Freitag, 5. Oktober 2018

Die Erwartungen im vollen Umfang erfüllt

Durchweg auf hohem Niveau: Ludwig Güttler und seine Ensemble im Kreuzgang

Auf diese Elf kann man bauen. Diese Männer verwandeln die Vorlagen treffsicher. Am Mittwoch spielten Ludwig Güttler und sein Ensemble im Kloster Walkenried. Am Ende erfüllten sie alle Erwartungen.

Das Konzert war Jubiläum und Premiere zugleich. Seit ziemlich genau 30 Jahren ist Güttler immer wieder zu Gast bei den Kreuzgangkonzerten. In den letzten Jahren macht er das durchweg mit dem Blechbläser Ensemble und das hat in diesem Jahr 40. Geburtstag gefeiert.

Der Trompeter aus Dresden ist mittlerweile zu einer Marke geworden und der Titel "Ein Abend mit Güttler" reicht als Programm. Egal was gespielt wird, es wird gut, denn es steht ja Güttler drauf.

Ungewohnt: Die Tuba spielt mal die
erste Geige.     Alle Fotos: Kügler
Das Programm reicht laut Papier von der Renaissance bis in die Moderne. Den Auftakt machen fünf Tänze von Tylman Susato. Der Rheinländer aus dem 16. Jahrhundert gehört zum festen Repertoire von Güttler und seinen Jungs. Ein Teil davon baut sich hinter dem Publikum, die meiste Musiker bleiben auf der Bühne. Das Publikum ist in die Zange genommen. Über seine Köpfe hinweg beginnt das Wechselspiel der Bläser, das musikalische Passspiel. Besonders im Rondo und im Rondo Mon Ami spielen sich Posaunen und Trompeten die Themen zu, um dann den Anderen mit einem Steilpass auf die Reise zu schicken.

Von Gefangennahme kann aber keine Rede sein. Das Auditorium ist mittendrin statt nur dabei und wird so zum Teil des Klangkörpers. Der Spielzug ist zwar nicht neu, auch Güttler hat diese Karten in Walkenried schon regelmäßig ausgespielt. Es war jedes Mal ein Treffer.

Doch dann muss der Meister seine Gefolgschaft enttäuschen. Güttler kürzt das Programm, Bartolini und Bach fliegen raus, aus Zeitgründen.

Das feine Spiel setzt sich auch bei der Suite für Blechbläser von Johann Hermann Schein fort. Der Klang ist voll und kräftig und trotzdem ist jede einzelne Stimme zu erkennen. Auch hier überzeugt Güttler mit einem zurückhaltendem Dirigat. Der Mann am Spielfeldrand beschränkt sich auf das Minimum an Zeichengebung. Das spricht für das eingespielte Team.

Überhaupt überzeugt das Ensemble mit einer geschlossenen Mannschaftsleistung. Die Werke bieten allesamt nur wenige Solo-Partien über wenige Takte. Im Vordergrund steht eindeutig das Zusammenspiel und Güttler erweist sich dabei wieder einmal als primus inter pares. Er kann das Spielfeld auch mal den anderen überlassen.

Aber nun entwickeln fünf Trompeten und vier Posaunen zusammen eine Menge an Dynamik und vor allem eine Menge an Volumen. Das geht zum Teil bis an die Grenze der Hörgewohnheit und der Canzon XVI von Giovanni Gabrieli leidet ein wenig darunter.

Ganz schön voll: Der Meister im Kreise seiner Jünger
Die Sonate As-Dur von Giovanni Battista Sammartini gefällt hingegen durch die feinen Sätze von Trompeten und Posaunen, die sich punktgenau in der feinen Struktur des Werkes wiedertreffen. Diese Sonate zählt nicht ohne Grund zu Güttlers Lieblinge. Auszeichnen kann sich hier Fabian Neckermann an der Tuba. Dem sonst so schwer fälligem Instrument entlockt er feinste Melodienlinien.

In der Sonate b-Moll für Blechbläser des weitgehend vergessenen Victor Ewalds kann sich Neckermann noch einmal auszeichnen. Überhaupt zeigt dieses Werk ein komplett anderes Klangbild. Güttler verschiebt seine Mitspieler hier in Richtung Big Band und das Ensemble meistert dies ohne Verluste.

Der Abend hat die Erwartungen voll erfüllt und das Publikum applaudiert entsprechend. Damit kommt Güttler nicht um die Zugabe herum und die Motette "Singet dem Herrn" von Johann Sebastian Bach doch zur Aufführung. Hier entfaltet das Ensemble noch einmal seinen vollen Klang und die ganze Pracht barocker Lobpreisung. Der Abend endet mit einem furiosen Final in der Fuge. Das weckt die Vorfreude auf Güttlers nächstes Gastspiel im Dezember 2019.





Material #1: Ludwig Güttler - Die Biographie

Material #2: Ludwig Güttler - offizielle Website
Material #3: Das Blechbläserensemble - offizielle Website

Material #4: Die Kreuzgangkonzerte - Das Programm 2018

Material #5: Erfreute Zuhörerschaft - Güttler 2016 im Kreuzgang
Material #6: Erfüllter Kreuzgang - Güttler 2013 im Kloster






Donnerstag, 4. Oktober 2018

Windsors Weiber sind vor allem schrill

Theater Nordhausen: Nicolais Oper hart an der Grenze inszeniert

Irgendwo zwischen Rocky Horror Picture Show, Al Bundy und den Leningrad Cowboys. Anette Leistenschneider inszeniert "Die lustigen Weiber von Windsor" als eine Oper im Grenzbereich. Damit dürfte sie ganz im Sinne des Komponisten gehandelt haben. Bestimmt wird die Aufführung am Theater Nordhausen von zwei starken Polen: Zinzi Frohwein in der Rollle der Felicity Fluth und Michael Tews als Sir John Falstaff.

