Donnerstag, 4. Juli 2024

Der Himmel weinte ein wenig beim Konzert von Alsmann

Feucht-fröhliche Abschiedsparty im Kreuzgarten

Es waren Götz Alsmann und Band, die 2004 die Tradition der Open Air Konzerte bei den Kreuzgangkonzerten begründeten. Danach kamen der Hr. Doktor und seine Combo regelmäßig zu rauschenden Musikfesten nach Walkenried. Am Montag lieferte das Quintett noch einmal ab und machte deutlich, was ein Konzert der Extraklasse ausmacht. 

Im Gepäck hatte die Band das neue Album "Bei Nacht" und ist Grundlage des neuen Live-Programms. Nach vielen Versuchen in Rumba und Mambo macht das Ensemble damit einen Schritt zurück in Richtung Wurzeln. Es swingt, es jammt, es macht Spaß, die jazzigen Anteile dominieren und das ist gut so. Gemischt wird das ganze mit einem ordentlichen Schuss Schlager aus seinen besten Tagen.

Es zieht sich durch den ganzen Abend: Hier treffen sich Ausnahmemusiker auf Augenhöhe. Götz Alsmann am Piano und Schlagwerker Altfrid M. Sicking treiben sich zu fantastischen Soli an. Manchmal bleibt auch Platz für die anderen, aber weniger als in den Vorjahren



Das ist der Kern der Musik seit Urzeiten. Menschen kommen zusammen, entwickeln gemeinsam Ideen, tauschen Noten aus, jeder variiert ein wenig und zum Schluss trifft man sich wieder auf dem gemeinsamen Nenner. Trotz aller Routine haben Alsmann und sein Ensemble den Spaß an diesem Treiben nicht verloren und diesen Spaß geben sie an der Publikum weiter. Mehr kann man nicht erwarten. 

Das ist der Kern der Musik

Ob drinnen oder draußen, dank des überschaubaren Auditoriums und des direkten Kontakts zum Publikum sind die Kreuzgangkonzerte das allerbeste Forum für solche einmaligen Erlebnisse. Spontan und einmalig statt durchgeplant und beliebig, darauf kommt es an, wenn aus musikalischen Abenden bleibende Erinnerungen werden sollen.

Genau das haben Alsmann und Band geschafft und auch sie hatten ihren Spaß dabei. Das beginnt schon bei der ersten Nummer "Die Nacht, die Musik und dein Mund". Der Jazzschlager kommt locker und beschwingt daher und versetzt das Publikum von der ersten Note an in gute Stimmung. Man vergisst das Wetter und so soll es auch sein. 

Selbst das Trauerstück "In dieser Stadt" aus dem Repertoire von Hildegard Knef  kommt locker daher und Sicking und Alsmann probieren sich bei der Gelegenheit auch mal in Blues-Akkorden. Ausgerechnet bei der Referenz an die Beatles leisten sie sich einen Rückfall in Mambo-Zeiten. Aus "Yesterday" hatte Knut Kiesewetter einst "Gestern noch" gemacht. Die Alsmann-Version mit lateinamerikanischen Rhythmen nimmt dem Original und der Cover-Version den Zuckerguss und das ist gut so. 


Mehr als nur Musik

Was Alsmann einmalig macht, sind seine Moderationen. Das ist Schabernack auf halbwissenschaftlichen Niveau. Rasant und wortreich nimmt er das Publikum mit in sein Kopfkino. Der Doktor erfindet nicht nur Geschichten, sondern auch Worte. Keiner der Anwesenden wird je vergessen, wie einst die Schlager von Margot Hilscher im Archiv des WDR verschwanden, wie sich namhafte Musiker erfolglos darum bemühten, den Soundtrack von "Lieben Sie Brahms?" auf dem deutschsprachigen Markt zu etablieren. Die Erzählung von Horst Frank, Senta Berger und Vivi Bach aus den Zweiten des Agentenfilms ist so eindringlich, dass man gern glaubt, dass es den Streifen "Der Fluch des Tachagoti" wirklich gibt.

Das sind Fake News, aber Götz Alsmann baut die Versatzstück der Pop-Kultur der Nachkriegszeit so gut zusammen, dass man die Wahrheit gar nicht wissen will. Das ist wohl Natürliche Intelligenz. Die lässt sich auch nicht vom kleinen Regenschauer aufhalten. 

Das war's dann wohl

Immer wieder bedankt sich Götz Alsmann bei Thomas Krause und seinem Team. Das kleine Festival im kleine Garten ist dem großen Musiker und seinem Ensemble über 20 Jahre hinweg ans Herz gewachsen. Mehr Lob kann es kaum geben. 

Doch im nächsten Jahr steht der Kreuzgarten wegen Sanierungsarbeiten als Spielstätte nicht zur Verfügung. Zudem beendet Thomas Krause am Ende diesen Jahres seine Intendanz bei den Kreuzgangkonzerten. Wie es dann weitergeht, ist noch unklar.

