Mittwoch, 7. Oktober 2020

Gegen Corona antanzen

Breites Spektrum bei der Ballettgala im Theater Nordhausen

Manchmal bringt die Not die besten Ergebnisse hervor. Das zeigte die Ballettgala im Theater Nordhausen. Der Schlussapplaus erreichte die Stärke der Vor-Corona-Zeit. 
Intendant Daniel Klajner und Ballettchef Ivan Alboresi begrüßten die drei neuen Mitglieder der Compagnie vor. Diese stellten sich dann mit eigenen Choreographien vor und nachdem Klajner seinen Ballettchef ausreichend gelobt hatte, gab dieser preis, dass er mindestens noch bis 2024 in Nordhausen bleiben wird. 
Spots brennen Lichtkreise auf den Tanzboden. Es sind Platzanweiser. Tänzer kommen auf die Bühne und wissen, wo sie hingehören. Nur so kann Ballett in den Zeiten des "Abstands halten" funktionieren und irgendwann ist das gesamte Ensemble auf der Bühne.
Den ersten Applaus gibt es, als alle ihre Masken aufsetzen. Tanztheater lässt sich nicht von einem Virus aufhalten. Das ist doch ein Statement. 

Es darf wieder getanzt werden.
Alle Fotos: Marco Kneise

Sind es wirklich nur Nummer, wie der Titel des Stücks nahe legt? Alboresi schafft es, aus dieser Ansammlung von einzelnen einen Corpus zu schaffen. Die Solisten finden sich mit den anderen Mitglieder des Ensemble immer wieder zu diesen organischen und wogenden Bewegungen zusammen, die so typisch für die Werke von Alboresi sind. 
Die zweite Choreographie ist der pure Kontrast. Immer wieder legt Luca Scaduto überraschende Wendungen hin, so dass man meint, ihm wären diese Bewegungen eben erst durch den Kopf geschossen. Es ist eine Choreographie, die mit ihrer Spontanität und Dynamik begeistert. 
Luca Scaduto ist Urgewalt und Naturtalent zugleich. Der 25-Jährige hat erst mit 18 Jahren mit dem Tanzen begonnen und seitdem einige bedeutende Wettbewerbe gewonnen. Allein schon sein Auftritt macht den Abend zum Gewinn. Choreografieren kann er wohl auch.

Corona-Zyklus


Hier Emotion, dort Ratio. Mit seinen fünfteiligen Corona-Zyklus wendet sich Ivan Alboresi vom Erzählballett ab und kehrt zu dem zurück, was er am allerbesten kann: Gemütszustände in Tanzschritte umsetzen. Dies geschieht aber mit analytischer Genauigkeit. Das fängt schon mit der Kostümierung an. Die Jogginghose ist zum universellen Kleidungsstück geworden. Lagerfelds Kontrollverlust lässt hier grüßen.
Die fünf Einzelteile beschäftigen sich mit den unterschiedlichen Phasen seit dem Ausbruch der Epidemie. In “Schau nicht zurück” wirkt Thibaut Lucas Nury überraschend introvertiert. Er verkriecht sich immer wieder in die Retrospektive, um am Ende dann doch den dunklen Raum zu verlassen. 
Man darf auch wieder zu zweit tanzen, zumindest Martina Pedrini und Joshua Lowe.
Alle Fotos: Marco Kneise

Martina Pedrini und Joshua Lowe zeigen in “Eins”, was die Krise aus einem Paar machen kann. Mit großen Gesten durchtanzen sie die unterschiedlichen Stadien, die Beziehung durchlebt, wenn man aufgrund äußerer Umstände ganz auf sich selbst bezogen und zurückgeworfen ist. Da steht der Wunsch nach Nähe und Unterstützung gleich neben der vorübergehenden Ablehnung des anderen. 
Ähnliche Phasen durchleben Camilla Matteucci und Urko Fernandes Marzana in “Strange feelings”. Hier treffen zwei nach langer Trennung wieder aufeinander. Es ist ein Abtasten und Hände reichen, auf die Abstoßen und wieder Näherkommen im Wechsel folgen.
Doch den stärksten Eindruck in diesem Zyklus hinterlässt Ayako Kikuchi mit “Zum letzten Mal”. Das ist getanzte Einsamkeit. 
Die anderen Neuen in der Nordhäuser Compagnie sind Alfonso Lopez Gonzalez und Kino Luque. Ihr Pas de deux “Inefable” beschreibt auch eine Zweierbeziehung. Dabei setzen die Spanier auf wohl überlegtes Licht und erzeugen ein Schlussbild, das sich wegen seiner Dringlichkeit ins Gedächtnis brennt. 

Der Ausblick

Im letzten Teil des Abends gibt es den kompletten Wechsel. Haben bisher elektronisch Klänge und Klangcollagen dominiert, ist der Ausblick ein Zurück in die tiefste Romantik. Im Zentrum der diesjährigen Ballettproduktion steht Schuberts “Winterreise”. vorgesehen war "Carmen", aber dann kam ja Corona dazwischen.
Inefable, unbeschreiblich: Kino Luque tanzt.
Foto: Marco Kneise


In der Ballettgala gibt es drei kurze Proben aus der "Winterreise". Es ist Erzählballett, dessen Opulenz im Kontrast zur sparsamen Musik mit Flügel und Bariton steht. Verbunden ist damit die Rückkehr zu klassischen Tanzelementen. Schuberts Alter Ego dreht eine Pirouette nach der anderen. Ist es Ausdruck seiner Verwirrungen und Verzweiflung? Oder tanzt er sich im wallenden Mantel wie ein Derwisch in die Trance? Beide Antworten bleiben bis auf weiteres zulässig.

