Dienstag, 20. August 2019

Das neue Leiden der Familie W.

Ein Fluchtdrama: Die Legende von Sorge und Elend

Unter dem Sofa hat jede Familie ihre eigenen Sprengstoff versteckt. Nicht bewältigte Konflikte können solch einen Verband sprengen, auch nach dreißig Jahren. Das sind die Kernbotschaften von Sören Hornungs "Die Legende von Sorge und Elend". Die Uraufführung ist das Hauptstück des diesjährigen Festivals Theaternatur.

Zum fünften Geburtstag hat man sich in Benneckenstein damit eine Auftragsarbeit gegönnt. Angesichts der historischen Ereignisse lag das Thema "Grenze und Mauer" auf der Hand. Bevor die Politik im Herbst ihre Stellung einnimmt, wollte man ein Statement auf künstlerische Ebene abgeben.

Sören Hornung scheint der geeignete Mann. Schließlich gilt der 30-jährige Berliner als Fachmann für unbewältigte Vergangenheiten. Für die Legende hat er in der Region umfangreiche Recherchen vorgenommen. Doch seine Mischung aus Fiktion und Historie stößt an die Grenzen der "oral history".

Das Bühnenbild


Es gibt kein Vorbeikommen an diesem Möbel. Hoch und breit steht das Sofa auf der Bühne, fast alles verschwindet dahinter. Ein Frau erklimmt das Trumm und verteilt hektisch Sektflaschen und Gläser. Es ist Beate Fischer in der Rolle der Ines.

Sie bereitet ihre Geburtstagsfeier vor. Die fahrigen Bewegungen und die gebückte Haltung machen deutlich, dass Ines die Souveränität über ihr Leben schon längst verloren hat. Getrieben von der Vergangenheit hetzt sie durch die Gegenwart.

Der Geburtstagsreigen beginnt.
Alle Fotos: Frank Drechsler
Dann erklingt ein Geburtstagslied und die drei anderen Mitglieder klettern auf das Trumm. Das Sofa wird zur Heimstätte familiärer Häuslichkeit. Als Bühne über der Bühne bietet es die Geborgenheit eines Adlerhorstes und die Enge einer Dachkammer.

Im Laufe der Aufführung werden die Darsteller immer häufiger geerdet. Die Realität dringt in die Idylle ein. Das Sofa verliert seine Schutzfunktion und wird zum Schluss "in die Ecke" gestellt. Dieses riesige Möbel sorgt für eine klaustrophobische Enge. Die Mitglieder der Familie können einander nicht entkommen.

Im Laufe der Aufführung rückt das Sofa immer weiter in den Hintergrund. Sein Abgang ist  ohne Frage die Szene mit dem größten Wow-anteil. Das Feld weitet sich und lässt einsame Akteure zurück. Der trügerische Schutzraum ist verschwunden.

Doch in seiner Dominanz es ist eindeutig auch ein Schauspielverhinderungsbühnenbild. Die Video-Sequenzen, mit ihren zusätzlichen Deutungsebenen bisher integraler Bestandteil einer Liebetruth-Inszenierung in Benneckenstein, werden zur Randnotiz. Sie sind damit nur noch schmückendes Beiwerk.

Grenzen der oral history


Hornung verknüpft in seinem Drama Staats- und Familiengeschichte. Am konkreten Beispiel will er die großen Dinge erläutern. Doch der Belehrungsanteil hat ein deutliches Übergewicht. Da wird lang und breit das Wesen der DDR erklärt, obwohl doch das Publikum so eine eigenen Erfahrungen hat. Zur Krönung darf Lisa die Aufgaben der BStU, der Gauck-Behörde, darlegen. Als ob, dass Publikum dass nicht besser wüsste.

Lisa kommt dem dunklen Geheimnissen auf die Spur.
Foto: Frank Drechlser
Im Gegenzug wird Westdeutschland auf Konsum reduziert und die Wende als Gang ins Kaufhaus abgetan. Wenn das die Bürgerrechtler von einst wüssten. Ein Hauch von "Es war nicht alles schlecht damals" weht durch die Waldbühne.

Das Drama entwickelt sich in Etappen. Die Zeit springt ins nächste Jahr, wieder steht der Geburtstag an. Die Rollenverteilung ist dieselbe geblieben. Martin Molitor gibt als Klaus dem verständnisvollen Patriachen. Fest in der Sprache wirkt er aber stocksteif. Will er mit seiner burschikosen Art nur Schuld und Sühne um Mord und Totschlag verdrängen? Auf jeden Fall ist Klaus das Paradebeispiel des Wende-Gewinnlers. Er spricht, er proklamiert ständig. Aber damit ist er nicht der einzige in dieser Inszenierung.

Jan Janoszek spielt den etwas limitierten Sohn Stephan, der anfangs ganz aufgeht in seinem Polizisten-Dasein. Wenigstens ihm ist etwas Entwicklung gegönnt, denn die Hingabe zum Beruf lässt doch deutlich nach. Zudem löst er sich immer stärker vom Ziehvater Klaus.

Seine Halbschwester Lisa bildet den Kontrapunkt. Thea Rasche gelingt es in dieser Rolle, den jungen Selbstgerechten ohne Orientierung eine deutliche Gestalt zu geben. Als Zauberlehrling der Aufklärung tritt sie aber eine Lawine an Ereignissen los, die zum Schluss alles begräbt.

Denn die beherrschende Person ist der nicht anwesende Thomas. Er ist Ines ehemaliger Lebensgefährte und Stephans Erzeuger und verschwand kurz vor dem Mauerfall spurlos in den Westen. Doch den hat er nie erreicht. Ines und Klaus haben das auf unterschiedliche Weise verhindert.

Das Sofa hat als Adlerhorst ausgedient.
Foto: Frank Drechsler
Nun forscht Lisa nach und öffnet die Büchse der Pandorra. Dabei brechen sich die Geheimnisse ihre Bahnen, auch die Geheimnisse zwischen den Eheleuten. Vermeintlich Rechtschaffende werden demontiert. Doch bis dahin werden so viele Andeutungen aneinander gereiht, dass schon schnell klar ist, was es mit dem Versteck im Wald auf sich hat. Zuviel ist vorhersehbar.

Geschichte anhand einer Familie zu verdeutlichen ist ein üblicher Ansatz. Aber in diesem Stück steckt alles Mögliche drin in diesem Stück und von allem ein wenig zu viel. Da werden Kommunismus und Kapitalismus erklärt und die Entfremdung bejammert. Da kommen Flüchtlinge ist Spiel und der Klimawandel darf auch nicht fehlen. Ja und dann wird die Systemkritik auch noch mit einer Eifersuchtsgeschichte überzogen. Es gibt so viele Fäden, die das Tuch am Ende so dicht machen, dass niemand mehr durchblickt.

Das Exemplarische hat solch ein Übergewicht, dass das Schauspielerisch zu kurz kommt. Da agieren keine Menschen auf der Bühne sondern Fallstudien. Die Familie gerät zur Ansammlung von Stereotypen. Hier wird mit Schablone und Zimmermannsbleistift gezeichnet. Darüber hilft auch die Inszenierung nur bedingt hinweg. Weniger wäre mehr gewesen.






Material #1: Theaternatur - Die Website
Material #2: Die Legende von Sorge .... - Das Stück

Material #3: Sören Hornung - Der Autor
Material #4: Janek Liebetruth - Der Regisseur

Material #5: Die BStU - Gauck bei wikipedia



Sonntag, 18. August 2019

Musik an einem verzauberten Ort

Die vier Evangcellisten gastieren bei Theaternatur

Das Cello gehört zu den Instrument, die am häufigsten unterschätzt werden. Das bewies das Konzert der Evangcellisten beim Theaternatur-Festival. Erst nach zwei Zugaben entließ das Publikum die Musiker von diesem verzauberten Ort.

Es ist eine Szenerie so surreal wie ein Film von Bunuel. Mitten zwischen hohen Fichten steht eine Bühne, darauf vier Notenständer und vier weiße Stühle. Eine weiße Wand blockiert den Blick ins Dunkelgrüne und lenkt die Aufmerksamkeit ganz auf die Musiker.

Ein Quartett mit Kammermusik ist der Ausdruck häuslichen und heimischen Musikgenuss.Dies nun in die Natur zu verlegen, baut einen Kontrast auf, der diesen Ort verzaubert

Eine Szenerie wie bei Luis Bunuel: Celli mitten im
Wald.     Alle Fotos: Kügler
Die vier Evangcellisten haben vor 11 Jahren zusammengefunden. Fügung oder Zufall, ihre Vornamen gleichen denen der Evangelisten. Als ost-westdeutsches Ensemble, deren Mitglieder auch noch die Seiten gewechselt haben, ist es ideal für das diesjährige Theaternatur-Festival und auch noch für das kommende. Schließlich ist die deutsch-deutsche Nabelschau das Thema.

Das Programm besteht aus Werken vom Barock bis in den Jazz, doch der Schwerpunkt liegt eindeutig bei Opern-Literatur. Somit ist das erste Set dominiert von der Musik des neunzehnten Jahrhunderts. Moderator Markus Jung hat in Anlehnung an das Festivalmotto diesen Teil mit "Grenzen der Liebe" überschrieben. Es geht um schmerzhafte Beziehungen, die häufig unvorteilhaft für die Beteiligten enden.

Schon bei den beiden Donizetti-Werken wird das Können und das Konzept deutlich. Die Celli übernehmen in den Arien die Aufgabe der Stimmen und klagen Leid und Freud. Gesang auf vier Saiten. Man sieht Donizetti Tränen auf vom Bogentropen. Gerade Markus Jung und Lukas Dihle bauen ein Wechselspiel auf, das die Celli zu Duetten verbindet.

