Sonntag, 16. Februar 2020

Ein Festival der Mimik

stille hunde mit literarischen Roulette im Schloss Herzberg

Was die Interpretation von Literatur anbelangt sind Stefan Dehler und Christoph Huber unbestritten die Nummer eins in der Region. Als stille hunde stellten sie dies am Freitag mit dem literarischen Roulette im Schloss Herzberg unter Beweis. Freches Kabarett oder gewagte Neuinterpretation. Die Arbeit mit den Perlen der Weltliteratur wurde auf alle Fälle zum Festival der Mimik.

Sechsunddreißig Texte hängen mit Nummern versehen an zwei Stellwänden auf der Bühne. Dazu kommen siebenunddreißig Nummern in einem Lostopf. Christoph Huber wählt die Zuschauer aus, die die Lose ziehen dürfen. Der Zufall bestimmt das Programm.

Bevor es damit losgeht, gibt es aber noch einen amüsanten Seitenhieb auf den Literaturbetrieb. In den Rollen des enttäuschten Schriftstellers und des entnervten Kritikers liefern Dehler und Huber ein Feuerwerk der Plattitüden ab. Sie lassen kein der Formulierungen aus, die den Diskurs über Geschriebenes prägen. Damit wird deutlich, dass eben vieles im Literaturbetrieb beliebig und austauschbar ist.

Literat und Kritiker: Das literarische Duett.
Alle Fotos: Thomas Kügler
Stefan Dehler ist der Spätberufene, der seinen Roman durchaus in einer Reihe mit den großen Werken sieht. Schließlich geht es in "Liegen gelassenes Leben" um eine Bahnfahrt nach Osnabrück, die 60 Jahre dauert und nie ihr Ziel findet, weil in Hannover der Anschluss verpasst wird. Allein dieses Konstrukt ist schon großartig. Aber das verkannte Genie lädt seine Banalitäten so seht mit  Phrasen auf, dass es zum Kabarett. Dieser latenten Aggression kann der desinteressierte Kritiker nichts entgegensetzen.

Aber dann geht es  los. Die erste Zuschauerin zieht und es ist die "Null". Das Lachen ist groß, die Stimmung von Anfang an da. Sie wird mit einer Flasche Schierker Feuerstein belohnt und Dehler und Huber beweisen, dass sie noch etwas perfekt beherrschen: die Zuhörer einbeziehen. Wie jede andere Vorstellung der stillen hunde ist auch das literarische Roulette ein Spiel mit dem Publikum.

Sich dem Glücklos auszusetzen, dass zeugt von einer Menge Selbstvertrauen. Die stillen hunde haben es, weil sie ihr Metier beherrschen. Da kann man sich ohne große Vorbereitung schon mal in Sekundenschnelle von einen Text zum anderen schwingen, Dies machen sie gleich mit der ersten Geschichte deutlich. Es ist "Fanny Hill" von Cleland, die Geschichte einer Prostituierten  im England des 18. Jahrhunderts. Das Fazit vorweg: Bei allen Klamauk wird deutlich, dass Fanny Hill wie eine Ware verschachert wird.

Im Gegensatz zu den sonstigen szenischen Lesungen müssen Huber und Dehler auf Requisiten verzichten, es bleiben nur das Pult und ein Sakko. Das wird später zweckentfremdet. Diese vermeintliche machen sie aber allemal wett. Ihr Vortrag ist Schauspiel komprimiert auf aller kleinsten Raum. Ein Festival aus Mimik, Rhetorik und Gesten.

Jeder Gesichtszug passt. Die Pausen im Vortrag sind richtig gesetzt. Neue Rollenwechsel werden mit neuen Stimmlagen  angekündigt und die Akzente genau gesetzt. Eine ungewöhnliche Betonung eröffnet neue Perspektiven aus Bekanntes. Der Sprung von einer Rolle in die nächste gelingt ohne Übergang. Das spricht für die perfekte Beherrschung des Textes und des Handwerks.

Nicht jeder möchte umschlungen werden.
Foto: Kügler
So wird auch ein Sachtext wie eine Rezension von Kurt Tucholsky zu einen Erlebnis. Aus dröger Literaturkritik wird ein Lacherfolg. Aber die stillen hunde können auch Hintersinn. Das zeigen sie mit dem Raben Jakob Krakel-Kakel aus den wenig bekannten Tiergeschichten von Manfred Kybel. In dieser Parabel über den täglichen Ehekrieg steckt so viel Süffisanz über Betrug und Rache, dass das Lachen am Ende auch eine befreiende Wirkung hat.