Die nächste Aufführungen  ist am Samstag, 10. Oktober, ab 19.30 Uhr. Die Premiere des Balletts “Die Winterreise” ist am Freitag, 23. Oktober, um 19.30 Uhr im Theater Nordhausen.

Sonntag, 27. September 2020

Am Ende sind alle verzaubert

Eine fantastische "Fairy Queen" am Theater Nordhausen

Oper ist möglich und sie kann Spaß, sogar in Zeiten von Corona. Das ist die wichtige Botschaft, die von der "Fairy Queen" im Theater Nordhausen ausgeht. Regisseur Achim Lenz und der musikalische Leiter Henning Ehlert haben nicht trotz, sondern gerade wegen der Beschränkungen eine Inszenierung geschaffen, die eine eigenständige Aussage liefert. Dafür gab es bei der Premiere am Freitag donnernden Applaus.

Im Frühjahr schwächelte Lenz "Zauberflöte" noch an der Angst vor der eigenen Courage. Hier hat er nun konsequent gearbeitet und eine überzeugende Arbeit abgeliefert. So ist diese "Fairy Queen" keine weitere Adaption eines bekannten Stoffes. Auf der breiten Basis vieler Einflüsse ist eine eigenständige Interpretation eines Verwirrspiels mit neuen Perspektiven entstanden. 

Die Corona-Auflagen sind fast ein Zwang zur historischen Aufführungspraxis. Doch aus dem Zwang wird ein Gewinn. Das Orchester ist deutlich reduziert. Fünf Streicher, sieben Bläser und ein Cembalo. Diese ungewöhnliche Instrumentierung entspricht in etwa den Vorgaben, die Henry Purcell am Ende des 17. Jahrhunderts für seine Oper gemacht hat.

Das Dreigestirn: Fee, Kuchen und Handwerker.
Alle Fotos: Julia Lormis

Das Klangbild profitiert nur davon. So laufen die filigranen und einfallsreichen Kompositionen nicht Gefahr, in der Klanggewalt eines Symphonieorchester unterzugehen. Ganz im Gegenteil, so poetisch und zart muss es einst im Feenwald geklungen haben, Dafür sorgen die Hölzer. Das wird schön kontrastiert mit dem barocken Stolz der Blechbläser. 

Die aktuelle Sperrung der Orchestergräben ist ein weiterer Schritt hin zur historischen Aufführungspraxis. Das Ensemble sitzt auf der Bühne und das haben Musikerinnen und Musiker jahrhundertelang getan, bevor sie vor 150 Jahre von einem überschätzten Sachsen in die Unsichtbarkeit verbannt wurden. Nun sind sie wieder da, wo sie hingehören und der direkte Weg zwischen Instrument und Ohr des Publikums tut dem Genuss des filigranen Werks gut. 

Das Libretto ist allseits bekannt. Die "Fairy Queen" von Henry Purcell ist die musikalische Umgestaltung von Shakespeares Sommernachtstraum. Weil  Purcell der Feenkönigin Titania eine größere Rolle zugesteht als Shakespeare, hat er diesen doch als untalentierten Dichter in dieser Oper verewigt.

Das Werk eignet sich bestens für Corona-Zeiten. Denn die "Fairy Queen" ist das Glanzstück der in England sehr beliebten Semi-Opera. Schauspiel, Tanz und Gesang waren hier gleichberechtigt. Bekannte Erwartungen werden von vornherein überarbeitet. An dieser Stelle macht Lenz in seiner Inszenierung weiter. Sprech- und Gesangsrollen gehen in einander über, doch die Darstellung muss den Auflagen geschuldet reduziert werden. Bewegen ist nicht erlaub. Die Sänger und der Schauspieler stehen und sitzen wie bei einer konzertanten Aufführung fast nur an der Bühnenrampe. 

Die Bewegung wird ersetzt durch das muntere Spiel mit den Requisiten, die jede und jeder in ihrem oder seinem Köfferchen mit sich herum trägt. Ein kurzer Griff in die Kiste und mit einer Kopfbedeckung wird aus Amelie Petrich als Hermia ganz schnell Amelie Petrich als Fee. Aus Gustavo Edo als Handwerker wird ganz schnell Gustavo Eda als Elfenkönig Oberon. 

Zettel kann auch zaubern.
Alle Fotos: Julia Lormis

Die eigenständige Leistung besteht erst einmal in der erneuten Verschiebung der Gewichte. Aus der "Fairy Queen" wird "Zettels Traum", Arno Schmidt lässt hier deutlich grüßen. Das ganze erzählt Lenz in dem rasanten Tempo von Urs Widmer in seinen "Shakespeares Geschichten". Der Plot ist auf das wichtigste eingedampft. Es ist kein Verlust, sondern ein Konzentrat.

