Mittwoch, 7. Oktober 2020

Gegen Corona antanzen

Breites Spektrum bei der Ballettgala im Theater Nordhausen

Manchmal bringt die Not die besten Ergebnisse hervor. Das zeigte die Ballettgala im Theater Nordhausen. Der Schlussapplaus erreichte die Stärke der Vor-Corona-Zeit. 
Intendant Daniel Klajner und Ballettchef Ivan Alboresi begrüßten die drei neuen Mitglieder der Compagnie vor. Diese stellten sich dann mit eigenen Choreographien vor und nachdem Klajner seinen Ballettchef ausreichend gelobt hatte, gab dieser preis, dass er mindestens noch bis 2024 in Nordhausen bleiben wird. 
Spots brennen Lichtkreise auf den Tanzboden. Es sind Platzanweiser. Tänzer kommen auf die Bühne und wissen, wo sie hingehören. Nur so kann Ballett in den Zeiten des "Abstands halten" funktionieren und irgendwann ist das gesamte Ensemble auf der Bühne.
Den ersten Applaus gibt es, als alle ihre Masken aufsetzen. Tanztheater lässt sich nicht von einem Virus aufhalten. Das ist doch ein Statement. 

Es darf wieder getanzt werden.
Alle Fotos: Marco Kneise

Sind es wirklich nur Nummer, wie der Titel des Stücks nahe legt? Alboresi schafft es, aus dieser Ansammlung von einzelnen einen Corpus zu schaffen. Die Solisten finden sich mit den anderen Mitglieder des Ensemble immer wieder zu diesen organischen und wogenden Bewegungen zusammen, die so typisch für die Werke von Alboresi sind. 
Die zweite Choreographie ist der pure Kontrast. Immer wieder legt Luca Scaduto überraschende Wendungen hin, so dass man meint, ihm wären diese Bewegungen eben erst durch den Kopf geschossen. Es ist eine Choreographie, die mit ihrer Spontanität und Dynamik begeistert. 
Luca Scaduto ist Urgewalt und Naturtalent zugleich. Der 25-Jährige hat erst mit 18 Jahren mit dem Tanzen begonnen und seitdem einige bedeutende Wettbewerbe gewonnen. Allein schon sein Auftritt macht den Abend zum Gewinn. Choreografieren kann er wohl auch.

Corona-Zyklus


Hier Emotion, dort Ratio. Mit seinen fünfteiligen Corona-Zyklus wendet sich Ivan Alboresi vom Erzählballett ab und kehrt zu dem zurück, was er am allerbesten kann: Gemütszustände in Tanzschritte umsetzen. Dies geschieht aber mit analytischer Genauigkeit. Das fängt schon mit der Kostümierung an. Die Jogginghose ist zum universellen Kleidungsstück geworden. Lagerfelds Kontrollverlust lässt hier grüßen.
Die fünf Einzelteile beschäftigen sich mit den unterschiedlichen Phasen seit dem Ausbruch der Epidemie. In “Schau nicht zurück” wirkt Thibaut Lucas Nury überraschend introvertiert. Er verkriecht sich immer wieder in die Retrospektive, um am Ende dann doch den dunklen Raum zu verlassen. 
Man darf auch wieder zu zweit tanzen, zumindest Martina Pedrini und Joshua Lowe.
Alle Fotos: Marco Kneise

Martina Pedrini und Joshua Lowe zeigen in “Eins”, was die Krise aus einem Paar machen kann. Mit großen Gesten durchtanzen sie die unterschiedlichen Stadien, die Beziehung durchlebt, wenn man aufgrund äußerer Umstände ganz auf sich selbst bezogen und zurückgeworfen ist. Da steht der Wunsch nach Nähe und Unterstützung gleich neben der vorübergehenden Ablehnung des anderen. 
Ähnliche Phasen durchleben Camilla Matteucci und Urko Fernandes Marzana in “Strange feelings”. Hier treffen zwei nach langer Trennung wieder aufeinander. Es ist ein Abtasten und Hände reichen, auf die Abstoßen und wieder Näherkommen im Wechsel folgen.
Doch den stärksten Eindruck in diesem Zyklus hinterlässt Ayako Kikuchi mit “Zum letzten Mal”. Das ist getanzte Einsamkeit. 
Die anderen Neuen in der Nordhäuser Compagnie sind Alfonso Lopez Gonzalez und Kino Luque. Ihr Pas de deux “Inefable” beschreibt auch eine Zweierbeziehung. Dabei setzen die Spanier auf wohl überlegtes Licht und erzeugen ein Schlussbild, das sich wegen seiner Dringlichkeit ins Gedächtnis brennt. 

Der Ausblick

Im letzten Teil des Abends gibt es den kompletten Wechsel. Haben bisher elektronisch Klänge und Klangcollagen dominiert, ist der Ausblick ein Zurück in die tiefste Romantik. Im Zentrum der diesjährigen Ballettproduktion steht Schuberts “Winterreise”. vorgesehen war "Carmen", aber dann kam ja Corona dazwischen.
Inefable, unbeschreiblich: Kino Luque tanzt.
Foto: Marco Kneise


In der Ballettgala gibt es drei kurze Proben aus der "Winterreise". Es ist Erzählballett, dessen Opulenz im Kontrast zur sparsamen Musik mit Flügel und Bariton steht. Verbunden ist damit die Rückkehr zu klassischen Tanzelementen. Schuberts Alter Ego dreht eine Pirouette nach der anderen. Ist es Ausdruck seiner Verwirrungen und Verzweiflung? Oder tanzt er sich im wallenden Mantel wie ein Derwisch in die Trance? Beide Antworten bleiben bis auf weiteres zulässig.

Die nächste Aufführungen  ist am Samstag, 10. Oktober, ab 19.30 Uhr. Die Premiere des Balletts “Die Winterreise” ist am Freitag, 23. Oktober, um 19.30 Uhr im Theater Nordhausen.

Sonntag, 27. September 2020

Am Ende sind alle verzaubert

Eine fantastische "Fairy Queen" am Theater Nordhausen

Oper ist möglich und sie kann Spaß, sogar in Zeiten von Corona. Das ist die wichtige Botschaft, die von der "Fairy Queen" im Theater Nordhausen ausgeht. Regisseur Achim Lenz und der musikalische Leiter Henning Ehlert haben nicht trotz, sondern gerade wegen der Beschränkungen eine Inszenierung geschaffen, die eine eigenständige Aussage liefert. Dafür gab es bei der Premiere am Freitag donnernden Applaus.

Im Frühjahr schwächelte Lenz "Zauberflöte" noch an der Angst vor der eigenen Courage. Hier hat er nun konsequent gearbeitet und eine überzeugende Arbeit abgeliefert. So ist diese "Fairy Queen" keine weitere Adaption eines bekannten Stoffes. Auf der breiten Basis vieler Einflüsse ist eine eigenständige Interpretation eines Verwirrspiels mit neuen Perspektiven entstanden. 

Die Corona-Auflagen sind fast ein Zwang zur historischen Aufführungspraxis. Doch aus dem Zwang wird ein Gewinn. Das Orchester ist deutlich reduziert. Fünf Streicher, sieben Bläser und ein Cembalo. Diese ungewöhnliche Instrumentierung entspricht in etwa den Vorgaben, die Henry Purcell am Ende des 17. Jahrhunderts für seine Oper gemacht hat.

Das Dreigestirn: Fee, Kuchen und Handwerker.
Alle Fotos: Julia Lormis

Das Klangbild profitiert nur davon. So laufen die filigranen und einfallsreichen Kompositionen nicht Gefahr, in der Klanggewalt eines Symphonieorchester unterzugehen. Ganz im Gegenteil, so poetisch und zart muss es einst im Feenwald geklungen haben, Dafür sorgen die Hölzer. Das wird schön kontrastiert mit dem barocken Stolz der Blechbläser. 

Die aktuelle Sperrung der Orchestergräben ist ein weiterer Schritt hin zur historischen Aufführungspraxis. Das Ensemble sitzt auf der Bühne und das haben Musikerinnen und Musiker jahrhundertelang getan, bevor sie vor 150 Jahre von einem überschätzten Sachsen in die Unsichtbarkeit verbannt wurden. Nun sind sie wieder da, wo sie hingehören und der direkte Weg zwischen Instrument und Ohr des Publikums tut dem Genuss des filigranen Werks gut. 

Das Libretto ist allseits bekannt. Die "Fairy Queen" von Henry Purcell ist die musikalische Umgestaltung von Shakespeares Sommernachtstraum. Weil  Purcell der Feenkönigin Titania eine größere Rolle zugesteht als Shakespeare, hat er diesen doch als untalentierten Dichter in dieser Oper verewigt.

Das Werk eignet sich bestens für Corona-Zeiten. Denn die "Fairy Queen" ist das Glanzstück der in England sehr beliebten Semi-Opera. Schauspiel, Tanz und Gesang waren hier gleichberechtigt. Bekannte Erwartungen werden von vornherein überarbeitet. An dieser Stelle macht Lenz in seiner Inszenierung weiter. Sprech- und Gesangsrollen gehen in einander über, doch die Darstellung muss den Auflagen geschuldet reduziert werden. Bewegen ist nicht erlaub. Die Sänger und der Schauspieler stehen und sitzen wie bei einer konzertanten Aufführung fast nur an der Bühnenrampe. 

Die Bewegung wird ersetzt durch das muntere Spiel mit den Requisiten, die jede und jeder in ihrem oder seinem Köfferchen mit sich herum trägt. Ein kurzer Griff in die Kiste und mit einer Kopfbedeckung wird aus Amelie Petrich als Hermia ganz schnell Amelie Petrich als Fee. Aus Gustavo Edo als Handwerker wird ganz schnell Gustavo Eda als Elfenkönig Oberon. 

Zettel kann auch zaubern.
Alle Fotos: Julia Lormis

Die eigenständige Leistung besteht erst einmal in der erneuten Verschiebung der Gewichte. Aus der "Fairy Queen" wird "Zettels Traum", Arno Schmidt lässt hier deutlich grüßen. Das ganze erzählt Lenz in dem rasanten Tempo von Urs Widmer in seinen "Shakespeares Geschichten". Der Plot ist auf das wichtigste eingedampft. Es ist kein Verlust, sondern ein Konzentrat.

Dabei fügt Lenz den drei Ebenen der Verwirrung aus der Shakespeareschen Vorlage noch eine vierte hinzu. Die antiken Animositäten der schauspielernden Handwerke verlängert er in die Jetztzeit. Frotzeleien und Sticheleien begleiten das Spiel der fünf Darsteller auf der Nordhäuser Bühne. Die sind so gut gesetzt, dass man dem Irrglauben erliegt, sie seien spontan und real.

Dabei ist Lenz mit der Besetzung ein echter Coup gelandet. Er hat die fünf passenden Mit- und Gegenspieler gefunden. 

