Donnerstag, 28. Mai 2020

Ein Dorf wird zur globalen Virenschleuder

Ischgl-Buch von Hechenblaikner im Steidl-Verlag erschienen

Wer wissen will, warum Corona schnell zur Pandemie wurde, der sollte sich dieses Werk besorgen. Mit “Ischgl” zeigt der Fotograf Hechenblaikner eindrucksvoll, wie aus einem Bergbauerndorf in Tirol die Virenschleuder Europas wurde.

Manchmal werden Verlage von den Ereignissen überrollt. Das Buch war schon länger geplant. Nun hat der Steidl-Verlag die Erscheinung nach vorne gezogen. Aus einem Bildband wurde so ein Erklärstück zu Europa und seinen drängendsten Problem.

Ischgl, hinter diesem einen Vokal und seinen fünf Konsonanten steckt das ganze Elend des alpinen Massentourismus. Auf 1.600 Einwohner kommen 25.000 Gästebetten. Das macht 1,4 Millionen Übernachtungen und 250 Millionen Euro Umsatz jährlich. Der Ort ist längst zur Marke geworden und zum Ballermann der Alpen verkommen. Zum Skifahren kommen nur die wenigsten. Hier ist 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche.

Lois Hechenblaikner fotografiert seit den 80-er Jahren vor allem die Natur. Dafür bekam er unter anderem den King Albert Mountain Award. Seit 2012 hat der Tiroler im Steidl-Verlag drei Bücher veröffentlicht, die sich um die Neuentdeckung der Alpen drehen. Doch keins ist so eindrucksvoll wie “Ischgl”. Es ist eine bebilderte Langzeitstudie über die Entgrenzung von Menschen.

Bilderflut

Das Werk folgt einer klaren Dramaturgie. Zeigen die ersten sechs Seiten noch verschneite Bergidyllen in milchigen Tönen, kommt der Schock auf Seite acht. Bis zum Horizont drängen sich Menschen an Menschen. Es gibt ein Konzert auf dem Gletscher. Aus einem Ort der Stille ist eine Krachmeile geworden.

Dabei bedienen sich Gerhard Steidl und Helmut Feroudi eines gestalterischen Tricks. Aus dem vollformatigen Panoramabildern sind Dreiviertelformat geworden. Die Umsicht das Naturfreunds verengt sich auf den Blick durch die Skibrille.

Alle Fotos: Lois Hechenblaikner
Aus Hechenblaikners Sicht hat Ischgl nichts mehr mit Wintersport zu tun. Es reihen sich Partybilder an Partybilder. Schnee und blauer Himmel sind nur die Kulisse für ein permanentes Besäufnis. Das verdeutlicht nichts eindrucksvoller als die Bilder auf Seite 25 und 26. Links stapeln sich leere Bierkisten in den Himmel. Rechts räkeln sich männliche Best Ager auf Hunderten von Fässern, so als wollten sie sagen: Alles das haben wir getrunken.

Erstaunlich ist, dass sich die Menschen so bereitwillig zur Schau stellen. Niemand dreht sich weg. Der Blick geht meist direkt in die Kamera. Brust raus. Drei junge Männer präsentieren stolz ihre “Fotzen wo”-T-Shirts. Harte Kontraste, kein Weichzeichner und detailreich. Es sind ungeschminkte Bilder, allerbeste Reportagefotos. Damit gelingt Hechenblaikner eine Komprimierung von Dingen, die manchen verborgen bleiben.

Alkohol ist das eine, Sex das andere Thema. Ständig wird blank gezogen und plump anbaggern. In Ischgl scheint es einen heimlichen Wettbewerb der Obszönitäten zu geben. Gummipuppen sind zum allgegenwärtigen Scherzartikel geworden. Die touristische Entgrenzung geht mit der sittlichen Entgrenzung einher.

All das kontrastiert Hechenblaikner immer wieder mit Bildern leerer Pisten. Wer braucht schon Ski wenn es doch Apres Ski gibt? Deswegen tragen auch die meisten Menschen auch Kostüme und keine Sportbekleidung.

Es nimmt und nimmt kein Ende. Mit seinen Bildern dokumentiert der Fotograf wie der Bauboom in Tirol weitergeht und wie die Gentrifizierung rasant an Fahrt aufnimmt. Von Ischgl selbst ist wenig zu sehen. Der Ort ist austauschbar geworden, ist die bittere Erkenntnis. Bewohner kommen auf den Bilder nicht vor. Sind sie an den Rand gedrängt oder so sehr mit Geld zählen beschäftigt, dass die Zeit nicht mehr zum Posieren vor der Kamera reicht?

Die Champagnerhütte war wirklich mal nur eine Hütte. Das zeigt Hechenblaikner mit der Genüberstellung zweier Fotos. Dieser Technik bedient er sich mehrfach. Heute kostet die Flasche dort 2.890 Euro. Das kann sich kein Dorfbewohner mehr leisten. Was bleibt sind Berge von Müll und Menschen, die zwischen Autos schlafen. Damit ist die Inszenierung zu Ende.

Ohne Worte

Bilder sagen mehr als Worte und die Bilder von Hechenblaikner sprechen Bände. Deshalb kommt das Vorwort erst zum Schluss. Stefan Gmünder gibt aber keinen Erläuterungen zum Werk. Er erklärt den Menschen Hechenblaikner. Der Leser erfährt so, was den Fotografen antreibt, wo seine Motive liegen.

Doch Gmünder macht auch die Gründe des Irrsinns deutlich. Armut war die treibende Kraft. Doch bis in die frühen 60-er Jahre haben die Eltern im Planautal ihre Kinder nach Süddeutschland geschickt, damit sie dort für Kost und Logis arbeiten konnten. Heutzutage unvorstellbar in Europa.

Gmünder geht auf die aktuellen Ereignisse ein. Er rekapituliert welche Kette von Fehleinschätzungen Ischgl zur Virenschleuder gemacht haben. Ere berichtet aber auch von einem Umdenken in der Politik, von neuen und alten Werten in der Tourismusbranche. Damit könnte “Ischgl” von einer Situationsbeschreibung zu einem Blick zurück in eine turbulente Vergangenheit werden. 978-3-95829-790-6

Daten 

Lois Hechenblaikner wurde 1958 in Reith im Alpbachtal geboren. Nach einer Ausbildung zum Kfz-Elektriker ging er seit 1985 auf Fernreisen, die er auch dokumentierte. Seit den 90-er Jahren sind die Folgen des Tourismus sein Lieblingsthema. Saulus und Paulus finden sich hier.

Das Buch “Ischgl” enthält 205 Fotografien auf 240 Seiten. Es kostet 38,- Euro und erscheint am 2. Juni im Steidl-Verlag. Die ISBN lautet 978-3-95829-790-6


Material #1: Ischgl - Das Buch

Material #2: Lois Hechenblaikner - Die Biografie

Dienstag, 12. Mai 2020

Die Grenzen des Theaters gesprengt

"Die Methode" am DT Göttingen als Drive-In-Vorstellung

Vergesst das Autokino. Kultur findet in der Tiefgarage statt. Mit „Die Methode“ hat das Deutsche Theater Göttingen ein Stück entwickelt, das die passende Antwort auf die Zeit ist. Es findet eben in der DT-Tiefgarage statt und begeistert mit einem Maximum an Nähe. Das erste Drive-In-Theater ist mehr als nur eine Überraschung.

Das gestörte Verhältnis von Nähe und Distanz sei das sublime Thema der Corona-Krise. Das Fehlen der gewohnte Bipolarität würde die Menschen verunsichern, hatte Intendant Eric Sidler in der Pressekonferenz erklärt. Das wolle man mit dieser Inszenierung aufgreifen. Er hat zu wenig versprochen. „Die Methode“ ist eine geballte Ladung an Intimität und eine Stellungnahme zur Öffentlichkeit zugleich. Hinter allem steckt die Sehnsucht nach Liebe als Triebfeder menschlichen Handelns. Ein zutiefst humanistisches Statement in den Zeiten der Apparatschiks.

Grundlage ist der Roman „Corpus Delicti“ von Juli Zeh. Dieser wirkt nun wie eine Blaupause für die Corona-Krise. Das Individuum verschwindet im Kollektiv. Oberste Maxime ist die Gesundheit des Kollektivs. Jeder ist zum Sport verpflichtet, jeder muss Berichte zu seiner Ernährung abliefern.

Moritz Holl wartet auf der Lichtung.
Alle Fotos: Thomas M. Jauk
Das Leben ist nur in desinfizierten Bereichen erlaubt und Beziehungen müssen von der zentralen Partnerschaftsvermittlung erlaubt werden. Dabei ist der Haupthistokompatibilitätskomplex der entscheidende Faktor. Alles ist in den 27 Artikeln der Präambel in Stein gemeißelt.

Es ist eine Diktatur, die keinen Führer braucht. Es ist weitaus gefährlicher. "Die Methode" ist ein System der Mitmacher, weil die kleinen Rädchen sich als Teil eines Großen und Ganzen empfinden. Das arbeitet diese Inszenierung wunderbar heraus. 

Moritz Holl rebelliert dagegen. Er will frei sein und selbst über seinen Körper entscheiden. Er will angeln, angebrannte speisen essen und nach Schweiß riechen. Holl widersetzt sich dem Zwang zum gesunden Leben, weil dies ein Angebot ist, das man auch ablehnen kann.

Holl ist Individualist bis an die Grenze zur Einsamkeit. Er will den Zwang des Systems nicht durch den Zwang der Oppositionsgruppe RAK, Recht auf Krankheit, ersetzen. Sie ist ihm zuviel Institution, er setzt auf Zweisamkeit und er sucht vor allem die Liebe, die dem System abgeht. Er entzieht sich dem Skylla-oder-Charybdis-Logik und diese Freiheit bezahlt er mit seinem Leben.

