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Posts mit dem Label "Tragödie" werden angezeigt.

Theater an der Schmerzgrenze

GRM.Brainfuck im Deutschen Theater fordert das Publikum Ist es Dokumentationstheater oder dramatische Verdichtung realer Vorgänge? Auf jeden Fall fordert "GRM.Brainfuck" dem Ensemble und dem Publikum im Deutschen Theater Göttingen einiges ab. Die Inszenierung von Niklas Richter ist vor allem eine Kopfsache, die sich unterhalb der Gürtellinie abspielt.   Rotherham ist der größte Skandal in der skandalträchtigen britischen Nachkriegsgeschichte. Warum man das jahrzehntelange absichtliche Versagen der englischen Behörden in Deutschland kaum wahrgenommen hat, darüber kann man nur spekulieren. Auf jeden Fall erschwert dies das Verständnis dieses Stück enorm. Sie kommen immer näher, der Schutzzaun ist gefallen. Alle Fotos: Thomas Aurin  Ohne Zweifel steckt hinter dem Handlungsort Rochdale nichts anderes als Rotherham. Hier wie dort und an einigen anderen Orten in Großbritannien waren die Verbrechen an jungen Menschen, vor allem jungen Frauen, nur deswegen möglich, weil...

Das geht unter die Haus

Antje Thoms inszeniert Woyzeck am DT Göttingen Leicht schräg, endlos traurig und mit einer völlig neuen Perspektive. Der "Woyzeck" am Deutschen Theater Göttingen geht unter die Haut. Dabei ist die Inszenierung von Antje Thoms nicht nur beeindruckend, sondern nötiger denn je. Die Vorlage von Georg Büchner ist ein Stück, dass schon sehr die Frage nach Macht und Abhängigkeit gestellt hat. Mit dieser Aufführung macht Antje Thoms deutlich, dass dieses immer wieder getan werden muss. Das ist in Zeiten, in denen Friede, Freude, Eierkuchen zur Maxime geworden sind und in denen Antagonismen hinter dem Scheinwerferlicht verschwinden, um so wichtiger. Thoms hat sich nicht des Dramas sonder des gleichnamigen Musicals bedient. Dazu hat sie den militärischen Hintergrund entfernt und in die banale Welt des Rockbiz verlegt. Bei aller Kumpelhaftigkeit ist auch dieses von steilen Machtgefügen geprägt. Schon bevor die Show beginnt, hat Woyzeck verloren. Alle Fotos: Thomas Jauks Als ...

Der Verlust der Menschlichkeit

Warten auf Godot am Deutschen Theater in Göttingen Wie nähert man sich einen Stück, dass seit mehr als 60 Jahren zu den Allgemeinplätzen des Theaters gehört. Zu dem alles gesagt und alles interpretiert scheint? Man nähert sich so wie Erich Sidler mit seiner Inszenierung von "Warten auf Godot" am Deutschen Theater in Göttingen. Weil es zudem noch starke Schauspieler gab, fiel der Applaus bei der Premiere am Samstag sehr stark aus. Zwei Landstreicher treffen sich in einer Ödnis. Die Nacht zuvor haben beide im Straßengraben verbracht. Gemeinsam warten sie auf Godot, den sich nicht kennen und von dem sie nicht wissen, was sie von ihm wollen. Während Estragon immer wieder zum Aufbruch in das Nirgendwo auffordert, erinnert Wladimir daran, dass man eben mit jenem Godot verabredet sei und dass dieser zu unbestimmter Zeit kommen werde. Die Wartezeit verbringen die beiden Landstreicher mit Betrachtungen über das Leben im Allgemeinen und ihres im Besonderen. Es wird klar, dass sie...

Das Gift der Sprache

Müllers "Philoktet" als Dreikampf Bedrängend, bedrückend, beeindruckend und vor allem intensiv. Das Deutsche Theater zeigt derzeit "Philoktet" von Heiner Müller als Dreikampf unterschiedlicher Wortakrobaten.Sieger sind das Publikum und derjenige, der das süße Gift der Sprache am besten einsetzen kann. am Ende bleibt die Erkenntnis, dass ein gemeinsamer Feind nicht ausreicht, um Bündnisse zu schmieden. Allein schon der Aufführungsort fällt aus der Rolle. Das Göttinger Fridtjof-Nansen-Haus imitiert das, was man zur Jahrhundertwende für eine mittelalterliche Burg hielt. Das Treppenhaus ist trotz seiner riesigen Ausmaße düster und beklemmt mit einem Höhlenambiente. Das grelle Scheinwerferlicht hat nichts mit der lieblichen Sonne des Mittelmeer zu tun. Vor dem Kamin sind Knochen und Kräuter verstreut. Offensichtlich die Überreste von den Mahlzeiten des Verstoßenen. So ist das Revier markiert. Philoktet bewegt sich zwischen Mensch sein und unter den Tieren leben. ...

