Mittwoch, 20. November 2019

Auf die Kleinigkeiten achten

Tristan und Isolde am Theater für Niedersachsen

Wagner zum Auftakt. Fünf Monate lang wurde das Theater für Niedersachsen renoviert. Zur Wiedereröffnung gab es "Tristan und Isolde". Die Inszenierung von Tobias Heyder zeigte sich der Tradition verpflichtet. Die Darsteller überzeugen mit guten Leistungen, aber den Star des Abends gab es nicht zu sehen.

In seiner Eröffnung scherzte  der Intendant. Man habe sich solch ein Mammutwerk ausgesucht, um die Qualität der neuen Bestuhlung zu testen, so Jörg Gade. Immerhin ist die Dauer der Oper mit 4 Stunden 45 Minuten angegeben. Die Sitzprobe fiel positiv aus.

Ein anderes Ziel der Renovierung war nach Gades Angaben auch die Verbesserung der Akustik. Davon profitierte an diesem Abend vor allem das Orchester.

Abgesehen von modischen Ergänzung bleibt Heyders Interpretation massenkompatibel. Der  Regisseur aus Hamburg scheut das Risiko und liefert eine Aufführung ab, die bestimmt keinen Skandal erregt, weil das Skandal-Potential nur bei genauen Hinschauen entdeckt wird. Mit Julia Borchert und Hugo Mallet in den Titelrollen setzt er auf Sänger, die auf Erfahrungen mit Wagner-Werken verweisen können. Das Publikum ist ihm dafür dankbar.

Tristan und Isolde dem Bett entstiegen.
Alle Fotos: T. Behind/TfN 
Als der Vorhang sich hebt, zeigt das Bühnenbild eine Kajüte und ein zerwühltes Bett. Tristan und Isolde stehen eng beieinander. Durch die Tür links dringt die Realität in das Refugium ein. Tristan und Isolde sind auf den Weg nach Kornwall. Dort soll die Prinzessin ihren Verlobten, den König Marke, übergeben werden.

Heyders Neuerungen sind vorsichtig gesetzt. Sie lassen durchaus die Interpretation zu, dass Tristan und Isolde die Nacht miteinander verbracht haben. So erklärt sich die endlose Litanei über Sühne, Schuld und Huld, die später folgt.

Gerade dieses Werk ist handlungsarm, oft stehen die Figuren im Raum herum und rezitieren über hier Innerstes. Deshalb kommt es auf die Kleinigkeiten an. Aber Julia Borchert und Neele Kramer als Zofe Brangäne durch brechen die Starre immer wieder. Neben faszinierenden Gesangsleistung liefern die beiden auch starke Darstellungen ab. Sie wissen Mimik und Gestik genau zu setzen. Sopran und Mezzosopran ergänzen sich wundervoll und Julia Borchert legt Koloraturen vor, die für Erstaunen sorgen.

Hugo Mallet, einigen noch bekannt aus seinen Zeiten am Theater Nordhausen, ist fast schon ein reiner Wagner-Tenor. Doch den Tristan singt er zum ersten Mal und im ersten Akt wirkt recht gehemmt. Ob dies ein Ausdruck seines schlechten Gewissen angesichts des One-Night-Stands bleibt unklar. Erst im Tristan-Isolde-Duett erwacht er aus seiner Lethargie und sorgt dann für einen Gänsehaut-Moment. So wird unendliche Liebe in Gesang gegossen.

Das begrenzte Bühnenbild sorgt für eine klaustrophobische Atmosphäre. Immerhin wurde die Bühne noch einmal verkleinert und das Geschehen auf einen Sockel etwa einen Meter über dem Boden gestellt. Die Enge eines Schiffs wird fast schon greifbar und die Spannungen an Bord bekommen den passenden Raum. Doch das Schiff erreicht die Küste, die Rückwand hebt und im Nebel und im Gegenlicht erscheint König Marke wie ein Erlöser. Das ist ein starkes Bild, das noch dadurch getoppt wird, dass der Spot plötzlich auf der strahlend weißen Isolde an der Rampe liegt. Überhaupt kann die Inszenierung mit einer starken und schlüssigen Lichtführung punkten.

Tristan ein letztes Mal auf den
Beinen.        Foto: T. Behind/TfN
Hatte der erste Akt schon viel Holz zu bieten, so wird dies im zweiten noch einmal gesteigert. Heyder hat die Handlung in eine Spelunke im Harz-Design verlegt. Vielleicht hätte ein reduziertes Bühnenbild zur reduzierten Handlung besser gepasst. Leider kommt Bühnenbildner Pascal Seibicke erst im dritten Akt auf diese Idee.

Wieder geht Julia Borchert in der Rolle der verzweifelt Liebenden völlig auf.Wie auch im ersten Akt entdeckt man Heyders Neuerung erst beim genauen Hinsehen. Am linken Bühnenrand zeigen die Komparsen die drei Stadien der Paarbeziehung: Frisch verliebt, kriselnd und aufgelöst.

Nun kommt auch mal Uwe Tobias Hieronimi zur Geltung. Sein König hat dem Charme eines Mafia-Paten und als solchen liegt ihm die Treue ganz besonders am Herzen. Der dritte Akt wird dann Levente György als Tristans Vertrauter Kurwenal dominiert. Der Bariton legt eine Arie hin, die die Grenzen seines Stimmfachs durchaus auslotet.

Doch erst das Orchester macht den Abend zum Erlebnis. Dirigent Florian Ziemen erzeugt ein transparentes Klangbild. Süß säuselnde Streicher übergeben an bedrohlich blasendes Blech und eine offenherzige Oboe obenauf. Die TfN-Philharmonie schafft es, die zahllosen wagnerischen Wendungen und tausenden musikalischen Überraschungen großartig darzustellen. Sie ist dem Ideenreichtum des Komponisten mehr als nur gewachsen, sie zelebriert sie geradezu.