Dennoch ist es vor allem der Abend von Sven Mattke. Der zeigt die ganze Breite seines Könnens und das ist wirklich breit. Von Komik bis Tragik ist hier alles drin, ohne dass er je ins Lächerliche abrutscht. Mattke, löst die Versprechen ein, die Zettel gibt. So überrascht es nicht wirklich, dass er auch Blumen herbeizaubern kann, wenn es denn sein muss. Dabei setzt er immer wieder die eine oder andere Plattitüde mit einen Hauch Selbstironie ab. So werden Rolle und Darsteller zu einem Ganzen. 

Mattke glänzt mit wohl gesetzten Betonungen, die ganz langsam die Doppeldeutigkeit mancher Formulierung wirken lässt. In den Floskeln verschmelzen 17. und 21. Jahrhundert. Aber der große Augenblick ist das Solo als Esel. Selbst noch unter dieser dominanten Maske glänzt Mattke und ersetzt die Mimik durch die feinen Nuancen der Gestik.

Der zweite Pfeiler der brillanten Besetzung ist Gustavo Eda. Das neue Mitglied zeichnet sich nicht nur durch eine ganz besonderen Tenor aus. Der Mann hat auch schauspielerisches Talent und davon eine ganze Mange, vor allem im komödiantischen Fach. Er ist in der Lage, eine Szene mit wenigen  Gesichtszügen und mit wenigen Gesten aufzulösen und seinen gesanglichen Vortrag gewinnbringend zu unterstützen. 

Solo für einen Elf: Gustavo Eda
als Oberon.
Alle Fotos: Julia Lormis

Dazu hat er eine Stimme wie Samt. Sie schmeichelt, betört und verzaubert und bleibt selbst in den Koloraturen rund. Damit hat Nordhausen nicht nur einen Tenor, auf den das Etikett "lyrisch" bestens passt. Edo hat zudem eine Stimme, die die Poesie dieser Inszenierung noch einmal unterstreicht. Er wandelt zwar Oberon vom rächenden Macho zum staunenden Waldbewohner. Aber wenn Elfen singen können, dann singen sie bestimmt so. Deshalb wünscht man sich am Ende auch mehr Einsätze für Gustavo Eda.  

Auch Amelie Petrich begeistert mit ihrer Stimme. Ihr Sopran ist mit einem kleinen Timbre unterlegt. Das nimmt ihm die Spitzen und macht ihn so rund, wie man es von einer Feenkönigin erwartet. Dabei muss das Publikum aber nicht auf Umfang und Dynamik verzichten. Zum lyrischen Tenor Edo ist Amelie Petrich eben die kongeniale lyrische Sopranistin. Wenn es diese Etikett nicht gibt, dann muss es eben erfunden werden.

Der Reiz diese Inszenierung liegt auch im Verhältnis von Gestern und Heute. Wie es sich für die historische Aufführungspraxis einer Barockoper gehört, steckt diese Fairy Queen voller Symbole und Anspielungen. Die versteht das Publikum nicht immer oder erst auf den dritten Blick.  wie zum Beispiel die Kopfbedeckung des Oberon, die Anja Schulz-Hentrich direkt den barocken Vorlagen entnommen hat. Aber das macht nichts. Es gibt viel zu entdecken und man genießt die Aufführung auch so. Dann sind da ja auch noch die Symbole der Gegenwart, die jeder versteht, wie eben Barby und Ken als Hermia und Demetrius

Mit diesen wenigen Komponenten schafft es Lenz, den ganzen Zauber einer Barockoper wiederzubeleben. Es ist eben eine ganz eigene und eine komplette Welt. Hier gibt es Freude, Verwirrung, Verzweiflung, Enttäuschung, Zauber, Zank und Vergeben und zum Schluss löst die Liebe alles auf. Weil das nötiger denn je ist, liefert Lenz auch eine Aussage für die Jetztzeit.




Gut gemeint ist das Gegenteil von gut gemacht

 "Die Hauptstadt" ist ein vor allem ein Wunschland

Es bleibt dabei: gut gemeint ist das Gegenteil von gut gemacht. Das gilt vor allem für "Die Hauptstadt"  am Deutschen Theater Göttingen. Statt Impulse zur Gegenwart zu geben, reiht

Donnerstag, 27. August 2020

Eins sein mit sich und den anderen

Festival schließt mit Tanzabend ab

Das Theaternatur-Festival ist dann am besten, wenn es etwas wagt und neue Wege beschreitet. Das hat der Tanzabend "UnEins" unter Beweis gestellt. die drei Choreographien konnte auch die begeistern, sich sich sonst nicht so für Tanztheater erwärmen können. Damit bekam das Festival einen gelungenen Abschluss. 

Es war durchaus ein Wagnis von Intendant Janek Liebetruth. Bisher ist Ballett in Benneckenstein nur auf begrenzten Zuspruch gestoßen. Das er mit der dreifachen Aufführung an den letzten Festivaltagen richtig lag, belohnt den Mut. 

Die Klammer war das gemeinsame Thema. Das Individuum und die Gesellschaft, das Ich und das Ihr stand im Mittelpunkt der drei Beiträge. Damit verbunden war ein Querschnitt durch das, was moderenes Tanztheater ausmacht. Klassik. Modern Dance, Break und ein wenig Akrobatik fanden an den drei Abenden zusammen. Dies ermöglichte die Vielfalt an ausdrucksformen 

Ein Solo, eine Quadrille und ein Ensemble. Auch hier waren die Formen vielgestätigund auch widersprüchlich.

Das Solo

Eine leere Bühne, links ein Stuhl, der aus einem Dorfgemeinschaftshaus zu stammen scheint. In seiner Choreographie verzichtet Yotam Peled auf Requisiten. Der Tänzer lässt in seinem Werk seinen Körper sprechen. 

Aber erst einmal muss man die Stille aushalten. Fast zwei Minuten lang kein Ton und keine Rührung ehe er sich in  Bewegung setzt. Aus der Stille wird ein penetranter Sinus-Ton. Es sind Bewegungen, die beim Zuschauen schmerzen. Peled scheint nicht Herr über seine Gliedmaßen zu sein. Er zuckt, er streckt sich, er dreht sich. Mediziner würden einen tonisch-klonischen Krampfanfall vermuten. Auf jeden Fall wirkt die Figur auf der Bühne fremd bestimmt. 


Aus dem Sinus-Ton wird Rhythmus und die Bewegungen verlaufen nun synchron. In seinem Militärdress vollführt Peled Übungen, die eindeutig Drill sind. Immer noch ist er fremdbestimmt.

Es ist jede Menge Breakdance und Akrobatik in dieser Aufführung. Immer wieder dreht und windet sich Peled auf dem Kopf. Er leidet. Er verdreht sich, weil andere, unsichtbare an ihm drehen. Das lässt den Schmerz fühlen. Aber mit diesere Kombination überwindet er auch die Grenzen etablierter Tanzformen. 

Doch der Tänzer und Choreograph erzählt hier in Etappen die Geschichte einer Emanzipation. Aus dem Gruppenmitglied wird ein Individuum. Stück für Stück, Windung für Windung  pellt er sich aus der Uniform. Er entpuppt sich bis aus der Larve ein schillerndes Insekt geworden ist.

Doch Peled geht weiter. Zum Schluss ist er nackt und verletzlich, aber er selbst. Wie Phönix erhebt er in einem starken Schlussbild aus der Asche seiner Uniformität. Auch hier muss man die Stille wieder aushalten können. Dazu zwingt das reduziert Licht geradezu zur Konzentration  Weil seine Geschichte nicht im Mief des Persönlichen bleibt, sondern über das Ego hinau transzendiert und Anknüpfungspunkte für jedem im Publikum bietet, ist dieses begeistert.

Viererbande

In der Choreographie von Xenia Wiest steht die Dynamik einer Gruppe im Vordergrund. Es geht um das Zueinander positionieren, das Zueinander finden und das sich Voneinander entfernen. Das  

Vier Menschen, ausgestattet mit Klappstühlen, bilden ein Geviert, das die Größe eines Boxrings hat. Jeder verbleibt in seiner Ecke und beschäftigt sich mit sich selbst. Das bietet zwar schöne Einzelleistungen, wirkt aber nicht harmonisch. 



Ein Klavier spielt Tonlinien aus der Romantik, die man vor allem mit Einsamkeit assoziiert. Auch die Sprache der Tänzerinnen und Tänzer verbleibt im klassischen Tanztheater. 

Dann tritt die Tänzerin Alice Gaspari an die Rampe und dreht an einem Radio. Die Lautsprecher spucken das Kratzen eines manuellen Suchlaufs aus, bis die Suchende bei einer klassischen Soul-Nummer. Alle sind wie verzaubert. Auf einmal klappt das Miteinander. Aus den vier Solisten ist ein Ensemble geworden. 

Aus der Klassik wird Jazz Dance. In Geviert ohne Stühle begeben sich die Tänzerinnen und Tänzer auf die Suche nach dem verbindenden Wesen der Musik. Ob man dabei so viel mit den Armen rudern muss, sei dahin gestellt.Tänzerinnen und Tänzer aus der Klassik wirke ein wenig hüftsteif für den beckenfordernden Soul.

Doch jeder Zauber ist schnell zu Ende. Der nächste Sendersuchlauf endet im Feuilleton und einem Vortrag über das paradoxe Verhältnis von Individuum und Gruppe. Daher der Name Füße aus, Kopf an, Stühe aus der Ecke. Alle vier finden sich nun in einem Stuhlkreis wieder. Was die Vier deutlich machen: Man redet mit Händen und Armen über einander. 

Xenia Wiest hat eine feine Beobachtung in eine passende Sprache umgesetzt. Aus dem Diskurs wird schnell ein Nachäffen. Es wird nicht klar, wer den Ton angibt. Die Vier sind synchronisiert als sie aus dem Stuhlkreis heraus wieder den Tanzboden erobern. 

Doch die Harmonie der zweit Szene ist verschwunden. Nun folgt der letzte Bruch. Marco Rizzi verlässt die Gruppe und markiert sich selbst als Außenstehenden. Das ist das letzte Bild, das in Erinnerung bleibt. 

Die Compagnie

Die Choreographie "Konsequenzen" hat Ester Ambrosino bereits 2017 erarbeitet. In der Corona-Krise wird die Frage nach dem Verhältnis von Individuum und Gesellschaft, nach Handeln, Unterlassen und Folgen immer wieder neu gestellt. Deswegen hat die Arbeit des Tanztheaters Erfurt schlagartig an Aktualität gewonnen.

