Sonntag, 3. Februar 2019

Viva la Pömpel, viva!

Wie füreinander gemacht: Die stillen hunde lesen Don Quixote

Der Aufführungsort, die Intonation, die Mimik und das Bühnenbild. Es passt alles zusammen. Am Freitag zeigten die stillen hunde ihre Version des Klassikers "Don Quixote" im Rittersaal im Schloss Herzberg. Die Erwartungen wurden übererfüllt, Pöhlde fand seinen Platz in der Kulturgeschichte und das Publikum war schlichtweg begeistert.

Zum Edelmann aus der Mancha hat jeder Bilder im Kopf. Huber und Dehler greifen diese auf. Ein Barhocker und ein Schrubber sind das Pferd Rosinante. Ein Schemel und ein Handfeger mutieren zum Esel. Ein Pömpel wird zur Lanze. Bühnenbild und Requisiten erinnern an dem Don-Quixote-Zyklus von Picasso.

Dann betreten die Matadore die Arena und die Aufgabenverteilung ist gleich deutlich. Sie verbleibt im stille-hunde-Schema. Christoph Huber kümmert sich um die derben Rollen, Stefan Dehler darf filigran sein. Das funktioniert nicht erst seit Laurel und Hardy, Heinrich Eickemeyer und Fritze Brinkmann so. Die Zuschauer können sich schnell orientieren.

The Ritter sings the Blues.
Alle Fotos: Kügler
Ihr Einstieg im Wechsel findet in jenem sachlichen Ton statt, den man von Vorlesern erwartet, gerade bei der umständlichen Sprache vergangener Zeiten. Doch das ist schnell vorbei. Zur Einführung der Personen zeigt Huber Tafeln. Diese sind leer und jeder darf seine Bilder darauf projizieren. Huber  trägt  sie umher wie ein Nummerngirl beim Boxkampf ihre Tafeln.

Dann fällt noch jener Satz, dass die Mancha gewissermaßen der Harz von Spanien sei, nur eben ohne Berge und schon haben die hunde die Zuschauer auf ihrer Seite. Aber die sind sowieso ihre Fans. Die meisten waren schon beim letzten Gastspiel da und beim vorletzten und beim vorvorletzten.

Dehler und Huber beherrschen das Spiel mit dem Publikum wie kaum ein anderes Ensemble. Ein Platz in der der ersten Reihe ist immer gefährlich. Ehe man sich versieht, ist man Teil der Aufführung. So auch an diesem Abend. Es treten auf zwei Professionelle, ein Knecht, eine Herzensdame und eine Angebetene.

Dulcinea wird umgetauft auf Hilde und ihr Wohnort wird nach Pöhlde verlegt. Es folgen noch einige weitere Bemerkungen über Pöhlde. Das macht sich gut und es zeigt, dass sich die hunde beim Veranstalter über das Spannungsverhältnis Herzberg-Pöhlde informiert haben. Da amüsieren sich nicht nur die Helden in Feinripp über die dörflichen Bekleidungsangewohnheiten. 

Vorsicht im Verkehr: Pömpel von rechts.
Dann steigt Dehler auf sein Pferd und das eigentliche Spiel beginnt. Textgetreu arbeiten die beiden Vortragenden diesen Teil ab. Das wirkt gelegentlich langatmig, weil das Publikum auf die bekanten Highlights wartet. Doch Stefan Dehler trumpft hier mit Mimik auf, er jagt sein Gesicht durch alle Stadien der Verblödung und des Erstaunen. Sein Grimassenspiel durchzieht den gesamten Abend und hier läuft er zu großer Form auf. Das Wechselbad der Ereignisse spiegelt sich eins zu eins in seinem Gesicht wieder.

Was ihm sicherlich gelingt, ist die Darstellung des Don Quixote als einen Menschen, der hoffnungslos aus der Zeit gefallen ist, der einfach 150 Jahre zu spät dran ist. Seine Weigerung, dies zu erkennen und die Realität anzuerkennen, macht ihn zur tragischen und zugleich sympathischen Figur. Das schafft Dehler.

Christoph Huber ist an diesem Abend eher beschränkter. Aber das gehört zu den Rollen, die der an diesem Abend lesen und spielen muss. Es sind vor allem diejenigen, die am Ende eine ordentliche Tracht Prügel beziehen.

Ohne Worte. 
So ziehen sie also durch das karge spanische Hinterland, das irgendwo zwischen Herzberg und Pöhlde liegt. Der gestelzte, verschrobene und allwissende Edelherr und sein Knappe. Es erinnert ein wenig an die Ritter der Kokosnuss aus Monty Pytons Flying Circus.

In der gewohnten Art und Weise spielen Dehler und Huber auch hier ihrer Frotzeleien aus. Geben sich gegenseitig Ratschläge zur Darstellung und Regieanweisungen. Manchmal geraten diese gespielten Eifersüchteleien sogar in den Vordergrund.

Die stillen hunde arbeiten sich nicht am gesamten Werk ab, aber die Szene mit den Windmühlen, die darf nicht fehlen. Damit das Publikum diese in allen Feinheiten genießen darf, haben Dehler und Huber hier jede Menge Slow-Mo-Technik hereingepackt. Manchmal ist das Lachen schon da, bevor der Gag ausgereizt ist. Man weiß ja, was unweigerlich kommen wird.

Auch die Schlacht gegen die Schafe und Hirten wird detailgetreu wiedergegeben und einige andere Raufereien. Am Ende steht eine Netto-Spielzeit von drei Stunden. Den Getreuen unter den Fans ist das recht. Aber es gibt durchaus noch Möglichkeiten der Zuspitzung.

