Dienstag, 20. August 2019

Das neue Leiden der Familie W.

Ein Fluchtdrama: Die Legende von Sorge und Elend

Unter dem Sofa hat jede Familie ihre eigenen Sprengstoff versteckt. Nicht bewältigte Konflikte können solch einen Verband sprengen, auch nach dreißig Jahren. Das sind die Kernbotschaften von Sören Hornungs "Die Legende von Sorge und Elend". Die Uraufführung ist das Hauptstück des diesjährigen Festivals Theaternatur.

Zum fünften Geburtstag hat man sich in Benneckenstein damit eine Auftragsarbeit gegönnt. Angesichts der historischen Ereignisse lag das Thema "Grenze und Mauer" auf der Hand. Bevor die Politik im Herbst ihre Stellung einnimmt, wollte man ein Statement auf künstlerische Ebene abgeben.

Sören Hornung scheint der geeignete Mann. Schließlich gilt der 30-jährige Berliner als Fachmann für unbewältigte Vergangenheiten. Für die Legende hat er in der Region umfangreiche Recherchen vorgenommen. Doch seine Mischung aus Fiktion und Historie stößt an die Grenzen der "oral history".

Das Bühnenbild


Es gibt kein Vorbeikommen an diesem Möbel. Hoch und breit steht das Sofa auf der Bühne, fast alles verschwindet dahinter. Ein Frau erklimmt das Trumm und verteilt hektisch Sektflaschen und Gläser. Es ist Beate Fischer in der Rolle der Ines.

Sie bereitet ihre Geburtstagsfeier vor. Die fahrigen Bewegungen und die gebückte Haltung machen deutlich, dass Ines die Souveränität über ihr Leben schon längst verloren hat. Getrieben von der Vergangenheit hetzt sie durch die Gegenwart.

Der Geburtstagsreigen beginnt.
Alle Fotos: Frank Drechsler
Dann erklingt ein Geburtstagslied und die drei anderen Mitglieder klettern auf das Trumm. Das Sofa wird zur Heimstätte familiärer Häuslichkeit. Als Bühne über der Bühne bietet es die Geborgenheit eines Adlerhorstes und die Enge einer Dachkammer.

Im Laufe der Aufführung werden die Darsteller immer häufiger geerdet. Die Realität dringt in die Idylle ein. Das Sofa verliert seine Schutzfunktion und wird zum Schluss "in die Ecke" gestellt. Dieses riesige Möbel sorgt für eine klaustrophobische Enge. Die Mitglieder der Familie können einander nicht entkommen.

Im Laufe der Aufführung rückt das Sofa immer weiter in den Hintergrund. Sein Abgang ist  ohne Frage die Szene mit dem größten Wow-anteil. Das Feld weitet sich und lässt einsame Akteure zurück. Der trügerische Schutzraum ist verschwunden.

Doch in seiner Dominanz es ist eindeutig auch ein Schauspielverhinderungsbühnenbild. Die Video-Sequenzen, mit ihren zusätzlichen Deutungsebenen bisher integraler Bestandteil einer Liebetruth-Inszenierung in Benneckenstein, werden zur Randnotiz. Sie sind damit nur noch schmückendes Beiwerk.

Grenzen der oral history


Hornung verknüpft in seinem Drama Staats- und Familiengeschichte. Am konkreten Beispiel will er die großen Dinge erläutern. Doch der Belehrungsanteil hat ein deutliches Übergewicht. Da wird lang und breit das Wesen der DDR erklärt, obwohl doch das Publikum so eine eigenen Erfahrungen hat. Zur Krönung darf Lisa die Aufgaben der BStU, der Gauck-Behörde, darlegen. Als ob, dass Publikum dass nicht besser wüsste.

Lisa kommt dem dunklen Geheimnissen auf die Spur.
Foto: Frank Drechlser
Im Gegenzug wird Westdeutschland auf Konsum reduziert und die Wende als Gang ins Kaufhaus abgetan. Wenn das die Bürgerrechtler von einst wüssten. Ein Hauch von "Es war nicht alles schlecht damals" weht durch die Waldbühne.

