Dienstag, 21. Juni 2022

Weitaus mehr als Standard A und Standand B

NDR Ensemble überzeugt mit anderer Sicht auf Gewohntes

Das war der Schritt in eine neue Dimension. Die Elphcellisten gastierten zum ersten Mal bei den Walkenrieder Kreuzgangkonzerten. Weil sie eine andere Sicht auf Orchestermusik zeigten, hinterließen die 11 Hanseaten ein begeistertes Publikum.

In diesem Ensemble haben sich 2017 elf Musikerinnen und Musiker zusammengefunden, die ansonsten für den NDR die Elbphilharmonie bespielen. Alle bringen das gleiche Instrument mit, nämlich jeweils ein Cello. Da taucht die Frage auf: Wie kann man nur auf die Idee kommen, ein Ensemble zu gründen, das nur aus lauter Stehgeigern besteht. Schließlich ist das Cello nach Vivaldi und Bach in den klassischen Hintergrund geraten. Das Angebot an Literatur für dieses Instrument ist überschaubar und viele zitieren gern Dvorak Sentenz vom unten brummen und oben quietschen.

Nach dem Gastspiel in Walkenried muss man die Frag stellen: Warum hat es mehr als 500 Jahre gedauert, bis jemand den Geistesblitz hatte, ein Orchester nur mit Celli zu bestücken?  Die Elpcellisten zeigten mehrfach die gesamte Vielfalt des Instruments und was alles möglich im Zusammenspiel.

Dabei kommt dem Ensemble die Ausstattung des Instruments zugute. Mit vier Oktaven bietet es ein Spektrum, das anderen klassischen Streichinstrument verwehrt bleibt. Zudem liegt das Cello in etwa auf den Frequenzen menschlicher Singstimmen. Damit kann es bei den Zuhörerinnen und Zuhörern durchaus einschmeicheln

Das Programm   

Der Abend ist zweigeteilt und folgt einer einfachen und überzeugenden Dramaturgie. Der erste Teil des Programms gehört fast ausschließlich den Spät- und Neoromantikern, bis es im zweiten Teil deutlich rhythmusbetont wird.

Eine innige Beziehung.
Alle Fotos: Kügler
Den Auftakt machen drei Lieder des Schweden Hugo Alfvén. Im "Aftonen" ist zuerst die volle Wucht von elf Celli, die aber weich wie ein Welle der Ostsee daherkommt. Dann übernehmen drei Instrumente die Stimmführung, die anschließend von den Kolleginnen und Kollegen differenziert wird. Entsprechend des Titels stellt sich gleich dieses wohlige Abendgefühl im Publikum.

Das "Och jungfrun hon gar i ringen" kontrastiert und zeigt sich spielerisch und tänzerisch. Zum ersten Mal spielen die Elphcellisten den gesamten Tonumfang ihrer Instrumente zur Geltung. Im Wechselspiel wird deutlich, dass auch diese Ensemble über ein blindes Verstehen verfügt. Es kommt ohne sichtbares Dirigat aus und beweist damit technisch das höchste Niveau.

Der "Pseudo Yoik" des Zeitgenossen Jaaka Mäntyjärvi  ist aus anderem Holz geschnitzt. Hier klingt alles nach Folklore und die Celli verwandeln sich zumindest akustisch in Fiedeln. Als dann auch noch die Absätze des Ensembles auf die Bühne knallen, ist man zumindest mental auf einer Tanzveranstaltung. 

Der "Valse triste" von Jean Sibelius entwickelt sich erst langsam aber dann gewaltig. Gezupfte Celli legen die Basis für die sanften Streicher. Nur sehr leise ist der Walzer zu hören. Doch dann brandet aus dem Tutti eine umwerfende Dynamik heraus und der anfangs so verhaltene Walzer endet in einem wahren Klanggewitter. Jetzt wird klar, dass das Cello wie geschaffen ist für Räume wie den Kreuzgang in Walkenried. Architektur und Instrument gehen hier ein Symbiose voller Klanggenuss ein. Da braucht es keine Elektrik. 

Eben gerade noch eine Wand aus Klang, nun ein transparentes Klanggewebe. Im Präludium zu Griegs Suite "Aus Holbergs Zeit" scheinen die Musikerinne und Musiker Hummeln im Hintern zu haben. Aber im tänzerischen Miteinandern ist jedes einzelne Insekt deutlich zu hören. Niemand dominiert hier den anderen. 

Auch das Air ist vom Wechselspiel der elf Freunde geprägt. Im Arrangement erinnert es an Bach. Über dem Continuo variieren kurze Soli ein Thema. Dabi nutzen die Hanseaten wieder den gesamten Tonumfang. Zum ersten Mal stellt sich an diesem Abend die Frage: "Wer braucht eigentlich ein komplettes Orchester wenn er die Elphcellisten hat?"

Noch vor der Pausen gibt es mit "Los trajabadores agricolas" von Alberto Ginastera den Systemwechsel. die Träumereien sind vorbei, es wird rhythmischer. Das Tutti überrascht das Publikum mit einer Wand von Wohlklang. Aus dem Staccato differenziert sich das Klangbild deutlich. Am ende steht Wechselspiel zwischen links und rechts mit sehr viel Flamencogefühl

Nach der Pause

 Das Intermezzo aus der "Cavalleria rusticana" von Pietro Mascagni bringt noch einmal ein Wechselspiel. Vier Celli auf der linken Seite beginnen mit einer leichten Melodie, dann zupft die Mitte zweimal und auf der rechten Seite antworten vier Celli mit derselben Melodie. Dann wird in der Mitte wieder gezupft und es geht links weiter. Wieder tänzerisch und luftig. So muss sich ein Ausflug auf dem Land anhören wenn man mit dem Pferd unterwegs ist.

