Samstag, 14. Juli 2018

Ein ganz starkes Dribbling

Marco Luca Castelli variiert Maradona bei den Domfestspielen

Es ist ein intensiver Solo-Lauf über 75 Minuten, der immer wieder fasziniert und berührt. Mit seinen Maradona-Variationen zeigt Marco Luca Castelli, dass es im Theater durchaus persönliche Statements gibt, die auch anderen aus der Seele sprechen. Aber es ist wohl auch eine Rose, die nur im Verborgenen einer Studiobühne aufblühen. Auf jeden Fall hatten das Publikum, die Domfestspiele und der Fußball solch ein Stück selten nötiger als jetzt.

In Zeiten, in denen die große Koalition aus Prenzel-Schwaben und Heilsarmee den öffentlichen Diskurs beherrschen sind Castellis "Maradona-Variationen" ein  deutliches Nein zur neuen Moral, unter der die Lebensfreude erschrickt.  Allein schon deswegen, weil Castelli den Exzess als Lebensmodell in Betracht zieht, ohne ihn zu romantisieren.

Eine von Castellis Botschaft lautet: Ein Leben ist nur dann lebenswert, wenn es auch spürt und sich gern daran erinnert. Frei nach dem Motto: Man weiß, man ist da und wenn man dann tot ist, dass da was war. In Zeiten, in denen die normierten Hipster ein gleichförmiges Yin und Yang zur verbindlichen Maxime erhoben haben und sich am Durchschnitt orientieren, ist das schon ein kalkulierter Affront.

Matteo (unten) konnte den Triumph des SSC Neapel
nicht mehr miterleben.    Alle Fotos: Lormis 
"Die Maradona Variationen" sind bei den diesjährigen Domfestspielen die einzige Aufführung, in der nicht gesungen wird, die nicht witzig oder gar spektakulär sein will. Es ist ein Innehalten und ein Reflektieren über eine öffentliche Person, die aber auch zur Selbstreflexion zwingt. Castellis Beitrag ist mehr als Unterhaltung und damit der stärkste Beitrag in der Saison 2018.

Eine nackte Glühbirne beleuchtet die kleine Bühne. Kunstrasen, ein unechter Bonsai, ein farbstichiges Foto, eine Flasche Rotwein und ein Glas. Im Laufe des Abends bekommt jedes Teil diese Sammelsuriums seine Bedeutung. Aus den Lautsprecher klimpert Glenn Gould die Goldberg-Variationen. Noch so ein schwieriges Genie. Gemessenen Schrittes kommt Castelli die Treppe herauf, fast wie ein Torero, dann geht das Flutlicht an.

Vor den Rängen beginnt Castelli mit seinem Plädoyer. Mit raumgreifenden Gesten, eindringlicher Mimik und kräftiger Stimme erklärt er, warum es erstrebenswert ist wie der Fußballgott zu sein. Kaum zu glauben, aber er füllt das weite Rund der ehemaligen Klosterkirche ganz ohne elektrische Verstärkung.

Dann geht er mit der Stimme runter, setzt eine Kunstpause, um kurz zu erklären, warum es gar nicht gut sein könnte, wie Maradona zu sein. Doch dann setzt er sein Plädoyer wieder fort. Das nennt man Bühnenpräsenz. Das mag zwar manchem Theoretiker old fashioned zu erscheinen, wirkt aber und ist in der Enge des Raums ergreifend.

Das Warmlaufen ist vorbei, das Flutlicht geht aus, die nackte Glühbirne wirft ein spärliches Licht auf die Spielfläche. Gould klimpert wieder die Goldberg-Etüden. Diese Einstellung trennt die einzelnen Szenen voneinander und Castelli geht in die Kabine und wechselt in der  Zwischenzeit in eine andere Rolle.

Am 10. Mai 1987 hatte Diego Armando Maradona den SSC Neapel zur ersten italienischen Meisterschaft geführt. Zum ersten Mal errang eine Mannschaft aus dem Süden den Scudetto. Das war mehr als Genugtuung für eine Region seit mehr als 120 Jahre abgehängt war.

Fußball und Bier gehören wohl doch zusammen.
Castelli erzählt von diesem Tag aus der Perspektive eines Fans und er macht dies in einer Eindringlichkeit, die einen manchmal schaudern lässt. Die Grenze zwischen Darsteller und Rolle verschwindet an diesem Abend zum ersten Mal. Mal ist er laut, mal nachdenklich, mal hart am Weinen. Vor allem wenn der unbekannte Tifosi von seinem Freund Matteo erzählt, der diesen Tag nicht mehr erleben konnte.

Auch wenn im Publikum nur Tedesci sitzen, können sie endlich verstehen, was dieser Tag für die Bewohner des so arg geschmähten Mezzogiornos bedeutet und warum Maradona dort immer noch ein Heiliger ist. Kontrastiert mit dem doch so ungerechtem Schicksal des Matteo wirkt dies lange nach.

Damit machen die Maradona-Variationen etwas deutlich, was viele vergessen haben: Fußball war einst der Sport der Unterpriviligierten, der den Verlierern des Lebens die Chance bot, selbst einmal auf der Sonnenseite zu stehen. Fußball ist vor allem Lebensgefühl und Emotion und nicht Geschäft. Allein dafür muss man den Autoren und dem Darsteller danken. Die Wahrscheinlichkeit, dass Präsi Grindel oder Übungsleiter Löw das sehen, dürfte aber gegen Null zu Null tendieren.

Das Flutlicht erlischt, die Birne geht an, Szenenwechsel.

Castellli ist an an diesem Abend mal ein Tifosi, gleich zweimal Maradona, mal dessen Freund Jorge und gelegentlich einfach Marco Luca Castelli. Egal, welches Trikot er überstreift, in allen Spielsituationen ist er glaubwürdig und authentisch. Er beherrscht das Spiel auf engstem Raum. Auf der Studio-Bühne in Brunshausen lässt er seine Fähigkeiten als Spielgestalter freien Lauf. Seine Dribbling geht über die gesamte Spielfläche und durch alle Höhen und Tiefen des Lebens. Aber auch wenn er fünf- oder sechsmal nach dem Rauchmelder Ausschau hält, die Maradona-Zigarre zündet er nicht an. Weil er dann doch nicht Maradona ist?