Das Drama entwickelt sich in Etappen. Die Zeit springt ins nächste Jahr, wieder steht der Geburtstag an. Die Rollenverteilung ist dieselbe geblieben. Martin Molitor gibt als Klaus dem verständnisvollen Patriachen. Fest in der Sprache wirkt er aber stocksteif. Will er mit seiner burschikosen Art nur Schuld und Sühne um Mord und Totschlag verdrängen? Auf jeden Fall ist Klaus das Paradebeispiel des Wende-Gewinnlers. Er spricht, er proklamiert ständig. Aber damit ist er nicht der einzige in dieser Inszenierung.

Jan Janoszek spielt den etwas limitierten Sohn Stephan, der anfangs ganz aufgeht in seinem Polizisten-Dasein. Wenigstens ihm ist etwas Entwicklung gegönnt, denn die Hingabe zum Beruf lässt doch deutlich nach. Zudem löst er sich immer stärker vom Ziehvater Klaus.

Seine Halbschwester Lisa bildet den Kontrapunkt. Thea Rasche gelingt es in dieser Rolle, den jungen Selbstgerechten ohne Orientierung eine deutliche Gestalt zu geben. Als Zauberlehrling der Aufklärung tritt sie aber eine Lawine an Ereignissen los, die zum Schluss alles begräbt.

Denn die beherrschende Person ist der nicht anwesende Thomas. Er ist Ines ehemaliger Lebensgefährte und Stephans Erzeuger und verschwand kurz vor dem Mauerfall spurlos in den Westen. Doch den hat er nie erreicht. Ines und Klaus haben das auf unterschiedliche Weise verhindert.

Das Sofa hat als Adlerhorst ausgedient.
Foto: Frank Drechsler
Nun forscht Lisa nach und öffnet die Büchse der Pandorra. Dabei brechen sich die Geheimnisse ihre Bahnen, auch die Geheimnisse zwischen den Eheleuten. Vermeintlich Rechtschaffende werden demontiert. Doch bis dahin werden so viele Andeutungen aneinander gereiht, dass schon schnell klar ist, was es mit dem Versteck im Wald auf sich hat. Zuviel ist vorhersehbar.

Geschichte anhand einer Familie zu verdeutlichen ist ein üblicher Ansatz. Aber in diesem Stück steckt alles Mögliche drin in diesem Stück und von allem ein wenig zu viel. Da werden Kommunismus und Kapitalismus erklärt und die Entfremdung bejammert. Da kommen Flüchtlinge ist Spiel und der Klimawandel darf auch nicht fehlen. Ja und dann wird die Systemkritik auch noch mit einer Eifersuchtsgeschichte überzogen. Es gibt so viele Fäden, die das Tuch am Ende so dicht machen, dass niemand mehr durchblickt.

Das Exemplarische hat solch ein Übergewicht, dass das Schauspielerisch zu kurz kommt. Da agieren keine Menschen auf der Bühne sondern Fallstudien. Die Familie gerät zur Ansammlung von Stereotypen. Hier wird mit Schablone und Zimmermannsbleistift gezeichnet. Darüber hilft auch die Inszenierung nur bedingt hinweg. Weniger wäre mehr gewesen.






Material #1: Theaternatur - Die Website
Material #2: Die Legende von Sorge .... - Das Stück

Material #3: Sören Hornung - Der Autor
Material #4: Janek Liebetruth - Der Regisseur

Material #5: Die BStU - Gauck bei wikipedia



Sonntag, 18. August 2019

Musik an einem verzauberten Ort

Die vier Evangcellisten gastieren bei Theaternatur

Das Cello gehört zu den Instrument, die am häufigsten unterschätzt werden. Das bewies das Konzert der Evangcellisten beim Theaternatur-Festival. Erst nach zwei Zugaben entließ das Publikum die Musiker von diesem verzauberten Ort.