Sie scheinen aber wie füreinander gemacht, der Ritter von der traurigen Gestalt und sein Knappe und die stillen hunde. Damit ist dies wohl eine der besten Produktionen des Ensembles









Material #1: stille hunde - Die Website
Material #2: Don Quixote - Das Stück

Material #3: Miguel de Cervantes - Der Dichter
Material #4: Don Quixote - Das Buch

Material #5: Stichwort stille hunde - Gesucht und gefunden
Material #6: Die Schatzinsel -  eine hunde-produktion







Der Ikarus der Humangenetik

Friedel verknüpft Schubert mit den großen Themen des Lebens

Das Leben, der Tod und der ganze Rest vom menschlichen Universum. In seinem "Schwanengesang" verknüpft Christian Friedel die Musik von Franz Schubert mit Elektro-Beats, Schauspiel und Tanz. Am Ende steht die Erkenntnis, dass der Mensch seinem tödlichem Schicksal nicht entrinnen kann. bis dahin zeigt sich das Stück als gelungene Revue.

Die Vorstellung beginnt weit vor dem ersten Vorhang. Im DT-Bistro verwehrt ein Absperrband den Zutritt zum Obergeschoss. Angeblich tagt hier eine Gesellschaft für Humangenetik. doch es entpuppt als Teil der Inszenierung.

Florian Eppinger begrüsst das Publikum, als wäre es Teilnehmer eben dieser Tagung. Als Dr. Bottmann will er einen Überblick über den Stand, die Entwicklung und die Zukunft der Gen-Technik geben. Ein Wissenschaftler allein auf leerer Bühne gleich am Anfang eines Welterklärstücks. Das erinnert ein wenig an Goethes Faust.

Glückliche Zeiten waren das in den 70-ern.
Alle Fotos: DT
Er spricht über seine Motive, sich dieser Genetik zu widmen und diese sind recht persönlich. Der frühe Herztod der Mutter und dieselbe Erkrankung beim Bruder. Das kann man durchaus unprofessionell nennen. Aber scheint besessen von der Angst vor der Krankheit. Allmachtsfantasien beflügeln ihn. Im Nano-Kosmos der Gene ist er auf der Suche, nach dem, was die Welt im Innersten zusammenhält

Eingeklemmte Schultern und gepresste Intonierung, Florian Eppinger gelingt hier in wenigen Minuten das Portrait eines Mannes, der bei genauer Betrachtung einer Getriebener ist und nicht die treibende Kraft. Schon in der Einleitung muss er seine Lücken offenbaren.

Christian Friedel hat seine Revue in sechs Abschnitte gegliedert. Solch starken Bilder hat an am DT schon lange nicht mehr gesehen. Ein harter Schnitt. Auf der Hinterbühne interpretiert ein Streichquartett Lieder von Franz Schubert aus dessen "Schwanengesang"-Zyklus. Dabei ist die Entfernung zur musikalischen Vorlage aber durchaus deutlich. Später kommen Elektrobeats und Stroboskop dazu.

Als Mutter hat Gaby Dey zwei Kinder an der Hand. Es ist dunkel und Bedrohung liegt in der Luft. Sind es die Bombennächte, von denen Bottmann zuvor sprach? Es beleibt unbestimmt- Die Kostüme ermöglichen auch eine andere Datierung und die Bedrohung damit allgegenwärtig und jederzeitig.

Der nächste Schnitt. Im Gegenlicht kommt eine große Gruppe aus dem Bühnenhaus nach vorne. Das  junge Volk ist gut gelaunt. Sie schieben eine Drehbühne nach vorn. Die Kostüme datieren das folgend Geschehen in die 70er Jahre. Es ist ein Zeitsprung. Volker Muthmann spielt den Wissenschaftler am Beginn seiner Laufbahn. Rebbeca Klingenberg seine Gattin.

Es wird rasant, die Bühne dreht sich und wird zur U-Bahn, zum Büro, zum Labor. Dann kommen wieder Gäste und es werden die abgestandenen Scherze des letzten Treffens serviert. Dann dreht sich die Bühne, wird zur U-Bahn und zum Labor. Direkt und doch mit den Mitteln des Theaters  inszeniert Friedel hier die rasante Entwicklung der Forschung in den letzten 40 Jahren. Die Impulse, die Bühnenbildner Alexander Wolf hier gibt, sind großartig und einleuchtend.

Aber die nachhaltige Wirkung setzen Rebbeca Klingenberg und Volker Muthmann. Immer angespannter, immer verklemmter. Mit kleinen Nuancen verdeutlichen sie den Niedergang ihrer Ehe. Als sie geht herrscht Schweigen im Publikum.

Der Vogel des Todes schwebt über Ikarus.
Ale Fotos: Kneise/DT
Sech großartige Bilder sind es, die Friedel und das Ensemble aufbauen. Das Versprechen lautet, alle großen Themen abzuarbeiten. Aber nicht alles ist verständlich und manches wirkt nur dekorativ. Das barocke Schäferstündchen die Liebe symbolisieren, überrascht die Eingeweihten nicht, wirkt aber gelegentlich auch albern.

Am Ende bleibt aber die Dekonstruktion. Das Leben zerfällt in die Einzelteile und einer davon heißt Sterben. Ein Krankenbett vor Schwarz. Im letzten Bild lauert der Tod auf karger Bühne auf den Forscher. Der Text tritt hinter hinter die Choreographie zurück. Zum Schluss schwebt der Gevatter wie ein Todesvogel über den im Bett zerschmetterten Forscher. Noch ein Ikarus.

Es sind großartige Bilder, die Friedel, Wolf und das Ensemble auf der Bühne des DTs entstehen. Es ist eine gelungene Komposition aus den Musik, Theater und Ballett, die auf das Publikum einwirkt. Aber die Wucht erdrückt nicht, es bleibt allen noch der Raum zum Atmen und Nachdenken und Assoziieren. Das macht diese Inszenierung so sehenswert macht.





Material #1: Deutsches Theater Göttingen - Der Spielplan
Material #2: Schwanengesang - Das Stück

Material #3: Christian Friedel - Regisseur und Musiker

Material #4: Franz Schubert - Die Biografie
Material #5: Schwanengesang - Der Liederzyklus




Sonntag, 27. Januar 2019

Ein Rausch in Farben und Tönen

Die Märchen-Oper Cendrillon am Theater Nordhausen

Leicht und locker und ein Rausch in Farben und Kostümen, dazu ein ganz großer Sack voller witziger Ideen. So präsentiert sich die Annette Leistenschneiders Inszenierung von Cendrillon am Theater Nordhausen. Das Publikum bei der Premiere am Freitag war verzaubert.

