Judith Srößenreuter ihm mit dem Wort "Bin-go-hal-le" erdet und aus dem Elfenbeinturm holt. Nun blitz ein helles Licht der Hoffnung auf. Man muss einfach weitermachen mit dem Mut der Verzweifelten.

Diese Lakonie geht bis an die Grenze des Erträglichen, als Gerd Zinck in der Rolle des Transvestiten  Aurora davon erzählt, wie es einst als 12-jähriger Knabe vom Nachbarn vergewaltigt wurde. Wie sein Versuch, diese Tat zum finanziellen Vorteil durch die Cleverness des Täters zu nichte gemacht wird. Das ist schon starker Tobak und Zinck bringt ihn emotionslos aus die Bühne. Dennoch schafft er es, einen Rest an Lebensfreude zu bewahren. Damit ist diese Figur ein kompletter Mensch.

Die stärkste Leistung hinterlässt aber Andrea Strube in der Rolle der Concha, Als Vitos Sekretärin von der Arbeitslosigkeit bedroht und vom Krebs gezeichnet, ist sie immer wieder bemüht, andere zu trösten und ihnen zu einem kleinen Glück zu verhelfen. Strube macht dies ohne große Gesten mit einer Selbstverständlichkeit, die berührt.

Mirador sucht seinen Sohn.
Alle Fotos: Th. Aurin
Es ist diese Spannung aus schwerem Schicksalen und bedächtigem Vortrag und gebremsten Spiel, die diese Inszenierung prägt. Sie ist ganz anders als erwartet und damit überrascht und irritiert sie. Deswegen ist diese Aufführung berührend. Man muss sich mit dem Schicksal abfinden, sonst kann man es nicht ertragen.

Deswegen erzeugt Roman Majewski wohl auch das größte Schweigen als der Mann mit dem Koffer. Dieser Koffer, ein Anzug und ein Handy sind sein ganzer Besitz und die letzten Insignien seiner einst bürgerlichen Existenz. Hektisch strampelnd wie ein Ertrinkender versucht er zurückzufinden in die Berufswelt. Doch das Publikum ahnt, dass ihm das nicht gelingen wird. Er kann sein Unglück nur abmildern, indem er einen anderen Unglücklichen die Schuhe klaut. Der Rest ist Schweigen im Parkett.

Gewalt und Tod kommen nicht auf die Bühne. Diese finden nur in den Texten statt. Somit erlebt das Publikum nicht nur die Verarbeitung dieser Ereignisse. Nein, sie schleichen sich so auch in die Köpfe der Zuhörerinnen und Zuhörer. Śmigiels Inszenierung ist Kopftheater. Damit ist das Publikum durchaus gefordert. Es schließt die Lücken zwischen den Einzelszenen.

Nicht eingehaltene Zukunftsversprechen, sozialer Abstieg und Gewalt sind unbequeme Themen. Dea Loher hat sie in "Das Leben auf der Praça Roosevelt" thematisiert. Aurelius Śmigiel hat eine Interpretation vorgelegt, die deswegen wirkt, weil sie nicht auf Emotion setzt sondern auf Reduktion. Damit entbindet er die Handlungen und Szenen vom Zeit und Ort und gibt eine analytische Ebene. Diese Kopfarbeit macht sie umso beeindruckender.

 




Material #1: DT Göttingen - Der Spielplan
Material #2: Die Praça Roosevelt - Das Stück


Material #3: Dea Loher - Die Biografie


Material #5: Das Iduna-Zentrum - Die Praça Roosevelt von Göttingen




Dienstag, 28. Januar 2020

Verzaubert mit viel Lyrik

Lenz inszeniert die Zauberflöte in Nordhausen

Das Tiefstapeln war rein taktischer Natur. Mit seiner Inszenierung der Zauberflöte hat Achim Lenz die Erwartungen mehr als erfüllt. Starke Sängerinnen und Sänger trafen bei der Premiere auf ein Loh-Orchester in Spiellaune. Nach anfänglichem Fremdeln war das Publikum begeistert.