Es ist eine Szenerie so surreal wie ein Film von Bunuel. Mitten zwischen hohen Fichten steht eine Bühne, darauf vier Notenständer und vier weiße Stühle. Eine weiße Wand blockiert den Blick ins Dunkelgrüne und lenkt die Aufmerksamkeit ganz auf die Musiker.

Ein Quartett mit Kammermusik ist der Ausdruck häuslichen und heimischen Musikgenuss.Dies nun in die Natur zu verlegen, baut einen Kontrast auf, der diesen Ort verzaubert

Eine Szenerie wie bei Luis Bunuel: Celli mitten im
Wald.     Alle Fotos: Kügler
Die vier Evangcellisten haben vor 11 Jahren zusammengefunden. Fügung oder Zufall, ihre Vornamen gleichen denen der Evangelisten. Als ost-westdeutsches Ensemble, deren Mitglieder auch noch die Seiten gewechselt haben, ist es ideal für das diesjährige Theaternatur-Festival und auch noch für das kommende. Schließlich ist die deutsch-deutsche Nabelschau das Thema.

Das Programm besteht aus Werken vom Barock bis in den Jazz, doch der Schwerpunkt liegt eindeutig bei Opern-Literatur. Somit ist das erste Set dominiert von der Musik des neunzehnten Jahrhunderts. Moderator Markus Jung hat in Anlehnung an das Festivalmotto diesen Teil mit "Grenzen der Liebe" überschrieben. Es geht um schmerzhafte Beziehungen, die häufig unvorteilhaft für die Beteiligten enden.

Schon bei den beiden Donizetti-Werken wird das Können und das Konzept deutlich. Die Celli übernehmen in den Arien die Aufgabe der Stimmen und klagen Leid und Freud. Gesang auf vier Saiten. Man sieht Donizetti Tränen auf vom Bogentropen. Gerade Markus Jung und Lukas Dihle bauen ein Wechselspiel auf, das die Celli zu Duetten verbindet.

Als Mathias Beyer in der Turandot-Arie den Gesang zum Terzett ausbaut, ist der Gipfel erreicht. Dieser Grad an Zusammenspiel ist schon außergewöhnlich und die Basis ist wohl ein gemeinsames Verständnis von Musik.

Dem Dvorak-Diktum zum Trotz ist dieses Instrument unter den Streichern, dasjenige, das die größte Bandbreite und die größte Auswahl an Stimmungen bietet. Deshalb vermisst das Publikum das große Orchester ganz bestimmt nicht. Gestrichen, gezupft und im Pizzicato, auch die Vielfalt der Spielweisen trägt zum Gefallen. Das Publikum  lässt sich bereitwillig eins ums andere Mal verzaubern. Musiker, Zuhörer und Ort gehen eine Symbiose ein.

Doch erst mit der Carmen-Arie kommt auch Schwung in den Vortrag. Jetzt geht es auch mal ins Staccato. Die enttäuschte Liebe geht über in den Zorn und das tut dem Konzert gut. Der Tango vor der Pause zeigt zwei Dinge: Auch Hannes Riemann darf sich jetzt mal zeigen und das Cello ist für Klassik eigentlich viel zu schade. Es kann vielmehr.

Jung fällt aus dem Rahmen: Dihle, Riemann und Beyer
bei der Arbeit.      Fotos: Thomas Kügler
Das Cello kann nicht nur singen, das Cello kann auch tanzen. Beweise gibt es dafür nach der Pause. Drei Tangos stehen nun auf dem Programm und sie zeigen allesamt eins: Das Cello schafft diesen Spagat zwischen Leidenschaft, Liebe, Verzweiflung und Trotz. Wer braucht da schon ein Bandoneon?

Losgelöst von den strengen Mustern der Klassik und der Romantik sind die Gewichte im Ensemble nun gleichmäßig verteilt. Somit ist es folgerichtig, dass sich die Evangcellisten auf ihrem aktuellen Album "Al Son del Tango" sehr intensiv mit diesem Genre auseinandersetzen.