Gerade diese Geschichte lebt von den Spannungen, die beiden Darsteller  immer wieder gern inszenieren. Die Rollenverteilung bleibt die gewohnte: der feinsinnige Dehler gegen den holprigen Huber. Gegenseitige Frotzeleien gehören einfach dazu und jeder kann sich eine Identifikationsfigur aussuchen. Während Dehler zwischen den Texten versucht. Literaturkenntnisse zu vermitteln, zieht Huber als Nummer-Boy alle Aufmerksamkeit auf sich.

Das Publikum ist an Komik und nicht an Wissen interessiert, ist die Selbsterkenntnis. auf jeden Fall bekommt Pöhlde wieder ein Portion Spott ab und das Publikum freut sich darüber.

Die stillen hunde können nicht nur Hintersinn und literarischen Comedy. Sie können auch Kopfkino. Das geht an, als das Losglück das Schlusskapitel von Moby-Dick aufruft. Jetzt ist Schluss mit lustig. Dehler steigert sich so sehr in die Rolle des Käpt'n Ahaabs, dass dem Publikum in den ersten Reihen durchaus Angst und Bange wird. Der Wahnsinn steht ihm ins Gesichts geschrieben. Niemand lacht mehr und das Publikum wird zu den totgeweihten Matrosen, die bald Mann für Mann über Bord gehen. Nur das Schleudern der Harpunen sorgt für kurze Pausen in der Anspannung. Dieser Vortrag macht deutlich, wer hier Täter und Opfer ist. Das Tier reagiert nur auf den abgrundtiefen Hass des Käpt'ns und ist damit menschlicher als der Mensch.

Die Darsteller hatten ein Zeitlimit gesetzt.  Zweimal 45 Minuten hieß die, aber am Ende wurde es dann doch fast drei Stunden.Offensichtlich haben Huber und Dehler selbst Spaß an diesem Treiben und diesen Spaß können sie auf einzigartige Art und Weise vermitteln.



Material #1: Die stillen hunde - die Website






Montag, 10. Februar 2020

Wenn Wichtigtuer auf Verblendete treffen

Das Theater Nordhausen zeigt "Schtonk" zur richtige Zeit

Wenn die Schatten der dunkelsten Vergangenheit die Gegenwart einholen, dann ist das in aller Regel nicht witzig. Bei "Schtonk" im Theater Nordhausen aber doch. Damit ist es das passende Stück zu den Verwerfungen der Thüringer und der bundesdeutschen Politik. Bei der Premiere am Freitag gab es reichlich Applaus.

Der Skandal um die angeblichen Hitler-Tagebücher erschütterte 1983 die alte Bundesrepublik. Gerade das linksliberale Magazin "stern" hatte die Fälschungen aus dubiosen Quellen bezogen. Anstatt den Medien-Coup des Jahrzehnts zu landen, flog die Geschichte recht schnell auf. Zurück blieb ein Scherbenhaufen, unter dem der "stern" fast erstickte.

Der eigentliche Skandal waren aber nicht die Fälschungen sondern der Sumpf aus Alt- und Neonazis und Geschäftemachern, in den sie die stern-Redakteure und die Geschäftsleitung begaben, um die Auflage zu steigern. Das hat der Film "Schtonk" von Helmut Dietl und Ulrich Limmer gezeigt.

Reiner Heise hat die Komödie für das Theater Rudolstadt auf die Bühne gebracht. Die Premiere in Nordhausen zeigte, dass seine Inszenierung dem Film in nichts nachsteht. Es geht nicht um die akribisch Nacherzählung der Ereignisse, sondern um die Typen, die solch einen Skandal erst möglich mache. Heise deckt sogar Seiten auf,
die bisher verborgen blieben.

Von Absteiger zum Hochmut und zurück: Seidensticker
als Hermann Wilié.        Alle Fotos: Lisa Stern
Ein Garant für den Erfolg ist Markus Seidensticker in der Rolle des Hermann Willié. Dieser hat seinen Zenit als Journalist deutlich überschritten. Er vermischt auch schon mal Privates und Berufliches und sein Interesse an den Devotionalien des NS-Regimes hat den Liebhaber-Status erreicht.