Das Orchester macht deutlich, dass bei Wagner die Musik im Vordergrund steht. Alle aneinandergereihten Alliterationen, die wonnig wuselnden Wortverstümmelungen und die gebrochen stolzierenden Stabreime hat sich der Mann aus Leipzig nur ausgedacht, um etwas Text zu seinem musikalischen Überschwang zu haben. Warum er dazu das Orchester aber in den Graben versenkt hat, dass bleibt ewig ein Geheimnis.



Material #1: Theater für Niedersachsen - Die Website
Material #2: Tristan und Isolde - Die Inszenierung

Material #3: Richard Wagner - Die Biografie
Material #4: Tristan und Isolde - Die Oper

Material #5: Fliegender Holländer - Noch ein Wagner am TfN






Sonntag, 3. November 2019

Der Verlust der Menschlichkeit

Warten auf Godot am Deutschen Theater in Göttingen

Wie nähert man sich einen Stück, dass seit mehr als 60 Jahren zu den Allgemeinplätzen des Theaters gehört. Zu dem alles gesagt und alles interpretiert scheint? Man nähert sich so wie Erich Sidler mit seiner Inszenierung von "Warten auf Godot" am Deutschen Theater in Göttingen. Weil es zudem noch starke Schauspieler gab, fiel der Applaus bei der Premiere am Samstag sehr stark aus.

Zwei Landstreicher treffen sich in einer Ödnis. Die Nacht zuvor haben beide im Straßengraben verbracht. Gemeinsam warten sie auf Godot, den sich nicht kennen und von dem sie nicht wissen, was sie von ihm wollen. Während Estragon immer wieder zum Aufbruch in das Nirgendwo auffordert, erinnert Wladimir daran, dass man eben mit jenem Godot verabredet sei und dass dieser zu unbestimmter Zeit kommen werde.

Die Wartezeit verbringen die beiden Landstreicher mit Betrachtungen über das Leben im Allgemeinen und ihres im Besonderen. Es wird klar, dass sie schon den Tag vor dem ersten Akt so verbracht haben und dass sie auch den Tag nach dem zweiten Akt so verbringen werden.

Warten? Ok, aber worauf?
Alle Fotos: Georges Pauly/DT
Mit "Warten auf Godot" hat Samuel Beckett 1953 ein Stück vorgelegt, das schnell zum Teil der Populärkultur wurde. Es liefert die Vorlage für so unterschiedlichen Werke wie "Once in a lifetime" von Talking Heads oder Bill Murray "Täglich grüßt das Murmeltier".  Kann man mit einer Inszenierung dem noch etwas Neues abgewinnen oder nur ein weiteres Mosaikstück zur Erinnerungsarbeit des 20. Jahrhunderts hinzufügen?

Erich Sidler hat eine Arbeit abgeliefert, die das Kunststück vollbringt und dem viel Gespielten eine neue und wichtige Perspektive gibt. Sein Wladimir und sein Estragon sind keine Gescheiterten, die auf einer Bank sitzenden sich in Küchenphilosophie üben. Sie werden zu Agierenden.

Damit verschiebt Sidler  den Fokus vom Plaudern über die Absurditäten der menschlichen Existenz hin zur zwischenmenschlichen Interaktion. Er zeigt Abhängigkeiten und Machtstrukturen und wie schnell sich Menschen davon korrumpieren lassen. So holt Sidler "Warten auf Godot" aus dem "Werte und Normen"-Unterricht zurück in die aktuelle Berichtstaatung. Das ist aber nur möglich, weil er mit Paul Wenning, Gerd Zinck und Bastian Dulisch drei starke Hauptdarsteller aufbieten kann.

Beklemmend, fordernd und schonungslos zeigt sich das Stück. Die Aufführung findet auf der Vorbühne statt, ganz dicht am Publikum. Weil die oberen Ränge abgehängt sind, wird das Große Haus zu einer Studiobühne. Das steigert die Intensität noch einmal

Das Bühnenbild von Dirk Becker verstärkt den klaustrophobischen Eindruck. Mit Traversen hat Becker einen Käfig um die Vorbühne gezogen. Wladimir, Estragon, Pozzo und Lucky werden Gefangene sein. Im Hintergrund täuscht eine Ideallandschaft mit Allee Behaglichkeit vor.  Im Laufe der Aufführung wird sich die Landschaft verdunkeln, im Nebel auflösen, wieder sichtbar werden und zum Schluss bedrohlich nahe rücken. Sie ist ein leicht verständlicher Indikator der inneren Handlung.

Estragon ist bereits auf der Bühne, Wladimir kommt hinzu. In wohlgesetzten Worten unterhalten sie sich über ihre Situation. Es geht um Vergangenheit und verpasste Chancen und auch im gegenwärtige Gewalt. "Warten auf Godot" ist Sprechtheater in Vollendung. Es kommt auf jedes Wort an, auf jede Betonung, alles ist mit Sinn aufgeladen. Das stellt höchste Anforderungen an die Darsteller und Wenning und Zinck erfüllen diese. Sie verstehen es, die Intonationen zu finden, die den Sinn erst aufblühen lässt. Selbst in Bewegung bleibt die Gestik auf ein Minimum beschränkt. Wenning und Zinck verzichten auf Raumgreifendes. Die Aussage ist wichtig, nicht das Gehabe. Das fordert das Publikum, aber es sorgt für Gewinn.

Estragon und Wladimir müssen Pozzo aufrichten.
Foto: Georges Pauly
Ähnlich in der Anlage dieser beiden Figuren, schafft es Wenning trotzdem, deutlich zu machen, dass Wladimir derjenige ist, der in diesem Gespann das Wort führt. Gute Schauspieler beherrschen eben die feinen Nuancen. Das Spiel läuft zwischen ihm und Bastian Dulisch ab

Dann dringt die Realität in diese Philosophenidylle ein. Der Auftritt von Pozzo und seinem Knecht ist erschütternd. Bepackt wie ein Esel, mit einer Schlinge um den Hals und an der langen Leine geführt, quert erst Lucky die Bühne. Roman Majewski hat hier wohl die schwierigste Rolle der Inszenierung. Gramgebeugt und geschunden weckt er Mitleid und lässt mit leiden.