Die Inszenierung von Antje Thoms erzählt die fatale Entwicklung in vier Positionen. Dem Ensemble gelingt dabei eine Eindringlichkeit, die angesichts der Umstände überrascht, die aber ohne die besondere Aufführungsform nie möglich gewesen wäre. So viel Intimität wäre selbst auf einer Studiobühne nicht möglich gewesen. Darsteller und Publikum treten in eine Eins:Eins-Situation. Der Zuschauer wird zu einem festen Bestandteil der Inszenierung.

Die Fahrt

Diese beginnt schon bei der Anfahrt. Ein Wesen in Weiß kontrolliert Kennzeichen und Name. Jedem Wagen ist eine feste Zeit, ein Slot, zugewiesen. Wer den verpasst, guckt in den Auspuff. Das System duldet keine Abweichung. Immerhin darf man die Auslastung des eigenen Pkws selbst bestimmen.

Dann geht es zu den nächsten weißen Wesen am Einlass. Im Kassenhäuschen es arbeitslosen Fahrgeschäfts sitzt der Wärter. Gemeinsam geht man die 27 Artikel der Präambel durch. Ohne Zuspruch kein Einlass. Scheinwerfer aus und Innenbeleuchtung an.

Die Bühnenbilder und die Ausstattung von Florian Barth sind großartig. Das quietschbunte und blinkende Kassenhäuschen wirkt wie ein Ufo in dieser sterilen Atmosphäre. Es erinnert sehr deutlich daran, dass Rummel und exaltierte Lebensfreude derzeit nicht möglich sind. Damit ist es der Kontrast zur Klaustrophobie, die in der Tiefgarage wartet. Jede Station verdeutlicht das Eingesperrt sein im System.

Die weißen Wesen lotsen den Besucher zur ersten Position im Dunkel der Tiefgarage. Dort am imaginärer Waldrand wartet Moritz Holl im Auto. Allein schon sein Wagen ist ein klare Absage an das, was andere als vernünftig bezeichnen. Er ist Rebellion auf vier Rädern. Der Chrysler New Yorker Baujahr 1970 hat einen Durst von mehr als 20 Litern im Betrieb.

Ein Dinosaurier-Ei mitten im Wald.
Foto: Thomas M. Jauk 
Im Auto sitzt Volker Muthmann in der Rolle des Gesundheitsrebellen. Er wirkt gehetzt, nervös schaut er sich immer wieder um. Die Worte kommen meist gepresst. Allen großen Reden zum Trotz, die noch kommen werden, ist er alles andere als souverän. Mit dieser zerrissenen Person liefert Muthmann eine Klasseleistung.

Holl stimmt die Gitarre und lädt seine Automatikpistole durch. Er schaut dem Betrachter direkt in die Augen. Damit wird das Spiel auf die persönlichste aller Ebenen getrieben. Der Betrachter wird zum Mitspieler. Kopfschütteln oder nicken, hinschauen oder wegsehen. Die Reaktionen sind zwangsläufig. Man kann sich nicht entziehen. Das wiederkehrende Geräusch eines Helikopters macht deutlich, dass die Gefahr omnipräsent ist.

Das Auto mag ein Faradayscher Käfig sein. Aber hier bietet die Hülle aus Stahl und Glas keinen Schutz. Man ist dem Spiel schutzlos ausgeliefert. Man wird zum Teil der Inszenierung. Zum Abschied klebt Moritz Holl einen blutigen Gruß an das Seitenfenster.

Wie in einer Waschanlage geht es einen Vorhang aus schwarzen Plastikstreifen geht es zur nächsten Station. Florian Barth setzt noch eins drauf. In einem dunklen Wald aus jungen Birken und Buchen steht die Kabine einer Seilbahn. Sie wirkt wie ein Dinosaurier-Ei mit Innenbeleuchtung. Auf alle Fälle ist die Kabine zu eng für die Staatsanwältin. Sie fühlt sich nicht wohl in dieser Haut aus Plastik.

Die Ansprache ist nun direkt und die Rollen haben gewechselt. Aus dem Betrachter wird der Beschuldigte. Man schlüpft in die Rolle von Moritz Holl und damit fällt die letzte Schranke.

Die Staatsanwältin ist gut vorbereitet. Sie weiß alles, was kurz zuvor auf der Lichtung gesprochen wurde. Man fühlt sich ertappt. Sie redet einem ins Gewissen wie die gute Tante Erzieherin in der Kindertagesstätte. Sie strapaziert den Begriff Vernunft und reiht die Argumente der systemimmanenten Logik aneinander. Sie verpflichtet das Individuum auf das Wohl der Gemeinschaft und an die Scheiben gepresst wird aus dem strengen Blick ein Fratze.

Es gibt ein letztes Angebot zur Zusammenarbeit. Sie kann aber auch drohen und damit ist sie “Good cop, bad cop” in einer Person. Mit dieser diabolischen Figur ist Dramaturg Matthias Heid ein ganz großer Wurf gelungen.

Zur nächsten Station. Nun steht der Wagen nicht mehr parallel oder frontal zum Schaukasten, sondern leicht angewinkelt. Das wirkt etwas legerer, schafft Entspannung. Paul Wenning zeigt an diesem Abend die größte Wandlungsfähigkeit. Er ist Holls Anwalt und erfüllt durchweg alle Vorbehalte gegenüber Winkeladvokaten.

Der Winkeladvokat in Person.
Foto: Thomas M. Jauk

Mit vielen wohlfeilen Worten lobt er Holls Mut und schwingt sich zum Bewunderer auf. Der gemeinsame Schluck Billigsekt soll Verbrüderung schaffen. Gemeinsam werde man das schaffen. Dann donnert ein Helikopter über die Szenerie und in die Texte des Anwalts mischt sich die erste Skepsis.

Dann springt eine weiße Gestalt aus der Dunkelheit und klemmt Papier unter den Scheibenwischer. Aussteigen nicht erlaubt, als wird man warten müssen, bis man aus dieser Geisterbahn heraus ist, um zu erfahren, was dort gedruckt wurde. Die Wandlung ist vollendet. Aus dem Bewunderer ist der juristische Abfertiger geworden. Der Der Anwalt bedient sich der Terminologie der "Methode". Das Urteil “Einfrieren auf unbestimmte Zeit” steht fest. Wenning schafft es, alle drei Phasen verlustfrei darzustellen. Sein Wandel wirkt nicht sympathisch aber immerhin verständlich.

Hamsterkäfig oder Tiefkühltruhe? Die in Neonlicht getauchte letzte Position vermittelt vor allem Einsamkeit. Ein Trimmrad wartet auf Bewegung. Andrea Strube spielt Mia Holl. Sie hat nicht nur den Bruder verloren, sondern auch den Glauben an die Methode. Von der Mitmacherinnen ist sie in den Status der Skeptikerin abgestürzt. 

Als Biologin fühlte sie sich dem System verpflichtet, nun hat sie alles verloren. Die Fundamente ihres Lebens sind weg. Die Stimme brüchig, die Schultern gebeugt. Strube gibt dem endlosen Schmerz eine Gestalt. Fast möchte man aussteigen und sie trösten. Das ist Mitleid in Jogginghosen und was dies bedeutet, hat schon Karl Lagerfeld verdeutlicht.

Zurück geht es zum Kassenhäuschen. Der Wärter erklärt dem Besucher dessen Verfehlungen. Er stellt eine Gefährdung dar und muss das Gelände sofort verlassen. Das Spielt wirkt so echt, dass sich nun Erleichterung einstellt.

Zur rechten Zeit

Intensive Bilder und die Intimität zwischen Publikum und Darsteller in einer neuen Dimension. “Die Methode” wäre so im gewohnten Theatermodus gar nicht möglich. Antje Thoms hat mit dieser Inszenierung das Übliche gesprengt. Trotz der Hülle “Auto” sind die Grenzen zwischen Darsteller und Publikum endgültig aufgehoben.

Tiefkühltruhe oder Hamsterkäfig?
Foto: Thomas M. Jauk 
Die Schauspieler wechseln sich regelmäßig ab. Jeder erfährt seine ganz eigene Vorstellung, es gibt keine Wiederholung, nichts wird so sein, wie es eben gerade noch war. Darsteller und Zuschauer kommen sich ungewöhnlich nahe. Damit treibt Thoms die Individualität auf die Spitze in einem Augenblick, in dem das Verhältnis von Öffentlich und Privat gestört ist. Das Theater durchdringt an alle privatesten Raum des Autos. Damit hat sie eine neue Form der Darstellung zur rechten Zeit gefunden.

Der “Corpus Delicti” von Juli Zeh taugt nur bedingt als Blaupause. Die gelernte Juristin zeigt in ihrem Roman, wie das Individuum vom Kollektiv auf alle Zeiten geschluckt wird. Corona ist eine konkrete und singuläre Bedrohung und kein Dauerzustand. Doch dem Deutschen Theater gelingt es, zu zeigen was danach kommen kann, was blüht, wenn aus einem Einzelfall eine permanente Bedrohung konstruiert wird.





Material #1: Deutsches Theater - die Homepage
Material #2: Die Methode - das Stück

Material #3: Corpus Delicti - das Buch

Dienstag, 5. Mai 2020

Gegensätzliches Doppel

Zwei opulente Bücher - Beide anders

Die Parallelen liegen auf der Hand. Karl Lagerfeld und Peter Lindbergh gehören zu den Ikonen der internationalen Modeszene. Beide haben Maßstäbe gesetzt, der eine als Modeschöpfer, der andere als Modefotograf. Ihre Wege haben sich mehrfach gekreuzt und im letzten Jahr sind sie verstorben. Zeitgleich sind nun zwei opulente Bücher, die eine Überblick über ihr schaffen bieten soll.