Als Mathias Beyer in der Turandot-Arie den Gesang zum Terzett ausbaut, ist der Gipfel erreicht. Dieser Grad an Zusammenspiel ist schon außergewöhnlich und die Basis ist wohl ein gemeinsames Verständnis von Musik.

Dem Dvorak-Diktum zum Trotz ist dieses Instrument unter den Streichern, dasjenige, das die größte Bandbreite und die größte Auswahl an Stimmungen bietet. Deshalb vermisst das Publikum das große Orchester ganz bestimmt nicht. Gestrichen, gezupft und im Pizzicato, auch die Vielfalt der Spielweisen trägt zum Gefallen. Das Publikum  lässt sich bereitwillig eins ums andere Mal verzaubern. Musiker, Zuhörer und Ort gehen eine Symbiose ein.

Doch erst mit der Carmen-Arie kommt auch Schwung in den Vortrag. Jetzt geht es auch mal ins Staccato. Die enttäuschte Liebe geht über in den Zorn und das tut dem Konzert gut. Der Tango vor der Pause zeigt zwei Dinge: Auch Hannes Riemann darf sich jetzt mal zeigen und das Cello ist für Klassik eigentlich viel zu schade. Es kann vielmehr.

Jung fällt aus dem Rahmen: Dihle, Riemann und Beyer
bei der Arbeit.      Fotos: Thomas Kügler
Das Cello kann nicht nur singen, das Cello kann auch tanzen. Beweise gibt es dafür nach der Pause. Drei Tangos stehen nun auf dem Programm und sie zeigen allesamt eins: Das Cello schafft diesen Spagat zwischen Leidenschaft, Liebe, Verzweiflung und Trotz. Wer braucht da schon ein Bandoneon?

Losgelöst von den strengen Mustern der Klassik und der Romantik sind die Gewichte im Ensemble nun gleichmäßig verteilt. Somit ist es folgerichtig, dass sich die Evangcellisten auf ihrem aktuellen Album "Al Son del Tango" sehr intensiv mit diesem Genre auseinandersetzen.

Dann gibt es die nächste Überraschung. Das Cello kann auch Jazz, es kann auch cool sein oder eben lebenslustig. Die Evangcellisten-Interpretation von "Take five" Brubeck-Version in nichts nach. Dihle baut das weltberühmte Motto aus fünf Akkorden auf und reicht es am Riemann weiter. Der improvisierte darüber und dann ist Beyer dran, bevor Jung dann den Abschluss macht. Das ist der Geist des Jazz und er lebt mitten im Wald auf vier mal vier Saiten. Die Folge ist ein begeistertes Publikum.

Da stellt sich einzig die Frage, warum nicht gleich so? Warum nicht mal die Abfolge umdrehen. Aber auf jeden Fall bleibt in Anlehnung an Alexander Milne die Gewissheit, dass an jenem verzaubert Ort mitten im Wald immer ein Cello sein wird.







Material #1: Die vier Evangcellisten - Die Website

Maerial #2: Theaternatur-Festival - Das Programm





Dienstag, 13. August 2019

Ein wahres Volksfest auf Rädern

Zwei Tage unterwegs in einer Legende 

Dreimal bei Rot über die Ampel, fahren ohne Gurt und zum Schluss auch noch hupend durch die Fußgängerzone. Eigentlich müsste ich meinen Führerschein los sein. Aber weil ich alles das unter Polizeischutz getan habe, darf ich ihn behalten.

Etwa dreihundert Fahrerinnen und Fahrer haben sich am Sonntag in Einbeck genauso verhalten. Schließlich waren Oldtimer Tage und der Autokorso der Abschluss der Feierlichkeiten zum fünften Geburtstag des PS.Speichers.

Die Veranstaltung ist so etwas wie ein Volksfest auf Rädern und es wird immer größer. Im letzten Jahr waren 270 Wagen am Start, in diesem Jahr sollen es deutlich über 300 gewesen sein.

Wie viele Zuschauer es waren, kann man nur schätzen. Gefühlt waren es zehntausend, die zum Teil in Dreier-Reihen am Straßenrand standen und dem Tross zujubelten. Manche hatten sich auch Campingstühle und Tische dafür in den Vorgarten gestellt. Wenn dann die La-Ola durch das Publikum ging, dann feierte man sich und die alten Autos. 

Teilzunehmen und sich bejubeln zu lassen, ist eigentlich ganz einfach. Man musste nur ein altes Autos haben und rechtzeitig in Einbeck sein. Alt war in diesem Falle relativ. Es durfte auch ein Youngtimer sein, also ein Fahrzeug, das mindestens 20 Jahre alt ist.Bei der Rallye am Samstag lag die Messlatte deutlich höher. Das Gefährt musste ein echter Oldtimer sein, also mehr als 30 Jahre auf dem Tacho haben

Fototermin vor der Burg Greene.   Foto: Kügler
Ich war mit einem VW Porsche 914 am Start. Baujahr 1972, neongelb, 80 PS und aus dem Fundus des Veranstalters. Der Vierzylinder und ich, das war Liebe auf dem dritten Blick. Bereits im letzten Jahre sollten ein Kollege und ich damit die Oldtimer Rallye bewältigen. Doch daraus wurde nichts. Nach 20 Metern Testfahrt blieb der Wagen stehen, ging aus und sprang nicht wieder an.

Also war ich durchaus skeptisch, als man mir auch dieses Jahr das Cockpit des 914 zuwies. Doch neues Jahr, neuer Beifahrer, neues Glück. Roland Hildebrand arbeitet für Fachmagazin und war für diese Tour eigens aus München angereist. Schließlich feiert der VW Porsche in diesem Jahr seinen 50. Geburtstag.

Der Patzer vom Vorjahr geht eindeutig auf die Kappe von Porsche, erklärt mir am Samstagnachmittag Wolfgang Blaube. Er ist Porsche-Experte und hat nach eigenem Bekunden schon mehr als 800.000 Kilometer im 914-er zurückgelegt. Seine Zuneigung zu dem Hybriden aus Sport- und Volkswagen ist deutlich zwiegespalten.

Damit ist er keine Ausnahme. Für viele war der 914 seinerzeit der günstigste Weg, sich im Glanze eines Porsche zu sonnen. Viele haben die Insignien, die auf VW verweisen, säuberlich entfernt. In unserem 914 klebt ein Porsche-Emblem auf dem Lenkrad. Original ist das nicht.

Zurück zur Panne: Die Stuttgarter hätten seinerzeit den Einspritzer an einer thermisch ungünstigen Stelle platziert und so kann es immer wieder zur Bildung von Luftblasen in den Kraftstoffwegen, erklärt der Fachmann. Er muss es wissen, immerhin schreibt Blaube für die wichtigsten Publikationen im Segment Oldtimer.

Gut, dass Roland und ich zu diesem Zeitpunkt schon die 150 Kilometer Rallye hinter uns gebracht hatten. Hätten wir das Konstruktionsproblem gekannt, dann hätten wir wohl wieder eine Panne gebaut. Aber so ging alles gut.

Hügel rauf und wieder runter.   Foto: Kügler
Von Einbeck über Greene nach Goslar und über Wildemann und Bad Grund wieder zurück nach Einbeck. Überall dasselbe Phänomen: Am Straßenrand stehen wildfremde Menschen und jubeln dir zu. Wer steckt hier mit seiner Begeisterung eigentlich wen an? Zumindest sind alte Autos ein verbindendes Element.

Hügelauf und bergab, die Strecke führte durch eine Landschaft, in der sich Weserbergland und Harz sehr nahe kommen.  Es ging über Ortschaften, die man nur kennt, wenn man in der 2. Kreisklasse kickt.

Aber eine Oldtimer Rallye ist eindeutig die Luxusliga. Ein 914 im fahrbereiten Zustand gibt es nicht unter 25.000 Euro. Für die Sechszylinder-Version werden auch schon mal 100.000 Euro aufgerufen.

Die Begeisterung

Wolfgang Baube ist sich sicher: “Ein Oldtimer als Wertanlage, das funktioniert nicht.” Er hat in den letzten 30 Jahren viele Blasen auf dem Markt für alte Autos platzen sehen. Gerade sind die Preise für alte Ferraris in den Keller gerauscht. Also muss sich die Motivation wohl aus einer anderen Quelle speisen.

Es ist wohl eher der Zauber der Vergangenheit. Die kollektive Erinnerung an eine Zeit, die noch beherrschbar schien. In einer Gegenwart, in der selbst das Auswechseln einer Glühbirne den Gang in die Werkstatt erfordert, erzählt man gern Geschichten von Motoren, die man noch mit einem gezielten Hammerschlag zum Laufen brachte. Ach, ja, da ist auch noch das Argument der Individualität

60-er Jahre Design: Eckig trifft auf
eckig.      Foto: Kügler
Jeder möchte seinen Teil zu dieser Erinnerungsarbeit beitragen. Immer wieder riefen uns die Zuschauer zu “Ein Hausfrauenporsche”. Sie lagen nur knapp daneben. Der 914-er war der VoPo, der Volksporsche. Erst sein Nachfolger, der 924, wurde als “Hausfrauporsche” bezeichnet.

Wer zum Teil jahrelang an seinem Auto geschraubt hat, der zeigt ihn natürlich auch gern her. Dafür nimmt er auch schon mal Wege aus Süddeutschland oder aus der Schweiz auf sich. Die meisten runden das ganze mit einer passenden Kostümierung ab. Oldtimer Rallye ist auch ein wenig wie Rosenmontag, nur eben hochpreisig und bei besserem Wettern.

Reizvolle Routen, perfekte Organisation und vor allem das begeisterte Publikum. Die Rallye rund um Einbeck hat sich einen Namen in der Szene gemacht. Das weiß man auch beim Fernsehen. Gleich zwei Sender waren vor Ort.