Castelli sucht den Kontakt zum Publikum, egal ob mit Rotwein und Zuprosten oder mit dem Frage-Antwort-Spiel. Aber selbst die intimsten Themen wirken nicht peinlich, das kann nicht jeder von sich sagen.

Manchmal muss man auch während des Spiels aus die
Taktiktafel schauen. Alle Fotos: Lormis
Aber auch das Psychogramm des Diego Maradonas klingt plausibel. Fußball als Berufung, kindlicher Ehrgeiz und Absturz und der Versuch, sich selbst wiederzufinden, nachdem er sich selbst dort hingebracht hat, wo er nun ist. Ein tragischer Held am Rande zur Witzfigur, das macht Catelli deutlich. Hat er in die Seele des Gestürzten geschaut oder ist es eine übergroße Portion Empathie? Auf jeden Fall weckt er das tiefere Verständnis beim Publikum. 

Autor und Darsteller lassen das Publikum am Entstehungsprozess teilhaben. Es steckt jede Menge Castelli in diesem Programm und viel Freunde haben ihm geholfen, aber es ist keine Nabelschau.

Auf jeden Fall schließt sich der Kreis und Castelli wiederholt kurz vor dem Abpfiff das Plädoyer aus den ersten Spielminuten, mit allen Einschränkungen und nun etwas nachdenklicher, zurückhaltender, leiser. Der Abend zeigt damit einen Prozess.

"Die Maradona Variationen" sind allem eine Annäherung und auch eine persönliche Hommage. Aber sie sind keine Egozentrik, denn sie haben etwas, was über den Fall Maradona hinausweist, nämlich die Erkenntnist, dass alls Menschen doch einfach nur geliebt werden wollen. Dafür dankt das Publikum Castelli nach dem Abpfiff frenetisch und dann darf der Darstelle das sein, was er wohl am besten ist, nämlich Marco Luca Castelli und damit ein verdammt guter Darsteller.



Material #1: Die Domfestspiele - Der Spielplan
Material #2: Maradona Variationen - Das Stück

Material #3: Marco Luca Castelli - Die Biografie

Material #4: Diego Armando Maradona - Dessen Biografie











Donnerstag, 5. Juli 2018

Am Ende siegt doch die Liebe

Addams Family als schräges Familiendrama bei den Domfestspielen

Man muss sie einfach mögen, diese Mischung aus schwarzem Humor, Gesang, Kitsch und Parodie. Wenn man sich drauf einlässt, dann bietet die Addams Family viele laute und leise Lacher, einige Mitschnipp- und Mitklatsch-Momente und einen kurzweiligen Abend. Zum Schluss siegt die Liebe und es bleibt die Erkenntnis, dass es selbst bei denen nicht viel anders ist als bei Familie Normalo.

Die Addams sind ein wenig in die Jahre gekommen. Seit ihrem ersten Erscheinen im "New Yorker" sind mehr als 80 Jahre vergangen und die Simpsons zeigen seit mehr als 20 Jahren, dass die amerikanische Realität schlimmer ist als die Satire. Teenager in schwarzen Klamotten und mit dem Kajal-All-Inclusive-Abo gehören zum dörflichen Ortsbild und Walking Deads ist Pflichtprogramm für Pubertiere. Trotzdem tauchen die Addams immer wieder wie Untote im Kino auf.

Andrew Lippa hat 2009 ein Musical zu Amerikas schrägster Familie gemacht. Achim Lenz bringt es auf die Bühne der Gandersheimer Domfestspiele. Seine Inszenierung strotzt nicht nur so vor skurrilen Einfällen. Sie ist auch eine Hommage an die klassischen Zeiten des Musicals. Das versteht sogar jemand, der altersbedingt von alldem unbeleckt ist und deswegen vergibt der härteste aller Kritiker sogar 6 von 5 Sternen.

Damit ist er wohl ein wenig übers Ziel hinausgeschossen. Die Euphorie des Zwölfjährigen beweist aber, dass diese Aufführung mehr als familientauglich ist und die Addams selbst noch heute, trotz Simpsons und Walking Deads begeistern können, weil sie immer noch als Gegenentwurf zum Kleinbürger funktionieren.

Ein sorgsam austariertes soziales Gefüge: Die Addams
Family in Bad Gandersheim.   Alle Fotos: Hillebrecht
Dieses Musical ist vor allem eine Reise in die Vergangenheit. Tango, Rumba und Mambo, es gibt viel Lateinamerika und damit viel vom Charme der 30-er Jahre. Die Gleichung Exotik = Erotik funktioniert wohl immer noch. Doch der Hispano-Dialekt von Lucas Baier als Familienoberhaupt Gomez Addams, der ist dann doch ein wenig dick aufgetragen. Das meint auch der härteste aller Kritiker.

Doch kann der Spezialist fürs Tanztheater hier durchaus mal seine komödiantische Seite voll ausspielen. Auf jeden Fall macht er mit ausgefeilten Gesten deutlich, dass er ja eigentlich nicht viel zu melden hat. Wie in ein normaler Familienvater eben auch.

Miriam Schwan ist da aus ganz anderem Holz geschnitzt. Mit fester Stimme und durchgedrückten Rückgrat macht sie als Morticia Addams klar, wer das Sagen im Hause Addams hat. Sie macht deutlich, dass Selbstreflexion nicht so ihre Sache ist, trotz aller krisenhaften Situationen.

Damit ist der Konflikt mit Tochter Wednesday vorprogrammiert. Auch Florentine Kühne bringt die gleiche Entschlossenheit auf die Bühne wie ihre Musicalmutter.

Doch die schönsten Akzente kann Fehmi Göklü in der Rolle des Onkel Fester setzten. In der High Speed Inszenierung ist für die stillen und poetischen Momente zuständig. WEil er nicht nur stampft und proklamiert sondern auch mal leise redet und seine Gesicht und die Augen sprechen lässt, macht er aus seiner Rolle einen ganzen Menschen. Selbst der härteste alle Kritiker ist verzaubert von Göklüs Poesie und zittert mit bei Festers Flug zum Mond.