Auf der anderen darf spekuliert werden, ob das Album " ... bei Nacht ... " das Opus magnum ist, mit dem sich Alsmann und sein Ensemble von den Bühnen verabschieden wollen. Dann darf sich das Publikum umso mehr freuen, Teil dieses grandiose Konzert gewesen zu sein.  




Blick ins Archiv


Die höchsten Weihen - Alsmann 2016 im Kreuzgang

Fliegen, singen, tanzen - Alsmann 2019 im Kreuzgarten

Die letzten ihrer Art - Alsmann 2022 im Kreuzgarten


     

Mittwoch, 29. Mai 2024

Wenn der Applaus donnert wie die tosende See

 Zucchini Sistaz bei den Kreuzgang Konzerten

Zu dieser Auswahl kann man dem Team der Kreuzgangkonzerte nur gratulieren, denn besser konnte der Auftakt nicht sein. Die Zucchini Sistaz eröffneten die Spielzeit 2024 mit einem traumhaften Konzert und zum Schluss gab es Applaus, der wie die tosenden See donnerte. Damit toppte das Trio aus Münster die Premiere vor zwei Jahren.

Die drei Damen haben ein neues Programm im Seesack und das lautet "Tag am Meer". Es geht um Sehnsüchte, Romantik und andere Klischees, die Landratten mit der Seefahrt verbinden. Es ist eine Thematik aus der Mitte des 20. Jahrhunderts, als sich die Menschen in zahlreichen Krisen in die Ferne weggeträumt haben oder gehofft haben, dass der Seemann etwas Abwechslung in den Alltag bringt. Diese Phänomen erlebt derzeit eine Renaissance und deswegen ist es das richtige Programm für die Jetztzeit.

Alle Frauen an Bord, es kann losgehen.
Fotos: Kügler 

Es ist eine Mischung aus Jazz, Blues und Rumba, die so schön temporeich swingt. Angesichts des Durchschnittsalters im Publikum ist es gut, dass Sinje Schnittker, Jule Balandat und Tina Werzinger mit ihre Versions von Trenets "La mer" das Tempo herausnehmen. Wer weiß, was sonst noch passiert wäre. 

Es swingt so schön und die Zucchini Sistaz sind die kleinste Big Band der Welt. Dafür sorgt vor allem Sinje Schnittker als Multiinstrumentalistin. Dem Publikum bietet das Trio eine strikte Rollenverteilung und damit eine einfache Identifikationsmöglichkeit. Da ist die stille Sinje Schnittker in der Rolle des stillen Genies, Tina Werzinger an Gitarre und Mikrofon als femme fatale und Bassistin Jule Balandat als leader of the pack. 

Das Spiel mit dem Publikum beherrschen die Drei meisterhaft. Man nimmt ihnen ab, dass das, was sie gerade sagen und performen nur für das Publikum im Walkenrieder Kreuzgang gedacht ist. Das gerät zwischendurch zum Selbstzweck und man wünscht sich "Mädels, redet nicht so viel, spielt und singt lieber".

Kein Konzert sondern eher ...

Der Begriff Konzert bezeichnet den Abend im Kreuzgang nur unzureichend. Es ist eher eine Perf0ormance. Alle Bewegungen der Musikerinnen sind ein einstudiert und sitzen und die Garderobe gehört genau so dazu. Im ersten Teil orientiert sich die Bekleidung an der Seefahrer-Romantik der 30er Jahre, im zweiten Teil an der Südsee-Sehnsucht der 50er Jahre. Der Auftritt ist auch ein Spiel mit dem Klischees und weil Klischees immer da sind, hat der Auftritt der Zucchini Sistaz einen Hauch von Comedy und Satire. 

Sinje Schnittker, Tina
Werzinger 
und Jule
Balandat im Profil.
Diese eingeübten Rollen drehen sie gern mal um. Geht es im Original von "Copacabana" um eine gealterte Tänzerin aus einem zweitklassigen Nachtclub selben Namens, dreht sich die Version der Zucchini Sistaz um einen alten Mann, der sich an der Copacabana in eine Tänzerin verliebt und ihr verfällt. Dass ein Song der Beach Boys eines Tages mal im altehrwürdigen Kreuzgang gespielt, das hat Brian Wilson nie zu träumen gewagt. Zu seinem "Fun, fun, fun" wird eine junge Frau, die das will, was zu Zeiten der Beach Boys den Männern vorbehalten war, nämlich fahren, fahren, fahren. Emanzipation im 4/4 Takt.

Der Auftritt ist klar strukturiert. Vor der Pause Nordsee, nach der Pause Südsee. Musikalisch wird es im zweiten Teil vielfältiger und Band und Trio sind mittlerweile so gut aufeinander eingespielt, dass beim "Hey (Nah Neh Nah)" von Vaya con Dios die Zuhörer ungefragt zu Mitsängern werden. So kommt zum Schluss das, was kommen muss: donnernder Applaus, einige Zugaben und die Zusage, 2026 wiederzukommen. Vielleicht haben sie dann Götz Alsmann im Gepäck. Schließlich haben die drei Grazien mit dem Grandseigneur der gepflegten Unterhaltung gerade was am Laufen. Man kann sich schon jetzt drauf freuen. 

