Sonntag, 28. März 2021

Gegen das Sedativum

Deutsches Theater Göttingen eröffnet “Tankstelle” 

Das DT Göttingen hat noch einmal ein starkes Zeichen gesetzt und Theater in Corona-Zeiten neu definiert. Am Freitag eröffnete es die “Tankstelle” und mit diesem analogen Stück verabreichen Antje Thoms und Erich Sidler ein Gegengift gegen das Sedativum “streaming”. Geöffnet ist die Tankstelle täglich von 16.30 bis 18.30 Uhr. Am Karfreitag ist geschlossen. 

Es scheint, als wäre ein Ufo am Wall hinter dem Deutschen Theater gelandet. Die Container, die sonst als Proberäume dienen, sind im Chick der 60-er Jahre verkleidet. Davor stehen Zapfsäulen aus derselben Zeit. Wer dicht genug herangeht, kann nicht nur “Blasenfrei zapfen” lesen, sondern auch riechen, dass die Geräte wirklich mal in Gebrauch waren. 

Dort, wo am Turm sonst die Preise für den Treibstoff stehen, werden heute “Begegnung”, ”Musik”, “Appetit”, “Beweglichkeit” und “Liebe” angepriesen. Menschen in roten Overalls schwirren umher. Das Bodenpersonal macht die Illusion von der Tankstelle perfekt.

Das ist heute im Angebot. 
Alle Fotos: Kügler

Schon die Ansicht ist wichtig. Betrachtet man den Pavillon von links, kann man an den Längsseiten “Super” lesen und “Heute”, wechselt man die Perspektive, dann steht dort “Normal” und “Morgen”. 

Wie schon bei der “Methode” im letzten Jahr ist die Tankstelle eine Gemeinschaftsarbeit von Erich Sidler, Antje Thomas und Florian Barth. Nach den Klanginstallationen und den Streamings der vergangenen Monate habe mal wieder etwas Analoges und etwas mit Publikumskontakt machen wollen, erklärt die Regisseurin. Auch das Ensemble sei begeistert gewesen. 

13 Mitglieder sind in die aktuelle Inszenierung eingebunden. Sie singen, sie rezitieren, sie philosophieren, sie machen Sprachübungen und die Besucher dürfen, sollen sogar mitmachen. Sie bedienen sich aus einem großen Pool an Texten und Liedern, den alle zusammengetragen haben.

Bei den täglichen Aufführungen sind immer fünf Schauspielerinnen und Schauspieler aktiv. Aber  ein ständiger Wechsel in der Besetzung ist vorgesehen. Das Team ist jedes Mal ein anderes und damit ändert sich auch die Zusammenstellung der Themen. 

Jeden Tag gibt es eine neue, einmalige Kombination. Für Antje Thoms ist dies ein Zeichen gegen die digitale Gleichförmigkeit. Kein Tag an der Tankstelle lässt sich beliebig reproduzieren.

Die Namensgebung ist einleuchtend. Das Projekt soll die Menschen zum Auftanken einladen und der Ort für alle zugänglich sein. Das auffällige Design macht den Pavillon bewusst zu einem Ufo am Rand der Innenstadt. Der Ort soll Brück sein in eine andere Welt. Es ist ein Spagat, der gelingt.

Theater wie in der Peep-Show.
Foto: Kügler


Bei der Konzeption konnte man auf gewohnte Mittel zurückgreifen. Schon bei der phänomenalen “Methode” arbeitete antje Thomas mit Stationen. Bei “Alice im Wunderland” der Theaterclubs rückte dann der Pavillon in den Mittelpunkt. Schon hier nutzte man die fünf Fenster zum Wall als Spielorte. 

Doch dieses Mal gibt es keine Zusammenhang zwischen den Stationen. Das macht schon die Optik deutlich. Der Märchenwald steht neben dem Badezimmer, daneben ein Landgasthof und dann kommt eine Sauna. Auch von Stationen ist nicht mehr die Rede. Die Pandemie hat die Sprache verändert und die Fenster sind jetzt Slots. Dahinter verbergen sich die fünf Spielräume, in denen die fünf Solisten agieren und interagieren. Lautsprecher und Mikrofon stellen die Verbindung her zu diesen Mini-Reservaten der Schauspielkunst.

Diese Slot können die Besucherinnen und Besucher buchen. Das Angebot steht am Turm. Fünf Minuten Zeit hat man dann, um sich über Kaiserschmarrn, über Sprechübungen oder über Liebeslieder und alles andere zu unterhalten oder unterhalten zu lassen. Man kann sich selbst zum Teil der Inszenierung machen, man kann es aber auch sein lassen. Aber natürlich ist Interaktion schöner. Das ist ungewohnte Wahlfreiheit in Zeiten intimster Vorschriften. Ist die Zeitabgelaufen, geht es zurück zur Anmeldung, um einen neuen Slot zu buchen. 