Doch bei allem Klamauk und schrägen Ideen ist "The Addams Family" ein herkömmliches Familiendrama, nur eben mit Musik. Im Mittelpunkt steht ein sorgsam austariertes soziales Gefüge, die Addams, das nun mit einer Störung konfrontiert wird und ins Trudeln gerät. Bricht dieses Gefüge nun auseinander oder findet es ein neues Gleichgewicht?

Im vorliegenden Falle heißt die Bedrohung Lucas Beineke, ist Musterschüler und Brillenträger und fürchterlich verliebt in Wednesday Addams und will sie heiraten und sie ihn.

Widergespiegelt werden die Addams mit ihrem Gegenentwurf, der Familie Beineke. Als Idealtypus der Kleinfamilie irren sie erst wie einst Brad Majors und Janet Weiss durch die Dunkelheit, um dann ihre begrabenen Träume wiederzufinden und im Wacken-T-Shirt eine Reinkarnation zu erleben. Auf alter Basis haben sie sich neu konstituiert und ein altes Gleichgewicht eingestellt. Deswegen gibt es logischerweise auch ein Happy End mit viel Liebe.

Die Beinekes (Vordergrund) sind für die Addams ein
Clash of Cultures.       Foto: Hillebrecht
Susanne Panzner überzeichnet die überdrehte Alice Beineke ein wenig. Doch ihr Tanz auf dem Tisch gehört schon zu den stärksten Szenen, nicht zuletzt weil er Zitate aus Bunuels "Diskreten Charme der Bourgeoisie" aufgreift. Im Räkeln zerlegt sich das Bürgertum selbst und zeigt seine animalische Seite. Das letzte Abendmahl des ach so strebsamen Kleinbürgertums.

Mit der zweitkleinsten Bigband der Region im Rücken ist "The Addams Family" aber auch ein Hommage die Glanzzeiten des Broadways. Bei allem Drang zur Andersartigkeit serviert das Septett unter der Leitung von Patricia Martin einen schwungvollen Potpourri an Melodien mit hohem Mitsumm-Faktor.  Trotz der kleinen Besetzung  zaubern die sieben Musik ein volles Klangbild

Überzeugende Choreographien sind hier All inclusive. Das bietet gelegentlich auch Erholung von der überdrehten Darstellung und erfreut auch den kleinbürgerlichen Freund des Musiktheaters. Denn verrückt wird manchmal überbewertet.





Material #1: Die Gandersheimer Domfestspiele - Die offizielle Website
Material #2: Addams Family - Das Stück


Material #3: Addams Family - Die Historie





Andere Meinungen vom härtesten aller Kritiker

Der härteste aller Kritiker - Teil eins
Der härteste aller Kritiker - Teil zwei
Der härteste aller Kritiker - Teil drei
Der härteste aller Kritiker - Teil vier
Der härteste aller Kritiker - Teil fünf
Der härteste aller Kritiker - Teil sechs
Der härteste aller Kritiker - Teil sieben
Der härteste aller Kritiker - Teil acht
Der härteste aller Kritiker - Teil neun
Der härteste aller Kritiker - Teil zehn
Der härteste aller Kritiker - Teil elf
Der härteste aller Kritiker - Teil zwölf
Der härteste aller Kritiker - Teil dreizehn
Der härteste aller Kritiker - Teil vierzehn
Der härteste aller Kritiker - Teil fünfzehn
Der härteste aller Kritiker - Teil sechzehn
Der härteste aller Kritiker - Teil siebzehn



Sonntag, 1. Juli 2018

Nicht für immer aber vielleicht für zwei Spielzeiten

Fame - Das Musical bei den Domfestspielen

Rasante Tanzszenen, ein wenig Herzschmerz und Musik mit hohen Mitklatsch-Faktor. Was kann man von einem Musical mehr erwarten. Auf jeden Fall erfüllt "Fame" bei den Gandersheimer Domfestspielen diese Erwartungen und dafür gab es bei der Premiere a lot of standing ovations. Zurecht.

Mit "Fame" hat Alan Parker 1980 Filmgeschichtschen geschrieben und die neue Sparte Tanzfilmmusical begründet. In den 80-er Jahren folgte eine ganze Reihe von Streifen, die sich um das Drehen von Pirouetten drehen. Nach der Fernsehserie von 1982 bis 1987 folgte 1988 das Musical. Aber Achtung, das Bühnenstück setzt weder Fim noch Serie eins zu eins um.

Die Ausgangslage ist aber dieselbe. Acht aus einer Reihe von Kandidatinnen und Kandidaten schafft die Aufnahme. Das Publikum begleitet die Eleven durch die Höhen und Tiefen ihrer Ausbildung. Zum Schluss darf man begutachten, wer sich weiterentwickelt hat.

Auch ein Clash of Cultures: Dinipiri Collins Etebu
als Tyron Jackson und Susannen Panzner als gestrenge
Miss Shermann.         Alle Fotos: Hillebrecht
Auch wenn sich die Namen der Figuren zwischen den unterschiedlichen Versionen ändern, alle Acht stehen für Typen und sind durchaus stereotyp. Da ist der Kämpfer aus dem Ghetto, der Musiker, der unter dem Übervater leidet, der Latin Lover, der mehr Kasper als Don Juan ist, das Mauerblümchen, das in Laufe der Aufführung aufblühen wird, die Strebsame, die für den Aufstieg auch mal die Beziehung opfert, der Strebsame, der die wahre Kunst sucht und natürlich den pummeligen Klassenclown.

Ähnlich gilt für den Lehrkörper. Da ist die strenge Klassenlehrerin, die doch nur das Beste will und manchmal übers Ziel hinausschießt und da ist die verständnisvolle Tanzlehrerin, die mit Empathie und Glauben ihre Eleven zu immer neuen Höchstleistungen motiviert. Da ist der verkopfte Schauspiellehrer, der nur von wenigen verstanden wird und der etwas weltfremde Musiklehrer, der aus der Zeit gefallen ist.

