Montag, 14. Juni 2021

Der Prinz kommt jetzt mit der Solo daher

Uraufführung am DT: So monoton kann das Leben an der Leine sein

Sie haben es mal wieder getan Zum dritten Mal innerhalb eines Jahres haben Antje Thoms und Florian Barth ein sehenswertes Statement zur Corona-Pandemie abgegeben. Nach den Experimenten "Die Methode" und "DT Tankstelle" ist mit "Mode nach Madrid" am Deutschen Theater in Göttingen ganz den klassischen Theatermitteln verhaftet. Statt mit aufregenden Techniken überzeugt dies Musikrevue eher mit schlüssigen Charakteren.

Selten wurde Monotonie so gut inszeniert. Es wirkt wie das "Warten auf Godot" in Corona-Zeiten. Hinter der durchdachten Sammlung popkulturellen Zitaten stecken lauter kleine Geschichten, die erzählen, wie die Corona-Krise Tausende von Biografien umgeworfen hat. Die bitterböse Satire zeigt, wie Lebensläufe entwertet wurden. Manchmal bleibt einem das Lachen im Halse stecken, bei so viel Realitätsnähe

Es ist schon eine seltsame Gesellschaft, die sich im Reisebüro "Bon Voyage" versammelt hat. Da sind die Chefin Cindy Jane Möller und ihre beiden Angestellten Nina Weber und Moni Fischer. Der Auszubildende Kevin Schmidt komplettiert das Quartett. Zusammen wollen sie einen Weg finden, um das Reisebüro aus der Corona-Krise zu führen  


 
Motivationstraining ist angesagt.
Fotos: Thomas M. Jauk
Die Rollen sind klar verteilt. Nina ist die Motivatorin und Ulknudel, Kevin der Ungeschickte und Moni die Neurotische. Immer wieder zitiert sie die Corona-Regeln für den Arbeitsplatz und erficht sich mit dem Zollstock den gesetzlichen Mindestabstand.

Gaia Vogel glänzt in Rolle der Frau, die auf Einhaltung besteht um die Kontrolle über das verlorene Leben wieder zu erlangen. Im Stakkato zitiert sie Paragraphen und mit rudernden Armbewegungen macht sie deutlich "Bis hier hin und nicht weiter.

Dann sind da noch drei gestrandete Gäste. Das Duo No-Show besteht aus zwei namenlosen Musiker, die ohne Reisegesellschaften arbeitslos sind. Florian Barth hat ihnen Anzüge verpasst, die so farbenfroh sind wie die Seychellen-Bilder vom Michael Adams. Einen härteren Kontrast kann es nicht geben.

Rudi Maria Kron ist ein lebendes Fossil, ein Dinosaurier aus der Globetrotter-Ära und abgewrackter Reiseleiter der MS Theodor Körner. Mit seiner reduzierten Darstellung macht Paul Wenning die ganze Erbärmlichkeit dieser Person deutlich. Die Gestik bleibt im Schlaff-Modus und die Stimme leiert mehr als das sie rezitiert.

Aber das Mitleid mit dieser Witzfigur hält sich in Grenzen. Selbst wenn er nichts tun muss, scheitert er. Den Big-Lebowski-Ähnlichkeitswettbewerb schließt er lediglich mit Platz 11 ab.

Was bei der Musikauswahl auffällt: Es sind fast nur Stücke aus der Schublade "Oldie". bis in die 80er Jahre hinein waren Fernweh und Sehnsucht immer einen Song wert. Dann verschwanden die Themen weil Reisen zum Leistungssport und zur Massenbewegung wurden.

Deswegen schmerzt die Bruchlandung umso mehr. Gerade noch ein Traumjob, sind die Reisekaufleute die Verlierer der Krise. Selbst das Subproletariat der Paketboten scheint ihnen nun überlegen. Denen geht es auch nicht besser, aber sie sind die neuen Helden.

Den Verlust an Orientierung gibt Gaby Dey als Cindy Jane Möller eine beeindruckende Gestalt. Ihr bleibt nichts als Erinnerungen, sie ist nicht in der Lage ihrer Mannschaft den Weg zu weise. Ihre einzige Tat mit Energie bleibt der Abgang, die Flucht aus der Ratlosigkeit.

Die einfachste Rolle an diesem Abend hat Nathalie Thiede als die Betriebsnudel Nina Weber. Thiede gelingt es, dieser Nervensäge der permanenten guten Laune Tiefe zu verleihen. Es dauert ein wenig, bis Thiede deutlich macht, dass Webers Betriebsamkeit auch nur übertünchte Ängste sind. Aus dem ständigen Arme nach oben recken wird ein Schulter nach vorne drücken, ein Kleinmachen.

Der Prinz fährt eine alte Solo.
Fotos: Thomas M. Jauk
Es ist ein Treffen der Untoten im Reisebüro "Bon Voyage". Da darf dann wie im billigen Gruselfilm auch mal der Strom ausfallen. Somit ist der Auftritt von Andrea Strube als "Die Puppe" auch logisch. Wie einst Graf Orlok in "Nosferatu" hat sie sich selbst verschickt. Ihr Einzug in das Reisebüro ist aber wesentlich pompöser als dessen Ankunft in Wisborg.

Oder ist sie doch eher "Die Mumie"? Auf jeden Fall wirkt sie bleich geschminkt und mit Julia-Timoschenko-Frisur wie ein Überbleibsel aus einer Zeit, die nicht sterben will.

Die stärkste Entwicklung macht an diesem Abend aber Gaia Vogel in der Rolle der Moni Fischer. Anfangs überrascht es, dass ausgerechnet die Neurotikerin den Mut aufbringt, diese ungesunden Verhältnisse zu verlassen. Doch es ist wie im Märchen. Der Prinz kommt auf einer alten Solo daher, zitiert Udo Jürgens und mit neuer frischer Körpersprache macht sie sich dann mit ihm auf den Weg. Ende gut alles gut, zumindest für die Beiden. 

