Dienstag, 30. April 2013

Ich will jemanden unter die Haut gehen und ich will, dass mir jemand unter die Haut geht



Das Theater Rudolstadt zeigt in Nordhausen die “Jugend ohne Gott” als Kinder ohne Eltern



Ödön von Horváth “Jugend ohne Gott” zeigt, was passiert, wenn die Menschlichkeit aufgekündigt wird. Das Werk wurde als treffende Beschreibung des Werteverfalls im faschistischen Europa gefeiert. Das Theater Rudolstadt hat die Bühnenadaption von Andre Rößler zu einer Beschreibung des Werteverfalls im Du-bist-mir-doch-egal-Europa gemacht und daneben Brechts Weisheit, dass Theater die Beschäftigung mit den Themen der Zeit sei, neues Leben eingehaucht. Doch neben allen Prinzipien sind erst vor allem starke schauspielerische Leistungen und ein geschlossenes Konzept, die diese Inszenierung tragen.


Es ist ein Mord geschehen, Schüler N wurde erschlagen. Der Lehrer und Fernsehpfarrer Biene wollen den Fall aus der Retrospektive erklären und ihre Rahmen ist eine Talkshow. Mit allen Weihwassern der televisionären Seelsorge gewaschen, nehmen wir Matthias Winde diesen Talkmaster der windelweichen Varianten von der esten Minute an ab. Souverän erfüllt er diese Rolle und souverän spielt er mit dem Publikum. Johannes Arpe als Lehrer wirkt da wesentlich kantiger aber auch abgeklärter. Burkhard Wolf gibt den Wutbürger, der vor laufender Kamera ein Streit vom Zaun bricht. Pfarrer, Lehrer und Wutbürger werfen sich Plattitüden an den Kopf und das Publikum blickt nicht ganz durch. Es geht auch nicht um Inhalte, sonder um die Talkshow-gerechte Präsentation von Ratlosigkeit, die in Zorn umschlägt. Das bleibt nicht der einzige starke Auftritt von Wolf.





Der Lehrer (rechts) findet keine Bindung
zu seinen Schülern. Fotos: Peter Scholz
Als Nummernrevue werden die Stationen aufgezählt, die zum ungeheuerlichen führten. Auch dem Horváthschen Weltkriegsveteran ist ein PR-Fachmann und Afghanistankämpfer geworden, der als Mann der Praxis gern in den Lehrbetrieb aufgenommen wird. Ute Schmidt spielt die resolute Direktorin, Martin Andreas Greif spielt das resignierte Alter Ego des Lehrers bis zur bitteren Neige konsequent. Ohne Halt im eigenen Wertekatalog wird er es bei den Schülern schwerhaben, weil er keine Orienierung geben kann.  So ist es konsequent, dass dieser Lehrer den Hilferuf des Schüler N nicht versteht und so ist es konsequent, dass die Verletzung der Grenze zwischen Lehrer und Schüler, der Blick ins das Tagebuch von Schüler E, aus dem Drama eine Tragödie macht. Wer sich selbst nicht achtet, der kann auch den Anderen nicht achten. Aber ist er Agitator oder ist er nur Katalysator?


Der diagnostizierte  Werteverfall ist auch ein Verfall des Bildungssystems. Hier wird die “Jugend ohne Gott” zur Abrechnung mit Thüringens Bildungsmisere, die sich in ähnlicher Form auch in den anderen Bundesländern wiederfinden. Ist es der Putz, der von den Wänden rieselt oder der Kalk aus den Köpfen einer überalterten und überforderten Lehrerschaft. Der Lehrer zitiert Volker Pisper: “Deutschland wird nicht am Hindukusch verteidigt, Deutschland wird an der Hauptschule verteidigt.” Wie bereits gesagt, Theater ist die Beschäftigung mit den Themen der Zeit.


Das Bühnenbild ist auf das Wesentliche reduziert, löst somit das kommende Geschehen von einem konkreten Ort und hebt die Bindung an einen historischen Rahmen auf. Die Halfpipe im Hintergrund erzeugt das Bild einer schiefen Bahn. Es erlaubt aber auch die klaustrophobischen Elemente, wenn das Bühnenbild kein Entrinnen zulässt, wenn der Gerichtssaal zum Pranger , zum Marterpfahl wird.


Die Kostümwelt ist dreigeteilt. Die Erwachsenen sind in Overalls gekleidet, deren Grün an die Uniform der Volkspolizei erinnert, die Schüler sind uniform in schwarz-weiß der internationalen Jugend-Mode aus Kapuzen-Shirt und Jogginghose gekleidet. Nur Julius Cäsar, Eva und der zweite Polizist stechen durch ihre Farbigkeit hervor.