Die Ansprüche sind unterschiedlich. Mozart vorletztes Bühnenwerk ist für die einen ein Menschheitswerk wie der Doktor Faust. Andere sehen es etwas nüchterner und für sie ist die Oper um zwei ungleiche Paare, die Erlangung der Weisheit und die Macht der Liebe ein unterhaltsames und lehrreiches Wechselspiel.

Achim Lenz sieht es vor allem als Schatz mit vielen Ideen und Anregungen. Ein paar hat aufgegriffen, ein paar neue hat er hinzugefügt. Vor allem hat er Schauspiel in das Singspiel gebracht. Seine Sängerinnen und Sänger agieren regelrecht, miteinander und gegeneinander. Der Schauspiel-Anteil ist erfreulich hoch.

Tamino und ein Fan-Club.
Alle Fotos: Marco Kneise
Schon in der Ouvertüre präsentiert das Loh-Orchester den besonderen Helmrath-Sound: Behutsam und akzentuiert. Ein Wohlklang in Es-Dur erfüllt den Raum. Dem Loh-Orchester gelingt es, die Lieblichkeit dieser Tonart zur Geltung zu bringen. Das zieht sich durch bis zum Finale des zweiten Akts.

Die Videoprojektion zeigt das Werden und Vergehen einer Dieffenbachia. Mit ihrer vielfältigen Bedeutung steht die Pflanze sinnbildlich für die unterschiedlichen Rezeptionen dieser Oper der tausend Themen. Eindeutig ist hingegen die Szene der Keine während des Pamina-Papageno-Duetts. Zum Teil gestalten die Projektionen einfach den Raum und reduzieren die Umbauarbeiten auf ein Minimum.

Der Vorhang gibt den Blick frei auf eine Industriebrache. Das ist die Welt der König der Nacht, Zerstörung allerorten. Deswegen ist Tamino auch gekleidet wie ein Krieger und bleibt es bis zum Schluss. Kyounghan Seo liefert in dieser Rolle eine technisch saubere Leistung ab und auch den Ausdruck entdeckt er zusehends. Die Bremse früherer Inszenierungen scheint gelöst.

Diese Aufführung ist durchweg glänzend besetzt. Das beweisen schon die drei Damen der Königin. Stimmlich harmonierend zeigen sie auch Schauspieltalent und der Schulterklopf-Reigen ist belebende Komik und ihr Interesse an den Helden ist ganz bestimm nicht platonischer Natur. Es lohnt sich, auf die kleinen Gesten zu achten. Ganz in schwarz gekleidet wirken sie wie der Background Chor einer finsteren Soul Queen. Überhaupt hat Birte Wallbaum hier eine großartige Ausstattung vorgelegt.

Pamina und Papageno wären das bessere Paar.
Alle Fotos: Marco Kneise
Die Zauberflöte ist Menschheitsepos und munteres Possenspiel. Das macht Philipp Franke als Papageno deutlich. Hier paaren sich eine starke Gesangsleistung mit schauspielerischen Talent. Er beherrscht das Protzen ebenso wie die Verzweiflung und die Schicksalsergebenheit. Damit verschiebt Franke den Fokus eindeutig.

Dies wird im Duett mit Amelie Petrich als Pamina deutlich. Es taucht der Gedanke auf, dass diese beiden doch weitaus besser zueinander passen würden.Doch diesem Schritt über die Klassenschranken wird letztendlich nicht gewagt.

Trägt Papgeno den Keim der Erkenntnis in der Glaskugel noch im ersten Akt mit sich, wird ihm dieser beim Eintritt in den Tempel abgenommen. Volksweisheit zählt nicht in der Gesellschaft der erwählten Männer. Die haben zwar kein Brett vorm Kopf, aber einen eisernen Vorhang im zweiten Akt. Details sagen manchmal mehr als die Arie.