Die Rolle des Kevin Schmidt ist vielleicht zu eindimensional, um darin glänzen zu können. Doch Daniel Mühe überzezugt vor allem als Sänger. Zusammen mit Jan Beyer und Tobias Vethake bringt er eine Show, die an Zeiten, als alles noch möglich war. Sie klingen energiegeladen und spröde wie einst "Fehlfarben" in ihren besten Tagen. Da stört es auch nicht, dass er das Moped erst im zweiten Versuch zum Laufen bekommt.

Es ist nicht alles gelungen in diesem Stück, manches entbehrt der immanenten Logik. So kommt das Gebrüll des Telefonkunden unvermittelt und geht sowieso unter. Aber das Publikum ist am Ende zum größten Teil begeistert und übt sich in einer komplett analogen Tätigkeit: Applaudieren und das sogar im Stehen.



Sonntag, 28. März 2021

Gegen das Sedativum

Deutsches Theater Göttingen eröffnet “Tankstelle” 

Das DT Göttingen hat noch einmal ein starkes Zeichen gesetzt und Theater in Corona-Zeiten neu definiert. Am Freitag eröffnete es die “Tankstelle” und mit diesem analogen Stück verabreichen Antje Thoms und Erich Sidler ein Gegengift gegen das Sedativum “streaming”. Geöffnet ist die Tankstelle täglich von 16.30 bis 18.30 Uhr. Am Karfreitag ist geschlossen. 

Es scheint, als wäre ein Ufo am Wall hinter dem Deutschen Theater gelandet. Die Container, die sonst als Proberäume dienen, sind im Chick der 60-er Jahre verkleidet. Davor stehen Zapfsäulen aus derselben Zeit. Wer dicht genug herangeht, kann nicht nur “Blasenfrei zapfen” lesen, sondern auch riechen, dass die Geräte wirklich mal in Gebrauch waren. 

Dort, wo am Turm sonst die Preise für den Treibstoff stehen, werden heute “Begegnung”, ”Musik”, “Appetit”, “Beweglichkeit” und “Liebe” angepriesen. Menschen in roten Overalls schwirren umher. Das Bodenpersonal macht die Illusion von der Tankstelle perfekt.

Das ist heute im Angebot. 
Alle Fotos: Kügler

Schon die Ansicht ist wichtig. Betrachtet man den Pavillon von links, kann man an den Längsseiten “Super” lesen und “Heute”, wechselt man die Perspektive, dann steht dort “Normal” und “Morgen”. 

Wie schon bei der “Methode” im letzten Jahr ist die Tankstelle eine Gemeinschaftsarbeit von Erich Sidler, Antje Thomas und Florian Barth. Nach den Klanginstallationen und den Streamings der vergangenen Monate habe mal wieder etwas Analoges und etwas mit Publikumskontakt machen wollen, erklärt die Regisseurin. Auch das Ensemble sei begeistert gewesen. 

13 Mitglieder sind in die aktuelle Inszenierung eingebunden. Sie singen, sie rezitieren, sie philosophieren, sie machen Sprachübungen und die Besucher dürfen, sollen sogar mitmachen. Sie bedienen sich aus einem großen Pool an Texten und Liedern, den alle zusammengetragen haben.

Bei den täglichen Aufführungen sind immer fünf Schauspielerinnen und Schauspieler aktiv. Aber  ein ständiger Wechsel in der Besetzung ist vorgesehen. Das Team ist jedes Mal ein anderes und damit ändert sich auch die Zusammenstellung der Themen. 

Jeden Tag gibt es eine neue, einmalige Kombination. Für Antje Thoms ist dies ein Zeichen gegen die digitale Gleichförmigkeit. Kein Tag an der Tankstelle lässt sich beliebig reproduzieren.

Die Namensgebung ist einleuchtend. Das Projekt soll die Menschen zum Auftanken einladen und der Ort für alle zugänglich sein. Das auffällige Design macht den Pavillon bewusst zu einem Ufo am Rand der Innenstadt. Der Ort soll Brück sein in eine andere Welt. Es ist ein Spagat, der gelingt.

Theater wie in der Peep-Show.
Foto: Kügler


Bei der Konzeption konnte man auf gewohnte Mittel zurückgreifen. Schon bei der phänomenalen “Methode” arbeitete antje Thomas mit Stationen. Bei “Alice im Wunderland” der Theaterclubs rückte dann der Pavillon in den Mittelpunkt. Schon hier nutzte man die fünf Fenster zum Wall als Spielorte. 

Doch dieses Mal gibt es keine Zusammenhang zwischen den Stationen. Das macht schon die Optik deutlich. Der Märchenwald steht neben dem Badezimmer, daneben ein Landgasthof und dann kommt eine Sauna. Auch von Stationen ist nicht mehr die Rede. Die Pandemie hat die Sprache verändert und die Fenster sind jetzt Slots. Dahinter verbergen sich die fünf Spielräume, in denen die fünf Solisten agieren und interagieren. Lautsprecher und Mikrofon stellen die Verbindung her zu diesen Mini-Reservaten der Schauspielkunst.

Diese Slot können die Besucherinnen und Besucher buchen. Das Angebot steht am Turm. Fünf Minuten Zeit hat man dann, um sich über Kaiserschmarrn, über Sprechübungen oder über Liebeslieder und alles andere zu unterhalten oder unterhalten zu lassen. Man kann sich selbst zum Teil der Inszenierung machen, man kann es aber auch sein lassen. Aber natürlich ist Interaktion schöner. Das ist ungewohnte Wahlfreiheit in Zeiten intimster Vorschriften. Ist die Zeitabgelaufen, geht es zurück zur Anmeldung, um einen neuen Slot zu buchen. 

Das Ensemble und das Publikum sind durch eine Scheibe getrennt. Doch es ist schon eine intime Situation. Manch Älterer fühlt sich zugleich an Peep-Shows erinnert. Man ist fast schon einander ausgeliefert für eben fünf Minuten. So dicht kommt man sich selbst im Theater nicht.