Vor fünf Jahren wurde der PS.Speicher eröffnet. Stifter Karl-Heinz Rehkopf hatte damals ehrgeizige Vorgaben gemacht. Bei der dritten Auflage der Oldtimer Tage ist man am Ziel angelangt: Einbeck ist zu einer Größe in der Oldtimer-Szene geworden. Das gibt einer Stadt, die sich seit mehr als 40 Jahren auf der Verliererseite glaubt, eine ordentliche Portion Selbstvertrauen. 

Der PS.Speicher ist ein Projekt, das eine ganze Region bewegt und motiviert. Zweihundert Arbeitsplätze sind in seinem Umfeld entstanden. Die zweitägige Begeisterung des Publikums ist ein Form des Dankeschöns. Auch im Fahrerfeld macht sich Euphorie breit. Man winkt man gern zurück und begeht mit nur einer Hand am Steuer die nächste Ordnungswidrigkeit.

Der Testbericht

Servolenkung? Bremskraftverstärker? Anfahrhilfe? Schnickschnack, ein Sportwagen Baujahr 1972 ist Auto pur. Dazu kommt ein Wendekreis in der Nähe eines Treckergespanns. Wer seinen Führerschein nach 1989 erworben hat, der gerät hier schnell auf schwieriges Geläuf.

Volksporsche fahren ist Arbeit. Das Rangieren zum Fototermin vor der Burg Greene geriet zur Sysiphus-Aufgabe, bei der die Anwohner ihre Hilfsbereitschaft bezeugten. Der Ton ist auch hier gleich beim "du"

Der erste Gang liegt unten links und das Schalten wurde zwischendurch zur Lotterie. Das Wechseln der Gänge erforderte ein Feingefühl, das sich erst am zweiten Tag einstellte. Manchmal erinnerte es mich an das Rühren im Getriebe meines einstigen T 2.

Dank des Porsche-Experten wusste ich zu diesem Zeitpunkt schon, dass hier ein Konstruktionsmangel vorliegt. Die Verwindungen des Fahrzeugrahmens während der Fahrt drücken aufs Getriebe. Wenn dann auch noch der Hinterradantrieb in den schnellen Kurven den Wagen in Richtung Straßenrand drückte, wurde es besonders schwierig.

Da sitzt man in einer automobilen Legende und sie
spricht über Farben.    Foto: Hinsching
Mit 80 PS ist der Wagen nach heutigen Vorstellungen eindeutig untermotorisiert. Er kam nicht so recht in Schwung. Roland musste dem Boliden gut zureden, damit er auf der B 82 kurz vor Goslar erstmals die 100 km/h-Marke erreicht. Zurück über den Harz ging es in einige Passagen im zweiten Gang. In der Steigung vor Bad Grund bremste uns ein Amphicar 770 aus unserem Tross aus. Daran vorbeiziehen? Vergiss es. Oldtimer Rallye ist auch eine Form der Entschleunigung.

Beim Korso am Sonntag spielt das alles keine Rolle. Fahrerisch ist die Teilnahme ein Geduldsspiel mit Kupplung und Handbremse. Die hat eine Besonderheit. Egal in welche Zustand, der Hebel ist immer unten. Platziert links vom Fahrersitz soll er so das Personal beim Ein- und Aussteigen nicht behindern.

Aber ich hatte dann den Bogen raus. Volksporsche fahren ist eine Liebe auf den dritten Blick. Im Schritttempo und im Stop-And-Go ging es rund um Einbeck, häufig eine Hand am Lenker und die andere zum Winken aus dem offenen Dach herausgestreckt. Am Marktplatz waren die Hände aber dort, wo sie hingehören, nämlich am Lenkrad. Der Weg durch die Menschenmassen erforderte präzises Steuern auch ohne Servolenkung. Am Tiedexer Tor verdoppelte sich die Zahl der Zuschauer noch einmal. Das Ziel war erreicht und es gab ein letztes Winken und ein allerletztes Winken und ein allerallerletztes Winken.

Den Lapsus “Hausfrauenporsche” habe ich großzügig durchgehen lassen. Den kann ich dann im nächsten Jahr korrigieren. 



Material #1: Der PS.Speicher - Die Website





Dem Tod die Stirn bieten

Ewig jung: Eine grandiose Komödie

Bitterböse und eigentlich zutiefst traurig, aber dennoch ein folgenschwerer Angriff auf die Lachmuskeln ohne dabei in den Klamauk abzudriften. Die Uraufführung von "Ewig jung" im Neuen Globe in Schwäbisch Hall hat das Zeug zu einem Klassiker. Das liegt an der überzeugenden Inszenierung ebenso wie an den großartigen Schauspielern.

"Wir sind die letzten von hundertzehn - wir warten bis die Zeit vergeht", dichtete einst Herwig Mitteregger für Spliff in "Deja vue". Diese fünf Akteure sind zwar die letzten ihrer Art, aber alles andere als passiv. Das macht die Komödie von Erec Gedeon glich zu Anfang deutlich

Wir schreiben das Jahr 2059. Vierzig Jahre nach der Eröffnung des Neuen Globes treffen sich die letzten Überlebenden der Erstbesetzung. Es sind die Damen Becker und Hanimyan und die Herren Eickelmann, Friedrich, Kraus und Weiler. Regelmäßig treffen sie sich zur Vergangenheitsbewältigung der besonderen Art. Dazu kommen die Schwester Anja als Aufseherin und der liebe Herrgott darf auch nicht fehlen.

Ordentlich was los im Heim für alternde Mimen.
Alle Fotos: Uluf Arslan
Das Mobiliar erfüllt alle Klischees eines Altersheims. Die Sitzgelegenheiten sind abgerockt und das grüne Sofa ist eine Reminiszenz an Loriot. Dazu kommen falsche Blumen und neben der Tür steht eine Urne. An der Wand hängen die Portraits der Verstorbene und rechts steht eine Heimorgel Marke "Franz Lambert".

Die Architektur des Globes ist Herausforderung und Chance zugleich. In der ersten Etage agiert Schwester Anja in einem Krankenzimmer aus den Zeiten des Wirtschaftswunder und in der zweiten Etage thront über allem ein recht entspannter Gott, der sich auf die Rolle des stummen Kommentators beschränkt.

Schwester Anja betritt den Raum. sie inspiziert und richtet her. Das nächste Treffen der Veteranen steht an. Ihre Vorbereitungen wecken Erinnerungen an den 90. Geburtstag von Miss Sophie. Damit bauen sich die ersten Erwartungen im Publikum auf. Sie sollen nicht enttäuscht werden.

Dann schlurft Stephan Kraus in der Rolle des Herrn Kraus herein. Fast jeder spielt sich hier selbst, darin liegt ein besonderer Reiz. Pantoffeln an den Füßen und die Hose ständig im Rutschen begriffen wird er von Schwester Anja an seinen Arbeitsplatz geführt. Dazu brabbelt er unverständlich vor sich hin. Herr Kraus hat auch dieses Mal die musikalische Leitung des Nachmittags inne.

Eigentlich darf man ja nicht über solch ein Bild des körperlichen Verfalls lustig machen. Aber Regisseur Thomas Goritzki hat die Personen so sehr auf die Spitze getrieben, dass man keine falsche Scham walten lassen sollte. Die durchweg starken Leistungen der Schauspielerinnen und Schauspieler bewahren nicht nur die Würde der Figuren. In ihrem trotzigen Kampf gewinnen sie sogar dazu. Diejenigen, die auf der Bühne so oft gestorben sind, wehren sich erfolgreich gegen den Verfall. Und das machen sie auf zwerchfellerschütternde Weise. Butler James und Miss Sophie können in Ruhestand gehen

Geliebtes Holzbein.
Alle Fotos: Uluf Arslan
So gehört der unverständliche Monolog am Beginn des zweiten Akts zu den Höhepunkte dieser Inszenierung. Stephan Kraus reiht Laut an Laut, bleibt sauber in der Betonung, aber eben ohne Botschaft. Als Dirk Weiler die Tirade mit der Frage "Und dann?" kommentiert, wechselt das Skurrile schlagartig ins Absurde.

Dann betreten die alten Kempen die Arena. Jeder hat sein Handicap zu tragen und jeder hat gelernt damit umzugehen. Aber oft genug stellt die Behinderung den Akteuren ein Bein und dann purzelt mancher auch schon mal von der Bühne.

Es wird überhaupt viel gepurzelt und gefallen und der Slapstick-Anteil ist recht hoch. Aber sie machen alle Akteure machen das mit ihrer Form der Würde.

Es ist ein rasantes Stück, in der ein Gag den anderen jagt und manches wird zum Running Gag. Aber manchmal ist es besonders eindrucksvoll, wenn eben nichts passiert. Wenn Herr Eickelmann minutenlang nach Worten ringt, um dann doch nichts zu sagen, dann ist das ein gekonntes Spiel mit den Erwartungen des Publikums. Wenn Herr Krause den Fernsehsessel in all seinen Varianten ausprobiert, ist das Pantomime auf hohen Niveau.

Das spricht für eine ausgefeilte Dramaturgie Vor allem dann, wenn auf Ulk schlagartig bitterer Ernst und der Schock auf den Spaß folgt. Alles Lachen stirbt, als Herr Eickelmann mit einem Golfschläger den Schädel von Herrn Friedrich zertrümmern will und doch nur die Prothese von Frau Hanimyan trifft.

Das falsche Beine schlittert über die Bühne und Alice Hanimyan rollatort hinterher. Unter dem Klängen von "Barbie Girl"  wiegt sie das gute Stück in den Armen. Die Dekonstruktion des schönen Scheins erreicht ihren Höhepunkt.

Bis dahin hat es jeden erwischt. Das geschieht spektakulär wie bei der Prothesen-Panne oder mit kleinen Mitteln wie im Falle Frau Becker. Diese lenkt die Geschicke wie eine Regisseurin und zeigt sich von den Folgen des Alters unberührt. Bis ihr ungeschickter Gatte ihr die Perücke vom Kopf zupft und Frau Becker dasteht wie ein gerupftes Huhn.