Es ist eine surreale Reise ohne Ziel über viele Stationen durch dieses weite Feld, das aber keinen Erzählstrang folgt. Hätte Buñuel Ballett gemacht, es hätte wahrscheinlich so ausgesehen. Es sind überwältigende Bilder, die sich der üblichen Logik entziehen.Es ist vor allem ein gelungenes Zusammenspiel aus den Elementen Tanz, Sprache, Musik und Licht und an diesem Abend der Beitrag mit der meisten Reife.   

Nicht alles erschließt sich dem Betrachter, einiges bleibt im eigenen Code der Gruppe verborgen. Andere Szenen sind von beeindruckender Eindeutigkeit. Das gilt vor allem für die Fesselszene, in der das Individuum im Netzwerk über den Tanzboden geschliffen wird. Oder die "Reise nach Jerusalem", die Inklusion und Exklusion in Bewegung und Gruppendynamik umsetzt. Soziale Prozesse werden durch Tanz verdeutlicht. Was will man mehr? 

 


Der Dreiklang lautet Geheimes, Eindeutiges und Ambivalentes. Damit ist die Inszenierung komplett und gibt jedem die Chance für die eigene "Konsequenz". Dazu gehört der geschlechtslose Riese. Ist es ein Figur aus Pink Floyds "The Wall" oder ein Verwandter von Harry Potters Dementoren? Was macht der Reise eigentlich? Ist das die heilige Konsequenz? Manche Fragen muss man sich selbst beantworten und das ist gut so, denn die Choreographie von Ester Ambrosino  setzt eben auf erwachsene Zuschauer.

Genauso vielfältig sind die Formen. Das Tanztheater Erfurt verbindet in dieser Aufführung Modern Dance mit Jazz Dance und macht Anleihen beim Break Dance. Es sind immer raumgreifende Bewegungen, als wollten die Tänzerinnen und Tänzer selbst in der Klaustrophobie die ganze Welt umarmen. 

Dabei können sowohl die Solisten überzeugen als eben auch die Compagnie als Gruppe. Die Spannung entsteht in aller Regel aus den Einzelleistung im Kontrast zum Ensemble, dass wie ein Körper agiert.

Dennoch hätte konsequente dramaturgische Arbeit der Aufführung gut getan. Bei einer Dauer von 65 Minuten als dritter Teil eines Tanzabend ist die Aufnahmefähigkeit im Plenum dann schon erschöpft. Auf jeden Fall weckt dieser Tanzabend die Vorfreude auf Theaternatur 2021  



Material #1: Mehr Fotos - hier

Material #2: Theaternatur - Das Festival

Montag, 10. August 2020

Der Sandmann fährt Porsche

 Es ist noch nicht soweit: Viele Ansätze, die nicht alle tragen

Es bleibt dabei: Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht. So geht es auch dem Hauptstück “Es ist noch nicht so weit” beim diesjährigen Theaternaturfestival in Benneckenstein. Es steckt voller vielversprechenden Ansätze, die aber nicht immer umgesetzt werden.

Es ist ein Zwei-Jahres-Programm auf der Waldbühne in Benneckenstein. Nachdem 2019 die Wende unter die Lupe genommen wurde, soll es in diesem Jahr um die Folgen der deutschen Einheit gehen. Auch dafür erging ein weiterer Auftrag an den Autoren Sören Hornung. Während seine letztjährige “Legende von Sorge und Elend” eine Anhäufung von Klischees war, kommen die Figuren in “Es ist noch nicht soweit” wesentlich differenzierter daher.


Sandmann West, Achim und Kassandra am Dachfenster. 
Alle Fotos Frank Drechsler

Es ist ihm hoch anzurechnen, dass er für diesen Anlass das gewohnte Narrativ von Gewinner West und Verlierer Ost durchbricht. Sein Stück kennt nur einen Gewinner und das ist der Sandmann Ost. Immerhin kann der jetzt Porsche fahren, während sein Kollege aus dem Westen seit 30 Jahren arbeitslos ist. Gewissermaßen eine Retourkutsche auf die ehemals noblen Gefährte des Westvertreters. 

Diese schöne Arbeitsgrundlage hat nur einen entscheidenden Fehler. Der Sandmann West hat die Wende nie erlebt. Er wurde schon im März 1989 von der ARD aus dem Rennen genommen. Ein Treffen der Deinhardt-Drummerin und der Rotkäppchen-Schaffnerin oder der Ampelmännchen wäre also authentischer gewesen. Aber eben nicht so lyrisch. Sekt trinkende Frauen erzählen, selten Geschichten die Kinder verzaubern.

Nun lebt der Sandmann West also mit seiner Tochter Kassandra in einer Dachgeschosswohnung im Osten. Weil es dort günstiger ist. Während er seiner Misanthropie freien Lauf lässt, versucht sie stets, das Gute in den Menschen und der Situation zu sehen. auf jeden Fall will der Sandmann keine Geschichten mehr erzählen und auch keinen Gesichten mehr glauben.

Das Bühnenbild von Hannes Hartmann ist eine Wucht. Es zeigt die Dachgeschosswohnung mal von innen, mal von außen und beherrscht das Geschehen. Gedreht wird es immer und immer wieder mit Muskelkraft und das gibt den Bühnenhelfer den Status von inoffiziellen Mitarbeitern im Sisyphos-Modus.

Wie eine Sternschnuppe taucht Achim auf. Er ist arbeitsloser Straßenbahnfahrer, informiert den Sandmann und dessen Tochter Kassandra über die Supersendungsshow, bei der jeder eine zweite Chance erhält. Dann verglüht Achim wie eine Sternschnuppe.

Erst später wird klar, dass diese Show in der Sandmann-Wohnung stattfinden soll. Ihm steht  de facto eine Enteignung bevor, wie sie viele Ostdeutsche nach 1990 empfunden haben. 

Auch Sissy Foss wird es wie Achim ergehen. Ihr Auftauchen ist nur ein Beitrag zur langwierigen Vorbereitung des vermeintlichen Showdowns. Auch ihr Faden verleirt sich ohne Folge. Während es Benjamin Kramme gelingt,seiner Figur unfreiwillige Komik zu geben, bleibt Carolin Wiedenbröker durchweg blass.

Sissi Foss oben und Kassandra unten
Alle Foto: Frank Drechsler

Das liegt auch daran, dass nur die wenigsten im Publikum verstehen, welch Abstieg mit dem Weg aus Bietigheim-Bissingen im Stuttgarter Speckgürtel in die ostdeutsche Pampa verbunden ist. Man muss schon sehr bewandert sein, in Zeitgeschichte und Soziologie, um alle Anspielungen in diesem Stück deuten zu können. Das gilt insbesondere für die Showeinlage der Kartoffeln, die im Südeuropa gern als Synonym für Deutsche gesetzt wird.

So gelingt es Jennifer Sabel in der Rolle der Kamerafrau Frauke auch nicht, das Tragische am Tod ihres Lebensgefährten herauszuarbeiten. Der Mann aus Ostdeutschland wurde in Afghanistan von einer sowjetischen Hinterlassenschaft des Kalten Kriegs getötet. 

Es ist Patchwork, der Flickenteppich will nicht zu einem Gesamtwerk werden. Es sind zuviele Fäden und es fehlende die ordnende Hand. Das Nähkästchen bietet dem Publikum immerhin viele Möglichkeiten der Identifikation. 

Regisseur Janek Liebetruth gelingt aber eine gekonnte Vermischung von Schauspiel, Videoprojektionen und Klangcollagen. Seine beiden Hauptdarsteller Hans Klima als Sandmann West und Achim Wolff als sein Kontrahent zeigen große Schauspielschule. Leider dauert es aber 60 Minuten, bis es soweit ist, bis die Titanen des Kinderfernsehens aufeinandertreffen. Etwas mehr Dramaturgie hätte da sicherlich geholfen.

Schon mit der Gestik und Mimik zeigt Klima, wie weit der Verlierer sich in sich selbst zurückgezogen hat. Erst als er auf seinen Widerpart trifft, überwindet seine Stimme den Grummelton. Mit allen Teilen kommt er aus sich heraus.

Gleich knallt's. Alle Fotos: Frank Drechsler


Wolff hingegen schmeichelt akustisch, beschwichtigt salbungsvoll als käme er gerade von Predigerseminar. Er macht die großen, raumgreifenden Gesten, die Posen eines Mannes, der auch im Moment des Siegs noch auf Versöhnung setzt. Da ist es schon tragisch, dass sein Vorhaben einer Nachlässigkeit mit dem Gesäß zum Opfer fällt. Das sorgt aber immerhin für einen deutlichen Knalleffekt.

Mit den Programmen der Jahre 2019 und 2020 wollte das Theaternaturfestival einen Beitrag zur Zeitgeschichte liefern. Doch “Es ist noch nicht soweit” kommt zu spät. Im Jahre 30 der deutschen Einheit laute der Konflikte nicht mehr "Ost und West". Das zeigt schon die Tatsache, dass die Hauptsponsoren für das Festival im Westharz zuhause sind.

Die Trennlinien im digitalpostmodernen Deutschland verlaufen mittlerweile an anderen Stellen, zwischen urban und ländlich, zwischen alter Industrie und neuer Dienstleistung, zwischen Aufsteigern und Abgehängten. Damit ist das Stück aber immerhin eine amüsante Nabelschau.

Freitag, 7. August 2020

Futter fürs Kino im Kopf



Ein Stück Filmgeschichte als Buch: Die “Goldfinger Files” sind erschienen

192 Seiten und 2,5 Kilo für 6 Minuten 37 Kinokunst. Mit “The Goldfinger Files” haben Steffen Appel und Peter Waelty ein Werk vorgelegt, das sich um eine Legende der Filmgeschichte dreht, die Schweizer Episoden aus dem Bond-Film „Goldfinger“. Dabei setzt das Buch selbst neue Maßstäbe.

Den Autoren ist mit den „Goldfinger Akten“ eine beispielhafte Mischung aus Detailwissen und dem Blick fürs Ganze gelungen. Cineastische Fakten werden in die zeit eingeordnet, in den gesellschaftlichen Kontext gestellt und Entwicklungen aufgezeigt. Letztendlich steht so die Figur des James Bond für die vielfältigen Umwälzungen der 60-er Jahre.

Dazu kommt die gelungene Präsentation. Die Texte sind auf das Mindestmaß reduziert. Ein Buch über einen Film braucht Bilder und mit 346 Abbildungen gibt es reichlich davon. Dabei schöpfen Appel und Waelty aus einem reichen Fundus. Es sind Fotos der Journalisten Hans Gerber, Josef Ritter und Ernst Kocian ebenso wie die privaten Aufnahmen der Statisten, Hoteliers und der Filmcrew. Dazu kommen Repros aus dem Drehbuch.