Alles eine Frage der Perspektive.
Foto: Kügler
Nach Monaten der Entfremdung versteckt hinter dem Euphemismus “social distancing” ist so viel Nähe ungewohnt, fast schon verstörend. Aber je mehr man sich aber auf das Spiel einlässt, um so mehr begeistert es. Nähe macht süchtig. Damit wird klar, was fehlt in Zeiten, in denen man auf die Kernfamilie beschränkt wird. Damit ebenso klar, dass das Allheilmittel Streaming bestenfalls ein Sedativum sein kann.

Endlich wieder Menschen, endlich wieder Dialoge, endlich wieder Kultur. Die Premiere ist geschwängert von Glückshormonen drinnen wie draußen, diesseits und jenseits der Trennscheibe. Mit der Tankstelle hat es das DT Göttingen geschafft, Theater in theaterlosen Zeiten neu zu definieren. Erich Sidler wird damit seinen Anspruch gerecht, Impulse in die Stadt und das Umland  zu geben. Zusammen mit Florian Barth und Antje Thoms hat er ein starkes Statement für das Analoge und das Präsente abgegeben.


Material #1: Die Methode - Theater neu definiert

Mateerial #2: Alice im Wunderland - Theater wirklich digitalisiert 


Die Aufführungen finden bis auf Weiteres täglich von 16.30 bis 18.30 Uhr statt. Die Teilnahme ist kostenlos. Karfreitag ist Ruhetag. 



Dienstag, 23. Februar 2021

Keine gute Krise ungenutzt lassen

 Die Internationalen Händel-Festspiele Göttingen werden auch in diesem Jahr nicht zum gewohnten Termin rund um Pfingsten stattfinden. Das Festival wurde auf den September verlegt. 


Herr Wolff, wie schwer ist Ihnen die Entscheidung zur Verschiebung gefallen?

Nicht so schwer wie die Entscheidung im letzten Jahr. Die Situation war zu erwarten. Wir haben mit dem Aufsichtsrat seit Dezember immer wieder getagt. Und weil die Impfungen nicht so schnell vorangehen wie erhofft, haben wir uns nun zu diesem Schritt entschieden. Dabei spielen die Reisebeschränkungen für unsere Künstlerinnen und Künstler und auch unsere Gäste eine weitere Rolle. Niemand kann absehen, wie diese sich in den nächsten Wochen entwickeln. Zudem fehlen uns von einigen Spielstätten noch die Zusagen. So konnten wir den geplanten Vorverkauf im März nicht starten. Wir hätten bestenfalls regionale Händel-Festspiele feiern können. Aber das ist nicht unser Anspruch. Wir wollen ein internationales Festival sein. 

Was erwartet uns dann im September? 

Hoffentlich Händel-Festspiele mit Festival-Atmosphäre. Dazu gehört ein Beisammen sein, gemeinsames Anstoßen, Künstler zum Anfassen und die Möglichkeit, Gespräche führen zu können. Denn schließlich verkaufen wir zu 30 Prozent Festivalstimmung. Ohne die geht es nicht. Zudem möchten Laurence Cummings und ich einen gebührenden Abschied feiern. Also war “Keine Händel-Festspiele” keine Option. Wie es konkret aussehen wird, das hängt auch davon ab, wie schnell die Impfungen vorankommen


Tobias Wolff wird im September dabei
sein, 
die Stadthalle nicht.  Foto: Archiv

Sie werden also im September noch dabei sein?

Wir beide, Laurence Cummings und ich, werden wiederkommen und dabei sein. Zwar beginnt meine neue Tätigkeit in Leipzig im Sommer. Aber ich habe bereits eine Nebentätigkeitserlaubnis seitens der Stadt Leipzig erhalten.

Es ist ja auch eine besondere Situation für Jochen Schäfsmeier, meinem Nachfolger. Zwar hatten wir für ihn eine lange Einarbeitungszeit eingeplant, aber bisher konnte er noch keine Händel-Festspiele erleben. Und das Programm des Vorgängers zu übernehmen, macht ja auch keinen Spaß.

Wie stark wird die Corona-Krise die Kulturszene verändert?

Ich bin überzeugt, dass die Veränderungen sehr groß sein werden. Kein Veranstalter und keine Künstlerin oder Musiker wird sich noch auf die bisherigen „just in time“- Gepflogenheiten einlassen. Gestern Tokio, heute Göttingen und morgen New York, das wird es nicht mehr geben. Wir haben gelernt, wie empfindlich auch in der Kultur die Lieferketten sind. Diese funktionieren eben nur dann, wenn es keine Störungen gibt.

Auch wir als Veranstalter müssen uns Gedanken über Nachhaltigkeit machen. Wie sagte schon Churchill? Verschwende keine gute Krise. Wir werden uns von einigen Gewohnheiten verabschieden und Dinge hinterfragen, die wir bisher für selbstverständlich gehalten haben. Brauchen wir noch ein gedrucktes Programm? Diese Frage hätte man sich ohne Corona vielleicht erst später gestellt. Viele Antworten scheinen nun klarer. 

Wie wird sich die Krise auf die Musik auswirken?

Es zeichnet sich schon jetzt ab, dass es weniger Künstlerinnen und Künstler geben wird. Vermutlich werden wir das erst zu spüren bekommen, wenn die etablierte Generation in etwa 10 Jahren in den Ruhestand geht. Bis dahin wird das Defizit eventuell ein wenig abgefedert. Allerdings werden auch die Hochschulen überlegen müssen, ob und wie sie weiterhin ausbilden wollen. Zudem wird es für junge Menschen in Zukunft wesentlich schwerer sein, den Berufswunsch „Sängerin“ oder „Musiker“ vor den Eltern zu rechtfertigen.