Das Cello kann fast alles, selbst Tango. Das zeigen die Elphcellisten mit den drei Stücken von Carlos Garciá. Erst wird geschmachtet, dann gezürnt und zum Schluss versöhnt. Immer wieder entwickelt aus dem Staccato der Tutti ein Dialog. Die Celli bewältigen die Gefühlsausbrüche des Tangos wunderbar. Das Instrument ist wie geschaffen für die explosiven Stimmungen und expressiven Sprünge in diesem Genre. 

Die "La Peregrinación" von Ariel Ramirez führen dann in ruhiges Fahrwasser zurück. Mitte rechts legt ein Cello mit perlenden, elektronisch anmutenden, gezupften Tönen die Basis für die weichen Streicher. Im Wechselspiel entwickeln sie eine Melodie, die an einen klassischen Chanson erinnert. Ohne Wehklagen singen die Instrumente von der Schönheit des Lebens an einem lauen Abend im Sommer. Augen zu und träumen lautet die Empfehlung. 

Die Enttäuschung ist an diesem Abend der erste Teil der West Side Story-Trilogie. Der "Maria" fehlt die Expressivität dieses Schmachte-Klassikers. Erst im "Dance" können die Elphcellisten wieder mit der Melodie-Entwicklung glänzen. Aus dem Tornado des Tutti schält sich Schicht um Schicht ein Blues heraus, der sich Ton für ton für Ton in Wohlgefallen auflöst.

Der abschließende "Mambo" zeigt noch einmal den ganzen Spaß, den die Musikerinnen und Musiker am eigenen Tun haben. Der Funke springt schon beim ersten Refrain auf das Publikum über. Das erklatscht sich dann auch eine Zugabe.

Dieses Gastspiel hat gezeigt, dass es sich für alle Beteiligten lohnt, in scheinbar sicheren Gefilden mal eine andere Route zu nehmen. Nur so gewinnt man neue Perspektiven. Wenn der Akt der neuen Erkenntnisse wie an diesem Abend mit jeder Menge Spaß auf beiden Seiten verbunden ist, dann kann man mehr nicht wollen.




  


Mittwoch, 8. Juni 2022

Zusammenspiel auf höchstem Niveau

Leipziger Bläsersolisten bei den Kreuzgangkonzerten

Am Samstag frech Muse, am Pfingstmontag hohe Kunst. Mit einem Kontrastprogramm eröffneten die Kreuzgangkonzerte Walkenried die 37. Spielzeit. Dabei erstaunten die Bläsersolisten aus dem Leipziger Gewandhaus mit einem Zusammenspiel auf höchsten Niveau.

Diesem Ensemble fehlt nur eins und zwar eine Dirigentin oder ein Dirigent. Aber die elf Musiker aus Leipzig kommen auch ohne Taktstock aus. Ihr Programm "Serenaden zu Pfingsten" zeigte, dass klassische Musik auch ohne Streicher auskommen kann. 

Eine Serenade ist ein Musikstück für die Abendstunden und deswegen mit der Erwartung "ruhig und gelassen" verbunden. Genau dies erfüllt Mozarts 11. Serenade in vier von fünf Sätzen. Das Allegro kommt wahrlich majestätisch daher. Gelassen entwickeln Thomas Ziesch und Ingolf Barchmann an den Klarinetten das Thema, das dann die Blechbläser kontrastieren. Im Wechselspiel von Holz und Metall ergibt sich eine für Mozart ungewohnte Ruhe.

Es ist schon recht voll auf
der kleinen
Bühne.
Alle Fotos: Kügler
Das erste Menuetto übererfüllt die Erwartungen. Dabei ist das fehlerfrei Tanzen im Tutti der erste Beweis des einhelligen Verständnis und blinden Zusammenspiels dieses Ensembles. Das anschließende Adagio wird vom Amanda Taurina und Frank Sonnabend bestimmt. Sie entlocken ihren Oboen einen zauberhaften Klang, der den hohen Raum im Kreuzgang feenhaft und elfengleich füllt.

Im Allegro zieht das Tempo deutlich an. Dieser Satz ist bestimmt vom Trialog zwischen Klarinetten, Oboen und Hörner. Dieser funktioniert tadellos.

In seinem Oktett op. 103 hat Ludwig van Beethoven schon in jungen Jahren diesen Ansatz in der Kammermusik ausgebaut. Die sehr kurzen Soli der Holzbläser werden vom Blech beantwortet, um dann im Tutti ein harmonische Ganzes zu ergeben. Das funktioniert eben nur dann, wenn man sich musikalisch versteht. Bei den Bläsersolisten ist das Verständnis so groß, dass für dieses Werk sogar auf den strukturierenden Kontrabass verzichten können. 

Das Wechselspiel der Instrumentengruppe bestimmt die ersten drei Sätze in op 103 und wer genau hinhört, erkennt im Menuetto das Motiv, das später die 6. Sinfonie, die Pastorale, bestimmen wird. Überhaupt gibt Beethoven hier einen Ausblick auf die kurze Glanzzeit der Holzbläser in der Musik der Frühromantik. Das Leipziger Ensemble weiß dieses sehr gut herauszuarbeiten.