Zu beiden gibt es derzeit eine Retrospektive als Werkschau. Der eine wird in Halle gezeigt, der andere wird in Düsseldorf ausgestellt. Die beiden Bildbände dazu machen eher die Unterschiede als die Gemeinsamkeiten deutlich.

Das eine Buch heißt schlicht „Karl Lagerfeld – Fotografie“, das andere „Peter Lindbergh – On Fashions Photograhpy“. Finden sich die Parallelen auch in gedruckter Form wieder?

Lagerfeld

„Gerhard Steidl ist der beste Drucker der Welt.“ Mit diesem Lob hatte Lagerfeld schon vor Jahren den Göttinger geadelt. Schließlich geht die Zusammenarbeit der beiden schon bis in die Mitte der 90-er Jahre zurück. Der passionierte Fotograf Karl Lagerfeld ließ seine Bilder in Buchform in Göttingen veröffentlichen.

„Karl Lagerfeld - Fotografie“ ist eine Rundumschau über sein Schaffen mit der Kamera. Es versammelt Bilder aus den späten 80-er Jahren bis ins Jahre 2018. Es ist nicht mehr als der Katalog zur Ausstellung und damit nur ein Appetithäppchen.

Aber es ist ein Galamahl für Bibliophile., Buchkunst in Vollendung Es ist eine Fest der Sinne und ein weiterer Beweis, warum analoge Haptik digitaler Optik immer noch überlegen ist. Das Format von 24,5 mal 32 ergibt eine Diagonale von 22 Zoll. Das wirkt.

Das ungestrichene Papier in 150er Qualität ist nicht nur warm und angenehm zu greifen. Drucktechnisch nicht ganz einfach, zaubert es aber weiche Farben in unendlichen Abstufungen. Das wird besonders bei den Daguerreotypien und Platinotypien deutlich.

In der Einleitung betont Gerhard Steidl, dass sein Partner Lagerfeld in allen Dingen eine Perfektionist war. Offensichtlich sind hier die passenden Gemüter aufeinander getroffen. Deswegen hielt die Zusammenarbeit über mehr als 25 Jahre und 49 Werke lang.

Der Meister fotografiert sich selbst. 
Fotos: Thomas Kügler
Der Zugang zu Lagerfelds Bilder ist nicht einfach. Er gelingt nur, wenn man die Erläuterungen von Hubertus Gaßner gelesen hat und sich immer wieder vor Augen führt.

Es sind verkopfte Bilder, die man zu schätzen weiß, wenn man antike Mystik und barocke Kunst zumindest ansatzweise im Hintergrund mitführt. Ansonsten bleibt es ein bloßes Betrachten, stellt sich keine Verstehen ein.

Lagerfeld verweigert den Betrachter den emotionalen Zugang zu den Dargestellten. Vielleicht hat der Fotograf Lagerfeld auch nie diesen gewissen Draht zu den Abgelichteten gefunden. Einzige Ausnahmen sind die die Portraits von Brad Kroenig in „Metamorphes of an American“.

Lagerfeld lebt sein Faible für Barockes aus. Er greift das Mittel der Tableaux vivants, der lebenden Bilder auf, und sorgt mit kleinen Brüchen in den Details gleichzeitig für ihre Ironisierung. Alles ist artifiziell, alles ist gestellt, alles ist Pose. Er macht auch kein Hehl aus der Inszenierung und damit ist er ehrlicher als Lindbergh.

Hier ist nichts lebendig und die Models starren am Betrachter vorbei in die Ferne. Da ist keine Beziehung zwischen dem Mensch am Auslöser und den Objekten vor der Kamera. Damit kann auch das Publikum keinen Zugang finden. Lagerfeld bleibt der Modefotografie der 60-er Jahre verhaftet.

Lagerfeld zitiert Feininger, Stettheimer oder Hopper. Es sind gut gemachte Zitate, aber eben nicht mehr. Erst in der Überhöhung des Artifiziellen in der Serie „Fendi“ findet er 2011 einen eigenen Ausdruck. Das vielfache Spiel mit dem Bild, der Kopie und dem Original verwirrt und bezieht dann doch Position: Nichts ist so wie es scheint.

Aber wirklich lebendig werden die Bilder erst dann, wenn Lagerfeld sich selbst porträtiert. Zumindest zu seiner Person findet er einen Zugang. Ungewollt verdeutlicht das Werk damit die Einsamkeit des Karl Lagerfelds.

Lindbergh

“Peter Lindbergh - On Fashions Photgraphy”: Dieses Buch ist ein Hammer und es trifft einen mit voller Wucht. Deshalb sollte man es nur in kleinen Häppchen. Peter Lindbergh hat die Modefotografie geändert und über Jahrzehnte geprägt. Er hat die Grenzen zwischen Kunst und Kommerz aufgehoben. “On Fashion Photography” macht deutlich, warum.

Lindbergh hatte das Glück, das Vorwort zu diesem Werk noch selbst schreiben zu können. Schließlich hat seine Ausstellung "Untold Stories" noch selbst kuratiert. Er gibt dort einige Erläuterungen zu seinem Werdegang und seiner Berufsauffassung. Dazu gehört eben auch der Begriff des Erzählens. Geschichten erzählen mit der Kamera, mit Licht und Schatten, Schärfe und Unschärfe, eben mit den Mitteln der Fotografie.

Anders als im Falle Lagerfeld braucht man diese Worte nicht, um das Werk zu verstehen. Die Bilder sprechen für sich. Der Zugang ist jedem möglich, der sehen kann.


Der Meister und die Models.
Foto: Kügler
Deshalb kann man es in eine Frage und eine klare Antwort fassen. Was macht die Erzählung aus? Niemals die Kleider.

Es ist der Mensch, den Lindbergh ablichtet, den kompletten Menschen gefasst in einen Sekundenbruchteil. Die Grenze zwischen Fotograf und Motiv ist aufgehoben. Der Mann aus Düsseldorf muss ein Magier gewesen sein. Selbst dem spröden Lagerfeld konnte er zweimal ein breites Lächeln entlocken.

Diese Magie wird gleich klar. Der Einstieg erfolgt mit jenen legendären “White Shirts” für die amerikanische Vogue. Das Bild, entstanden 1988 am Strand von Malibu, hat das Genre verändert. Sechs Top-Models im albernen Spiel miteinander, so viel Lebendigkeit gab es in der Modefotografie bis dahin nicht. Danach war alles anders.

Hier verspielte Jugend, dort entspannte Erfahrung. Das Portrait von Pina Bausch ist wie ein Blick zurück auf ein ganzes Leben. Die Kamera taucht hinab das Innerste der Tanzikone. Lindbergh schafft es, eine komplexe Erzählung in ein einziges Bild zu packen. Das ist ganz große Kunst.

Erst spät hat Lindbergh die Farben entdeckt. Selbst dort blieb er noch reduziert. Die meisten Werke sind schwarz-weiß. Im Vorwort erklärt der Fotograf seine Vorliebe zu den tiefen Tönen. So wird die Konzentration auf das Motiv noch einfacher. Wenige Seite hinter Bausch lässt sich Richard Gere in die Seele blicken. Sein Kopf und Schopf tauchen gewissermaßen auf aus einem unbekannten Meer. Das Konzept der Konzentration erreicht hier den Höhepunkt.

Aber man sollte sich nicht täuschen lassen. Man merkt gar nicht, dass es um die Präsentation von Oberbekleidung geht, so sehr stehen die Menschen im Vordergrund. Das Tuch tragen sie  ganz selbstverständlich, sie werden eins.

Auch wenn die Sprache häufig rau und spröde ist, das Make Up unsichtbar bleibt und vieles beiläufig wirkt: Hier wurde nichts dem Zufall überlassen. Alles ist arrangiert. Auch wenn die Bilder wie Schnappschüssen vom Set wirken, sie sind alles, nur kein Beifang. Damit gleichen sich Lagerfeld und Lindbergh dann doch.

Das Buch ist der der Hammer und es trifft einen mit voller Wucht. Die 440 Seiten sollte man häppchenweise genießen. Sonst wird man von den Eindrücken erschlagen.





Material #1: Karl Lagerfeld - Das Buch
Material #2: Peter Lindbergh - Dem sein Buch




Donnerstag, 30. April 2020

Nähe und Distanz im Drive-In

DT macht Stationen-Theater in der Tiefgarage

Die Theater sind zu, aber Streaming ist keine Lösung. Das meint zumindest das Deutsche Theater Göttingen und deswegen hat Intendant Eric Sidler eine Premiere für den 9. Mai angekündigt. Das Publikum kann dann „Die Methode“ live erleben.

Das gewohnte Wechselspiel von Nähe und Distanz, von Öffentlichkeit und Intimität ist durch die Kontaktsperre aus den Fugen geraten. Deshalb verlangen die aktuellen Umstände nach einer Auseinandersetzung mit den Mittel des Theaters, betont Sidler. Das derzeit vorherrschende Gefühl sei Verunsicherung in vielfältigen Variationen. Dem will man sich stellen.

Das Deutsche Theater hat in den vergangenen Wochen mehrer Formen des Streamings angeboten. Doch auch Sicht des Intendanten kann dies nie ein Ersatz für das Liveerlebnis sein. Das Theater lebe von der Interaktion von Publikum und Darsteller. Deshalb hat man sich im DT schon frühzeitig Gedanken gemacht, wie man Theater und Schutzbestimmungen vereinen kann.