Dabei fügt Lenz den drei Ebenen der Verwirrung aus der Shakespeareschen Vorlage noch eine vierte hinzu. Die antiken Animositäten der schauspielernden Handwerke verlängert er in die Jetztzeit. Frotzeleien und Sticheleien begleiten das Spiel der fünf Darsteller auf der Nordhäuser Bühne. Die sind so gut gesetzt, dass man dem Irrglauben erliegt, sie seien spontan und real.

Dabei ist Lenz mit der Besetzung ein echter Coup gelandet. Er hat die fünf passenden Mit- und Gegenspieler gefunden. 

Dennoch ist es vor allem der Abend von Sven Mattke. Der zeigt die ganze Breite seines Könnens und das ist wirklich breit. Von Komik bis Tragik ist hier alles drin, ohne dass er je ins Lächerliche abrutscht. Mattke, löst die Versprechen ein, die Zettel gibt. So überrascht es nicht wirklich, dass er auch Blumen herbeizaubern kann, wenn es denn sein muss. Dabei setzt er immer wieder die eine oder andere Plattitüde mit einen Hauch Selbstironie ab. So werden Rolle und Darsteller zu einem Ganzen. 

Mattke glänzt mit wohl gesetzten Betonungen, die ganz langsam die Doppeldeutigkeit mancher Formulierung wirken lässt. In den Floskeln verschmelzen 17. und 21. Jahrhundert. Aber der große Augenblick ist das Solo als Esel. Selbst noch unter dieser dominanten Maske glänzt Mattke und ersetzt die Mimik durch die feinen Nuancen der Gestik.

Der zweite Pfeiler der brillanten Besetzung ist Gustavo Eda. Das neue Mitglied zeichnet sich nicht nur durch eine ganz besonderen Tenor aus. Der Mann hat auch schauspielerisches Talent und davon eine ganze Mange, vor allem im komödiantischen Fach. Er ist in der Lage, eine Szene mit wenigen  Gesichtszügen und mit wenigen Gesten aufzulösen und seinen gesanglichen Vortrag gewinnbringend zu unterstützen. 

Solo für einen Elf: Gustavo Eda
als Oberon.
Alle Fotos: Julia Lormis

Dazu hat er eine Stimme wie Samt. Sie schmeichelt, betört und verzaubert und bleibt selbst in den Koloraturen rund. Damit hat Nordhausen nicht nur einen Tenor, auf den das Etikett "lyrisch" bestens passt. Edo hat zudem eine Stimme, die die Poesie dieser Inszenierung noch einmal unterstreicht. Er wandelt zwar Oberon vom rächenden Macho zum staunenden Waldbewohner. Aber wenn Elfen singen können, dann singen sie bestimmt so. Deshalb wünscht man sich am Ende auch mehr Einsätze für Gustavo Eda.  

Auch Amelie Petrich begeistert mit ihrer Stimme. Ihr Sopran ist mit einem kleinen Timbre unterlegt. Das nimmt ihm die Spitzen und macht ihn so rund, wie man es von einer Feenkönigin erwartet. Dabei muss das Publikum aber nicht auf Umfang und Dynamik verzichten. Zum lyrischen Tenor Edo ist Amelie Petrich eben die kongeniale lyrische Sopranistin. Wenn es diese Etikett nicht gibt, dann muss es eben erfunden werden.

Der Reiz diese Inszenierung liegt auch im Verhältnis von Gestern und Heute. Wie es sich für die historische Aufführungspraxis einer Barockoper gehört, steckt diese Fairy Queen voller Symbole und Anspielungen. Die versteht das Publikum nicht immer oder erst auf den dritten Blick.  wie zum Beispiel die Kopfbedeckung des Oberon, die Anja Schulz-Hentrich direkt den barocken Vorlagen entnommen hat. Aber das macht nichts. Es gibt viel zu entdecken und man genießt die Aufführung auch so. Dann sind da ja auch noch die Symbole der Gegenwart, die jeder versteht, wie eben Barby und Ken als Hermia und Demetrius

Mit diesen wenigen Komponenten schafft es Lenz, den ganzen Zauber einer Barockoper wiederzubeleben. Es ist eben eine ganz eigene und eine komplette Welt. Hier gibt es Freude, Verwirrung, Verzweiflung, Enttäuschung, Zauber, Zank und Vergeben und zum Schluss löst die Liebe alles auf. Weil das nötiger denn je ist, liefert Lenz auch eine Aussage für die Jetztzeit.




Gut gemeint ist das Gegenteil von gut gemacht

 "Die Hauptstadt" ist ein vor allem ein Wunschland

Es bleibt dabei: gut gemeint ist das Gegenteil von gut gemacht. Das gilt vor allem für "Die Hauptstadt"  am Deutschen Theater Göttingen. Statt Impulse zur Gegenwart zu geben, reiht

Donnerstag, 27. August 2020

Eins sein mit sich und den anderen

Festival schließt mit Tanzabend ab

Das Theaternatur-Festival ist dann am besten, wenn es etwas wagt und neue Wege beschreitet. Das hat der Tanzabend "UnEins" unter Beweis gestellt. die drei Choreographien konnte auch die begeistern, sich sich sonst nicht so für Tanztheater erwärmen können. Damit bekam das Festival einen gelungenen Abschluss. 