Zu Lebzeiten gehörte Franz Krommer als Kapellmeister am Hof in Wien zu den musikalischen Größen. Heute zählt der Spezialist für Kammermusik eher zu den unbekannten Größen. Auch sein Octett-Partita op. 57 gibt einen Vorgeschmack auf die Romantik. Der Einstieg in das allegro vivace erfolgt kraftvoll im Tutti und bringt die Erkenntnis, dass die Bläsersolisten nicht nur bedächtig können. Im Minuetto presto übernehmen die Hörner die Regie und die Holzbläser antworten nur. 

Das Wechselspiel setzt sich im Adagio fort. Lieder geraten hier wie auch in der anschließenden Alla polacca die Blechbläser so laut, dass von den stimmführenden Oboen nicht viel übrig bleibt.

Zum Abschluss des Abend gibt es in Dvořáks Bläserserenade doch noch Streichereinsatz und das auch noch mit dem vom Komponisten wenig geschätzten Cello. Es ist aber ein düsterer Abend, der im ersten Satz dämmert. Erst das Minuetto bringt den quirligen Dialog von Holz und Metall zurück. Zeitgenosse Smetana hat sich von diesen Passagen hörbar für das Quellen-Thema seiner Moldau-Komposition anregen lassen.

Der Abend endet fulminant Das Staccato der Hörner im Final Allegro Molto greift Motive der Polka auf und das Kopfkino beim Publikum geht an, weil hier jeder Ton sitzt. Nur das Cello hat Schwierigkeiten sich bei diesem Parforceritt Gehör zu verschaffen.

Ihr Zusammenspiel auf höchstem Niveau haben die Bläsersolisten mit dieser Auswahl och einmal bestätigt. Auf jeden Fall belohnt das Publikum diese großartige Leistung mit einer großen Portion Applaus.



Dienstag, 7. Juni 2022

Vorsicht, sie wollen nur spielen

Mit den Zucchini Sistaz raus aus dem Corona-Blues

Besser kann ein Neustart nicht sein. Nach zweieinhalb Jahren Zwangspause waren die Zucchini Sistaz am Pfingstsamstag die ersten auf der Bühne der Kreuzgangkonzert Walkenried. Mit einer Mischung aus Swing, Rumba und Slapstick hat das Trio aus Münster den Corona-Blues innerhalb von Sekunden vertrieben. Am Ende stand die Gewissheit: Klatschen und Johlen macht allen Spaß, den Musikerinnen und dem Publikum gleichermaßen.

Wenn es jemanden gibt, auf dem die alte Weisheit "Entscheidend is' auf'n Platz" gilt, dann für diese Drei. Seit 13 Jahren gibt die Formation, aber auf der Habenseite steht nur ein Album. Aufgehoben wird das vermeintliche Manko durch eine Tourliste, die selbst in diesem Jahr so lang ist wie das Telefonbuch von Walkenried. Die Zcchini Sistaz zeichnen sich einfach durch eine Lust am Spielen aus, die nur wenige Ensembles in Deutschland aufweisen.

Die Rhythmusgruppe Balandat  
und Werzinger.
Das Trio muss man als Gesamtkunstwerk verstehen. Das beginnt schon mit dem Outfit. Die drei Damen sind in Grün in allen möglichen Schattierungen gekleidet, Das geht bis zum Lidschatten. Die Garderobe ist irgendwo verortet zwischen 30-er und 50-er Jahre. Es ist eine Hommage an die Dance Hall Days und ihre Leichtigkeit in schweren Zeiten. Anleihen bei den Andrew Sister sind wohl kalkuliert, inklusive des Chorgesangs mit drei Mezzosoprans. 

Inwieweit dies Ehrerbietung oder Persiflage ist, Vergangenheitsbewältigung oder Spiel mit immer noch bestehenden Klischees, das darf das Publikum selbst entscheiden. Das zahlreiche Augenzwinkern des Trios erleichtert die Entscheidung .

Das Programm startet mit Swing und es endet mit Swing, Dazwischen gibt es jede Menge lateinamerikanische Klänge und alles, was in der Mitte des 20. Jahrhunderts für Exotik stand. Aber auch Songs aus der Jahrtausendwende bewältigen die Drei mit der ihnen eigenen Leichtigkeit. Ausgerechnet mit "Monotonie in der Südsee" von Ideal durchbrechen sie ihr gewohntes Hochgeschwindigkeitsschema. Nur eine die Gitarre, ein Glockenspiel, drei Stimmen, dreimal Ahuga und zum Schluss ein Trompetensolo. Dieser NDW-Klassiker klingt so entspannt, dass man wünscht, der Song möge nie zu Ende gehen an diesem Sommerabend.

Mit der "Sentimentalen Reise" machen sie deutlich, dass dies vor allem ein Blues ist. Bei den Zucchini Sitaz klingt "Je veux" so, als wäre es für sie geschrieben worden. Das Prinzip ist einfach. Jule Balandat am Kontrabass und Gitarristin Tina Werzinger legen den Rhythmusteppich, auf dem Multiinstrumentalistin Sinje Schmittker mit verschiedenen Trompeten und Geräten unterschiedlichster Art glänzen darf. Nicht jeder kann eine Posaune klingen lassen wie ein Cabrio mit Startschwierigkeiten. Sinje Schmittker zeigt bei der Zucchini-Version von "Fun Fun Fun" wie es geht. Dafür bekommt sie reichlich Lob von den Mitbewohnerinnen der musikalischen WG.