Das Ensemble und das Publikum sind durch eine Scheibe getrennt. Doch es ist schon eine intime Situation. Manch Älterer fühlt sich zugleich an Peep-Shows erinnert. Man ist fast schon einander ausgeliefert für eben fünf Minuten. So dicht kommt man sich selbst im Theater nicht.

Alles eine Frage der Perspektive.
Foto: Kügler
Nach Monaten der Entfremdung versteckt hinter dem Euphemismus “social distancing” ist so viel Nähe ungewohnt, fast schon verstörend. Aber je mehr man sich aber auf das Spiel einlässt, um so mehr begeistert es. Nähe macht süchtig. Damit wird klar, was fehlt in Zeiten, in denen man auf die Kernfamilie beschränkt wird. Damit ebenso klar, dass das Allheilmittel Streaming bestenfalls ein Sedativum sein kann.

Endlich wieder Menschen, endlich wieder Dialoge, endlich wieder Kultur. Die Premiere ist geschwängert von Glückshormonen drinnen wie draußen, diesseits und jenseits der Trennscheibe. Mit der Tankstelle hat es das DT Göttingen geschafft, Theater in theaterlosen Zeiten neu zu definieren. Erich Sidler wird damit seinen Anspruch gerecht, Impulse in die Stadt und das Umland  zu geben. Zusammen mit Florian Barth und Antje Thoms hat er ein starkes Statement für das Analoge und das Präsente abgegeben.


Material #1: Die Methode - Theater neu definiert

Mateerial #2: Alice im Wunderland - Theater wirklich digitalisiert 


Die Aufführungen finden bis auf Weiteres täglich von 16.30 bis 18.30 Uhr statt. Die Teilnahme ist kostenlos. Karfreitag ist Ruhetag. 



Dienstag, 23. Februar 2021

Keine gute Krise ungenutzt lassen

 Die Internationalen Händel-Festspiele Göttingen werden auch in diesem Jahr nicht zum gewohnten Termin rund um Pfingsten stattfinden. Das Festival wurde auf den September verlegt. 


Herr Wolff, wie schwer ist Ihnen die Entscheidung zur Verschiebung gefallen?

Nicht so schwer wie die Entscheidung im letzten Jahr. Die Situation war zu erwarten. Wir haben mit dem Aufsichtsrat seit Dezember immer wieder getagt. Und weil die Impfungen nicht so schnell vorangehen wie erhofft, haben wir uns nun zu diesem Schritt entschieden. Dabei spielen die Reisebeschränkungen für unsere Künstlerinnen und Künstler und auch unsere Gäste eine weitere Rolle. Niemand kann absehen, wie diese sich in den nächsten Wochen entwickeln. Zudem fehlen uns von einigen Spielstätten noch die Zusagen. So konnten wir den geplanten Vorverkauf im März nicht starten. Wir hätten bestenfalls regionale Händel-Festspiele feiern können. Aber das ist nicht unser Anspruch. Wir wollen ein internationales Festival sein. 

Was erwartet uns dann im September? 

Hoffentlich Händel-Festspiele mit Festival-Atmosphäre. Dazu gehört ein Beisammen sein, gemeinsames Anstoßen, Künstler zum Anfassen und die Möglichkeit, Gespräche führen zu können. Denn schließlich verkaufen wir zu 30 Prozent Festivalstimmung. Ohne die geht es nicht. Zudem möchten Laurence Cummings und ich einen gebührenden Abschied feiern. Also war “Keine Händel-Festspiele” keine Option. Wie es konkret aussehen wird, das hängt auch davon ab, wie schnell die Impfungen vorankommen


Tobias Wolff wird im September dabei
sein, 
die Stadthalle nicht.  Foto: Archiv

Sie werden also im September noch dabei sein?

Wir beide, Laurence Cummings und ich, werden wiederkommen und dabei sein. Zwar beginnt meine neue Tätigkeit in Leipzig im Sommer. Aber ich habe bereits eine Nebentätigkeitserlaubnis seitens der Stadt Leipzig erhalten.

Es ist ja auch eine besondere Situation für Jochen Schäfsmeier, meinem Nachfolger. Zwar hatten wir für ihn eine lange Einarbeitungszeit eingeplant, aber bisher konnte er noch keine Händel-Festspiele erleben. Und das Programm des Vorgängers zu übernehmen, macht ja auch keinen Spaß.

Wie stark wird die Corona-Krise die Kulturszene verändert?