Da geht's rein: Hinz, Thoms und Sidler kontrollieren
die Einfahrt.   Alle Fotos: Kügler
Das Ergebnis lautet „Die Methode“ und der Spielort wird die Tiefgarage am Deutschen Theater sein. Die wird zum Drive-In-Theater.

Für die Inszenierung ist Antje Thoms zuständig. Grundlage ist der Roman „Corpus Delicti“  und er erscheint wie eine Vorahnung. Juli Zeh hat darin die Folgen einer Gesundheitsdiktatur geschildert. Ausgangspunkt ist der Prozess gegen den Rebellen Moritz und seine Schwester Mia.

Regisseurin Antje Thoms und Dramaturg Matthias Heid haben sich auf vier Personen fokussiert. Diese werden in der Tiefgarage auf vier Stationen verteilt, an denen sie ihre Sicht der Dinge  darstellen.

Die Zuschauer fahren diese Stationen dann im eigenen Auto ab. Jeder halt dauert etwa 15 Minuten. Das macht eine Aufführungsdauer von einer Stunde je Auto. Versorgt sind sie dabei mit einem Bluetooth-Lautsprecher, um die Schauspielerinnen und Schauspieler zu hören, ohne das Fenster öffnen zu müssen.

Nähe und Distanz

Eric Sidler sieht mit diesem Konzept einen alten Widerspruch aufgehoben:  „Mit dem Auto transportieren wir regelmäßig unseren privatesten Raum durch die Öffentlichkeit“. Dieser sei zugleich Schaustück, Bühne und Schutz vor der Außenwelt. Diese Inszenierung und ihre Technik setze dies nun konsequent um. Mit dieser Inszenierung will man dem Auftrag nachkommen, Denkimpulse in die Stadt und das Umland zu geben.

Eine Auto-Kino-Lösung, wie sie andere Theater derzeit favorisieren, sei keine Option gewesen. Auch hier fehle die Nähe von Akteuren und Publikum. Nähe und Distanz seien aber das beherrschende Motto. Ihre Lösung bezeichnen Thomas und Sidler als derzeit einzigartig in Deutschland.

Für Antje Thoms sind die derzeitigen Proben eine neue Erfahrung. Erlaubt ist nur eine „1:1-Situation“. Da alle vier Rollen fünffach besetzt sind, bedeutet dies 20 unterschiedliche Proben gleichzeitig.

Die Mehrfach-Besetzung hatte ursprünglich technische Gründe, so wollte man die Überlastung durch den Dauer Monolog vermeiden. Vorerst sind zwei Stunden Aufführung angesetzt. Später wird diese auf vier Stunden täglich ausgeweitet. Als Aufführungsdauer sind vorläufig vier Wochen angesetzt. Eric Sidler stellt aber schon eine Verlängerung  in Aussicht.

Das Konzept wird erklärt.
Foto: Kügler
Antje Thomas hat schon Erfahrungen mit der DT-Garage. Dort hat sich in Zusammenarbeit mit Florian Barth schon Inszenierungen im Stationen-Modus umgesetzt. Deswegen wird Barth auch hier für die Ausstattung zuständig sein. Der besondere Reiz besteht für sie nun im Wechsel der Darsteller. „Jede und jeder der Kolleginnen und Kollegen legt die Rollen anders an, setzt andere Betonungen, deshalb wird jede Fahrt durch dieses Stück eine einmalige Fahrt sein, nichts doppelt sich“, macht sie auf die Besonderheit aufmerksam.

Das Ensemble sei hochmotiviert, versichern Sidler und Thoms unisono: „Alle wollen raus auf die Bühne, alle brennen darauf“. Auch in den Werkstätten sei diese Motivation deutlich zu spüren, ergänzt DT-Verwaltungsdirektorin Sandra Hinz.

Die Modalitäten

Der Eintritt wird pro Auto fällig, unabhängig davon, wie viele Insassen sich darin befinden.  Sandra Hinz versichert aber, dass man die Einhaltung gesetzlicher Vorschriften überprüfen werde. Die Besucher werden von der Theaterkasse eine Uhrzeit zugewiesen bekommen, zu der sie sich am Kassenhäuschen vor der Tiefgarage einzufinden haben. Dort müssen sie einen individuellen Code vorweisen. Der Lautsprecher wird infektionssicher verpackt.

Der Vorverkauf beginnt für die Abonnenten am 4. Mai. Am Dienstag, 5. Mai, kommen die Tickets in den freien Verkauf.

Montag, 24. Februar 2020

Drei starke Statements

Ballett-Doppelabend im Theater Nordhausen

Ein Abend, zwei Choreographen und drei starke Statements. So lässt sich der Ballettabend am Theater Nordhausen zusammenfassen. Premiere war am Freitag und das Publikum war begeistert. Schließlich gab es einen Einblick in das, was Tanztheater auf Weltniveau bedeutet.

Ivan Alboresi ist weg vom Erzählballett und wieder da, wo seine Stärken liegen: Bei der Darstellung von Menschen und ihren Gemütszuständen, ihr Mit- und Gegeneinander mit den Mitteln der Musik und der Bewegung. Seine Choreographie "Inside us" ist die bewährte Mischung aus klassischen Ballett und Modern Dance, wobei dieses mal die modernen Elemente eindeutig überwiegen. Ausflüge in den Jazzdance hat er aber vermieden.
Rot trifft auf Eisenwarenverkäufergrau.
Alle Fotos: TNLos!

Die Musik ist eine Zusammenstellung von Kompositionen von Richtter, Bosso und Glass. Dazu kommt Chopin und Scarlatti. Alles passt in die Kategorie "getragen und andante". Drei Werke sind Auftragskompositionen von Matresanch. Die Sammlung eint das Motto " ... und zerbrechlich in unserem Inneren".

Das Bühnenbild engt den Raum ein, für Ballett fast schon klaustrophobisch. Dazu ein Tisch und alles in Eisenwarenverkäuferkittelgrau. Trostloser kann es kaum sein. Das Ich sitzt am Tisch, den Kopf nach unten. Urko Fernandez Marzana beginnt seinen Tanz mit den Armen. Dann betritt Sie den Raum. Otyli Gony ist ganz anders nämlich knallrot.

Sie tanzen einen Pas de deux aus Anziehung und Ablehnung. Sie kommen sich näher und entfernen sich zugleich. Der Tisch wird zur Bühne und sorgt für den ersten Wow-Effekt als Marzana Gony um den Tisch schweben lässt. Die Zweierbeziehung hat ein Happy End.

Zerbrechliche Paarbeziehung.
Alle Fotos: TNLos!
Dann stürmen die Kurzhosenträger die Bühne. Das Ich verliert sich in der Menge und die Menge macht mit dem Ich, was sie will. Alboresi schafft es wieder, die Individuen zu einem Gesamten zu formen, dass das Ich unter Druck setzt. Da mag die Bewegung noch so wogenden harmonisch sein. Dann weitet sich der Raum.

Es folgen noch sechs weiter Stationen bis das Ich wieder auf die Sie trifft und sich ein Happy End findet. Die eindruckvollste ist die Geometrie der Spitzentänzerinnen. Das ist schon ein starke Leistung. Die drehenden Bewegungen in einer strengen Geometrie in einem gleißenden Licht und Glitzer.

War der letzte Kontraste-Abend 2019 von Unterschieden in einer gemeinsamen Formsprache geprägt, so gewinnt man in diesem Jahr dem Eindruck, als stünden zwei verschiedene Ensemble auf der Bühne. Man kann der Ballettcompagnie gar nicht hoch genug anrechnen, dass sie die Sprache von Itzik Galili ohne Sprüche umsetzen kann.

Es ist schon erstaunlich genug , dass mit Galili wieder ein Choreopraph von solcher Reputation den Weg nach Nordhausen gefunden hat. Die beiden Choreographien "Fragile" und "Or" zeigen, warum er zu den prägenden Gestalten der Gegenwart gehört. Der kantigen und eckigen Sprache Alboresis setzt er fließende Bewegungen und Harmonie entgegen.

Auch "Fragile"  erzählt von den Wechselwirkungen eines Paares. Es geht um erfolglose Überzeugungsarbeit. Er tanzt mit dem Rücken zum Publikum, sie versucht ihn dazu zu bewegen, sich den Realitäten zu stellen. Diese Ausgangslage Die Harmonie der fließenden Bewegungen kontrastieren mit dem traurigen Ergebnis. Das "Sub Rosa" von Gavin Bryars zeichnet dazu kontemplative Melodie-Linien.

Was Ähnliches, aber nicht dasselbe.
Alle Fotos: TNLos!
Wie auch in "Fragile" zeichnet Galili auch in "Or" für Kostüme und Licht verantwortlich. Or ist hebräisch und bedeutet Licht und deswegen wird das Licht hier zu dritten Säule der Choreographie. Galili inszeniert ein Spiel von Licht und Schatten. Aus einer Scheinwerfersäue wird ein ganzer Ring und zum Schluss wieder eine Säule. So lenkt der Choreograph die Aufmerksamkeit auf die im Hellen, die im Dunklen agieren aber auch.

Romance Inverse setzt den musikalischen Kontrapunkt. Das Werk von Perossa besticht durch Polyrhythmik und Expressivität. Damit ist es die passende Grundlage für eine Choreographie, die das Individuum in der Gruppe thematisiert. Alle machen etwas ähnliches, aber nicht dasselbe. Es sind wieder diese fließenden Bewegung der Körper, die das Publikum faszinieren und in den Bann ziehen. Dafür bedankt sich das Publikum mit donnernden Applaus.