Eine weitere Überraschung ist Marian Kalus. Die Rolle des Monostatos ist in aller Regel recht begrenzt. Doch Kalus arbeitet alles heraus und legt noch mehr hinein. Eigentlich konzipiert als das Alter Ego des strahlenden Sarastro macht Kalus daraus eine eigenständige Figur. In einer Welt des Händchen Haltens und der Gänseblümchen-Erotik ist er der Einzige, der seine Begierde nicht kultivieren möchte.

Gänseblümchen-Erotik ist nichts für Monostatos.
Alle Fotos: Marco Kneise
Schauspiel hin und her. Die besten Gesangseinlage liefert an diesem Abend  Sufin Bae als Königin der Nacht. Ihr Auftritt im ersten Akt ist schon eine starke Leistung, denn sie mit der Mord-Arie im zweiten Akt noch steigert. Ohne Zittern und klar kommt sie in die höchsten Höhe und die Koloraturen der zweiten Arie sorgen für Staunen im Publikum. Vielleicht wäre hier ein Dwäääng-Gitarren-Solo auf der Stratocaster angebracht. Doch der Schritt über die Genre-Grenzen wird letztendlich nicht gewagt.

Ist der erste Akt für die Traditionalisten noch schwer verdaulich, versöhnt sie der zweite Akt. Das Tempo geht deutlich zurück, das Bühnenbild schaltet von Industriebrache auf Lobby-Optik um. Aber es zeigt sich hier auch noch Potential für eine fokussierte Erzählung.

Es sind vor allem die lyrischen Momente dieser Aufführung, die so verzaubern. Dazu gehören die Auftritte der drei Knaben. Sie faszinieren nicht durch die außergewöhnliche Optik. Sie sorgen auch für das Innehalten und Reflektieren, schließlich tragen sie den Müll der Welt mit sich. Das ist ein starke Aussage und eine gelungene Dramaturgie.




Material #1: Theater Nordhausen - Der Spielplan
Material #2: Die Zauberflöte - Die Inszenierung

Material #3: W.A. Mozart - Die Biografie
Material #4: Die Zauberflöte - Das Werk

Material #5: Achim Lenz - Die Website




    

Sonntag, 26. Januar 2020

Ein Abend voller Entdeckungen

Zweites Kaiserpfalzkonzert mit der TfN-Philharmonie

Unverhofft kommt nicht allzu oft, wenn aber doch, dann ist es umso schöner. Das ist das Fazit des zweiten Kaiserpfalzkonzert der TfN-Philharmonie in Goslar. Statt Erfahrung und Reputation stand dort Jugendlichkeit und Engagement am Pult. Das Publikum erlebt wohl so etwas wie die Geburt eines Stars.

Als Dirigent war für diesen Abend mit Mozart und dem Londoner Bach Reinhard Goebel angekündigt. Als Gründungsmitglied der Musica antiqua Köln ja schon ein Hochkaräter. Doch Goebel musste kurzfristig absagen. Der Ersatzmann Oscar Jockel entpuppte sich als Hauptgewinn.

Der 24 Jährige ist ein aufgehender Stern am Dirigentenhimmel. Er sammelt Preis und Auszeichnungen wie andere. Mit Mitte zwanzig ist die Liste seiner Referenzen so umfangreich wie bei Kollegen, die zwanzig Jahre älter sind. In diesem Jahr wir er einer von drei Drigenten beim Beethoven-Festival sein.

Alle Fotos: Thomas Kügler
Dass alle diese Vorschusslorbeeren berechtigt sind, stellte Jockel mit dem Konzert in Goslar unter Beweis. Unter seiner Leitung lieferte die TfN-Philharmonie schlicht und einfach eine Meisterleistung ab. Angesichts der kurzen Zeit, um Dirigenten und Orchester in Einklang zu bringen, ist diese Leistung umso höher zu bewerten.


Jockels Dirigat ist expressiv und engagiert, um Teil sogar sportlich, aber er schafft es, die wichtigen Akzente zu setzen. Mit großen Gesten spart er nicht. Er ist fordernd und eindeutig und bleibt doch ein Teamplayer. Er lässt den Musikern, den Raum, den sie brauchen und das Lob des Publikums gibt er stets und sofort an das Ensemble weiter.