   



Das Programm der Kreuzgangkonzerte.

Der Heimathafen der Zucchini Sistaz

Die Entdeckung der Kreuzgangkonzerte 2022


    

Montag, 29. Januar 2024

Theater an der Schmerzgrenze

GRM.Brainfuck im Deutschen Theater fordert das Publikum

Ist es Dokumentationstheater oder dramatische Verdichtung realer Vorgänge? Auf jeden Fall fordert "GRM.Brainfuck" dem Ensemble und dem Publikum im Deutschen Theater Göttingen einiges ab. Die Inszenierung von Niklas Richter ist vor allem eine Kopfsache, die sich unterhalb der Gürtellinie abspielt.  

Rotherham ist der größte Skandal in der skandalträchtigen britischen Nachkriegsgeschichte. Warum man das jahrzehntelange absichtliche Versagen der englischen Behörden in Deutschland kaum wahrgenommen hat, darüber kann man nur spekulieren. Auf jeden Fall erschwert dies das Verständnis dieses Stück enorm.

Sie kommen immer näher, der Schutzzaun
ist gefallen.
Alle Fotos: Thomas Aurin 

Ohne Zweifel steckt hinter dem Handlungsort Rochdale nichts anderes als Rotherham. Hier wie dort und an einigen anderen Orten in Großbritannien waren die Verbrechen an jungen Menschen, vor allem jungen Frauen, nur deswegen möglich, weil der Staat versagt hat. Im Bemühen um Friede, Freude, Eierkuchen hat man die elementaren Rechte von Jugendlichen aus der Unterschicht missachtet und Aufklärung verhindert.

Daraus speist sich die Wut, die diesem Werk und dieser Inszenierung zugrunde liegt. In deutschen Medien ist dies nicht thematisiert worden und deswegen steht die deutsche Mittelschicht wie der Ochs vor Berg, wenn sie im Theater sitzend diese  Opfer wie in einem Panoptikum der Verlierer betrachten darf. Zumindest zu Anfang sind diese gut abgeschirmt durch einen Bauzaun.  

Bei Rochdale kommt aber noch die Komponente Nachbarschaft hinzu Die Kleinstadt ist ein Randgemeinde von Manchester. Der Neoliberalismus ist nix anderes als ein Wiedergänger des Manchester-Liberalismus und das Amalgams aus Raubtierkapitalismus und Behördenversagen erzeugt eine sehr explosive Mischung. Das ist das Credo von Autorin Sibylle Berg und Regisseur Niklas Ritter versucht, es adäquat auf die Bühne zu bringen.

Grundlage ist ein Roman der Wahlschweizerin, der im Jahr 2019 erschienen ist. Das merkt man der Inszenierung an. Diese ist textlastig. Nicht jeder Satz bringt die Aufführung voran. Vieles dient nur dazu, eine bekannte Situation ein ums andere Mal auszuschmücken. Raum zum Schauspielern bietet die Inszenierung erst im Laufe des Abends. Das Publikum muss 45 Minuten Geduld mitbringen. Erst dann darf agitiert werden und auch nur dann, wenn es um sexuelle Gewalt geht.

Das Bühnenbild von Kerstin Narr und Norman Plathe-Narr und Kostüme von Ines Burisch sind eine Mischung aus Punk, New Wave und Rap. Diese Mischung aus 70-er und 80-er Jahre verdeutlicht Elend in der dritten Generation. Der Abstieg von Rochdale, Rotherham und anderen Orten begann mit der Deindustrialisierung in der Thatcher-Ära. Seitdem gibt es kein Entrinnen.

Links oben thront ein Kinderspielzeug, ein großes Windspiel, wie es einst zu Dutzenden die Heimat von Tinky Winky, Dipsy, Laa-Laa und Po geschmückt hat. Doch Teletubby-Land ist abgebrannt und hier auf der Bühne des DT Göttingen wird Klartext gesprochen. Dies passiert im Staccato des klassischen Rap. 

Die Gesichter der Schauspieler und Schauspielerinnen sind unter Masken verborgen. Niemand kann mit Mimik glänzen an diesem Abend. Sind sie damit zurückgeworfen auf die Mittel der antiken griechischen Tragödien oder wurden die vier Protagonisten durch die Regie ein weiteres Mal entmenschlicht?

Masken oder Personen?
Alle Fotos: Thomas Aurin 

Auch mit Gestik darf niemand glänzen. Die sechs Darsteller bewegen sich meist roboterhaft. Sie haben keine Familiennamen. Weil sie keine Familien mehr haben oder weil sie einen Typus darstellen, auch das darf jeder im Publikum für sich entscheiden.

Jede Person wird an diesem Abend mit dem Vorlesen einer imaginären Karteikarte eingeführt. Die Wirkung ist eindeutig. IM Kopfkino geht die Schublade auf, Fall abgelegt, Schublade zu. Doch die Wut der vier Protagonisten richtet sich nicht gegen das System, sondern gegen die Personen, die ihnen des größten Schmerz zugefügt haben. Der Zorn ist privatisiert.