Das Libretto dürfte bekannt sein. Im großen und ganzen erzählt die Oper von Jules Massenet die Geschichte vom Aschenputtel. Die Mutter verstirbt früh und der Vater heiratet erneut. Die Stiefmutter bringt zwei Töchter mit und für die Halbwaise beginnt die Hölle der Patchwork-Familie

Das Trio Infernale.
Alle Fotos: TNLos
Doch dann kommt die Chance in Gestalt eines Prinzen. Der ist nämlich auf der Suche nach der Frau und dem Sinn seines Lebens.  Es ist Liebe auf den ersten Blick, doch  die Konvention der Zauberwelt trennt die Beiden. Alles, was zurückbleibt, ist ein Schuh aus Glas.

Während die deutsche Märchenversion im sozialen Niemandsland verbleibt, trifft Annette Leistenschneider  eine eindeutige Festlegung vor. Sie macht eine Schuhmanufaktur zum Ort der Handlung und verlagert das Intrigenspiel damit in die gutbürgerliche Etage.

Als sich der Vorhang öffnet, geht das erste Aahhh durchs Publikum. Das Bühnenbild von Andreas Becker ist eine Augenweide: eine Werkstatt, die funktioniert, aber im Detail zeigt, dass sie auch schon bessere Tage gesehen. Sie liegt irgendwo zwischen dem 19. Jahrhundert und den 50-er Jahren.

Alles in wunderbaren Bonbon-Farben, als ob die Träume kleiner Mädchen wahr geworden sind. Aber es ist kein Schauspielverhinderungsbühnenbild. Es ist reichlich Raum, damit sich ein munteres Spiel entwickeln kann. Leistenschneider kann den Ideenreichtum von Becker bestens nutzen.

Dass Becker auch einfacher kann und trotzdem verzaubert, beweist er im dritten Akt. Dunkelheit und  viele kleine Lichter entwickeln ihre Magie und nehmen das Publikum mit an einen verwunschenen Ort. Hier verschwinden die Grenzen zwischen Realität und Wunsch, so wie der Baum des Todes nie klar zu sehen ist.

Cendrillon ist eine Ausstattungsoper im besten Sinne. Das opulente Bühnenbild wird ergänzt durch eine Rausch an Farben und Falten, Rüschen und Pailletten. Gekrönt wird die Ausstattung durch aberwitzige Frisuren. Was Carolin Schumann als Stiefschwester Dorothée da an Haarpracht mit sich rumträgt, ist schon preisverdächtig.

Alles wird gut, dank Fee.
Alle Fotos: TNLos
Dabei geht die Farborgie quer durch die Jahrhunderte. Chanel trifft auf Rokoko und Biedermeier auf Rck'n'Roll. Märchen sind eben zeitlos und es gibt immer ein Aschenputtel, das sich aus der Asche erhebt. Dazu ist diese Aufführung gespickt mit Hunderten von witzigen Einfällen, die dann doch ein Ganzes ergeben.

Cendrillon ist eine Oper für den Mädelsabend, denn die Kerle sind durch die Reihe eher Witzfiguren. Das beginnt schon in der erste Szene. Thomas Kohl als Vater hat alles mögliche, nur nicht die Hosen an. Rückwärts gewandt kann er die Herausforderungen bestimmt nicht annehmen und seiner Zweitgattin die Stirn bieten.

Auch Philipp Franke in der des Königs ist alles andere als ein Potentat, er gerät eher zur Witzfigur. Doch am weitesten entfernt von den üblichen Vorstellungen ist Prinz Charmant. Das ist bestimmt kein Junge, der auf dem weißen Pferd daherkommt. Stattdessen fährt er Tretroller und trägt Strampler statt Schwert. Erwachsen zu werden scheint nicht zu seinem Plan A zu gehören. Mit der dauerhaften Pubertät ist er die Blaupause für gegenwärtige Generationen. Selbst zur Brautjagd muss er getragen werden. So dekonstruiert Annette Leistenschneider genüsslich die Klischees und liefert noch eine Aussage zur Jetztzeit.

Dazu passt der verhaltene Vortrag von Kyounghan Seo. Immer mit einer ordentlichen Portion Schmelz in Stimme, kann er seine Fähigkeiten erst im dritten Akt andeuten und im vierten ausbauen. Erst die Liebe befreit ihn aus dem Tal des Selbstmitleids.

Es sind die Frauen, die diese Inszenierung bestimmen. Da ist das Trio Infernale aus Stiefmutter und ihren Töchter. Hier gibt Anja Daniela Wagner  eindeutig den Ton an. Klar und kräftig in der Stimme und bestimmt in der Gestik, behauptet sie ihre Position. Ehrgeiz und Missgunst sind ihre Wegbegleiter.

Gegenpol und Gegenentwurf ist Amelie Petrich als die gute Fee voller Güte und Empathie. Mit Dynamik und glasklarem Vortrag setzt sie die Höhepunkte an diesem Abend. Ihre Koloraturen verzaubern ein ums andere Mal. Schon im ersten Akt wird deutlich, wer hier die Fäden zieht und ihr musikalischer Optimismus macht klar, dass es ein gutes Ende geben wird.

Der Prinz muss zur Braut-Jagd getragen werden.
Ale Fotos: TNLos
So viel Klischee sei erlaubt. Cendrillon ist aus einem anderen Grund eine Oper für den Mädelsabend. Schließlich geht es ständig um Schuhe, um Stiefel, Pomps und High Heels. Ständig steht die Fußbekleidung im Mittelpunkt. Mit irgendwas muss sich frau ja auf den Weg machen.

Jules Massenet bietet hier alles auf, was die Schatztruhe der Neo-Romantik zu bieten. Es schmettert und es klagt, Pauke trifft auf Klarinette. In Cendrillon steht die Opulenz im Tutti der Larmoyanz in den Soli gegenüber. Doch leider sind die Gewicht ungleich verteilt und der verhaltene Vortrag nimmt der Inszenierung einiges an Tempo. Da kann man noch zulegen, denn in einigen Szenen wird doch gezeigt, was an Dynamik möglich wäre.