Die Werke


Unter all den Bachs ist Johann Christian wohl derjenige, der ein wenig ins Hintertreffen geraten ist. Das ist umso erstaunlicher, da er doch wichtige Marken in der Entwicklung der klassischen Musik gesetzt. J.C. Bach verbindet die Polyphonie des Barock mit der Melodieentwicklung der Klassik.

Alle Fotos: Thomas Kügler
Schon im Allegro assai der Sinfonia concertante Es-Dur verstehen Dirigent und Orchester es, die ganzen Besonderheiten dieses Werkes herauszuarbeiten. Die zahlreichen Wechsel in den Tempi funktionieren wunderbar, auch die Dialoge zwischen Tutti und Solisten sind ein Genuss. Streicher im Stakkato des Presto folgen auf ruhige Passagen Ganz im Bachschen Sinne vermag es Jockel, die Bläser zu ihrem Recht zu kommen.

Das gilt insbesondere für den zweiten Satz. Hier im temporeduzierten Larghetto können sich Zsolt Sokoray an der Flöte, Markus Hartz am Horn und Kanako Weldner am Fagott auszeichnen. Auch der Wechsel in das sehr barocke Minuetto im dritten Satz erfolgt ohne Bruch. Es verdeutlich damit die Zwischenzeit, in der sich J.C. Bch befand.

Leichtigkeit hier, Gewichtigkeit hier. Der zwiete Bch-Beitrag, die Ouvertüre und Suite aus "Amadis des Gaules" spricht musikalisch ein andere Sprache. Die Heldengeschichte kommt mit viel Belech daher, das sich mit Streicher im Stakkato abwechselt, um dann von den Pauken beendet zu werden.

Es ist schon faszinierend, wie diese Vielfalt in einem Satz von der TfN-Philharmonie schlüssig umgesetzt werden kann. Das Klangbild bleibt stets ausgewogen. Russlan Bojkov und Claire Händel an den Oboen können im Andante mehrfach die Akzente setzen  Somit folgt es einer eigenen Logik, dass die "Séquence de ballet" tänzerisch daherkommt, wobei die Holzbläser sich tirillierend auf die Basis der Streicher setzen, die dann doch wieder dominieren. So entsteht vor dem geistigen Auge das Bild eben doch ein Tanz.

Alle Fotos: Thomas Kügler
J.C. Bach ist Vorklassiker, Wolfgang Amadeus Mozart gilt als Vollender diese Phase. Wie weit er aber schon in die Zukunft weist, das machten Jockel und die TfN-Phlharmonie mit der Chaconne aus dem 3. Akt des Idomeneos deutlich. Aus einer zarten Melodie-Linie entwickeln sie ein furioses Finale, aus dem schon Beethovens Urgewalt und Emotion hervorschaut.

Zuvor hatten Jockel und das Orchester über die sechs Sätze der Fantasien in c-Moll eindrucksvoll gezeigt, wie sich eine musikalische Idee über die Tempi steigern und variieren lässt und sich doch treu bleibt.

Auch wenn das Programm krankheitsbedingt verkürzt wurde und die Zugabe ausfiel, war das Konzert doch reichlich gefüllt mit bleibenden Erlebnissen. Es ist schon bemerkenswert, wie schnell Ensemble und Dirigent zueinander gefunden haben. Das war ein Abend, der in Erinnerung bleiben wird.



Material #1: Die TfN-Philharmonie - Das Ensemble

Material #2: Oscar Jockel - Die Website

Material #3: Johann Christian Bach - Die Biografie
Material #4: Wolfgang Amadeus Mozart - Die Biografie


Samstag, 4. Januar 2020

Wer braucht schon Wien?

Loh-Orchester mit einem schwungvollen Programm

So fängt das Neue Jahr gut an. Mit dem Programm "Wo die Zitronen blüh'n" begrüsste das Loh-Orchester im Achteck-Haus das neue Jahrzehnt. Die abwechslungsreiche Auswahl und der meisterliche Vortrag begeisterten.