Der letzte Pulverdampf der misslungenen 48er Revolution hatte sich verzogen, als Otto Nicolai die Arbeiten an seiner komischen Oper zum Abschluss bringt. Aber der Kampf geht in den Kulturpalästen weiter. Die Aufgabe der Kunst ist es, das Reine und Wahre zu zeigen, auch wenn man es nicht verstehen. So das Dogma des alles dominierenden deutschen Idealismus.

Nein, sagten Otto Nicolai und Weggefährten. Aufgabe der Kunst ist es, zu unterhalten. Deswegen nimmt seine Oper einiges vorweg, was erst 50 Jahre später als Operette salonfähig wird.

Roberta und Felicity haben den Schwindel entdeckt.
Alle Fotos: András Dobi
In diesem Sinne erzählt Regisseurin Anette Leistenschneider die Geschichte von den beiden Frauen, die es ihrem Verehrer zeigen wollen, konsequent weiter. Aus der Abrechnung mit einem selbstgefälligen Adeligen wird ein Farce über das männliche Geschlecht. Auf jeden Fall ist ihre Inszenierung der "Weiber von Windsor" rasant, bunt und schrill.

Dabei kann sie mit Frohwein und Tews auf zwei Hauptdarsteller setzen, die die Anforderung bestens umsetzen. Beide glänzen nicht nur stimmlich, sondern setzen auch schauspielerisch einige Höhepunkte.

Einziges Manko: Trotz aller Einfälle ist die Geschichte zu dünn, um damit drei Stunden zu füllen. Bis zum grandiosen Finale gibt es doch einige Längen.

Kitsch as Kitsch can. Im Bühnenbild und in der Ausstattung haben Wolfgang Kurima Rauschning und Anja Schulz Hentrich alle Insignien aufgefahren, die ein Kontinentaleuropäer für very british hält. Da darf auch die Queen nicht fehlen. Die übernimmt nämlich die Rolle der Erzählerin, inklusive Corgi zu ihren Füßen.

Der größte Teil des Inventar befindet sich auf der Drehbühne und die ermöglicht einen fast lückenlosen Umbau. Damit geht es im Eiltempo durch die Szenen. Zwar ist die Oper von Nicolai hart an der Grenze zur Operette, aber das interessiert nur die Puritaner.

Uta Haase geht in der Rolle der Orientierung gebenden Quenn geradezu auf. Das distinguiert Kommentierende scheint ihre Sache zu sein. So kann sie einige Spitzen setzen, auch für die Gegenwärtigen.

Die Handlung beschränkt sich auf ein Weekend. Der knappe Zeitraum gibt der Oper zusätzliches Tempo. Gut kleinbürgerlich beginnt dies in einem Beauty-Salon mit allen Zutaten und einen Angriff auf den guten Geschmack. Trockenhauben aus den Zeiten als die Frisuren noch B-52 hießen und die Rosen auf der Tapete so groß waren wie ein Gewächshaus. Herrlich.

Dazu Zinzi Frohwein im Peggy-Bundy-Outfit: schwarze Leggins und Leopraden-Top. Da macht schon das Hingucken Spaß. Zudem macht sie auch per Gesang deutlich, dass sie die Hosen anhat. Wunderbar ist schon das Duett mit Anja Daniela Wagner, als sie den Plan zur Rache am Gockel Falstaff fassen.

Ein Angriff auf den guten Geschmack.
Michael Tews singt und spielt den selbstverliebten Adligen mit solcher Hingabe, dass jeder seiner Auftritte zum Vergnügen wird. Auch in der Verkleidungsszene des zweiten Aktes zeigt er ungewöhnliche schauspielerische Fähigkeiten. Für die vielen Tür-auf-Auftritt-Hinter-Hecken-verstecken-Abgang-Tür-knallt-zu-Szenen ist er genau der richtige Mann.

Während Philipp Francke als eifersüchtiger Ehemann gerade in der Sauna-Szene überfordert wirkt, spielt und singt Thomas Kohl den prinzipientreuen Kleinbürger Reich mit britischer Konsequenz. Der Mann arbeit bestimmt im Ministry of Silly Walks.

Ob nun Falstaff, Reich, Fluth oder Spärlich. Eins haben alle Männer in dieser Inszenierung gemeinsam: Sie sind Witzfiguren. Sogar der Opernchor kann in der Sauna-Szene seine komischen Talente mal ausspielen und den Fitness-Wahn auf die Spitze treiben. Sport als Kompensation für verloren gegangene Allmächtigkeit

Auf jeden Fall geht es im hohen Tempo durch drei Akte bis zum grandiosen Finale. Das bietet mit Elfen und Feen eine Reihe von Anspielungen auf Shakespeares Sommernachtstraum. Schließlich liefert der Mann aus Stratford.upon-Avon das Libretto zu dieser Oper.

Als alles auf ein vorhersehbares Ende und einen enttäuschten Falstaff hinausläuft, schafft Anette Leistenschneider noch eine Wende mit einem dicken Augenzwinkern. Wunderbar.


Material #1: Theater Nordhausen - Der Spielplan
Material #2: Die lustigen Weber von Windsor - Die Inszenierung

Material #3: Otto Nicolai - Die Biographie
Material #4: Die lustigen Weiber von Windsor - bei wikipedia