Das bietet wenig Ecken und Kanten und kaum Reibungsfläche. Aber eben jede Menge Identifikationsmöglichkeiten und Projektionsfläche. Irgendwie findet jeder im Publikum sich in einer der Figuren wieder, kann mit ihnen fühlen und fühlt sich zugleich eingebunden. Denn die meisten gehören eindeutig zur Fame-Generation. Wer Tragödie will, geht nicht ins Musical. Alle anderen sind hier sehr gut aufgehoben.

Wer ins Musical geht, der möchte Musik hören und Tanz sehen und von beidem gibt es in der Inszenierung von Marc Bollmeyer reichlich. Die Choreografien sind nicht nur rasant sondern eben auch spektakuläre bis an die Grenze zur Akrobatik. Im Laufe des Abend gibt es nicht nur einmal große Augen und offene Münder.

Bei aller holzschnittartigen Ausstattung können die Darstellerinnen und Darsteller trotzdem fesseln. Denn sie spielen zum großen Teil ihre eigene Geschichte. Der Besetzung war ein zweitägiges Casting vorausgegangen. Weil eben alle eine wahre Geschichte spielen und das eben auch mit Engagement machen, deswegen wirkt die Darstellung so glaubwürdig.

Musikalisch packt Ferdinand von Seebach das große Besteck aus. Swing, Pop, Rock und Rap, es ist fast alles dabei, was musikalisch Anfang der 80-er Jahre so auf dem Markt war. Die Festspielband setzt alles ohne Verlust um und bleibt doch immer zurückhaltend im Hintergrund. Tanz und Gesang bleiben im Vordergrund, denn sie erzählen die Geschichte. Nur an der Transparenz des Klangbildes sollte das Ensemble noch ein wenig arbeiten.

Stefanie Köhm hat die stärkste Stimme, darf aber nur
einmal glänzen
.         Foto: Hillebrecht
Ein wenig schade ist es schon, dass Stefanie Köhm in der Rolle der Mabel Washington nur diese eine Solo hat. Ihr Kühlschrank-Gen-Gospel zeigt, dass sie die stärkste Stimme von allen Beteiligten hat.er Etwas mehr davon wäre sicherlich ein Gewinn, schließlich hat sie auch schon an anderen Orten mit stimmgewaltigen Partien überzeugt.

Das Mauerblümchen blüht auf. Den größten Wandel macht Sarah Wilken in der Rolle der Serena Katz mit und vor allem deutlich. Aus der Unbedarften wird die einzige, die alles durchschaut. Diese Entwicklung kann Wilken mit Stimme und Geste überzeugend darstellen und vermitteln. Ihre Meryl-Streep-Hymne ist so ergreifend, dass die Anzahl der feuchten Augen schlagartig nach oben geht.

Aber auch ihr Liebhaber mit Widerwillen zeigt seine starken Seiten. Lucas Baier, eigentlich der Musical-Spezialist unter den Darsteller, kann als Romeo im zweiten Anlauf zeigen, dass er neben dem Tanz auch das Schauspiel beherrscht. Damit macht er in der Rolle des Nick Piazza selbst ein Entwicklung durch.

Eindeutig den stärksten Eindruck als Tänzer hinterlässt Dinipiri Collins Etebu. Auf die Gefahr, klischeehaft zu sein. Der Hamburger hat nicht nur Street Credibility und Rhythmus im Blut sondern eben auch eine atemberaubende Akrobatik.

Das Bühnenbild von Thomas Döll teilt die Spielfläche in drei Zonen. Links mit den Bücher der Klassenraum als Ort der intellektuellen Auseinandersetzung aber auch der stillen Ereignisse, rechts die Zeile mit den Spinden als Ort der komischen oder dramatischen Ereignisse und in der Mitte als Zentrale die Tanzfläche, denn der Tanz steht im Mittelpunkt. Eine Show-Treppe gibt es auch noch, aber die versprüht keinen Glanz und für Carmen Diaz wird sie eindeutig zum Stairway to Heaven.

Eine Antwort bleibt Döll aber schuldig: Wo hat er bloß diese ganzen 80-er Klamotten her? Auch wenn es mit dem "I'm gonna live forever" wohl nichts wird, reicht es aber vielleicht für zwei Spielzeiten.

Nach zahllosen Szenen-Applausen gibt bedankt sich das Publikum nach zwei unterhaltsamen und mitreißenden Stunden mit einem donnernden Beifall. Zu Recht. Wer Musik und Tanz an der Grenz zur Akrobatik erleben will, ist hier genau richtig.






Material #1: Gandersheimer Domfestspiele - Die offizielle Website
Material #2: Fame - Das Musical - Die Beschreibung








Donnerstag, 28. Juni 2018

Wenn das Zentralgestirn wunderschön verglüht

La Traviata im Sinne Verdis weiterentwickelt

So ist es nun mal: Nirgends wird so schön gestorben wie in Verdis Dauerbrenner. Auch bei den Schlossfestspielen in Sondershausen ist die Titelheldin am Ende mausetot. Doch die Inszenierung von Anette Leistenschneider zeigt nicht nur drei Akteure in Höchstform sondern auch einige neue Aspekte.

Das Libretto erscheint wie die Vorlage für eine Tele Novela: Lebedame aus der Pariser Oberschicht trifft auf Jüngling aus gutem Hause. Er ist unsterblich verliebt, sie ziert sich anfangs noch. doch dann schlägt die Liebe mit aller Macht zu und beide beginnen ein ruhiges Leben auf dem Lande.

Dann funkt sein Vater dazwischen, sie opfert sich, er beschimpft. Als beide wieder zueinander finden, ist es zu spät. Die Schwindsucht rafft sie dahin.


Was aus heutiger Sicht banal erscheint, war vor knapp 170 Jahren durchaus revolutionär. Anfang der 1850er Jahre erfindet Verdi die Volksoper. Nicht mehr Adelige und andere vermeintliche Helden stehen im Mittelpunkt das Singspiels sondern die Menschen von der Straße oder dem Rand der Gesellschaft. Dazu gehören der bucklige Hofnarr Rigoletto ebenso wie die Edelprostiuierte Violetta.