Musik aus Italien und italienisch inspirierte Werke standen auf dem Programm. Die Ouvertüre aus Rossinis war der passende Auftakt. Den Loh-Orchester gelang es hervorragend, den schnellen Wechsel der zahlreichen Motive zu gestalten. Aus dem Knall der Pauken und dem Stakkato der Streicher entwickelte die Oboe das erste Thema, dass dann von den Streichern übernommen wird. Die Geigen bauen es aus und lassen sich auch nicht von dem Pauken und Trompeten stören.

Das deutliche Dirigat von Michael Helmrath zeigt klare Vorstellungen vom Zusammenwirken der Instrumentengruppen. Selbst im furiosen Finale sind die Unterschiede deutlich und das Klangbild transparent. Nur so lassen die unzähligen Ohrwürmer erkennen, die in diesem kurzen Werk komprimiert stecken. Rossinis Meisterwerk hat hier kongeniale Partner gefunden. 

Seine ganze Bandbreite zeigt das Ensemble im letzten Werk. Sieben Stücke von Rossini aus dessen "Matinées musicales" und "Soirées musicales" hat Benjamin Britten hier zusammengetragen. Auf das zarte Glockenspiel im Tanz folgen rührende Trommeln und scheppernde Blechbläser. Michael Helmrath gelingt es, selbst den staatstragenden Märschen ein heiteres Lächeln zu entlocken.

Eine Einheit: Orchester, Dirigent und Publikum.
Alle Fotos: Kügler 
Das Orchester hat Spaß daran, alles zeigen zu dürfen. Der überträgt sich auf das Publikum und es ist versucht, im Walzer mitzugehen. Auch die anschließende Tarantellas und der Bolero zaubern einen Hauch von Ballstimmung in das Achteckha. us.

Da ist Tschaikowskys "Cappriccio italien" fast schon ein Stimmungstöter. Die musikalischen Farben springen um von "lichtdurchflutet mediterran" auf "finster osteuropäisch". Aber auch diesem Wechsel schafft das Ensemble ohne Einbußen. Es ist immer wieder die Oboe, die sich aufschwingt aus dem düsteren Grund in musikalische Höhe. Die Streicher sind dabei leise Begleiter, bis beide in der bekannten Tarantella dahinschweben. Das ist schon eine überzeugende Entwicklung.

Das einzige Manko im ersten Teil  war lediglich das nicht abgestimmte Mikrofon des Dirigenten.So gingen seine Erläuterungen im weiten Rund verloren. Leider nimmt sich niemand in der Pause dieses Problems an.

Von Schwermut keine Spur. Der zweite Teil des Abend beginnt mit dem jüngeren Strauß und die Polka "So ängstlich sind wir nicht" und das Publikum ist wieder in Feierlaune. Nach dem filigranen Klangbildern überzeugt das Loh-Orchester hier mit einer Dynamik und Fülle, mitreißt ohne zu übertönen.

Nicht alle durften mitspielen 
Eine lange Atempause gibt es dann mit einem Intermezzo von Pietro Mascagni und sieben Soundtracks aus "Der Leopard" von Oscar-Preisträger Nino Rota. Es wird ein Festspiel für die Streicher, die hier zeigen dürfen, was die Musik des morbiden 19. Jahrhunderts so alles bereithielt für die Saiten-Instrumente. Es ist Kammermusik in großer Besetzung, in der nur gelegentlich mal ein Holzbläser seine Stimme erheben darf. Mit sieben Tänzen ist diese Phase aber recht ausgiebig.

Es darf mitgeklatscht, ist das Motto im nächsten Stück. In seinen "Erinnerungen an Ernst" hat der ältere Strauß den Musiker viele Gelegenheiten gegeben, sich zum Thema "Mein Hut, der hat drei Ecken" solistisch auszuzeichnen und die Musiker des Loh-Orchester nutzen jede einzelne. Das zeugt von einem gesunden Selbstbewusstsein.

