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Zwei ungleiche Schwestern bei den Schlossfestspielen Sondershausen

Kreisklasse und Landesliga an ein und demselben Abend, das muss man erst mal schaffen. Dem Theater Nordhausen ist dies bei den Schlossfestspielen in Sondershausen gelungen und das auch noch in der falschen Reihenfolge. 

Dass die „Cavalleria rusticana“ von Pietro Mascagni und „Der Bajazzo“ von Ruggero Leoncavallo an einem Abend aufgeführt werden, ist gängige Praxis. Beide Werke sind kurz, stammen aus dem Verismo und haben denselben Kern: Liebe, Eifersucht, Betrug, Mord und Totschlag. Na gut, das Gemenge „Liebe, Eifersucht, Betrug, Mord und Totschlag“ ist der Kern vieler Opern.

Veronika Tokareva als Santuzza (links) und Anja Daniela Wagner sind die
Aktivposten in dieser Inszenierung.
 
Fotos: TNLOS

Dennoch schafft es Regisseur Benjamin Prins bei den Schlossfestspielen in Sondershausen zwei sehr unterschiedliche Inszenierungen abzuliefern. Kreisklasse und Landesliga eben. Das beginnt schon mit dem Versuch, eine Klammer zu schaffen, die es nicht gibt, indem der Prolog des „Bajazzo“ vor die „Cavallaria“ geschaltet wird. Gut, die Werke entstanden zeitgleich und sind im Verismo beheimatet. Aber das war’s auch schon, denn wie gesagt sind Liebe, Eifersucht, Betrug, Mord und Totschlag der Kern vieler Opern. 

Bei der Gelegenheit kann das Loh-Orchester schon einmal die Ouvertüre des Bajazzos üben. Die ist immerhin so beliebt, das selbst die Hardrocker von Poison sie in dem Song „Every Rose Has It‘sThorn“ verarbeitet haben.

Der Nachteil fürs Publikum: Das Leiden wird unnötig in die Länge gezogen. In der Fachliteratur wird die „Cavalleria rusticana“ mit 70 bis 75 Minuten Spieldauer angegeben. Angesichts der überschaubaren Handlung ist das ausreichend. 

Prins dehnt seine Inszenierung auf 100 Minuten aus, ohne deutlich zu machen, wie er diese Nachspielzeit rechtfertigt. Gerade in der ersten Halbzeit gibt es weite Phasen, in denen nicht ein Ton gesungen wird. Vielleicht liegt es an der Vorlage. Mascagni hat sich viele Intermezzi gegönnt, in denen zumindest während der Premiere das Loh-Orchester es an Spielfreude mangeln lässt.

Gestörte Ordnungen

Wahrscheinlich hätte Marcel Marceau seine Freude an dieser Aufführung gehabt. Diese „Cavalleria rusticana“ wirkt wie eine Oper für Pantomimen, wenn Darsteller und Chor stumm über die Bühne schleichen. Bei diesem Tempo kommt man gar nicht auf den Gedanken, dass bald ein Unwetter aufziehen wird.

Wenn ein Kind vor den Eltern stirbt, dann ist die göttliche Ordnung gestört. Stirbt es von Menschenhand, dann ist auch die menschliche Ordnung gestört. Das sind die Eckpunkte dieser Inszenierung und dazwischen breitet sich Langeweile aus, denn dcie Inszenierung verläuft nach dem Motto "Is' halt so". Nichts wird hinterfragt und alles ist vorhersehbar. Es dauert 30 Minuten bis beim Duett von Santuzza und Lucia das erste Mal ein Hauch von Dramatik über die Bühne weht. Dann beginnt das lange Warten auf die nächste Dramatik.

Überhaupt sind Veronika Tokareva als Santuzza und Anja Daniela Wagner in der Rolle der Mama Lucia die Aktivposten dieser Aufführung. Sie können Verzweiflung und Ratlosigkeit in Gesang verwandeln und verleihen dem folkloristischem Spiel Tiefe.

Ihre Mitspieler wirken dagegen weitestgehend hölzern und wirkliche Interaktion zwischen den Beteiligten gibt es nicht. Fast wie zufällig stehen sie auf der Bühne herum und singen sich gegenseitig an oder auch aneinander vorbei. Dabei hätten sie sich doch so viel zu sagen, so viel zu erklären. Körperkontakt gibt es nur in Form von Schlägen.

Dann endlich Landesliga

Nach der Pause ist alles anders und vieles wesentlich besser. Schon allein die Kostüme zeigen dies. Die sind nicht mehr Heimatmuseum, sondern zwischen Gestern und Jetztzeit angesiedelt. Denn Liebe, Eifersucht, Betrug, Mord und Totschlag sind immer noch aktuell. Das Bühnenbild ist auf die wesentlichen Dinge reduziert. Der Schminkspiegel darf nicht fehlen. Schließlich geht nicht nur ums Masken auflegen im Komödianten-Milieu, sondern auch um das schonungslose sich selbst betrachten.

Am Ende ist Canio beides: Opfer des Tonio und Mörder der Nedda. 
Foto:TNLos

Das Loh-Orchester ist auf  Betriebstemperatur. Die Dynamik macht klar: Das Ensemble hat den fünften Gang entdeck. Auf einmal gibt zum munteren Spiel nicht nur Tempo, sondern auch Tiefe und Aussage. In der Doppelrolle Tonio/Taddeo macht Alik Abdukayumov eindrucksvoll deutlich, was lebenslange Demütigungen und Zurückweisungen aus einem Menschen machen. Da passen Gestik und Mimik wunderbar zusammen. Jago aus Shakespeares Othello hätte seine Freude dran und wie dieser treibt auch Toni nach erneuter Demütigung ein tödliches Intrigenspiel voran.

Sicherlich gehört die ratlose Arie von Julia Ermakova in der Rolle Nedda mit dem „Hui! Stridono lassù, liberamente“ mit der Frage „Wie konnte es nur so weit kommen“ zu den starken Momenten der Inszenierung. Doch den Höhepunkt setzt Ewandro Stenzowski, der als Canio dieser Mischung aus Verzweiflung, Enttäuschung und Wut die richtigen Töne und die richtigen Gesten geben kann.

Aus diesem Machismo heraus ist die Raserei des zweiten Aktes nur folgerichtig. Wenn ich sie nicht behalten kann, dann soll sie auch kein anderer haben, lautet die tödliche Schlussfolgerung.

Überhaupt ist dieser zweite Akt eindeutig der Höhepunkt des Abends und man fragt sich „Warum nicht gleich so?“. Die beiden Ebenen der Erzählung verschmelzen wunderbar miteinander. Die Commedia dell’arte und das Eifersuchtsdrama gehen ineinander über und Publikum und das Volk auf der Bühne haben Probleme die Grenzen zu finden. Julia Ermakova bringt die Todesangst der Nedda/Colombina wunderbar auf die Bühne und Ewandro Stenzowski trägt die blinde Raserei des Canio ohne Verlust in die Rolle des Bajazzo weiter. Am Ende ist er beide: Opfer des Intriganten Tonio und Mörder der Nedda/Colombina. Diesen Zwiespalt bringt Stenzowski wunderbar auf die Bühne.

War die Cavalleria von vorne bis hinten vorhersehbar, gibt es hier zwei bis drei retardierende Momente, in denen die Hoffnung aufflammt, dass alles doch noch ein versöhnliches Ende findet. So muss das sein und deswegen ist das Entsetzen am Ende umso größer.

Auch nach dem Schlusssatz „La commedia è finita“ bleibt die Frage: Warum nicht gleich so, Herr Regisseur?


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