Es war durchaus ein Wagnis von Intendant Janek Liebetruth. Bisher ist Ballett in Benneckenstein nur auf begrenzten Zuspruch gestoßen. Das er mit der dreifachen Aufführung an den letzten Festivaltagen richtig lag, belohnt den Mut. 

Die Klammer war das gemeinsame Thema. Das Individuum und die Gesellschaft, das Ich und das Ihr stand im Mittelpunkt der drei Beiträge. Damit verbunden war ein Querschnitt durch das, was moderenes Tanztheater ausmacht. Klassik. Modern Dance, Break und ein wenig Akrobatik fanden an den drei Abenden zusammen. Dies ermöglichte die Vielfalt an ausdrucksformen 

Ein Solo, eine Quadrille und ein Ensemble. Auch hier waren die Formen vielgestätigund auch widersprüchlich.

Das Solo

Eine leere Bühne, links ein Stuhl, der aus einem Dorfgemeinschaftshaus zu stammen scheint. In seiner Choreographie verzichtet Yotam Peled auf Requisiten. Der Tänzer lässt in seinem Werk seinen Körper sprechen. 

Aber erst einmal muss man die Stille aushalten. Fast zwei Minuten lang kein Ton und keine Rührung ehe er sich in  Bewegung setzt. Aus der Stille wird ein penetranter Sinus-Ton. Es sind Bewegungen, die beim Zuschauen schmerzen. Peled scheint nicht Herr über seine Gliedmaßen zu sein. Er zuckt, er streckt sich, er dreht sich. Mediziner würden einen tonisch-klonischen Krampfanfall vermuten. Auf jeden Fall wirkt die Figur auf der Bühne fremd bestimmt. 


Aus dem Sinus-Ton wird Rhythmus und die Bewegungen verlaufen nun synchron. In seinem Militärdress vollführt Peled Übungen, die eindeutig Drill sind. Immer noch ist er fremdbestimmt.

Es ist jede Menge Breakdance und Akrobatik in dieser Aufführung. Immer wieder dreht und windet sich Peled auf dem Kopf. Er leidet. Er verdreht sich, weil andere, unsichtbare an ihm drehen. Das lässt den Schmerz fühlen. Aber mit diesere Kombination überwindet er auch die Grenzen etablierter Tanzformen. 

Doch der Tänzer und Choreograph erzählt hier in Etappen die Geschichte einer Emanzipation. Aus dem Gruppenmitglied wird ein Individuum. Stück für Stück, Windung für Windung  pellt er sich aus der Uniform. Er entpuppt sich bis aus der Larve ein schillerndes Insekt geworden ist.

Doch Peled geht weiter. Zum Schluss ist er nackt und verletzlich, aber er selbst. Wie Phönix erhebt er in einem starken Schlussbild aus der Asche seiner Uniformität. Auch hier muss man die Stille wieder aushalten können. Dazu zwingt das reduziert Licht geradezu zur Konzentration  Weil seine Geschichte nicht im Mief des Persönlichen bleibt, sondern über das Ego hinau transzendiert und Anknüpfungspunkte für jedem im Publikum bietet, ist dieses begeistert.

Viererbande

In der Choreographie von Xenia Wiest steht die Dynamik einer Gruppe im Vordergrund. Es geht um das Zueinander positionieren, das Zueinander finden und das sich Voneinander entfernen. Das  

Vier Menschen, ausgestattet mit Klappstühlen, bilden ein Geviert, das die Größe eines Boxrings hat. Jeder verbleibt in seiner Ecke und beschäftigt sich mit sich selbst. Das bietet zwar schöne Einzelleistungen, wirkt aber nicht harmonisch. 



Ein Klavier spielt Tonlinien aus der Romantik, die man vor allem mit Einsamkeit assoziiert. Auch die Sprache der Tänzerinnen und Tänzer verbleibt im klassischen Tanztheater. 

Dann tritt die Tänzerin Alice Gaspari an die Rampe und dreht an einem Radio. Die Lautsprecher spucken das Kratzen eines manuellen Suchlaufs aus, bis die Suchende bei einer klassischen Soul-Nummer. Alle sind wie verzaubert. Auf einmal klappt das Miteinander. Aus den vier Solisten ist ein Ensemble geworden. 

Aus der Klassik wird Jazz Dance. In Geviert ohne Stühle begeben sich die Tänzerinnen und Tänzer auf die Suche nach dem verbindenden Wesen der Musik. Ob man dabei so viel mit den Armen rudern muss, sei dahin gestellt.Tänzerinnen und Tänzer aus der Klassik wirke ein wenig hüftsteif für den beckenfordernden Soul.

Doch jeder Zauber ist schnell zu Ende. Der nächste Sendersuchlauf endet im Feuilleton und einem Vortrag über das paradoxe Verhältnis von Individuum und Gruppe. Daher der Name Füße aus, Kopf an, Stühe aus der Ecke. Alle vier finden sich nun in einem Stuhlkreis wieder. Was die Vier deutlich machen: Man redet mit Händen und Armen über einander. 

Xenia Wiest hat eine feine Beobachtung in eine passende Sprache umgesetzt. Aus dem Diskurs wird schnell ein Nachäffen. Es wird nicht klar, wer den Ton angibt. Die Vier sind synchronisiert als sie aus dem Stuhlkreis heraus wieder den Tanzboden erobern. 