Anfangs ist alles noch weit weg. Auf erhöhter Bühne stehen sechs Mikros, bereit zum Battle der HipHop-Gemeinde und das Ensemble eingesperrt hinter einem Gitterzaun. Oder ist der Zaun eine Schutzmaßnahme für das Publikum, um ihm die wilden Tiere vom Leib zu halten.

Später senkt sich die Bühne auf das gewohnte Niveau. Noch vor der Pause fällt der Schutzzaun, die Beleuchtung lässt die Grenze zwischen Spielfläche und Parkett verschwinden. Nun ist die Zeit des Panoptikums vorbei. Das Publikum kann sich nicht mehr entziehen. Der Umgang mit den Bewohnern des Wohnblocks "Groner Landstraße 9" während der Corona-Zeit zeigt, dass Rochdale und Göttingen gar nicht so weit auseinander liegen. Das macht die Inszenierung von Niklas Ritter deutlich.

Niemand kann das Theater beruhigt verlassen. Es ist ein Stück an der Schmerzgrenze. Aber häufig braucht es den Schmerz, um sich auf der Suche nach Heilung zu machen.




Mit mindestens 1.400 Opfern war Rotherham der größte und bekannteste Fall von Zwangsprostitution und organisierter Misshandlung in Mittelengland in den 90-er und Nullerjahren, bei denen die Behörden trotz Kenntnissen darüber jahrelang untätig blieben. Auch in Rochdale gab es die Fälle in größerer Zahl. Mehr dazu bei Wikipedia.

Sonntag, 21. Januar 2024

Zu viel gewollt - nichts gewonnen

Uraufführung mit gemischten Ergebnis im Deutschen Theater Göttingen

Beim "Traum von der glänzenden Zukunft" muss man genau unterscheiden. Schauspieler top, Inszenierung in Ordnung, aber Stück mit deutlichen Schwächen. Die Vorlage von Carina Sophie Eberleist ein Werk, das alles will, aber nichts gewinnt. Nach 60 Minuten Küchenpsychologie bleibt die Frage: Wer therapiert hier eigentlich wem?

Man muss die Klassiker bemühen. In seiner Ästhetik unterscheidet Kant zwischen nützlich, gut und schön. Nützlich ist, was einem anerkannten Zweck dient. Das gilt für "Der Traum von der glänzenden Zukunft" bestimmt. Mögliche Bedrohungslagen schildert das Stück in Gänze und voller Breite. 

Gut ist nach Kant, was einem moralischen Grundsatz befolgt. Ob der oben geschilderte Zweck moralisch ist, das bedarf einer längeren Debatte. Was die überforderte Vorlage rettet ist die Inszenierung von Lucia Reichard, das Bühnenbild von Bettina Weller und vor allem die schauspielerische Leistungen.

Mädchen, Zukunft und Angst. 
Alle Fotos: DT/Thomas Müller
Gabriel von Berlepsch könnte man ein Telefonbuch vorlegen und er würde es in bemerkenswerter Weise umsetzen. Bei dieser Aufführung schafft er es, nahtlos zwischen den Rollen als Vater Gustav, Lehrer Kühn und die Angst hin- und her. und umzuschalten. Er hat für jede der unterschiedlichen Anforderungen die richtige Antwort in Gestik, Mimik und Rhetorik.

Er verkörpert den überforderten Gatten und Vater ebenso glaubhaft wie den gutmeinenden Pädagogen. Mit dem Staccato-Sprech zum Abendessen verdeutlichen er und Andre Strube eindrucksvoll die prekäre Situation der Familie Namenlos.

Aber zu großen Form läuft er in der Rolle der Angst auf. Meist entspannt und souverän, schafft er es sogar die Angst der Angst vor der Angst umzusetzen. 

Ähnliches gelingt Andrea Strube in der Dreifache Rolle als Mutter, als Freundin Iris und als die Zukunft. Besonders das Umschalten zwischen der desillusionierten Mutter hin zur optimistischen Iris funktioniert wunderbar. Ob es Absicht ist, dass Strube mit der Maske aus dem Kopf nur stückchenhaft zu verstehen ist, gehört zu den Geheimnissen der Inszenierung. 

Diese Vielfalt bleibt Marina Lara Poltmann verwehrt. Sie kann ihr Potenzial nur teilweise ausspielen, weil die Figur der Nemuärt immer man Rande des Nervenzusammenbruchs angelegt ist. Ais auf wenige Ausnahmen ist sie stimmlich am Anschlag, erst zum Schluss sind ihr die ruhigen und vertiefenden Momente vergönnt. Ist es schon ein wenig überraschend, dass sie sich am Ende der Vorstellung ihre Angst überwindet. 

Zu den Höhepunkten der Aufführung gehört ohne Frage der Wettlauf der Angst mit der Protagonistin, in dem sich beide ständig überholen. So viel Heiterkeit mit Tiefsinn wünscht man sich häufiger.    