Born to be wild again.     Foto: Uluf Arslan
Es ist durch eine lebensnahe Gruppe, die die Bühne im Neuen Globe bespielt. Sie wird zusammengehalten aus einer Mischung von Solidarität und Konkurrenz und jede und jeder hat seine eingespielte Rolle. Man kennt sich und die Macken des anderen eben schon seit mehr als 40 Jahren.

Aber die Dramaturgie hat noch andere Kniffe auf Lager. Nach der Pause ändert sich die Stimmung schlagartig. Aus dem gemütlichen Seniorennachmittag wird eine offene Rebellion.die beginnt mit dem herrlichen Terzett von Friedrich, Weiler und Eickelmann zu "Born to be wild" und mündet in der Erschießung von Schwester Anja. Zwischendurch groovt der liebe Herrgott noch zu "I will survive" und die Asche von Christine Dorner wird als Puder eingesetzt. Das ist Nonsens auf himmlischem Niveau.

Solche Höchstleistungen fordern ihren Tribut und damit setzt das Massensterben ein. Mit verdrehten Shakespeare-Zitaten sinken alle dahin. Es sind eben Schauspieler durch und durch und deswegen war auch das Theater. Das Spiel mit den Erwartungen des Publikums nimmt eine erneute Wende. Der Rest ist Lachen.











Material #1: Freilichtspiele Hall - Das Programm
Material #2: Ewig Jung - Das Stück





Montag, 8. Juli 2019

Fliegen, singen und tanzen

Götz Alsmann mit Italiens Zauber bei den Kreuzgankonzerten

Italien liegt in Südamerika, zumindest musikalisch. Das bewiesen Götz Alsmann und Band beim Musiksommer der Kreuzgangkonzerte. Dabei war das Konzert gar keins sondern eine große Show im traditionellen Stil.

Drei Städte und ihr musikalisches Vermächtnis haben Alsmann und Band in den letzten Jahren abgearbeitet. Nach Paris und New York war nun Rom dran. Sie haben sich des Canzone angenommen, des italienischen Schlagers der 50-er und 60-er Jahre angenommen.

Zu der Vorlagen gab es nicht nur deutsche Texte sondern eben auch  jede Menge Mambo, Rumba und Latin Jazz, die Musik der 50-er Jahre eben. Das hat schon eine gewisse Logik und macht manches erst genießbar.

Farbenfroh: Die Band von Götz Alsmann.
Alle Fotos Kügler
Alle Programme haben Alsmann und Band in den letzten Jahren in Walkenried vorgestellt. Damit wurde das Publikum Zeuge der musikalischen Entwicklung und die ging eindeutig in Richtung entspannt und souverän. Es swingt mehr denn je und es macht mehr Spaß denn je.

Alsmann und seine vier Musiker machen Druck von der ersten Minute an. Mit "Quando Quando Quando" gehen sie gleich in die Vollen und das Publikum summt gleicht mit. Eins wird gleich klar: Alsmann am Flügel und Altfrid Sicking am Vibraphon bestimmen den Abend. Immer wieder wechseln sie sich in den Soli ab. Damit halten sie das Tempo hoch.

Im Mambo Italiano erweitert Sicking dann die Klangfarben mit einem Solo an der Klarinette. Später wird er noch häufiger zur Trompete greifen. Aber dennoch bleibt die Instrumentierung konzentriert und auf Klavier und Vibraphon fokussiert. Hier ufert nichts aus.

Selbst vor Verdi macht das Quintettt nicht halt. Sein "Il Trivatore" hat wohl noch nie so geswingt. Die Klammer ins 19. Jahrhundert? Alsmanns Begeisterung für italienische Musik jeder Art.

Dann kommt der Bruch und Alsmann und Band erweitern das Repertoire. "Non sei felice" ist ein wunderbar schwermütiger Blues. Doch der nächste Umschwung kommt gleich. "Arrivederci Roma" wird zu einem Rhythmusgewitter. Rudi Mahrhold hämmert auf die Riesentrommel während Markus Paßlick die Bongos vorantreibt. Darüber legt Alsmann den gewohnt zurückhaltenden Gesant im andante. Das ergibt einen wunderbaren Kontrast.

Nach der Paus wird das Tempo noch einmal gesteigert. Zum Mambo und zur Rumba kommt jetzt eine Portion Rock'n'Roll hinzu. Das "Mondo cane" fegt über die Bühne. Doch mit "Marina" geht es gleich noch eine Spur schneller.

Alsmann und Sicking wechseln sich drei, viermal in den Soli ab und Paßlick gibt einen Einblick in sein Arsenal an seltsamen Geräuschemacher. Doch an den einmalig kraftvollen Gesang von Rocco Granata trauen sie sich nicht heran. Das ist auch nicht nötig, da der größte Teil des Publikums den Text vor sich hinsummt. Mitsingen darf es dann bei Volare.

Liebe und um Trennungsschmerz sind nun mal die stärksten Gefühle, deshalb bestimmen sie auch diese Programm. Doch das abschließende "Il nostro concerto" fällt aus dem Raster mit so viel Pathos. Alsmann bleibt am Flügel sitzen, während die Band schon mal die Bühne verlässt. Einsam singt er sich den Trennungsschmerz von der Seele

Liebe auf den ersten Griff.
Alle Fotos : Kügler 
Aber so kann keine Alsmann-Konzert enden. deshalb gibt es noch zwei Beispiele, warum der italienische Schlager so viel besser ist als der deutsche.

Aber ein Abend mit Götz Alsmann ist kein Konzert. Es ist eine Show, ganz im traditionellen sinn, nur die Treppe fehlt. Mindestens genauso wichtig wie die Musik ist die Moderation. Ja, manchmal wird sie sogar zum Hauptzweck.

Alsmann redet und kalauert. Er jongliert mit den Begriffen und mit Doppeldeutigkeiten. Bei manchem Scherz dauert es, bis er zündet. Aber wer es dann verstanden hat, hat um umso mehr Spaß.

Alsmann erzählt Geschichten, ganz lebhaft, voller Bilder und mit vollem Einsatz. Beim Publikum schaltet er das Kopfkino. Vor den Hunderten von geistigen Augen wird es hell in den Cafés und Bars, die von jungen, lebenslustigen Römern bevölkert sind. Italien bleibt ein Sehnsuchtsort.

Er bedient sich dabei auch augenzwinkernd einiger Klischees. So erzählt er davon, wie der Pate von Münster Einfluss genommen hat auf die Auswahl der Lieder. Weil Alsmann sich davon nicht ausnimmt, weil er Teil der Geschichten voller Stereotype ist, hat auch niemand Probleme mit den Klischees.

Natürlich spielt er mit dem Publikum. Das reagiert wie gewünscht im Wortschnipsel- und Melodienspiel. Aber manchmal spielt auch das Publikum mit Alsmann. Es ist schon eine vertraute Symbiose, die da in fünfzehn Jahren entstanden ist. Es ist eine Beziehung, die vom gegenseitigen Spaß am anderen lebt.

Im nächsten Jahr werden Götz Alsmann und seine Band eine neues Programm vorlegen. Dann werden sie wieder nach Walkenried kommen.







Material #1: Walkenrieder Kreuzgangkonzerte - Das Programm


Material #2: Götz Alsmann - Die Biografie
Material #3: Alsmann und Band - Die Website

Material #4: Die höchsten Weihen - Das Konzert 2016


Sonntag, 7. Juli 2019

Die Meister aller musikalischen Klassen

Canadian Brass eröffnen den Musiksommer 2019

Sie bezeichnen sich ganz schlicht als die berühmteste Brass Band der WElt. Warum etwas dran sein kann, bewiesen Canadian Brass am Donnerstag auf der Open Ait im Kreuzgang. Sie brachten neue Klangfarben ins Spiel und zeigten, dass Brass nicht nach Blech klingen muss,sondern auch rund und weich sein kann.

Dabei zeigte sich das Quintett als Meister aller Klassen. Jazz, Barock oder Folk, die vier Kanadier und ihr griechischer Posaunist beherrschen fast alle Genres und mischen sie munter. Schließlich geht es darum, zu zeigen, dass Musik grenzenlos Spaß macht.

Das Quintett beginnt als Marching Band und ziehen von links in den Kreuzgarten und auf die Bühne. Der Hot Jazz sorgt für gute Laune. Chuck Daellenbach macht die Begrüßung und kündigt die nächsten Stücke an. Der Mann gehört zu den Gründungsmitgliedern von Canadian Brass und ist seit 1970 dabei.

Alle fünf auf einen Blick.
Alle Fotos: Kügler
Dreimal frühe Barockmusik ist angekündigt und damit zeigen die fünf die Vielfalt dieses Genre. Das „Damigella tutta bella“ von Claudio Monteverdi ist vom schnellen Dialog der beiden Trompeten geprägt. Brandon Ridenour und Caleb Houston zeichnen sich nicht nur durch schnelles Spiel aus. Sie zeigen auch gleichen den besonderen CB-Sound: Blechbläser, die warum und weich klingen und nie ins Schrille abgleiten. Bei der „Galliard Battaglia“ von Samuel Scheidt wiederholen sie diese Leistung.

Völlig anders ist hingegen das „Come sweet love“ von John Dowland. Zurückhaltend und lieblich und mit einem Jeff Nelson, der mit seinem Horn gleichsam die Singstimme in diesem barocken Liebeslied übernimmt

Die nächste Überraschung gibt es zum Abschluss des Barock-Teils mit der Toccata und Fuge in b-Moll von Johann Sebastian Bach. Brandon Ridenour und Caleb Houston spornen sich in den Toccaten wieder an, während die Fuge von der Posaune dominiert wird.

Die wichtigste Erkenntnis ist aber, dass Bach dieses Stück einst für Canadian Brass geschrieben hat. Man hat es leider fälschlicherweise 250 Jahre lang auf der Orgel gespielt.