Erst beim Calypso "Drinking Rum & Cola" durchbrechen sie das Schema. Jetzt darf auch Werzinger mal mit der Gitarre glänzen. Überhaupt macht dieser Hit der Andrew Sisters den doppelten Boden deutlich, auf dem das Trio steht. Schließlich geht es im dem Song um nichts anderes als um Prostitution, verkleidet in leicht verdauliche Musik, Überhaupt lohnt es sich, den Zucchini Sistaz bei ihren Wortspielereien genau zuzuhören. 

Doch der Höhepunkt des Abends ist die Abteilung Sehnsucht. Zurückhaltend kommt "La Mer" als langsamer Walzer daher, die Musik wogt wie die Wellen an der Côte d’Azur. Die Instrumentalisierung ist auf das Minimum beschränkt und Balandat, Werzinger und Schmittker glänzen mit ihren Stimmen. So klingt das Meer und nicht anders.

Beschreibung

La Mer, so und nicht anders klingt das Meer
Die Zucchini Sistaz wären ohne die Moderation von Jule Balandat nur ein halbes Erlebnis. Die drei Musikerinnen sind auch geborene Komödiantinnen. Das zeigen die zwei Slapstickeinblagen im Zeitlupentempo, mit dem sie die Erwartungen an Livemusik auf die Schippe nehmen.

Die Zucchini Sistaz spielen mit dem Publikum und das spielt begeistert mit. Die Rollenverteilung im Trio macht die Identifikation einfach. Da ist die gesprächige Jule Balandat als Leader of the Gang, tina Werzinger als Vamp und "Schnittchen" Schmittker als schweigsames Nesthäkchen, das man beschützen möchte.

Auf jeden Fall findet auf und vor der Bühne eine Symbiose statt, auf die alle viel zu lange verzichten mussten. Ein Konzert ist eben Interaktion, die bietet kein Streaming. Es wird deutlich, dass sowohl die Damen auf der Bühne als auch ihre Fans fast zu lange auf das Lebenselixier "Applaus" verzichten mussten. Aber nun gibt es reichlich davon und am Ende ist niemand mehr unterklatscht.







Mittwoch, 4. Mai 2022

Die Welt braucht diesen Hotzenplotz

Junges Theater Göttingen zeigt den Räuber von einer anderen Seite

Alles passt zusammen. In ihrer Inszenierung von „Der Räuber Hotzenplotz und die Mondrakete“ verknüpfen Nico Dietrich und Christian Vollmer die klassischen Mittel des Kindertheaters mit einer neuen Aussage. Es funktioniert. Kinder und ältere Hotzenplotz-Fans haben ihren Spaß daran, weil es eben klassisches Mutmacher-Theater bleibt und doch neu ist.

Der Räuber Hotzenplotz ist aus dem Gefängnis ausgerissen. Während die Erwachsenen mit Angst und Schrecken reagieren, fassen Kasperl und Seppel einen mutigen Plan. Sie wollen den Räuber mit einer List einfangen, denn was einmal klappt, das klappt auch ein zweites Mal. Im Zentrum ihres Plan steht eine selbst gebaute Rakete.

Otfried Preußler hat die kurze Geschichte vom Räuber, der auf den Mond will, um sich dort mit Silber einzudecken, bereits 1967 veröffentlicht. Das Werk war als Stück fürs Puppentheater gedacht. Doch „Die Mondrakete“ geriet in Vergessenheit und wurde erst 2018 postum wieder veröffentlicht. Ergänzt und ausgebaut von der Tochter des Autors wurde es dann zum Verkaufsschlager.

Die Aufführung des Jungen Theaters hat alles was gutes Theater auszeichnet. Alle haben Spaß und die Fachleute noch mehr, weil sie die zahlreichen Anspielungen verstehen. So beginnt die Vorstellung mit einer Kaffeemühle und dem Lied „Alles neu macht der Mai“. Das ist die Startsequenz der gesamten Hotzenplotz-Serie.

Zwei Räuber sind einer zu viel.
Alle Fotos: Dorothea Heise

Dann geht es weiter mit dem Puppentheater und all seinen Insignien. Die Frage „Seit ihr auch alle da“ darf nicht fehlen. Das erscheint erst einmal als gute Lösung, um ein Fünf-Persoen-Stück mit drei Schauspielern aufzuführen.

Es folgt der Brückenschlag, die Grenzen werden aufgehoben. Der Hotzenplotz klettert als lebendige Person aus dem Guckkasten auf die Bühne. Die Kinder sind begeistert, die Nebengeräusch sinken auf null. Götz Lautenbach spielt den Räuber so gut, dass man in jeder Altersklasse seine Rachegefühl gegenüber Kasperl und Seppel nur zu gut verstehen. Aber von Anfang weiß auch jeder, dass daraus nichts werden wird. Allen Widrigkeiten zum Trotz werden die Mutigen am Ende siegen.  

Später wird der Seppel von der Bühne in den Guckkasten klettern, um dort Schutz zu suchen. Das Erstaunliche daran? Die Kinder verstehen diese dramaturgische Sprache.

Das Tempo der Inszenierung nimmt zu. Es folgt ein Hin und Her mit den Mitteln des Kindertheaters. Da werden Wörter verdreht, Anspielungen auf andere Hotzenplotz-Ausgaben gemacht, Fragen an das Publikum gestellt und Darsteller rollen sich selbst mit Klebeband ein. Helden und Bösewichter verstecken sich hinter Pappmaché, Türen knallen und irgendwer irrt immer durchs Bühnenbild.

Das Spiel mit dem Publikum funktioniert immer noch. Kinder und Eltern klatschen fleißig und zählen mit. Das Miteinander geht so weit, dass einzelne Kinder spontan helfen, als Kasperl allein den schweren Bollerwagen durch die Landschaft ziehen muss.