Die Aufführung beginnt mit einer Ausnahmesituation. Die Familie Namenlos ist gerade umgezogen, überall versperren Kartons den Blick und verwehren den Überblick. Ständig werden alltägliche Utensilien gesucht, die Normalität bleibt verwehrt. Die Ausgangssituation ist klar: Vier Menschen in einer 3-Zimmer-Wohnung. Das spricht für eine soziale Schieflage und dank der Intimität der Studiobühne im dt.2 kann sich das Publikum der latenten Spannung nicht entziehen.

Diesem starken Auftakt folgt eine Irrfahrt durch sämtliche Klischees der Digitalmodernen. Die Zusammenstellung erscheint willkürlich und weckt den Schein des Alles-muss-aufs-Tapet-Schülertheaters. 

Keine echten Typen

Da ist die lebensfrohe Schulfreundin Iris aus gesicherten Verhältnissen, die es immer schafft sich ihren Helikopter-Eltern zu entziehen. Selbst erfolgt nach Schema F. Dem Stück mangelt es einfach an echten Typen oder auch Typinnen. Zu vieles ist vorhersehbar.

Dann folgt die vulgärmarxistische Kritik am Kapitalismus, am ständigen Zwang zum Wachstum mit den Stilmittel des Agit-Prop-Theaters der 1920er Jahre, die Unmenschlichkeit des Fleischverzehrs und der Kreislauf des Mikroplastiks. Die langen Passagen über das menschliche Gehirn dient dem Zweck, diese Bowle der aktuellen Befindlichkeiten mit den Insignien der neuen Gottheit Wissenschaftlichkeit zu würzen.

Stücke, die den Anspruch erheben, Realität abzubilden, laufen meist in eine selbst gestellte Falle. Man überprüft sie anhand der Realität. Da fällt dieses Stück durch. Wer in Zeiten der Selbstausbeutung im Plattformkapitalismus immer noch das Wirtschaftsmodell des Manchester-Liberalismus muss sich die Frage stellen, in welchem Jahrhundert er oder sie lebt, oder ob dieser historische Rückgriff nötig ist, um das eigene Konstrukt besser dastehen zu lassen.

Angst ist nur eins von vielen Gefühlen und ein Prozess der Adoleszenz. Kinder müssen erst lernen, Angst zu haben. Dafür müssen sie aber nicht ins Theater. Liebe, Hoffnung und Faulheit sind weitaus stärkere Motoren, gerade im christlichen Kontext. Also muss man die Frage stellen, ob im diesem Werk jemand die eigenen Beklemmungen auf Heranwachsende projiziert, weil diese sich nicht wehren können.

So gesehen kommt es überraschend, wenn die Protagonistin am Ende ihre Angst überwindet. Es sorgt immerhin für ein versöhnliches Ende
       

Bei allen Verbesserungen durch das Ensemble des DT Göttingens bleibt dennoch die Frage, ob dieses Erstlingswerk nicht besser in der Schublade geblieben wäre. Es ist zu hoffen, dass Carina Sophie Eberle demnächst ein stärkeres Werk vorlegen kann.  






  

Donnerstag, 28. Dezember 2023

Weit weg vom Märchenonkel

 Ivan Alboresi choreographiert Dornröschen in Nordhausen

Man kann Märchen als wundersame Geschichten erzählen oder aber zu ihrem Kern vordringen. Man Märchen als zauberhafte Unterhaltung sehen oder aber die elementaren Aussagen finden unter all den dekorativen Zutaten. Genau das ist Ivan Alboresi mit seiner Choreographie zu Dornröschen von Pjotr Tschaikowsky gelungen. 

Er verzichte auf Tütüs und erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die sich aus Zwängen und Versuchungen befreit. Alboresi wird mit dieser Choreographie zum Analytiker und befreit sich aus der Rolle des Märchenonkels.

Die Inszenierung bezieht ihre Kraft aus der Spannung zwischen der spätromantischen Musik und den kontrastierenden Elementen des Modern Dance. Unterstützt wird dies auch durch die Kostüme von Anja Schulz-Hentrich. Kein Plüsch, kein Pluder, kein Samt, sondern klassische Moderne kennzeichnet die Ausstattung der Tänzerinnen und Tänzer. Die kräftigen Farben erzeugen eine gesunde Spannung zu den grauen Hintergrund.

Damit gelingt Alboresi der Sprung über die Schranken der Zeit. Sein Dornröschen ist nicht mittelalterlich verstaubt. Er zeigt Themen, die wieder auf der Agenda stehen. Da geht es um die Beherrschung des Anderen, die Erwartungen an das Gegenüber, die vielfältigen Versuchungen und die Befreiung aus elterlichen Zwängen. Alboresis Choreographie ist ein Märchen für Helikopter-Eltern. Aber auch allen Anderen werden Gefallen finden an der Aufführung.