Es ist ein Bild, das sich einprägt und das Publikum zum Schweigen bringt. Dann tritt sein Herr auf. Gekleidet in Reitstiefel und in Trenchcoat und mit einer Peitsche in der Hand gleich er einem Kolonialherren.

Bastian Dulisch gibt als Pozzo ein Musterbild an Selbstherrlichkeit und Selbstgefälligkeit ab. Stets in strammer Haltung, die Stimme zwischen Brüllen und süßem Flüstern erliegen Wladimir und Estragon schnell diesem Eroberer und seiner Macht. Die anfängliche Empathie für den gepeinigten Lucky schlägt bald in Häme um. Pozzo führt ihnen sein Knecht vor wie einen Primaten und die beiden Landstreicher beteiligen sich am üblen Spiel. Das ist der Verlust der Menschlichkeit.

Doch Pozzo fällt tief. Im zweiten Akt ist der Erblindete auf Hilfe angewiesen, die Wladimir und Estragon nur widerwillig gewähren. Nun haben sie Macht. Aus den schrägen Helden werden echte Anti-Sympathen. Sidler lässt hier tief in die menschliche Seele blicken und der Blick legt wenig Gutes frei. Da tröstet es nur wenig, dass Wladimir und Estragon damit wenig anfangen können. Godot versetzt sie wieder, das Warten geht in eine neue Runde.

Wenn Warten ein Affront zur rastlosen Gegenwart ist, dann ist diese Inszenierung ein Ausrufezeichen gegen rastlosen Aktionismus auf deutschen Bühnen. Die Kraft liegt in der Reflexion und der Erkenntnis. Ob der nun Godot heißt oder sonst irgendwie. Es bringt nichts, auf den Erlöser zu warten. Man muss schon selbst für das eigene Wohlergehen sorgen. Das st sicherlich retro, aber nötiger denn je.




Material #1: Deutsches Theater Göttingen - Der Spielplan
Material #2: Warten auf Godot - Die Inszenierung

Material #3: Samuel Becket - Der Autor
Material #4: Warten auf Godot - Das Stück






Dienstag, 29. Oktober 2019

Am Ende kehrt das Glück zurück

Cinderella als Ballett im Theater Nordhausen

Manchmal komisch und schrill und doch zugleich zärtlich und poetisch. In seiner neuen Produktion vereint Nordhausens Ballettchef Ivan Alboresi schwer Vereinbares. Am Ende von "Cinderella" bleibt dann doch ein Zauber, der noch lange anhält. Am Ende der Vorstellung setzt ein Glücksgefühl ein, dass erest langsam verklingt

Eigentlich mag er ja kein Erzählballett, hatte Alboresi in seiner ersten Spielzeit in Nordhausen betont. Es käme darauf an, Emotionen wirken zu lassen. Doch mit seiner neuen Choreographie „Cinderella“ hat er nun das dritte Erzählballett inszeniert und nach „Romeo und Julia“ zum zweiten Mal zu Musik von Sergei Prokofjew.

Dabei schließt er eine Lücke. Alboresi erzählt die Geschichte vor der Geschichte. Er berichtet vom ersten Aufeinandertreffen von Cinderellas Eltern, vom Werden und Vergehen der Familie und ihres Glücks. Warum ist überhaupt erst jetzt jemand auf die Idee gekommen? Das Werk ist erst jetzt vollständig. Dann führt er auch noch eine neue Figur ein, den Freund des Prinzen. Er ist eine Art des Glücksbringers.

Martina Petrini steht allein auf der spärlich beleuchteten Bühne. Ihre Arme greifen weit um sich. Sie dreht sich, als wollte sie die Vergangenheit einfangen. So ganz ohne Ton ist das schon recht traurig. Erst dann setzt die Musik ein.

Dies wird sich den ganzen Abend so fortsetzten. Die Choreographie wird dominiert vom Modern Dance, dadurch entsteht eine Spannung nur Neoklassik, in die sich immer Romantik und auch Anklänge an den Expressionismus mischen.

Schräges Trio: Stiefmutter (Mitte) und Töchter.
Alle Fotos: Marco Kneise
Nur in der Ball-Szene hebt Alboresi diesen Kontrast auf. Zum Prokofjews Walzer wird hier ganz klassisch mit viel Pirouetten und Hebefiguren im pas de deux getanzt.

Die Ouvertüre ist zu Ende und die Musik verstummt. Der runde Vorhang, der bisher im Raum schwebte, senkt sich über Petrini und hüllt sie in einen Kokon. Joshua Lowe ist nur ein kurzes Soloals Vater vergönnt, dann trifft er auf Ayaka Kikuchi als Mutter. Aus dem Solo wird ein Pas de deux voller Zärtlichkeit. Immer wieder werden Hände ineinandergelegt. Das ist Glück pur, aber es ist nur von kurzer Dauer. Die Mutter verschwindet in den Kokon.

Dann setzt die bekannte Handlung ein. Aber Alboresi erzählt sie ein wenig anders. Die Stiefmutter ist keine Hexe. Camilla Matteucci git ihr ein Gestalt, die ganz im Hier und Jetzt beheimatet ist. Schaupielerisch liefert Matteucci die stärkste Leistung ab. Mimik und Gestik.

In Neonfarben gekleidet und mit Einkaufstaschen bewaffnet wirken die Stiefschwestern Drisella und Anastasia wie Nebendarsteller einer Daily Soap. Immer in leichter Rückenlage stolzierend geben Andrea Guiseppe und Eleonora Peperoni ihnen die passende überzogenen Gestalt. Das ist herrlich überdreht und jeder im Publikum, hat jemanden, an den er gerade erinnert wird. „Cinderella“ kommt damit aus der Marchenecke heraus und wird zur Gegenwartsbeschreibung.

Dazu passt auch die Kofferszene. Sie verlässt die Grenzen des Balletts und greift Elemente des Jazz Dance auf. Das ist erfrischend und erheiternd und in seiner Darstellung eindeutig.