Erich Kästner mal als Skandalnudel

Deutsches Theater bringt Kästners Fabian auf die Bühne Kinderbuchautor und Komiker, das sind die Etiketten mit denen Erich Kästner gemeinhin beklebt wird. Aber er konnte auch ganz anders. Das beweist die Inszenierung seines "Fabian" am Deutsch Theater in Göttingen. Doch die Premiere hinterlässt einen gemischten Eindruck. Es sind unruhige Zeiten im Berlin Ende der 20-er Anfang der 30-er Jahre. Die Freiheit der Weimarer Republik trifft auf die Weltwirtschaftskrise. An jeder Ecke lauert die Entlassung. Die aufstrebenden Nationalsozialisten liefern sich Straßenkämpfe mit den Kommunisten. In diesen Zeitenwechsel hinein veröffentlichte Erich Kästner 1931 seinen Roman "Fabian.Die Geschichte eines Moralisten". Zuvor hatte der Verleger ihm einige Zugeständnisse abgerungen, damit das Werk überhaupt erscheinen konnte. Den ursprünglichen Untertitel "Der Gang vor die Hunde" bekam das Werk erst bei der Neuauflage 2013 zurück. Nicht nur inhaltlich auch stilistisc...

Bis zur bitteren Neige

stille hunde arbeiten sich an den Kern des Don Juan heran Sex, Drugs and Rock'n'Roll. Wer hätte gedacht, dass der Barockdichter Tirso de Molina die Vorlage für den Jetset des 21. Jahrhunderts geliefert hat. Man muss seinen Don Juan nur richtig lesen. Mit ihrer Adaption verlegen die stillen hunde die Gesichte über Lug und Trug nicht nur in die Jetzt-Zeit. Sie liefern damit eine mehr als reife Leistung ab. Don Juan Tenorio ist ein Modefotograf, dessen Geschäfte schon seit geraumer Zeit nicht so optimal laufen. Das hindert ihn aber nicht, seinem ausschweifenden Lebensstil fortzusetzen. Die Lücken in der Kasse werden immer wieder mit dem Geld des Herrn Schwiegervater aufgefüllt. Dieser Umstand führt nicht dazu, dass Don Juan sich an das Treueversprechen seiner Frau gegenüber hält. Jede Nacht teilt er das Bett mit einer anderen Frau: Prostituierte, Groupies oder andere Starlets und It-Girls. In Catalinón hat einen treuen Diener. Der ehemalige Türsteher ist nicht die hell...

So macht Sterben Spaß

Ein beeindruckender Jedermann bei den Gandersheimer Domfestspielen Es war ein Wagnis und es ist gelungen. Mit der Premiere des Jedermanns in der Inszenierung von Laura und Lisa Goldfarb eröffneten die Gandersheimer Domfestspiele nun auch offiziell. Das Publikum war zu Recht begeistert. Kein Stück ist so sehr verwoben mit diesem Festival wieder Hofmannsthals Spiel vom sterbenden des reichen Mannes. Der Jedermann eröffnete die erste Spielzeit und der Jedermann stand zum 50. Geburtstag noch einmal auf dem Spielplan. Kurz, aber nicht zu knapp, präzise aber doch allgemeingültig, spektakulär aber nicht erschreckend, bleibende Bilder aber nicht erdrückend. Das Update der Goldfarb-Schwestern überzeugend eigentlich in allen Belangen. Das multifunktionale Bühnenbild und die Ausstattung von Simone Graßmann und vor allem die zurückhaltende Musik von Ferdinand von Seebach . Es passt einfach alles. Aber es ist vor allem die Energieleistung des Hauptdarstellers. Neunzig Minuten zeigt Marco Lu...