Mischung aus Wave Gothic Treffen, "Live and Let Die"
und Familienfeier im S/M-Club. Alle Fotos: Kügler
Um diesem revolutionären Schreiben noch die Krone aufsetzen, macht Verdi eine Frau zum Mittelpunkt seines Werkes. Diesen Weg geht Anette Leistenschneider konsequent weiter. Sie macht Zinzi Frohwein in der Hauptrolle zum Zentralgestirn ihrer Inszenierung. Nur die Vater-Sohn-Szene muss ohne ihre Präsenz auskommen, natürlich logisch.

Anders als in der Nordhäuser "La Traviata" von 2011 ist die Violetta in Sondershausen ist kein Opfer widriger Umstände. Sie handelt bewusst. Erst voller Skepsis erliegt sie dem Zauber und der Macht der Liebe. Eben deswegen verzichtet sie auf Alfredo

Zinzi Frohwein bringt diesem Wandel glaubwürdig auf die Bühne im Lustgarten. Letztendlich scheidet Violetta in Erfüllung ihrer Mission mit jeder Menge Großmut aus dem Leben. Der Wandel von der egozentrischen Lebedame und zur Heiligen ist in dieser Vorstellung deutlich und nachvollziehbar ohne in christliche Erlösung-Elegien umzukippen.

Die Aufführung profitiert eindeutig von Frohweins großem schauspielerischen Talent, für das die Niederländerin schon mehrfach ausgezeichnet wurde. Das die Sopranistin zu den führenden Stimmen am Theater Nordhausen zählt, steht sowieso außer Frage. Dies liegt sicherlich an ihrer Wandlungsfähigkeit. Sie klingt weich und rund, wo Zurückhaltung gefragt ist, doch ohne an Dynamik oder Umfang zu verlieren. Aber sie im zweiten Akt beweist, beherrscht sie auch die Koloraturen und wenn es die Situation erfordert, dann legt sie auch reichlich Vibrato in ihren Vortrag

Kyounghan Seo ist die passenden Ergänzung zu Frohweins Dominanz. Der Koreaner ist wohl der Prototyp eines lyrischen Tenors, auf die großen Gesten verzichtet er. Dies passt vorzüglich zur Rolle des dauerverliebten Alfredo. Nur im dritten Akt darf er dann ganz weit ausholen. Auf jeden Fall sind aber die zahlreichen Duette von Frohwein und Seo gleichzeitig auch die zahlreichen Höhepunkte in dieser Inszenierung.

Violetta legt sich schon mal zum Sterben hin.
Da ist Manos Kia aus ganz anderem Holz geschnitzt. Er wirkt gelegentlich etwas hüftsteif, aber dies bestens passt in die Rolle des Ehrenmanns aus der Provinz. Der Bariton kann auch stimmlich die Standhaftigkeit von Vater Germont umsetzten.

Das Bühnenbild von Christian Floeren erinnert deutlich an seine Arbeit zu den diesjährigen Comedian Harmonists. Die Spielfläche ist weitestgehend freigeräumt, der Fokus liegt auf den Akteuren und die Opulenz des Fin de Siécle findet nur im Kopf statt. Nur im dritten, im Sterbe-Akt, wird deutlich möbliert.

Aber da sind ja noch die vier Buchstaben L,O,V, und E. Erst müssen sie richtig sortiert werden, dann leuchten sie in voller Pracht und dann doch wieder Stück für Stück auszugehen. Als ob man Liebe ein- und ausschalten könnte wie eine Lichtinstallation. Eine gewagte These, die Anette Leistenschneider mit dieser Inszenierung ja widerlegt.

Die Ausstattung reduziert, die Kostüme prachtvoll. Die Inszenierung profitiert von diesem Gegensatz. Dass Nebenrollen und Chor dabei aussehen wie eine Mischung aus Betriebsausflug zum Wave Gothic Treffen, Bond'schen Karneval in "Live and Let Die" und Familienfeier im S/M-Club ist durchaus im Sinne Verdis. Dieser hatte seine Oper durchaus als Zerrspiegel für die Vergnügungssucht des Spätfeudalismus gesehen. Der Spätkapitalismus trägt eben Lack und Leder.

Noch leuchtet die Liebe. 
Mit dieser Ausstattung bringen Leistenschneider und Froenen aber auch eine neue zeitgeistige  Komponente mit ins Boot: die Mystik. La Traviata bekommt in Sondershausen eine dunkle, unerklärliche Seite. Damit geht diese Inszenierung über die Sozialanalyse Verdis hinaus.

Der Auftritt des Todes schon während der Ouvertüre, im Gestalt eines kleinen Blumenmädchen, weist schon frühzeitig auf das unvermeidliche Ende und wirkt gelegentlich konstruiert. Anfangs verweigert Violetta den Tanz mit dem Mädchen, mit dem Tod, im dritten Akt drehen sie dann doch ihre Runde, das ist sehr eingängig.

Der Wechsel von intimen Duetten und rasanten Massenszenen verleihen der Inszenierung ein letztendlich ein hohes Tempo. Dies macht Violettas zweifachen Bruch mit ihren bisherigen Leben umso deutlicher.

Mit sicherer Hand leitet Michael Helmrath das Loh-Orchester durch den Abend. Das Ensemble zeichnet sich durch Zurückhaltung aus, während die Sängerinnen und Sänger immer die musikalische Hauptrolle spielen. Dabei hat Verdi seiner Oper eine bis dato unerreichte Vielfalt an Stilelementen verpasst. Walzer trifft auf spanische Folklore und Spätromantik dräut schicksalergeben. Das Orchester schafft alle Wechsel und selbst in den dunklen Pauken-Passagen bleibt der Klang transparent.