Dann gibt es die nächste Überraschung. Das Cello kann auch Jazz, es kann auch cool sein oder eben lebenslustig. Die Evangcellisten-Interpretation von "Take five" Brubeck-Version in nichts nach. Dihle baut das weltberühmte Motto aus fünf Akkorden auf und reicht es am Riemann weiter. Der improvisierte darüber und dann ist Beyer dran, bevor Jung dann den Abschluss macht. Das ist der Geist des Jazz und er lebt mitten im Wald auf vier mal vier Saiten. Die Folge ist ein begeistertes Publikum.

Da stellt sich einzig die Frage, warum nicht gleich so? Warum nicht mal die Abfolge umdrehen. Aber auf jeden Fall bleibt in Anlehnung an Alexander Milne die Gewissheit, dass an jenem verzaubert Ort mitten im Wald immer ein Cello sein wird.







Material #1: Die vier Evangcellisten - Die Website

Maerial #2: Theaternatur-Festival - Das Programm





Dienstag, 13. August 2019

Ein wahres Volksfest auf Rädern

Zwei Tage unterwegs in einer Legende 

Dreimal bei Rot über die Ampel, fahren ohne Gurt und zum Schluss auch noch hupend durch die Fußgängerzone. Eigentlich müsste ich meinen Führerschein los sein. Aber weil ich alles das unter Polizeischutz getan habe, darf ich ihn behalten.

Etwa dreihundert Fahrerinnen und Fahrer haben sich am Sonntag in Einbeck genauso verhalten. Schließlich waren Oldtimer Tage und der Autokorso der Abschluss der Feierlichkeiten zum fünften Geburtstag des PS.Speichers.

Die Veranstaltung ist so etwas wie ein Volksfest auf Rädern und es wird immer größer. Im letzten Jahr waren 270 Wagen am Start, in diesem Jahr sollen es deutlich über 300 gewesen sein.

Wie viele Zuschauer es waren, kann man nur schätzen. Gefühlt waren es zehntausend, die zum Teil in Dreier-Reihen am Straßenrand standen und dem Tross zujubelten. Manche hatten sich auch Campingstühle und Tische dafür in den Vorgarten gestellt. Wenn dann die La-Ola durch das Publikum ging, dann feierte man sich und die alten Autos. 

Teilzunehmen und sich bejubeln zu lassen, ist eigentlich ganz einfach. Man musste nur ein altes Autos haben und rechtzeitig in Einbeck sein. Alt war in diesem Falle relativ. Es durfte auch ein Youngtimer sein, also ein Fahrzeug, das mindestens 20 Jahre alt ist.Bei der Rallye am Samstag lag die Messlatte deutlich höher. Das Gefährt musste ein echter Oldtimer sein, also mehr als 30 Jahre auf dem Tacho haben

Fototermin vor der Burg Greene.   Foto: Kügler
Ich war mit einem VW Porsche 914 am Start. Baujahr 1972, neongelb, 80 PS und aus dem Fundus des Veranstalters. Der Vierzylinder und ich, das war Liebe auf dem dritten Blick. Bereits im letzten Jahre sollten ein Kollege und ich damit die Oldtimer Rallye bewältigen. Doch daraus wurde nichts. Nach 20 Metern Testfahrt blieb der Wagen stehen, ging aus und sprang nicht wieder an.

Also war ich durchaus skeptisch, als man mir auch dieses Jahr das Cockpit des 914 zuwies. Doch neues Jahr, neuer Beifahrer, neues Glück. Roland Hildebrand arbeitet für Fachmagazin und war für diese Tour eigens aus München angereist. Schließlich feiert der VW Porsche in diesem Jahr seinen 50. Geburtstag.