Nach zweimal Strauß gibt es in der Zugabe noch einmal Rota. Dieses Mal seine weltberühmte Titelmelodie zum "Der Pate". Dann koppelt sich das Orchester ab und spielt den Radetzky-Marsch, das Publikum klatscht mit und man zeigt sich als eingeübte Einheit. Danach kann nichts mehr kommen. Also, wer braucht schon Wien?

Schade nur, dass OB Buchmann als Aufsichtsratsvorsitzender von Theater und Orchester freiwillig auf diesen Genuss verzichtet hat. 



Material #1: Das Loh-Orchester - Die Geschichte

Material #2: Loh-Orchester - Das Programm







Freitag, 20. Dezember 2019

Das geht unter die Haus

Antje Thoms inszeniert Woyzeck am DT Göttingen

Leicht schräg, endlos traurig und mit einer völlig neuen Perspektive. Der "Woyzeck" am Deutschen Theater Göttingen geht unter die Haut. Dabei ist die Inszenierung von Antje Thoms nicht nur beeindruckend, sondern nötiger denn je.

Die Vorlage von Georg Büchner ist ein Stück, dass schon sehr die Frage nach Macht und Abhängigkeit gestellt hat. Mit dieser Aufführung macht Antje Thoms deutlich, dass dieses immer wieder getan werden muss. Das ist in Zeiten, in denen Friede, Freude, Eierkuchen zur Maxime geworden sind und in denen Antagonismen hinter dem Scheinwerferlicht verschwinden, um so wichtiger.

Thoms hat sich nicht des Dramas sonder des gleichnamigen Musicals bedient. Dazu hat sie den militärischen Hintergrund entfernt und in die banale Welt des Rockbiz verlegt. Bei aller Kumpelhaftigkeit ist auch dieses von steilen Machtgefügen geprägt.

Schon bevor die Show beginnt, hat Woyzeck verloren.
Alle Fotos: Thomas Jauks
Als Gafferboy steht Göttingens Woyzeck ganz unten in der Hierarchie.  Marco Matthes in der Rolle des Hauptmanns weckt Assoziationen zu jenem legendären Colonel Tom Parker und Andreas Jeßing wirkt als Doktor wie das Alter Ego von Iggy Pop. Das ändert alles nichts an der Grausamkeit der beiden und so ist es nur konsequent, dass beide als Kumpel agieren.

Die Vorstellung beginnt mit einer Andrea Straube als Margreth, die im Stile eines Vamp in knallenges Lackleder gezwängt wurde. Von der Randfigur wandelt sie zur Überfigur und übernimmt die Rolle einer Conferencier. Ihr überliegt die Rolle der musikalischen Kommentatorin.

Überhaupt gibt es eine deutliche Verschiebungen. Kristallisationspunkt dieser Inszenierung ist immer wieder die Band, alles dreht sich um die Bloody Blades. Diese intoniert dann "Misery is the River of life", so etwas wie die Hymne dieses Musicals.

Die Musik von Tom Waits und Kathleen Brennan ist schleppend  und fügt sich kongenial in die düstere Grundstimmung ein. Blecherne Trompeten und ein scheppernde Schlagzeug bestimmen den Sound. Es ist eine Mischung aus Jazz, Blues und Soul und nur einmal verbreitet eine Prise Karibik in "Let's pretend" eine Aufbruchstimmung. "Coney Island Girl" hingegen ist geprägt von bittere Erinnerung.

Woyzeck kriecht zwischen den Musikern hin und her, richtet Mikro-Ständer und klebt Kabel ab. Er ist ganz unten. Im Final wird dieses Gaffer, dieses Klebeband, zu seiner Waffe gegen Marie. Wo sie als Background-Sängerin in der Hierarchie steht, bleibt unklar.