Das Chorale Prelude von Brahms bringt die Gänsehaut-Momente. In seinen Soli spielt Achilles Liamakopoulos eine Posaune, die liebevoll flüstert und singt. Es ist einer der seltenen Augenblicke, in denen dieser Blechbläser das Publikum mit auf eine Traumreise nimmt.

Die nächste Überraschung bringt die Eigenkomposition „Dove“. Während die Rhythmusgruppe aus Tuba, Posaune und Horn einen Polka-Rhythmus hinlegt, legt Brandon Ridenour lockerer Melodielinien in Cool-Jazz-Manier drüber. Das ganze ergibt dann einen Sound, der in HipHop schielt. Einfach großartig.

Eine Tuba kann man auch kopfüber spielen.
Alle Fotos: Kügler
Während Caleb Houston in Penny Lane eine Trompetensolo spielt, das Lennon und McCartney verzaubert hätte, darf Chuck Daellenbach das Publikum beim „Tuba Tiger Rag“ zum Lachen bringen. Er kann die Tuba auch kopfüber spielen.

Der zweite Teil des Abends bringt jede Menge Medley, Hot Jazz und Ragtime. Das Tribute an Südamerika kommt nicht an dessen größten Komponisten vorbei. Der „Liber Tango“ funktioniert auch mit Blechbläsern. Canadian Brass haben dem Stück aber die Schärfe und Sehnsucht genommen.

Der „Beale Street Blues“ von William Christopher Handy wird durch eine Posaunen-Solo bestimmt, dass das Publikum mit „Wow“ quittiert. Im irischen Traditional „Danny Boy“ macht Jeff Nelson sein Horn wieder zum Gesangspartner.

Mit einem grandiose Finale endet das Konzert. Luther Henderson hat einst erkannt, dass das „Hallelujah“ von Händel und der Gospel „When the Saints go marching in“ wunderbar zusammenpassen. Canadian Brass liefern den Beweis, dass Henderson einst genau richtig lag. Barock und Hot Jazz gehen eine perfekte Symbiose ein, denn der Spaß an Musik lässt sich nicht in Schubladen pressen.

Dann schließt sich der Kreis in der Zugabe Das Quintett spielt die Suite Nr. 3 von J.S. Bach, genau die, die als "Air auf der G-Saite" bezeichnet wird. Das Publikum weiß sofort, dass auch dieses Stück viel zu lange falsch interpretiert wurde. Es müsste heißen "Air auf dem G-Ventil". Aber nun ist alles zurecht gerückt.




Material #1: Walkenrieder Kreuzgangkonzerte - Das Programm

Material #2: Canadian Brass - Die Band
Material #3: Canadian Brass - Die Website








Mittwoch, 3. Juli 2019

Das Schicksal läutet mit viel Musik

Der Glöckner von Notre Dame bei den Domfestspielen

Ist dass noch ein Drama oder schon ein Musical? Auf jeden Fall inszeniert Achim Lenz den "Glöckner von Notre Dame" mit viel Musik. Das Werk nach dem Roman von Victor Hugo wird zu einem Lehrstück über die Angst vor dem Anders sein. Dabei liegen die Überraschungen in den Details und den Nebenrollen.

Trotz der musikalischen Leichtigkeit schafft es Achim Lenz seiner Inszenierung Tiefe zu verleihen. Es um die Macht über Andere, um Mitgefühl, um Erwartungen und um die Schwierigkeit, die Andersartigkeit des Gegenübers zu ertragen.

Wie eine Gänseschar zieht eine Gruppe Touristen vor das Domportal. Fremdenführer Jan Kämmerer rattert die Daten zu Notre Dame runter, er zieht sein Programm durch. Die Gruppe interessiert ihn nicht. Aber immer wieder scheucht er die Gästeschar vor sich her. Er hat sie im Griff, die Masse lässt sich lenken. Damit gelingt Kämmerer ein unterhaltsamer Auftakt. Später wird er als Poet Pierre diese Leistung nicht halten können.

Quasi läutet und Frollo schau zu.
Alle Fotos: Rudolf A. Hillebrecht
 Aber auch Fehmi Göklü kann hier erste Ausrufzeichen setzen und das liegt nicht nur an den Tennissocken in Sandalen. In der Rolle des Clopin wird er zudem eine der bestimmenden Figuren der Aufführung. Seine Stimme ist nicht nur fest, sondern auch wandlungsfähig und immer angepasst. Vom Flüstern bis zum Proklamieren hat alles im Repertoire. Seine gesten sind raumgreifend und die Bühne das passende Parkett für den König der Bettler und Gaukler.

Dann kommt der Zeitsprung ins 15. Jahrhundert. Die Klerikalen ziehen ein und vertreiben die Touristen Marco Luca Castelli geht als Erzdiakon Claude Frollo wie ein Speerspitze voran. Dieses Motive der Waffe, die sich auch gegen das Publikum richtet, taucht später immer wieder auf.

Castelli bleibt nichts anderes übrig, als grimmig zu schauen. Die Narren übernehmend die Regenschaft. Sie rollen eine weiter Bühne herein, auf der eine Schauspieler vor sich her dilettiert. Später werden weitere Element auf die Bühne. alle haben unterschiedliche Funktionen. Aber in der Gesamtheit ergeben sie am Ende die Dachkonstruktion der Kathedrale, die wiederum wie ein Labyrinth wirkt. Es braucht also etwas, bis das Bühnenbild von Sandra Becker seine Wirkung entfalten kann. Aber dann ist es umso schöner.

Zwischen die Narren tritt Esmeralda. Felicitas Heyerick schreitet geradezu über die Bühne und ist das Selbstbewusstsein in Person. Ihr Wortgefecht mit Fehmi Göklü als Clopin wird der erste Höhepunkt der Aufführung.

Achim Lenz hat die Zahl der Akteure auf ein Minimum reduziert, aber einen neuen Protagonisten hat er hinzugefügt: Das Volk als eigenständigen Akteur. Manchmal bildet das Ensemble einen Chor, der in der griechischen Tradition Unheil verkündet. Mal agiert es als Antreiber, wenn das Ensemble als spitzes Dreieck an der Rampe aufgebaut das Publikum bedroht.

Die Kreuzigung der Andersartigen: Esmeralda auf der
Folterbank.  Alle Fotos: Rudolf A. Hillebrecht
So wird deutlich, dass "Wir und die anderen" eins der Themen ist, die sich durch die gesamte Inszenierung ziehen. Das andere Thema ist "Macht und Abhängigkeit". Während Esmeralda immer wieder ihre Selbstbestimmung beton und damit den Argwohn der Mitmenschen provoziert, ist das Verhältnis Quasimodo von Unterwürfigkeit geprägt. Deswegen wirkt der Bruch zwischen Glöckner und Erzdiakon umso tiefer. Die Rache des Krüppels wird zum Vatermord, zu Loslösung vom Scheinheiligen.

Natürlich kommt auch die Szene, auf die alle Vorbelasteten gewartet haben: Das große Geläut. Das hat Lenz in beeindruckender Weise gelöst. Die Vertikalartisten Sabina Roanczak und Jakub Urbanski fliegen im Glockenkostüm vogelgleich über die Fassade der Stiftskirche. Selten hat man so leichtfüßiges Geläut gesehen.

Damit erweitert Lenz das Spiel in die fünfte Dimension. Das hat im letzten Jahr mit dem "Jedermann" schon funktioniert und auch in diesem Jahr wirkt es so gut, dass der Tanz unter den Türmen gleich noch zweimal vollführt wird.

Das Drama mit Musik endet als Tragödie. Zum Schluss sind alle tot. Damit findet das Stück einen logischen Schluss.




Material #1: Die Gandersheimer Domfestspiele 2019 - Der Spielplan
Material #2: Der Glöckner von Notre Dame - Die Inszenierung

Material #3: Der Glöckner von Notre Dame - Der Roman

Montag, 1. Juli 2019

Ein Fest des Großmuts

Gekonnte Unterhaltung: Entführung aus dem Serail bei den Schlossfestspielen

Ein wenig Poesie, jede Menge Herzschmerz und vor allem überbordender Großmut. Mit der "Entführung aus dem Serail" zeigt Saskia Kuhlmann bei den Schlossfestspielen gekonnte Unterhaltung. Die Inszenierung zeigt vor allem zwei starke Sängerinnen und einen überraschenden Bass.

Die Poesie gibt es gleich zum Anfang. Zur Ouvertüre durchmisst ein Kind die riesige Bühne vor dem Schloss, lässt sich am Wassergraben nieder und schaut versonnen. Dann zieht es unter sichtlicher Kraftanstrengung ein Segelschiff zu sich heran. Das ist nicht nur schön anzusehen. So hat Saskia Kuhlmann auch die Vorgeschichte der Entführung in einer betörenden Szene aufgelöst.

Sehnsucht im Blick: SuJin Bae
als Konstanze.

Alle Fotos: Marco Kneise
Das Bühnenbild von Dietrich von Grebmer zeigt sich aufgeräumt und auf das nötigste reduziert. Von Grebmer verzichtet auf Folklore und Ornamente. Damit erzeugt die Ausstattung eine sommerliche Leichtigkeit und das Publikum schaut der dreistündigen Vorstellung wohlgemut entgegen.

"Die Entführung aus dem Serail" war 1782 Mozarts erste Oper in deutscher Sprache. die Elemente der Operette aus der Vorlage von Bretzner griff er dankbar und verwirklichte so seine Vorstellungen einer neuen Form der Oper. Kuhlmann entwickelt diesen Ansatz weiter. Sie verzichtet komplett auf die Rezitative und ersetzt diese mit Sprechtheater.