Es ist ein Spiel, das die Besonderheiten der Hotzenplotz-Serie aufgreift: Selbstbewusste Kinder lösen Probleme, denen die Erwachsenen nicht gewachsen sind. Im Preußlers Sinne wird das gewürzt mit einer Prise Unverschämtheit und Anarchie. Es bleibt die Gewissheit, dass Frechheit und Freundschaft am Ende siegen werden.

Die Neuerungen fügen sich in dieser Inszenierung harmonisch ein. Kasperl und Seppel rappen über den Räuber und es wirkt noch nicht einmal aufgesetzt. Auch der Hotzenplotz darf später singen. Wunderbar ist die Szene, in der Götz Lautenbach und Florian Donath im Zeitlupen-Modus den Moonwalk zelebrieren.

Am Ende siegt wieder die Freundschaft.
Alle Fotos: Dorothea Heise

„Der Räuber Hotzenplotz und die Mondrakete“ ist als Stück fürs Puppentheater genregemäß kur geraten und die Aufführung wäre wohl nach 25 Minuten zu Ende, wenn die Inszenierung von Dietrich und Vollmer die dünne Geschichte nicht um eine neue Ebene erweitern würde. Sie stellen die Frage: Was wären Kasperl und Seppel ohne den Räuber?

Als die beiden Helden glauben, dass der Bösewicht tot sei, singen sie ein Klagelied. Dabei stellen sie fest, dass die Welt ohne den Hotzenplotz nicht mehr dieselbe ist. Doch nicht nur die Welt braucht den Hotzenplotz, sondern Kasperl und Seppel brauchen ihn auch. Denn ohne Räuber wäre auch ihr Leben ein anderes. Ohne Hotzenplotz wäre sie bestimmt nicht so mutig und einfallsreich, wie sei es nun mal sind. Damit die Kinder mutig und einfallsreich bleiben, braucht die Welt genau diesen Hotzenplotz.





Mittwoch, 20. April 2022

Dieser Elch hat sich überlebt

Trotz Neuerungen zeigt die Preisverleihung akuten Neuerungsbedarf

Seit 25 Jahren gibt es den „Göttinger Elch“. Am Sonntag wurde Deutschlands einziger Satirepreis im Deutschen Theater verliehen. Trotz einiger Neuerungen zum Geburtstag wurde deutlich, dass das Prozedere einige Korrekturen braucht, damit der „Göttinger Elch“ lebendig bleibt.

Als Preisträgerin 2021 wurde Maren Kroymann ausgezeichnet. Preisträger für das Jahr 2022 ist Eugen Egner. Corona-bedingt gab es 2020 keinen Preisträger.

Maren Kroymann zeigte sich bei ihrer Dankesrede glücklich. Sie sei vor allem darüber froh, dass es unter ihren zahlreichen Auszeichnungen der erste Preis sei, der ihr nicht im Zusammenhang mit einer Fernsehsendung verliehen wurde. Zudem bedankte sie sich bei all denjenigen, die sie beim Karrierestart Mitte der 80-er Jahre unterstützt hatten.

Maren Kroymann hat mit dem Programm „Auf du und du mit dem Stöckelschuh“ 1982 die Bühne betreten. Sie bot als erste Kabarettistin einen Zugang, der nicht so verkopft war wie die Programme der Schwergewichte Dieter Hildebrandt oder Hanns Dieter Hüsch.

Sie war auch die erste Frau im deutschen Fernsehen, die ab 1993 mit der gleichnamigen Sendung ein eigenes Format auf Sendung hatte. Hildebrandt und Hüsch hat sie überlebt und stilbildend war Maren Kroymann mit ihrem leichteren Ansatz zur gesellschaftlichen Kritik bestimmt. Dafür bekam sie 2021 den Göttinger Elch, dessen Verleihung nun nachgeholt wurde.

Anders sieht es mit Eugen Egner aus. Der gehört eher in die Kategorie Geheimtipp. Obwohl der Zeichner und Musiker aus Wuppertal 1971 einen formidablen Start hingelegte, ist er nie ins Licht der großen Öffentlichkeit gerückt. Seine Zeichnungen und Karikaturen sind von surrealen Elementen geprägt. Stilistisch verharrt Egner in der Ästhetik der legendären U-Comix. Seit 30 Jahren herrscht hier Stillstand und Reproduktion. Damit ist die Rubrik „Spartenprogramm“ vorprogrammiert.

Scheinbar hat die Corona-Pause dem Elch den Stecker gezogen. Es ist eine Preisverleihung wie Hunderte andere auch. Das anarchistische Moment der vergangenen Jahre ist hinweg. Auch das skurrile Element ist Geschichte. Man verzichtet auch in diesem Jahr auf die Übergabe von 99 Dosen Elchsuppe.

Stattdessen dürfen sich die aktuellen und künftigen Preisträger fortan ins Goldene Buch der Stadt eintragen. Auch die ehemals Geehrten dürfen das nachholen, sofern sie noch leben. Damit ist der Göttinger Elch in der bildungsbürgerlichen Normalität angekommen und das ist eigentlich nicht sein Biotop.

Gelobte oben links, Lobredner und Elch ganz klein.
Foto: Thomas Kügler

Wie so vieles rund um den Göttinger Elch liegt der Schlüssel dazu in der Vergangenheit. Das ist bei einem Preis für das Lebenswerk nicht überraschend. Aber an diesem Abend fällt immer wieder der Name „Titanic“. Irgendwie ist alles mit dem Magazin aus Frankfurt verknüpft. Der Chefredakteur darf zum Schluss noch eine Laudatio auf seinen freien Mitarbeiter Eugen Egner halten.