Julius Cäsar ist ein tuntiger Jesus mit Pferdeschwanz.
Julius Cäsar ist die zweite Glanzrolle von Burkhard Wolf an diesem Abend. Aus dem mystischen Ratgeber der Vorlage wird ein schräger Freak, ein tuntiger Jesus mit Bowling-Tasche und Pferdeschwanz, der Altersweisheiten von sich gibt, aber keine Hilfe sein kann.


Im Laufe der Vorstellung schmiegt sich die Inszenierung immer stärker an die Vorlage, ohne jedoch kongruent zu werden. Als die Klasse ins Zeltlager fährt, ist die Katastrophe vorgezeichnet. Aus dem gewohnten Umfeld gerissen und der Natur ausgeliefert, werden die Schüler auf sich selbst zurückgeworfen, erkennen ihre Verletzlichkeit und erzählen ihre Biografien. Es sind Biografien, die von Einsamkeit geprägt sind und vonabwesenden Eltern. Erst in der Begegnung mit dem Straßenmädchen Eva erkennt Schüler E seine Seele und den Verlust durch den Selbstmord seiner Schwester. Da ist Schüler N,stark und trotzig, der sich doch nur nach den zärtlichen Momenten mit seinem Vater zurücksehnt. Man kann die Stille im Saal hören, als Jörg Schlüter seinen Vortrag beendet.


Der Gänsehaut-Moment ist da als Schülerin T in ihrer Schlussplädoyer von der emotionalen Kälte erzählt, vom Zeitalter der Fische und davon, dass sie spüren möchte und das sie gespürt werden möchte: “Ich möchte jemanden unter die Haut gehen”. Gerade noch die kesse Pubertierende ist Miriam Gronau im nächsten Moment ein Kind, das aus Verzweiflung mordet und sich selbst richtet. Als im Schlussbild die Totenkopf-Bowlingkugel die schiefe Bahn hinunterrrollt,wird klar, das eine Jugend ohne Gott auch eine Frage von Sein oder Nichtsein ist.


Wenn Ödön von Horváth mit “Jugend ohne Gott” 1937 einen Schnitt durch den moralischen Zustand der Welt geleifert hat, dann bietet das Gastspiel des Rudolstädter Ensemble in Nordhausen einen Querschnitt durch die zahlreichen Gründe, warum die Jugend ohne Maßstäbe sein kann. In diesem Sinne ist die Inszenierung von André Rößler eine intensive Beschäftigung mit den Themen der Zeit, ein Werk, dass dem Gest der Zeit einfängt, ohne aber dem Zeitgeist verhaftet zu bleiben.


Die nächsten Gastspiele in Nordhausen finden am 11. und 17. Mai statt.


Das Stück




Das Ensemble

Der Trailer bei yotube

Montag, 22. April 2013

André Chénier: Revolution und Terror gehen weiter


Gegner bis zur Guillotine

Eine wahre Geschichte in der großen Historie zu erzählen, das ist die Absicht von „André Chénier“, der Geschichte des französischen Dichters. Ein Werk mit diesem Hintergrund nicht im Historismus erstarrten zu lassen, ist eine Herausforderung. Dem Theater Nordhausen ist dies gelungen. In seiner Inszenierung greifen Toni Burkhardt und sein Ensemble den Anspruch von Umberto Girodano und Luigi Illica, auf und führen ihn fort. Napoleon irrte, die Geschichte von Revolution und Terror ist nicht beendet.

Ein kleines Mädchen in einer Chemise mit roten Band führt ihren Vater aus dem Zuschauerraum auf die Bühne. Er macht Bilder von dem schaukelnden Kind, von den Ausstellungsstücken einer vergangenen Ära die Rolle des Zuschauers wird dieser Zeitreisende aus dem 21. Jahrhunderts bei allen späteren Begegnungen aber nicht verlassen. Hinter den Kulissen brodelt es, hunderte Stimmen wispern und künden Bedrohliches an.


In dieser Gesellschaft ist Chénier (Hugo Mallet)
ein Außenseiter. Foto: Tilman Graner
Diener Carlo Gérard und sein Vater bereiten das Fest der Gräfin de Coigny vor. Er singt von der Freiheit, der Alte erträgt das Los stumm. Damit ist „André Chénier“ nicht nur ein Konflikt der Klassen, sondern auch der Generationen. Mit Verve und Kraft trägt Kai Günter diesen Konflikt vor, während sich der Vater freiwillig dem Joch unterwirft. Die Gräfin und ihre Tochter Maddalena, die auf Reifrock. Mieder und Perücke verzichtet und sich lieber im Chemise kleidet, spüren diesen Konflikt auch, tragen ihn aber nicht aus.