Material #1: Theater Nordhausen - Der Spielplan
Material #2: Tanz! - Der Abend

Material #3: Itzik Galili - Die Biographie








Sonntag, 16. Februar 2020

Ein Festival der Mimik

stille hunde mit literarischen Roulette im Schloss Herzberg

Was die Interpretation von Literatur anbelangt sind Stefan Dehler und Christoph Huber unbestritten die Nummer eins in der Region. Als stille hunde stellten sie dies am Freitag mit dem literarischen Roulette im Schloss Herzberg unter Beweis. Freches Kabarett oder gewagte Neuinterpretation. Die Arbeit mit den Perlen der Weltliteratur wurde auf alle Fälle zum Festival der Mimik.

Sechsunddreißig Texte hängen mit Nummern versehen an zwei Stellwänden auf der Bühne. Dazu kommen siebenunddreißig Nummern in einem Lostopf. Christoph Huber wählt die Zuschauer aus, die die Lose ziehen dürfen. Der Zufall bestimmt das Programm.

Bevor es damit losgeht, gibt es aber noch einen amüsanten Seitenhieb auf den Literaturbetrieb. In den Rollen des enttäuschten Schriftstellers und des entnervten Kritikers liefern Dehler und Huber ein Feuerwerk der Plattitüden ab. Sie lassen kein der Formulierungen aus, die den Diskurs über Geschriebenes prägen. Damit wird deutlich, dass eben vieles im Literaturbetrieb beliebig und austauschbar ist.

Literat und Kritiker: Das literarische Duett.
Alle Fotos: Thomas Kügler
Stefan Dehler ist der Spätberufene, der seinen Roman durchaus in einer Reihe mit den großen Werken sieht. Schließlich geht es in "Liegen gelassenes Leben" um eine Bahnfahrt nach Osnabrück, die 60 Jahre dauert und nie ihr Ziel findet, weil in Hannover der Anschluss verpasst wird. Allein dieses Konstrukt ist schon großartig. Aber das verkannte Genie lädt seine Banalitäten so seht mit  Phrasen auf, dass es zum Kabarett. Dieser latenten Aggression kann der desinteressierte Kritiker nichts entgegensetzen.

Aber dann geht es  los. Die erste Zuschauerin zieht und es ist die "Null". Das Lachen ist groß, die Stimmung von Anfang an da. Sie wird mit einer Flasche Schierker Feuerstein belohnt und Dehler und Huber beweisen, dass sie noch etwas perfekt beherrschen: die Zuhörer einbeziehen. Wie jede andere Vorstellung der stillen hunde ist auch das literarische Roulette ein Spiel mit dem Publikum.

Sich dem Glücklos auszusetzen, dass zeugt von einer Menge Selbstvertrauen. Die stillen hunde haben es, weil sie ihr Metier beherrschen. Da kann man sich ohne große Vorbereitung schon mal in Sekundenschnelle von einen Text zum anderen schwingen, Dies machen sie gleich mit der ersten Geschichte deutlich. Es ist "Fanny Hill" von Cleland, die Geschichte einer Prostituierten  im England des 18. Jahrhunderts. Das Fazit vorweg: Bei allen Klamauk wird deutlich, dass Fanny Hill wie eine Ware verschachert wird.

Im Gegensatz zu den sonstigen szenischen Lesungen müssen Huber und Dehler auf Requisiten verzichten, es bleiben nur das Pult und ein Sakko. Das wird später zweckentfremdet. Diese vermeintliche machen sie aber allemal wett. Ihr Vortrag ist Schauspiel komprimiert auf aller kleinsten Raum. Ein Festival aus Mimik, Rhetorik und Gesten.

Jeder Gesichtszug passt. Die Pausen im Vortrag sind richtig gesetzt. Neue Rollenwechsel werden mit neuen Stimmlagen  angekündigt und die Akzente genau gesetzt. Eine ungewöhnliche Betonung eröffnet neue Perspektiven aus Bekanntes. Der Sprung von einer Rolle in die nächste gelingt ohne Übergang. Das spricht für die perfekte Beherrschung des Textes und des Handwerks.

Nicht jeder möchte umschlungen werden.
Foto: Kügler
So wird auch ein Sachtext wie eine Rezension von Kurt Tucholsky zu einen Erlebnis. Aus dröger Literaturkritik wird ein Lacherfolg. Aber die stillen hunde können auch Hintersinn. Das zeigen sie mit dem Raben Jakob Krakel-Kakel aus den wenig bekannten Tiergeschichten von Manfred Kybel. In dieser Parabel über den täglichen Ehekrieg steckt so viel Süffisanz über Betrug und Rache, dass das Lachen am Ende auch eine befreiende Wirkung hat.

Gerade diese Geschichte lebt von den Spannungen, die beiden Darsteller  immer wieder gern inszenieren. Die Rollenverteilung bleibt die gewohnte: der feinsinnige Dehler gegen den holprigen Huber. Gegenseitige Frotzeleien gehören einfach dazu und jeder kann sich eine Identifikationsfigur aussuchen. Während Dehler zwischen den Texten versucht. Literaturkenntnisse zu vermitteln, zieht Huber als Nummer-Boy alle Aufmerksamkeit auf sich.

Das Publikum ist an Komik und nicht an Wissen interessiert, ist die Selbsterkenntnis. auf jeden Fall bekommt Pöhlde wieder ein Portion Spott ab und das Publikum freut sich darüber.

Die stillen hunde können nicht nur Hintersinn und literarischen Comedy. Sie können auch Kopfkino. Das geht an, als das Losglück das Schlusskapitel von Moby-Dick aufruft. Jetzt ist Schluss mit lustig. Dehler steigert sich so sehr in die Rolle des Käpt'n Ahaabs, dass dem Publikum in den ersten Reihen durchaus Angst und Bange wird. Der Wahnsinn steht ihm ins Gesichts geschrieben. Niemand lacht mehr und das Publikum wird zu den totgeweihten Matrosen, die bald Mann für Mann über Bord gehen. Nur das Schleudern der Harpunen sorgt für kurze Pausen in der Anspannung. Dieser Vortrag macht deutlich, wer hier Täter und Opfer ist. Das Tier reagiert nur auf den abgrundtiefen Hass des Käpt'ns und ist damit menschlicher als der Mensch.

Die Darsteller hatten ein Zeitlimit gesetzt.  Zweimal 45 Minuten hieß die, aber am Ende wurde es dann doch fast drei Stunden.Offensichtlich haben Huber und Dehler selbst Spaß an diesem Treiben und diesen Spaß können sie auf einzigartige Art und Weise vermitteln.



Material #1: Die stillen hunde - die Website






Montag, 10. Februar 2020

Wenn Wichtigtuer auf Verblendete treffen

Das Theater Nordhausen zeigt "Schtonk" zur richtige Zeit

Wenn die Schatten der dunkelsten Vergangenheit die Gegenwart einholen, dann ist das in aller Regel nicht witzig. Bei "Schtonk" im Theater Nordhausen aber doch. Damit ist es das passende Stück zu den Verwerfungen der Thüringer und der bundesdeutschen Politik. Bei der Premiere am Freitag gab es reichlich Applaus.

Der Skandal um die angeblichen Hitler-Tagebücher erschütterte 1983 die alte Bundesrepublik. Gerade das linksliberale Magazin "stern" hatte die Fälschungen aus dubiosen Quellen bezogen. Anstatt den Medien-Coup des Jahrzehnts zu landen, flog die Geschichte recht schnell auf. Zurück blieb ein Scherbenhaufen, unter dem der "stern" fast erstickte.

Der eigentliche Skandal waren aber nicht die Fälschungen sondern der Sumpf aus Alt- und Neonazis und Geschäftemachern, in den sie die stern-Redakteure und die Geschäftsleitung begaben, um die Auflage zu steigern. Das hat der Film "Schtonk" von Helmut Dietl und Ulrich Limmer gezeigt.

Reiner Heise hat die Komödie für das Theater Rudolstadt auf die Bühne gebracht. Die Premiere in Nordhausen zeigte, dass seine Inszenierung dem Film in nichts nachsteht. Es geht nicht um die akribisch Nacherzählung der Ereignisse, sondern um die Typen, die solch einen Skandal erst möglich mache. Heise deckt sogar Seiten auf,
die bisher verborgen blieben.

Von Absteiger zum Hochmut und zurück: Seidensticker
als Hermann Wilié.        Alle Fotos: Lisa Stern
Ein Garant für den Erfolg ist Markus Seidensticker in der Rolle des Hermann Willié. Dieser hat seinen Zenit als Journalist deutlich überschritten. Er vermischt auch schon mal Privates und Berufliches und sein Interesse an den Devotionalien des NS-Regimes hat den Liebhaber-Status erreicht.

Seidensticker schafft es, Willié als kompletten Typen darzustellen, in seiner Schleimigkeit, in seiner Verzweiflung, in seinem Hochmut und in seinem Wahn, als der Schwindel auffliegt. Dabei arbeit er vor allem mit der Stimme. Seidensticker setzt die feinen Nuancen, die das Auf und Ab deutlich machen. Dabei hält er aber die Grenzen ein. Sein Willié erzeugt kein Mitleid, er ist nie Opfer sondern immer Täter.

Da hat Marcus Ostberg die leichtere Aufgabe. Sein Rolle ist die des Fälschers Fritz Knobel. Zwar macht auch der eine Berg- und Talfahrt durch. Beeindruckend sind die Szenen, als Knobel im Fälscherwahn fast droht seine Persönlichkeit an den Führer verliert. Aber Osterberg gewinnt dem Knobel sogar heitere Seite und damit macht er ihn zu sympatischen Gewinner.