Das erleichtert nicht nur die Rezeption. Damit verschwinden auch die Grenzen zwischen Oper und
Operette vollends. Das ist das kleine Zugeständnis an eine Aufführung, die sich ansonsten ganz traditionell zeigt.

Aus der Retrospektive erzählt Pascha Selim die Geschichte einer Liebe, die ihm geraubt wurde. Wie ihn jemand betrogen hat, den er als Gast aufgenommen hat und wie er auf ein Recht verzichtet hat, das ihm aus der Binnenperspektive zustand. Damit ist die Rollenverteilung klar: Hier der gütie Selim, dort der feige und hinterlistige Belmonte.

Schon in der Gestik und Mimik der Kontrahenten wird dies deutlich. Jaron Löwenberg stolziert stets mit breiter Brust. Die Bühne ist sein Reich und wenn auftritt haben alle zu schweigen. Kyounghan Seo wirkt dagegen wie ein Schatten. Stets zieht er die Schultern nach innen und ständig inspiziert er den Fußboden. Löwenbergs Stimme ist voll und ohne Zweifel, Seo intoniert an der Grenze des Hörbaren. Da ist es nicht überraschend, dass nur Selim am Schluss Größe beweisen kann und auf die Angebetete verzicht. Die Kontrahenten arbeiten hier auf den vorgezeichnete Ende hin.

Kann man solch eine Interpretation heute noch abliefern? Selims vermeintliches Vorrecht basiert schließlich auf einem Unrecht, dem Sklavenhandel. Sein Wunsch nach Glück wird erst durch das Unglück der anderen ermöglicht. Auch ein Sommertheater muss nicht auf Reflektion verzichten.

Starkes Mädchen: Amelie Petrich als Blonde.
Alle Fotos: Marco Kneise
Immerhin gilt es SuJin Bae in der Rolle der Konstanze mehrfach, deutlich zu machen "Pascha, ich will dich nicht. Mein Herz gehört einem anderen." Warum Selim das nicht versteht, wird wohl bis zum Ende der Spielzeit sein Geheimnis bleiben.

SuJin Bae gehört zu den Höhepunkten dieser Aufführung. Ihr Sopran ist klar und ohne Zittern kommt sie bis schwindelerregende Höhe. Dabei bleibt ihr Vortrag zart und zurückhaltend, vielleicht ein wenig zu zart, um die Koloraturen bis zum Ende herauszuarbeiten.

Da ist Amelie Petrich als Blonde aus anderem Holz. Ihr Sopran ist kraftvoll und überzeugend. Sie beweist Präsenz und in ihrer schnellen Gestik steckt Lebenslust. Dabei hat sich die selben stimmlichen Qualitäten wie Bae. Damit ist folgerichtig, dass sie die entscheidende Aussage treffen darf: "Frauen sind keine Ware." Deswegen wird sie auch nicht in die Kostüme der Vergangenheit gesteckt, sondern darf ein wenig Cindy Lauper spielen.

Michael Tews stiehlt den anderen Herren auf der Bühne fast die Schau. Sein Bass ist von überzeugender Dynamik und die Koloraturen sind von erstaunlicher Klarheit. In der Rolle des Haremswärter Osmin zeigt er das beste Augenrollen seit Carlo Pedersoli. Das hebt noch einmal den sommerlichen Charakter dieser Inszenierung hervor.

Ein wenig Exotik, jede Menge Menschenliebe und ein versöhnlicher Schluss. Mit der "Entführung aus dem Serail" hat Saskia Kuhlmann eine Inszenierung vorgelegt, die die Anforderungen eines Sommerabends voll erfüllt.



Material #1: Schlossfestspiele - Die Website
Material #2: Entführung aus dem Serail - Die Inszenierung

Material #3: Entführung aus dem Serail - Die Oper



Montag, 24. Juni 2019

Göttlich und mitreißend

"Spatz und Engel" eröffnen die Domfestspiele

Ich habe die Piaf gesehen, doch wirklich. Die steht in diesem Sommer in Bad Gandersheim auf der Bühne. Dort lebt, leidet und stirbt sie auch eindrucksvolle Weise. Doch hübsch der Reihe nach.

Man könnte es wohl Musiktheater nennen. "Spatz und Engel" von Daniel Große Boymann und Thomas Kabry behandelt das Verhältnis von Marlene Dietrich und Edith Piaf zueinander. Was dabei Historie und was Fiktion ist, bleibt in der Inszenierung von Sandra Wissmann zweitrangig. Die Möglichkeit ist entscheidend. Es könnte so gewesen sein, es könnte sich so zugetragen haben.

Die Aufführung vor der Stiftskirche entwickelt eine eigene Logik. Aber vor allem fesselt sie durch die gesangliche Leistung von Syliva Heckendorn. Damit erleben die 61. Gandersheimer Domfestspiele eine mitreißende Eröffnung.

Da ist sie noch die Kühle.
Alle Fotos: Kügler
Auf ihre spezifische Art und Weise haben Marlene Dietrich und Edith Piaf das Showgeschäft des 20. Jahrhunderts geprägt. Die Göttlich, wie Marlen Dietrich auch genannt wurde, hat als kühle Blondine ein neues Frauenbild installiert. Der Spatz von Paris hat ein bestehendes Frauenbild ins Absurde übersteigert. Die lebte selbstbestimmt, die andere getrieben. Bei allen Gegensätzlichkeiten gab es auch eine Gemeinsamkeit: Sie pfiffen auf Konventionen.

Das Stück beginnt mit einer Niederlage. Piaf erlebt 1948 in New York ein Debakel. Dann trifft sie auf Marlene Dietrich und diese nimmt sie unter ihre Fittiche. Dietrich wird zu Garantin des musikalischen Welterfolgs.

Die Inszenierung von Sandra Wissmann ist eine Studie über Abhängigkeiten. Die Dietrich versucht immer wieder die Kontrolle über das leben der Piaf zu erlangen. Doch damit muss sie scheitern. Die Französin entzieht sich immer wieder dem Zugriff auf ihr komplettes Leben.

Sind es anfangs kleine Schlupflöcher, kommt es bald zum Eklat. Das Projekt "Kontrolle" muss scheitern, weil sonst die Piaf'sche Tragödie nicht vollendet werden kann. Aber wer braucht hier eigentlich wem? Schwan macht deutlich, dass auch marlene Dietrich nur über ein beschränktes Repertoire an Verhaltensweisen hat. Anders formuliert: Sie kommt aus ihrer Haut nicht raus und deswegen bleibt ihr Werk unvollendet.

Was sich anhört, wie ein Ausflug in die Küchenpsycholgie, kommt aber als witzige, freche und rasante Revue daher. Allein schon, die Idee, das erste Treffen in der Damentoilette stattfinden zu lassen, ist auch heute noch Basis für einiges an pikierten Befremden.

Wenn auch die Moralvorstellungen in Sachen Sex großzügiger geworden sind, so mag doch mancher im Publikum mehrere "Ach ja"-Momente erlebt haben. Aber es ist vor allem die ungeschönte Sprache. Hier wird nichts beschönigt, es wird gesprochen wie die Münder gewachsen sind. Das Wort "Scheiße" fällt mehrmals und es wirkt noch nicht einmal aufgesetzt. Es passt dort, wo es auftaucht.

Im Eiltempo geht es durch 15 Jahre und zahllose Szenen, Umbau folgt auf Umbau und die Nebenrollen wechseln mitunter im Sekundentakt. das ist dem Thema und der zeit durchaus angemessen.

Aber es ist vor allem die Musik und insbesondere die Hauptdarstellerinnen, die diese Aufführung so großartig machen. Ferdinand von Seebach verzichtet auf das Orchestrale. Er sitzt am E-Piano und Vassily Dück spielt das Akkordeon. Manchmal gibt es auch nur E-Piano. Die Reduzierung stellt die Musik und ihre Aussage in den Vordergrund und nicht das Arrangement.

Diese beiden Damen haben für einen großen Abend
gesorgt.   Alle Fotos: Kügler
Miriam Schwan gibt eine Marlene Dietrich, wie sie dem Mythos entspricht: Kühl, bestimmt und selbstbewusst. Geht es um Handlung ist ihre Gestik ist meist gerade aus und fast schon kantig. Die Sprache knapp. Dann schaltet sie um in den Show-Modus und alles fließt. So macht die Eintopf-auf-den-Küchentisch-Szene deutlich, dass auch die Göttliche gelegentlich ganz menschlich war. Da passt der emotionale Vortrag von "Sag mir wo die Blumen sind" bestens dazu.

Doch das Zentrum, um das sich diese Inszenierung dreht, ist Sylvia Heckendorn. Der zur Schau gestellte Akzent mag ein wenig aufgesetzt sein und der Rücken zu sehr vom Gram gebeugt, aber wenn sie sich freut, dann freut sich das Publikum mit ihr. Wenn sie leidet, dann leidet auch das weite Rund mit ihr. So viel Leben steckt in ihrem Spiel.

Aber das große Plus der gelernte Sängerin sind ihre Stimme und ihr Vortrag. Als sie nach gut zwanzig Minuten mit "Padam, Padam" den ersten Piaf-Song intoniert, herrscht im Auditorium  erstauntes Schweigen. Heckendorn ist nicht nur verdammt nahe dran am Original, sie legt auch noch ein Stück selbst Erlebtes mit hinein.

Bei "La vie en rose" summt das Publikum mit und als es bei "Milord" sogar mitklatscht ist die Grenze zum Konzert längst überschritten. Dennoch wird "Je ne regrette rien" nicht zur Schnulze sondern zu einem Bekenntnis. Man nimmt es Sylvia Heckendorn ab, das sie nichts bereut, sofern sie denn die Piaf wäre.