Das Bühnenbild von Wolfgang Kurima Rauschning ist reduziert Es besetht nur aus dem kreisrunden Vorhang, der sich hebt und senkt, der sich öffnet und schließt und einhüllt wie ein Kokon, selbst den Kamin.

Nur in der Ballszene im zweiten Akt wird der Pfad der Reduzierung veralssen. Eine Show-Treppe und viel Bronze zaubern königlichen Glanz in den Tanzsaal. Das ist kein Bruch sondern der Gegenpol, die zweite Seite der Medaille.

Hier kommt nur die personelle Erneuerung ins Spiel. Nils Röhner tanzt den Freund des Prinzen. Der Vergleich macht die unterschiedlichen Auffassungen deutlich. Wirkt Thibaut Nury mit seiner zurückhaltenden Gestik schüchtern und unsicher und nicht zum Glück fähig, setzt Röhner hier deutlich Kontrapunkte. Sein Tanz ist raumgreifend und selbstbewusst.

Schuh als missing link: Prinz findet Cinderella. 
Fotos: Marco Kneise
Waren die Video-Sequenzen bis dahin eine Ergänzung und dienten sie vor allem der Aufheiterung, bekommen sie am Ende der Ballszene eine andere, persönliche Bedeutung. Die Perspektive ändert sich und die Handycam sorgt dafür, dass das Publikum die Positionen von Cinderella und des Prinzen einnimmt. So werden die Zuschauer in das Geschehen hineingezogen.

Nun beginnt der Tanz um den Schuh. Das Tempo erhöht sich für die rastlose Suche und auch hier wird der Prinzenfreund zur treibenden Kraft. Röhner muss aufpassen, dass er Nury nicht "an die Wand tanzt". Ähnlich wie Annette Leistenschneider am Anfang des Jahres in Cendrillon, macht auch Alboresi den Schuh als missing link zu einem Kultobjekt. Schließlich verspricht der Bekleidungsgegenstand einen rasanten sozialen Aufstieg

Doch die stärksten Szenen inszeniert Alboresi dann, wenn die Gruppe ins Spiel kommt wie in der Traumszene. Wie kaum ein zweiter versteht es Nordhausens Ballettchef aus Individuen eine Ganzes zu machen. In wallenden, wogenden Bewegungen entsteht eine unglaublich Dynamik, der Erzählstrang wird dann ausgesetzt und es geht für wenige Minuten um reine Ästhetik.

Prokofjew begann sein Werk, als das Sterben allgegenwärtig war. Die Deutschen hatten einen Belagerungsring um Leningrad gezogen und täglich fielen allein hier dem Krieg rund tausend Menschen zum Opfer. Das ist die größte Bedrohung des Glücks und diese Ballett zeigt den Weg zurück in den Glückszustand auf. Am Ende bekommt Cinderella den Prinzen, der Vater findet die Mutter in einer neuen Dimension und ganz im Hier und Jetzt finden Anastasia und der Prinzenfreund zueinander. Von der Komik in die Lyrik, die Dramaturgie passt. Soviel Happy End war selten.





Material #1: Theater Nordhausen – der Spielplan
Material #2: Cinderella – die Inszenierung


Material #3: Sergei Prokofjew – Die Biografie
Material #4: Cinderellla – Die Musik

Material #5: Cendrillon - die Oper







Montag, 28. Oktober 2019

Komische Grenzwanderung

Shakespeares "Was ihr wollt" am DT Göttingen

Poesie und Proll,zwischen diesen beiden Polen bewegt sich die Inszenierung von Moritz Beichl. Schräg, schrill und auch derb. Wer Gefallen am „Dinner for one“ findet, dem dürfte „Was ihr wollt“ im Deutschen Theater durchaus gefallen. Für alle anderen hat die Aufführung auch noch ein ganze Reihe von zärtlichen und lyrischen Momenten.

Es ist letzte Komödie von William Shakespeare. Der aufkeimende Puritanismus nahm den Briten nach 1600 jeden Spaß am öffentlichen Lachen und verbannte Frauen von den Bühnen. Ob Shakespeare mit dem Verwirrspiel um Liebe und Triebe und Identitäten ein Zeichen setzen wollte gegen diese Entwicklung, das liegt schon nahe. Entsprechend der puritanischen Vorgaben musste seinerzeit ein junger Mann eine Frau spielen, die sich als junger Mann ausgibt.

Das Trio infernale: Toby, Mary und Andy.
Alle Fotos: Thomas Müller
Unabhängig von diese sittlichen Überlegungen funktioniert das Werk auch und gerade in Zeiten eines neuen Puritanismus. Dafür sorgen erst einmal die Figuren des Sir Toby und seines Zechkumpanen Sir Andrew. Ihr Trunksucht ist ein großes dickes Nein auf kleinbürgerliche Enthaltsamkeit.

Doch während Daniel Mühe als Andrew allzu oft in den Status des Volltrottels abgleitet, gelingt es Gabriel von Berlepsch, dieser Figur noch eine Restwürde zu geben. Sir Toby lässt sich nicht alles Gefallen und zum Ränkeschmieden ist er allemal noch fähig. Als kongeniale Partnerin findet er Felicitas Madl in der Rolle der Kammerzofe Maria.

Auch wenn Madl, Mühe und Berlepsch sich an ihren Figuren und Einfälle mehr als einmal berauschen, so kann man doch gerade bei Sir Toby und Maria immer wieder Gefallen finden an ihren Wortspielen, Andeutungen und Zitate, die weit in die Jetztzeit hineinreichen.

Überhaupt ist nicht viel geblieben von Shakespeares Stabreimen. Jascha Fendel hat das Werk sprachlich entkernt. Das sorgt gelegentlich für deutliche Brüche. Allein der Narr und Haushofmeister Malvolio bleiben dem Duktus und auch der Kostümierung des 16. Jahrhunderts verhaftet.