Sein Knobel beliefert einen Schwarzmarkt und er weiß die Graubereich auszunutzen. Die Geheimnistuerei ist seine wichtiges Werkzeug. Im Laufe der Vorstellung wird aus einem Getriebenen eine treibende Kraft. Diesen Wandel verdeutlicht Ostberg durch die passende Rhetorik und Körpersprache. Deshalb entwickelt das Publikum durchaus Sympathien für das Schlitzohr.

Rasant, bunt und frech. Die Vorlage ist eine der besten deutschen Komödien der Gegenwart. die Inszenierung von Reiner Heise schaft es, deren hohes Tempo bei zu behalte und zu steigern. Die Aufführung ist zusammengesetzt aus Dutzenden von Szenen. Mal dauern sie wenige Sekunden, mal mehrere Minuten. Damit schafft Heise einen Rhythmus, der das Publikum mitnimmt, weil er filmische Mittel gekonnt auf der Bühne umsetzt.

Dazu gehört auch die Musik. Mal dröhnt sie blechern wie zur Wochenschau, mal kommt sie locker und leicht daher wie ein Schlager aus den 30-er Jahren. Die Musik bereitet nicht nur vor oder rundet ab. Sie wird vom Hilfsmittel zum eigenständigen Bestandteil der Inszenierung.

So sehen Sieger aus: Fritz Knobel und seine Frauen.
Alle Fotos: Lisa Stern
Dabei kann er auf ein akzentuiertes Licht und das großartige Bühnenbild von Manfred Gruber setzten. Vorne die blanke Spielfläche und hinten der schnittige Bug eines Schiffs, unter dessen Deck sich die Fälscherstube im Spitzweg-Modus befindet. Die hat sogar einen Holzofen, der raucht als die Geschäfte laufen. Nie ist beides gleichzeitig zu sehen, die Welt von Fälsche und Geschäftsführern bleiben  getrennt durch einen Vorhand.

Das Schiff läuft nach links aus in eine Hafenkante, an der nachts wohl die Damen aus dem horizontalen Gewerbe flanieren. Tatort ist Hamburg und da kommen sich Medien und Prostitution auch mal nahe. Das macht Johannes Arpe bei seinem Auftritt als Verlagsleiter Dr Wieland deutlich.

An dieser Person zeichnet Heise besonders eindrücklich nach, welche Eigendynamik die Hast nach der Sensation entwickelt. Da werden Widerstandskämpfer schon mal schnell zu Handlagern. Der Wichtigtuer wird geerdet. Dazu passen auch die herrlich säuerlichen Mienen von Jochen Ganser und Benjamin Petschke in den Rollen der übergangenen Chefredakteure auf Williés Geburtstagsfeier. Wichtigtuer treffen hier auf Verblendete. Nur so kann der Schwindel funktionieren, das zeigt diese Aufführung und geht damit über den Film hinaus.

Aber bei aller Analyse ist "Schtonk" doch immer noch eine Komödie. Hintersinn ersetzt hier Plattitüde. Es eine Medienkritik voller gelungener Szenen, die sich in einem straffen Tempo einen ganz eigenen Kosmos zeigen. Die Aktuere geben sich selbst der Lächerlichkeit preis.       

Damit ist "Schtonk" das richtige Stück zur passenden Zeit. Was schade ist? Die Aufarbeitung des Relotius-Skandals wird bestenfalls lehrreich, aber nicht annähernd so unterhaltsam wie "Schtonk" in Nordhausen.     


Material #1: Theater Nordhausen - Der Spielplan
Material #2: "Schtonk" - Das Stück

Material #3: Hitlers Tagebücher - Der Skandal


Sonntag, 2. Februar 2020

Der Mut der Verzweifelten

Das Leben auf der Praça Roosevelt im DT Göttingen

Es mag abgedroschen klingen, aber diese Aufführung geht unter die Haut. Für das Deutsche Theater Göttingen hat Aurelius Śmigiel "Das  Leben auf der Praça Roosevelt" auf die Bühne gebraucht und seine Inszenierung zeigt einen Blick auf die Enttäuschten, die aber nicht in Verzweiflung zurückbleiben.

Die Praça Roosevelt ist ein Platz in der brasilianischen Wirtschaftsmetropole Sao Paulo. Eine neogotische Kirche ist umstanden von Platanen und Hochhäusern. Gebaut in den 60-er Jahre als ein Versprechen auf eine bessere Zukunft, ist er nun die Heimat von Dealern, Nutten und Ausgegrenzten. Zwischen die Bordelle reihen sich Büros, Spielhallen und kleine Gewerbebetriebe.

Die Autorin Dea Loher hat den Ort während ihres Brasilien-Aufenthalts kennengelernt. Ihre Erfahrungen hat sie 2012 zu einen Stück verarbeitet, Das zeigt sich weder als Tragödie noch als Drama ist, obwohl es von beiden viel hat. Es ist einfach ein hartes Stück Dokumentationstheater.

Ein Bett wie ein Gefängnis.
Alle Fotos: Thomas Aurin/DT Göttingen
Diese Konfrontation mit einer Realität außerhalb des Theatersaals ist für das Publikum durchaus eine Herausforderung. Bei der Premiere trifft Villa auf Pappkarton, Pensionsansprüche auf Sammelbüchse. Betretenes Schweigen unterbrochen von Gekicher. Dabei ist Göttingen Praça Roosevelt doch gar nicht so weit weg.Sie heißt Iduna Zentrum und steht am Weender Tor.

Jósef Halldórson konnte der Verlockung widerstehen. Sein Bühnenbild zeigt eben keinen Platz. Es ist reduziert und aufgeräumt. Es wirkt wie eine Mischung aus Malewitsch und Dali. Die Reduktion löst die Inszenierung ein wenig aus Zeit und Raum und verlagert das Geschehen ins Allgemeingültige.

Die Lebenslinien der Akteure treffen sich auf der Drehbühne. Je nach Szene rückt diese eine Kulisse in den Vordergrund. Zum Auftakt steht ein Bett im Fokus. Seine massiven Eisenstäbe erinnern an ein Gefängnis. Hier dämmert der Streifenpolizist Mirador dem Tod entgegen. Seine Frau besucht ihn nach langer Zeit und erzählt vom gemeinsamen Sohn, der eines gewaltsamen Todes gestorben ist. Dafür macht sie ihren Mann verantwortlich.

In der Retrospektive erzählt er davon, wie zur Katastrophe kam und wie er seinen Sohn schon verloren hatte, lange bevor er starb. Dabei ist die Erzählung durchaus vielschichtig. Alles hängt mit allem zusammen.Immer wieder kreuzen sich die Wege, zieht das eine das andere nach sich.

Die letzte Chance, um aus der Abwärtsspirale zu entkommen, wäre für Miradors Sohn eine Anstellung bei Vito. Doch der wird seine Fabrik schließen, weil er keine Waffen mehr herstellen möchte, weil er beobachtet hat, wie Mirador mit einer Waffe aus seiner Produktion auf seinen Sohn gezielt hat. Damit werden die beiden zu Verbindungspunkte in der Abfolge der Szenen.

Concha und Aurora. 
Egal, welche Entscheidung du triffst, sie ist falsch. Das arbeitet Śmigiel bestens heraus. Vito will die Spirale der Gewalt nicht mehr unterstützen und schließt seine Fabriken. Damit liefert er seine Mitarbeiter dem Elend und der Gewalt aus. Irgendjemand bezahlt immer.

Dabei lebt die Inszenierung vom einem irritierenden Widerspruch. Trotz der mehr als schwierigen Lage, in der sich die Akteure befinden, tragen sie eine Gelassenheit zur Schau, anfangs befremdlich wird. Paul Wenning in der Rolle des Streifenpolizisten Mirador trägt seinen Text so lakonisch vor, dass es fast schon ein Provokation ist. Wo andere große Emotionen präsentieren würden, beeindruckt er mit Souveränität dem Schicksal gegenüber. Das lässt er in ausreichenden Kunstpausen wirken.

Dazwischen schimmert immer wieder die Überforderung eines Manns hindurch, der seine Welt nicht ganz begreifen kann oder will. Denn diese Welt funktioniert nicht nach seinen Regeln und damit kann sich Mirador nicht arrangieren. Damit ist Wenning eine umfassende Charakterisierung geglückt.

Auch Vitos Verzweiflung ist anfangs eine stille. Erst in der Sportbar-Szene dreht Christoph Türkay in dieser Rolle auf. Die rasanten Wechsel zwischen zu Tode betrübt und rasende Wut gelingen ihm wunderbar. Umso schöner ist es, als Judith Srößenreuter ihm mit dem Wort "Bin-go-hal-le" erdet und aus dem Elfenbeinturm holt. Nun blitz ein helles Licht der Hoffnung auf. Man muss einfach weitermachen mit dem Mut der Verzweifelten.

Diese Lakonie geht bis an die Grenze des Erträglichen, als Gerd Zinck in der Rolle des Transvestiten  Aurora davon erzählt, wie es einst als 12-jähriger Knabe vom Nachbarn vergewaltigt wurde. Wie sein Versuch, diese Tat zum finanziellen Vorteil durch die Cleverness des Täters zu nichte gemacht wird. Das ist schon starker Tobak und Zinck bringt ihn emotionslos aus die Bühne. Dennoch schafft er es, einen Rest an Lebensfreude zu bewahren. Damit ist diese Figur ein kompletter Mensch.

Die stärkste Leistung hinterlässt aber Andrea Strube in der Rolle der Concha, Als Vitos Sekretärin von der Arbeitslosigkeit bedroht und vom Krebs gezeichnet, ist sie immer wieder bemüht, andere zu trösten und ihnen zu einem kleinen Glück zu verhelfen. Strube macht dies ohne große Gesten mit einer Selbstverständlichkeit, die berührt.

