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Endlich ist Korruption gleichberechtigt

Premiere auf dem schmalen Grat: Gogols Revisor im Deutschen Theater Göttingen

Um mal ins Olympia-Sprech zu verfallen: Die Premiere von "Der Revisor" am 14. Februar im DT Göttingen war eine geschlossene Mannschaftsleistung und eine beeindruckende Perfomance. Alle Beteiligten waren auf den Punkt top-fit. Deswegen geht die Gold-Medaille zu recht an die Equipe von Regisseurin Ulrike Arnold.

Raffgier ist ein ständiger Begleiter

Die Vorlage des russischen Dramatikers Nikolai Gogol ist fast 200 Jahre alt. Doch die Inszenierung am DT Göttingen hat gezeigt, dass ihre Themen und ihre Akteure immer noch sind. Ein Stück zeitlos zu machen, indem man die treibenden Kräfte bloßlegt und aktuell hält, dass ist die hohe Kunst des Theater und das ist in dieser Aufführung durchweg. Dann auch noch mit einer Komödie, da doch Humor sehr zeitgebunden ist.

Als falscher Revisor hat Marco Matthes (Mitte) leichtes Spiel
mit den Provinzpromis. 
Alle Fotos: DT Göttingen  
Diese Kunststück ist Ulrike Arnold mit der Inszenierung von "Der Revisor" in Göttingen gelungen und es ist funktioniert so wunderbar, weil alle Teile passend und geräuschlost ineinander greifen. Weil sie dabei auf die Mittel des Absurden Theater zurückgreift, verdeutlicht sie, dass Unterwürfigkeit, Korruption, Raffgier, Eitelkeit und Selbstbedienung den Menschen durch die Jahrhundert begleitet.

Wichtige Neuerung: Korruption ist nicht mehr an das männliche Geschlecht gebunden, sie ist jetzt gleichberechtigt, auch Frauen greifen gern in das Portemonnaie anderer und freuen sich an monetären Gefälligkeiten.

Die Göttingern Inszenierung strotzt nur so an Querverweisen in die Kommunalpolitik. Allein schon die Tatsache, dass eine Bürgermeisterin die treibende Kraft ist und ihr Mann als Berater arbeitet, treibt dem informierten Publikum ein breites Grinsen aufs Gesichts. Doch die Inszenierung funktioniert auch ohne regionalen Spezialkenntnisse. Das Publikum erfreut sich an den Sprechblasen und Plattitüden aktueller Politik und Berichterstattung. 

Es fällt sofort ins Auge: Rebecca Klingenberg trägt in der Rolle der Bürgermeisterin eindeutig eine Ursula-von-der-Leyen-Frisur. Das Publikum darf sich also entscheiden, ob es Göttingen oder Brüssel als Tatort wählt. Die Kostüme aus der Feder von Julia Ströder reihen sich wunderbar ein. Es ist Bekleidung irgendwo zwischen internationalen Business-Dress und muffiger Provinz, zwischen Möchte-Gern und Kann-doch-nicht. 

In russischer Opulenz führt Gogol 26 Personen auf. Ulrike Arnold hat die Besetzungsliste auf die Hälfte eingekürzt und schafft es so, sich auf das Wesen der treibende Kräfte zu konzentrieren. Damit verstärkt sie die Aussage, dass Raffgier, Selbstsucht und Korruption nicht zeit- sondern typengebunden ist.  

Goldlöckchen aus dem Ostviertel Göttingen

Goldlöckchen, die ins Gesicht fallen, immer einen Sommer-Schal locker um den Hals geworfen, den Blick immer in die Hauptstadt gerichtet und trotzdem nur Lesungen in der Nachbarschaft. Besonders Gabriel von Berlepsch als hobbydichternder Beratergatte Anton steht für einen Typ, der rum um das DT Göttingen sein Habitat hat. Es ist durchaus mutig, dass Ulrike Arnold auch das DT-Publikum und seine Eitelkeiten aufs Korn nimmt.