Sie nehmen dem Malvoilio auf die
Schippe.   Fotos: Müller
Im Kontrast zum überdrehten Trio Maria, Toby und Andrew kann Gaby Dey als Narr mit traditioneller Darstellung glänzen. Sie bringt Ruhe in die Aufführung, Momente der Reflexion und damit die Gewissheit, dass der gesunde Menschenverstand unabhängig ist von Zeit und Raum.

Christoph Türkay hat auch das Glück der Tradition. Doch sein Malvolio ist getrieben von Eitelkeit und Ehrgeiz. Das bringt Türkay sehr plastisch auf die Bühne. Damit macht er den Kontrast zum gesunden Menschenverstand und führt das Konzept der Pole, zwischen denen man sich orientieren muss, fort. Doch in dieser Inszenierung bekommt die Randfigur ein Gewicht, dass ihr nicht zusteht. Die Bloßstellung des Ehrgeizling  droht zum zenralen Motiv der Aufführung zu werden. Das macht sicherlich Spaß, hat aber wenig, was über den Moment hinausweist.

Pole hier und da, Ying und Yang dort. Beichl hat das Geschwisterpaar Viola und Sebastian als Parallelen angelegt. Dies manifestiert sich nicht nur im Text, das wird schon deutlich, all beide im Takt über die dreigeteilte Vorbühne hüpfen.

Ist dies der Gleichklang der Herzen in einer lebenslänglichen Beziehung? Dieses Motiv wiederholt sich in der Vorstellung mehrfach. Wie schmal der Grad sein kann, macht Gaia Vogel in der Rolle der Gräfin Olivia deutlich. Ihre Trauer um den verstorbenen Bruder steigert sich in dieser Inszenierung nicht ins Entrückte sondern ins Inzestöse.

Dazu gelingt es Beichl und Vogel, dieser Figur neue Dimensionen zu geben. Ihre Olivia ist keine Madonnengleiche Abgöttin sondern eine Frau, die gelegentlich von den Anforderungen, die an sie gestellt werden, und von den Begehrlichkeiten, die sie weckt, erdrückt wird. Immer wieder gruppiert sich ihr Hofstaat so eng um sie, dass ihr keine Luft zum Atmen bleibt. Fast möchte man mit ihr weinen. Damit wird die Zuneigung zum vermeintlichen Jüngling Cesario zum Auswege aus zwanghaften Verhältnissen.

Doch den besten Balanceakt bringt Judith Strößenreuter auf die Bühne. Sie schafft die Wechsel zwischen Viola und Cesario wunderbar. Erst verzweifelt und verletzlich und dann im nächsten Moment bestimmt und selbstbewusst spielt Strößenreuter hier ihren breites Repertoire an Mimik, Gestik und Stimme aus. Die zarten Duette mit Volker Muthmann als Orsino sind voller Poesie und Zauber und kontrastieren wunderbar zum derben Treiben von Madl, Mühe und Berlepsch.

Kurze Momente des Glücks. 
Doch in dieser Inszenierung dominiert der Klamauk. Das Trio Mary, Toby, Andy wird zum Zentralgestirn und drängt die eigentliche Geschichte an den Rand. Das kann man so machen und das steckt in der Komödie wohl auch drin. Aber damit bleibt kaum Raum für die angekündigte Diskussion über eine Neuverteilung der Geschlechterrollen. Das ist auch nicht nötig, weil Shakespeare dies schon in seiner Vorlage reichlich getan hat. Schließlich deutet schon Titel die Wahlmöglichkeiten an.

 Zuletzt hatte Mark Zurmühle 2013 "Was ihr wollt" auf die Bühne des DT Göttingen gebracht. Diese Inszenierung war von Elfen und Empathie geprägt. Diesen Vorwurf kann man Beichl sicher nicht machen. Während Zurmühles Werk wie ein langer ruhiger Fluss wirkte, ist die aktuelle Inszenierung eher der Whirlpool im Käfig voller Narren. .





Material #1: Deutsches Theater Göttingen – Der Spielplan
Material #2: Was ihrwollt – Die Inszenierung

Material #3: William Shakespeare – Die Biografie
Material #4: Was ihr wollt – Das Stück

Material #5 Was ihr wollt - Die DT-Inszenierung von 2013





Montag, 30. September 2019

Mut nur zur Hälfte belohnt

Großartiges Konzert zum Abschluss

Musik großartig, Zuspruch eher mau. Der Mut von Intendant Anselm Cybinski wurde nur zum Teil belohnt. Das dreiteilige Konzert "Die Dunklen hört man doch"war ein großartiger Abschluss der Niedersächsischen Musiktage 2019. Doch im Opernhaus Hannover blieben sehr viele Stühle frei. Das ändert aber nichts an der Leistung der Künstler und an Begeisterung der Anwesenden. Für diese war es ein Ereignis, dass die Grenzen des Konventionellen überschritten hat.

Michael Nyman ist ein Altmeister der Grenzüberschreitung. Der Brite mischt seit Jahrzehnten Elemente aus sogenannter E- und U-Musik. Dabei stellt er sich auch mal gegen den verkopften Mainstream. Bekannt wurde Nyman vor allem durch seine Kompositionen für die die Filme von Peter Greenaway.

Teil eins

Unter dem Titel "Noises, Sound  & Sweet Airs" stehen Ausschnitte aus dem Soundtrack zu "Prospero's Book" auf dem Programm. Es ist gewissermaßen eine szenische Singung. Kaum hat das Niedersächsische Staatsorchester Platz genommen, gehen die Nebelmaschinen an. Dazu schwenkt das Licht auf lila um. Vor dem schwarzen Hintergrund entsteht eine Szene, die an die dunkle Magie des Films erinnert.

Die Solisten betreten die Bühne. Gehüllt in Kostüme, die an barocke Pracht erinnern sollen. Sie nehmen Aufstellung. Dirigent Eduardo Strausser geht in Position. Doch der Vortrag beginnt nicht ehe die Kerzenleuchter leuchten. Hier ist alles inszeniert.