Das Format von 27 mal 33 bietet vor allem als Doppelseite reichlich Platz, und Gerd Steidl und sein Team haben ihn bestens genutzt. Seiten füllende Bilder zeigen die einmalige Landschaft und gewähren intime Blicke auf die Darsteller. Sean Connery gibt sich geradezu euphorisch. Ahnt er etwas?
Der gut eingesetzte Weißraum vermittelt eine Ahnung von den sonnigen und heiteren Tagen am Oberalppass im Juli 1964. Das ist Kino fürs Kopf und macht aus dem Betrachter einen Zeitzeugen. Mehr geht nicht.

Das Buch gibt nur 6 Minuten 37 “Goldfinger” wieder. Aber das Werk ist der Blick in eine vergangene Zukunft. Bond-Filme gibt es 25, doch “Goldfinger” gilt immer noch als der beste. Erst mit dem dritten Streifen erreichte die Serie den Kultstatus.

Das liegt an den Hauptdarstellern Sean Connery und Gerd Fröbe. Aber auch daran, dass die Figur des Agenten Bond hier endlich ausgeformt ist. Mit “Goldfinger” wird er zum Idol. Dieser Film eröffnete neue Dimensionen und er ist immer noch einer der umsatzstärksten der gesamten Serie.

Der Aufbau

Das Buch ist nach Drehtagen sortiert. In sieben Kapiteln gibt es Einblicke in die Arbeit am Set, aber noch viel mehr vom Drumherum. Dabei zeigen Appel und Waelty zwei widersprüchliche Phänomene.
“Goldfinger” war bahnbrechend auch in Sachen Product Placement und Professionalisierung.

So verdrängte Ford kurz vor Drehbeginn Triumph als Gefährt für den Racheengel Tilly Masterson. Der Film wurde zu der Bühne für den gerade erst angelaufenen Mustang. Der Deal war so kurzfristig, dass das Drehbuch nicht mehr geändert werden konnte. 

Die Schweizer Behörden zeigten sich äußerst kooperativ. Sie wollten den Film als Imagepolitur nutzen. Schließlich galten die Eidgenossen als Eigenbrötler und Geheimniskrämer.

Dieser Vermarktung stehen Drehbedingungen gegenüber, die heute bestenfalls als “unprofessionell” gelten. Von Abschottung und Geheimniskrämerei keine Spur. An allen Drehtagen waren Fotografen am Set und dokumentierten fleißig. Journalisten führten zwischen den Szenen schnell mal Interviews mit den Stars und abends feierte man gemeinsam im Hotel Bergidyll. Die Strategie ging jedenfalls auf. Schon vor dem Kinostart war die Berichterstattung enorm.

Mit Tilly Masterson tritt auch ein neuer Typus Frau auf. Sie ist die erste, die nicht bei Bond im Bett landet. Stattdessen arbeitet am eigenen Plan. Das war wohl selbst für die 60-er Jahre zuviel und deswegen stirbt sie den Filmtod. 

Appel und Waelty machen eine weitere Innovation deutlich. Mit Auric Goldfinger betritt ein neuer Typ Bösewicht die Filmszene. Er will nicht erobern oder zerbomben. Seine Machtbasis ist die Spekulation und seine Waffe die Wette gegen Währungen. Damit bekommt die Bond-Serie das Motiv der Weltherrschaft über den Tatort Börse und Bond den einzigen ernst zunehmenden Gegner. Der Macht des Reichtums kann selbst das britische Empire nicht standhalten. Der Dialog "Do you expect my to talk?" -  "No, Mr Bond. I expect you to die." ist knapp vor der Realisierung

Für Connery war “Goldfinger” ein großer Schritt nach vorn. Fröbe untermauerte seinen Ruf als Charakterdarsteller. Aber für Tania Mallet in der Rolle der Tilly Masterson war es die Endstation. Sie verzichtete auf weitere Filmrollen. Als Model verdiente sie damals ein Vielfaches der Film-Gage.  Damit sind die “Goldfinger Files” ein Erinnerungsstück an eine verpasste Chance. Connery und Fröbe wurden Götter, Mallet verstarb letztes Jahr weitestgehend unbeachtet.

Die Daten

Erschienen sind “The Goldfinger Files” im Steidl-Verlag Göttingen. Das Buch beinhaltet 346 Abbildungen auf 192 Seiten und kostet 38,- Euro. Die ISBN lautet 978-3-95829-746-3.

Montag, 6. Juli 2020

Mit Alice ins digitale Wunderland

Theaterclubs eröffnen neue Dimension des Spiels

Sie haben es wieder getan. Zum zweiten Mal in der Corona-Krise hat das Deutsche Theater Göttingen die Maßstäbe für zeitgemäßes Spiel neu definiert. Mit “Ich sehe was, was du nicht siehst” haben die Theaterclubs eine neue Dimension eröffnet, in der sich Wirklichkeit und virtuelle Realität mischen. Das Urteil des härtesten Kritikers ist eindeutig: "Geil".

Am Sonntag ging das Projekt gewissermaßen online. An diesem Termin sollte eigentlich der Start des Festivals “Am Puls” sein. Doch Corona hat dies und auch die Proben dazu verhindert. Da man aber doch etwas aufführen wollte, haben Gabriele Michel-Frei, Lisa van Buren und Jana Kühner etwas Neues konzipiert. Man könnte es als “Theater on demand” bezeichnen.

Erst scannen, dann gucken,
Alle Fotos: Kügler 
In der Corona-Krise haben sich viele Theaterschaffende mit Streaming abgemüht. die wenigstens Ergebnisse waren länger als 15 Minuten sehenswert. DT-Intendant betont zu Recht, dass hochwertiges Streaming eben auch einen hochwertigen Aufwand erfordert. Zudem macht es die Betrachter zu reinen Konsumenten, die auf die Perspektive der Kamera reduziert werden.
“Ich sehe was, was du nicht siehst” geht einen anderen Weg. Es zieht das Publikum in das Spiel hinein und lässt ihm doch die Freiheit der eigenen Sichtweise. Zudem entsteht im Grenzbereich zwischen Konserve und Jetzt eine neue Dimension des Spiels.

Die Clubs haben in Kleingruppen geprobt und gefilmt. Ihre Szenen spielen um das Haus herum, in den Werkstätten und auf dem Theaterwall. So sind 11 Stationen entstanden, die ein Ganzes ergeben.
Technik braucht man doch schon. Die Szenen werden per Smartphone und QR-Code aufgerufen und in Corona-sichern Gruppen läuft man die Stationen ab. Menschen, die auf Handys starren, gehören nun zum Erscheinungsbild des DTs. Ein Bluetooth-Kopfhörer vervollständigt die Abschottung zur Außenwelt. Jeder ist sei eigener Kosmos, seine eigene Filterblase.

Deswegen sagt der härtestes Kritiker aber auch: "Man kommt sich schon komisch vor, gelegentlich zumindest."
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In der ersten Szene übernimmt Helena die Begrüßung. Sie fungiert nun als Lotsin durch den Videowalk. Mit einem Rüschenkleid kostümiert erweckt sie Assoziationen an Alice. Weil auch immer wieder ein Kaninchen durch das Bild hüpft, ist der Betrachter schon mit dem ersten Schritt im Wunderland.

Neun Theaterclubs beteiligen sich an dem Projekt. Dementsprechend vielfältig ist das Ergebnis. Es geht um aktuelle fragen, wie den Umgang mit Müll. Shakespeare taucht gleich zweimal auf und Ödipus spielt auch eine Rolle. Es gibt Tanzt und einen Ratgeber für Erwachsene.

Einige Szenen setzen auch leichte Verfremdung und die Perspektiven sind ungewöhnlich. Die Jugendlichen haben mit den Möglichkeiten experimentiert.

Leider fällt der Beitrag des Spielclubs 20+ ab. Er wirkt wie abgefilmtes Theater und passt sich sich nicht in das Gesamtbild ein.die Szene bezieht die Umgebung nicht ein und vergibt damit viele Möglichkeiten.

Endgültig verschwinden die Grenzen im Betrag des Spielclubs 10 - 20. Der Zoom geht in den verwunschene DT-Garten am Wall. Zwischen den alten Bäumen zeigen sie die Ausgangspositionen in Shakespeares “Was ihr wollt”. Der Klassiker landet sprachlich und visuell im 21. Jahrhundert. Da ist es schon schade, dass der Clip nicht länger dauert.

Den ganzen Sommer

Ein Rundgang dauert je nach eigenem Tempo etwa 50 Minuten. Noch bis zum 12. Juli finden täglich Vorstellungen statt. Dabei machen sie sich die Einzelpersonen und Kleingruppen im Abstand von 15 Minuten auf den Weg. eine Anmeldung unter theaterkasse@dt-goettingen.de ist erforderlich.

Der Besuch ist kostenlos, aber ein Spende für das Projekt “Theaterkasse” ist gern gesehen. Damit wird die Theaterarbeit in den Schulen unterstützt.

Ursprünglich war geplant, die OR-Codes während der gesamten Sommerferien zu präsentieren. Ob dies möglich ist, wird derzeit noch geklärt.

Donnerstag, 28. Mai 2020

Ein Dorf wird zur globalen Virenschleuder

Ischgl-Buch von Hechenblaikner im Steidl-Verlag erschienen

Wer wissen will, warum Corona schnell zur Pandemie wurde, der sollte sich dieses Werk besorgen. Mit “Ischgl” zeigt der Fotograf Hechenblaikner eindrucksvoll, wie aus einem Bergbauerndorf in Tirol die Virenschleuder Europas wurde.

Manchmal werden Verlage von den Ereignissen überrollt. Das Buch war schon länger geplant. Nun hat der Steidl-Verlag die Erscheinung nach vorne gezogen. Aus einem Bildband wurde so ein Erklärstück zu Europa und seinen drängendsten Problem.

Ischgl, hinter diesem einen Vokal und seinen fünf Konsonanten steckt das ganze Elend des alpinen Massentourismus. Auf 1.600 Einwohner kommen 25.000 Gästebetten. Das macht 1,4 Millionen Übernachtungen und 250 Millionen Euro Umsatz jährlich. Der Ort ist längst zur Marke geworden und zum Ballermann der Alpen verkommen. Zum Skifahren kommen nur die wenigsten. Hier ist 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche.

Lois Hechenblaikner fotografiert seit den 80-er Jahren vor allem die Natur. Dafür bekam er unter anderem den King Albert Mountain Award. Seit 2012 hat der Tiroler im Steidl-Verlag drei Bücher veröffentlicht, die sich um die Neuentdeckung der Alpen drehen. Doch keins ist so eindrucksvoll wie “Ischgl”. Es ist eine bebilderte Langzeitstudie über die Entgrenzung von Menschen.

Bilderflut

Das Werk folgt einer klaren Dramaturgie. Zeigen die ersten sechs Seiten noch verschneite Bergidyllen in milchigen Tönen, kommt der Schock auf Seite acht. Bis zum Horizont drängen sich Menschen an Menschen. Es gibt ein Konzert auf dem Gletscher. Aus einem Ort der Stille ist eine Krachmeile geworden.