Doch die Harmonie der zweit Szene ist verschwunden. Nun folgt der letzte Bruch. Marco Rizzi verlässt die Gruppe und markiert sich selbst als Außenstehenden. Das ist das letzte Bild, das in Erinnerung bleibt. 

Die Compagnie

Die Choreographie "Konsequenzen" hat Ester Ambrosino bereits 2017 erarbeitet. In der Corona-Krise wird die Frage nach dem Verhältnis von Individuum und Gesellschaft, nach Handeln, Unterlassen und Folgen immer wieder neu gestellt. Deswegen hat die Arbeit des Tanztheaters Erfurt schlagartig an Aktualität gewonnen.

Es ist eine surreale Reise ohne Ziel über viele Stationen durch dieses weite Feld, das aber keinen Erzählstrang folgt. Hätte Buñuel Ballett gemacht, es hätte wahrscheinlich so ausgesehen. Es sind überwältigende Bilder, die sich der üblichen Logik entziehen.Es ist vor allem ein gelungenes Zusammenspiel aus den Elementen Tanz, Sprache, Musik und Licht und an diesem Abend der Beitrag mit der meisten Reife.   

Nicht alles erschließt sich dem Betrachter, einiges bleibt im eigenen Code der Gruppe verborgen. Andere Szenen sind von beeindruckender Eindeutigkeit. Das gilt vor allem für die Fesselszene, in der das Individuum im Netzwerk über den Tanzboden geschliffen wird. Oder die "Reise nach Jerusalem", die Inklusion und Exklusion in Bewegung und Gruppendynamik umsetzt. Soziale Prozesse werden durch Tanz verdeutlicht. Was will man mehr? 

 


Der Dreiklang lautet Geheimes, Eindeutiges und Ambivalentes. Damit ist die Inszenierung komplett und gibt jedem die Chance für die eigene "Konsequenz". Dazu gehört der geschlechtslose Riese. Ist es ein Figur aus Pink Floyds "The Wall" oder ein Verwandter von Harry Potters Dementoren? Was macht der Reise eigentlich? Ist das die heilige Konsequenz? Manche Fragen muss man sich selbst beantworten und das ist gut so, denn die Choreographie von Ester Ambrosino  setzt eben auf erwachsene Zuschauer.

Genauso vielfältig sind die Formen. Das Tanztheater Erfurt verbindet in dieser Aufführung Modern Dance mit Jazz Dance und macht Anleihen beim Break Dance. Es sind immer raumgreifende Bewegungen, als wollten die Tänzerinnen und Tänzer selbst in der Klaustrophobie die ganze Welt umarmen. 

Dabei können sowohl die Solisten überzeugen als eben auch die Compagnie als Gruppe. Die Spannung entsteht in aller Regel aus den Einzelleistung im Kontrast zum Ensemble, dass wie ein Körper agiert.

Dennoch hätte konsequente dramaturgische Arbeit der Aufführung gut getan. Bei einer Dauer von 65 Minuten als dritter Teil eines Tanzabend ist die Aufnahmefähigkeit im Plenum dann schon erschöpft. Auf jeden Fall weckt dieser Tanzabend die Vorfreude auf Theaternatur 2021  



Material #1: Mehr Fotos - hier

Material #2: Theaternatur - Das Festival

Montag, 10. August 2020

Der Sandmann fährt Porsche

 Es ist noch nicht soweit: Viele Ansätze, die nicht alle tragen

Es bleibt dabei: Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht. So geht es auch dem Hauptstück “Es ist noch nicht so weit” beim diesjährigen Theaternaturfestival in Benneckenstein. Es steckt voller vielversprechenden Ansätze, die aber nicht immer umgesetzt werden.

Es ist ein Zwei-Jahres-Programm auf der Waldbühne in Benneckenstein. Nachdem 2019 die Wende unter die Lupe genommen wurde, soll es in diesem Jahr um die Folgen der deutschen Einheit gehen. Auch dafür erging ein weiterer Auftrag an den Autoren Sören Hornung. Während seine letztjährige “Legende von Sorge und Elend” eine Anhäufung von Klischees war, kommen die Figuren in “Es ist noch nicht soweit” wesentlich differenzierter daher.


Sandmann West, Achim und Kassandra am Dachfenster. 
Alle Fotos Frank Drechsler

Es ist ihm hoch anzurechnen, dass er für diesen Anlass das gewohnte Narrativ von Gewinner West und Verlierer Ost durchbricht. Sein Stück kennt nur einen Gewinner und das ist der Sandmann Ost. Immerhin kann der jetzt Porsche fahren, während sein Kollege aus dem Westen seit 30 Jahren arbeitslos ist. Gewissermaßen eine Retourkutsche auf die ehemals noblen Gefährte des Westvertreters. 

Diese schöne Arbeitsgrundlage hat nur einen entscheidenden Fehler. Der Sandmann West hat die Wende nie erlebt. Er wurde schon im März 1989 von der ARD aus dem Rennen genommen. Ein Treffen der Deinhardt-Drummerin und der Rotkäppchen-Schaffnerin oder der Ampelmännchen wäre also authentischer gewesen. Aber eben nicht so lyrisch. Sekt trinkende Frauen erzählen, selten Geschichten die Kinder verzaubern.