Der Patzer vom Vorjahr geht eindeutig auf die Kappe von Porsche, erklärt mir am Samstagnachmittag Wolfgang Blaube. Er ist Porsche-Experte und hat nach eigenem Bekunden schon mehr als 800.000 Kilometer im 914-er zurückgelegt. Seine Zuneigung zu dem Hybriden aus Sport- und Volkswagen ist deutlich zwiegespalten.

Damit ist er keine Ausnahme. Für viele war der 914 seinerzeit der günstigste Weg, sich im Glanze eines Porsche zu sonnen. Viele haben die Insignien, die auf VW verweisen, säuberlich entfernt. In unserem 914 klebt ein Porsche-Emblem auf dem Lenkrad. Original ist das nicht.

Zurück zur Panne: Die Stuttgarter hätten seinerzeit den Einspritzer an einer thermisch ungünstigen Stelle platziert und so kann es immer wieder zur Bildung von Luftblasen in den Kraftstoffwegen, erklärt der Fachmann. Er muss es wissen, immerhin schreibt Blaube für die wichtigsten Publikationen im Segment Oldtimer.

Gut, dass Roland und ich zu diesem Zeitpunkt schon die 150 Kilometer Rallye hinter uns gebracht hatten. Hätten wir das Konstruktionsproblem gekannt, dann hätten wir wohl wieder eine Panne gebaut. Aber so ging alles gut.

Hügel rauf und wieder runter.   Foto: Kügler
Von Einbeck über Greene nach Goslar und über Wildemann und Bad Grund wieder zurück nach Einbeck. Überall dasselbe Phänomen: Am Straßenrand stehen wildfremde Menschen und jubeln dir zu. Wer steckt hier mit seiner Begeisterung eigentlich wen an? Zumindest sind alte Autos ein verbindendes Element.

Hügelauf und bergab, die Strecke führte durch eine Landschaft, in der sich Weserbergland und Harz sehr nahe kommen.  Es ging über Ortschaften, die man nur kennt, wenn man in der 2. Kreisklasse kickt.

Aber eine Oldtimer Rallye ist eindeutig die Luxusliga. Ein 914 im fahrbereiten Zustand gibt es nicht unter 25.000 Euro. Für die Sechszylinder-Version werden auch schon mal 100.000 Euro aufgerufen.

Die Begeisterung

Wolfgang Baube ist sich sicher: “Ein Oldtimer als Wertanlage, das funktioniert nicht.” Er hat in den letzten 30 Jahren viele Blasen auf dem Markt für alte Autos platzen sehen. Gerade sind die Preise für alte Ferraris in den Keller gerauscht. Also muss sich die Motivation wohl aus einer anderen Quelle speisen.

Es ist wohl eher der Zauber der Vergangenheit. Die kollektive Erinnerung an eine Zeit, die noch beherrschbar schien. In einer Gegenwart, in der selbst das Auswechseln einer Glühbirne den Gang in die Werkstatt erfordert, erzählt man gern Geschichten von Motoren, die man noch mit einem gezielten Hammerschlag zum Laufen brachte. Ach, ja, da ist auch noch das Argument der Individualität

60-er Jahre Design: Eckig trifft auf
eckig.      Foto: Kügler
Jeder möchte seinen Teil zu dieser Erinnerungsarbeit beitragen. Immer wieder riefen uns die Zuschauer zu “Ein Hausfrauenporsche”. Sie lagen nur knapp daneben. Der 914-er war der VoPo, der Volksporsche. Erst sein Nachfolger, der 924, wurde als “Hausfrauporsche” bezeichnet.

Wer zum Teil jahrelang an seinem Auto geschraubt hat, der zeigt ihn natürlich auch gern her. Dafür nimmt er auch schon mal Wege aus Süddeutschland oder aus der Schweiz auf sich. Die meisten runden das ganze mit einer passenden Kostümierung ab. Oldtimer Rallye ist auch ein wenig wie Rosenmontag, nur eben hochpreisig und bei besserem Wettern.