Dabei bedienen sich Gerhard Steidl und Helmut Feroudi eines gestalterischen Tricks. Aus dem vollformatigen Panoramabildern sind Dreiviertelformat geworden. Die Umsicht das Naturfreunds verengt sich auf den Blick durch die Skibrille.

Alle Fotos: Lois Hechenblaikner
Aus Hechenblaikners Sicht hat Ischgl nichts mehr mit Wintersport zu tun. Es reihen sich Partybilder an Partybilder. Schnee und blauer Himmel sind nur die Kulisse für ein permanentes Besäufnis. Das verdeutlicht nichts eindrucksvoller als die Bilder auf Seite 25 und 26. Links stapeln sich leere Bierkisten in den Himmel. Rechts räkeln sich männliche Best Ager auf Hunderten von Fässern, so als wollten sie sagen: Alles das haben wir getrunken.

Erstaunlich ist, dass sich die Menschen so bereitwillig zur Schau stellen. Niemand dreht sich weg. Der Blick geht meist direkt in die Kamera. Hechenblaikner schafft es, diese verquere form des Stolzes einzufangen und schonungslos darzustellen.

Brust raus. Drei junge Männer präsentieren stolz ihre “Fotzen wo”-T-Shirts. Harte Kontraste, kein Weichzeichner und detailreich. Es sind ungeschminkte Bilder, allerbeste Reportagefotos. Damit gelingt Hechenblaikner eine Komprimierung von Dingen, die manchen verborgen bleiben.

Alkohol ist das eine, Sex das andere Thema. Ständig wird blank gezogen und plump anbaggern. In Ischgl scheint es einen heimlichen Wettbewerb der Obszönitäten zu geben. Gummipuppen sind zum allgegenwärtigen Scherzartikel geworden. Die touristische Entgrenzung geht mit der sittlichen Entgrenzung einher.

All das kontrastiert Hechenblaikner immer wieder mit Bildern leerer Pisten. Wer braucht schon Ski wenn es doch Apres Ski gibt? Deswegen tragen auch die meisten Menschen auch Kostüme und keine Sportbekleidung.

Es nimmt und nimmt kein Ende. Mit seinen Bildern dokumentiert der Fotograf wie der Bauboom in Tirol weitergeht und wie die Gentrifizierung rasant an Fahrt aufnimmt. Von Ischgl selbst ist wenig zu sehen. Der Ort ist austauschbar geworden, ist die bittere Erkenntnis. Bewohner kommen auf den Bilder nicht vor. Sind sie an den Rand gedrängt oder so sehr mit Geld zählen beschäftigt, dass die Zeit nicht mehr zum Posieren vor der Kamera reicht?

Die Champagnerhütte war wirklich mal nur eine Hütte. Das zeigt Hechenblaikner mit der Genüberstellung zweier Fotos. Dieser Technik bedient er sich mehrfach. Heute kostet die Flasche dort 2.890 Euro. Das kann sich kein Dorfbewohner mehr leisten. Was bleibt sind Berge von Müll und Menschen, die zwischen Autos schlafen. Damit ist die Inszenierung zu Ende.

Ohne Worte

Bilder sagen mehr als Worte und die Bilder von Hechenblaikner sprechen Bände. Deshalb kommt das Vorwort erst zum Schluss. Stefan Gmünder gibt aber keinen Erläuterungen zum Werk. Er erklärt den Menschen Hechenblaikner. Der Leser erfährt so, was den Fotografen antreibt, wo seine Motive liegen.

Doch Gmünder macht auch die Gründe des Irrsinns deutlich. Armut war die treibende Kraft. Doch bis in die frühen 60-er Jahre haben die Eltern im Planautal ihre Kinder nach Süddeutschland geschickt, damit sie dort für Kost und Logis arbeiten konnten. Heutzutage unvorstellbar in Europa.

Gmünder geht auf die aktuellen Ereignisse ein. Er rekapituliert welche Kette von Fehleinschätzungen Ischgl zur Virenschleuder gemacht haben. Ere berichtet aber auch von einem Umdenken in der Politik, von neuen und alten Werten in der Tourismusbranche. Damit könnte “Ischgl” von einer Situationsbeschreibung zu einem Blick zurück in eine turbulente Vergangenheit werden. 978-3-95829-790-6

Daten 

Lois Hechenblaikner wurde 1958 in Reith im Alpbachtal geboren. Nach einer Ausbildung zum Kfz-Elektriker ging er seit 1985 auf Fernreisen, die er auch dokumentierte. Seit den 90-er Jahren sind die Folgen des Tourismus sein Lieblingsthema. Saulus und Paulus finden sich hier.

Das Buch “Ischgl” enthält 205 Fotografien auf 240 Seiten. Es kostet 38,- Euro und erscheint am 2. Juni im Steidl-Verlag. Die ISBN lautet 978-3-95829-790-6


Material #1: Ischgl - Das Buch

Material #2: Lois Hechenblaikner - Die Biografie

Dienstag, 12. Mai 2020

Die Grenzen des Theaters gesprengt

"Die Methode" am DT Göttingen als Drive-In-Vorstellung

Vergesst das Autokino. Kultur findet in der Tiefgarage statt. Mit „Die Methode“ hat das Deutsche Theater Göttingen ein Stück entwickelt, das die passende Antwort auf die Zeit ist. Es findet eben in der DT-Tiefgarage statt und begeistert mit einem Maximum an Nähe. Das erste Drive-In-Theater ist mehr als nur eine Überraschung.

Das gestörte Verhältnis von Nähe und Distanz sei das sublime Thema der Corona-Krise. Das Fehlen der gewohnte Bipolarität würde die Menschen verunsichern, hatte Intendant Eric Sidler in der Pressekonferenz erklärt. Das wolle man mit dieser Inszenierung aufgreifen. Er hat zu wenig versprochen. „Die Methode“ ist eine geballte Ladung an Intimität und eine Stellungnahme zur Öffentlichkeit zugleich. Hinter allem steckt die Sehnsucht nach Liebe als Triebfeder menschlichen Handelns. Ein zutiefst humanistisches Statement in den Zeiten der Apparatschiks.

Grundlage ist der Roman „Corpus Delicti“ von Juli Zeh. Dieser wirkt nun wie eine Blaupause für die Corona-Krise. Das Individuum verschwindet im Kollektiv. Oberste Maxime ist die Gesundheit des Kollektivs. Jeder ist zum Sport verpflichtet, jeder muss Berichte zu seiner Ernährung abliefern.

Moritz Holl wartet auf der Lichtung.
Alle Fotos: Thomas M. Jauk
Das Leben ist nur in desinfizierten Bereichen erlaubt und Beziehungen müssen von der zentralen Partnerschaftsvermittlung erlaubt werden. Dabei ist der Haupthistokompatibilitätskomplex der entscheidende Faktor. Alles ist in den 27 Artikeln der Präambel in Stein gemeißelt.

Es ist eine Diktatur, die keinen Führer braucht. Es ist weitaus gefährlicher. "Die Methode" ist ein System der Mitmacher, weil die kleinen Rädchen sich als Teil eines Großen und Ganzen empfinden. Das arbeitet diese Inszenierung wunderbar heraus. 

Moritz Holl rebelliert dagegen. Er will frei sein und selbst über seinen Körper entscheiden. Er will angeln, angebrannte speisen essen und nach Schweiß riechen. Holl widersetzt sich dem Zwang zum gesunden Leben, weil dies ein Angebot ist, das man auch ablehnen kann.

Holl ist Individualist bis an die Grenze zur Einsamkeit. Er will den Zwang des Systems nicht durch den Zwang der Oppositionsgruppe RAK, Recht auf Krankheit, ersetzen. Sie ist ihm zuviel Institution, er setzt auf Zweisamkeit und er sucht vor allem die Liebe, die dem System abgeht. Er entzieht sich dem Skylla-oder-Charybdis-Logik und diese Freiheit bezahlt er mit seinem Leben.

Die Inszenierung von Antje Thoms erzählt die fatale Entwicklung in vier Positionen. Dem Ensemble gelingt dabei eine Eindringlichkeit, die angesichts der Umstände überrascht, die aber ohne die besondere Aufführungsform nie möglich gewesen wäre. So viel Intimität wäre selbst auf einer Studiobühne nicht möglich gewesen. Darsteller und Publikum treten in eine Eins:Eins-Situation. Der Zuschauer wird zu einem festen Bestandteil der Inszenierung.

Die Fahrt

Diese beginnt schon bei der Anfahrt. Ein Wesen in Weiß kontrolliert Kennzeichen und Name. Jedem Wagen ist eine feste Zeit, ein Slot, zugewiesen. Wer den verpasst, guckt in den Auspuff. Das System duldet keine Abweichung. Immerhin darf man die Auslastung des eigenen Pkws selbst bestimmen.

Dann geht es zu den nächsten weißen Wesen am Einlass. Im Kassenhäuschen es arbeitslosen Fahrgeschäfts sitzt der Wärter. Gemeinsam geht man die 27 Artikel der Präambel durch. Ohne Zuspruch kein Einlass. Scheinwerfer aus und Innenbeleuchtung an.

Die Bühnenbilder und die Ausstattung von Florian Barth sind großartig. Das quietschbunte und blinkende Kassenhäuschen wirkt wie ein Ufo in dieser sterilen Atmosphäre. Es erinnert sehr deutlich daran, dass Rummel und exaltierte Lebensfreude derzeit nicht möglich sind. Damit ist es der Kontrast zur Klaustrophobie, die in der Tiefgarage wartet. Jede Station verdeutlicht das Eingesperrt sein im System.

Die weißen Wesen lotsen den Besucher zur ersten Position im Dunkel der Tiefgarage. Dort am imaginärer Waldrand wartet Moritz Holl im Auto. Allein schon sein Wagen ist ein klare Absage an das, was andere als vernünftig bezeichnen. Er ist Rebellion auf vier Rädern. Der Chrysler New Yorker Baujahr 1970 hat einen Durst von mehr als 20 Litern im Betrieb.

Ein Dinosaurier-Ei mitten im Wald.
Foto: Thomas M. Jauk 
Im Auto sitzt Volker Muthmann in der Rolle des Gesundheitsrebellen. Er wirkt gehetzt, nervös schaut er sich immer wieder um. Die Worte kommen meist gepresst. Allen großen Reden zum Trotz, die noch kommen werden, ist er alles andere als souverän. Mit dieser zerrissenen Person liefert Muthmann eine Klasseleistung.

Holl stimmt die Gitarre und lädt seine Automatikpistole durch. Er schaut dem Betrachter direkt in die Augen. Damit wird das Spiel auf die persönlichste aller Ebenen getrieben. Der Betrachter wird zum Mitspieler. Kopfschütteln oder nicken, hinschauen oder wegsehen. Die Reaktionen sind zwangsläufig. Man kann sich nicht entziehen. Das wiederkehrende Geräusch eines Helikopters macht deutlich, dass die Gefahr omnipräsent ist.