Herrschaftsordnung ist auch Kleiderordnung. Deshalb spielen die Kostüme in dieser Inszenierung eine wichtige Rolle. Da treffen Rokoko und Biedermeier aufeinander und kontrastieren mit dem Business Dress des späten 20. Jahrhunderts. Udo Herbster ist es gelungen, die Kleiderfrage zu einer eigenen Sprache im Durcheinander der Revolution zu machen. Dies trägt eine deutlich zum Gesamtanspruch bei.

Das Bühnenbild wird bestimmt von Weiß, Rot und Blau. Das Weiß der Festgesellschaft wird nur ergänzt von königlichen Purpur. Ein Satyr rückt die Fete ins Mystische. In die Feier dringt der schwarze Unglücksbote Abate ein und berichtet von den Unruhen in Paris. Hier ist Chénier ein Außenseiter und sieht vom Rand der Bühne dem Treiben des Adels zu. Mit seiner ganzen Bandbreite und arienfest singt Hugo Mallet in der Titelrolle vom Elend, von der Hoffnung und von seiner Enttäuschung darüber, das Maddalena ihn nicht versteht.

Dann ist die Revolution da. Machtvoll dringt das Volk in den Palast ein und macht dem Fest ein drastisches Ende. In drastischen Bildern macht die Nordhäuser Inszenierung deutlich: nicht wird wieder so wie vorher. Giordano und Illica nannten sprachen von einem musikalischem Drama in vier Bildern. Nach dem ersten Bild sind die Pfeiler dieser gelungenen Inszenierung deutlich, zwei große Sänger als ebenbürtige Gegner, glänzend besetzte Nebenrollen, die eigene Kostümsprache und die Bühnengestaltung aus der Hand von Wolfgang Kurima Rauschning..

Szenewechsel: das revolutionäre Paris, Bilder der Stadt werden auf die
Gerard (Kai Günther, unten) will
Rache. Foto: Tilman Graner
Kulisse projiziert, die Festlichkeit ist verschwunden. Der Terror ist da und wird bleiben, das Mittel ist die Denunziation ein Grabstein erinnert an den Jakobiner Jean Paul Marat, dessen Ermordung den Vorwand für den Terror lieferte. Die Umwälzung ist komplett, Gerard lässt sich als neuer Gott feiern. Bilder der Diktatoren das 20. Jahrhunderts werden auf die Kulisse geworfen, denn die Geschichte der Revolution ist noch lange nicht zu Ende. Chénier ist zum Gegner der Revolution der erklärt worden, er lebt in der Illegalität, doch die Gelegenheit zur Flucht will er nicht ergreifen. Er wartet auf die Frau, die ihm Briefe sendet. Diese entpuppt sich Maddalena. Nun darf auch Sabine Mucke ihr Potential ausspielen und das Publikum honoriert es mit Szenenapplaus.

Der Rest ist Geschichte. Von Gerard denunziert landet Chénier auf dem Schaffot, Maddalena geht mit ihm freiwillig in den Tod, Gerard bereut zu spät. Drei Tage nach der Hinrichtung Chéniers stirbt auch Robespierre unter der Guillotine.

Mit dieser Oper schafft das Theater Nordhausen eine emotionale und mitreißenden Studie über Revolution und Revolutionäre, über Menschen in neuen Rollen und über die Verführbarkeit der Menschen. Diese Studie bleibt nicht im späten 18. Jahrhundert stehen. Dies sind Probleme der Gegenwart und Terror kennt keine Zuschauer, sondern nur Täter, das macht Toni Burkhardt in seiner Inszenierung deutlich. Das Ensemble des Theater Nordhausen ist um eine vielschichtige Darstellung bemüht, verzichtet auf Schwarz-Weiß-Malerei  und glänzt mit einer geschlossenen Gesamtleistung. Alle Kompomentenen tragen zum Gesamterfolg bei, eine Schwachstelle kann man nicht ausmachen.


Am 27. April feiert „André Chénier“ Premier im Theater Rudolstadt. Der Weg dahin lohnt sich.

Dienstag, 16. April 2013

Amadeus: Genies, Gerüchte und Gegner


Theater Rudolstadt zeigt in Nordhausen einen kompletten Amadeus



Amadeus” ist ein Monolith. Seit der oscarprämierten Verfilmung von Milos Forman ist es ein Wagnis, das Theaterstück von Peter Shaffer aufzugreifen. Das Publikum kommt mit fertigen Bildern in die Vorstellung. Das Theater Rudolstadt hat  es trotzdem gewagt und gewonnen. Am Freitag stellte das Ensemble unter der Leitung von Jürgen Pröckel  sein Intrigenspiel um Salieri und Mozart im Theater Nordhausen vor. Dieser “Amadeus” ist ein Puzzle aus lauter kleinen Perlen  und es ist ein komplettes Stück. Dort wo die Verfilmung von Milos Forman eindimensional wirkt, überzeugt die Thüringer Inszenierung mit Tiefe und Vielschichtigkeit.
Am eindrucksvollsten zeigt dies Johannes Arpe in der Rolle des vermeintlichen Bösewicht Antonio Salieri. Er bespielt die gesamte Klaviatur von Begeisterung bis Verzweiflung, von Freundschaft bis Niedertracht, er beherrscht die lauten Szenen und die stillen Momente und er nutzt die große, raumgreifende Geste. Wirklich ebenbürtig ist ihm nur Anna Oussankina als Constanze Weber, Mozarts geliebtes “Stanzerl”. Und so entscheidet eben das Aufeinandertreffen dieser beiden Figuren vor der Pause das Stück.