Die klassischen Gräben zwischen der freien Szene und den öffentlich durchfinanzierten Häusern konnten in den letzten Jahren überbrückt werden. Das hatte den Kulturbetrieb durchaus befriedet. Aber während die Musikerinnen und Musiker in den öffentlichen Häusern von Kurzarbeit profitierten, hat die freie Szene seit fast einem Jahr keine Einkünfte mehr. Das reißt alte Gräben auf und lässt Verteilungskämpfe wieder aufleben. Und zwar nicht erst, wenn mit deutlich weniger Mitteln die kommunalen Haushalte neu aufgestellt werden.

Auch Laurence Cummings möchte einen
festlichen Abschied geben.
Foto: Händel-Festspiele 

Folkert Uhde hat einen völlig neuen Musikbetrieb vorhergesagt. Wie lange wird es dauern, bis sich Normalität einstellt?

 Die Krise wirft sehr lange Schatten. Wie groß die Schäden sein werden, kann ich nicht abschätzen. Es wurde auch viel Geld ausgegeben, um die schlimmsten Folgen abzufedern. Aber irgendwann wird bei Ländern und Kommunen gespart und die Erfahrung zeigt, dass in solchen Situationen immer zuerst bei der Kultur gekürzt wird.

Die Internationalen Händel-Festspiele Göttingen stehen aktuell vergleichsweise stabil da. Sorgen machen mir aber die Kulturinitiativen in der Fläche. Da brechen auch Strukturen weg. Diese Initiativen sind auf Ehrenamtliche angewiesen, die meist etwas älter sind. Ich denke, dass es noch schwerer wird, in den nächsten Jahren Menschen für ein kulturelles Ehrenamt zu motivieren.

Ist die Digitalisierung die Chance für den Konzertbetrieb?

Der digitale Raum ist kein Ersatz für die Atmosphäre eines Live-Konzertes, aber wir müssen den digitalen Raum ernst nehmen. Die ersten und schnellen Lösungen, die wir im vergangenen Jahr dort präsentiert haben, konnten sicherlich nur zum Teil überzeugen. Wir werden die digitalen Formate weiter ausbauen. Es wird aber schwer werden, auf diesem Wege Einnahmen zu generieren. Vor allem denke ich auch, dass dabei die Verbundenheit zum Beispiel über die Region eine große Rolle spielen wird, wenn es darum geht, für Streaming oder ähnliche Angebote ein Publikum zu gewinnen.

Was bleibt für ihren Nachfolger?

Herr Schäfsmeier hat wirklich erschwerte Startbedingungen. Erst konnte er trotz langer Vorlaufzeit keine Festspiele erleben. Nun muss er gewissermaßen parallel zu den Vorbereitungen auf den Herbst schon sein erstes Festival vorbereiten. Denn im Mai 2022 wird es hoffentlich wieder reguläre Händel-Festspiele in Göttingen geben.


Vielen Dank für das Gespräch



Material#1: Die Internationalen Händel-Festspiele - Die Website
Material#2: Die IHFgö bei facebook - Mehr aktuelles


Material#3: Die Festspiel in Halle - Die Website




Donnerstag, 5. November 2020

Getanzter Zorn

Die Räuber zwischen Kain, Abel und Ödipus

Mit einer Räuber-Trilogie wollte Olaf Graf in sein Amt als Intendant des TfN starten. Nach Schauspiel, Oper, defekter Brandschutzanlage und geflutetem Theater feierte nun der letzte Teil des Triptychon Premiere im Ausweichquartier "Halle 39". Die Räuber-Choreografie von Marguerite Donlon lässt staunen und macht atemlos. 

Sie ist vor allem rasant und schnell, und bringt doch neue Perspektive. Donlon präsentiert eine neue Version von Kain und Abel und von der verlorenen Unschuld. Damit steht am Ende die Gewissheit, dass die Geschichten mit dem alten Grafen, seinen Söhnen und der schönen amalia nicht anders als tödlich ausgehen kann.

Franz hat den Vater in der Gewalt. 
Alle Fotos: Quast
Seelenleben oder Erzählballett? Innerlichkeit oder Action? Die Wahlberlinerin verknüpft in ihrer Choreografie beide Möglichkeiten und die vier Tänzer und Annick Schadeck als Amalia setzen dies einsdruckvoll um.  Das verwundert nicht, denn sie sind das Donlon Dance Collective

Doch ganz so einfach macht es Marguerite Donlon dem Publikum nicht. Ihr Franz ist gewalttätig und durch und durch böse. Aber Marioenrico D'Angelo liefert in dieser Rolle eine überzeugende Erklärung: Unerwiderte Liebe und Zurückweisung.

Der Liebesentzug durch den Vater verursacht konvulsivische Krämpfe. Es ist abrupte Bewegungen in viele Richtungen. Der ganz Körper zuckt und krampft. D'Angelo bringt den Schmerz auf die Bühne und das Publikum leidet mit. Es hätte nie gedacht, dass der Umgang mit der Requisite Brief solche Folgen haben können. 

Das Mienenspiel ist trotz MNS beeindruckend. Immer mehr Zorn mischt sich in das Gesicht. die entlädt sich in Gewalt gegen den Vater. Das Publikum wird Zeuge einer tänzerischen Folter. Laios hatte Glück, Ödipus tötete ihn sofort. Der alte Graf wird in Etappen sterben, das wird schnell klar.

Die Choreografie bipolar. Marguerite Donlon hat das Gewicht abermals verschoben. Sie rückt die Figur der Amalia stärker in den Fokus. In der blütenweißen Optik ist sie der Kontrapunkt zum schwarzen Franz. Ihr bleiben die raumgreifenden Bewegungen, die nicht ins Leere gehen, sondern immer wieder auf sie zurückführen. Da steckt jede Menge klassischer Ausdruckstanz drin, der kontrastierte zu den Jazz Dance-Elementen der Räuberbande.  

Amalia ist stärker als die Männer,
aber das hilft ihr nur bedingt. 