Das Auto mag ein Faradayscher Käfig sein. Aber hier bietet die Hülle aus Stahl und Glas keinen Schutz. Man ist dem Spiel schutzlos ausgeliefert. Man wird zum Teil der Inszenierung. Zum Abschied klebt Moritz Holl einen blutigen Gruß an das Seitenfenster.

Wie in einer Waschanlage geht es einen Vorhang aus schwarzen Plastikstreifen geht es zur nächsten Station. Florian Barth setzt noch eins drauf. In einem dunklen Wald aus jungen Birken und Buchen steht die Kabine einer Seilbahn. Sie wirkt wie ein Dinosaurier-Ei mit Innenbeleuchtung. Auf alle Fälle ist die Kabine zu eng für die Staatsanwältin. Sie fühlt sich nicht wohl in dieser Haut aus Plastik.

Die Ansprache ist nun direkt und die Rollen haben gewechselt. Aus dem Betrachter wird der Beschuldigte. Man schlüpft in die Rolle von Moritz Holl und damit fällt die letzte Schranke.

Die Staatsanwältin ist gut vorbereitet. Sie weiß alles, was kurz zuvor auf der Lichtung gesprochen wurde. Man fühlt sich ertappt. Sie redet einem ins Gewissen wie die gute Tante Erzieherin in der Kindertagesstätte. Sie strapaziert den Begriff Vernunft und reiht die Argumente der systemimmanenten Logik aneinander. Sie verpflichtet das Individuum auf das Wohl der Gemeinschaft und an die Scheiben gepresst wird aus dem strengen Blick ein Fratze.

Es gibt ein letztes Angebot zur Zusammenarbeit. Sie kann aber auch drohen und damit ist sie “Good cop, bad cop” in einer Person. Mit dieser diabolischen Figur ist Dramaturg Matthias Heid ein ganz großer Wurf gelungen.

Zur nächsten Station. Nun steht der Wagen nicht mehr parallel oder frontal zum Schaukasten, sondern leicht angewinkelt. Das wirkt etwas legerer, schafft Entspannung. Paul Wenning zeigt an diesem Abend die größte Wandlungsfähigkeit. Er ist Holls Anwalt und erfüllt durchweg alle Vorbehalte gegenüber Winkeladvokaten.

Der Winkeladvokat in Person.
Foto: Thomas M. Jauk

Mit vielen wohlfeilen Worten lobt er Holls Mut und schwingt sich zum Bewunderer auf. Der gemeinsame Schluck Billigsekt soll Verbrüderung schaffen. Gemeinsam werde man das schaffen. Dann donnert ein Helikopter über die Szenerie und in die Texte des Anwalts mischt sich die erste Skepsis.

Dann springt eine weiße Gestalt aus der Dunkelheit und klemmt Papier unter den Scheibenwischer. Aussteigen nicht erlaubt, als wird man warten müssen, bis man aus dieser Geisterbahn heraus ist, um zu erfahren, was dort gedruckt wurde. Die Wandlung ist vollendet. Aus dem Bewunderer ist der juristische Abfertiger geworden. Der Der Anwalt bedient sich der Terminologie der "Methode". Das Urteil “Einfrieren auf unbestimmte Zeit” steht fest. Wenning schafft es, alle drei Phasen verlustfrei darzustellen. Sein Wandel wirkt nicht sympathisch aber immerhin verständlich.

Hamsterkäfig oder Tiefkühltruhe? Die in Neonlicht getauchte letzte Position vermittelt vor allem Einsamkeit. Ein Trimmrad wartet auf Bewegung. Andrea Strube spielt Mia Holl. Sie hat nicht nur den Bruder verloren, sondern auch den Glauben an die Methode. Von der Mitmacherinnen ist sie in den Status der Skeptikerin abgestürzt. 

Als Biologin fühlte sie sich dem System verpflichtet, nun hat sie alles verloren. Die Fundamente ihres Lebens sind weg. Die Stimme brüchig, die Schultern gebeugt. Strube gibt dem endlosen Schmerz eine Gestalt. Fast möchte man aussteigen und sie trösten. Das ist Mitleid in Jogginghosen und was dies bedeutet, hat schon Karl Lagerfeld verdeutlicht.

Zurück geht es zum Kassenhäuschen. Der Wärter erklärt dem Besucher dessen Verfehlungen. Er stellt eine Gefährdung dar und muss das Gelände sofort verlassen. Das Spielt wirkt so echt, dass sich nun Erleichterung einstellt.

Zur rechten Zeit

Intensive Bilder und die Intimität zwischen Publikum und Darsteller in einer neuen Dimension. “Die Methode” wäre so im gewohnten Theatermodus gar nicht möglich. Antje Thoms hat mit dieser Inszenierung das Übliche gesprengt. Trotz der Hülle “Auto” sind die Grenzen zwischen Darsteller und Publikum endgültig aufgehoben.

Tiefkühltruhe oder Hamsterkäfig?
Foto: Thomas M. Jauk 
Die Schauspieler wechseln sich regelmäßig ab. Jeder erfährt seine ganz eigene Vorstellung, es gibt keine Wiederholung, nichts wird so sein, wie es eben gerade noch war. Darsteller und Zuschauer kommen sich ungewöhnlich nahe. Damit treibt Thoms die Individualität auf die Spitze in einem Augenblick, in dem das Verhältnis von Öffentlich und Privat gestört ist. Das Theater durchdringt an alle privatesten Raum des Autos. Damit hat sie eine neue Form der Darstellung zur rechten Zeit gefunden.

Der “Corpus Delicti” von Juli Zeh taugt nur bedingt als Blaupause. Die gelernte Juristin zeigt in ihrem Roman, wie das Individuum vom Kollektiv auf alle Zeiten geschluckt wird. Corona ist eine konkrete und singuläre Bedrohung und kein Dauerzustand. Doch dem Deutschen Theater gelingt es, zu zeigen was danach kommen kann, was blüht, wenn aus einem Einzelfall eine permanente Bedrohung konstruiert wird.





Material #1: Deutsches Theater - die Homepage
Material #2: Die Methode - das Stück

Material #3: Corpus Delicti - das Buch

Dienstag, 5. Mai 2020

Gegensätzliches Doppel

Zwei opulente Bücher - Beide anders

Die Parallelen liegen auf der Hand. Karl Lagerfeld und Peter Lindbergh gehören zu den Ikonen der internationalen Modeszene. Beide haben Maßstäbe gesetzt, der eine als Modeschöpfer, der andere als Modefotograf. Ihre Wege haben sich mehrfach gekreuzt und im letzten Jahr sind sie verstorben. Zeitgleich sind nun zwei opulente Bücher, die eine Überblick über ihr schaffen bieten soll.

Zu beiden gibt es derzeit eine Retrospektive als Werkschau. Der eine wird in Halle gezeigt, der andere wird in Düsseldorf ausgestellt. Die beiden Bildbände dazu machen eher die Unterschiede als die Gemeinsamkeiten deutlich.

Das eine Buch heißt schlicht „Karl Lagerfeld – Fotografie“, das andere „Peter Lindbergh – On Fashions Photograhpy“. Finden sich die Parallelen auch in gedruckter Form wieder?

Lagerfeld

„Gerhard Steidl ist der beste Drucker der Welt.“ Mit diesem Lob hatte Lagerfeld schon vor Jahren den Göttinger geadelt. Schließlich geht die Zusammenarbeit der beiden schon bis in die Mitte der 90-er Jahre zurück. Der passionierte Fotograf Karl Lagerfeld ließ seine Bilder in Buchform in Göttingen veröffentlichen.

„Karl Lagerfeld - Fotografie“ ist eine Rundumschau über sein Schaffen mit der Kamera. Es versammelt Bilder aus den späten 80-er Jahren bis ins Jahre 2018. Es ist nicht mehr als der Katalog zur Ausstellung und damit nur ein Appetithäppchen.

Aber es ist ein Galamahl für Bibliophile., Buchkunst in Vollendung Es ist eine Fest der Sinne und ein weiterer Beweis, warum analoge Haptik digitaler Optik immer noch überlegen ist. Das Format von 24,5 mal 32 ergibt eine Diagonale von 22 Zoll. Das wirkt.

Das ungestrichene Papier in 150er Qualität ist nicht nur warm und angenehm zu greifen. Drucktechnisch nicht ganz einfach, zaubert es aber weiche Farben in unendlichen Abstufungen. Das wird besonders bei den Daguerreotypien und Platinotypien deutlich.

In der Einleitung betont Gerhard Steidl, dass sein Partner Lagerfeld in allen Dingen eine Perfektionist war. Offensichtlich sind hier die passenden Gemüter aufeinander getroffen. Deswegen hielt die Zusammenarbeit über mehr als 25 Jahre und 49 Werke lang.

Der Meister fotografiert sich selbst. 
Fotos: Thomas Kügler
Der Zugang zu Lagerfelds Bilder ist nicht einfach. Er gelingt nur, wenn man die Erläuterungen von Hubertus Gaßner gelesen hat und sich immer wieder vor Augen führt.

Es sind verkopfte Bilder, die man zu schätzen weiß, wenn man antike Mystik und barocke Kunst zumindest ansatzweise im Hintergrund mitführt. Ansonsten bleibt es ein bloßes Betrachten, stellt sich keine Verstehen ein.

Lagerfeld verweigert den Betrachter den emotionalen Zugang zu den Dargestellten. Vielleicht hat der Fotograf Lagerfeld auch nie diesen gewissen Draht zu den Abgelichteten gefunden. Einzige Ausnahmen sind die die Portraits von Brad Kroenig in „Metamorphes of an American“.

Lagerfeld lebt sein Faible für Barockes aus. Er greift das Mittel der Tableaux vivants, der lebenden Bilder auf, und sorgt mit kleinen Brüchen in den Details gleichzeitig für ihre Ironisierung. Alles ist artifiziell, alles ist gestellt, alles ist Pose. Er macht auch kein Hehl aus der Inszenierung und damit ist er ehrlicher als Lindbergh.

Hier ist nichts lebendig und die Models starren am Betrachter vorbei in die Ferne. Da ist keine Beziehung zwischen dem Mensch am Auslöser und den Objekten vor der Kamera. Damit kann auch das Publikum keinen Zugang finden. Lagerfeld bleibt der Modefotografie der 60-er Jahre verhaftet.

Lagerfeld zitiert Feininger, Stettheimer oder Hopper. Es sind gut gemachte Zitate, aber eben nicht mehr. Erst in der Überhöhung des Artifiziellen in der Serie „Fendi“ findet er 2011 einen eigenen Ausdruck. Das vielfache Spiel mit dem Bild, der Kopie und dem Original verwirrt und bezieht dann doch Position: Nichts ist so wie es scheint.