Mirador sucht seinen Sohn.
Alle Fotos: Th. Aurin
Es ist diese Spannung aus schwerem Schicksalen und bedächtigem Vortrag und gebremsten Spiel, die diese Inszenierung prägt. Sie ist ganz anders als erwartet und damit überrascht und irritiert sie. Deswegen ist diese Aufführung berührend. Man muss sich mit dem Schicksal abfinden, sonst kann man es nicht ertragen.

Deswegen erzeugt Roman Majewski wohl auch das größte Schweigen als der Mann mit dem Koffer. Dieser Koffer, ein Anzug und ein Handy sind sein ganzer Besitz und die letzten Insignien seiner einst bürgerlichen Existenz. Hektisch strampelnd wie ein Ertrinkender versucht er zurückzufinden in die Berufswelt. Doch das Publikum ahnt, dass ihm das nicht gelingen wird. Er kann sein Unglück nur abmildern, indem er einen anderen Unglücklichen die Schuhe klaut. Der Rest ist Schweigen im Parkett.

Gewalt und Tod kommen nicht auf die Bühne. Diese finden nur in den Texten statt. Somit erlebt das Publikum nicht nur die Verarbeitung dieser Ereignisse. Nein, sie schleichen sich so auch in die Köpfe der Zuhörerinnen und Zuhörer. Śmigiels Inszenierung ist Kopftheater. Damit ist das Publikum durchaus gefordert. Es schließt die Lücken zwischen den Einzelszenen.

Nicht eingehaltene Zukunftsversprechen, sozialer Abstieg und Gewalt sind unbequeme Themen. Dea Loher hat sie in "Das Leben auf der Praça Roosevelt" thematisiert. Aurelius Śmigiel hat eine Interpretation vorgelegt, die deswegen wirkt, weil sie nicht auf Emotion setzt sondern auf Reduktion. Damit entbindet er die Handlungen und Szenen vom Zeit und Ort und gibt eine analytische Ebene. Diese Kopfarbeit macht sie umso beeindruckender.

 




Material #1: DT Göttingen - Der Spielplan
Material #2: Die Praça Roosevelt - Das Stück


Material #3: Dea Loher - Die Biografie


Material #5: Das Iduna-Zentrum - Die Praça Roosevelt von Göttingen




Dienstag, 28. Januar 2020

Verzaubert mit viel Lyrik

Lenz inszeniert die Zauberflöte in Nordhausen

Das Tiefstapeln war rein taktischer Natur. Mit seiner Inszenierung der Zauberflöte hat Achim Lenz die Erwartungen mehr als erfüllt. Starke Sängerinnen und Sänger trafen bei der Premiere auf ein Loh-Orchester in Spiellaune. Nach anfänglichem Fremdeln war das Publikum begeistert.

Die Ansprüche sind unterschiedlich. Mozart vorletztes Bühnenwerk ist für die einen ein Menschheitswerk wie der Doktor Faust. Andere sehen es etwas nüchterner und für sie ist die Oper um zwei ungleiche Paare, die Erlangung der Weisheit und die Macht der Liebe ein unterhaltsames und lehrreiches Wechselspiel.

Achim Lenz sieht es vor allem als Schatz mit vielen Ideen und Anregungen. Ein paar hat aufgegriffen, ein paar neue hat er hinzugefügt. Vor allem hat er Schauspiel in das Singspiel gebracht. Seine Sängerinnen und Sänger agieren regelrecht, miteinander und gegeneinander. Der Schauspiel-Anteil ist erfreulich hoch.

Tamino und ein Fan-Club.
Alle Fotos: Marco Kneise
Schon in der Ouvertüre präsentiert das Loh-Orchester den besonderen Helmrath-Sound: Behutsam und akzentuiert. Ein Wohlklang in Es-Dur erfüllt den Raum. Dem Loh-Orchester gelingt es, die Lieblichkeit dieser Tonart zur Geltung zu bringen. Das zieht sich durch bis zum Finale des zweiten Akts.

Die Videoprojektion zeigt das Werden und Vergehen einer Dieffenbachia. Mit ihrer vielfältigen Bedeutung steht die Pflanze sinnbildlich für die unterschiedlichen Rezeptionen dieser Oper der tausend Themen. Eindeutig ist hingegen die Szene der Keine während des Pamina-Papageno-Duetts. Zum Teil gestalten die Projektionen einfach den Raum und reduzieren die Umbauarbeiten auf ein Minimum.

Der Vorhang gibt den Blick frei auf eine Industriebrache. Das ist die Welt der König der Nacht, Zerstörung allerorten. Deswegen ist Tamino auch gekleidet wie ein Krieger und bleibt es bis zum Schluss. Kyounghan Seo liefert in dieser Rolle eine technisch saubere Leistung ab und auch den Ausdruck entdeckt er zusehends. Die Bremse früherer Inszenierungen scheint gelöst.

Diese Aufführung ist durchweg glänzend besetzt. Das beweisen schon die drei Damen der Königin. Stimmlich harmonierend zeigen sie auch Schauspieltalent und der Schulterklopf-Reigen ist belebende Komik und ihr Interesse an den Helden ist ganz bestimm nicht platonischer Natur. Es lohnt sich, auf die kleinen Gesten zu achten. Ganz in schwarz gekleidet wirken sie wie der Background Chor einer finsteren Soul Queen. Überhaupt hat Birte Wallbaum hier eine großartige Ausstattung vorgelegt.

Pamina und Papageno wären das bessere Paar.
Alle Fotos: Marco Kneise
Die Zauberflöte ist Menschheitsepos und munteres Possenspiel. Das macht Philipp Franke als Papageno deutlich. Hier paaren sich eine starke Gesangsleistung mit schauspielerischen Talent. Er beherrscht das Protzen ebenso wie die Verzweiflung und die Schicksalsergebenheit. Damit verschiebt Franke den Fokus eindeutig.

Dies wird im Duett mit Amelie Petrich als Pamina deutlich. Es taucht der Gedanke auf, dass diese beiden doch weitaus besser zueinander passen würden.Doch diesem Schritt über die Klassenschranken wird letztendlich nicht gewagt.

Trägt Papgeno den Keim der Erkenntnis in der Glaskugel noch im ersten Akt mit sich, wird ihm dieser beim Eintritt in den Tempel abgenommen. Volksweisheit zählt nicht in der Gesellschaft der erwählten Männer. Die haben zwar kein Brett vorm Kopf, aber einen eisernen Vorhang im zweiten Akt. Details sagen manchmal mehr als die Arie.

Eine weitere Überraschung ist Marian Kalus. Die Rolle des Monostatos ist in aller Regel recht begrenzt. Doch Kalus arbeitet alles heraus und legt noch mehr hinein. Eigentlich konzipiert als das Alter Ego des strahlenden Sarastro macht Kalus daraus eine eigenständige Figur. In einer Welt des Händchen Haltens und der Gänseblümchen-Erotik ist er der Einzige, der seine Begierde nicht kultivieren möchte.

Gänseblümchen-Erotik ist nichts für Monostatos.
Alle Fotos: Marco Kneise
Schauspiel hin und her. Die besten Gesangseinlage liefert an diesem Abend  Sufin Bae als Königin der Nacht. Ihr Auftritt im ersten Akt ist schon eine starke Leistung, denn sie mit der Mord-Arie im zweiten Akt noch steigert. Ohne Zittern und klar kommt sie in die höchsten Höhe und die Koloraturen der zweiten Arie sorgen für Staunen im Publikum. Vielleicht wäre hier ein Dwäääng-Gitarren-Solo auf der Stratocaster angebracht. Doch der Schritt über die Genre-Grenzen wird letztendlich nicht gewagt.

Ist der erste Akt für die Traditionalisten noch schwer verdaulich, versöhnt sie der zweite Akt. Das Tempo geht deutlich zurück, das Bühnenbild schaltet von Industriebrache auf Lobby-Optik um. Aber es zeigt sich hier auch noch Potential für eine fokussierte Erzählung.

Es sind vor allem die lyrischen Momente dieser Aufführung, die so verzaubern. Dazu gehören die Auftritte der drei Knaben. Sie faszinieren nicht durch die außergewöhnliche Optik. Sie sorgen auch für das Innehalten und Reflektieren, schließlich tragen sie den Müll der Welt mit sich. Das ist ein starke Aussage und eine gelungene Dramaturgie.




Material #1: Theater Nordhausen - Der Spielplan
Material #2: Die Zauberflöte - Die Inszenierung

Material #3: W.A. Mozart - Die Biografie
Material #4: Die Zauberflöte - Das Werk

Material #5: Achim Lenz - Die Website




    

Sonntag, 26. Januar 2020

Ein Abend voller Entdeckungen

Zweites Kaiserpfalzkonzert mit der TfN-Philharmonie

Unverhofft kommt nicht allzu oft, wenn aber doch, dann ist es umso schöner. Das ist das Fazit des zweiten Kaiserpfalzkonzert der TfN-Philharmonie in Goslar. Statt Erfahrung und Reputation stand dort Jugendlichkeit und Engagement am Pult. Das Publikum erlebt wohl so etwas wie die Geburt eines Stars.

Als Dirigent war für diesen Abend mit Mozart und dem Londoner Bach Reinhard Goebel angekündigt. Als Gründungsmitglied der Musica antiqua Köln ja schon ein Hochkaräter. Doch Goebel musste kurzfristig absagen. Der Ersatzmann Oscar Jockel entpuppte sich als Hauptgewinn.