Elis Ruffato und Gianmarco Zani sind wohl das heiligste Paar seit Maria und Josef. Sie können die Ankunft des Nachwuchses kaum erwarten, denn dieser wird sie aus der Kinderlosigkeit erlösen. Immer und immer bilden ihre ineinandergreifenden Hände den Kokon, in dem das Kind behütet werden soll. Zusätzlich bieten sie fünf Beschützer auf, die in Rot-Weiß eine Mischung aus Hofstaat und Weihnachstmännern darstellen. Auch sie bilden ein ums andere Mal diese Kokon-Geste. 

Wie durch ein Wunder ist das Kind dann da und wird verehrt wie die Erlöserin und gebettet in einen historischen Kinderwagen. Vielleicht wäre des Korb eines hippen Lastenfahrrads noch passender gewesen.

Die tänzerischen und darstellerischen Höhepunkte liegen bei anderen Personen. Die Feen sind ein Kollektiv aus Individuen. Alboresi verleiht jeder Figur eine eigene Identität und die Tänzerinnen und Tänzer schaffen es in beeindruckender Weise, die eigene Persönlichkeit zu entwickeln und gegen andere abzugrenzen. Veronica Biondi in der Rolle der roten Feen gelingt es immer wieder, Glanzpunkte zu setzen. Sie ist das Temperament in Person und das verdeutlicht sie nicht mit raumgreifenden Bewegungen, sondern mit kleine Gesten und witziger Mimik. 

Überhaupt ist es eine Choreographie, in der das Große und Erhabene mit den Kleinigkeiten ausgehebelt wird. Mit dem Finger an die Stirn des Gegenüber tippen sagt mehr aus als drei Dreher über den Tanzboden.

Die Rolle der bösen Fee Carabosse mit einem Mann zu besetzen war kein Glücksgriff, sondern gut durchdacht. Denn Thomas Tardieu bringt mit Kraft eine Dynamik und Entschlossenheit in diese Figur, die über weite Strecken die Bühne beherrscht. Die Schluss-Szene des ersten Akts ist nicht nur beeindruckend, sondern ganz großes Kino oder ganz großes Ballett.

Dass Carabosse bei aller Kraft Dornröschen und ihren Prinzen nicht aufhalten kann, bekräftigt die Aussage, dass nicht das Große und Erhabene die Welt beherrscht. Manchmal braucht es nur Entschlossenheit, um sich aus zwanghaften Situationen zu befreien. Deswegen gehört der Pas de deux zwischen Dornröschen und Carabosse im zweiten Akt zu den bleibenden Erinnerungen.

Das Bühnenbild von Wolfgang Rauschning verzichtet auf royalen Pomp und erschließt sich nur in Teilen auf den ersten Blick. Es bietet eine Beton-Optik wie in den Hochzeiten des Brutalismus. So verlagert er die Handlung raus aus dem Palast in die Alltäglichkeit der Jetztzeit. Damit ist Dornröschen keine historische Figur mehr, sondern eine junge Frau der Gegenwart.

Warum sich die Drehbühne dreht, ist nicht immer klar. Bei der ersten Drehung legt sie den Höhleneingang frei, in den Dornröschen von Carabosse verschleppt wird. Am Ende des zweiten Aktes dreht sie sich, damit der ersehnte Retter sich abstrampelt. Dazwischen dreht sie sich wohl, weil sie es kann.    

Das Loh-Orchester hat an diesem Abend nicht seinen besten Tag. Die Einsätze stimmen nicht immer und vieles klingt unrund und rau. Ob dies am Spielvermögen des Ensembles liegt oder der Akustik in der Ausweichspielstätte geschuldet ist.

Zum Beginn des zweiten Aktes erreicht die Lautstärke Dimensionen, die man eher auf dem Wacken Open Air erwartet und schon im ersten Akt haben die Pauken den Boden erbeben lassen. Hier sollte noch einmal nachgesteuert werden.



  

Mittwoch, 20. Dezember 2023

Irgendwie gehört es zum Advent dazu

Silberhochzeit: 25 Jahre Amarcord im Kreuzgang

Amarcord und Walkenried, das ist wie Tim & Struppi, Stan & Laurel oder Fred & Ginger. Vor 25 Jahren ist das Ensemble aus Leipzig zum ersten Mal bei den Kreuzgangkonzerten aufgetreten. Seitdem konzertiert das Quintett immer wieder im Kloster und weiß den Ort und das Team zu schätzen. Das bracht Wolfram Lattke in seiner Begrüßung mehrfach zu Ausdruck.

Auch beim Auftritt am Dienstag gab es ein bewährtes Programm. Sakrale Weihnachtsmusik vor der Pause, heitere Weihnachtsmusik nach der Pause. Damit konnten die bekennende Leipziger mal wieder überzeugen. Erst nach der einkalkulierten Zugabe wurde das Ensemble vom Publikum entlassen.

25 Jahre ist auch eine Silberhochzeit und die hat man im Kreuzgang gefeiert. Die Zuhörer und Zuhörerinnen wissen, was sie an diesem Abend erwartet und Amarcord liefert. Einige Teile des Programms sind aus den Vorjahren bekannt und wo andere Vokalensembles wie Viva Voce das Experiment wagen, setzen die Leipziger auf Bewährtes.  