Aber wirklich lebendig werden die Bilder erst dann, wenn Lagerfeld sich selbst porträtiert. Zumindest zu seiner Person findet er einen Zugang. Ungewollt verdeutlicht das Werk damit die Einsamkeit des Karl Lagerfelds.

Lindbergh

“Peter Lindbergh - On Fashions Photgraphy”: Dieses Buch ist ein Hammer und es trifft einen mit voller Wucht. Deshalb sollte man es nur in kleinen Häppchen. Peter Lindbergh hat die Modefotografie geändert und über Jahrzehnte geprägt. Er hat die Grenzen zwischen Kunst und Kommerz aufgehoben. “On Fashion Photography” macht deutlich, warum.

Lindbergh hatte das Glück, das Vorwort zu diesem Werk noch selbst schreiben zu können. Schließlich hat seine Ausstellung "Untold Stories" noch selbst kuratiert. Er gibt dort einige Erläuterungen zu seinem Werdegang und seiner Berufsauffassung. Dazu gehört eben auch der Begriff des Erzählens. Geschichten erzählen mit der Kamera, mit Licht und Schatten, Schärfe und Unschärfe, eben mit den Mitteln der Fotografie.

Anders als im Falle Lagerfeld braucht man diese Worte nicht, um das Werk zu verstehen. Die Bilder sprechen für sich. Der Zugang ist jedem möglich, der sehen kann.


Der Meister und die Models.
Foto: Kügler
Deshalb kann man es in eine Frage und eine klare Antwort fassen. Was macht die Erzählung aus? Niemals die Kleider.

Es ist der Mensch, den Lindbergh ablichtet, den kompletten Menschen gefasst in einen Sekundenbruchteil. Die Grenze zwischen Fotograf und Motiv ist aufgehoben. Der Mann aus Düsseldorf muss ein Magier gewesen sein. Selbst dem spröden Lagerfeld konnte er zweimal ein breites Lächeln entlocken.

Diese Magie wird gleich klar. Der Einstieg erfolgt mit jenen legendären “White Shirts” für die amerikanische Vogue. Das Bild, entstanden 1988 am Strand von Malibu, hat das Genre verändert. Sechs Top-Models im albernen Spiel miteinander, so viel Lebendigkeit gab es in der Modefotografie bis dahin nicht. Danach war alles anders.

Hier verspielte Jugend, dort entspannte Erfahrung. Das Portrait von Pina Bausch ist wie ein Blick zurück auf ein ganzes Leben. Die Kamera taucht hinab das Innerste der Tanzikone. Lindbergh schafft es, eine komplexe Erzählung in ein einziges Bild zu packen. Das ist ganz große Kunst.

Erst spät hat Lindbergh die Farben entdeckt. Selbst dort blieb er noch reduziert. Die meisten Werke sind schwarz-weiß. Im Vorwort erklärt der Fotograf seine Vorliebe zu den tiefen Tönen. So wird die Konzentration auf das Motiv noch einfacher. Wenige Seite hinter Bausch lässt sich Richard Gere in die Seele blicken. Sein Kopf und Schopf tauchen gewissermaßen auf aus einem unbekannten Meer. Das Konzept der Konzentration erreicht hier den Höhepunkt.

Aber man sollte sich nicht täuschen lassen. Man merkt gar nicht, dass es um die Präsentation von Oberbekleidung geht, so sehr stehen die Menschen im Vordergrund. Das Tuch tragen sie  ganz selbstverständlich, sie werden eins.

Auch wenn die Sprache häufig rau und spröde ist, das Make Up unsichtbar bleibt und vieles beiläufig wirkt: Hier wurde nichts dem Zufall überlassen. Alles ist arrangiert. Auch wenn die Bilder wie Schnappschüssen vom Set wirken, sie sind alles, nur kein Beifang. Damit gleichen sich Lagerfeld und Lindbergh dann doch.

Das Buch ist der der Hammer und es trifft einen mit voller Wucht. Die 440 Seiten sollte man häppchenweise genießen. Sonst wird man von den Eindrücken erschlagen.





Material #1: Karl Lagerfeld - Das Buch
Material #2: Peter Lindbergh - Dem sein Buch




Donnerstag, 30. April 2020

Nähe und Distanz im Drive-In

DT macht Stationen-Theater in der Tiefgarage

Die Theater sind zu, aber Streaming ist keine Lösung. Das meint zumindest das Deutsche Theater Göttingen und deswegen hat Intendant Eric Sidler eine Premiere für den 9. Mai angekündigt. Das Publikum kann dann „Die Methode“ live erleben.

Das gewohnte Wechselspiel von Nähe und Distanz, von Öffentlichkeit und Intimität ist durch die Kontaktsperre aus den Fugen geraten. Deshalb verlangen die aktuellen Umstände nach einer Auseinandersetzung mit den Mittel des Theaters, betont Sidler. Das derzeit vorherrschende Gefühl sei Verunsicherung in vielfältigen Variationen. Dem will man sich stellen.

Das Deutsche Theater hat in den vergangenen Wochen mehrer Formen des Streamings angeboten. Doch auch Sicht des Intendanten kann dies nie ein Ersatz für das Liveerlebnis sein. Das Theater lebe von der Interaktion von Publikum und Darsteller. Deshalb hat man sich im DT schon frühzeitig Gedanken gemacht, wie man Theater und Schutzbestimmungen vereinen kann.

Da geht's rein: Hinz, Thoms und Sidler kontrollieren
die Einfahrt.   Alle Fotos: Kügler
Das Ergebnis lautet „Die Methode“ und der Spielort wird die Tiefgarage am Deutschen Theater sein. Die wird zum Drive-In-Theater.

Für die Inszenierung ist Antje Thoms zuständig. Grundlage ist der Roman „Corpus Delicti“  und er erscheint wie eine Vorahnung. Juli Zeh hat darin die Folgen einer Gesundheitsdiktatur geschildert. Ausgangspunkt ist der Prozess gegen den Rebellen Moritz und seine Schwester Mia.

Regisseurin Antje Thoms und Dramaturg Matthias Heid haben sich auf vier Personen fokussiert. Diese werden in der Tiefgarage auf vier Stationen verteilt, an denen sie ihre Sicht der Dinge  darstellen.

Die Zuschauer fahren diese Stationen dann im eigenen Auto ab. Jeder halt dauert etwa 15 Minuten. Das macht eine Aufführungsdauer von einer Stunde je Auto. Versorgt sind sie dabei mit einem Bluetooth-Lautsprecher, um die Schauspielerinnen und Schauspieler zu hören, ohne das Fenster öffnen zu müssen.

Nähe und Distanz

Eric Sidler sieht mit diesem Konzept einen alten Widerspruch aufgehoben:  „Mit dem Auto transportieren wir regelmäßig unseren privatesten Raum durch die Öffentlichkeit“. Dieser sei zugleich Schaustück, Bühne und Schutz vor der Außenwelt. Diese Inszenierung und ihre Technik setze dies nun konsequent um. Mit dieser Inszenierung will man dem Auftrag nachkommen, Denkimpulse in die Stadt und das Umland zu geben.

Eine Auto-Kino-Lösung, wie sie andere Theater derzeit favorisieren, sei keine Option gewesen. Auch hier fehle die Nähe von Akteuren und Publikum. Nähe und Distanz seien aber das beherrschende Motto. Ihre Lösung bezeichnen Thomas und Sidler als derzeit einzigartig in Deutschland.

Für Antje Thoms sind die derzeitigen Proben eine neue Erfahrung. Erlaubt ist nur eine „1:1-Situation“. Da alle vier Rollen fünffach besetzt sind, bedeutet dies 20 unterschiedliche Proben gleichzeitig.

Die Mehrfach-Besetzung hatte ursprünglich technische Gründe, so wollte man die Überlastung durch den Dauer Monolog vermeiden. Vorerst sind zwei Stunden Aufführung angesetzt. Später wird diese auf vier Stunden täglich ausgeweitet. Als Aufführungsdauer sind vorläufig vier Wochen angesetzt. Eric Sidler stellt aber schon eine Verlängerung  in Aussicht.

Das Konzept wird erklärt.
Foto: Kügler
Antje Thomas hat schon Erfahrungen mit der DT-Garage. Dort hat sich in Zusammenarbeit mit Florian Barth schon Inszenierungen im Stationen-Modus umgesetzt. Deswegen wird Barth auch hier für die Ausstattung zuständig sein. Der besondere Reiz besteht für sie nun im Wechsel der Darsteller. „Jede und jeder der Kolleginnen und Kollegen legt die Rollen anders an, setzt andere Betonungen, deshalb wird jede Fahrt durch dieses Stück eine einmalige Fahrt sein, nichts doppelt sich“, macht sie auf die Besonderheit aufmerksam.

Das Ensemble sei hochmotiviert, versichern Sidler und Thoms unisono: „Alle wollen raus auf die Bühne, alle brennen darauf“. Auch in den Werkstätten sei diese Motivation deutlich zu spüren, ergänzt DT-Verwaltungsdirektorin Sandra Hinz.

Die Modalitäten

Der Eintritt wird pro Auto fällig, unabhängig davon, wie viele Insassen sich darin befinden.  Sandra Hinz versichert aber, dass man die Einhaltung gesetzlicher Vorschriften überprüfen werde. Die Besucher werden von der Theaterkasse eine Uhrzeit zugewiesen bekommen, zu der sie sich am Kassenhäuschen vor der Tiefgarage einzufinden haben. Dort müssen sie einen individuellen Code vorweisen. Der Lautsprecher wird infektionssicher verpackt.

Der Vorverkauf beginnt für die Abonnenten am 4. Mai. Am Dienstag, 5. Mai, kommen die Tickets in den freien Verkauf.

Montag, 24. Februar 2020

Drei starke Statements

Ballett-Doppelabend im Theater Nordhausen

Ein Abend, zwei Choreographen und drei starke Statements. So lässt sich der Ballettabend am Theater Nordhausen zusammenfassen. Premiere war am Freitag und das Publikum war begeistert. Schließlich gab es einen Einblick in das, was Tanztheater auf Weltniveau bedeutet.

Ivan Alboresi ist weg vom Erzählballett und wieder da, wo seine Stärken liegen: Bei der Darstellung von Menschen und ihren Gemütszuständen, ihr Mit- und Gegeneinander mit den Mitteln der Musik und der Bewegung. Seine Choreographie "Inside us" ist die bewährte Mischung aus klassischen Ballett und Modern Dance, wobei dieses mal die modernen Elemente eindeutig überwiegen. Ausflüge in den Jazzdance hat er aber vermieden.
Rot trifft auf Eisenwarenverkäufergrau.
Alle Fotos: TNLos!