Überhaupt ist die Liste der Preisträger randvoll mit den Vertretern der „Neuen Frankfurter Schule“. Es sieht so aus, als ob die „Titanic“ aus Sicht des Göttinger Elchs das Monopol auf Satire in Deutschland hat. Dieses Magazin ist für den Göttinger Elch das Zentralgestirn seines humoristischen Universums. Dabei ist es eher zu einer Parallelwelt geworden. "Aus der Zeit gefallen" ist eine in den letzten Jahren überstrapazierte Formulierung. Auf diese Veranstaltung trifft sie ohne Einschränkung zu.

Dass es mit dem „Eulenspiegel“ einen weiteren Vertreter aus diesem Genre gibt, der sich sogar besser am Markt behauptet, hat man in der Jury aus lauter Westdeutschen noch nicht wahrgenommen. Somit verwundert es nicht, dass sich selbst im Jahre 32 der deutschen Einheit immer noch kein Satiriker oder Satirikerin aus Ostdeutschland im Reigen der Göttinger Elche findet. Dieser wird dominiert von Künstlerinnen und Künstlern, die zwischen den späten 70ern und den frühen 90ern prägend waren.

Der Göttinger Elch ist in die Jahre gekommen und dies spiegelt sich auch im Publikum wider. Das wird von der Generation Ü 60 dominiert. Ein Milieu feiert hier die Helden der einst rebellischen Jugend. Damals hätte man wohl gegen solche Veranstaltungen voller kleinbürgerlicher Selbstzufriedenheit demonstriert.

Georg Haderer, Preisträger 2019, gibt dies unfreiwillig in der Lobrede auf seine Nachfolgerin Kroymann zu. Er bemüht die alten Zeiten und warnt vor den Veränderungen der Jetztzeit. Gegen die Verflachung der Komik müsse man Haltung zeigen. Dass seine Adressaten ein fester Bestandteil des kapitalistischen System ist, gegen dass man weiter opponieren sollten, kann er nicht sehen. Dabei ist seine Videobotschaft noch ein Highlight an diesem Abend.

Ein anderer Höhepunkt ist die Laudatio von Hans Zippert auf Maren Kroymann. Der Kolumnist der „Welt“ stellt unter Beweis, warum er zu den Besten seiner Zunft gehört. Schließlich hat er schon Mitte der 90-er Jahre den Befreiungsschlag aus dem „Titanic“-Sumpf geschafft. Humorvoll und mit jeder Menge Selbstironie blickt er auf die Zusammenarbeit mit Maren Kroymann zurück und versichert glaubhaft, dass er auf weitere Kooperation baut.

Auf der Bühne trifft Bundesliga auf Kreisliga. Moderator des Abends ist der Lokalheld Lars Wätzold und ihm gehen Witz, Selbstironie und Grandezza völlig ab. Stattdessen kalauert er sich mit Anspielungen durch die Veranstaltung, die nur diejenigen verstehen, die wie er zum „Inner Circle“ gehören. Mit seinem Publikum kann er sich immer wieder versichern, auf der richtigen Seite der Debatten zu stehen 

Den größten Lacher produziert noch die Frage eines Zuschauers. Der möchte von Wätzold wissen, warum sich ausgerechnet die städtische Sparkasse nicht mehr an dieser städtischen Auszeichnung beteiligt. Eine Antwort bekommen er und das Publikum aber nicht.

Stattdessen beteuert man sich immer wieder gegenseitig die eigene Überlegenheit im Vergleich zur Welt da draußen. Damit ist der „Göttinger Elch“ zur eigenen Karikatur geworden. Manfred Deix hätte seine Freude an diesen bildungsbürgerlichen Ritualen. Doch als Preisträger kommt der aus natürlichen Gründen nicht mehr in Frage.

Kein großer Schritt nach vorne

 Antje Thoms verabschiedet sich mit ungewöhnlicher Inszenierung

Die Inszenierung ist gut, das Stück hat Schwächen. So lässt sich die letzte Aufführung am Deutschen Theater unter der Regie von Antje Thoms zusammenfassen. Mit „Der Weg zurück“ verabschiedete sie sich nun nach Regensburg.

Am Anfang steht die Überforderung. Daraus wächst der Wunsch nach einem einfachen Leben. Weil es immer mehr Menschen mit diesem Wunsch gibt, ist in den USA die Bewegung der Regression, der langsamen Rückwärtsbewegung, entstanden. Der britische Autor Dennis Kelly hat diese Erscheinung in seinem Stück „The Regression“ verarbeitet.

Das Werk führt durch fünf Generationen. Am Ende der Technikfeindlichkeit steht eine steinzeitliche Gesellschaft. Ausgangspunkt sind „Der Mann“, seine Tochter „Dawn“ und ihr schweres Schicksal. Endpunkt ist eine weitere „Dawn“, die so retardiert ist, dass sie nur noch einsilbige Wörter beherrscht. Was mit Skepsis der modernen Technik gegenüber beginnt, endet mit dem völligen Verfall von Wissen.

Aufführungsort ist die Tiefgararge des DT Göttingen. Diesen Ort gibt das Stück quasi vor. Die Stühle sind zweireihig im Rund aufgebaut. Es wirkt wie die nächste Sitzung der Gruppentherapie. In der Mitte brennt ein Lagerfeuer. Es soll wohl das Feuer sein, um das man sich seit Menschengedenken so gern versammelt und dann Geschichten erzählt.