Damit liegen die Höhepunkte des Abends im Aufeinandertreffen von Amalia und Franz. Diese sind energiegeladen, die Spannung entlädt schlagartig. Dem Prinzip von Zorn und Gewalt stellt Annick Schadeck Selbstsicherheit und Entschlossenheit entgegen. doch dieses Spiel kann kein gutes ende nehmen. Es endet auch für Amalia tödlich.

Die Musik von Michio Woirgardt ist eine Mischung aus Industrial Beats und Klangcollagen. Satte Streicher werden von Textzitaten gekontert. Sie liegt irgendwo zwischen Laurie Anderson und Art of Noise und ist ein Motor in dieser bombastischen und atemlosen Choreographie. 

Doch die stärksten Momente sind die Momente der Stille, des Innenhaltens vor dem Abgrund. Es sind die Soli von Annick Schadeck, die Gänsehaut erzeugen und so in Erinnerung bleiben. 

Das vielschichtige Spiel spiegelt sich im Bühnenbild von Belen Montoliu wieder. Es sind vier Elemente aus Holz auf Rollen. Manchmal wirkt ihr Stangenwirrwarr wie ein Baumhaus als sicherer Beobachtungsposten und mal wie ein Gefängnis. Ineinander verschoben ergeben sie aber auch ein labyrinthisches Dickicht. Das ist ganz große Kunst.

Das einzige Manko? Der Zeitpunkt ist denkbar ungünstig für Tanztheater in der Klasse. Aber dafür kann das TfN nichts. 


Die nächsten Aufführungstermine sind noch nicht festgelegt.  

Sonntag, 1. November 2020

Flucht vor sich selbst

 "Die Winterreise" als Ballett im Theater Nordhausen

Meistens kommt es anderes als man manchmal denkt. Mit einer Aufführung von "Die Winterreise" als Ballettabend hat sich das Theater Nordhausen in die Winterpause verabschiedet. Dabei überzeugt die Choreographie von Ivan Alboresi owohl sie doch einige Längen aufweist. 

In diesem Jahr diktiert erstmal das Corona-Virus den Spielplan. Eigentlich wollte Alboreso die "Carmen" in Szene setzen, doch die zahlreichen Auflagen stoppten das Vorhaben. Doch "Die Winterreise" mit der Musik von Franz Schubert ist mehr als nur Ersatz. Sie passt besser in diese Zeit als die extrovertierte und erotische Carmen.

Mit der affektierten Larmoyanz und dem maßlosen Selbstmitleid in einer konstruierten Realität, die mit der Wirklichkeit nur bedingt deckungsgleich ist, ist die Winterreise die Vorlage für die aktuelle Gemütslage. Statt des grandiosen und tödlichen Finale der Carmen gibt es hier endloses Siechtum. 

Mal eine weibliche Perspektive: 
Gony ist die gefrorene Träne.
Alle Fotos: TNLos
Winterreisen gibt es viele. Auch die Lieder von Franz Schubert ist nur von mehreren zeitgenössischen Vertonungen der 24 Gedicht von Johann Ludwig Müller. Wie es sich für einen Schwerromantiker gehört, konnte er den Ruhm aber nur postum genießen. 

Alboresi schafft es, dem Standardwerk wichtig Ergänzungen hinzuzufügen. Mit dem Untertitel "Stationen einer Flucht" verschiebt sich die Perspektive auf das Seelenleben des Ich-Erzählers. Es ist nur schade, dass sich einige Stationen doch gleichen. Besonders in der zweiten Hälfte wirken einige Szenen redundant. Da unter den derzeitigen Bedingungen eine Pause zur Verarbeitung auf Seiten des Publikums nicht möglich ist, wäre eine Straffung durchaus ratsam. Denn anderthalb Stunden Seelenpein, das  ist schon ein Brett. 

Eigens für die Inszenierung in Nordhausen hat der Komponist Davidson Jaconello Klangcollagen und Electrobeats geschaffen. Diese transportieren die Inszenierung nicht nur 200 Jahre in Richtung "Jetzt". Diese Brücken in die Gegenwart sind auch wichtige Ergänzungen und Kontrapunkte zur traditionellen Instrumentierung. Hier kann sich das Ohr erholen von der Dominanz von Flügel und Bariton.

Dabei profitiert die Choreografie durchaus von der Tradition. Der Bariton hat die Rolle des Ich-Erzählers und Handlungsträger. Deswegen muss Alboresi keinen Gedanken an das Erzählballett verschwenden. Er kann sich auf das konzentrieren, was er am Besten kann und am Liebsten macht: Innere Zustände in Bewegungen umsetzen. 

Philipp Franke hat die Winterreise schon seitz längerem in seinem Repertoire. In dieser Zeit ist die Darbietung gereift. Franke ist nun in der Lage, seinen Bariton akzentuiert einzusetzen. Damit weiß er die schwankenden Stimmungen des Erzählers umzusetzen. Dadurch gewinnt die Winterreise deutlich an Tiefe.

"Stationen einer Flucht" und damit verwundert es nicht, dass das Ensemble immer wieder in Diagonalen über die Bühne hastet. Diese Zurschaustellung innerer Unruhe liegt auf der Hand. Aber ansonsten greift Alboresi in seiner Choreografie in gewohnter Weise auf den gesamten Fundus  tänzerischer Ausdrucksmittel zurück. Klassik trifft auf Moderne trifft auf Break Dance.


Die Grenzen zwischen Musik und Tanz verschwinden.
Alle Fotos: TNLos!
Klassisch drehen sich die Tänzer um sich selbst. Die Pirouetten in den weiten Mäntel wecken Assoziationen an die Derwische. Gelegentlich wird auch gesprungen.  Es sind gewissermaßen Pas de deux mit sich selbst. Das ist nicht nur den Corona-Bedingungen geschuldet. Das alleine zu machen, was sonst nur zu zweit klappt, auch das ist eine Aussage zur Zeit. 