Johannes Arpe kann die großen Gesten. Foto: Peter Scholz
Bis hierhin ist “Amadeus” ein bunter Reigen erstarrter Hofschranzen, der Abgesang einer abgestorbenen Gesellschaft. Doch dann prallen Constanze und Salieri aufeinander. Anschließend ist Stille und aus dem Lustspiel wird die Studie zweier Männer auf der schiefen Bahn.
Was düster endet, beginnt auch düster. Die Bühne zeigt ein biedermeierliches Zimmer, die Möbelstücke sind mit Laken abgedeckt, das Licht im besten Sinne funzelig, eindeutig ein Totenzimmer. Die Seiten bilden riesige Paravents mit blau-goldenen Blumenmuster, ein Gruß an die untergegangene Klassik. Salieri ist ein Greis, der im Rollstuhl auf den Tod wartet. In diesen Rahmen wird das Stück am Ende zurückkehren. Dazu zwischen wird Salieri als Erzähler und als Akteur von seinem Pakt mit Gott, von seinen Begegnungen mit Wolfgang Amadeus Mozart und seinen Intrigen gegen das Genie berichte. Er wird erzählen, wie nun er das Besondere der Mozartschen Kompositionen erkannt hat und wie er sich gegen Gott wendet, weil dieser ihm nicht mit solch einem Talent gesegnet hat. Salieri kämpft nicht gegen Mozart, er kämpft gegen Gott und den von Gott geliebten. Damit steckt auch eine Menge Mephisto im Salieri.
Dieser Amadeus, dieser Liebling Gottes ist im Grunde ein überdimensioniertes Kind, ein anal fixierter Dauerpubertierender, ein Wirrkopf. Mit einer einmaligen Gabe ausgestattet scheitert er jedoch an seiner mangelnden sozialen Kompetenz, an seiner mangelnden Empathie und an seinen überzogenen Ansprüchen an seine Umwelt und sich selbst. So einer kann einfach nicht dazu gehören, das wird im zweiten Akt deutlich, als Mozart mit dem bürgerlichen Sakko die höfische Kleiderordnung verlässt. Damit steckt auch ein Stück Faust in Mozart. Dies weiß Marcus Ostberg in der Titelrolle darzustellen, wobei der kindische Anteil immer wieder Oberwasser bekommt.
Die Mozarts sind am Ende. Foto: Peter Scholz
Fester Bestandteil des Spiel , aber auch des Bühnenbild sind die Thüringer Symphoniker Saalfeld-Rudolstadt bereit. “Amadeus” ist ein Stück über Genuss und Fluch der Musik und es ist ein Stück mit Live-Musik. Kongenial ergänzen ergänzt das Orchester unter der Leitung von Oliver Weder dasGeschehen auf der Bühne. Es entsteht ein einzigartiger Dialog aus Drama und Musik. Die Klangproben aus Mozarts Werk passen sich ein in dieses Puzzle aus kleinen Perlen. Besonders die Operenstudien von Ute Ziemer und Roland Hartmann bleiben in Erinnerung.
Zum Schluss darf der Zuschauer entscheiden, ob Mozart nun das Opfer einer Giftattacke war oder ob Salieri diese Gerücht selbst in Umlauf gebracht, um seinen Namen auf ewig und im negativen Sinne mit Amadeus zu verknüpfen. Diese Freiheit des Zuschauers, großartige Schauspieler, eine Ausstattung mit soviel Kostümtheater wie nötig, mit einem Bühnenbild, das die Opulenz des 18. Jahrhunderts passend wiedergibt, das sind die Stärken der Rudolstädter Inszenierung.

In Nordhausen ist "Amadeus" noch am 5. und am 12. Mai zu sehen. Der Spielplan.




