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Endlich ist Korruption gleichberechtigt

Premiere auf dem schmalen Grat: Gogols Revisor im Deutschen Theater Göttingen Um mal ins Olympia-Sprech zu verfallen: Die Premiere von "Der Revisor" am 14. Februar im DT Göttingen war eine geschlossene Mannschaftsleistung und eine beeindruckende Perfomance. Alle Beteiligten waren auf den Punkt top-fit. Deswegen geht die Gold-Medaille zu recht an die Equipe von Regisseurin Ulrike Arnold. Raffgier ist ein ständiger Begleiter Die Vorlage des russischen Dramatikers Nikolai Gogol ist fast 200 Jahre alt. Doch die Inszenierung am DT Göttingen hat gezeigt, dass ihre Themen und ihre Akteure immer noch sind. Ein Stück zeitlos zu machen, indem man die treibenden Kräfte bloßlegt und aktuell hält, dass ist die hohe Kunst des Theater und das ist in dieser Aufführung durchweg. Dann auch noch mit einer Komödie, da doch Humor sehr zeitgebunden ist. Als falscher Revisor hat Marco Matthes (Mitte) leichtes Spiel mit den Provinzpromis.  Alle Fotos: DT Göttingen    Diese Kunststück ...

Lazarus bleibt halbtot

Musical am DT Göttingen gefällt nur streckenweise Die Reanimation ist nur ein Teilerfolg. Das Musical "Lazarus" am Deutschen Theater Göttingen bleibt hinter den eigenen Ansprüchen zurück. Da helfen auch die großartigen Bilder und die Video-Projektionen nur bedingt. Angekündigt ist das Stück als das Vermächtnis von David Bowie. Das Musical knüpft an den Roman "The Man who fell toEarth" aus der Feder von Walter Tevis. In dessen Verfilmung spielte Bowie 1976 die Hauptrolle des Thomas Jerome Newton. Der Außerirdische reist durchs  All, um wasser für seinen Heimatplaneten zu besorgen. auf der Erde erlebt er Ruhm und Aufstieg, die große Liebe mit Mary-Lou  und die herbe Enttäuschung. Zum Schluss kann er die Erde nicht mehr verlassen, kann auch nicht leben und nicht sterben und verharrt im Dämmerzustand. Knapp vierzig Jahre später schrieb Bowie zusammen mit dem Dramatiker Enda Walsh die Geschichte fort. Newton lebt als schwer reicher Exzentriker völlig zurückgezoge...

Für alle ein Gewinn

Erich Sidler gelingt mit "Homo Empoathicus" Bester hätte der Einstand kaum sein können. Mit "Homo Empathicus" von Rebekka Kricheldorf eröffnete Erich Sidler am Freitag die Spielzeit 2014/15 am Deutschen Theater in Göttingen. Mit dieser Uraufführung zeigte der neue Intendant am Deutschen Theater, dass zeitbezogenes Theater keine düstere Weltschmerz-Litanei sein muss, sondern auch bissig und hintersinnig daherkommen kann. Trotz einiger Längen fügen die Einzelteile zu einer Gesamtaussage zusammen. In ihren neuestem Stück entwirft Rebekka Kricheldorf eine Insel der Glückseligen. Alles Negative, alles Diskriminierende, alles Ausgrenzend, alles Abgrenzende, alles Individuelle und alles Persönlich wurde aus der Sprache getilgt. Selbst natürliche Begriffe wie jung und alt werden ausgemerzt und durch Konstrukte ersetzt. Mit der Kontrolle über die Sprache haben die Bestimmenden auch die Herrschaft über die Köpfe erlangt. Mo(2.v.r.) gehört zu den heimlichen Herrschern in...

Kampf der Kulturen

Mark Zurmühle verabschiedet sich mit "Ay" Ay" Carmencita!" Einst diente die Novelle Carmen als Vorlage für die weltberühmte Oper von Georges Bizet. Für seinen Abschied als Intendant interpretierte Mark Zurmühle das Werk von Prosper Merimée neu als ein Kampf der Kulturen, der Lebensentwürfe, die nicht zueinander passen können. Bei der Premiere seiner szenischen Fantasie am 19. Juni in der Lokhalle konnte die Mischung aus Musik, Schauspiel und Lesung überzeugen. Mit dieser Bühne hat Eleonore Bircher einen großartigen Entwurf umgesetzt. Lange Tischreihe mit weißen Decken umrunden ein großes Geviert, dahinter stehen die kleinen Tribünen und zusammen bilden sie eine Stierkampfarena. Im Vorspiel streute Andreas Jeßing Sand in das Geviert, später werden die Opfer wie tote Stiere vom Schauplatz geschliffen und damit wird die Assoziationskette rund um den spanischen Kampf der Kulturen wieder aufgegriffen und verstärkt. Die offen Konstruktion in der Lokhalle sorgt dafür, ...