Nun lebt der Sandmann West also mit seiner Tochter Kassandra in einer Dachgeschosswohnung im Osten. Weil es dort günstiger ist. Während er seiner Misanthropie freien Lauf lässt, versucht sie stets, das Gute in den Menschen und der Situation zu sehen. auf jeden Fall will der Sandmann keine Geschichten mehr erzählen und auch keinen Gesichten mehr glauben.

Das Bühnenbild von Hannes Hartmann ist eine Wucht. Es zeigt die Dachgeschosswohnung mal von innen, mal von außen und beherrscht das Geschehen. Gedreht wird es immer und immer wieder mit Muskelkraft und das gibt den Bühnenhelfer den Status von inoffiziellen Mitarbeitern im Sisyphos-Modus.

Wie eine Sternschnuppe taucht Achim auf. Er ist arbeitsloser Straßenbahnfahrer, informiert den Sandmann und dessen Tochter Kassandra über die Supersendungsshow, bei der jeder eine zweite Chance erhält. Dann verglüht Achim wie eine Sternschnuppe.

Erst später wird klar, dass diese Show in der Sandmann-Wohnung stattfinden soll. Ihm steht  de facto eine Enteignung bevor, wie sie viele Ostdeutsche nach 1990 empfunden haben. 

Auch Sissy Foss wird es wie Achim ergehen. Ihr Auftauchen ist nur ein Beitrag zur langwierigen Vorbereitung des vermeintlichen Showdowns. Auch ihr Faden verleirt sich ohne Folge. Während es Benjamin Kramme gelingt,seiner Figur unfreiwillige Komik zu geben, bleibt Carolin Wiedenbröker durchweg blass.

Sissi Foss oben und Kassandra unten
Alle Foto: Frank Drechsler

Das liegt auch daran, dass nur die wenigsten im Publikum verstehen, welch Abstieg mit dem Weg aus Bietigheim-Bissingen im Stuttgarter Speckgürtel in die ostdeutsche Pampa verbunden ist. Man muss schon sehr bewandert sein, in Zeitgeschichte und Soziologie, um alle Anspielungen in diesem Stück deuten zu können. Das gilt insbesondere für die Showeinlage der Kartoffeln, die im Südeuropa gern als Synonym für Deutsche gesetzt wird.

So gelingt es Jennifer Sabel in der Rolle der Kamerafrau Frauke auch nicht, das Tragische am Tod ihres Lebensgefährten herauszuarbeiten. Der Mann aus Ostdeutschland wurde in Afghanistan von einer sowjetischen Hinterlassenschaft des Kalten Kriegs getötet. 

Es ist Patchwork, der Flickenteppich will nicht zu einem Gesamtwerk werden. Es sind zuviele Fäden und es fehlende die ordnende Hand. Das Nähkästchen bietet dem Publikum immerhin viele Möglichkeiten der Identifikation. 

Regisseur Janek Liebetruth gelingt aber eine gekonnte Vermischung von Schauspiel, Videoprojektionen und Klangcollagen. Seine beiden Hauptdarsteller Hans Klima als Sandmann West und Achim Wolff als sein Kontrahent zeigen große Schauspielschule. Leider dauert es aber 60 Minuten, bis es soweit ist, bis die Titanen des Kinderfernsehens aufeinandertreffen. Etwas mehr Dramaturgie hätte da sicherlich geholfen.

Schon mit der Gestik und Mimik zeigt Klima, wie weit der Verlierer sich in sich selbst zurückgezogen hat. Erst als er auf seinen Widerpart trifft, überwindet seine Stimme den Grummelton. Mit allen Teilen kommt er aus sich heraus.

Gleich knallt's. Alle Fotos: Frank Drechsler


Wolff hingegen schmeichelt akustisch, beschwichtigt salbungsvoll als käme er gerade von Predigerseminar. Er macht die großen, raumgreifenden Gesten, die Posen eines Mannes, der auch im Moment des Siegs noch auf Versöhnung setzt. Da ist es schon tragisch, dass sein Vorhaben einer Nachlässigkeit mit dem Gesäß zum Opfer fällt. Das sorgt aber immerhin für einen deutlichen Knalleffekt.

Mit den Programmen der Jahre 2019 und 2020 wollte das Theaternaturfestival einen Beitrag zur Zeitgeschichte liefern. Doch “Es ist noch nicht soweit” kommt zu spät. Im Jahre 30 der deutschen Einheit laute der Konflikte nicht mehr "Ost und West". Das zeigt schon die Tatsache, dass die Hauptsponsoren für das Festival im Westharz zuhause sind.

Die Trennlinien im digitalpostmodernen Deutschland verlaufen mittlerweile an anderen Stellen, zwischen urban und ländlich, zwischen alter Industrie und neuer Dienstleistung, zwischen Aufsteigern und Abgehängten. Damit ist das Stück aber immerhin eine amüsante Nabelschau.