Reizvolle Routen, perfekte Organisation und vor allem das begeisterte Publikum. Die Rallye rund um Einbeck hat sich einen Namen in der Szene gemacht. Das weiß man auch beim Fernsehen. Gleich zwei Sender waren vor Ort.

Vor fünf Jahren wurde der PS.Speicher eröffnet. Stifter Karl-Heinz Rehkopf hatte damals ehrgeizige Vorgaben gemacht. Bei der dritten Auflage der Oldtimer Tage ist man am Ziel angelangt: Einbeck ist zu einer Größe in der Oldtimer-Szene geworden. Das gibt einer Stadt, die sich seit mehr als 40 Jahren auf der Verliererseite glaubt, eine ordentliche Portion Selbstvertrauen. 

Der PS.Speicher ist ein Projekt, das eine ganze Region bewegt und motiviert. Zweihundert Arbeitsplätze sind in seinem Umfeld entstanden. Die zweitägige Begeisterung des Publikums ist ein Form des Dankeschöns. Auch im Fahrerfeld macht sich Euphorie breit. Man winkt man gern zurück und begeht mit nur einer Hand am Steuer die nächste Ordnungswidrigkeit.

Der Testbericht

Servolenkung? Bremskraftverstärker? Anfahrhilfe? Schnickschnack, ein Sportwagen Baujahr 1972 ist Auto pur. Dazu kommt ein Wendekreis in der Nähe eines Treckergespanns. Wer seinen Führerschein nach 1989 erworben hat, der gerät hier schnell auf schwieriges Geläuf.

Volksporsche fahren ist Arbeit. Das Rangieren zum Fototermin vor der Burg Greene geriet zur Sysiphus-Aufgabe, bei der die Anwohner ihre Hilfsbereitschaft bezeugten. Der Ton ist auch hier gleich beim "du"

Der erste Gang liegt unten links und das Schalten wurde zwischendurch zur Lotterie. Das Wechseln der Gänge erforderte ein Feingefühl, das sich erst am zweiten Tag einstellte. Manchmal erinnerte es mich an das Rühren im Getriebe meines einstigen T 2.

Dank des Porsche-Experten wusste ich zu diesem Zeitpunkt schon, dass hier ein Konstruktionsmangel vorliegt. Die Verwindungen des Fahrzeugrahmens während der Fahrt drücken aufs Getriebe. Wenn dann auch noch der Hinterradantrieb in den schnellen Kurven den Wagen in Richtung Straßenrand drückte, wurde es besonders schwierig.

Da sitzt man in einer automobilen Legende und sie
spricht über Farben.    Foto: Hinsching
Mit 80 PS ist der Wagen nach heutigen Vorstellungen eindeutig untermotorisiert. Er kam nicht so recht in Schwung. Roland musste dem Boliden gut zureden, damit er auf der B 82 kurz vor Goslar erstmals die 100 km/h-Marke erreicht. Zurück über den Harz ging es in einige Passagen im zweiten Gang. In der Steigung vor Bad Grund bremste uns ein Amphicar 770 aus unserem Tross aus. Daran vorbeiziehen? Vergiss es. Oldtimer Rallye ist auch eine Form der Entschleunigung.

Beim Korso am Sonntag spielt das alles keine Rolle. Fahrerisch ist die Teilnahme ein Geduldsspiel mit Kupplung und Handbremse. Die hat eine Besonderheit. Egal in welche Zustand, der Hebel ist immer unten. Platziert links vom Fahrersitz soll er so das Personal beim Ein- und Aussteigen nicht behindern.

Aber ich hatte dann den Bogen raus. Volksporsche fahren ist eine Liebe auf den dritten Blick. Im Schritttempo und im Stop-And-Go ging es rund um Einbeck, häufig eine Hand am Lenker und die andere zum Winken aus dem offenen Dach herausgestreckt. Am Marktplatz waren die Hände aber dort, wo sie hingehören, nämlich am Lenkrad. Der Weg durch die Menschenmassen erforderte präzises Steuern auch ohne Servolenkung. Am Tiedexer Tor verdoppelte sich die Zahl der Zuschauer noch einmal. Das Ziel war erreicht und es gab ein letztes Winken und ein allerletztes Winken und ein allerallerletztes Winken.