Volker Muthmann hat sich am DT als der Fachmann für die paranoiden Rollen etabliert. Sein Woyzeck schwankt zwischen Resignation und Wahn. Den Kopf stets gesenkt, die Schulter im Hänge-Modus und die Stimme stets im Moll. Nur selten kommt er selten kommt er aus diesem Zustand heraus. Seine Schicksalsergebenheit erreicht hier Dimensionen, die fast schon schmerzen. Muthmann brilliert hier mit Eindringlichkeit.

Stille Momente des Glücks: Woyzeck und Kind.
Foto: thomas Jauks
Wie ein dressiertes Tier lässt er sich vom Doktor befehligen und stopft Erbsen in sich hinein. Bei sol viel veganer Ernährung muss er ja wahnsinnig werden. Selbst Margreth darf ihn vorführen.

Die Bühne dreht sich und zeigt ein Zimmer mit viel Hartz-IV-Charme. Ein schäbiges Sofa, ein Wäscheständer und ein Tiefkühltruhe neben dem Waschbecken. Das hat nichts Glimmer und Glanz zu tun. Hier treffen Marie und Woyzeck aufeinander und ihre Hilflosigkeit und Entfremdung ist ihnen sofort anzumerken. Ihre Träume sind zerplatzt und nur noch selten glimmt in dieser Vorstellung das Feuer der erloschenen Lieben. Sie haben sich nicht mehr zu sagen, auch deswegen, weil Woyzeck nicht artikulieren kann, was ihn umtreibt.

Die Aussage ist eindeutig: Armut verarmt auch seelisch und Abhängigkeiten zerstören Beziehungen. Angst essen Seelen auf, nannte das Fassbinder das mal. Damit stellt sich die Regisseurin Antje Thoms gegen die vorherrschende Harmoniesucht.

Dann tritt das Kind auf. Es ist gekleidet wie sein Vater. Cargo-Hose, Achsel-Shirt und Arbeitsschuhe. Zwei Dinge liegen hier drin. Das Kind ist dem Vater verbunden und ihn droht das gleiche Schicksal wie Woyzeck. Überhaupt zeichnen sich die Kostüme von Mascha Schubert durch Eindeutigkeit aus, die die Inszenierung unterstützt.

Überhaupt ist es eine Aufführung voller Einfälle und Details, die es schwer haben, in der Flut der Reize zur Geltung zu kommen. Doch die Videoprojektionen bleiben unübersehbar. Sie sind kein Beiwerk, sondern sich in das Gesamtkonzept ein.

Antje Thoms hat die Gewicht ein weiteres Mal verschoben. Das Kind bleibt zwar namenlos, wird aber zum Gegenpol der lieblosen Welt. Es pflegt eine innige Beziehung zum Vater, aber um ihn auf den Weg in den Abgrund zu retten, dazu ist es zu schwach. Es bleibt halt ein Kind.

Woyzeck lehnt sich auf und unterliegt doch.
Immer wieder versucht das Kind die Erinnerung an harmonische Zeiten zu beleben. Es trägt dem Vater die Geige hinterher und der spielt. Dann ist es ganz still auf der Bühne und im Auditorium. Das sind die eindringlichsten Momente in dieser Freak-Show. Sie drücken den Kloß im Hals nach oben und machen die Augen feucht. Kein Vater mehr, keine Mutter mehr. Am Ende ist das Kind der wahre Verlierer. Armut zerstört Zukunft.

Aber Woyzeck kann nicht gewinnen. Er spielt Volkslieder und die anderen Rock'n'Roll. Deswegen nimmt die Inszenierung nach jeder stillen Szene noch einmal deutlich an Fahrt auf. Dann dreht sich die 'Bühne wie und jedes Mal quietscht sie wie ein altes Karussell. Die Show muss weiter gehen.

Mit dieser Inszenierung ist Antje Thoms ein großer Wurf gelungen. Sie zeigt nicht nur  aus eindringliche Weise Einzelschicksale sondern sich macht deutlich, dass man die Frage nach den Abhängigkeiten immer wieder stellen muss.





Material #1: Deutsches Theater - Der Spielplan
Material #2: Woyzeck - Die Inszenierung

Material #3: Woyzeck - Die Historie