Freitag, 7. August 2020

Futter fürs Kino im Kopf



Ein Stück Filmgeschichte als Buch: Die “Goldfinger Files” sind erschienen

192 Seiten und 2,5 Kilo für 6 Minuten 37 Kinokunst. Mit “The Goldfinger Files” haben Steffen Appel und Peter Waelty ein Werk vorgelegt, das sich um eine Legende der Filmgeschichte dreht, die Schweizer Episoden aus dem Bond-Film „Goldfinger“. Dabei setzt das Buch selbst neue Maßstäbe.

Den Autoren ist mit den „Goldfinger Akten“ eine beispielhafte Mischung aus Detailwissen und dem Blick fürs Ganze gelungen. Cineastische Fakten werden in die zeit eingeordnet, in den gesellschaftlichen Kontext gestellt und Entwicklungen aufgezeigt. Letztendlich steht so die Figur des James Bond für die vielfältigen Umwälzungen der 60-er Jahre.

Dazu kommt die gelungene Präsentation. Die Texte sind auf das Mindestmaß reduziert. Ein Buch über einen Film braucht Bilder und mit 346 Abbildungen gibt es reichlich davon. Dabei schöpfen Appel und Waelty aus einem reichen Fundus. Es sind Fotos der Journalisten Hans Gerber, Josef Ritter und Ernst Kocian ebenso wie die privaten Aufnahmen der Statisten, Hoteliers und der Filmcrew. Dazu kommen Repros aus dem Drehbuch.

Das Format von 27 mal 33 bietet vor allem als Doppelseite reichlich Platz, und Gerd Steidl und sein Team haben ihn bestens genutzt. Seiten füllende Bilder zeigen die einmalige Landschaft und gewähren intime Blicke auf die Darsteller. Sean Connery gibt sich geradezu euphorisch. Ahnt er etwas?
Der gut eingesetzte Weißraum vermittelt eine Ahnung von den sonnigen und heiteren Tagen am Oberalppass im Juli 1964. Das ist Kino fürs Kopf und macht aus dem Betrachter einen Zeitzeugen. Mehr geht nicht.

Das Buch gibt nur 6 Minuten 37 “Goldfinger” wieder. Aber das Werk ist der Blick in eine vergangene Zukunft. Bond-Filme gibt es 25, doch “Goldfinger” gilt immer noch als der beste. Erst mit dem dritten Streifen erreichte die Serie den Kultstatus.

Das liegt an den Hauptdarstellern Sean Connery und Gerd Fröbe. Aber auch daran, dass die Figur des Agenten Bond hier endlich ausgeformt ist. Mit “Goldfinger” wird er zum Idol. Dieser Film eröffnete neue Dimensionen und er ist immer noch einer der umsatzstärksten der gesamten Serie.

Der Aufbau

Das Buch ist nach Drehtagen sortiert. In sieben Kapiteln gibt es Einblicke in die Arbeit am Set, aber noch viel mehr vom Drumherum. Dabei zeigen Appel und Waelty zwei widersprüchliche Phänomene.
“Goldfinger” war bahnbrechend auch in Sachen Product Placement und Professionalisierung.

So verdrängte Ford kurz vor Drehbeginn Triumph als Gefährt für den Racheengel Tilly Masterson. Der Film wurde zu der Bühne für den gerade erst angelaufenen Mustang. Der Deal war so kurzfristig, dass das Drehbuch nicht mehr geändert werden konnte. 

Die Schweizer Behörden zeigten sich äußerst kooperativ. Sie wollten den Film als Imagepolitur nutzen. Schließlich galten die Eidgenossen als Eigenbrötler und Geheimniskrämer.

Dieser Vermarktung stehen Drehbedingungen gegenüber, die heute bestenfalls als “unprofessionell” gelten. Von Abschottung und Geheimniskrämerei keine Spur. An allen Drehtagen waren Fotografen am Set und dokumentierten fleißig. Journalisten führten zwischen den Szenen schnell mal Interviews mit den Stars und abends feierte man gemeinsam im Hotel Bergidyll. Die Strategie ging jedenfalls auf. Schon vor dem Kinostart war die Berichterstattung enorm.

Mit Tilly Masterson tritt auch ein neuer Typus Frau auf. Sie ist die erste, die nicht bei Bond im Bett landet. Stattdessen arbeitet am eigenen Plan. Das war wohl selbst für die 60-er Jahre zuviel und deswegen stirbt sie den Filmtod. 

Appel und Waelty machen eine weitere Innovation deutlich. Mit Auric Goldfinger betritt ein neuer Typ Bösewicht die Filmszene. Er will nicht erobern oder zerbomben. Seine Machtbasis ist die Spekulation und seine Waffe die Wette gegen Währungen. Damit bekommt die Bond-Serie das Motiv der Weltherrschaft über den Tatort Börse und Bond den einzigen ernst zunehmenden Gegner. Der Macht des Reichtums kann selbst das britische Empire nicht standhalten. Der Dialog "Do you expect my to talk?" -  "No, Mr Bond. I expect you to die." ist knapp vor der Realisierung

Für Connery war “Goldfinger” ein großer Schritt nach vorn. Fröbe untermauerte seinen Ruf als Charakterdarsteller. Aber für Tania Mallet in der Rolle der Tilly Masterson war es die Endstation. Sie verzichtete auf weitere Filmrollen. Als Model verdiente sie damals ein Vielfaches der Film-Gage.  Damit sind die “Goldfinger Files” ein Erinnerungsstück an eine verpasste Chance. Connery und Fröbe wurden Götter, Mallet verstarb letztes Jahr weitestgehend unbeachtet.