Den Lapsus “Hausfrauenporsche” habe ich großzügig durchgehen lassen. Den kann ich dann im nächsten Jahr korrigieren. 



Material #1: Der PS.Speicher - Die Website





Dem Tod die Stirn bieten

Ewig jung: Eine grandiose Komödie

Bitterböse und eigentlich zutiefst traurig, aber dennoch ein folgenschwerer Angriff auf die Lachmuskeln ohne dabei in den Klamauk abzudriften. Die Uraufführung von "Ewig jung" im Neuen Globe in Schwäbisch Hall hat das Zeug zu einem Klassiker. Das liegt an der überzeugenden Inszenierung ebenso wie an den großartigen Schauspielern.

"Wir sind die letzten von hundertzehn - wir warten bis die Zeit vergeht", dichtete einst Herwig Mitteregger für Spliff in "Deja vue". Diese fünf Akteure sind zwar die letzten ihrer Art, aber alles andere als passiv. Das macht die Komödie von Erec Gedeon glich zu Anfang deutlich

Wir schreiben das Jahr 2059. Vierzig Jahre nach der Eröffnung des Neuen Globes treffen sich die letzten Überlebenden der Erstbesetzung. Es sind die Damen Becker und Hanimyan und die Herren Eickelmann, Friedrich, Kraus und Weiler. Regelmäßig treffen sie sich zur Vergangenheitsbewältigung der besonderen Art. Dazu kommen die Schwester Anja als Aufseherin und der liebe Herrgott darf auch nicht fehlen.

Ordentlich was los im Heim für alternde Mimen.
Alle Fotos: Uluf Arslan
Das Mobiliar erfüllt alle Klischees eines Altersheims. Die Sitzgelegenheiten sind abgerockt und das grüne Sofa ist eine Reminiszenz an Loriot. Dazu kommen falsche Blumen und neben der Tür steht eine Urne. An der Wand hängen die Portraits der Verstorbene und rechts steht eine Heimorgel Marke "Franz Lambert".

Die Architektur des Globes ist Herausforderung und Chance zugleich. In der ersten Etage agiert Schwester Anja in einem Krankenzimmer aus den Zeiten des Wirtschaftswunder und in der zweiten Etage thront über allem ein recht entspannter Gott, der sich auf die Rolle des stummen Kommentators beschränkt.

Schwester Anja betritt den Raum. sie inspiziert und richtet her. Das nächste Treffen der Veteranen steht an. Ihre Vorbereitungen wecken Erinnerungen an den 90. Geburtstag von Miss Sophie. Damit bauen sich die ersten Erwartungen im Publikum auf. Sie sollen nicht enttäuscht werden.

Dann schlurft Stephan Kraus in der Rolle des Herrn Kraus herein. Fast jeder spielt sich hier selbst, darin liegt ein besonderer Reiz. Pantoffeln an den Füßen und die Hose ständig im Rutschen begriffen wird er von Schwester Anja an seinen Arbeitsplatz geführt. Dazu brabbelt er unverständlich vor sich hin. Herr Kraus hat auch dieses Mal die musikalische Leitung des Nachmittags inne.

Eigentlich darf man ja nicht über solch ein Bild des körperlichen Verfalls lustig machen. Aber Regisseur Thomas Goritzki hat die Personen so sehr auf die Spitze getrieben, dass man keine falsche Scham walten lassen sollte. Die durchweg starken Leistungen der Schauspielerinnen und Schauspieler bewahren nicht nur die Würde der Figuren. In ihrem trotzigen Kampf gewinnen sie sogar dazu. Diejenigen, die auf der Bühne so oft gestorben sind, wehren sich erfolgreich gegen den Verfall. Und das machen sie auf zwerchfellerschütternde Weise. Butler James und Miss Sophie können in Ruhestand gehen

Geliebtes Holzbein.
Alle Fotos: Uluf Arslan
So gehört der unverständliche Monolog am Beginn des zweiten Akts zu den Höhepunkte dieser Inszenierung. Stephan Kraus reiht Laut an Laut, bleibt sauber in der Betonung, aber eben ohne Botschaft. Als Dirk Weiler die Tirade mit der Frage "Und dann?" kommentiert, wechselt das Skurrile schlagartig ins Absurde.