Seidensticker schafft es, Willié als kompletten Typen darzustellen, in seiner Schleimigkeit, in seiner Verzweiflung, in seinem Hochmut und in seinem Wahn, als der Schwindel auffliegt. Dabei arbeit er vor allem mit der Stimme. Seidensticker setzt die feinen Nuancen, die das Auf und Ab deutlich machen. Dabei hält er aber die Grenzen ein. Sein Willié erzeugt kein Mitleid, er ist nie Opfer sondern immer Täter.

Da hat Marcus Ostberg die leichtere Aufgabe. Sein Rolle ist die des Fälschers Fritz Knobel. Zwar macht auch der eine Berg- und Talfahrt durch. Beeindruckend sind die Szenen, als Knobel im Fälscherwahn fast droht seine Persönlichkeit an den Führer verliert. Aber Osterberg gewinnt dem Knobel sogar heitere Seite und damit macht er ihn zu sympatischen Gewinner.

Sein Knobel beliefert einen Schwarzmarkt und er weiß die Graubereich auszunutzen. Die Geheimnistuerei ist seine wichtiges Werkzeug. Im Laufe der Vorstellung wird aus einem Getriebenen eine treibende Kraft. Diesen Wandel verdeutlicht Ostberg durch die passende Rhetorik und Körpersprache. Deshalb entwickelt das Publikum durchaus Sympathien für das Schlitzohr.

Rasant, bunt und frech. Die Vorlage ist eine der besten deutschen Komödien der Gegenwart. die Inszenierung von Reiner Heise schaft es, deren hohes Tempo bei zu behalte und zu steigern. Die Aufführung ist zusammengesetzt aus Dutzenden von Szenen. Mal dauern sie wenige Sekunden, mal mehrere Minuten. Damit schafft Heise einen Rhythmus, der das Publikum mitnimmt, weil er filmische Mittel gekonnt auf der Bühne umsetzt.

Dazu gehört auch die Musik. Mal dröhnt sie blechern wie zur Wochenschau, mal kommt sie locker und leicht daher wie ein Schlager aus den 30-er Jahren. Die Musik bereitet nicht nur vor oder rundet ab. Sie wird vom Hilfsmittel zum eigenständigen Bestandteil der Inszenierung.

So sehen Sieger aus: Fritz Knobel und seine Frauen.
Alle Fotos: Lisa Stern
Dabei kann er auf ein akzentuiertes Licht und das großartige Bühnenbild von Manfred Gruber setzten. Vorne die blanke Spielfläche und hinten der schnittige Bug eines Schiffs, unter dessen Deck sich die Fälscherstube im Spitzweg-Modus befindet. Die hat sogar einen Holzofen, der raucht als die Geschäfte laufen. Nie ist beides gleichzeitig zu sehen, die Welt von Fälsche und Geschäftsführern bleiben  getrennt durch einen Vorhand.

Das Schiff läuft nach links aus in eine Hafenkante, an der nachts wohl die Damen aus dem horizontalen Gewerbe flanieren. Tatort ist Hamburg und da kommen sich Medien und Prostitution auch mal nahe. Das macht Johannes Arpe bei seinem Auftritt als Verlagsleiter Dr Wieland deutlich.

An dieser Person zeichnet Heise besonders eindrücklich nach, welche Eigendynamik die Hast nach der Sensation entwickelt. Da werden Widerstandskämpfer schon mal schnell zu Handlagern. Der Wichtigtuer wird geerdet. Dazu passen auch die herrlich säuerlichen Mienen von Jochen Ganser und Benjamin Petschke in den Rollen der übergangenen Chefredakteure auf Williés Geburtstagsfeier. Wichtigtuer treffen hier auf Verblendete. Nur so kann der Schwindel funktionieren, das zeigt diese Aufführung und geht damit über den Film hinaus.

Aber bei aller Analyse ist "Schtonk" doch immer noch eine Komödie. Hintersinn ersetzt hier Plattitüde. Es eine Medienkritik voller gelungener Szenen, die sich in einem straffen Tempo einen ganz eigenen Kosmos zeigen. Die Aktuere geben sich selbst der Lächerlichkeit preis.       

Damit ist "Schtonk" das richtige Stück zur passenden Zeit. Was schade ist? Die Aufarbeitung des Relotius-Skandals wird bestenfalls lehrreich, aber nicht annähernd so unterhaltsam wie "Schtonk" in Nordhausen.     