Aber es findet eben auch viel auf dem Boden statt. und dann drehen sie sich auch wieder um sich selbst.

Dadurch gewinnen die Soli an Bedeutung und der Auftritt von Otylia Gony an der dritten Stationen bringt eine zusätzliche Ebene in die Rezeption. Seit der ersten Szene steht sie bewegungslos rechts hinten im Spotlicht. Nun tanzt sie mit sparsamen Platzverbrauch die gefrorene Träne. 

Genau genommen war die Winterreise bisher der Ego-Trip eines verkappten Machos. Junger Mann macht sich falsche Vorstellungen über eine Beziehung, enttäuscht macht er sich über alle Berge und singt anschließend der Welt von seinem verqueren Seelenleben vor. 

Dank Ivan Alboresi kommt nun die Verlassene zu Worte. Warum hat es zweihundert Jahre gedauert, bis endlich jemand fragt, was die Trennung bei der jungen Frau auslöst? Allein für diese neue Opfer-Perspektive gehört Nordhausen Ballettchef in den Olymp. 

Das Bühnenbild von Wolfgang Kurima Rauschning entblättert seine Stärken erst im Laufe der Vorstellung. Damit liefert es aber eine eigenständige Aussage. 

Grün trifft auf Schwarz, aber die Phase der
Hoffnung ist nur kurz.  Alle Fotos: TNLos!
Anfangs verstört es mit seiner sperrigen Do-It-Yourself-Optik. Das ist pure Klaustropobie gezimmert in 45 mal 75er Kantholz. Ab Station vier wird es im Gegenlicht zur Projektionsfläche und dann  öffnet sich die Kulisse Stück für Stück. Die Grenze zwischen Tänzer und Musiker verschwindet sukzessive bis Philipp Franke vom Sänger zum Akteur wird.

Doch die Öffnung retardiert. Die Kulisse senkt sich wieder häppchenweise und Zum Schluss herrscht wieder Klaustrophobie und Einsamkeit und ein Ich-Erzähler der in sich versunken in der Ecke hockt. 

Unterstützt wird dies durch das Farbkonzept der Ausstattung. Baut Birte Walbaum erst aus Schwarz mit einem Hauch weiß, so kommt zwischenzeitlich lindgrün dazu. Die schweren und weiten Romantikermäntel werden vom Tänzerdress abgelöst. Doch die Phase der Hoffnung ist nur kurz. Die Kostüme landen wieder im Monochromatischen. Die Schlussszene sieht Tänzerinnen und Tänzer im schwarzer Regen. Alles was bleibt ist Traurigkeit. 

Es ist fantastische Bilder, die das Ensemble in Tateinheit mit Ausstattung und Licht auf die Bühne des Theater Nordhausens bringen. Bilder, in die man als Zuschauer zu gern versinkt. Aber einige diese Bilder wirken wie Kopien ihrer selbst. Für die Post-Corona-Zeit wäre eine Straffung durchaus angebracht.  





    



 

 

Mittwoch, 7. Oktober 2020

Gegen Corona antanzen

Breites Spektrum bei der Ballettgala im Theater Nordhausen

Manchmal bringt die Not die besten Ergebnisse hervor. Das zeigte die Ballettgala im Theater Nordhausen. Der Schlussapplaus erreichte die Stärke der Vor-Corona-Zeit. 
Intendant Daniel Klajner und Ballettchef Ivan Alboresi begrüßten die drei neuen Mitglieder der Compagnie vor. Diese stellten sich dann mit eigenen Choreographien vor und nachdem Klajner seinen Ballettchef ausreichend gelobt hatte, gab dieser preis, dass er mindestens noch bis 2024 in Nordhausen bleiben wird. 
Spots brennen Lichtkreise auf den Tanzboden. Es sind Platzanweiser. Tänzer kommen auf die Bühne und wissen, wo sie hingehören. Nur so kann Ballett in den Zeiten des "Abstands halten" funktionieren und irgendwann ist das gesamte Ensemble auf der Bühne.
Den ersten Applaus gibt es, als alle ihre Masken aufsetzen. Tanztheater lässt sich nicht von einem Virus aufhalten. Das ist doch ein Statement. 

Es darf wieder getanzt werden.
Alle Fotos: Marco Kneise

Sind es wirklich nur Nummer, wie der Titel des Stücks nahe legt? Alboresi schafft es, aus dieser Ansammlung von einzelnen einen Corpus zu schaffen. Die Solisten finden sich mit den anderen Mitglieder des Ensemble immer wieder zu diesen organischen und wogenden Bewegungen zusammen, die so typisch für die Werke von Alboresi sind. 
Die zweite Choreographie ist der pure Kontrast. Immer wieder legt Luca Scaduto überraschende Wendungen hin, so dass man meint, ihm wären diese Bewegungen eben erst durch den Kopf geschossen. Es ist eine Choreographie, die mit ihrer Spontanität und Dynamik begeistert. 
Luca Scaduto ist Urgewalt und Naturtalent zugleich. Der 25-Jährige hat erst mit 18 Jahren mit dem Tanzen begonnen und seitdem einige bedeutende Wettbewerbe gewonnen. Allein schon sein Auftritt macht den Abend zum Gewinn. Choreografieren kann er wohl auch.