Am Eingang hat jeder einen Kopfhörer bekommen. Der beschallt das Publikum mit einer Geräuschkulisse und dem Satz „Du bist in Sicherheit“ in der Endlosschleife. Es ist schon klar, dass es sehr intensiv wird.

Der Blick in die Zukunft die Vergangenheit ist.
Alle Fotos: Thomas M. Jauk
Um das Feuer stehen drei Gestalten, „Die Gruppe“ genannt. Sie warten darauf, dass sie endlich anfangen können. Gaby Dey, Paul Wenning und Florian Eppinger fungieren als Erzähler und schaffen die Brücke zwischen den fünf Zeitstationen. Mit ihrer professionellen Lakonie wirken sie wie die Nornen der germanischen Mythologie, direkt der Edda entsprungen. Ganz nüchtern schauen sie mit Publikum  in eine Zukunft, die wie eine Vergangenheit wirkt. Die Zeitebenen geraten mit Absicht durcheinander und der Stuhlkreis sorgt für das Gefühl der Zusammengehörigkeit. Es ist eine fatale Gemeinschaft. Keiner kommt hier raus.  

Dann steigt Gabriel von Berlepsch als „Der Mann“ in den Ring. Auf den Armen eine Puppe, die er ständig wiegt und das Mantra „Du bist in Sicherheit“ in die Ohren flüstert. Zerfahren erzählt er von dem schweren Schicksal, von der Empfängnis unter schwierigen Umständen, der Geburt und dem plötzlichen Tod der Mutter.

Von Berlepsch liefert großen Kunst. Fahrige Bewegungen, den Kopf stets gebeugt und abgehackte Sprache. Da ist ein Mann jenseits der Verzweiflung und von Berlepsch kann dies eindrucksvoll vermitteln. Er steckt in einer unheilvollen Schleife, aber diese zieht die erste Szene unnötig in die Länge.

Die Frau konnte nur mit Hilfe der Technik schwanger werden, mit Hilfe der In-vitro-Fertilisation. Für den Katholik Dennis Kelly scheint dies ein neuer Sündenfall zu sein. Von hier an geht es auf der Schrägen rasant bergab. Fortan müssen alle Frauen ihre Schwangerschaft mit dem Leben bezahlen. So viel wurde seit der Romantik nicht mehr im Kindsbett gestorben.

Oder möchte Kelly dem Publikum mitteilen, dass allein fehlende Mutterliebe der Grund für alles Unheil ist? Schließlich müssen fortan alle Akteure ohne liebende Mutter groß werden. 

Die Anfänge der Technikkritik liegen in der Romantik und da ist es logisch, dass Kelly auf ein weiteres Mittel dieser Epoche zurückgreift, nämlich dem Briefroman. Die nächste Etappe trägt „Die Gruppe“ als Lesung aus Briefen vor. Das Publikum darf sich seinen Teil denken. Was aber angesichts der wirren Gedanken nicht immer einfach ist. Der ruhige Vortrag kontrastiert gut zum dramatischen Geschehen. Auf jeden Fall wird am Ende dieser Etappe heldenhaft gestorben.

Gegenwart und Steinzeit vermischen sich.
Foto: Thomas M. Jauk
Es folgt die Szene mit dem größten Gruseleffekt. Es ist vor allem der Wiedererkennungswert. Der Auftritt der Zwilling sorgt für Entsetzen, denn Nele Sennekamp und Paul Häußer machen in ihrem Vortrag deutlich, dass die Propaganda ihrer Bewegung gar nicht so weit entfernt von den Verlautbarungen esoterischer Gruppierungen der Gegenwart. Auch in die akademischen Debatten über die Risikogesellschaft finden sich im Vortrag der Zwillinge wieder. Verschwörung vermischt sich hier mit Ratio, Analyse mit Befürchtung, gewürzt wird mit Zeitgeist. Jeder Einzelne wird auf die Einhaltung der Regeln eingeschworen, der Totalitarismus kommt als gute Sache daher.

Zudem schaffen die beiden Darsteller es immer wieder, in ihrem gehetzten Vortrag die Spannungen zwischen den beiden ungleichen Geschwistern deutlich zu machen. Egomane trifft auf Verständnisvolle und beide packen jede Menge latente Aggression in ihr oberflächlich freundliches Neusprech. Es verwundert nicht, dass dies tödlich endet.

Nach der nächsten Briefroman-Etappe springt die letzte Dawn in den Ring. Es ist eine Szene voller Entsetzen, denn Alma Nossek spielt eindrucksvoll eine Vierzehnjährige auf dem geistigen Niveau einer Dreijährigen. Bemalt wie ein mystisches Wesen aus der Vergangenheit zeigt sie eine mögliche Zukunft. Es ist erstaunlich wie viel Mienenspiel diese Maske noch zulässt. Zu den großen Kulleraugen gesellt sich die raumgreifende Gestik eines überdrehten Kindes. Das Publikum ist hin- und hergerissen zwischen Mitleid und Entsetzen.

Bei allen Längen und Schwächen des Stücks gelingt Antje Thoms mit ihrer letzten Arbeit am Deutschen Theater ein eindrucksvoller Blick in eine mögliche Zukunft. Dabei kann sie auf ein Ensemble bauen, dass mit seinem abwechslungsreichen Spiel alle Facetten der unheilvollen Entwicklung offenlegt.