Material #1: Theater Nordhausen - Der Spielplan
Material #2: "Schtonk" - Das Stück

Material #3: Hitlers Tagebücher - Der Skandal


Sonntag, 2. Februar 2020

Der Mut der Verzweifelten

Das Leben auf der Praça Roosevelt im DT Göttingen

Es mag abgedroschen klingen, aber diese Aufführung geht unter die Haut. Für das Deutsche Theater Göttingen hat Aurelius Śmigiel "Das  Leben auf der Praça Roosevelt" auf die Bühne gebraucht und seine Inszenierung zeigt einen Blick auf die Enttäuschten, die aber nicht in Verzweiflung zurückbleiben.

Die Praça Roosevelt ist ein Platz in der brasilianischen Wirtschaftsmetropole Sao Paulo. Eine neogotische Kirche ist umstanden von Platanen und Hochhäusern. Gebaut in den 60-er Jahre als ein Versprechen auf eine bessere Zukunft, ist er nun die Heimat von Dealern, Nutten und Ausgegrenzten. Zwischen die Bordelle reihen sich Büros, Spielhallen und kleine Gewerbebetriebe.

Die Autorin Dea Loher hat den Ort während ihres Brasilien-Aufenthalts kennengelernt. Ihre Erfahrungen hat sie 2012 zu einen Stück verarbeitet, Das zeigt sich weder als Tragödie noch als Drama ist, obwohl es von beiden viel hat. Es ist einfach ein hartes Stück Dokumentationstheater.

Ein Bett wie ein Gefängnis.
Alle Fotos: Thomas Aurin/DT Göttingen
Diese Konfrontation mit einer Realität außerhalb des Theatersaals ist für das Publikum durchaus eine Herausforderung. Bei der Premiere trifft Villa auf Pappkarton, Pensionsansprüche auf Sammelbüchse. Betretenes Schweigen unterbrochen von Gekicher. Dabei ist Göttingen Praça Roosevelt doch gar nicht so weit weg.Sie heißt Iduna Zentrum und steht am Weender Tor.

Jósef Halldórson konnte der Verlockung widerstehen. Sein Bühnenbild zeigt eben keinen Platz. Es ist reduziert und aufgeräumt. Es wirkt wie eine Mischung aus Malewitsch und Dali. Die Reduktion löst die Inszenierung ein wenig aus Zeit und Raum und verlagert das Geschehen ins Allgemeingültige.

Die Lebenslinien der Akteure treffen sich auf der Drehbühne. Je nach Szene rückt diese eine Kulisse in den Vordergrund. Zum Auftakt steht ein Bett im Fokus. Seine massiven Eisenstäbe erinnern an ein Gefängnis. Hier dämmert der Streifenpolizist Mirador dem Tod entgegen. Seine Frau besucht ihn nach langer Zeit und erzählt vom gemeinsamen Sohn, der eines gewaltsamen Todes gestorben ist. Dafür macht sie ihren Mann verantwortlich.

In der Retrospektive erzählt er davon, wie zur Katastrophe kam und wie er seinen Sohn schon verloren hatte, lange bevor er starb. Dabei ist die Erzählung durchaus vielschichtig. Alles hängt mit allem zusammen.Immer wieder kreuzen sich die Wege, zieht das eine das andere nach sich.

Die letzte Chance, um aus der Abwärtsspirale zu entkommen, wäre für Miradors Sohn eine Anstellung bei Vito. Doch der wird seine Fabrik schließen, weil er keine Waffen mehr herstellen möchte, weil er beobachtet hat, wie Mirador mit einer Waffe aus seiner Produktion auf seinen Sohn gezielt hat. Damit werden die beiden zu Verbindungspunkte in der Abfolge der Szenen.

Concha und Aurora. 
Egal, welche Entscheidung du triffst, sie ist falsch. Das arbeitet Śmigiel bestens heraus. Vito will die Spirale der Gewalt nicht mehr unterstützen und schließt seine Fabriken. Damit liefert er seine Mitarbeiter dem Elend und der Gewalt aus. Irgendjemand bezahlt immer.

Dabei lebt die Inszenierung vom einem irritierenden Widerspruch. Trotz der mehr als schwierigen Lage, in der sich die Akteure befinden, tragen sie eine Gelassenheit zur Schau, anfangs befremdlich wird. Paul Wenning in der Rolle des Streifenpolizisten Mirador trägt seinen Text so lakonisch vor, dass es fast schon ein Provokation ist. Wo andere große Emotionen präsentieren würden, beeindruckt er mit Souveränität dem Schicksal gegenüber. Das lässt er in ausreichenden Kunstpausen wirken.