Dann betreten die alten Kempen die Arena. Jeder hat sein Handicap zu tragen und jeder hat gelernt damit umzugehen. Aber oft genug stellt die Behinderung den Akteuren ein Bein und dann purzelt mancher auch schon mal von der Bühne.

Es wird überhaupt viel gepurzelt und gefallen und der Slapstick-Anteil ist recht hoch. Aber sie machen alle Akteure machen das mit ihrer Form der Würde.

Es ist ein rasantes Stück, in der ein Gag den anderen jagt und manches wird zum Running Gag. Aber manchmal ist es besonders eindrucksvoll, wenn eben nichts passiert. Wenn Herr Eickelmann minutenlang nach Worten ringt, um dann doch nichts zu sagen, dann ist das ein gekonntes Spiel mit den Erwartungen des Publikums. Wenn Herr Krause den Fernsehsessel in all seinen Varianten ausprobiert, ist das Pantomime auf hohen Niveau.

Das spricht für eine ausgefeilte Dramaturgie Vor allem dann, wenn auf Ulk schlagartig bitterer Ernst und der Schock auf den Spaß folgt. Alles Lachen stirbt, als Herr Eickelmann mit einem Golfschläger den Schädel von Herrn Friedrich zertrümmern will und doch nur die Prothese von Frau Hanimyan trifft.

Das falsche Beine schlittert über die Bühne und Alice Hanimyan rollatort hinterher. Unter dem Klängen von "Barbie Girl"  wiegt sie das gute Stück in den Armen. Die Dekonstruktion des schönen Scheins erreicht ihren Höhepunkt.

Bis dahin hat es jeden erwischt. Das geschieht spektakulär wie bei der Prothesen-Panne oder mit kleinen Mitteln wie im Falle Frau Becker. Diese lenkt die Geschicke wie eine Regisseurin und zeigt sich von den Folgen des Alters unberührt. Bis ihr ungeschickter Gatte ihr die Perücke vom Kopf zupft und Frau Becker dasteht wie ein gerupftes Huhn.

Born to be wild again.     Foto: Uluf Arslan
Es ist durch eine lebensnahe Gruppe, die die Bühne im Neuen Globe bespielt. Sie wird zusammengehalten aus einer Mischung von Solidarität und Konkurrenz und jede und jeder hat seine eingespielte Rolle. Man kennt sich und die Macken des anderen eben schon seit mehr als 40 Jahren.

Aber die Dramaturgie hat noch andere Kniffe auf Lager. Nach der Pause ändert sich die Stimmung schlagartig. Aus dem gemütlichen Seniorennachmittag wird eine offene Rebellion.die beginnt mit dem herrlichen Terzett von Friedrich, Weiler und Eickelmann zu "Born to be wild" und mündet in der Erschießung von Schwester Anja. Zwischendurch groovt der liebe Herrgott noch zu "I will survive" und die Asche von Christine Dorner wird als Puder eingesetzt. Das ist Nonsens auf himmlischem Niveau.

Solche Höchstleistungen fordern ihren Tribut und damit setzt das Massensterben ein. Mit verdrehten Shakespeare-Zitaten sinken alle dahin. Es sind eben Schauspieler durch und durch und deswegen war auch das Theater. Das Spiel mit den Erwartungen des Publikums nimmt eine erneute Wende. Der Rest ist Lachen.











Material #1: Freilichtspiele Hall - Das Programm
Material #2: Ewig Jung - Das Stück