Eine Annäherung an Schiller

Laberenz inszeniert die Jungfrau mit Studio-Appeal Der Krieg ist immer eine Tragödie und deswegen muss Schillers "Johanna von Orleans" auch tödlich enden. Die Frage ist nur, wie der Weg auf den Scheiterhaufen führt. Mit seiner Inszenierung  hat Martin Laberenz eine zeitgemäße Annäherung an Schillers Stück über Berufung und Töten auf die Bühne des Deutschen Theaters in Göttingen gebracht, die eine Antwort auf diese Frage liefert und auch eine Neuinterpretation der Jungfrau ermöglicht. Dass diese Aufführung ein Herantasten ist, ein Werkstück werden soll, macht der Einstieg deutlich. Der Vorhang ist offen, die Schauspieler sitzen auf der kargen Bühne, unterhalten sich, stehen auf,gehen, kommen wieder. Sie laufen sich warm für die Auseinandersetzung Ensemble gegen Schiller, ist der erste Eindruck. Hier wird gleich gearbeitet, schweißtreibend und nicht hochtrabend, und Schiller wird vom hohen Sockel des deutschen Nationaltheaters geholt. Da sind immer wieder die Baumstämme. ...

DT: Machtergreifung mit 180 Beats per minute

Klemm bringt Visconti-Adaption auf die Bühne Mit der gefeierten Inszenierung von Dea Lohers " Am Schwarzen See " in der Spielzeit 2012/13 hat Wojtek Klemm die Messlatte für künftige Gastspiele am DT sehr hoch gelegt. Mit der dazugehörigen Erwartungshaltung ging das Göttinger Publikum an den "Fall der Götter". Nach zwei Stunden Machtergreifung mit 180 beats per minute fiel das Votum des Publikums wohlwollend positiv aus. Grundlage des Dramas ist Viscontis Film "Die Verdammten" aus dem Jahre 1969. Er erzählt von den Verquickungen einer deutschen Industriellenfamilie mit dem aufstrebenden Nationalsozialisten. Am Anfang steht die Geburtstagsfeier des Patriachen Joachim von Essenbeck, auf der er die eigene Nachfolge regelt. An Ende stehen Mord und Untergang, dazwischen macht die Meldung vom Brand des Reichstags deutlich, dass die Nationalsozialisten nicht gewillt sind, sich aufhalten zu lassen. Johan Simons und Tom Blokdijk lieferten die Bühnenadaption. ...

Planeten ohne Zentralgestirn

Eine zeitlose Möwe im Deutschen Theater Göttingen Fast 120 Jahre liegt die Uraufführung von Tschechow Stück zurück. Als Situationsbeschreibung des  spätzaristischen Russland konzipiert entlockt Mark Zurmühle bei seiner Neuinszenierung von "Die Möwe" dem Werk auch Aussagen zur Zeit. Desorientierung tötet. Sie frisst Seelen auf und sie tötet auf allen Ebenen. Na, da hat sich ja eine feine Gesellschaft zusammengefunden. Wie in all den Jahren zuvor treffen sich auch in diesem Sommer Freunde und Verwandte auf dem  Landgut von Pjotr Nikolajewitsch Sorin. Zu der illustren Gesellschaft gehören neben dem ehemaligen Gerichtspräsidenten auch seine Schwester Irina Nikolajewna Arkadina und dessen Sohn Konstantin "Kostja" Treplew. Im Schlepptau hat die verwitwete Schauspielerin ihr jüngeren Geliebten, den Schriftsteller Boris Trigorin. Zu den Satelliten dieser Sommergesellschaft gehören noch Mascha Iljewna, Tochter des Gutsverwalter Ilja Schamrajew, Semjon Medwedenko, Lehrer, ...

Wirklich alles unter Kontrolle?