Am Schluss bleibt ein rauschendes Fest für Augen und Ohren und die Aufforderung der Fee, jetzt doch ordentlich zu feiern. Annette Leistenschneider  setzt damit fort, was sie mit den "Lustigen Weibern von Windsor" begonnen hat.










Material #1: Theater Nordhausen - Der Spielplan
Material #2: Cendrillon - Die Inszenierung

Material #3: Jules Massenet - Der Komponist
Material #4: Cendrillon - Die Oper





Montag, 21. Januar 2019

Der Mensch als Ungeheuer

Ulrich Tukur liest Moby  Dick im DT

Die Geschichte vom weißen Wal und von  Käpt'n Ahab, dessen Rachsucht ein Schiff und seine Mannschaft in den Tod reißt,  ist Weltkulturerbe. Ulrich Tukur und der Pianist Sebastian Knauer haben sich dieses Schwergewicht angenommen.  Ihre musikalische Lesung am Samstag im Deutschen Theater erfüllt die Erwartungen gänzlich.

Links ein Flügel,  rechts ein Tisch, die Bühne ist übersichtlich bestückt. Ein dunkelblauer Vorhang trennt Vorschiff und Achterdeck. Seine Farbe erinnert an die Tiefsee und in diesem  Abgrund werden Schiff und Mannschaft verschwinden.

Der Tisch steht auf gedrechselten Beinen. In der Mitte seiner Kreuzüberblattung ruht eine Weltkugel. Das Möbel gehört einfach in die Kajüte eines Käpt'n. Das hat das kollektive Gedächtnis in Dutzenden Piratenfilmen gesehen.

Das Theaterschiff ist voll, nur Käpt'n und
Steuermann fehlen noch.  Alles Foto: Kügler
Die Ankündigung verspricht eine eigenständige   Textfassung. Tukur setzt das Versprechen um, indem er eine Einleitung vorweg schickt.  Es geht um die Vorsehung und darum, dass man diese nur mit einem Lachen und zwar lauthals  ertragen kann. Im letzten Abschnitt wird es wieder um Vorsehung gehen. So schließt Tukur den Kreis des Lebens.

Dann setzt die Musik ein.Sie ist mehr als Beiwerk und auch keine Umrahmung. Knauers Spiel ist präzise, ohne falschen Pathos und es  gliedert den Abend. Es kündigt die Zeitsprünge an und leitet die zahlreichen Wendungen ein. Als Stimmungsmacher ist die Musik wesentlicher Teil der Inszenierung. Als die Pequod in See sticht, umtosen stürmische Töne ihren Bug. Zurückhaltendes Spiel leitet dann das Finale im windstillen Ozean ein.

Auf dem Programm stehen Werke von Schubert, Debussy und anderen Früh- und Spätromantikern. Knauer geht sehr frei mit dem Material um und nur der Mussorgsky ist eindeutig zu erkennen. Auch mit einer Ragtime-Nummer und etwas Swing, ist die Musik doch vom tragischen Ende her konstruiert. Warum die Klagelaute nicht mal von einem Bandoneon erklingen lassen. Das wäre sicherlich eine andere Klangfarbe.

Vielen gilt Melvilles “Moby-Dick” als der Beginn der modernen Literatur. Die Erzählperspektive ist radikal persönlich und die Ansprach direkt. Dazu kommt der lakonische Ton, der die Coolness des 20 Jahrhunderts vorwegnimmt, und sich nicht immer der Hochsprache bedient. Die rasanten Wechsel im Tempo hätten dem Geheimrat aus Weimar und seinen Epigonen wahrscheinlich den Herztod bereitet.

Knapp 170 Jahre nach der Veröffentlichung hat Moby Dick davon nichts eingebüßt. Das macht Tukur mit dem Einstieg in die Originalgeschichte deutlich. Mit jeder Menge Ironie schildert er die Situation des Erzählers Ismael und so ganz nebenbei auch die Geschichte des Walfangs an der amerikanischen Ostküste. Das Schmunzel, das sich einstellt, hat durchaus einen sarkastischen Unterton  und den trifft Tukur genau. Aber er entwirft nebenbei auch das Ideal einer multikulturellen Gemeinschaft , die am gemeinsamen Ziel des Überlebens arbeitet. Damit ist Tukur ganz der Jetzt-Zeit verhaftet.

Die Melancholie der ersten Absätze wird von einem Orkan verblasen, als der Erzähler auf den Harpunier Queequeg trifft. Es holtert und poltert und kracht und vor dem geistigen Auge entsteht das Universum einer zweifelhaften Hafenspelunke bei Nacht. Tukur schmeißt Deutsch und Englisch durcheinander und wenn auch nicht alles verständlich ist, so wird das Bild doch lebendig und das scheint das Ziel zu sein.  

Am Horizont deutlich zu erkennen: Steuermann und
Käpt'n sind jetzt an Bord.
Dass er dies vielstimmig macht, mal nuschelt, mal klar artikuliert, mals hektisch plappert und mal die Sprache verschleppt, das kann das Publikum durchaus erwarten und als Tukur die Erwartungen erfüllt, ist die Freude im Parkett dennoch groß. Sogar den Versprecher im dritten Kapitel nehmen Vorleser und Zuhörer mit Humor. Der kleine Fehltritt steigert sogar die Sympathie für einander

Das Ende ist klar: Der Kahn säuft ab und mit ihm alle bis auf einen. Deswegen verschiebt Tukur die Gewichte von der Action-Geschichte weg zur Charakterstudie. Die Handlung tut hier nichts zur Sache. Es geht nicht darum, einen Sachverhalt darzulegen, denn das Publikum ohnehin kennt. Die Typen darlegen, den Menschen erklären, so lautet das holde Ziel.

Es geht um die Tragödie, um das unaufhaltsame schlimme Ende und die Menschen, die darauf zusteuern. Bis alle tragenden Figuren vorgestellt sind, bis das ganze Universum aus Offizieren, Schiffseigner, Matrosen und Ex-Matrosen entworfen ist, lassen Tukur und Knauer aber immerhin 50 Minuten vergehen. Erst dann kommt die allseits bekannte Geschichte.