Es ist natürlich auch eine kongeniale Partnerschaft, denn der gotische Bau ist wie geschaffen für diese Stimmen. Der Gesang bedarf keiner elektrischen Verstärkung und trotzdem füllen die Stimmen das hohe Gewölbe und durchfluten auch die Seitengänge. Also Augen zu und einfach davontragen lassen von so viel Wohlklang.

Mittlerweile beginnt die Adventszeit im Südharz erst so richtig mit dem Gastspiel der Leipziger im Kreuzgang Das Programm bietet in diesem Jahr eine ungewohnte Perspektive. Amarcord betrachtet das Weihnachtsfest aus Sicht der Hirten. Da ist es nicht verwunderlich, dass sie das Konzert im Reigen aus dem Seitenflügel heraus beginnen. Im diesem Teil das Abends dominiert Musik aus der Renaissance und dem Barock und selbst die wenige Werke aus der Jahrhundertwende klingen nach dem Welt ging verloren aus der alten Musik.

Also darf ein Countertenor nicht fehlen. Leider wirkt  Wolfram Lattke schon im "Quem pastores laudavere" sehr dominant. Das ist kein Programmfehler, sondern  der Physik geschuldet, denn hohe Frequenzen sind einfach energiereicher.

Die hohe Gesangskunst präsentiert Amarcord mit einem bewährten Weihnachtslied. Im "Vom Himmel hoch, da komm ich her" aus Luthers Hausmusik wird jede Zeile in einem anderen Satz gesungen. Mal als Kanon, mal im Satzgesang und jede Umschalte sitzt und keine Note wackel. Das ist Weltklasse. 

Gleiches gilt für das "El Jubilate" von Mateo Flecha. Auch diese musikalisch Ensalada verlangt schnelles Umschalten und den  den schnelle Wechsel zwischen den Stimmlagen Die Meisterschaft der Leipziger basiert auf exzellenter Ausbildung und jeder Menge Routine. Überhaupt zeigt der kurze spanische Block mit Flecha und einem katalonischen Volkslied, dass man sich dem Weihnachtsfest auch froh und munter nähern kann.

Mit dem anschließenden "Wie soll ich dich empfangen" von Hans Haßler nehmen die Leipziger   wieder das Tempo raus. Aber nicht ein Wort überquert hier die Lippen der Sänger. Das Lied wird auf Weltniveau gesummt. Lattke begründet diesen künstlerischen Kniff mit der Sprachlosigkeit, die das Ensemble angesichts der aktuellen Ereignisse ergriffen hat. 

Auch an der Pause herrscht Besinnlichkeit. Amarcord braucht einen langen Anlauf, um Tempo und Stimmung anzuheben. Erst Cha-Cha-Cha von der Mamacita und der Frage nach dem Weihnachtsmann durchbricvht das Schweigen im Publikum. Dann darf auch Elvis Presley noch seinen Beitrag zu Weihnachten. 

Mit dem irischen "Christmas in Candy" erreicht das Konzert dann den gehobenen Klamauk und Amarcord zeigt, dass man mit den eigenen Stimmen nicht nur Singen sondern auch Instrumente imitieren kann. Frank Ozimek bietet sogar eine Tanzeinlage im Stil irischer Steptänzer. Vielleicht sollten die Leipziger beim nächsten Auftritt bei den Walkenrieder Kreuzgangkonzerten ihrem komödiantischen Talenten schon früher freien Lauf lassen. 



Das Programm der Kreuzgangkonzerte 2024 erscheint im Frühjahr.



        


Dienstag, 19. Dezember 2023

Ganz entspannt in den Untergang




Sidler inszeniert im DT Göttingen den Kirschgarten im Down-Tempo

"Der Kirschgarten" von Anton Tschechow hat in den letzten 120 Jahren immer wieder Konjunktur. Denn irgendwo ist ständig Untergang. DT-Intendant Erich Sidler greift das Offensichtliche auf und überrascht doch. Seine Inszenierung glänzt durch Ruhe und Analyse. Damit verschiebt er den Fokus weg vom Abwenden der Katastrophe hin zu den Ursachen.

Die Botschaft ist eindeutig. Das Unglück ist keine Naturgewalt sondern von Menschenhand gemacht. Entscheidend ist nicht was kommen wird, denn das ist klar. Entscheidend ist die Frage, warum es so kommen musste, warum es alternativlos ist.

Dabei arbeiten Sidler und das DT-Ensemble mit der Laubsäge und nicht mit der Axt. Statt der Versuchung zu erliegen, eine ganze Klasse in Bausch und Bogen zu verurteilen und der Geschichte zu überantworten, liefern sie feine Psychogramme von Menschen, die mit der Situation und mit sich selbst überfordert sind. So bietet die Göttinger Inszenierung genug Raum für Reflexion und Selbstbetrachtung. Das ist in hysterischen Zeiten erfrischend altmodisch.