Berühmte letzte Worte: Ich liebe dich

Clyde und Bonnie in einer ergreifenden Inszenierung am Städtebundtheater Rabiat, empathisch, schonungslos, berührend, geradezu ergreifend. Die Liste der Adjektive ließe sich noch fortsetzen, aber auf jeden Fall ist Janek Liebetruth mit "Clyde und Bonnie" eine Inszenierung gelungen, die niemanden kalt lässt. Ein junger Mann steht am Bühnenrand und starrt ins Publikum. Irgendwo im Dunkel plätschert elektronische Musik und auf den Hintergrund zeigt eine Videoprojektion szenische Schnipsel eines Paares. Musik und Video laufen in einer Schleife. Der Loop-Effekt bestimmt den Einstieg.  Der Mann hebt den Arm und zieht an seiner Zigarette. Er atmet aus, lässt den Arm sinken und starrt wieder ins Publikum.  Mit dieser einfachen Geste erzeugt Liebetruth Aufmerksamkeit.  Der Mann raucht, der kann doch nicht normal sein. Zwei werden zu einem: Bonnie und Clyde. Alle Fotos: Ray Behringer Es ist großes Schauspiel mit wenigen Mitteln. Jonte Volkmann wirkt wie in Stein gemeiße...

Die Fallhöhe nicht deutlich erhöht

Versuch einer Neuinterpretation: „Emilia Galotti“ am Deutschen Theater Mit diesem Stück hat Lessing einst ein neues Genre gegründet, nämlich das bürgerliche Trauerspiel. In seiner Inszenierung am Deutschen Theater versucht Maik Priebe dem Werk neue Aspekte abzugewinnen. Das gelingt aber nur zum Teil. Am Samstag war Premiere in Göttingen. Eine junge Frau wird das Objekt fürstlicher Begierde. Sie gerät in das Räderwerk adliger Intrigen. Ihr Glück wird zerstört und die schuldlos Entehrte büßt dies mit dem Leben. Zum bösen Schluss bleiben nur eine zerstörte Familie und zerstörte Existenzen. Bis Lessing waren Tragödien den Königen und anderen Adligen als Protagonisten vorbehalten. Die Tradition war der Meinung, dass nur diese Personen eine ausreichende Fallhöhe mitbringen damit sich das ganze Drama überhaupt lohnt. Doch der Mann aus der Oberlausitz bewies, dass auch Bürgerliche so tief fallen das es für ein Theaterstück reicht. Kein Drama ohne Video: Marius Ahrendt schlüpft in d...

Einfach kolossales Theater

Das Théâtre La Licorne überwältigt mit Spartacus Dieses Stück sprengt alle Ketten. Mit "Spartacus" zeigte das Théatre La Licorne ein Werk, dass die Grenzen zwischen den Genres aufhebt. Es ist ein wenig Oper, ein wenig Pantomime und auch Figurentheater. Aber vor allem ist es ein Stück, das optisch und inhaltlich überwältigt und Bilder produziert, die in Erinnerung bleiben. Ausgangspunkt ist eine historisches Ereignis. Im Jahre 73. v. Chr. führt der Gladiator Spartacus einen Aufstand von Sklaven an, der die späte römische Republik an den Rand ihrer Existenz bringt. Schließlich findet diese Revolte auch unter den verarmten Freien seine Anhänger und wendet sich so gegen das System. Doch nach taktischen Fehlern und nach Verrat siegt zum Schluss die römische Übermacht. Erzählt wird diese Geschichte der Hoffnung und des Scheitern in sieben Szenen, die monumental sind und voller Anspielungen und voller Symbolik stecken. die aber doch auch eine eigen Lyrik, Komik  und Poesie zei...

Eine ziemlich genaue Studie

Liebetruth inszeniert eine beklemmende Hexenjagd Dem Status des Geheimtipps ist das Theaternatur-Festival in Benneckenstein längst entwachsen. Jetzt setzt Leiter Janek Liebetruth noch eins drauf. Mit "Hexenjagd" von Arthur Miller legt er als Regisseur eine großartige Inszenierung vor. Ihm gelingt es zum Kern der Massenhysterie vorzudringen. Wenn es so weiter geht, dann wird das Festival auf der Waldbühne bald zum Pflichttermin für zeitgenössisches Theater. Miller veröffentlichte sein Werk über eine Massenhysterie in Neuengland 1692 im Jahre 1953. Damals wütete in den USA der Ausschuss für unamerikanische Untriebe unter dem Senator Joseph McCarthy. Künstler, Intellektuelle und Gewerkschafter standen unter dem Generalverdacht, Propaganda für die kommunistische Partei zu betreiben. Viele angeklagte wanderten ins Gefängnis, selbst Größen wie Charlie Chaplin wurden aus dem Land getrieben. Mit "Hexenjagd" übte Miller deutliche Kritik an der Zeit. Die Parallele...