Ich bin überzeugt, dass die Veränderungen sehr groß sein werden. Kein Veranstalter und keine Künstlerin oder Musiker wird sich noch auf die bisherigen „just in time“- Gepflogenheiten einlassen. Gestern Tokio, heute Göttingen und morgen New York, das wird es nicht mehr geben. Wir haben gelernt, wie empfindlich auch in der Kultur die Lieferketten sind. Diese funktionieren eben nur dann, wenn es keine Störungen gibt.

Auch wir als Veranstalter müssen uns Gedanken über Nachhaltigkeit machen. Wie sagte schon Churchill? Verschwende keine gute Krise. Wir werden uns von einigen Gewohnheiten verabschieden und Dinge hinterfragen, die wir bisher für selbstverständlich gehalten haben. Brauchen wir noch ein gedrucktes Programm? Diese Frage hätte man sich ohne Corona vielleicht erst später gestellt. Viele Antworten scheinen nun klarer. 

Wie wird sich die Krise auf die Musik auswirken?

Es zeichnet sich schon jetzt ab, dass es weniger Künstlerinnen und Künstler geben wird. Vermutlich werden wir das erst zu spüren bekommen, wenn die etablierte Generation in etwa 10 Jahren in den Ruhestand geht. Bis dahin wird das Defizit eventuell ein wenig abgefedert. Allerdings werden auch die Hochschulen überlegen müssen, ob und wie sie weiterhin ausbilden wollen. Zudem wird es für junge Menschen in Zukunft wesentlich schwerer sein, den Berufswunsch „Sängerin“ oder „Musiker“ vor den Eltern zu rechtfertigen.

Die klassischen Gräben zwischen der freien Szene und den öffentlich durchfinanzierten Häusern konnten in den letzten Jahren überbrückt werden. Das hatte den Kulturbetrieb durchaus befriedet. Aber während die Musikerinnen und Musiker in den öffentlichen Häusern von Kurzarbeit profitierten, hat die freie Szene seit fast einem Jahr keine Einkünfte mehr. Das reißt alte Gräben auf und lässt Verteilungskämpfe wieder aufleben. Und zwar nicht erst, wenn mit deutlich weniger Mitteln die kommunalen Haushalte neu aufgestellt werden.

Auch Laurence Cummings möchte einen
festlichen Abschied geben.
Foto: Händel-Festspiele 

Folkert Uhde hat einen völlig neuen Musikbetrieb vorhergesagt. Wie lange wird es dauern, bis sich Normalität einstellt?

 Die Krise wirft sehr lange Schatten. Wie groß die Schäden sein werden, kann ich nicht abschätzen. Es wurde auch viel Geld ausgegeben, um die schlimmsten Folgen abzufedern. Aber irgendwann wird bei Ländern und Kommunen gespart und die Erfahrung zeigt, dass in solchen Situationen immer zuerst bei der Kultur gekürzt wird.

Die Internationalen Händel-Festspiele Göttingen stehen aktuell vergleichsweise stabil da. Sorgen machen mir aber die Kulturinitiativen in der Fläche. Da brechen auch Strukturen weg. Diese Initiativen sind auf Ehrenamtliche angewiesen, die meist etwas älter sind. Ich denke, dass es noch schwerer wird, in den nächsten Jahren Menschen für ein kulturelles Ehrenamt zu motivieren.

Ist die Digitalisierung die Chance für den Konzertbetrieb?

Der digitale Raum ist kein Ersatz für die Atmosphäre eines Live-Konzertes, aber wir müssen den digitalen Raum ernst nehmen. Die ersten und schnellen Lösungen, die wir im vergangenen Jahr dort präsentiert haben, konnten sicherlich nur zum Teil überzeugen. Wir werden die digitalen Formate weiter ausbauen. Es wird aber schwer werden, auf diesem Wege Einnahmen zu generieren. Vor allem denke ich auch, dass dabei die Verbundenheit zum Beispiel über die Region eine große Rolle spielen wird, wenn es darum geht, für Streaming oder ähnliche Angebote ein Publikum zu gewinnen.

Was bleibt für ihren Nachfolger?

Herr Schäfsmeier hat wirklich erschwerte Startbedingungen. Erst konnte er trotz langer Vorlaufzeit keine Festspiele erleben. Nun muss er gewissermaßen parallel zu den Vorbereitungen auf den Herbst schon sein erstes Festival vorbereiten. Denn im Mai 2022 wird es hoffentlich wieder reguläre Händel-Festspiele in Göttingen geben.


Vielen Dank für das Gespräch



Material#1: Die Internationalen Händel-Festspiele - Die Website
Material#2: Die IHFgö bei facebook - Mehr aktuelles


Material#3: Die Festspiel in Halle - Die Website