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Theater an der Schmerzgrenze

GRM.Brainfuck im Deutschen Theater fordert das Publikum

Ist es Dokumentationstheater oder dramatische Verdichtung realer Vorgänge? Auf jeden Fall fordert "GRM.Brainfuck" dem Ensemble und dem Publikum im Deutschen Theater Göttingen einiges ab. Die Inszenierung von Niklas Richter ist vor allem eine Kopfsache, die sich unterhalb der Gürtellinie abspielt.  

Rotherham ist der größte Skandal in der skandalträchtigen britischen Nachkriegsgeschichte. Warum man das jahrzehntelange absichtliche Versagen der englischen Behörden in Deutschland kaum wahrgenommen hat, darüber kann man nur spekulieren. Auf jeden Fall erschwert dies das Verständnis dieses Stück enorm.

Sie kommen immer näher, der Schutzzaun
ist gefallen.
Alle Fotos: Thomas Aurin 

Ohne Zweifel steckt hinter dem Handlungsort Rochdale nichts anderes als Rotherham. Hier wie dort und an einigen anderen Orten in Großbritannien waren die Verbrechen an jungen Menschen, vor allem jungen Frauen, nur deswegen möglich, weil der Staat versagt hat. Im Bemühen um Friede, Freude, Eierkuchen hat man die elementaren Rechte von Jugendlichen aus der Unterschicht missachtet und Aufklärung verhindert.

Daraus speist sich die Wut, die diesem Werk und dieser Inszenierung zugrunde liegt. In deutschen Medien ist dies nicht thematisiert worden und deswegen steht die deutsche Mittelschicht wie der Ochs vor Berg, wenn sie im Theater sitzend diese  Opfer wie in einem Panoptikum der Verlierer betrachten darf. Zumindest zu Anfang sind diese gut abgeschirmt durch einen Bauzaun.  

Bei Rochdale kommt aber noch die Komponente Nachbarschaft hinzu Die Kleinstadt ist ein Randgemeinde von Manchester. Der Neoliberalismus ist nix anderes als ein Wiedergänger des Manchester-Liberalismus und das Amalgams aus Raubtierkapitalismus und Behördenversagen erzeugt eine sehr explosive Mischung. Das ist das Credo von Autorin Sibylle Berg und Regisseur Niklas Ritter versucht, es adäquat auf die Bühne zu bringen.

Grundlage ist ein Roman der Wahlschweizerin, der im Jahr 2019 erschienen ist. Das merkt man der Inszenierung an. Diese ist textlastig. Nicht jeder Satz bringt die Aufführung voran. Vieles dient nur dazu, eine bekannte Situation ein ums andere Mal auszuschmücken. Raum zum Schauspielern bietet die Inszenierung erst im Laufe des Abends. Das Publikum muss 45 Minuten Geduld mitbringen. Erst dann darf agitiert werden und auch nur dann, wenn es um sexuelle Gewalt geht.

Das Bühnenbild von Kerstin Narr und Norman Plathe-Narr und Kostüme von Ines Burisch sind eine Mischung aus Punk, New Wave und Rap. Diese Mischung aus 70-er und 80-er Jahre verdeutlicht Elend in der dritten Generation. Der Abstieg von Rochdale, Rotherham und anderen Orten begann mit der Deindustrialisierung in der Thatcher-Ära. Seitdem gibt es kein Entrinnen.

Links oben thront ein Kinderspielzeug, ein großes Windspiel, wie es einst zu Dutzenden die Heimat von Tinky Winky, Dipsy, Laa-Laa und Po geschmückt hat. Doch Teletubby-Land ist abgebrannt und hier auf der Bühne des DT Göttingen wird Klartext gesprochen. Dies passiert im Staccato des klassischen Rap. 

Die Gesichter der Schauspieler und Schauspielerinnen sind unter Masken verborgen. Niemand kann mit Mimik glänzen an diesem Abend. Sind sie damit zurückgeworfen auf die Mittel der antiken griechischen Tragödien oder wurden die vier Protagonisten durch die Regie ein weiteres Mal entmenschlicht?

Masken oder Personen?
Alle Fotos: Thomas Aurin 

Auch mit Gestik darf niemand glänzen. Die sechs Darsteller bewegen sich meist roboterhaft. Sie haben keine Familiennamen. Weil sie keine Familien mehr haben oder weil sie einen Typus darstellen, auch das darf jeder im Publikum für sich entscheiden.

Jede Person wird an diesem Abend mit dem Vorlesen einer imaginären Karteikarte eingeführt. Die Wirkung ist eindeutig. IM Kopfkino geht die Schublade auf, Fall abgelegt, Schublade zu. Doch die Wut der vier Protagonisten richtet sich nicht gegen das System, sondern gegen die Personen, die ihnen des größten Schmerz zugefügt haben. Der Zorn ist privatisiert.

Anfangs ist alles noch weit weg. Auf erhöhter Bühne stehen sechs Mikros, bereit zum Battle der HipHop-Gemeinde und das Ensemble eingesperrt hinter einem Gitterzaun. Oder ist der Zaun eine Schutzmaßnahme für das Publikum, um ihm die wilden Tiere vom Leib zu halten.

Später senkt sich die Bühne auf das gewohnte Niveau. Noch vor der Pause fällt der Schutzzaun, die Beleuchtung lässt die Grenze zwischen Spielfläche und Parkett verschwinden. Nun ist die Zeit des Panoptikums vorbei. Das Publikum kann sich nicht mehr entziehen. Der Umgang mit den Bewohnern des Wohnblocks "Groner Landstraße 9" während der Corona-Zeit zeigt, dass Rochdale und Göttingen gar nicht so weit auseinander liegen. Das macht die Inszenierung von Niklas Ritter deutlich.

Niemand kann das Theater beruhigt verlassen. Es ist ein Stück an der Schmerzgrenze. Aber häufig braucht es den Schmerz, um sich auf der Suche nach Heilung zu machen.




Mit mindestens 1.400 Opfern war Rotherham der größte und bekannteste Fall von Zwangsprostitution und organisierter Misshandlung in Mittelengland in den 90-er und Nullerjahren, bei denen die Behörden trotz Kenntnissen darüber jahrelang untätig blieben. Auch in Rochdale gab es die Fälle in größerer Zahl. Mehr dazu bei Wikipedia.

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