Sonntag, 10. April 2022

Dieser Fotograf ist nur etwas für Erwachsene

 

Neu bei Steidl: Zeitaufnahmen von Werner Bartsch

Dieses Buch sollte man von hinten nach vorne lesen. Im Nachwort von Stefan Gronert ist der Schlüssel zum Verständnis versteckt und der lautet „Projektionsfläche“. Es ist aber auch zulässig, sich die Fotos anzuschauen, erst dann das Nachwort zu lesen und mit der Zusatzinformation einen erneuten Zugang zum Schaffen von Werner Bartsch zu suchen.

Bartsch gehört zu den prägenden Fotografen der Gegenwart. Seit Jahrzehnten lichtet er Zeitgenossen für die großen Publikationen der deutschen Presselandschaft ab. Mit „Zeitaufnahmen“ hat er jetzt im Steidl-Verlag einen Überblick über die letzten 25 Jahre veröffentlicht. Auf 196 liefert er Porträts von und Fotos mit bekannten und unbekannten Mitmenschen ab.

Das ungewöhnliche Format von 52 mal 31 Zentimeter auf der Doppelseite schmeichelt dem Auge. Es sind durchweg Aufnahmen im Querformat und die korrespondieren wunderbar mit der Gestaltung. Auch haptisch ist dieses Buch ein Erlebnis. Gelegentlich wird die Struktur der Motive begreifbar.

Von außen und ...
Es gibt weniger Nahaufnahme als man erwartet. Bartsch simuliert Nähe, indem er immer mal wieder etwas abschneidet. Da ist immer noch etwas Kopf übrig, wenn das Bild längst zu Ende ist oder andere Körperteile fehlen. So soll der Eindruck entstehen, dass der Fotograf seinem Model so dicht auf die Pelle gerückt ist, dass die Kamera diese Nähe gar nicht mehr fassen kann.

Die Menschen in ihrem Umfeld darstellen, dass ist der Ansatz von Werner Bartsch. Das ergibt einen immer gleichen Aufbau der Fotos. Links jede Menge Umfeld, rechts dann das Model. Die Ergebnisse sind unterschiedlich. Günter Grass vor der großen Bücherwand wendet sich selbstbewusst dem Betrachter zu, Maler Jonas Burgert passt schlüssig in sein Wandgemälde, Karin Beier überzeugt auch aus der Froschperspektive, aber Hito Stayerl wirkt verloren auf dem Cordsofa.

Bartsch inszeniert seine Fotos bis ins Detail und manchmal erdrückt die Inszenierung das Motiv. Das Symbol wird mächtiger als der Mensch. Bei Gerhard Richter hingegen funktioniert die Inszenierung. Der beherrscht selbst die Leere seines riesigen Ateliers als kleiner Kraftpunkt rechts unten im Bild.

Gronert spricht in seinem Nachwort von den Bildern als Projektionsfläche für die Betrachter. Für Bartsch sind die Models seine eigene Projektionsfläche. In „Zeitaufnahmen“ präsentiert er drei Serien mit jungen Menschen. Sie schauen tiefsinnig in die Gegend oder starren in die Kamera. Von Jugendlichkeit keine Spur. Die Rollenverteilung hat sich wohl umgedreht. Der Fotograf hat den Models seine Sichtweise übergestülpt. Es ist die aufgesetzte Tiefsinnigkeit eines alten weißen Mannes.

Man muss ein erwachsener und gestandener Mensch sein, um dem Fotografen Wolfgang Bartsch gegenüber treten zu können. Boris Herrmann schaut ganz selbstbewusst in die Kamera. Kein Wunder, er hat auch gerade solo die Welt umsegelt.

Otto Sander fordert den Fotografen heraus und Otto Waalkes zeigt eine Seite, die den Betrachter überrascht. Hinter dem Komiker Otto steckt der der Waalkes mit der ganzen Erfahrung von 73 Lebensjahr. Das deutlich zu machen, das ist große Kunst.

Das beste Foto kommt ganz ohne Menschen aus. Eine blau lackierte Holztür gibt halbgeöffnet den blick in einen unscharfen Hintergrund frei und das Namensschild auf der Tür wirkt, als wäre es vor Jahrzehnten en passant für wenige Mark bei Mister Minit erstellt worden. Darauf steht Habermas und dahinter wohnt der wichtigste Denker der deutschen Gegenwart. Bartsch holt den Philosophen von dem Sockel, auf dem der sich gern selbst sieht.

... von innen. 
Dann ist da noch die Sache mit den Klischees. Natürlich beginnt der Abschnitt über Helmut Schmidt mit einer Menthol-Zigarette. Zwei Seiten später schauen die Betrachter den Ex-Kanzler beim Rauchen zu und posthum hat Bartsch auch Schmidts Zigarettenbox fotografiert. Auch die Pfeife von Günter Grass ist mehrfach zu sehen, weil Schriftsteller eben Pfeife schmöken.

Inwieweit ist es zulässig, Menschen auf ein Detail zu reduzieren? Wie weit darf pars pro toto gehen? Bedient Bartsch hier die Klischees oder ist Bartsch so sehr ein Teil der kollektiven Wahrnehmung, dass er selbst die Klischees in den letzten Jahrzehnten geprägt hat? Bilden Fotos die Wirklichkeit ab oder erschaffen sie die kollektive Wirklichkeit? Diese Fragen beantwortet Stefan Gronert in seinem Nachwort nicht. Das muss man selbst machen und deswegen lohnt es sich, sich den „Zeitaufnahmen“ zu widmen.