Dienstag, 9. April 2013

Sex wird überbewertet


Eine Premiere aus dem Milieu


Rotlicht ist Dokumentationstheater und die werkgruppe2 bringt mit ihrer neuen Produktion ein wenig Licht in das Halbdunkel der Prostitution. Grundlage der Eigenproduktion sind Interviews mit Sexarbeiterinnen, die Mitrabeiterinnen der  werkgruppe2 im letzten Jahr geführt haben. Der Einblick in diese Welt, die zur Hälfte eben auch kleinbürgerliche Welt ist, gelingt entspannt und locker und ohne den Missionseifer einer Alice Schwarzer, ohne den moralischen Stinkefinger eine Alice Frohnert und auch ohne die schräge Lyrik und Romantik einer Domenica Niehoff. Die werkgruppe2 hilft, Klischees und Vorbehalte zu überwinden, dafür bedankt sich das Publikum zum Schluss mit stehenden Applaus. Damit ist Rotlicht auch Therapietheater.

Drei Musikerinnen betreten die Bühne und bringen im Ambient-Sound dem Publikum den Slogan des Abends nahe: Ruf mich an! Das bleibt im Kopf und für die Umsetzung wird gesorgt. Schon im Foyer ist die Aufforderung zu lesen: Handys anlassen. Eine Laufschrift gibt die Kontaktdaten von Dienstleisterinnen und Etablissements in Göttingen bekannt. Merke, Prostitution ist überall, nicht nur im Hinterhof.

Sieht aus wie Herbertstraße mit Musik. Foto: DT Göttingen
Das Licht geht an und gibt den Blick frei auf eine Herbertstraße-Optik. Hinter fünf Schaufenstern wird die Ware feilgeboten. Ruf an mich! ist immer noch die Aufforderung ans Plenum.Das Publikum soll kein Zuschauer bleiben, darf nicht unbeteiligt sein, sondern muss Freier werden oder wenigstens Stichwortgeber für die neun Lebenswege. Damit wird Rotlicht auch zum Mitmachtheater.

Ob nun Anna, Katharina, Barbara oder Gerda. Das Telefon klingelt, ein paar falsche Komplimente werden gewechselt und die Hure verlässt das Aquarium, tritt auf die Bühne, wendet sich ans Publikum, das Licht wird intimer und die Hure erzählt aus ihrem Leben, von ihrer Arbeit. Damit ist Rotlicht auch Talkshowtheater.

Was in den neun Bericht drinsteckt, hat das Potential, Vorbehalte und  Klischees über Bord zu werfen. Prostitution ist eine moderne Dienstleistung und Sexualität wird überschätzt und man muss trennen zwischen Sex und Liebe. Hure ist kein Schimpfwort, sondern ein Kampfbegriff. Das Machtverhältnis zwischen Hure und Freier ist nicht schwarz-weiß sonder ambivalent. Soweit die positivie Seite, aber es gibt auch die andere: Zuhälter, Gewalt und Not. Von beiden Seiten erzählen die neun Huren unprätentios, ehrlich und ohne Pathos. Das Publikum quittiert manches mit Kichern. Darum ist Rotlicht Entkrampfungstheater

Doch dann fragt Sveta: “Warum geht Frau auf Straße?” Neunzig Prozent tun es aus Not und im Theater kann man die Stille hören, als Sveta erzählt, wie sie und ihre Kinder in Bulgarien fast verhungert wären. Das ist wahrscheinlich der intensivste Moment in den 2 Stunden 15 Minuten.

Hinter jeder Hure in Deutschland stecke eine eigen Biografien. die Produktion vermittelt den Eindruck, als wolle sie alle einfangen, als wolle sie alle Spielarten der Prostitution zeigen. Doch das Konzept “Frau hinter Scheibe, Anruf, Frau auf Bühne und dann Monolog”, die theatralische Missionarsstellung an diesem Abend, kann den Anspruch nur bedingt tragen, Abnutzungen beim Dialog mit dem Publikum werden schnell deutlich. Interaktion zwischen den Schauspielerinnen und den Akteurinnen und den Musikerinnen findet nicht statt. Jede stricht für sich allein? Der Huren-Talk wird zur Dauerberieselung. Erst der Doppelauftritt von Ana und Elena, den rumänischen Zwangsprostituierten druchbricht das Schema F. Doch der Anspruch bleibt und damit ist Rotlicht auch Bekehrungstheater.

Doch am Ende bleibt eine ungewöhnliche Inszenierung, die ohne Verkrampfung und auf eigene Art und Weise Einsichten in die Realität bietet und die verstehen hilft, die eine neue Sicht bietet auf ein Milieu, das sonst von Moralin durchtränkt ist. Dafür hat Rotlicht Applaus verdient.