Dokumentationstheater "Wegschließen, und zwar für immer" zeigt ungeschönten Blick Sicherungsverwahrung ist ein heikles Thema. Das Deutsche Theater Göttingen hat sich dieser Herausforderung gestellt. Der Gewinner ist das Publikum. Mit "Wegschliessen und zwar für immer" legen Nico Dietrich und Inken Kautter ein Stück Dokumentationstheater vor, das es versteht, Fakten auf emotionale und intelligente Weise zu vermitteln. In einer Rübe-ab-Atmosphäre der öffentlichen Diskussion setzten sie ein Zeichen und sagen: "Halt, so einfach ist das nicht!" Ob nun Gefängnis oder Sicherungsverwahrung, letztendlich geht es um Kontrolle über das Individuum. Am Einlass verkünden Meinolf Steiner und Thomas Hoffmann die Regeln in einer Haftanstalt. Dann folgen Taschenkontrolle und Leibesvisitation. Der schroffe Beginn macht deutlich: Hier geht es um Realität und eine JVA ist nun mal keinPuppenhaus. Das Publikum spielt mit. Es folgen viele Szenen, die ein Schlaglicht auf alle ...

Ein Heim, das nicht immer funktioniert

Das steptext dance project zeigt den Körper als ein Zuhause Der Körper ist die Urform des Zuhauses. Es kann ein harmonisches Heim sein, das Verhältnis kann aber auch gestört werden. Dies zeigt das Tanztheaterstück  "Homescape" des steptextdance project beim "Neue Heimat"-Festival am Deutschen Theater in Göttingen. Das Werk des Österreicher Helge Letonja erlebte zusammen mit "The House That Never Walked" am 2. November die Premiere als Doppelvorstellung. Das steptext dance project ist eine gemeinsame Arbeit von sengalesischen und europäischen Tänzern, die sich im letzten Jahr zu ersten Mal in der École des Sables und in Bremen trafen. Ihr Thema ist das Zuhause, die Migration, der Austausch der Kulturen und der Dialog in den Formen des zeitgenössischen Tanztheaters. Während sich das Werk von Opiyo Ockach dem externen Aspekten des Heimat widmet, der Interaktion der Beheimateten und der Heimatlosen, sagt Letonja: Es gibt immer eine Heimat und das ist de...

Beim Tanzen lernen

steptext dance project zeigt die Gemeinsamkeiten des Tanzes Ein Zuhause hat viele Bedeutungen und alle kann man so tanzen, dass sie sich dem Publikum erschließen. Dies zeigte das steptext dance project beim "Neue Heimat"-Festival am 2. November im Deutschen Theater Göttingen. Der Doppelabend mit "The House That Never Walked" und "Homescape" erlebt dabei eine Uraufführung. Es bleibt abermehr als die Gewißheit, dass Tanztheater auf diesem Niveau neugierig macht auf mehr. Das steptext dance project ist eine gemeinsame Arbeit von sengalesischen und europäischen Tänzern, die sich im letzten Jahr zu ersten Mal in der École des Sables und in Bremen trafen. Ihr Thema ist das Zuhause, die Migration, der Austausch der Kulturen und der Dialog in den Formen des zeitgenössischen Tanztheaters. Der Anspruch von Choreograf Opiyo Okach ist es, in "The House That Never Walked" zuhause als soziale Architektur zu zeigen. Dies gelingt ihm und der Kompanie, ein Z...

Goethe in mächtigen Bildern

Zurmühle zieht alle Register beim kompletten Faust Für Johann Wolfgang von Goethe war der Faust in wahrsten Sinne sein Lebenswerk. Die Legende vom Doktor Faustus, der an seinen eigenen Ansprüchen scheiterte, begleitete den Dichterfürst  über 60 Jahre lang von  1770 an. Schließlich sollte es das Stück sein, welches das Leben, das Universum und den ganzen Rest erklärt. Aus der Erkenntnistragödie wird die Gretchentragödie und die wird zur Menschheitsparabel, fürwahr ein ambitioniertes Programm. Von ähnlichen Ambitionen muss Mark Zurmühle getragen worden sein. Zum Schluss seiner Intendanz am Deutschen Theater in Göttingen fasste er den kompletten Faust komplett in eine Neuinszenierung.Auch das ist fürwahr ein ambitioniertes Projekt, daswohl allen Beteiligten viel abverlangt. Die Premiere in der Lokhalle beeindruckte mit monumentalen Bildern, die manchmal den Blick auf die Schauspieler verstellen. Selbst am  Ostersonntag gelingt Faust und Wagner der Kontakt mit der einf...