Sänger im Leuchter und viel Lila.
Foto: Krückeberg
Dann legen die Streicher einen Teppich und Nikki Treuermiet setzt mit einen reduzierten Sopran. NIna van Essen nimmt mit ihrem Mezzosopran den Faden auf. Sie sind Miranda und ihr Vater Prospero. Das Glockenspiel beendet den ersten Wechselgesang, aber die Entfremdung zwischen den beiden ist schon jetzt klar.

Nach den Holzbläsern beginnt es von vorn. Ihr Vortrag liegt irgendwo zwischen engelsgleich und sirenenmäßig, schließlich zieht in Shakespeares Vorlage ein Sturm herauf. Das ist Drohung in Musik umgesetzt

Dieses Duett bestimmt den ersten Teil des Abends. Treuermiet und van Essen ergänzen sich sowohl im Wechsel als auch im Gleichklang perfekt, im Belcanto ebenso wie im Staccato. Damit setzen sie Nymans Idee, dass eine Rolle nicht an eine Person gebunden ist, sondern der Text im Vordergrund steht, in idealer Weise um. Dann gehen die Streicher ins Staccato  über und auch Rupert Charlesworth darf ein Stück Prospero übernehmen.

Es ist ein Auf und Ab und ein Hin und Her. Die ständigen Tempi-Wechsel stellen hohe Anforderungen an die Musiker. Aber das Dirigat von Eduardo Strausser bleibt wohltuend zurückhaltend. Das Kopfkino geht an und zeigt Szenen aus Greenaways Film. Musik. Licht und Nebel erinnern an die dunklen, verstörenden und opulenten Bilder des britischen Regisseurs.

Zwischendurch werden die Kerzen gelöscht und wieder angezündet. Die Sänger drehen dem Publikum auch mal den Rücken zu. Alles ist inszeniert, aber eben stimmig. Damit ist der Applaus zur ersten Pause mehr als gerechtfertigt.

Teil zwei

Mut hat Julia Wolfe mit ihrem Werk "Anthracite Fields" bewiesen. Wider dem Zeitgeist hat sie den Bergarbeitern in ihrer Heimat in Pennsylvania damit ein musikalische Denkmal gesetzt. Für das Requiem der Industriegeschichte wurde sie 2015 mit dem Pulitzer Music Award belohnt.

Wie Nyman hat auch Wolfe die Minimal Music längst hinter sich gelassen. Ihr opulentes Werk kombiniert Dissonanzen und Rhythmik mit vielen Spielarten der Vokalmusik. Die Videoinstallation bedeutet eine neue Ebene und gibt dem Gehörten ein Gesicht oder auch viele Gesichter.

Mit den "Bang on a Can All-Stars" konnte Cybinski ein Top-Ensemble verpflichten. Schließlich gelten die New Yorker als Spezialisten für die Bereiche zwischen Klassik, Jazz, Weltmusik und sonstigen Experimenten.

Doch gefordert ist an diesem Abend vor allem der NDR Chor. Es gibt viel Text, der durch alle Varianten des Gesangs gejagt wird.  Im Staccato des ersten Satz zählen die Sängerinnen und Sänger hunderte von Namen auf. Sie haben zwei Dinge gemeinsam. Alle tragen sie den Vornamen John und alle sind in den Minen von Pennsylvania ums Leben gekommen. Die Monstrosität liegt im Nicht-Gesagten. Wenn es schon so viele tote Johns gibt, wie sieht es dann mit den Michaels oder den Peters aus?

Der Gesang wirkt begleitet von sägenden Streichern. Doch am meisten muss David Cossin arbeiten. Als Industriestück ist "Anthracite Fields" von schnellen Rhythmen geprägt und das verlangt viel Einsatz am Schlagwerk. Es schimmert viel Expressionismus des jungen Orffs durch.
Dann gleitet des Gesang ins Sakrale ab. Gregorianik und Madrigale schimmern durch. Die neue Religion fußt auf dem Leben Tausender.

Die Opfer bekommen Gesichter, es wird emotional.
Foto: Krückeberg
Dazu werden die Fotos von Bergarbeitern an die Wand projiziert. Die Opfer bekommen Gesichter. Die schwarz-weiß Fotos zeigen Männer zwischen Zuversicht, Stolz und Schmerz. Damit kommt eine emotionale, fast greifbare Ebene in den Vortrag. Die Kopfsache Industriegeschichte rutscht in den Bauch.

Im zweiten Satz steiger sich das Tempo. David Cossin schlägt seine Sticks im rasanten Tempo aufeinander. Dabei hält er immer noch einen Dreivierteltakt. "Breaker boys" erzählt von den Kindern, die die frisch geförderte Kohle in der Hütte aufbrachen und sortierten. Auch dieser Job war nicht nur hart sondern auch lebensgefährlich. Deswegen verschiebt sich der NDR Chor wieder ins Sakrale.

Das Video zeigt Kinder ohne Kindheit. Manche von ihnen sind gerade 10 Jahre alt. Ihre Gesicht  wirken wie die der Erwachsenen: Eine Mischung aus Stolz, Trauer und Schmerz. Doch aus der soziologischen Betrachtung wird hier Beklemmung.

Über den Arbeitskampf in "Speech"  und die industrielle Produktion geht es in "Flowers" um den erarbeiteten Wohlstand. Die Dissonanzen sind verschwunden. es bleibt das Staccato des Industrial Sounds. Im fünften Satz auf der NDR Chor eine vielschichtige Idylle auf. Die Stimmlagen laufen mal miteinander, mal gegeneinander. Aber alle zählen sie die Annehmlichkeit des Lebens auf, dessen einziger Zweck das Backen eines Kuchens zu sein scheint.

Vor dem Happy End kommt der Break. Kurze Pause und dann wird das Thema des zweiten Satzes wiederaufgenommen. Die "Breaker Boys" sind wieder da. Ihre Gesichter starren in das Publikum. Ein eindrucksvoller Schluss. Der Wohlstand beruht auf dem Elend der Kinder in Minen von Pennsylvania. Heute auch noch.