Die nächsten Vorstellungen

Das Stück in der Selbstdarstellung


Selbes Haus, ähnliches Thema, andere Sicht: Das Fräulein Pollinger

Sonntag, 7. April 2013

Karasch Ensemble spielt mit Mythen und Orten

Shakespeares Hamlet im Sommertheater an neuen Plätzen


Ja, gut die Aufführung in Nordhausen liegt schon bald zwei Jahre zurück, aber zum einen sind die Projekte der Hamburger Truppe größtenteils Unikate. Zum anderen war es die Aufführung, die mich in den letzten drei Jahren am stärksten berührt, geradezu beeindruckt hat. In der Retropsektive wurde mir nun der Ausbesserungsbedarf deutlich.
Jedenfalls möchte ich jeder und jedem, der mal die Chance hat, eine Aufführung des "karasch ensemble" zu erleben, raten: Geh hin, unbedingt! Denn ich schreibe bewußt " zu erleben" statt "zu sehen". Außerdem ist auf der Website der Theatergruppe so schön lang und breit aus meiner Rezension zitiert, dass ich den Rest der Welt nicht vorenthalten mag. Zum tieferen Verständnis: die Aufführung fand im Rahmen des Sommertheaters Nordhausen  nicht im Großen Haus, sondern an unterschiedlichen Orten im Altdorfer Kirchviertel statt und hatte somit auch einen sportlichen Aspekt. Die verlebten und zum Teil nicht mehr existenten Spielstätten gaben der Nordhäuser Inszenierung einen deutlich morbiden Charme.

Der Prinz ist in der Altstadt. Das "karasch ensemble" spielt die Tragödie "Hamlet" an unbekannten Orten im Südharz. Der Gastgeber, das Theater Nordhausen, nennt das Experiment Sommertheater.
Der Schädel macht die Runde. Noch bevor das Spiel um Schuld und Sühne vor dem ehemaligen Teehaus so richtig beginnt, taucht die Requisite auf. Die Assoziation Hamlet-Schädel gehört zum europäischen Kulturschatz. Wie ein Spielball fliegt das Utensil von Schauspieler zu Schauspieler. Was tödlich enden wird, beginnt als ausgelassener Sommerreigen.

Ein Sommerreigen mit Schädel: Hamlet vor dem
ehemaligen Teehaus in Nordhausen. Foto: Kügler
Wer den Schädel hat, der hat das Sagen. Sechs Schauspieler besetzen elf Rollen. Teils sprechen sie den Text simultan, als Chor der klassischen Tragödie. Teils wechseln sie die Rollen. Noch kann das Publik die Positionen nicht mit einzelnen Akteuren besetzen. Die Regieanweisungen kommen auch zur Sprache. Das verlangt Gewöhnung, steigert aber den Informationsgehalt. Die ersten zwei Szenen werden auf die Ausgangslage reduziert.  König Claudius starb überraschend und Sohn Hamlet hegt einen üblen Verdacht gegen Mutter Gertrude und Onkel Polonius.
Regisseurin Sabine Karasch hat den Monolith in seine Bestandteile zerlegt. Das Ensemble spielt Theater, es spielt Theater spielen und es spielt mit dem Theater. Sechs Akteure dekonstruieren und rekonstruieren Shaekspeare und seine Folgen.

Szenenwechsel - nächster Spielort ist "St. Maria im Tale". Der Sommerreigen versinkt im gotischen Kirchenschiff in Düsternis. Gebäude und Gespiele ergänezn und bedingen einander. Die Aufhebung der Rollenzuweisung schwindet. Marco Stickel übernimmt eindeutig den Part des mörderischen Bruders. Sarah Kattih wird immer mehr zur Königin Gertrude. Die Kostümierung macht es sichtbar. Die anderen Akteure müssen noch auf ihre Rollen warten. Das Spiel findet zwischen den Kirchenbänken, auf der Empore und im Altarraum statt. Mittendrin im Schauspiel wird nun selbst den Unbedarften klar: DAs hier, das kann kein gutes Ende nehmen.

In der Schärfgasse bekommen Mord und Rache die
Mechanik eines Glockenspiels. Foto: Kügler
Nächster Szenewechsel: Eine Baustelle in der Schärfgasse. Wie die Figuren eines Glockenspiels tauchen die Schauspieler in den Fensterlöchern und im Türrahmen aus der Höhle eines Fachwerkbaus auf. Mord und Rache folgen einer eigenen Mechanik. Das Kollektiv löst sich auf. Gestorben wird allein - David Paryla ist der Prinz, Bodil Stutz leidet als Ophelia und Alexander Wagner wird nun als Polonius und als Laertius den Tod finden. Doch vor dem Finale kommt der Ortswechsel zurück in die Altdorfer Kirchgasse. Die letzte Spielstätte, die Garage des Wasserverbandes, liefert eine räumliche Dichte, die die finale Auseinandersetzung nochmals komprimiert. Publikum und Schauspieler dicht an dicht, sind Hamlet und seine Begleiter nun Getriebene, einer tödlichen Logik ausgeliefert.