Der Mensch ist das wahre Ungeheuer. So lautet die Aussage in der Ankündigung. Für Tukur gibt es hier nur das eine Ungeheuer und das heißt Ahab. Im Vortrag macht Tukur deutlich, wie das Schiff und die Mannschaft von Ahab quasi in Geiselhaft für den Rachefeldzug genommen werden.

Es braucht nicht viel Transferleistung, um zu erkennen, dass Tukur hier einen Typen Mensch entwirft, der heute so weit verbreitet ist, wie nie zuvor. Diese Transferleistung trauen die Künstler ihrem Publikum zu. Schließlich ist es nicht nur erwachsen sondern auch weit gereist

Doch wenn er bei der Darstellung der Handelnden aus einem reichhaltigen Schatz an Stimmenvielfalt schöpfen kann, so bleibt der Ahab weitestgehend eindimensional. Tukur rezitiert ihn leider nur im Brüllton. Mal ein leises Wort scharf gesetzt, das würde ihn viel lebendiger machen. Einzig die Szene des Kartenstudiums in der Kajüte mit Flüsterstimme und viel Hall auf der Anlage, lässt den Käpt’n kurz ins Gespenstige abgleiten. Das hätte man ausbauen können.

Das Finale ist furios. Im Eiltempo berichtet Ismael vom Angriff des weißen Wals und vom Untergang der Pequod. Doch dann ist plötzlich Stille und das Licht erlischt. Einfach und wirkungsvoll. Das Publikum bedankt sich für diese Inszenierung und die gute Leistung mit reichlich Beifall.





Material #1: Moby-Dick - Das Werk
Material #2: Herman Melville - Die Biographie

Material #3:Ulrich Tukur - Die Website
Material #4: Ulrich Tukur - Die Biographie

Material #5: Sebastian Knauer - Die Website
Material #6: Sebastian Knauer - Die Biographie


Material #7: DT Göttingen - Der Spielplan




Montag, 14. Januar 2019

Ein Parzival für alle Fälle

Sven Mattke entstaubt für Junges Theater Nordhausen

Es bedarf keines Wunder, damit Sohn und Vater mal einer Meinung sind. Es braucht nur ein mitreißendes Stück Theater und schon sind sie sich einig. So geschah es am Sonnabend im Theater unterm Dach in Nordhausen. Sven Mattke und Nele Neitzke zeigten in der Uraufführung von "Young Parzival" eine großartige Aufführung.

25.000 paarweise Verse umfasst der Epos von Wolfram von Eschenbach aus den Jahren 1200 bis 1210. In Buchform sind das 16 Bände. Nele Neitzke hat es geschafft, dieses literarische Monstrum auf 65 Minuten Schauspiel zu komprimieren und konzentrieren. die Meisterleistung besteht darin, dass nichts verloren geht.

Krone auf: Sven Mattke spielt den König Artus.
Alle Fotos: András Dobi
Der Dramaturgin und Regisseurin ist es gelungen, die lange Legende auf die Eckpunkte zu reduzieren. In beeindruckenden Schlüsselszene  setzen sie die Wegmarken. Die Entwicklung des jungen Manns, sein Prozess der Reifung wird deutlich und nachvollziehbar. Es fehlt nichts.

Sven Mattke schafft es, ein gesamtes Universum entstehen zu lassen. Er ist Parzival, Gahmuret ebenso wie Herzeloyde oder Artus.  Er spielt den Sohn, den Vater, die Mutter gleichfalls wie den Sagenkönig ohne Verlust.

Krone auf den Kopf oder rote Lederjacke an, ein Bein nach vorne gestellt und die Lanze auf die Schulter. Es sind nur wenig Requisiten und Gesten, die den Rollenwechsel deutlich machen. Das beeindruckt vor allem den härtesten aller Kritiker. Vergleichbares hat er in seiner 6-jährigen Karriere als Theaterbegutachter noch nicht erlebt.

Es ist vor allem die freche Darstellungsweise, die die jüngeren im Publikum anspricht. Mattke schaft dies, ohne sich anzubiedern. Da wirkt nichts aufgesetzt. Wenn Mattke rappt, dann rappt er halt. Das ist nun mal die Sprache der Jugend und es ist eine Inszenierung am Jungen Theater Nordhausen. Zielgruppe genau erkannt und gut angesprochen, kann man das zusammenfassen.

Aber schon mit kleinen Mitteln, mit einem Wechsel in Gestik und Stimmlage schafft er ebenso den Sprung in Erwachsenenalter. Das mancher der Helden, dabei zur Karikatur wird, ist durchaus beabsichtigt. Es sorgt für eine deutliche Entkrampfung, wenn man die Denkmäler von den Sockeln holt.

Parzival ist unterwegs.
Aber den härtesten aller Kritiker in seinen reifen 13 Jahren begeistert vor allem der lockere Umgang des Darstellers mit seinem Publikum. Mattke sammelt Vorschläge, stellt Fragen, geht souverän über die Gummi-Baum-Panne hinweg und animiert alle zum Konzertleuchten. Mit dem Dialog mit Souffleur Christopher dekonstruiert er zudem die Geheimnisse des Theaters. Die Regieanweisungen für den Mann am Licht spricht er auch gleich mit. Nicht staunende Faszination sondern laute Begeisterung für das Theater ist sein Ziel.

Trotzdem kippt die Aufführung nie in den Trash ab. Dafür sorgen die Schlüsselszenen wie die Hirschjagd des Jüngling. Mattkes Stimme steigert sich vorlaufend im Tempo, im Kopfkino sieht man den Hirsch immer schneller fliehen. Das steht im starken Kontrast zu ehr starren Darstellung und dem Mangel an Bewegung. Das Erweckungserlebnis des Jüngling findet fast nur im Text statt und ist deswegen um so eindringlicher. Dann fließt das Blut aus der Gießkanne und einen Moment lang herrscht Sille. Dramaturgisch gelungen.