Zum Schluss

Friede den Hütten, Musik den Palästen.
Foto: Kügler
"Garofani rossi" ist recht neu. Erst im August kam das Programm von Daniele di Bonaventura auf dem Markt. Zusammen mit seinen drei Kollegen von Band'Union hat der Italiener zehn Lieder der Arbeiterbewegung und des Widerstands gegen die Diktaturen neu interpretiert. Das dominierende Bandoneon gibt den Material den Stallgeruch des Proletariats. Schließlich ist die Heimat diese Instruments die Gruben des Erzgebirges. Aber mehr als dieser Hauch wird es es nicht.

Mit dem Verzicht auf Gesang haben Bonaventura und seine Kollegen den Material den Zahn gezogen. Das wirkt an vielen Stellen gefällig und nicht kämpferisch. Da ist zuviel Kopf und zu wenig Bauch. Es ist der Soundtrack für Salonbolschewisten und andere Rollkragenpullover. Das ist zu gefällig und der Mitsumm-Faktor zu hoch.

Aber für einen beruhigenden Abschluss dieses beeindruckenden Abends ist es bestens geeignet. Damit zündet die Dramaturgie.


   



Material #1: Die Musiktage - Das Zuhause
Material #2: Die im Dunklen hört  ... - Das Konzert


Material #3: Michael Nyman - Die Biografie
Material #4: Julia Wolfe - Die Biographie
Material #5: Garofani rossi - Das Album der Woche


Spaß zwischen Vergangenheit und Zukunft

Die Couchies lassen die Scheune beben

Die Gewissheit, dass Jazz auch ohne Oberstudienrat-Appeal geht und dass ein Teil der Zukunft in der Vergangenheit liegt, waren die verkopften Erkenntnisse. Ansonsten hat das Konzert der Couchies einfach nur Spaß gemacht. Im Landgasthof Sindram gab es mitreißende Musik und hintersinnige Moderation.

Das Trio aus Berlin war im Rahmen der Niedersächsischen Musiktage Gast der Sparkasse Osterode. die hat mit der mutigen Auswahl einen echten Treffer gelandet. Der Clash of Cultures zwischen den Hauptstädtern und den Landbewohner bleibt aus. Musik verbindet eben. Gemeinsam feiert man die Freude am Leben.

Dazu trägt auch die ungewöhnliche Raumkonstellation zu. Wie der Name andeutet, bestreiten Couchie Couch, Hank Willis und Colt Knarre ihre Konzert von einem Sitzmöbel aus. Das sorgt in der Sindram Scheune für ein Plus an Heimlichkeit. Es gibt keine Barriere zwischen Musiker und Publikum und das trägt zur Entspannung und Verbrüderung bei.


Die Drei von der Swingstelle.
Alle Fotos: Kügler
Egal, ob Berlin oder Göttingen oder sonstwo. Der Swing und die Musik vergangener Tage feiern ein unerwartetes Comeback. In den Clubs der Region und der Republik wimmelt es mittlerweile an beswingten Tanzveranstaltungen. Wer einen Blick auf den Konzertkalender der Couchies wirft, merkt schnell, dass die Berliner ein Teil des Hypes sind. Wie der Auftritt in Uehrde gezeigt, sind sie das aus gutem Grund.

Dabei hat ihr Swing nichts bis gar nichts mit den Klischees zu tun. Hier sitzen keine Musiker in Glitzersakkos hinter Notenpulten. Ihre Kostümierung spiegelt den Alltag der 20-er und 30-er Jahre wieder. Man bemüht sich um Authenzität mit einem deutliche Augenzwinkern.

Nichts ist Ernst und alles darf Spaß machen, dafür sprechen schon die Künstlernamen. Seit zehn Jahren liegt der Jammer-Pop über dem Land. Die Couchies sind das passende Gegengift gegen die professionell gepflegte Depression.

Doch die Couchies sind gar keine Swinger, zumindest keine puren. In ihren Mix fließt Blues ebenso ein wie Balkan Beats, Klezmer, Chansons und Couplets. Dabei gibt es für das Publikum keine Eingewöhnungphase. Von der ersten bis zur letzten Minute machen die Drei reichlich Tempo.

Mit Gitarre legt Couchie Couch die Basis. Ihr Spiel hat eine Menge Gypsy Swing intus.Darüber darf Hank Willis mit Geige oder Mandoline fantasieren. Colt Knarre spielt einen rhythmusbetonten Bass. Nur selten darf an diesem Abend zu einem Solo ansetzten. Das Mikrofon bleibt meist dem Mann an der Geige überlassen. die anderen Beiden machen meist die Background Vocals. Mit diesem Konzept klingt das Trio voll und voluminös wie eine ganze Big Band.

Zum Schluss singt die Nachtigall. 
Foto: Thomas Kügler
Bei "Loose all your Blues" setzt Hank Willis am Mikrofon dann zum Huhn-Solo an. Schon mit dem ersten Gegacker hat er das Publikum auf seiner Seite. Es geht hin und her und Hank Willis steigert sich immer weiter. Spätestens bei der Eigenkomposition "Wodka rein, Wodka raus" ist das Band zwischen Musikern und Zuhörern auf ewig geknüpft. Die Scheune bebt. Gemeinsam trinkt und singt man sich durch den Refrain in der Endlosschleife.

Warum Couchie nicht häufiger singt an diesem Abend bleibt wohl ein Geheimnis. Ihr Alt hat eine dunkle Färbung wie einst Zarah Leander oder auch Alexandra. Dass sie bei "Honey Suckle Rose" ins Comic-hafte kippt, zeigt nur die Respektlosigkeit gegenüber den Übervätern des Jazz. Doch ihr "Sing, Nachtigall, sing" ist der passende Abschluss eines großartigen Abends.

Denn Couchies gelingt es, die Unbeschwertheit früherer Tage wiederzubeleben. Weil dabei dem Swing neue Impulse verpassen, versinken sie nicht im Retro. Dafür gibt es reichlich Applaus an diesem Abend.