Material #1: Gandersheimer Domfestspiele - Die Website
Material #2: Spatz und Engel - Das Stück

Material #3: Edit Piaf - Die Biografie
Material #4: Marlene Dietrich - Die Biografie


Sonntag, 23. Juni 2019

Trennung ohne Schmerz

David Orlowski Trio verabschiedet sich mit einem fulminanten Konzert

Es ist alles gespielt, es ist alles gesagt. So kann man ruhigen Gewissens auseinandergehen Mit einem fulminanten Konzert verabschiedete sich am Sonnabend das David Orlowsky Trio von seinem Publikum in Walkenried.

Nach zwanzig Jahren trennt sich das Ensemble im Herbst. Die drei Musiker gehen dann eigene Wege. Auf der Liste ihrer Abschiedstournee stehen nur Orte, die den Dreien besonders am Herzen liegen. Dabei war allein die Präsenz in Walkenried schon eine Auszeichnung genug. Das Auftritt war dann das Sahnehäubchen.

Vielleicht lag es auch an der Kabbala. Immerhin war es der siebte Auftritt des Trios bein den Kreuzgangkonzerten und die Sieben ist nach jüdische Mystik eine heilige Zahl.

Der Beginn ist fließend. Florian Dohrmann zupft die Saiten des Bass vorsichtig, Jens.Uwe Popp gibt etwas Gitarre dazu. Dann meldet sich Orlowsky zurückhaltend zu Wort. In den Schöpfungsgeschichten hat der Gott den Wesen das Leben eingehaucht. Einer alten Musikerlegende zufolge tat er dies mit einer Klarinette.

Schon im ersten Song "Noema" wird der ganz besondere Reiz der DOT-Kombination deutlich. Die perkussive Spielart der Gitarre erzeugt ein transparentes Klangbild, in den jeder einzelne Ton seinen Stellenwert hat. Die Klarinette produziert hingegen einen Strom an Tönen, der mal bedächtig fließt, mal quirlig sprudelt.

So viele Töne aus so einem kleinen Instrument.
Alle Fotos: Kügler
Die Aussage, dass dieses Trio Klezmer spielt, ist zu kurz gegriffen. Klezmer, Klassik und Jazz, Es sind unterschiedliche Traditionen, in denen sich die drei Musiker sehen. Damit haben sie in den letzten 20 Jahren ihr eigenes Genre geschaffen, die "world chamber music", das Kammerorchester der Weltmusik. gewissermaßen. Bei allen  Mischereien bleiben die Quellen aber erkennbar.

Dann kommt Leben in das Spiel. Der  "Night Train to Odessa" ist ein wahrer Schnellzug. Orlowski gibt ein Thema vor, das Popp aufgreift und beschleunigt. Dann nimmt die Klarinette den Ball wieder auf. Es entsteht eine Klanggewebe, das an Intensität kaum zu überbieten ist. Wer ist hier Schaffner und wer Heizer? Die Rollen wechseln ständig und beweisen die Gleichwertigkeit der drei Mitglieder des Trios.

Bei den letzten Auftritten zeigte sich das Trio eher zurückhaltend, nun haben alle drei deutlich an Lebendigkeit gewonnen. Vor allem haben sich die Gewichte hinzu den Saiteninstrumenten verschoben. dies sorgte noch einmal für mehr Dichte und für ein Plus an Ausdrucksmöglichkeiten. In "Insomnia" erzeugt Dohrmann mit Bogen einen meditativen Bass als Grundlage für Popps Gitarrensolo.

Im anschließenden "Valsa sem Nome" zelebrieren beide die Leichtigkeit brasilianischer Musik. Sie haben Spaß daran und den teilen sie mit dem Publikum. Eine ganze Welt liegt in diesem Klängen.

Mit dem "Schelm" von Florian Dohrmann und zwei Songs des legendären Naftule Brandwein kehrt das Trio dann zurück zur Rasanz des klassischen Klezmer.

Florian Dohrmann ist Basser.
Alle Fotos: Kügler
Nach der Pause ist  Orlowskys "Indigo" der gewohnt vorsichtige Einstieg in den nächsten Teil des Abends. Er versinkt in der Musik und das Publikum fokussiert sich auf die Klarinette. Die Schnelligkeit erstaunt, aber auch die Vielfalt der Klangbilder. Orlowskys Instrument kann alles: jubilieren, seufzen, klagen und auch feiern

Die Klarinette ist wieder mit einem Schöpfungsakt beschäftigt. Es scheint, als ob Orlowsky eben gerade in diesem Moment die Melodie erfindet. In der "Bucovina" ist diese Melancholie wie weggeblasen. Jetzt zeigt Dohrmann, dass ein Bass mehr ist als ein Rhythmusinstrument. Das Griffbrett rauf und runter und jeden Ton sauber gesetzt. Sein Solo wird mit Szenenapplaus belohnt.

In "Carnyx" treten wieder Gitarre Kontrabass in einen Dialog ein und in "Quinta" verdeutlicht Jens-Uwe Popp noch einmal, das die klassischen Gitarrenmusik sein Basislager ist. Seine filigranen Tongebilde könnten auch für sich allein stehen.

Mit "Jodaeiye" kommt ein Kontrastprogramm. Dohrmann lässt den Bass mit dem Bogen klingen wie Digeridoo, darüber setzt Popp eine Melodie, die der Musik Andalusiens verbunden ist. Hier treffen Welten friedlich aufeinander und beginnen einen Dialog.

Das Finale gehört wieder David Orlowsky. Seine Moderation beweist, dass er die verkopften alten Zeiten hinter sich gelassen hat. Souverän und selbstironisch führt die Zuhörer in "Goldfinger" ein. Er spielt mit dem Publikum und dies folgt seinen Anweisungen. So locker war Orlowsky noch nie. Als er dann noch den längsten Ton, der je auf einer Klarinette gespielt wurde, in den Kreuzgang haucht, steigert sich die Begeisterung zu Euphorie.

Zweimal erklatschen sch die Zuhörer an diesem Abend Zugaben. Als das Publikum bei "Donna Donna" vielstimmig mitsummt, ist klar: Danach kann nichts mehr kommen.






Material #1: Die Walkenrieder Kreuzgangkonzerte - Die Website

Material #2: David Orlowsky Trio - Die Website
Material #3: David Orlowsky Trio - Die Geschichte




Jesus Christ ist ein Superstar

Schlossfestspiele mit Musical eröffnet


Statt vieler Worte mal multimedial hier.Der Trailer zu "Jesus Christ Superstar" bei den Schlossfestspielen Sondershausen.






Material #1: Die Schlossfestspiele - Der Spielplan
Material #2: Jesus Christ Superstar - Das Musical

Donnerstag, 20. Juni 2019

Lazarus bleibt halbtot

Musical am DT Göttingen gefällt nur streckenweise

Die Reanimation ist nur ein Teilerfolg. Das Musical "Lazarus" am Deutschen Theater Göttingen bleibt hinter den eigenen Ansprüchen zurück. Da helfen auch die großartigen Bilder und die Video-Projektionen nur bedingt.

Angekündigt ist das Stück als das Vermächtnis von David Bowie. Das Musical knüpft an den Roman "The Man who fell toEarth" aus der Feder von Walter Tevis. In dessen Verfilmung spielte Bowie 1976 die Hauptrolle des Thomas Jerome Newton.

Der Außerirdische reist durchs  All, um wasser für seinen Heimatplaneten zu besorgen. auf der Erde erlebt er Ruhm und Aufstieg, die große Liebe mit Mary-Lou  und die herbe Enttäuschung. Zum Schluss kann er die Erde nicht mehr verlassen, kann auch nicht leben und nicht sterben und verharrt im Dämmerzustand.

Knapp vierzig Jahre später schrieb Bowie zusammen mit dem Dramatiker Enda Walsh die Geschichte fort. Newton lebt als schwer reicher Exzentriker völlig zurückgezogen in seinem Luxusappartement. Erst tritt Elly in sein Leben als seine neue Assistentin und dann das namenlose Mädchen. Dieses wurde geschickt, um Newton auf seinen Heimatplaneten zurückzuholen.

Lazarus ist aus dem Bett auferstanden.
Alle Fotos: Birgit Hupfeld
Die Inszenierung ist geprägt von einer eigen Optik und die zeichnet sich durch Poesie aus und wird durch das nasse Element bestimmt. Noch bevor sich der Vorhang öffnet hockt Volker Muthmann am linken Bühnenrand und spielt mit dem Wasser. Der Spot von rechts oben wirft faszinierende Reflexionen auf den Vorhang.

Dieser geht hoch und macht deutlich, dass die gesamte Bühne unter Wasser steht. Newton bewegt sich auf die Insel in der Bühnenmitte. Dort empfängt er seinen ehemaligen Kollegen Michael. Muthmann und Gerd Zinck schauen sich minutenlang an und ihre verklemmte Gestik macht die gewachsene Entfremdung der beiden Protagonisten deutlich. Schauspielerisch ist das eine solide Leistung

Dieses Schweigen mag für ein Musical befremdlich erscheinen. Aber die erzwungene Stille ist eben der andere Teil der Poesie in dieser Inszenierung. Dann kommt Andrea Strube als Elly ins Spiel und es ist vorbei mit der Ruhe. Als Elly, die Newton benutzt, um aus ihrer erstarrten Ehe zu fliehen, zeigt Strube in diesem Ensemble der Selbstzweifler eine Darbietung voller Kraft und Entschlossenheit.

Da ist ihr Daniel Mühe als Valentin Ergänzung und Widerpart zugleich. Er fährt eine andere Strategie und Mühes Mimik und Artikulation ist geprägt von Hinterlist und Umwegen, die doch zum Ziel führen.

Wie heißt es so schön: Held nur für
einen Abend.  Foto: Hopfeld
Mit dem ersten Song "Lazarzus" kann Muthmann die Schwachstellen noch übertünchen. Aber je länger der Abend dauert desto deutlich treten die Defizite zutage und die liegen vor allem im musikalischen Bereich. Schauspieler sind eben Schauspieler und Bowies Musik stellt eben doch so seine Anforderungen.