Material #1: Schlossfestspiele Sondershausen - Der Spielplan
Material #2: Schlossfestspiele Sondershausen - Das Stück

Material #3: Giuseppe Verdi - Die Biografie
Material #4: La Traviata - Die Geschichte






Montag, 25. Juni 2018

Eine Inszenierung, die sticht

Comedian Harmonist bei den Schlossfestspielen überzeugt in allen Belangen

Was will man mehr? Eine traurige Geschichte auf unterhaltsame Weise erzählt, eine gesunde Portion Ulk und dazu sechs erstklassige Musiker und ein Schauspieler, der ihnen fast die Show stiehlt und alles zusammen in einer Inszenierung, die mit Leichtigkeit begeistert. Mit den "Comedian Harmonists" bei den Schlossfestspielen in Sondershausen ist Ivan Alboresi mal wieder ein großer Wurf gelungen.

Mit einer Zeitungsanzeige sucht im Harry Frommermann im Dezember 1927 Sänger für eine noch zu gründendes Quartett. Sein Vorbild sind die Revellers aus den USA. Nach vielen Proben, Schwierigkeiten und Streitigkeiten beginnt das Ensemble  ein Jahr später unter dem Namen "Comedian Harmonists" eine einmalige Karriere. Diese wird die deutsche Musiklandschaft langfristig prägen, doch auf dem Höhepunkt funkt die Politik dazwischen.

Die Comedian Harmonists entsprechen nicht dem Musikgeschmack der regierenden Nationalsozialisten und außerdem sind drei der sechs Musiker jüdischen Glaubens. Es gibt ein Auftrittsverbot für Deutschland. Die Musiker zerstreiten sich, das Ensemble zerbricht. Drei Mitglieder gehen ins Exil. Gottfried Greiffenhagen und Franz Wittenbrink haben diese Geschichte in ein Musical mit vielen Stationen zerlegt.

Erst zwei Träumer, dann zwei Gegner: Kalus und Kohl
als Frommermann und Biberti.     Alle Fotos: Kügler
Ein Klavier, ein Grammophon auf einen Stapel Koffer, im Hintergrund eine Tür und zwei große Drehelemente und darüber ein LED-Display. Das war's und mehr wird es auch nicht. Die Bühne im Lustgarten des Schlosses ist sparsam ausgestattet und daran ändert sich auch nichts im Laufe der Vorstellung.

Das erlaubt dem Publikum nicht nur die Konzentration auf das Geschehen und die Akteure, die rasanten Umbauten durch die Akteure auf offener Bühne verleihen der Inszenierung zusätzliches Tempo. Aus dem armseligen Probenraum arbeitsloser Musiker wird im Handumdrehen die Garderobe einer Show-Bühne. Das ist der technische Aspekt der gelungenen Arbeit von Christian Floeren. Alboresi hat hier zu Recht und mit Erfolg auf die Zusammenarbeit mit einem erfahrenen Bühnenbildner mit internationaler Erfahrung gebaut

Mit diesem Charme einer Bahnhofshalle einer Bahnhofshalle macht Ivan Alboresi auch deutlich, dass alle ständig auf der Durchreise sind. Greifbar wird dieses auch in Requisite "Koffer". Immer wieder trägt jemand seinen Koffer mit sich herum. Jeder hat sein Gepäck zu schleppen und bringt es mit und ist dann schnell wieder weg. Das ist eingängig und nachvollziehbar. Dieses Detail steht als Beispiel für das durchdachte aber nicht verkopfte Konzept dieser Inszenierung.

Es zahlt sich auch völlig aus, dass Alboresi bei der Besetzung auf die heimische Stimmgewalt gesetzt hat. Sechs der sieben Rollen fielen an Sänger und das ist für dieses Musical ein sehr großes Plus. Schließlich sind hier durchaus anspruchsvolle Gesangspassagen zu bewältigen. Mit der musikalischen Formvollendung findet der Zauber der Comedian Harmonists seinen Weg auf die Bühne in Sondershausen. Wer die Augen schließt, kann sich zurückträumen in eine Show der frühen 30-er Jahre.

Das macht der Manager für uns: Sven Mattke.
Foto: Kügler
Garniert wird das ganze mit Tanzeinlagen aus der Kategorie "Nicht ganz ernst gemeint". Diese machen aber deutlich, dass der Ballettmensch Alboresi hier nicht nur sein Gespür für Komik sondern auch die Beherrschung des Raumes als theatralisches Mittel einzusetzen weiß.

Selbst der härteste aller Kritiker zeigt sich beeindruckt von dieser Leistung und lauscht voller Andacht und mit offenen Mund. Abschließend gibt er eine Eins minus. Wäre das Wetter besser gewesen, dann hätte er auch eine glatte Eins verteilt.

Mit Marian Kalus als Harry Frommermann und Thomas Kohl als Robert Biberti treffen hier zwei  Sänger aufeinander, die auch die schauspielerischen Anforderungen bewältigen. Das ist auch unbedingt nötig. Schließlich sind es die Pole, zwischen den die Comedian Harmonists dann zerrieben werden.

Beide verkörpern die Alphatiere glaubhaft mit stimmlichen Mitteln und auch zunehmend mit Gesten und Körperspannung. Die Konflikte werden in der Inszenierung von Alboresi schon frühzeitig angedeutet und entlang dieser skizzierten Linien zerbricht die Gruppe dann auch. Den Wandel vom Freund und Weggefährten zum Gegner können Kalus und Koch konsequent umsetzen. Erst haben sie einen gemeinsamen Traum, den Klaus und Kohl durchaus personifizieren, dann ist nur noch Gegnerschaft da. Selten sah man in Sonderhausen so überzeugend Männer von Freunden zu Feinden werden.

Sechs Musiker und ein Schauspieler. Aufgeteilt in zahlreiche Stationen ist Sven Mattke in seinen vielfältigen Rollen das Bindeglied der Aufführungen. Wo andere Inszenierungen in eine reine Nummernrevue zerfallen, fungierte der gebürtige Nordhäuser beeindruckend als Leim.

Egal ob als Vermieterin, als Manager, als Conferencier oder als Scherge der Reichskulturkammer, Mattke überzeugt in allen Rollen durch seine Vielfältigkeit und seine Präsenz. Er beherrscht die großen Gesten glaubhaft. Dazu kann Mattke ein enormes Tempo realisieren, dass dem Geist der Zeit entspricht und eine offensichtliche Spontanität, die dem Publikum spontanes Lachen entlockt.