Gleiches gilt für die Suche des Parzivals nach dem Gral. Minutenlanger Moonwalk und Sven Mattke kommt nicht von der Stelle. So einfach und verständlich kann man Plackerei in Bewegung fassen. Da ist es doch gut, das sich all der Aufwand am Schluss doch lohnt und das Stück in Frieden und Freunden in Festivitäten endet. Die Liebe besiegt alle Widrigkeiten ist die Botschaft und dafür gibt es Applaus im Pop-Konzert-Qualität









Material #1: Theater Nordhausen - Der Spielplan
Material #2: Young Parzival - Das Stück

Material #3: Parzival - Die Legende




Andere Meinungen vom härtesten aller Kritiker

Der härteste aller Kritiker - Teil eins
Der härteste aller Kritiker - Teil zwei
Der härteste aller Kritiker - Teil drei
Der härteste aller Kritiker - Teil vier
Der härteste aller Kritiker - Teil fünf
Der härteste aller Kritiker - Teil sechs
Der härteste aller Kritiker - Teil sieben
Der härteste aller Kritiker - Teil acht
Der härteste aller Kritiker - Teil neun
Der härteste aller Kritiker - Teil zehn
Der härteste aller Kritiker - Teil elf
Der härteste aller Kritiker - Teil zwölf
Der härteste aller Kritiker - Teil dreizehn
Der härteste aller Kritiker - Teil vierzehn
Der härteste aller Kritiker - Teil fünfzehn
Der härteste aller Kritiker - Teil sechzehn
Der härteste aller Kritiker - Teil siebzehn
Der härteste aller Kritiker - Teil achtzehn





Donnerstag, 10. Januar 2019

Erst bedingt witzig, dann doch rasant

Theater Rudolstadt tagt als Festkomitee in Nordhausen

Es existiert kein englischen Wort für die deutsche "Vereinsmeierei". Dennoch gibt es sie auf der Insel zu Genüge. Das lehrt das Stück "Das Festkomitee" von Alan Ayckbourn. Für das Theater Rudolstadt hat Steffen Mensching die Komödie inszeniert. Die Premiere in Nordhausen zeigt ein sehr langes Vorspiel, das erst nach der Pause Fahrt aufnimmt und bis dahin nur bedingt witzig ist.

Eigentlich ist es eine tolle Idee. Die Kleinstadt soll ein Fest bekommen, wie es in Pendon noch keins gegeben hat. Dafür hat Ray eine Geschichte aus der Vergangenheit ausgegraben. Um "Die Zwölf von Pendon" soll ein Historienspiel entstehen, an dem die ganze Bevölkerung teilnehmen kann. Schließlich steckt hier alles drin, was die Gegenwart braucht: Freiheitsdrang, Widerstand und Gerechtigkeit.

Also lädt Ray ein paar Mitbürger zur Gründung eines Festkomitees ein. Doch aus dem gemeinsamen Projekt wird schnell ein Zankapfel. Jeder will sein eigenes Süppchen daraus kochen und Weltansichten prallen aufeinander. Neid, Missgunst und Streit brechen aus und die Aufführung des Historienspiels endet im Chaos.

Auch in der Weihnachtszeit tagt das Festkomitee.
Alle Fotos: Lisa Stern
Alan Ayckbourn kennt sich aus in der englischen Provinz und in deren Kulturbetrieb. Schließich hat er mehr als 40 Jahre das Stephen Joseph Theatre in Scarborough geleitet. Daneben hat er sich zu einem der wichtigsten zeitgenössischen Dramatiker Großbritanniens geschrieben und wurde dafür in den Adelsstand erhoben.

Die zivilisatorische Decke ist dünn und des braucht nur wenig, um die englische Mittelschicht aus dem emotionalen Sattel zu heben. Das ist Ayckbourns immer wieder kehrendes Thema und im "Festkomitee" lässt er die verschiedenen Vertreter dieser Spezies aufeinander los. Es sind aber Menschen wie du und ich. Zudem sind es Typen, die jede und jeder, die und der schon mal Lebenszeit auf Sitzungen vernichtet hat, zu Genüge kennt. Da sind dem Autor und dem Regisseur realistische Beschreibungen gelungen.

Da ist Oberorganisator Ray als bürgerlicher Durchschnitt. Er hat zwar die Idee und bringt die Menschen an einem Tisch zusammen. Belohnt wird er mit dem Posten des ersten Vorsitzenden. Schnell gibt er das Heft des Handelns aus der Hand und beschränkt sich aufs Vermitteln und auf Erhaltung des Status Friede-Freude-Festival. Schließlich ist er ja mit dem Vorsitz sediert.

Die Gestik immer etwas eingeschränkt und die Stimme immer im Mittenbereich. Mit seiner gehemmten, leicht verklemmten Darstellung gelingt Rayk Gaida eine schlüssige Beschreibung des Biedermeiers, der die Brandstifter nicht sehen will. Selbst die kurzen Wutausbrüchen passen da ins Gesamtbild.

Die Intimfeinde Helen und Eric.
Foto: Lisa Stern
Gewohnt souverän, aber etwas zurückhaltender als sonst und vor allem im Bereich Leisetreter. Matthias Winde kann in der Rolle des Stadtrats Evans überzeugen. Jede Kleinstadt kennt diesen Berufsjugendlichen, der arg engagiert ist in Sachen Kultur, aber keine Ergebnisse aufweisen kann und im Hotel Mama wohnt. Aber für alle hat er einen guten Ratschlag. Abgerundet wird das Bild mit der stimmigen Kunstlederhose.

Da ist Oliver Baesler in der Rolle des kämpferischen Lehrers Eric Collins der passende Gegenentwurf. Brust raus, große Gesten, grimmige Mimik und immer mit fester Stimme, stets unter Spannung und auf dem Sprung. Aus solchem Holz sind wahre Revoluzzer geschnitzt.

Da ist die Rolle der Helen vielschichtiger angelegt. Ulrike Gronow schafft es, der Gattin von Ray  unerwartete Tiefe zu verleihen. Ihr Spiel ist vielschichtiger als das ihres Widerparts Eric. Von schnösselig über zickig bis hin zu empathisch aber auch kämpferisch vermag Gronow die Gemütszustände der Middleclass zu vermitteln. Dabei wirkt ihr Spiel immer ehrlich.