Der Rest ist nicht Schweigen. Der Rest ist Begeisterung. Wer sich auf das "karasch ensemble" einlässt, erhält eine neue Sicht auf ein Werk, das durch Reduzierung und Rekonstruktion seinen Anspruch erneuert. Die Orte des Geschehen sind die vierte Dimension in der Inszenierung, die unbestritten auch Kopf-Kino ist.



Nachtrag: Das Experiment Sommertheater war aus meiner Sicht erstklassig und gelungen. Leider gab es in Nordhausen bisher keine adäquate Fortsetzung. Schade.

Mal groß, mal klein geschrieben, egal, hier das karasch ensemble


Das Original im HarzKurier




Donnerstag, 4. April 2013

Wagner wird überschätzt und Goethe auch

Psychogramm eines Mittelmäßigen – Der Kontrabass in Nordhausen


Seit 30 Jahren gehört „Der Kontrabass“ zu den populärsten Theaterstücken in deutscher Sprache. Nun hat Frank Sieckel das Ein-Mann-Stück für das Theater Nordhausen neu inszeniert. Am Ende bleibt ein tiefer Einblick in die Seele eines Mannes, der an seiner Mittelmäßigkeit verzweifelt.


Die Bühne ist sparsam möbliert: ein Stuhl, ein Sessel, eine Stereo-Anlage. Der Raum schallisoliert, damit der Moloch Großstadt draußen bleibt. Brahms spielt, der Bassist betritt die Bühne durch den Zuschauerraum. Der Alleindarsteller enthüllt den heimlichen Hauptdarsteller, seinen Kontrabass. Noch berichtet er über den Reiz und die Möglichkeiten des Instruments, von der Quart-Stimmung des Viersaiters. Am Kontrabass kommt niemand vorbei, er ist das Fundament des Orchesters. Ohne ihn verliert das Ensemble die Orientierung.


Der Musiker und das Objektes des Hasses. Foto: Sieckel
Doch die Fassade bröckelt. Zwischen Instrument und Bassist herrscht keine Liebesbeziehung. Es ist eine Zweckgemeinschaft um sich am unmusikalischen Vaters und der schwächlichen Mutter zu rächen. Einziger Lichtpunkt im Leben des verbeamteten Staatsmusikers ist die junge Sopranist Sarah. Doch die Liebe bleibt unerwidert weil sie geheim bleibt. Der Bassist redet sich nicht Rage.Der Musiker redet sich in die Depression. Je länger er spricht, desto deutlicher wird das Ausmaß seiner Verzweiflung. Versteckt im musikalischen Kollektiv und verzweifelnd am eigenen Mittelmaß überhöht er die neue Sopranistin als Zielscheibe seiner Begierde.


Jeder Mensch ist ein Universum. Im „Kontrabass“ entblättert Frank Sieckel langsam die dunklen Seiten dieser Galaxie. Auch wenn er anfangs ein wenig zuviel Präsenz bezeigt, so viele laute Töne spielt, so findet der Fernsehschauspieler und Theaterproduzent über das Spiel mit dem Publikum  immer besser in die Rolle. Es sind die leisen Momente, wenn die Verzweiflung in Zynimus umschlägt, die überzeugen. Es sind diese Momente, die Frank Sieckel mit erstarrter Mine wirken lässt. Das macht die Intensität seiner Inszenierung aus. Im Spiel von „himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt“ erarbeitet der gebürtige Nordhäuser die Wechselbäder der Emotionen, wenn auf Euphorie Depression folgt. Man muss schon aufpassen, dass man den Schauspieler und seine Rolle auch am Ende noch sauber trennt.


Mit der Neuinszenierung ist Frank Sieckel eine neue Intensivierung des Kontrabasses gelungen. Vielleicht überzeugt das Stück auch, weil Regie, Inszenierung und Spiel in einer Person vereint sind. So wird Süskinds Klassiker teilweise zu Sickels Stück. Nur beim Bühnenbild hat der Akteur auf die Dienste von Roland Winter zurückgegriffen.

Nachtrag: Im Spielplan des Theaters Nordhausen ist das Stück derzeit nicht vertreten. Frank Sieckle ist mit dem Kontrabass aber auf Tournee. Es scheint sein Stück zu sein