Harte Arbeit, rasanter Aufstieg, ein bitteres Ende und der Bruch von Freundschaften. All dies ohne falsche Wehmut aber mit reichlich Tempo präsentiert. Dazu obendrauf die ewige Musik der Comedian Harmonists.







Schlossfestspiele Sondershausen #1: Der Spielplan
Schlossfestspiele Sondershausen #2: Das Stück

Theater Nordhausen #1: Ivan Alboresi - Die Kurzvorstellung

Comedian Harmonist #1: Der wikipedia-Eintrag

Zum Vergleich #1: Domfestspiele Bad Gandersheim 2015  - Die Comedian Harmonist
Zum Vergleich #2: Domfestspiele Bad Gandersheim 2017  -  Jetzt oder nie - Comedian Harmonist II





Dienstag, 19. Juni 2018

Eine Schublade voller Träume

Domfestspiele 2018: Abheben mit Peter Pan

Die Antworten auf die Fragen, was witzig und was sehenswert ist, kann die Generationen spalten. Nicht so beim Familienstück der Gandersheimer Domfestspiele 2018. Peter Pan in der Inszenierung von Sarah Speiser lässt Große träumen und Kleine wachsen. Es ist ein komplettes Werk, dass nicht  nur die Sonnenseiten zeigt. Neid und Missgunst werden nicht ausgespart.

Aber es ist vor allem der Kinderzimmer-Charme, der diese Inszenierung so zauberhaft macht. Das Ausstattung von Karen Briem und Sandra Becker wirkt, als wäre sie gerade eben erst entstanden, als wäre hier eine ganze Menge kindlicher Fantasie am Werke gewesen.

Alles, was es braucht, ist ein wenig Vertrauen, Zuversicht, ein bisschen Feenstaub und ein wenig Mobiliar. "Mach die Schublade mit deinen Träumen auf, lass sie raus und bau' mit dem Küchentisch ein Piratenschiff". So lautet die Botschaft.

Der härteste aller Kritiker ist wieder Zuhause. 
Alle Fotos: Kügler
Das Schiff des Bösewicht Capt'n Hook wirkt wie selbst gezimmert, das Krokodil ist eindeutig ein Kett-Car und die Betten werden auch zweckentfremdet. Das nimmt das Publikum quer durch alle Altersklasse mit auf die Reise nach Nimmerland.

Die ist vor allem rasant. Trotzdem schafft Sarah Speiser die Gratwanderung. Ihr Peter Pan kippt nicht in den Klamauk ab. Das ist so überzeugend, dass der härteste aller Kritiker mit der gebotenen Ernsthaftigkeit an sein Werk geht.

Ja, doch, der härteste aller Kritiker war mal wieder bei den Domfestspielen. "Mein Wohnzimmer", wie er sagt und das schon seit fünf Jahren. Auf jeden Fall gab der Reich-Ranicki des Kinder- und Jugendtheaters vier von fünf Sternen für diese Inszenierung.

Er musste zugeben, dass es viel zu lachen gab und er eben auch entgegen der Kritikerwürde viel lachte. Egal, ob nun Pudel, Wolkenmobil oder Krokodil, die Vielzahl an Einfällen überzeugten ihn. Obwohl er ja in seinem fortgeschrittenen Alter eigentlich viel zu erwachsen ist für so ein Theater, meint der härteste aller Kritiker. Aber was soll da erst der Vater des Kritikers sagen?

Es sind die beiden Pole, die diese Inszenierung tragen. Peter Pan ist nicht nur der Kampf gegen das Erwachsen werden, es ist auch der Kampf zwischen Gut und Böse. Mit Stephan Luethi und Marco Luca Castelli hat  Sarah Speiser  die ideale Besetzungen für Peter Pan und Capt'n Hook gefunden.

Peter Pan muss mal ein ernstes Wörtchen mit
Glöckchen reden.
Brust raus, Kopf hoch und deutlich gesprochen. Luethi scheint die personifizierte Lebensfreude. Sein Spiel ist fast atemlos und selbst die Erwachsenen nehmen ihm dem Pan ab. Die Kinder sowieso, weil Luethi ganz offensichtlich Spaß an dieser Figur hat und diesen Spaß auch vermitteln kann.

Ähnlich gilt wohl auch für Castelli als Hook. Vor allem schafft er immer wieder den Umschwung zwischen den zu tiefst bösen Piraten und den Krokodil-Phobiker. Mal ganz große Geste und starke Worte, dann aber wieder so klein mit Hut. Da fragt sich manch Erwachsener, ob nicht solch ein Exemplar wie diesem Piraten-Boss auch in seiner Chef-Etage hat.

Aber die meisten Lacher produziert Florentine Kühne als Glöckchen. Vielleicht gebührt ihr auch die meiste Anerkennung, denn trotz der Beschränkungen ihrer reduzierten Texte schafft sie es, die recht zweifelhafte Fee und ihre Motive allein durch Gestik und Mimik so darzustellen, dass auch Kinder ihr mühelos folgen können. Wenn sie wütend sein soll, dann ist sie auch wütend. Jeder kann das sehen. Einfach großartig.

Letztendlich fügt sich auch hier alles zum guten Schluss. Das Happy End ist programmiert und trotzdem verstehen Kinder, Eltern und Großeltern, dass immer in Nimmerland zu leben doch recht anstregend sein kann. Erwachsen oder nicht, Hauptsache ist, dass man weiß, wie man die Schublade mit den eigenen Träumen öffnet. 






Material #1: Gandersheimer Domfestspiele - Die Geschichte
Material #2: Gandersheimer Domfestspiele - Offizielle Website
Material #3: Peter Pan - Die Inszenierung

Material #4: Sarah Speiser - Offizielle Website

Material #5: Peter Pan  - Die Geschichte
Material #6: James Matthew Barrie -  Der Autor



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Sonntag, 17. Juni 2018

So macht Sterben Spaß

Ein beeindruckender Jedermann bei den Gandersheimer Domfestspielen

Es war ein Wagnis und es ist gelungen. Mit der Premiere des Jedermanns in der Inszenierung von Laura und Lisa Goldfarb eröffneten die Gandersheimer Domfestspiele nun auch offiziell. Das Publikum war zu Recht begeistert.