Die Daten

Erschienen sind “The Goldfinger Files” im Steidl-Verlag Göttingen. Das Buch beinhaltet 346 Abbildungen auf 192 Seiten und kostet 38,- Euro. Die ISBN lautet 978-3-95829-746-3.

Montag, 6. Juli 2020

Mit Alice ins digitale Wunderland

Theaterclubs eröffnen neue Dimension des Spiels

Sie haben es wieder getan. Zum zweiten Mal in der Corona-Krise hat das Deutsche Theater Göttingen die Maßstäbe für zeitgemäßes Spiel neu definiert. Mit “Ich sehe was, was du nicht siehst” haben die Theaterclubs eine neue Dimension eröffnet, in der sich Wirklichkeit und virtuelle Realität mischen. Das Urteil des härtesten Kritikers ist eindeutig: "Geil".

Am Sonntag ging das Projekt gewissermaßen online. An diesem Termin sollte eigentlich der Start des Festivals “Am Puls” sein. Doch Corona hat dies und auch die Proben dazu verhindert. Da man aber doch etwas aufführen wollte, haben Gabriele Michel-Frei, Lisa van Buren und Jana Kühner etwas Neues konzipiert. Man könnte es als “Theater on demand” bezeichnen.

Erst scannen, dann gucken,
Alle Fotos: Kügler 
In der Corona-Krise haben sich viele Theaterschaffende mit Streaming abgemüht. die wenigstens Ergebnisse waren länger als 15 Minuten sehenswert. DT-Intendant betont zu Recht, dass hochwertiges Streaming eben auch einen hochwertigen Aufwand erfordert. Zudem macht es die Betrachter zu reinen Konsumenten, die auf die Perspektive der Kamera reduziert werden.
“Ich sehe was, was du nicht siehst” geht einen anderen Weg. Es zieht das Publikum in das Spiel hinein und lässt ihm doch die Freiheit der eigenen Sichtweise. Zudem entsteht im Grenzbereich zwischen Konserve und Jetzt eine neue Dimension des Spiels.

Die Clubs haben in Kleingruppen geprobt und gefilmt. Ihre Szenen spielen um das Haus herum, in den Werkstätten und auf dem Theaterwall. So sind 11 Stationen entstanden, die ein Ganzes ergeben.
Technik braucht man doch schon. Die Szenen werden per Smartphone und QR-Code aufgerufen und in Corona-sichern Gruppen läuft man die Stationen ab. Menschen, die auf Handys starren, gehören nun zum Erscheinungsbild des DTs. Ein Bluetooth-Kopfhörer vervollständigt die Abschottung zur Außenwelt. Jeder ist sei eigener Kosmos, seine eigene Filterblase.

Deswegen sagt der härtestes Kritiker aber auch: "Man kommt sich schon komisch vor, gelegentlich zumindest."
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In der ersten Szene übernimmt Helena die Begrüßung. Sie fungiert nun als Lotsin durch den Videowalk. Mit einem Rüschenkleid kostümiert erweckt sie Assoziationen an Alice. Weil auch immer wieder ein Kaninchen durch das Bild hüpft, ist der Betrachter schon mit dem ersten Schritt im Wunderland.

Neun Theaterclubs beteiligen sich an dem Projekt. Dementsprechend vielfältig ist das Ergebnis. Es geht um aktuelle fragen, wie den Umgang mit Müll. Shakespeare taucht gleich zweimal auf und Ödipus spielt auch eine Rolle. Es gibt Tanzt und einen Ratgeber für Erwachsene.

Einige Szenen setzen auch leichte Verfremdung und die Perspektiven sind ungewöhnlich. Die Jugendlichen haben mit den Möglichkeiten experimentiert.

Leider fällt der Beitrag des Spielclubs 20+ ab. Er wirkt wie abgefilmtes Theater und passt sich sich nicht in das Gesamtbild ein.die Szene bezieht die Umgebung nicht ein und vergibt damit viele Möglichkeiten.

Endgültig verschwinden die Grenzen im Betrag des Spielclubs 10 - 20. Der Zoom geht in den verwunschene DT-Garten am Wall. Zwischen den alten Bäumen zeigen sie die Ausgangspositionen in Shakespeares “Was ihr wollt”. Der Klassiker landet sprachlich und visuell im 21. Jahrhundert. Da ist es schon schade, dass der Clip nicht länger dauert.

Den ganzen Sommer

Ein Rundgang dauert je nach eigenem Tempo etwa 50 Minuten. Noch bis zum 12. Juli finden täglich Vorstellungen statt. Dabei machen sie sich die Einzelpersonen und Kleingruppen im Abstand von 15 Minuten auf den Weg. eine Anmeldung unter theaterkasse@dt-goettingen.de ist erforderlich.

Der Besuch ist kostenlos, aber ein Spende für das Projekt “Theaterkasse” ist gern gesehen. Damit wird die Theaterarbeit in den Schulen unterstützt.

Ursprünglich war geplant, die OR-Codes während der gesamten Sommerferien zu präsentieren. Ob dies möglich ist, wird derzeit noch geklärt.