Dienstag, 2. April 2013

Wagner ohne Gewalt entstaubt


Das TfN inszeniert den Fliegenden Holländer als Oper der Jetztzeit


Ob nun Genie oder Wahnsinniger, 2013 kommt der Kulturbetrieb nicht an Wagner vorbei. Das Theater für Niedersachsen hat sich den fliegenden Holländer vorgenommen und am Karsamstag in Hildesheim die Legende um den niederländischen Kapitän Bernard Fokke in einer entkrampften Inszenierung präsentiert.
Der Anfang ist alles andere als schroff.  Ein Schiff auf der Heimreise, eine aufstrebende Bühnenarchitektur, viel Blau und Weiß, ein Chor und Daniel Jenz als Steuermann künden im Tenor von der Freude der baldigen Heimkehr. Doch die Mächte eines düsteren Himmels verlangen einen Aufschub, Triebverzögerung nicht als Kulturtechnik, sondern als Wesen einer widerspenstigen Natur. Als die Mannschaft des Kapitän Daland sich von den Strapazen des Sturms erholen, taucht aus den Tiefen des Bühnenhauses das Schiff des Holländers auf. Ein Bau wie ein Skelett, ein blutrotes Segel wie ein Totenkopf, eindeutig geisterhaft. Doch der Hingucker ist die Galionsfigur:  der Kapitän, wie ein Gekreuzigter, ein Märtyrer seiner einstigen Arroganz und seines dauerhaften Fluchs. Dieser Holländer ist nicht der Chef auf dem Deck, sondern ein Getriebener seiner Mannschaft, die die Erlösung einfordert. Ihr Schicksal ist mit dem des Holländers unlösbar verbunden. Hier liegt einer der wenigen Schwachpunkt. Vom expressionistischen Hospitalismus der Stummfilmzeit geplagt, wirken die Statisten sehr zombiehaft, sind die sailing deads.
Der Holländer ist ein Gekreuzigter, eine Monstranz
der unchristlichen Seefahrt. Foto: TfN
Auf die Beine gestellt wird aus dem Getriebenen schnell ein Treibender. Der fliegende Holländer kann nur Erlösung erlangen, wenn sich eine Frau findet, die bereit ist ihr Leben zu opfern. Das Versprechen des Reichtums steigert die menschliche Bereitschaft, das weiß der Holländer. Sébastien Soulès in der Titelrolle versteht es mit der  Dynamik seiner Stimme, den Wandel vom Opfer zum Täter glaubhaft zu machen. Deswegen ist ihm Kapitänskollege Daland in seiner Gier mit dem ersten Aufeinandertreffen unterlegen und ausgeliefert. Der Norweger gibt seine Tochter Senta gern, wenn die Mitgift stimmt.
Auch der zweite Akt startet optimistisch. Die Farbgebung und der Bühnenaufbau der erste Minuten wiederholen sich, der Chor der Spinnerinnen singt das Hohelied des Fleißes. Nur Senta passt nicht in diese Idylle und träumt sich in andere Zeiten. Ihr Verehrer Erik fordert die Einlösung ehelicher Versprechen, dies mit Nachdruck und auch Gewalt scheint eine Lösung. Martine Reyners in der Rolle der verhökerten Braut widersteht auch stimmlich den Druck der Gruppe und des enttäuschten Liebhabers. Da kommt der Holländer als Gast des Vaters gerade zur rechten Zeit. Bald ist deutlich: da haben zwei sich gesucht und gefunden. In Zuneigung schmelzen Senta und der Holländer dahin und ihr Duett gehört eindeutig zu den Höhepunkten der Premiere.
Auch im dritten Akt der gleiche Kunstgriff: Die Vorfreude des seefahrenden Volkes wird jäh unterbrochen von Mächten der Finsternis. Es ist Dalands Mannschaft, die in ihrer Feierlaune die  Truppe des fliegenden Holländers weckt, die nun ihren Tribut fordert. Doch als ihr Kapitän seinen Verzicht auf die Liebe der Lebenden erklärt, wird er wieder zum Gekreuzigten, zur Monstranz der unchristlichen Seefahrt. Als alles verloren scheint, opfert sich Senta und die Oper findet ein Happy End, das so nicht zwingend ist.
Auch 2013 muss man Wagner nicht mögen, aber diese Inszenierung, die darf man mögen. Karsten Barthold und Steffen Lebjedzinski ist es gelungen, den fliegenden Holländer zu entstauben und in die Jetztzeit zu bringen, ohne dem Werk Gewalt anzutun. “Der fliegende Holländer” bleibt eine Volksoper, erstickt aber nicht im Historizismus, sondern legt neue Aussagen frei. Da ist die Bereitwilligkeit des Vaters Daland, seine Tochter herzugeben, wenn nur der Preis stimmt, und da ist Sentas Wille, sich dem vorgezeichneten Weg in den Hafen der Ehe zu verweigern. Für Senta ist die Beziehung zum Fremden eine Möglichkeit der Hausfrauenperspektive zu entkommen. Somit ist der Weg in den freiwilligen Tod nicht nur Erlösung für den Verfluchten sondern auch Katharsis für die Braut des Untoten. Auf diesem Weg kann man mit Wagner nicht nur das Premierenpublikum in Hildesheim begeistern.


Die nächsten Vorstellungen am 6., 13., 18. und 23. April