Kein Stück ist so sehr verwoben mit diesem Festival wieder Hofmannsthals Spiel vom sterbenden des reichen Mannes. Der Jedermann eröffnete die erste Spielzeit und der Jedermann stand zum 50. Geburtstag noch einmal auf dem Spielplan.

Kurz, aber nicht zu knapp, präzise aber doch allgemeingültig, spektakulär aber nicht erschreckend, bleibende Bilder aber nicht erdrückend. Das Update der Goldfarb-Schwestern überzeugend eigentlich in allen Belangen. Das multifunktionale Bühnenbild und die Ausstattung von Simone Graßmann und vor allem die zurückhaltende Musik von Ferdinand von Seebach. Es passt einfach alles.

Aber es ist vor allem die Energieleistung des Hauptdarstellers. Neunzig Minuten zeigt Marco Luca Castelli eine Achterbahnfahrt zwischen Hochmut, Verzweiflung und Demut, die mitreißt. Castelli vermittelt die ganze Palette menschlicher Emotionen in Extremsituationen mehr als glaubhaft.

Sie sind alle diese Welt geworfen und müssen doch
bald wieder gehen.     Alle Fotos: Kügler
Rauch weht über die Bühne, zu den verhaltenen Tönen des Trios von Seebach, Frank Conrad und Martin Werner schleichen 15 Darsteller im Walking-Dead-Modus über die Bühne und durchs Publikum. Zum Schluss der Szene steigen sie alle in ihre Kisten, die auf der Bühne wie dahin geworfen verteilt sind. Und Deckel drauf, das war's.

Was auf den ersten Blick wie ein Eingeständnis an den Zeitgeschmack wirkt, ist die einzige erhebliche Änderung an der Vorlage von von Hoffmannsthal. Laura und Lisa Goldfarb erzählen ihren Jedermann aus der Retrospektive.

Doch dahinter versteckt sich mehr als eine kosmetische Operation. Der Drops ist gelutscht und der Kampf ist gekämpft. Es gibt keine Aussicht auf Entrinnen, lautet die Botschaft. Nach anderthalb Stunden wird Jedermann in einer Mischung aus Resignation, Zufriedenheit und Erleuchtung wieder in seine Kiste steigen.

Dazwischen haben die Goldfarb-Schwestern einen Reigen von Szenen gepackt, die nicht weniger als das ganze Leben erklären sollen. Manche dieser Szenen wirken wie ein Gemälde von Hieronymus Bosch, manche wie ein Live-Übertragung aus einem hippen Club. Die Nutzlosigkeit menschlichen Strebens vor der Kulisse des nahenden Todes war schon im 15. Jahrhundert ein Thema und im 21. ist es immer noch eins. Der Ewigkeitsanspruch wird mit dem Erhalt der antiquierten Sprache untermauert. Nur die "Hoffnung" musste aus logischen Gründen entfallen.

Es sind Szenen, die mit großen Bildern und Massenszenen beeindrucken sowie auch Szenen, die mit intimen Spiel zwischen Jedermann und seinem Gesellen, seiner Mutter oder seine Buhlschaft. In deren Rolle ist Felicitas Heyerick der zweite Pfeiler der Inszenierung. Sie zeigt eine enorme Präsenz und darf die Stimme noch stärker variieren als der Jedermann und kann damit ihr gesamtes Können aufbieten.

Nicht drängeln, für jeden ist eine Kiste da.
Schwarz-Weiß und Grau und mit Rot die farblichen Akzente setzten, Augenmerk und Betonung schaffen. Diese Konzept fesselt. Auch die Ausstattung von Simone Graßmann ist einleuchtend. Der Weg des Jedermanns ist ein allgemeiner, am Schluss sind wir alle tot. Deswegen sind auch alle gleich gekleidet: Schwarz und grau. Nur die roten Schuhe der beiden Hauptdarsteller machen die besondere Stellung deutlich.

 Schauspiel auch auf der Tribüne gehört in Bad Gandersheim schon dazu. Es ist gewissermaßen die vierte Dimension, wenn das Publikum einbezogen wird. Die fünfte Dimension ist in diesem Jedermann aber die Musik von Ferdinand von Seebach. Sie liegt irgendwo zwischen Oldtime Jazz und Ambient. Meist zurückhaltend wird sie dann doch gelegentlich zum Träger der Handlung, wenn in der Party-Szene Jedermann, die Buhlschaft und alle Gäste ausgelassen tanzen, als wäre es ihr letzter Tag.

Dann ist da noch die sechste Dimension und die lautet Vertikalakrobatik. Ja, es ist spektakulär, wenn die Boten des Todes die Fassade der Stiftskirche zur Bühne machen und an Seilen in die Tiefe stoßen oder wenn sie den Mammon unerreichbar in die Höhe entführen.


Laura und Lisa Goldfarb habe es geschafft, mit den Einlagen am Kirchenturm optische Highlights zu schaffen. Doch diese unterwerfen sich der Logik der Inszenierung und dominieren diese nicht. Das ist schon eine sehr starke Leistung.

Bombastische Bilder, atemberaubende Akrobatik, eine Inszenierung, deren Konzepte eindringlich sind und zwei Hauptdarsteller in Höchstform. Dieser Jedermann wird noch lange nachwirken. Ein großartiges Geschenk zum 60. Geburtstag der Domfestspiele.





Material #1: Gandersheimer Domfestspiele - Die Geschichte
Material #2: Gandersheimer Domfestspiele - Offizielle Website
Material #3: Jedermann - Die Inszenierung

Material #4: Laura und Lisa Goldfarb - Offizielle Website

Material #5: Jedermann - Das Stück
Material #6: Hugo von Hofsmannsthal -  Die Biografie