Für Sophie wird die Arbeit im Festkomitee zu einem Prozess der Emanzipation. Vom Mauerblümchen zur Mitbestimmerin. Laura Bettinger bringt eben diese Befreiung in Etappen in jeder Szene nachvollziehbar auf die Bühne. Das macht sich in ihrem Äußerem bemerkbar. Mathias Werner hat es geschafft, diese Entwicklung in die richtigen Kostüme zu stecken.

Der Vorhang ist schon lange vor der Aufführung geöffnet. Er gibt den Blick frei auf ein Interieur mit einem morbiden Charme. Stockflecken an den Wänden, vertrocknete Grünpflanzen und Lücken in den Tapeten. Das ist also das Biotop, in dem große Träume Wirklichkeit werden sollen. Dem Publikum ist schon auf den ersten Blick klar, dass in solch einem Ambiente nur wenig gedeihen kann. Mathias Werner hat auch hier gute Arbeit geleistet.

Doch die lange Tischreihe an der Rampe wirkt nicht nur wie das letzte Abendmahl. Sie ist auch  eine Barriere. Vieles von dem wenigen, was in Bewegung ereignet, findet für die Zuschauer somit im toten Winkel statt. Erst als nach der Pause diese Schranke fällt, bekommt die Inszenierung auch Tempo. Oder lautet Steffen Menschings Credo: Das,was am Tisch passiert, hindert den Mensch am Mensch sein.

Ayckbourns Werk präsentiert Typen und Aussagen mit Ewigkeitsanspruch. Dass es dann doch schon 42 Jahre alt ist, merkt man der Aufführung dann doch an. Hier hätte einer dramaturgischen Auffrischung bedurft. Beinharte Marxisten kennen nur die Wenigstens aus eigener Erfahrung. Somit verpufft ein großer Teil der Auseinandersetzungen zwischen Helen und Eric in einer luftleeren Geschichtsträchtigkeit. Umstürzler mit Beamtenstatus kommen heutzutage als Grüne daher.

Die Ritter von der traurigen Gestalt.
Foto: Lisa Stern
Ähnliches gilt für die schwierige wirtschaftliche Situation, die im Hintergrund immer wieder durchschimmert. War sie damals eine Spätfolge des untergegangenen Empires, ist sie jetzt dem selbst verschuldeten Brexit zuzuschreiben. Da wäre mehr Aktualität möglich gewesen.

Auch der Aufbau entspricht den Gewohnheiten der 70-er Jahre. In den Szenen einer Planung tagen die Protagonisten dreimal. Anfang, Mitte und kurz vor dem Ende. Von der Idee über die Planung zur Umsetzung. Die Spannungen bauen sich vor der Pause häppchenweise auf, um sich dann in einem furiosen Finale zu entladen. Das ist leicht verständlich und leicht verdaulich, aber eben auch ein wenig altbacken.

Bis dahin glänzt die Inszenierung mit scharfen Wortgefechten und kleinen Details, die beobachtet werden müssen, wie die Stoffhunde von Sophie. Mann muss genau hinhören und genau hinschauen. Die Wortbeiträge sind sicherlich wie aus dem wahren Leben und bieten einen hohen Wiedererkennungswert, für alle, die schon mal Lebenszeit auf Sitzungen vernichtet haben.

Der Orkan im zweiten Akt fegt dann all diese zivilisatorischen Errungenschaften hinweg. Es bleibt nichts. Für diejenige, die ihren Humor an Woody Allen geschult haben, ist diese Inszenierung ein zusätzlicher Gewinn.






Material #1: Theater Nordhausen - Der Spielplan
Material #2: Das Stück- Website des Theater Rudolstadt

Material #3: Alan Ayckbourn - Die Biographie auf deutsch
Material #4: Say it in englisch - Die komplette Biografie





Sonntag, 30. Dezember 2018

Die Wahrheit ist ein zweischneidiges Schwert

Der Volksfeind als ein feines Psychogramm am Göttinger DT

Es scheint aktueller denn je. Ein Arzt deckt einen Umweltskandal auf und die Mächtigen wollen ihn vertuschen. Das ist der Kern von Ibsens Volksfeind. Doch die Inszenierung von Gerhard Willert am Deutschen Theater in Göttingen konzentriert sich auf die Handelnden und nicht auf den Skandal. Darin liegt die Stärke und deswegen ist dieser Volksfeind auch nach 135 Jahren mehr als aktuell und weist über die Gegenwart hinaus.

Tomas Stockmann hat in seiner Heimatstadt eine Heilquelle entdeckt. Das Nest wird zum Kurbad  und erlebt dadurch einen wirtschaftlichen Aufschwung. Stockmann selbst erhält die Stelle des Kuraztes, nachdem er und seine Familie lange Jahre in der Provinz darben mussten.

Doch als die Investitionen in die neuen Kuranlagen sich langsam auszahlen, macht Stockmann die nächste Entdeckung. Doch mangelhafte Bauarbeit ist das Wasser verschmutzt und vergiftet die Kurgäste. Stockmann will seine Ergebnisse veröffentlichen und trifft dabei auf zweifelhafte Unterstützung und auf reichlich Widerstand. Der härteste Konkurrent ist sein Bruder Peter. Der ist nicht nur Stadtvorsteher sondern zugleich auch Kurdirektor.

Schon mal ein Glas auf den Sieg: Noch ist sich die
Front der Reformer einig.   Alle Fotos: Thomas Aurin
Tomas Stockmann und seine Erkenntnisse werden zum Faustpfand im lokalpolitischen Intrigenspiel. Jeder will sein Süppchen mit dem trüben Wasser kochen. Stockmann und seine Familie geraten zwischen die Mühlsteine.

Doch Gerhard Willert schaut unter die Oberfläche. Es ist nicht so sehr der Skandal, der ihn interessiert sondern vielmehr die Skandalösen. "Was sind das für Menschen, die dort aufeinander losgehen?" scheint die leitende Fragestellung. In diesem kleinstädtischen Kosmos aus 9 Akteuren skizziert er jede Person fein und nachvollziehbar.