Corona-Zyklus


Hier Emotion, dort Ratio. Mit seinen fünfteiligen Corona-Zyklus wendet sich Ivan Alboresi vom Erzählballett ab und kehrt zu dem zurück, was er am allerbesten kann: Gemütszustände in Tanzschritte umsetzen. Dies geschieht aber mit analytischer Genauigkeit. Das fängt schon mit der Kostümierung an. Die Jogginghose ist zum universellen Kleidungsstück geworden. Lagerfelds Kontrollverlust lässt hier grüßen.
Die fünf Einzelteile beschäftigen sich mit den unterschiedlichen Phasen seit dem Ausbruch der Epidemie. In “Schau nicht zurück” wirkt Thibaut Lucas Nury überraschend introvertiert. Er verkriecht sich immer wieder in die Retrospektive, um am Ende dann doch den dunklen Raum zu verlassen. 
Man darf auch wieder zu zweit tanzen, zumindest Martina Pedrini und Joshua Lowe.
Alle Fotos: Marco Kneise

Martina Pedrini und Joshua Lowe zeigen in “Eins”, was die Krise aus einem Paar machen kann. Mit großen Gesten durchtanzen sie die unterschiedlichen Stadien, die Beziehung durchlebt, wenn man aufgrund äußerer Umstände ganz auf sich selbst bezogen und zurückgeworfen ist. Da steht der Wunsch nach Nähe und Unterstützung gleich neben der vorübergehenden Ablehnung des anderen. 
Ähnliche Phasen durchleben Camilla Matteucci und Urko Fernandes Marzana in “Strange feelings”. Hier treffen zwei nach langer Trennung wieder aufeinander. Es ist ein Abtasten und Hände reichen, auf die Abstoßen und wieder Näherkommen im Wechsel folgen.
Doch den stärksten Eindruck in diesem Zyklus hinterlässt Ayako Kikuchi mit “Zum letzten Mal”. Das ist getanzte Einsamkeit. 
Die anderen Neuen in der Nordhäuser Compagnie sind Alfonso Lopez Gonzalez und Kino Luque. Ihr Pas de deux “Inefable” beschreibt auch eine Zweierbeziehung. Dabei setzen die Spanier auf wohl überlegtes Licht und erzeugen ein Schlussbild, das sich wegen seiner Dringlichkeit ins Gedächtnis brennt. 

Der Ausblick

Im letzten Teil des Abends gibt es den kompletten Wechsel. Haben bisher elektronisch Klänge und Klangcollagen dominiert, ist der Ausblick ein Zurück in die tiefste Romantik. Im Zentrum der diesjährigen Ballettproduktion steht Schuberts “Winterreise”. vorgesehen war "Carmen", aber dann kam ja Corona dazwischen.
Inefable, unbeschreiblich: Kino Luque tanzt.
Foto: Marco Kneise


In der Ballettgala gibt es drei kurze Proben aus der "Winterreise". Es ist Erzählballett, dessen Opulenz im Kontrast zur sparsamen Musik mit Flügel und Bariton steht. Verbunden ist damit die Rückkehr zu klassischen Tanzelementen. Schuberts Alter Ego dreht eine Pirouette nach der anderen. Ist es Ausdruck seiner Verwirrungen und Verzweiflung? Oder tanzt er sich im wallenden Mantel wie ein Derwisch in die Trance? Beide Antworten bleiben bis auf weiteres zulässig.

Die nächste Aufführungen  ist am Samstag, 10. Oktober, ab 19.30 Uhr. Die Premiere des Balletts “Die Winterreise” ist am Freitag, 23. Oktober, um 19.30 Uhr im Theater Nordhausen.

Sonntag, 27. September 2020

Am Ende sind alle verzaubert

Eine fantastische "Fairy Queen" am Theater Nordhausen

Oper ist möglich und sie kann Spaß, sogar in Zeiten von Corona. Das ist die wichtige Botschaft, die von der "Fairy Queen" im Theater Nordhausen ausgeht. Regisseur Achim Lenz und der musikalische Leiter Henning Ehlert haben nicht trotz, sondern gerade wegen der Beschränkungen eine Inszenierung geschaffen, die eine eigenständige Aussage liefert. Dafür gab es bei der Premiere am Freitag donnernden Applaus.

Im Frühjahr schwächelte Lenz "Zauberflöte" noch an der Angst vor der eigenen Courage. Hier hat er nun konsequent gearbeitet und eine überzeugende Arbeit abgeliefert. So ist diese "Fairy Queen" keine weitere Adaption eines bekannten Stoffes. Auf der breiten Basis vieler Einflüsse ist eine eigenständige Interpretation eines Verwirrspiels mit neuen Perspektiven entstanden. 

Die Corona-Auflagen sind fast ein Zwang zur historischen Aufführungspraxis. Doch aus dem Zwang wird ein Gewinn. Das Orchester ist deutlich reduziert. Fünf Streicher, sieben Bläser und ein Cembalo. Diese ungewöhnliche Instrumentierung entspricht in etwa den Vorgaben, die Henry Purcell am Ende des 17. Jahrhunderts für seine Oper gemacht hat.

Das Dreigestirn: Fee, Kuchen und Handwerker.
Alle Fotos: Julia Lormis

Das Klangbild profitiert nur davon. So laufen die filigranen und einfallsreichen Kompositionen nicht Gefahr, in der Klanggewalt eines Symphonieorchester unterzugehen. Ganz im Gegenteil, so poetisch und zart muss es einst im Feenwald geklungen haben, Dafür sorgen die Hölzer. Das wird schön kontrastiert mit dem barocken Stolz der Blechbläser. 

Die aktuelle Sperrung der Orchestergräben ist ein weiterer Schritt hin zur historischen Aufführungspraxis. Das Ensemble sitzt auf der Bühne und das haben Musikerinnen und Musiker jahrhundertelang getan, bevor sie vor 150 Jahre von einem überschätzten Sachsen in die Unsichtbarkeit verbannt wurden. Nun sind sie wieder da, wo sie hingehören und der direkte Weg zwischen Instrument und Ohr des Publikums tut dem Genuss des filigranen Werks gut. 

Das Libretto ist allseits bekannt. Die "Fairy Queen" von Henry Purcell ist die musikalische Umgestaltung von Shakespeares Sommernachtstraum. Weil  Purcell der Feenkönigin Titania eine größere Rolle zugesteht als Shakespeare, hat er diesen doch als untalentierten Dichter in dieser Oper verewigt.