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Material #2: Die Couchies - Das Konzert

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Sonntag, 29. September 2019

In Schönheit sterben

Madama Butterfly im Theater Nordhausen

Gefällig und opulent, Sänger der Extraklasse, ein Schmaus für Augen und Ohren und eine Inszenierung ganz im Sinne authentischer Aufführungen. Das Theater Nordhausen zeigt eine "Madama Butterfly", die der Tradition verpflichtet ist. Dafür gab es bei der Premiere am Freitag donnernden Applaus.

Ein amerikanischer Marineoffizier kommt zur Jahrhundertwende nach Japan, nimmt Haus und Frau in Besitz, schwängert sie und setzt sich dann wieder in die Heimat ab. Drei Jahre später kehrt er mit seiner amerikanischen Frau zurück und will seinen Sohn mit in die Staaten nehmen. Die Mutter kann die Schmach und die seelische Pein nicht mehr ertragen und tötet sich selbst im Angesicht des Kindes. Das ist die Kurzversion, aber in Puccinis Oper steckt noch viel mehr. Sie ist fast schon eine Vorschau auf die Konflikte, die die Welt mehr als hundert Jahre nach der Uraufführung beschäftigen.

Die Musik setzt klassisch mit einer Fuge ein. Doch die gewohnten Töne werden bald um ein Hauch Fernost ergänzt.  Das Bühnenbild von Wolfgang Kurima Rauschning schwelgt in japanischen Fantasien. Ein großes Tor ist umrankt von Vögeln. Als Kyaunghan Seo als F.B. Pinkerton und Marian Kalus als Heiratsvermittler Goro die Bühne betreten, öffnet sich das Tor und gibt den Blick frei auf ein japanisches Haus.

Bild aus glücklichen Tagen: Pinkerton und Butterfly.
Alle Fotos: Marco Kneise
Dieses dreht sich im Laufe des Abends mehrfach und zeigt seinen einzigen Raum. Es fährt nach vorne, rückt dem Publikum auf die Pelle und verengt den Raum. Dann fährt es wieder nach hinten und macht Platz. Leider wird nicht klar, welchen Kriterien diese beeindruckende Choreographie folgt.

Auch wären zwei Meter weniger mehr gewesen. Das übermächtige Element beherrscht die ganze Bühne. Alles konzentriert sich auf diese Stätte und es ist kein Raum für Geschehen am Rande. Alles fokussiert sich auf die Titelfigur.

Die Ausstattung orientiert sich an den Idealen der Entstehungszeit. Die Kostüme sind opulent und authentisch. Sie bemühen sich darum, den Schritt vom 19. ins 20. Jahrhundert zu verdeutlichen. Hier die praktisch gekleideten Amerikaner als Symbol einer dynamischen Klasse, dort die Japaner, deren Kleider das Erstarren in Konventionen und Regeln begreifbar macht.

Dazwischen steht Goro als östlich-westliche Chimäre. Er ist ein kleines Teufelchen mit dem Charme eines Vorstadtzuhälters. Er verdient sein Geld damit, Frauen zu verkaufen. Diese Figur wurde von Marian Kalus fein herausgearbeitet.

Eindrucksvoll führt sich Jaco Venter als Konsul Sharpless ein. Der Bariton verfügt über eine beachtliche Dynamik, die sich gelegentlich zu deutlich bemerkbar macht. Aber gerade im zweiten Akt zeigt Venter, dass er auch die leisen Töne beherrscht.

Doch die Überraschung des Abends ist Kyaunghan Seo. War sein Vortrag in den bisherigen Produktionen doch recht technisch, so hat er nun Gefühl und Pathos entdeckt. Diese kann er mit Stimme und mit Schauspiel auch vermitteln.

Zum Schluss bleibt nur der Suizid.
Alle Fotos: Marco Kneise
Doch Star des Abends ist ohne Frage Hye Won Nam in der Titelrolle. Ihr Sopran beeindruckt mit Dynamik und einen klaren Vortrag. Da findet sich selbst in den höchsten Tönen kein Zittern. Glasklar und lupenrein.

Diese musikalischen Qualitäten ergänzt sie mit darstellerischen Fähigkeiten. Sie hat die Butterfly schon an anderen Häusern gespielt und kann dementsprechend auf Erfahrung in dieser Rolle bauen, ohne allzu routiniert zu wirken. Ihr Vortrag bleibt frisch und mit dieser Besetzung ist Regisseurin Annette Leistenschneider ein Glücksgriff gelungen. Das ist es nur konsequent, wenn sich der Großteil der Inszenierung um das Seelenleben der Protagonistin dreht.

Die Duette mit Kyaunghan Seo lassen das Publikum im ersten Akt in tiefer Liebe schwelgen. Ihre Sol im dritten Akt erzeugen Gänsehaut. Vor allem in der Schlussszene gelingt Hye Won Nam eine beeindruckende Leistung. Ihr Freitod auf dem Futon, mit dem passenden Licht inszeniert, ist das stärkste Bild in dieser opulenten Aufführung.

Was der Inszenierung sicherlich gut getan hätte, wäre ein wenig mehr an Zuspitzung und Dramaturgie. Schließlich ist Puccinis Werk reich an Themen. Da sind die Landnahme und der Imperialismus, der Zusammenprall unterschiedlicher Welten, die verkruste Gesellschaft, die keine Antworten findet auf die neuen Herausforderungen, die Neuorientierung, die in Einwurzelung endet und nicht zuletzt die nicht existenten Rechte der Frauen. Diese werden wie Waren zwischen Japanern und Amerikaner hin- und hergeschoben. Doch leider streift diese Inszenierung diese Problemfelder bestenfalls mit kleinen Symbolen wie den verkohlten "Stars and Stripes". Was bleibt, sind Videosequenzen mit jeder Menge Weichzeichner.

Exotik und exzellente Hauptdarsteller, dazu ein herzzerreißende Geschichte und ein opulentes Bühnenbild erzeugen einen starken Eindruck. Somit ist die Begeisterung des Publikums gerechtfertigt.







Material #1: Theater Nordhausen - Der Spielplan
Material #2: Madama Butterfly - Die Inszenierung


Material #3: Madama Butterfly - Die Oper