Spätestens bei "Absolute Beginners" wird dies deutlich. Gesanglich ist nicht jeder seiner Aufgabe gewachsen und die in diesem Song so notwendigen Bläser versacken. Die Dynamik ist gleich null. Überhaupt stimmt die Tonmischung nicht. Der Sound ist schwammig und auf dieser Grundlage wirken gerade die weiblichen Stimmen ohne eigenes Zutun gelegentlich überzogen wirken.

Die Legende von Lazarus ist die Geschichte einer Reanimation. Es scheint, als ob Bowie und Walsh das Musical nutzen wollten, um alten Songs neues Leben einzuhauchen. Dabei ist die Reihenfolge in der Göttinger Aufführung nicht immer schlüssig. Glam-Rock der 70-er mischt sich mit Edelpop der 80-er und mit Balladen der 10-er. Auf der Playlist finden sich sämtliche großen Hits von David Bowie, dennoch wirkt es streckenweise wirkt es wie die Compilation "The second Best of David Bowie". Bekanntes Material wurde hier einfach nebeneinander gestellt. Nur die Popularität der Songs scheint das Kriterium gewesen zu sein. Nicht immer wird die Verbindung von Songs zum Spiel klar. Lediglich "Changes" trägt was zur Handlung bei, wenn Elly klar macht, das sich ihr Leben ändern wird.

In einzelnen Szenen werden die Protagonisten vorgestellt, immer unterbrochen von einem Song, alle hübsch der Reihe. Dann gibt es Rückblenden in die Vergangenheit und einzelne Fetzen. Das nimmt Zeit in Anspruch und wirkt wie eine Revue der zerplatzten Träume. Anstatt hier weiter zumachen, werden nach einer Dreiviertelstunde alle die Fäden zu einem Strang zusammen geflochten und eben damit kommt der ärgerliche Bruch. Die Inkonsequenz. Die Inszenierung bekommt so hat den Charme eines Schülermusicals. Da ist noch Potential für eine dramaturgische Straffung.

Es ist eine Geschichte über die verschiedenen Arten der Reanimation und der Projektion. Elly will ihrem Leben wieder Schwung verleihen und reanimiert Mary-Lou, das Mädchen will die Hoffnung in Thomas Newton reanimieren und was Valentine reanimieren will, das wird nie so klar. Auf jeden Fall will jeder Kontrolle über den Außerirdischen.

Alle zusammen: Absolute Beginners.  Foto: Hopfeld
Da passt sich die Inszenierung von Moritz Beichl bestens ein.  Auf weiten Strecken wirkt sie wie eine Roadshow durch die 70-er Jahre im schwülstigen Sound einer Rock-Oper. Alles ist auf retro getrimmt und ist somit halbtot. Aber er schafft es, großartige Bilder im Glam-Rock-Look entstehen zu lassen. Nur leider sind es meist Unikate, die für sich allein stehen.

Immerhin machen die Video-Projektionen von Moritz Hils  deutlich, dass seit der Filmpremiere über 40 Jahre vergangen sind. Sie stecken voller Symbole, die sich erst später erschließen. Aha-effekt mit Verzögerung. Sie sind aber auch eine sinnvolle Ergänzung, wenn das Mienenspiel von Volker Muthmann in Großaufnahme gezeigt wird.

Das Element mit der Faszination ist aber das Bühnenbild von Valentin Baumeister. Es besticht nicht nur mit dem omnipräsenten Wasser. Er fesselt auch mit den sechs Vorhängen aus Riesenlametta. Sie heben und senken und trennen die Ebenen des Bewussten, des Sichtbaren, vom Unterbewussten, vom Latenten. Sind alle unter, das entsteht auf der Bühne des Dickicht aus Metallstreifen, ein Urwald, der je nach Beleuchtung in unterschiedlichen Farben schimmert. Sind alle oben, dann herrscht die weite Leere der blanke Bühne. Dann ist Einsamkeit angesagt.

Lazarus mag das Vermächtnis von David Bowie sein. Aber vieles wirkt hier aufgewärmt. Man muss schon ein großer Fan sein, um daran Gefallen zu finden.






Material #1: Deutsches Theater - Der Spielplan
Material #2: Lazarus - Das Musical

Material #3: Lazarus - Zwei Legenden

Material #4: David Bowie - Die Biografie
Material #5: Enda Walsh - Die Biografie



Montag, 10. Juni 2019

Der Abend des Bassisten


Jazz der Extraklasse mit Till Brönner und Dieter Ilg

Zwei Hochkaräter auf der Bühne der Kreuzgangkonzerte: Am Freitag gastierten Till Brönner und Dieter Ilg im Kloster Walkenried. Sie präsentierten ihr aktuelles Programm und machten deutlich, wie schön zeitgemäßer Jazz sein kann.

Es ist ziemlich genau zwei Jahre, als genau diese Kombination aus Trompete und Kontrabass bei den Kreuzgangkonzerten die DNA des Jazz freigelegt hat. In dieser Zeit haben sich die Akzente deutlich verschoben. Auf dem Album „Nightfall“ aus dem letzten Jahr zeigen die beiden Ausnahmemusiker, was man im Jazz so alles machen kann.

Eine weitere Verschiebung gab es auf der Bühne. Stand der Auftritt 2017 ganz im Zeichen von Till Brönner, war es diese Mal der Abend des Dieter Ilg. Er zeigte, was auf dem Bass so alles möglich ist, ohne die Nerven des Publikums zu strapazieren.

Brönner denkt sich seinen Weg durch die Melodie.
Alle Fotos: Kügler
Brönners Ruhm beruht nicht auf temporeichen Spiel. Da gibt es in der Geschichte des Jazz eine ganze Reihe von Trompetern, die wesentlich schnellere Finger haben. Brönners Ruhm beruht auf diesem einzigartig weichem Spiel, das machen die einleitenden Songs „A Thousand Kisses Deep“, „Nightfall“ und „Nobody Else but me“ deutlich.

 Brönner pustet die Töne nicht heraus, er lockt sie mit einer Geschmeidigkeit, die an den mittleren Miles Davis erinnert. Er spielt nicht nach Blatt, sondern Brönner denkt sich seinen Weg durch die Melodie. Jeder Ton scheint gerade erst erfunden und zwar in einer Logik, die auch dem Publikum im Kreuzgang Walkenried klar ist. Damit wird jeder Song zu einem eigenständigen Werk, selbst wenn er Jazz-Standards spielt wie eben „Nothing else but me“ oder später „Body and Soul“.

Dabei lässt er die Grenze zwischen den Schublade verschwinden. Spätestens bei der Hommage an Charlie Parker stellt sich die Frage, ob das Cool oder ob das Bebop ist. Schon nach der Pause machen Brönner und Ilg mit „Scream & Shout“ von den Black Eyed Peas einen Ausflug in den Hip-Hop. Der kann auch geschmeidig und ganz ohne Macho-Attitüden daherkommen, lautet die Erkenntnis.

Den weichen Flow von Brönner kontrastiert Dieter Ilg mit einem akzentuierten Spiel auf dem Kontrabass. Er ist derjenige, der an diesen Abend die Vitalität in das Programm bringt. Leichtfüßig und schnell macht er aus dem scheinbar schwerfälligen Kontrabass einen musikalischen Schmetterling. Belohnt wird er mit reichlich Szenenapplaus.

In den zahlreichen Soli an diesem Abend wird das Rhythmusinstrument zum Melodieführer und der Bass scheint sogar zu singen. Manchmal intoniert er einen düsteren Blues und manchmal swingt er locker vor sich hin.

Ilg hat ein inniges Verhältnis zu
seinem Instrument.     Foto:Kügler
 
Das Highlight setzt Ilg dann vor der Pause. „Eleanor Rigby“ ist sicherlich der Song der Beatles, der den meisten Jazz-Appeal hat. Aber was das Duo Trompete-Bass daraus machen, geht über die Erwartungen hinaus. Während Brönner über der bekannten Melodie improvisiert, kontert Ilg mit den Akkorden aus „Come together“. Das passt einfach großartig. In dieser Dichte und Intensität hat mach die Beatles wohl noch nie gehört.

Es ist aber auch eine unterhaltsame Lehrstunde. Eleanors Klage über die Einsamkeit setzen Brönner und Ilg die Beatles Hymne der Gemeinsamkeit entgegen. Das thematisiert nur nicht die Entwicklung der Fab Four. Es zeigt vor allem, wie weit der Weg der Fab Two seit dem letzten Auftritt vor zwei Jahren war.

Brönner und Ilg machen sich an diesem Abend auf einen gemeinsamen Weg, nicht händchenhaltend, sonder jeder auf seiner Straßenseite. Aber sie treffen sich immer wieder, mal diesseits der der Mittellinie, mal jenseits. Dabei gehen gelegentlich auch bis an die Grenze zum Free Jazz. Bei „Wetterstein“ überschreiten sie diese dann auch mal. Die Klangcollagen finden sich dann aber wieder zusammen in einer Melodie, die wohl von der musikalischen Tradition des Wettersteingebirges geprägt ist. Ein schöne Referenz.

Eine Grenzverletzung gibt es noch mit „Peng! Peng!“, einer weiteren Eigenkomposition. Aus dem Antwortspiel zwischen Trompete und Kontrabass entwickelt sich ein Ilg-Solo, das sogar die Erotik dieses Instruments offenbart. Das wird gekratzt und geklopft und es ergeben sich Töne, die man so nicht für möglich gehalten hätte.

Mit dem Kirchenlied „Ach bleib mit deiner Gnade“ schicken Brönner und Ilg das Publikum beseelt auf den Heimatweg.


Material #1: Walkenrieder Kreuzgangkonzerte - Das Programm
Material #2: Die DNA des Jazz - Das Konzert 2017

Material #3: Till Brönner - Die Website
Material #4: Dieter Ilg - Die Website