Ljubow Ranjewskaja umringt von
ihren Liebsten und ihrem Bruder.
Alle Fotos:Klaus Herrmann

Ein früh verstorbener Gatte, der nur Schulden produziert hat, dann ein Liebhaber, der den Rest des Geldes durchgebracht hat und dazu der nicht verarbeitete Tod des Sohns. Die Biografie von Ljubow Andrejewna Ranjewskaja ist alles andere als eine Erfolgsgeschichte, als sie nach fünf Jahren in Frankreich nach Russland zurückkehrt. Einzig ihre Tochter Anjah freut sich darüber, wieder in der Heimat zu sein.

Dort auf dem Gutshof erwarten sie nicht nur die Gespenster der Vergangenheit wie ihr Bruder Leonid, sondern auch jede Menge Schulden und die anstehende Zwangsversteigerung des Familienbesitzes. Der Kaufmann Jermolaj Alexejewitsch Lopachin unterbreitet ihr einen Vorschlag, um zu retten, was noch zu retten ist. Der berühmte Kirschgarten soll parzelliert werden, die Bäume gefällt und Ferienhäuser gebaut werden. Mit dem Erlös ließen sich dann die Reste des einstigen Glanzes retten.

Wenn Gesellschaften oder ihre Subsystem in existenzielle Nöte geraten, dann verfallen sie meist dem Extraktivismus. Anstatt nach Lösungen zu suchen, verfolgen sie mit noch mehr Energie die gewohnten Strategien und Handlungsmuster, die sie erst in die prekäre Lage gebracht haben.

Rebecca Klingenberg in der Rolle der Ljubow Ranjewskaja ist davor gefeit. Sie bleibt zwar der Vergangenheit verhaftet und kann deswegen auf den Vorschlag von Lopachin nicht eingehen, aber ihr geht zugleich jegliche Energie ab, um sich aktiv gegen das scheinbar Unvermeidliche zu stemmen. Damit verbietet sich die Bezeichnung Protagonistin schon.

Seit der Antike wehren sich in den Tragödien die Menschen gegen ihr Schicksal und müssen deswegen sterben. Die Ranjewskaja ist darüber längst hinaus. Etwas in ihr ist schon vor langer Zeit abgestorben. Das macht Klingenberg deutlich.  

Stoisch und mit eiserner Miene schwelgt sie in den Erinnerungen und erzählt von dem, was schon lange nicht mehr ist. Überhaupt scheint Erich Sidler seinen Schauspielern und Schauspielerinnen Bewegungsarmut verordnet zu haben. Es ist eine Inszenierung, die auf große Gesten weitestgehend verzichtet. 

Einzig Paul Trempnau in der Rolle des Jermolaj Lopachin darf sich den Raum nehmen, denn er für die kraftvolle Darstellung des Selfmade-Mannes braucht. Deswegen ist er eine Störenfried. Als Anja in der ersten Szene ihrer Freude über die Rückkehr in die Heimat freien Lauf lässt, entpuppt sie sich schon als Fremdkörper.

Es ist eben ein besonderes Völckchen, dass in seinen Konventionen und seinen Plattitüden erstarrt ist. Der Wunsch nach Befreiung wird artikuliert, aber nicht umgesetzt, das drohende Unglück in Form der Zwangsversteigerung wird ständig beklagt, aber nix dagegen getan. Man weiß nur, das Lopachins Vorschlag inakzeptabel ist

Geist gegen Kapital: Pjotr Trofimow im
Gespräch mit Jermolaj Lopachin.
Alle Fotos:Klaus Herrmann
In seiner Inszenierung greift Sidler Tschechows Impuls für das moderne Theater: Nie spricht miteinander, alle sprechen ständig aneinander vorbei. Die Parallele zur Jetztzeit ist offensichtlich. Seine Akteure sind steif und starr und deswegen gewinnen die wenigen Momente der Berührung eine solche Bedeutung als taktiler Hilferufe 

Das Bühnenbild von Jörg Kiefel verstärkt die klaustrophobische Gesamtlage. Die Innenseite der Blase, der Echokammer ist mit Kirschblüten tapeziert, die dank Projektion ihre Farben wechseln. Es gibt nur zwei Zugänge in diese sehr eigene Welt, die eben auch nur die Eingeweihten kennen. Aber selbst für die Bewohner des Planeten Kirschgarten gibt manchmal keinen Fluchtweg aus der Umklammerung.

Das Mobiliar besteht aus drei groben Holzbänken, kein Inventar lenkt ab von den Personen. Damit liegt der Fokus des Publikums ganz auf dem gesprochenen Wort. Die Selbstoffenbarung der Nicht-Handelnden erfolgt durch den Text.

Abgerundet wird die Inszenierung durch die Musik von Michael Frei.  Der spendiert der sparsamen Inszenierung nur einige wenige Akkorde und Einzeltöne auf Mandoline und Balalaika. Mehr braucht es nicht für diesen besonderen Flair des untergegangenen Russands.




Link eins: Der Kirschgarten auf der Website des DT Göttingen


Link zwei: Eine andere Lösung