Das Werk eignet sich bestens für Corona-Zeiten. Denn die "Fairy Queen" ist das Glanzstück der in England sehr beliebten Semi-Opera. Schauspiel, Tanz und Gesang waren hier gleichberechtigt. Bekannte Erwartungen werden von vornherein überarbeitet. An dieser Stelle macht Lenz in seiner Inszenierung weiter. Sprech- und Gesangsrollen gehen in einander über, doch die Darstellung muss den Auflagen geschuldet reduziert werden. Bewegen ist nicht erlaub. Die Sänger und der Schauspieler stehen und sitzen wie bei einer konzertanten Aufführung fast nur an der Bühnenrampe. 

Die Bewegung wird ersetzt durch das muntere Spiel mit den Requisiten, die jede und jeder in ihrem oder seinem Köfferchen mit sich herum trägt. Ein kurzer Griff in die Kiste und mit einer Kopfbedeckung wird aus Amelie Petrich als Hermia ganz schnell Amelie Petrich als Fee. Aus Gustavo Edo als Handwerker wird ganz schnell Gustavo Eda als Elfenkönig Oberon. 

Zettel kann auch zaubern.
Alle Fotos: Julia Lormis

Die eigenständige Leistung besteht erst einmal in der erneuten Verschiebung der Gewichte. Aus der "Fairy Queen" wird "Zettels Traum", Arno Schmidt lässt hier deutlich grüßen. Das ganze erzählt Lenz in dem rasanten Tempo von Urs Widmer in seinen "Shakespeares Geschichten". Der Plot ist auf das wichtigste eingedampft. Es ist kein Verlust, sondern ein Konzentrat.

Dabei fügt Lenz den drei Ebenen der Verwirrung aus der Shakespeareschen Vorlage noch eine vierte hinzu. Die antiken Animositäten der schauspielernden Handwerke verlängert er in die Jetztzeit. Frotzeleien und Sticheleien begleiten das Spiel der fünf Darsteller auf der Nordhäuser Bühne. Die sind so gut gesetzt, dass man dem Irrglauben erliegt, sie seien spontan und real.

Dabei ist Lenz mit der Besetzung ein echter Coup gelandet. Er hat die fünf passenden Mit- und Gegenspieler gefunden. 

Dennoch ist es vor allem der Abend von Sven Mattke. Der zeigt die ganze Breite seines Könnens und das ist wirklich breit. Von Komik bis Tragik ist hier alles drin, ohne dass er je ins Lächerliche abrutscht. Mattke, löst die Versprechen ein, die Zettel gibt. So überrascht es nicht wirklich, dass er auch Blumen herbeizaubern kann, wenn es denn sein muss. Dabei setzt er immer wieder die eine oder andere Plattitüde mit einen Hauch Selbstironie ab. So werden Rolle und Darsteller zu einem Ganzen. 

Mattke glänzt mit wohl gesetzten Betonungen, die ganz langsam die Doppeldeutigkeit mancher Formulierung wirken lässt. In den Floskeln verschmelzen 17. und 21. Jahrhundert. Aber der große Augenblick ist das Solo als Esel. Selbst noch unter dieser dominanten Maske glänzt Mattke und ersetzt die Mimik durch die feinen Nuancen der Gestik.

Der zweite Pfeiler der brillanten Besetzung ist Gustavo Eda. Das neue Mitglied zeichnet sich nicht nur durch eine ganz besonderen Tenor aus. Der Mann hat auch schauspielerisches Talent und davon eine ganze Mange, vor allem im komödiantischen Fach. Er ist in der Lage, eine Szene mit wenigen  Gesichtszügen und mit wenigen Gesten aufzulösen und seinen gesanglichen Vortrag gewinnbringend zu unterstützen. 

Solo für einen Elf: Gustavo Eda
als Oberon.
Alle Fotos: Julia Lormis

Dazu hat er eine Stimme wie Samt. Sie schmeichelt, betört und verzaubert und bleibt selbst in den Koloraturen rund. Damit hat Nordhausen nicht nur einen Tenor, auf den das Etikett "lyrisch" bestens passt. Edo hat zudem eine Stimme, die die Poesie dieser Inszenierung noch einmal unterstreicht. Er wandelt zwar Oberon vom rächenden Macho zum staunenden Waldbewohner. Aber wenn Elfen singen können, dann singen sie bestimmt so. Deshalb wünscht man sich am Ende auch mehr Einsätze für Gustavo Eda.  

Auch Amelie Petrich begeistert mit ihrer Stimme. Ihr Sopran ist mit einem kleinen Timbre unterlegt. Das nimmt ihm die Spitzen und macht ihn so rund, wie man es von einer Feenkönigin erwartet. Dabei muss das Publikum aber nicht auf Umfang und Dynamik verzichten. Zum lyrischen Tenor Edo ist Amelie Petrich eben die kongeniale lyrische Sopranistin. Wenn es diese Etikett nicht gibt, dann muss es eben erfunden werden.

Der Reiz diese Inszenierung liegt auch im Verhältnis von Gestern und Heute. Wie es sich für die historische Aufführungspraxis einer Barockoper gehört, steckt diese Fairy Queen voller Symbole und Anspielungen. Die versteht das Publikum nicht immer oder erst auf den dritten Blick.  wie zum Beispiel die Kopfbedeckung des Oberon, die Anja Schulz-Hentrich direkt den barocken Vorlagen entnommen hat. Aber das macht nichts. Es gibt viel zu entdecken und man genießt die Aufführung auch so. Dann sind da ja auch noch die Symbole der Gegenwart, die jeder versteht, wie eben Barby und Ken als Hermia und Demetrius

Mit diesen wenigen Komponenten schafft es Lenz, den ganzen Zauber einer Barockoper wiederzubeleben. Es ist eben eine ganz eigene und eine komplette Welt. Hier gibt es Freude, Verwirrung, Verzweiflung, Enttäuschung, Zauber, Zank und Vergeben und zum Schluss löst die Liebe alles auf. Weil das nötiger denn je ist, liefert Lenz auch eine Aussage für die Jetztzeit.