Die Musik ist eine Zusammenstellung von Kompositionen von Richtter, Bosso und Glass. Dazu kommt Chopin und Scarlatti. Alles passt in die Kategorie "getragen und andante". Drei Werke sind Auftragskompositionen von Matresanch. Die Sammlung eint das Motto " ... und zerbrechlich in unserem Inneren".

Das Bühnenbild engt den Raum ein, für Ballett fast schon klaustrophobisch. Dazu ein Tisch und alles in Eisenwarenverkäuferkittelgrau. Trostloser kann es kaum sein. Das Ich sitzt am Tisch, den Kopf nach unten. Urko Fernandez Marzana beginnt seinen Tanz mit den Armen. Dann betritt Sie den Raum. Otyli Gony ist ganz anders nämlich knallrot.

Sie tanzen einen Pas de deux aus Anziehung und Ablehnung. Sie kommen sich näher und entfernen sich zugleich. Der Tisch wird zur Bühne und sorgt für den ersten Wow-Effekt als Marzana Gony um den Tisch schweben lässt. Die Zweierbeziehung hat ein Happy End.

Zerbrechliche Paarbeziehung.
Alle Fotos: TNLos!
Dann stürmen die Kurzhosenträger die Bühne. Das Ich verliert sich in der Menge und die Menge macht mit dem Ich, was sie will. Alboresi schafft es wieder, die Individuen zu einem Gesamten zu formen, dass das Ich unter Druck setzt. Da mag die Bewegung noch so wogenden harmonisch sein. Dann weitet sich der Raum.

Es folgen noch sechs weiter Stationen bis das Ich wieder auf die Sie trifft und sich ein Happy End findet. Die eindruckvollste ist die Geometrie der Spitzentänzerinnen. Das ist schon ein starke Leistung. Die drehenden Bewegungen in einer strengen Geometrie in einem gleißenden Licht und Glitzer.

War der letzte Kontraste-Abend 2019 von Unterschieden in einer gemeinsamen Formsprache geprägt, so gewinnt man in diesem Jahr dem Eindruck, als stünden zwei verschiedene Ensemble auf der Bühne. Man kann der Ballettcompagnie gar nicht hoch genug anrechnen, dass sie die Sprache von Itzik Galili ohne Sprüche umsetzen kann.

Es ist schon erstaunlich genug , dass mit Galili wieder ein Choreopraph von solcher Reputation den Weg nach Nordhausen gefunden hat. Die beiden Choreographien "Fragile" und "Or" zeigen, warum er zu den prägenden Gestalten der Gegenwart gehört. Der kantigen und eckigen Sprache Alboresis setzt er fließende Bewegungen und Harmonie entgegen.

Auch "Fragile"  erzählt von den Wechselwirkungen eines Paares. Es geht um erfolglose Überzeugungsarbeit. Er tanzt mit dem Rücken zum Publikum, sie versucht ihn dazu zu bewegen, sich den Realitäten zu stellen. Diese Ausgangslage Die Harmonie der fließenden Bewegungen kontrastieren mit dem traurigen Ergebnis. Das "Sub Rosa" von Gavin Bryars zeichnet dazu kontemplative Melodie-Linien.

Was Ähnliches, aber nicht dasselbe.
Alle Fotos: TNLos!
Wie auch in "Fragile" zeichnet Galili auch in "Or" für Kostüme und Licht verantwortlich. Or ist hebräisch und bedeutet Licht und deswegen wird das Licht hier zu dritten Säule der Choreographie. Galili inszeniert ein Spiel von Licht und Schatten. Aus einer Scheinwerfersäue wird ein ganzer Ring und zum Schluss wieder eine Säule. So lenkt der Choreograph die Aufmerksamkeit auf die im Hellen, die im Dunklen agieren aber auch.

Romance Inverse setzt den musikalischen Kontrapunkt. Das Werk von Perossa besticht durch Polyrhythmik und Expressivität. Damit ist es die passende Grundlage für eine Choreographie, die das Individuum in der Gruppe thematisiert. Alle machen etwas ähnliches, aber nicht dasselbe. Es sind wieder diese fließenden Bewegung der Körper, die das Publikum faszinieren und in den Bann ziehen. Dafür bedankt sich das Publikum mit donnernden Applaus.




Material #1: Theater Nordhausen - Der Spielplan
Material #2: Tanz! - Der Abend

Material #3: Itzik Galili - Die Biographie








Sonntag, 16. Februar 2020

Ein Festival der Mimik

stille hunde mit literarischen Roulette im Schloss Herzberg

Was die Interpretation von Literatur anbelangt sind Stefan Dehler und Christoph Huber unbestritten die Nummer eins in der Region. Als stille hunde stellten sie dies am Freitag mit dem literarischen Roulette im Schloss Herzberg unter Beweis. Freches Kabarett oder gewagte Neuinterpretation. Die Arbeit mit den Perlen der Weltliteratur wurde auf alle Fälle zum Festival der Mimik.

Sechsunddreißig Texte hängen mit Nummern versehen an zwei Stellwänden auf der Bühne. Dazu kommen siebenunddreißig Nummern in einem Lostopf. Christoph Huber wählt die Zuschauer aus, die die Lose ziehen dürfen. Der Zufall bestimmt das Programm.

Bevor es damit losgeht, gibt es aber noch einen amüsanten Seitenhieb auf den Literaturbetrieb. In den Rollen des enttäuschten Schriftstellers und des entnervten Kritikers liefern Dehler und Huber ein Feuerwerk der Plattitüden ab. Sie lassen kein der Formulierungen aus, die den Diskurs über Geschriebenes prägen. Damit wird deutlich, dass eben vieles im Literaturbetrieb beliebig und austauschbar ist.

Literat und Kritiker: Das literarische Duett.
Alle Fotos: Thomas Kügler
Stefan Dehler ist der Spätberufene, der seinen Roman durchaus in einer Reihe mit den großen Werken sieht. Schließlich geht es in "Liegen gelassenes Leben" um eine Bahnfahrt nach Osnabrück, die 60 Jahre dauert und nie ihr Ziel findet, weil in Hannover der Anschluss verpasst wird. Allein dieses Konstrukt ist schon großartig. Aber das verkannte Genie lädt seine Banalitäten so seht mit  Phrasen auf, dass es zum Kabarett. Dieser latenten Aggression kann der desinteressierte Kritiker nichts entgegensetzen.

Aber dann geht es  los. Die erste Zuschauerin zieht und es ist die "Null". Das Lachen ist groß, die Stimmung von Anfang an da. Sie wird mit einer Flasche Schierker Feuerstein belohnt und Dehler und Huber beweisen, dass sie noch etwas perfekt beherrschen: die Zuhörer einbeziehen. Wie jede andere Vorstellung der stillen hunde ist auch das literarische Roulette ein Spiel mit dem Publikum.

Sich dem Glücklos auszusetzen, dass zeugt von einer Menge Selbstvertrauen. Die stillen hunde haben es, weil sie ihr Metier beherrschen. Da kann man sich ohne große Vorbereitung schon mal in Sekundenschnelle von einen Text zum anderen schwingen, Dies machen sie gleich mit der ersten Geschichte deutlich. Es ist "Fanny Hill" von Cleland, die Geschichte einer Prostituierten  im England des 18. Jahrhunderts. Das Fazit vorweg: Bei allen Klamauk wird deutlich, dass Fanny Hill wie eine Ware verschachert wird.

Im Gegensatz zu den sonstigen szenischen Lesungen müssen Huber und Dehler auf Requisiten verzichten, es bleiben nur das Pult und ein Sakko. Das wird später zweckentfremdet. Diese vermeintliche machen sie aber allemal wett. Ihr Vortrag ist Schauspiel komprimiert auf aller kleinsten Raum. Ein Festival aus Mimik, Rhetorik und Gesten.

Jeder Gesichtszug passt. Die Pausen im Vortrag sind richtig gesetzt. Neue Rollenwechsel werden mit neuen Stimmlagen  angekündigt und die Akzente genau gesetzt. Eine ungewöhnliche Betonung eröffnet neue Perspektiven aus Bekanntes. Der Sprung von einer Rolle in die nächste gelingt ohne Übergang. Das spricht für die perfekte Beherrschung des Textes und des Handwerks.

Nicht jeder möchte umschlungen werden.
Foto: Kügler
So wird auch ein Sachtext wie eine Rezension von Kurt Tucholsky zu einen Erlebnis. Aus dröger Literaturkritik wird ein Lacherfolg. Aber die stillen hunde können auch Hintersinn. Das zeigen sie mit dem Raben Jakob Krakel-Kakel aus den wenig bekannten Tiergeschichten von Manfred Kybel. In dieser Parabel über den täglichen Ehekrieg steckt so viel Süffisanz über Betrug und Rache, dass das Lachen am Ende auch eine befreiende Wirkung hat.

Gerade diese Geschichte lebt von den Spannungen, die beiden Darsteller  immer wieder gern inszenieren. Die Rollenverteilung bleibt die gewohnte: der feinsinnige Dehler gegen den holprigen Huber. Gegenseitige Frotzeleien gehören einfach dazu und jeder kann sich eine Identifikationsfigur aussuchen. Während Dehler zwischen den Texten versucht. Literaturkenntnisse zu vermitteln, zieht Huber als Nummer-Boy alle Aufmerksamkeit auf sich.

Das Publikum ist an Komik und nicht an Wissen interessiert, ist die Selbsterkenntnis. auf jeden Fall bekommt Pöhlde wieder ein Portion Spott ab und das Publikum freut sich darüber.

Die stillen hunde können nicht nur Hintersinn und literarischen Comedy. Sie können auch Kopfkino. Das geht an, als das Losglück das Schlusskapitel von Moby-Dick aufruft. Jetzt ist Schluss mit lustig. Dehler steigert sich so sehr in die Rolle des Käpt'n Ahaabs, dass dem Publikum in den ersten Reihen durchaus Angst und Bange wird. Der Wahnsinn steht ihm ins Gesichts geschrieben. Niemand lacht mehr und das Publikum wird zu den totgeweihten Matrosen, die bald Mann für Mann über Bord gehen. Nur das Schleudern der Harpunen sorgt für kurze Pausen in der Anspannung. Dieser Vortrag macht deutlich, wer hier Täter und Opfer ist. Das Tier reagiert nur auf den abgrundtiefen Hass des Käpt'ns und ist damit menschlicher als der Mensch.

Die Darsteller hatten ein Zeitlimit gesetzt.  Zweimal 45 Minuten hieß die, aber am Ende wurde es dann doch fast drei Stunden.Offensichtlich haben Huber und Dehler selbst Spaß an diesem Treiben und diesen Spaß können sie auf einzigartige Art und Weise vermitteln.



Material #1: Die stillen hunde - die Website