Rebecca Klinkenberg ist das Zentralgestirn dieser Inszenierung. Um die korrupte Bürgermeisterin herum hat sich ein System von Satelliten angeordnet, die fast alle auch einmal im Sonnenlicht stehen wollen. Ihren speziellen Platz am Futtertrog haben sie schon gefunden. Nur der Schulinspektor meidet das gleißende Licht der Selbstüberhöhung.

Marco Matthes (rechts) ist der falsche Revisor, trotzdem hängen
alle an seinen Lippen.
Alle Fotos: DT Göttingen 
Der überambitionierte weiblich Superstar der Provinz stolpert nicht umsonst mehrfach die Treppe herunter, die an das wichtige Bauteile einer Show erinnert.  Doch schon Gogol hat deutlich gemacht: Da kann Gatte Anton fabulieren von der Hauptstadt wie er will, hier in diesem unbenannten Provinznest läuft eindeutig Heimattheater und keine Gala.

Während Klingenberg von Anfang bis Ende im Katstrophenmodus läuft, lässt Marco Matthes seiner Figur des Betrügers Chlestakow im Laufe der Vorführung immer mehr Gelassenheit und Souveränität zukommen. Der falsche Revisor hat das Spiel begriffen, übernimmt die Herrschaft in diesem seltsamen Habitat und nutzt die Gunst der Stunde. Vom Gejagten wird er zum Jäger, nicht schlagartig sondern langsam. Diesen Wandel glaubwürdig zu gestalten ist eine überzeugende Leistung von Matthes.

Das klaustrophobische Ambiente dieser Blase wird immer dann deutlich, wenn die Handlung in den Fahrstuhl verlegt und auf die Bühne projiziert wird. Als Zuschauer bekommt man schon Angst, dass diese Blase eines Tages lautstark platzen wird und den Fahrstuhl mit in die Tief reißen wird. Doch diese Blase implodiert. Für einen lautstarken Knall, den man bis in die Hauptstadt könnte, ist sie nicht wichtig genug.

Revue, Screwball, Farce und Absurdes Theater

Während die Wortgefachte der Akteure wirken, als hätte sich Gogol einen Vorgriff auf das Absurde Theater des 20. Jahrhunderts getraut, agiert die Protagonistin als personifizierte Screwball-Komödie. Immer auf 180, mit der Stimme stets am Limit und nur raumgreifende Gesten. Doch das ist das Meisterhafte an dieser Inszenierung und der Hauptdarstellerin. Sie wandeln auf dem schmalen Grat zwischen gelungener Farce und alberner Comedy und bleiben stets obenauf.

Alle fürchten sich nicht umsonst vor dem Mann in Unterhosen.
Alle Fotos: DT Göttingen 

Es ist eine Highspeed-Aufführung, die nicht einmal im Schweigen zwischen Maria Antonowna  und Iwan Chlestakow an Tempo verliert. Das ist kein Manko, schließlich ist dem Publikum klar, dass die Liebesschwüre des Betrüger eben nur Lippenbekenntnisse sind, um sich der Verantwortung zu entziehen. Auch jeden Fall ist das Publikum nach 90 Minuten rasanten Spiel gesättigt. 

Genau genommen ist es ungerecht, für die Rezension einzelne Protagonisten herauszustellen, denn diese Aufführung besticht durch die geschlossene Mannschaftleistung. alle sind am richtigen Platz und erfüllen ihre Aufgaben überragend. Selbst in der Doppelbesetzung schaffen es die Schauspieler und Schauspieler die Rollen, die Rhetorik, die Gestik ohne Verluste zu wechseln wie beim Staffelrennen des Biathlons. Oder ist es wie Curling? Eine tippt den Stein an und die anderen wischen und brüllen mit Leibeskräften, damit das Spielgerät den Weg ins Kartenhaus findet.

Zum Glück darf sich das Publikum selbst vorstellt, wie dieses zusammenfallen wird beim Besuch des echten Revisors.


Die nächsten Aufführungen finden am 20. Februar, am 6., 10., 13. und 23. März statt. Weiter Vorführungen sind für den April 2026 geplant. 

  

Lesen Sie auch #1: "Der Revisor" auf des Website des DT Göttingen

Lesen Sie auch #2: Die zwei Neuen sind alte Bekannte im DT Göttingen 


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