Dazwischen schimmert immer wieder die Überforderung eines Manns hindurch, der seine Welt nicht ganz begreifen kann oder will. Denn diese Welt funktioniert nicht nach seinen Regeln und damit kann sich Mirador nicht arrangieren. Damit ist Wenning eine umfassende Charakterisierung geglückt.

Auch Vitos Verzweiflung ist anfangs eine stille. Erst in der Sportbar-Szene dreht Christoph Türkay in dieser Rolle auf. Die rasanten Wechsel zwischen zu Tode betrübt und rasende Wut gelingen ihm wunderbar. Umso schöner ist es, als Judith Srößenreuter ihm mit dem Wort "Bin-go-hal-le" erdet und aus dem Elfenbeinturm holt. Nun blitz ein helles Licht der Hoffnung auf. Man muss einfach weitermachen mit dem Mut der Verzweifelten.

Diese Lakonie geht bis an die Grenze des Erträglichen, als Gerd Zinck in der Rolle des Transvestiten  Aurora davon erzählt, wie es einst als 12-jähriger Knabe vom Nachbarn vergewaltigt wurde. Wie sein Versuch, diese Tat zum finanziellen Vorteil durch die Cleverness des Täters zu nichte gemacht wird. Das ist schon starker Tobak und Zinck bringt ihn emotionslos aus die Bühne. Dennoch schafft er es, einen Rest an Lebensfreude zu bewahren. Damit ist diese Figur ein kompletter Mensch.

Die stärkste Leistung hinterlässt aber Andrea Strube in der Rolle der Concha, Als Vitos Sekretärin von der Arbeitslosigkeit bedroht und vom Krebs gezeichnet, ist sie immer wieder bemüht, andere zu trösten und ihnen zu einem kleinen Glück zu verhelfen. Strube macht dies ohne große Gesten mit einer Selbstverständlichkeit, die berührt.

Mirador sucht seinen Sohn.
Alle Fotos: Th. Aurin
Es ist diese Spannung aus schwerem Schicksalen und bedächtigem Vortrag und gebremsten Spiel, die diese Inszenierung prägt. Sie ist ganz anders als erwartet und damit überrascht und irritiert sie. Deswegen ist diese Aufführung berührend. Man muss sich mit dem Schicksal abfinden, sonst kann man es nicht ertragen.

Deswegen erzeugt Roman Majewski wohl auch das größte Schweigen als der Mann mit dem Koffer. Dieser Koffer, ein Anzug und ein Handy sind sein ganzer Besitz und die letzten Insignien seiner einst bürgerlichen Existenz. Hektisch strampelnd wie ein Ertrinkender versucht er zurückzufinden in die Berufswelt. Doch das Publikum ahnt, dass ihm das nicht gelingen wird. Er kann sein Unglück nur abmildern, indem er einen anderen Unglücklichen die Schuhe klaut. Der Rest ist Schweigen im Parkett.

Gewalt und Tod kommen nicht auf die Bühne. Diese finden nur in den Texten statt. Somit erlebt das Publikum nicht nur die Verarbeitung dieser Ereignisse. Nein, sie schleichen sich so auch in die Köpfe der Zuhörerinnen und Zuhörer. Śmigiels Inszenierung ist Kopftheater. Damit ist das Publikum durchaus gefordert. Es schließt die Lücken zwischen den Einzelszenen.

Nicht eingehaltene Zukunftsversprechen, sozialer Abstieg und Gewalt sind unbequeme Themen. Dea Loher hat sie in "Das Leben auf der Praça Roosevelt" thematisiert. Aurelius Śmigiel hat eine Interpretation vorgelegt, die deswegen wirkt, weil sie nicht auf Emotion setzt sondern auf Reduktion. Damit entbindet er die Handlungen und Szenen vom Zeit und Ort und gibt eine analytische Ebene. Diese Kopfarbeit macht sie umso beeindruckender.

 




Material #1: DT Göttingen - Der Spielplan
Material #2: Die Praça Roosevelt - Das Stück


Material #3: Dea Loher - Die Biografie


Material #5: Das Iduna-Zentrum - Die Praça Roosevelt von Göttingen