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Zwischen Schmunzeln und Gruseln

 Literaturfest Niedersachsen zu Gast im Schloss Herzberg

Von der Mikrobeben zur Makroeben und wieder zurück, Von der Familie zum Diktator und zurück ins Zwischenmenschliche. Mit der Lesung "Herrschaftszeiten!" war das Literaturfest Niedersachsen zu Gast im Schloss Herzberg. Die Veranstaltung mit den Schauspielern Franziska Mencz, Ulrich Noethen und dem Trompeter Markus Schwind zeigte alle Facetten zwischen Humor und Grusel.

Das war ein Verdienst der erstklassigen Künstler, aber auch der Dramaturgin Christiane Freudenstein. Ihre Zusammenstellung der Texte zeigte die vielen Aspekte von Herrschaft und ihrer Ausübung und die auf eine Art und Weise, die alles andere war als akademisch.

Um die Symbole der Macht sollte es gehen. Dafür gibt es wohl keinen passenderen Ort als den rittersaal im Schloss Herzberg. Schließlich hängen hier die Welfen, die das Haus Hannover zur Königswürde gebracht haben. Zwischen dieser absolutistischen Herrlichkeit wirkt Franziska Mencz ein wenig verloren als die weite Bühne betritt.

Dann bläst Markus Schwind aus dem Treppenhaus eine ferne Fanfare. die Schauspielerin trägt die ersten Zeilen aus Elias Caneti "Der Dirigent" vor und die Fanfare kommt näher. Beim dritten Streich steht Schwind zwischen den Stühlen. Die Macht ist da. 

Ungewohntes Duo: Franziska Mencz und
Dorothea Sophia von Celle. 
Alle Fotos: Kügler
Die Musik fügt sich ein in das Gesamtkonzept. Schwind spielt aus Beethovens "Fidelio" und dort geht es eben um die Ausübung der Macht und um Freiheit. Die Musik kontrastiert die Texte. Während Mencz und Noethen in den Texten Herrschaft manifestieren und erläutern, dekonstruiert Schwind sie. Seine Versionen von op 72a sind auf wenige wesentliche Töne reduziert. Es ist ein musikalisches Destillat der Herrschaft. Dieser reduzierte Vortrag ist die kongenial Ergänzung zu den hochtrabenden Themen der Texte.

Die Vielfalt der Herrschaft blättern die Texte auf. Reduziert und fast in sich gekehrt trägt Franziska Mencz Canettis Charakterisierung des Dirigenten als gottgleiche Gestalt vor, als Herrscher über das Orchester und das Auditorium. Doch ihr pointierter Vortrag sorgt auch für den Bruch durch die Verschiebung der Akzente. Der Dirigent wird geerdet: Bei aller Selbstherrlichkeit bleibt auch abhängig vom Applaus des Publikums. 

Einen anderen Tyrannen stellt Ulrich Noethen mit "Die Mahlzeit" von Gisela Elsner vor: Der Hausherr. Der Text behandelt das gemeinsame Mittagessen einer Lehrerfamilie. Elsner entwirft in diesem Text ein Zerrbild kleinbürgerlichen Betulichkeit. Der allesverschlingend Vater ist Herrscher über den Tisch und die Speisen, Ehefrau und Kind haben nur ihm zu huldigen. Er gibt den Ablauf vor und seine Gier sorgt dafür, dass die untergebenen Familienmitglieder an Mangel leiden. 

Noethen verzichtet in seinem Vortrag auf die großen Gesten. Der Kontrast zwischen der reduzierten Präsentation erlaubt die Konzentration auf das gesagte Wort und macht dadurch die Monstrosität des Patriachen erst deutlich. Noethen nimmt sein Publikum ernst und setzt auf dessen Vorstellungskraft. Das Kopfkino funktioniert. Vor den geistigen Augen entstehen Dutzende von feisten Männern, die das Besteck halten wie Waffen.

Überhaupt liegt hier eine Stärke der Lesung. Die schlichte Präsentation lässt reichlich Platz für die Gedanken und Bilder der Zuhörerinnen und Zuhörer. Bewusst verzichten die Künstler auf die Herrschaft über die Fantasie ihre Publikums. 

Damit kann man echte Gruselmomente erzeugen. Franziska Mencz gelingt dies mit "Die Henkersmahlzeit" aus "Tyll" von Daniel Kehlmannn. Gerade ihre wohl gesetzten Pausen lassen die Worte nachhallen. Das Publikum hat genug Zeit, sich die grausame Situation und die noch grausamere Zukunft vorzustellen. Gänsehaut und trockener Hals sind die logische Folge

Mencz gelingt sogar Unglaubliches. Mit ruhigen Worten zwischen verständnisvoll, drängend und flehend weckt sie Sympathien für den Scharfrichter Tilman. Denn der Delinquent hat Macht über das Gewissen des Henkers und Tilman weiß, dass er dem zum Tode verurteilten Müller ausgeliefert ist. Mencz weiß, diese abstruse Situation in ihrer gesamten Tiefe auszuloten. 

Mit dem "Student Michie" von Kingsley Amis gelingt ihr später noch einmal die Umkehr der Abhängigkeit. Mit wenigen Fragen stellt der Student die Hierarchie auf den Kopf und Franziska Mencz gibt der Hilflosigkeit des Professor die passende Stimme und Mimik. 

Auch Ulrich Noethen hat kein Interesse
an der Adligen. 
Foto: Kügler

Literarische Texte liefern bessere Analysen der Politik als politische Analytiker. Das ist die Quintessenz aus Noethens Vortrag von "Die Raute". Roger Willemsen hatte hier nicht nur die Automatismen der Neujahrsansprachen von Angela Merkel offen gelegt. Mit Plattitüden und arg konstruierten Beispielen gelingt es der Kanzlerin immer wieder, Jahr für Jahr, das Publikum auf ihre Seite zu ziehen. Am trifft sich auf Allgemeinplätzen und weil man sich gern dort trifft, bekommt sie immer wieder eine neue Chance. Noethens fast monotoner Vortrag stellt man Ende die Frage "Warum hat man sich solch eine inhaltsentleerte Regentschaft 16 Jahre lang gefallen lassen?"

Im letzten Beitrag geht Ulrich Noethen fast schon aus sich heraus. Er setzt nicht nur Pausen und Akzente, sondern lächelt gelegentlich und hebt auch schon mal die Hand. In dem Text "Das Geburtstagsgeschenk" aus "Die zweite Frau" geht es um die Mangelwirtschaft in der DDR der 70-er Jahre. Günter Kunert macht deren Gründe und Zwänge und die Folgen für die Gesellschaft und das Verhältnis der Mitmenschen auf der Mikroebene "Spülmaschine" deutlich. Denn solange der Mensch zum Abwaschen gezwungen ist, bleibt die Erklärung der Menschenrechte ein literarischer Text, so der Tenor. 

Ulrich Noethen liefert dazu die passende Performance. Zwar hinter dem Mikrofon verharrend entblättert er dennoch die Fülle der satirischen Vorlage. Mit Gestik, Mimik und Stimme lässt er auf dem begrenzten Platz einen ganzen Kosmos entstehen. Das ist ganz hohe Kunst.

Ebenso verdeutlicht er die Umkehr der Abhängigkeiten. Die Mangelwirtschaft macht die Verkäuferinnen zu den neuen Herrinnen über die Kunden. 

Ein musikalische Highlight konnte Markus Schwind noch setzen: Die Uraufführung von "Audienz" aus der Feder von Stephan Meier.  Der Vortrag im Stile von Miles Davis stellte die Kühle der Macht in den Vordergrund. 






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