Der 24 Jährige ist ein aufgehender Stern am Dirigentenhimmel. Er sammelt Preis und Auszeichnungen wie andere. Mit Mitte zwanzig ist die Liste seiner Referenzen so umfangreich wie bei Kollegen, die zwanzig Jahre älter sind. In diesem Jahr wir er einer von drei Drigenten beim Beethoven-Festival sein.

Alle Fotos: Thomas Kügler
Dass alle diese Vorschusslorbeeren berechtigt sind, stellte Jockel mit dem Konzert in Goslar unter Beweis. Unter seiner Leitung lieferte die TfN-Philharmonie schlicht und einfach eine Meisterleistung ab. Angesichts der kurzen Zeit, um Dirigenten und Orchester in Einklang zu bringen, ist diese Leistung umso höher zu bewerten.


Jockels Dirigat ist expressiv und engagiert, um Teil sogar sportlich, aber er schafft es, die wichtigen Akzente zu setzen. Mit großen Gesten spart er nicht. Er ist fordernd und eindeutig und bleibt doch ein Teamplayer. Er lässt den Musikern, den Raum, den sie brauchen und das Lob des Publikums gibt er stets und sofort an das Ensemble weiter.

Die Werke


Unter all den Bachs ist Johann Christian wohl derjenige, der ein wenig ins Hintertreffen geraten ist. Das ist umso erstaunlicher, da er doch wichtige Marken in der Entwicklung der klassischen Musik gesetzt. J.C. Bach verbindet die Polyphonie des Barock mit der Melodieentwicklung der Klassik.

Alle Fotos: Thomas Kügler
Schon im Allegro assai der Sinfonia concertante Es-Dur verstehen Dirigent und Orchester es, die ganzen Besonderheiten dieses Werkes herauszuarbeiten. Die zahlreichen Wechsel in den Tempi funktionieren wunderbar, auch die Dialoge zwischen Tutti und Solisten sind ein Genuss. Streicher im Stakkato des Presto folgen auf ruhige Passagen Ganz im Bachschen Sinne vermag es Jockel, die Bläser zu ihrem Recht zu kommen.

Das gilt insbesondere für den zweiten Satz. Hier im temporeduzierten Larghetto können sich Zsolt Sokoray an der Flöte, Markus Hartz am Horn und Kanako Weldner am Fagott auszeichnen. Auch der Wechsel in das sehr barocke Minuetto im dritten Satz erfolgt ohne Bruch. Es verdeutlich damit die Zwischenzeit, in der sich J.C. Bch befand.

Leichtigkeit hier, Gewichtigkeit hier. Der zwiete Bch-Beitrag, die Ouvertüre und Suite aus "Amadis des Gaules" spricht musikalisch ein andere Sprache. Die Heldengeschichte kommt mit viel Belech daher, das sich mit Streicher im Stakkato abwechselt, um dann von den Pauken beendet zu werden.

Es ist schon faszinierend, wie diese Vielfalt in einem Satz von der TfN-Philharmonie schlüssig umgesetzt werden kann. Das Klangbild bleibt stets ausgewogen. Russlan Bojkov und Claire Händel an den Oboen können im Andante mehrfach die Akzente setzen  Somit folgt es einer eigenen Logik, dass die "Séquence de ballet" tänzerisch daherkommt, wobei die Holzbläser sich tirillierend auf die Basis der Streicher setzen, die dann doch wieder dominieren. So entsteht vor dem geistigen Auge das Bild eben doch ein Tanz.

Alle Fotos: Thomas Kügler
J.C. Bach ist Vorklassiker, Wolfgang Amadeus Mozart gilt als Vollender diese Phase. Wie weit er aber schon in die Zukunft weist, das machten Jockel und die TfN-Phlharmonie mit der Chaconne aus dem 3. Akt des Idomeneos deutlich. Aus einer zarten Melodie-Linie entwickeln sie ein furioses Finale, aus dem schon Beethovens Urgewalt und Emotion hervorschaut.

Zuvor hatten Jockel und das Orchester über die sechs Sätze der Fantasien in c-Moll eindrucksvoll gezeigt, wie sich eine musikalische Idee über die Tempi steigern und variieren lässt und sich doch treu bleibt.

Auch wenn das Programm krankheitsbedingt verkürzt wurde und die Zugabe ausfiel, war das Konzert doch reichlich gefüllt mit bleibenden Erlebnissen. Es ist schon bemerkenswert, wie schnell Ensemble und Dirigent zueinander gefunden haben. Das war ein Abend, der in Erinnerung bleiben wird.



Material #1: Die TfN-Philharmonie - Das Ensemble

Material #2: Oscar Jockel - Die Website

Material #3: Johann Christian Bach - Die Biografie
Material #4: Wolfgang Amadeus Mozart - Die Biografie


Samstag, 4. Januar 2020

Wer braucht schon Wien?

Loh-Orchester mit einem schwungvollen Programm

So fängt das Neue Jahr gut an. Mit dem Programm "Wo die Zitronen blüh'n" begrüsste das Loh-Orchester im Achteck-Haus das neue Jahrzehnt. Die abwechslungsreiche Auswahl und der meisterliche Vortrag begeisterten.

Musik aus Italien und italienisch inspirierte Werke standen auf dem Programm. Die Ouvertüre aus Rossinis war der passende Auftakt. Den Loh-Orchester gelang es hervorragend, den schnellen Wechsel der zahlreichen Motive zu gestalten. Aus dem Knall der Pauken und dem Stakkato der Streicher entwickelte die Oboe das erste Thema, dass dann von den Streichern übernommen wird. Die Geigen bauen es aus und lassen sich auch nicht von dem Pauken und Trompeten stören.

Das deutliche Dirigat von Michael Helmrath zeigt klare Vorstellungen vom Zusammenwirken der Instrumentengruppen. Selbst im furiosen Finale sind die Unterschiede deutlich und das Klangbild transparent. Nur so lassen die unzähligen Ohrwürmer erkennen, die in diesem kurzen Werk komprimiert stecken. Rossinis Meisterwerk hat hier kongeniale Partner gefunden. 

Seine ganze Bandbreite zeigt das Ensemble im letzten Werk. Sieben Stücke von Rossini aus dessen "Matinées musicales" und "Soirées musicales" hat Benjamin Britten hier zusammengetragen. Auf das zarte Glockenspiel im Tanz folgen rührende Trommeln und scheppernde Blechbläser. Michael Helmrath gelingt es, selbst den staatstragenden Märschen ein heiteres Lächeln zu entlocken.

Eine Einheit: Orchester, Dirigent und Publikum.
Alle Fotos: Kügler 
Das Orchester hat Spaß daran, alles zeigen zu dürfen. Der überträgt sich auf das Publikum und es ist versucht, im Walzer mitzugehen. Auch die anschließende Tarantellas und der Bolero zaubern einen Hauch von Ballstimmung in das Achteckha. us.

Da ist Tschaikowskys "Cappriccio italien" fast schon ein Stimmungstöter. Die musikalischen Farben springen um von "lichtdurchflutet mediterran" auf "finster osteuropäisch". Aber auch diesem Wechsel schafft das Ensemble ohne Einbußen. Es ist immer wieder die Oboe, die sich aufschwingt aus dem düsteren Grund in musikalische Höhe. Die Streicher sind dabei leise Begleiter, bis beide in der bekannten Tarantella dahinschweben. Das ist schon eine überzeugende Entwicklung.

Das einzige Manko im ersten Teil  war lediglich das nicht abgestimmte Mikrofon des Dirigenten.So gingen seine Erläuterungen im weiten Rund verloren. Leider nimmt sich niemand in der Pause dieses Problems an.

Von Schwermut keine Spur. Der zweite Teil des Abend beginnt mit dem jüngeren Strauß und die Polka "So ängstlich sind wir nicht" und das Publikum ist wieder in Feierlaune. Nach dem filigranen Klangbildern überzeugt das Loh-Orchester hier mit einer Dynamik und Fülle, mitreißt ohne zu übertönen.

Nicht alle durften mitspielen 
Eine lange Atempause gibt es dann mit einem Intermezzo von Pietro Mascagni und sieben Soundtracks aus "Der Leopard" von Oscar-Preisträger Nino Rota. Es wird ein Festspiel für die Streicher, die hier zeigen dürfen, was die Musik des morbiden 19. Jahrhunderts so alles bereithielt für die Saiten-Instrumente. Es ist Kammermusik in großer Besetzung, in der nur gelegentlich mal ein Holzbläser seine Stimme erheben darf. Mit sieben Tänzen ist diese Phase aber recht ausgiebig.

Es darf mitgeklatscht, ist das Motto im nächsten Stück. In seinen "Erinnerungen an Ernst" hat der ältere Strauß den Musiker viele Gelegenheiten gegeben, sich zum Thema "Mein Hut, der hat drei Ecken" solistisch auszuzeichnen und die Musiker des Loh-Orchester nutzen jede einzelne. Das zeugt von einem gesunden Selbstbewusstsein.

Nach zweimal Strauß gibt es in der Zugabe noch einmal Rota. Dieses Mal seine weltberühmte Titelmelodie zum "Der Pate". Dann koppelt sich das Orchester ab und spielt den Radetzky-Marsch, das Publikum klatscht mit und man zeigt sich als eingeübte Einheit. Danach kann nichts mehr kommen. Also, wer braucht schon Wien?

Schade nur, dass OB Buchmann als Aufsichtsratsvorsitzender von Theater und Orchester freiwillig auf diesen Genuss verzichtet hat. 



Material #1: Das Loh-Orchester - Die Geschichte

Material #2: Loh-Orchester - Das Programm