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Ganz entspannt in den Untergang

Sidler inszeniert im DT Göttingen den Kirschgarten im Down-Tempo "Der Kirschgarten" von Anton Tschechow hat in den letzten 120 Jahren immer wieder Konjunktur. Denn irgendwo ist ständig Untergang. DT-Intendant Erich Sidler greift das Offensichtliche auf und überrascht doch. Seine Inszenierung glänzt durch Ruhe und Analyse. Damit verschiebt er den Fokus weg vom Abwenden der Katastrophe hin zu den Ursachen. Die Botschaft ist eindeutig. Das Unglück ist keine Naturgewalt sondern von Menschenhand gemacht. Entscheidend ist nicht was kommen wird, denn das ist klar. Entscheidend ist die Frage, warum es so kommen musste, warum es alternativlos ist. Dabei arbeiten Sidler und das DT-Ensemble mit der Laubsäge und nicht mit der Axt. Statt der Versuchung zu erliegen, eine ganze Klasse in Bausch und Bogen zu verurteilen und der Geschichte zu überantworten, liefern sie feine Psychogramme von Menschen, die mit der Situation und mit sich selbst überfordert sind. So bietet die Göttinger Insz...

Der Schah kam nur bis Berlin

Das Junge Theater rechnet mit der 68er-Generation ab Die Revolution hat Geburtstag und das verlangt nach einem Theaterstück. Weil sie auch in der Provinz stattfand, betreibt das Junge Theater unter dem Titel "GÖ 68 ff" eine Retrospektive mit Nabelschau. Diese entpuppt sich als Dokumentationstheater mit hohen Ehrlichkeitsfaktor, wenn man genau hinschaut und aufmerksam zuhört. Der Einstieg ist stilgerecht. Vom Katheder aus zitiert  Jan Reinartz  den Übervater Theodor W. Adorno. Es geht um Revolution und Anpassung und darum, wie sehr die Erinnerung doch täuschen kann. Das Konzept von Autor und Regisseur Peter Schanz ist einfach. Das Gerüst bilden Interviews mit Zeitzeugen und die diejenige, die sich dafür halten. Der Blick auf den Stückzettel macht deutlich, dass einige Befragte sich 1968 noch weit ab von Göttingen befanden. Da sprach wohl eher der Promi-Faktor als das Prinzip Betroffenheit für die Befragung. Katheder ist das eine Symbol für die Studentenunruhen 68 ...

An der Revolution verzweifelt

DT Göttingen bringt Mathematikprofessorin auf Bühne Gibt es eigentlich einen besonderen Gattungsnamen, wenn die Biographie einer beliebigen Person auf die Theaterbühne gebracht werden? Na, egal.  Anne Jelena Schulte hat das Leben von Sofja Kowaleskaya zu einem Theaterstück verdichtet und Antje Thoms hat es für das Deutsche Theater bearbeitet. Das Ergebnis ist Kopftheater und am Donnerstag war Uraufführung im DT - 2. Sofja Kowalewskaya ist heute wohl so etwas wie ein vergessener Star der Wissenschaftsrevolution im 19. Jahrhundert. Sie war nicht nur eine hochbegabte Wissenschaftlerin und weltweite die erste Frau, die eine Professur für Mathematik bekam, sondern auch eine Kämpferin für die Rechte der Frauen. Die Tochter eines russischen Generals überwand mit Beharrlichkeit alle Hürden, lebte ein schnelles Leben, stürzte in tiefe Not und verstarb früh. Fast schon ein James Dean der Zahlen und Formeln. Das Bühnenbild von Jeremias Böttcher ist pure Geometrie. Es erinert an ein rüh...

André Chénier: Revolution und Terror gehen weiter

Gegner bis zur Guillotine Eine wahre Geschichte in der großen Historie zu erzählen, das ist die Absicht von „André Chénier“, der Geschichte des französischen Dichters. Ein Werk mit diesem Hintergrund nicht im Historismus erstarrten zu lassen, ist eine Herausforderung. Dem Theater Nordhausen ist dies gelungen. In seiner Inszenierung greifen Toni Burkhardt und sein Ensemble den Anspruch von Umberto Girodano und Luigi Illica, auf und führen ihn fort. Napoleon irrte, die Geschichte von Revolution und Terror ist nicht beendet. Ein kleines Mädchen in einer Chemise mit roten Band führt ihren Vater aus dem Zuschauerraum auf die Bühne. Er macht Bilder von dem schaukelnden Kind, von den Ausstellungsstücken einer vergangenen Ära die Rolle des Zuschauers wird dieser Zeitreisende aus dem 21. Jahrhunderts bei allen späteren Begegnungen aber nicht verlassen. Hinter den Kulissen brodelt es, hunderte Stimmen wispern und künden Bedrohliches an. In dieser Gesellschaft ist Chén...