Zum Schluss sind alle fragwürdige Gestalten. Nur den wenigsten geht es um die Sache, sondern vor allem erst mal um die eigenen Person. Damit erlangt das Werk ein Stück Zeitlosigkeit. Leider machen die Kostüme von Ilka Kops diesen Schritt nicht mit. Sie verbleiben leider viel zu sehr in den 80-er Jahre des 19. Jahrhunderts.

Willert traut seinem Publikum was zu. Er lässt seine Darsteller nicht mit dem Zeigefinger agieren. Die Zuschauerinnen und Zuschauer dürfen ganz allein zu der ernüchternden Erkenntnis kommen. Dafür setzt er entscheidende Augenblicke, deren Aha ein kurzes Schweigen folgt. So kann das Erschrecken nachhallen und wirken.

Im dritten Akt kippt die Handlung, die Front der Reformer bröckelt und Peter Stockmann nimmt das Heft des Handelns an sich. Sei es das Auftauchen der Aktentasche oder Tomas Stockmann in der Kreuzigungshaltung. Dieser Abschnitt ist gespickt mit diesen Aha-Szenen und dadurch gewinnt ie Aufführung noch einmal Tempo.

Erst Heiligsprechung, dann Kreuzigung: Billing,
Tomas Stockmann, Hovstadt und Aslaksen. Foto: Aurin
 
Das Kolosseum in Billy-Optik. Das Bühnenbild von Alexandra Pitz liefert die passende Arena für das Kesseltreiben. Die übermenschlich hohen Regale, verkleidet mit Milchglas, sind Wandelhalle und Heimstätte zugleich. Dennoch wirken die Darstellerinnen und Darsteller immer eine Nummer zu klein, so wie die Geschichte, die sie da lostreten, eine Nummer zu groß ist für sie. Wenn sich die Bühne dann wie ein Karussell dreht, dann ist es eine weitere Rotation in der Abwärtsspirale.

Die Musik von Christoph Coburger wirkt als Vorbereiter der Entscheidungen. Aus dem minimalen Klangteppich wird ein rhythmisches Klopfen. Da setzt die Musik aus, die entscheidenden Worte fallen, und die Stille wirk nach. Ein überzeugendes Konzept.

Tomas Stockmann ist nicht nur im Besitz der einzig selig machenden Wahrheit, in seinem Idealismus steckt auch jede Menge Egozentrismus und vor allem Sucht nach Genugtuung. Es geht ihm nicht nur um die Sache, sondern auch um seine Person und um Gutmachung für jahrelange Schmähungen. Gabriel von Berlepsch macht diese Zwiespältigkeit erlebbar.

Immer lauter und immer steifer. Er steigert sich in Stimme und Gestik immer mehr in den vermeintlichen Triumph. Sein fordernder Auftritt mit Hohlkreuz in der Redaktion ist an Selbstgefälligkeit kaum zu überbieten. Übertroffen wird dies nur durch die genießerische Miene im Augenblick der Seligsprechung durch die Redakteure Hovstadt und Billing. Jetzt kann Stockmann nicht mehr zurück und hierin liegt die Tragik seiner Persönlichkeit. Auch er instrumentiert die Wahrheit und stürzt wie Ikarus. Das kann von Berlepsch verdeutlichen.

Auch darstellerisch ist Peter Stockmann hierzu der Gegenentwurf. Die Euphorie seines Bruders konterkariert er mit Besonnenheit. Marco Matthes agiert mit einer Stimmen in der mittleren Lage und mit einer sparsamen Gestik. Seine Hände bleiben stets in der Nähe des Torso und die Mimik im kontrollierten Bereich. Damit macht Matthes deutlich, dass Peter Stockmann eben die Kontrolle behält. In den entscheidenden Szenen senkt sich seine Stimme auf das Zuflüstern des Verräters, gewissermaßen ein Jago im Kostüm des Biedermannes. Das ist vielleicht die reifste Leistung in dieser Aufführung. Wenn er noch argumentiert, dass die Allgemeinheit die Verluste der Unternehmer tragen müssen, dann ist diese Inszenierung in der Jetztzeit angekommen.

Hart an der Grenze zur Karikatur hat Gregor Schleuning seinen Druckereibesitzer Aslaksen als Prototyp des Kleinbürgers angelegt. Da ist immer wieder das genüssliche Streichen über den eigenen Schnurrbart und die joviale, leicht geneigte Körperhaltung. Das Ganze ist so eingängig, dass das Publikum schon beim dritten Mal vorausahnt, dass Aslaksen zur Mäßigung aufruft.

Kolosseum in Billy-Optik: Die Arena für die Brüder
Stockmann.   Alle Fotos: Thomas Aurin
Komplettiert wird das Feld der Kleinbürger mit den Redakteuren Billing und Hovstadt. Als die Stunde gekommen scheint, bricht sich ihr revolutionärer Eifer ungeahnte Bahnen. Im Grunde unfähig zu Tat projizieren sie ihre Sehnsüchte auf Tomas Stockmann als Messias. Gerade Florian Donath macht als dieses zweifelhafte Verhalten begreifbar. Er fällt nicht nur wie ein Kartenhaus zusammen, auch seine Stimme schafft den Bruch vom Revoluzzer zum Duckmäuser ohne Verlust. Vatermörder und Kneifer sind sein natürliches Habitat und seine Anspannung entlädt sich im dem Zwang, anderen den Nacken massieren zu müssen. In dieser Übersprunghandlung liegt ein schöner Wiedererkennungswert.

 Motive und Persönlichkeiten der Kontrahenten bloßgelegt, damit hat Willert mit seinem Volksfeind über die Zeit und über das Thema hinausgewiesen. Deswegen ist diese Inszenierung so sehenswert.






Material #1: DT Göttingen - Der Spielplan
Material #2: Ein Volksfeind - Erläuterungen zum Stück


Material #3: Ein Volksfeind - Der Eintrag bei wikipedia
Material #4: Henrik Ibsen - Die Biografie