Direkt zum Hauptbereich

Posts

Posts mit dem Label "Dokumentationstheater" werden angezeigt.

Der Mut der Verzweifelten

Das Leben auf der Praça Roosevelt im DT Göttingen Es mag abgedroschen klingen, aber diese Aufführung geht unter die Haut. Für das Deutsche Theater Göttingen hat Aurelius Śmigiel "Das  Leben auf der Praça Roosevelt" auf die Bühne gebraucht und seine Inszenierung zeigt einen Blick auf die Enttäuschten, die aber nicht in Verzweiflung zurückbleiben. Die Praça Roosevelt ist ein Platz in der brasilianischen Wirtschaftsmetropole Sao Paulo. Eine neogotische Kirche ist umstanden von Platanen und Hochhäusern. Gebaut in den 60-er Jahre als ein Versprechen auf eine bessere Zukunft, ist er nun die Heimat von Dealern, Nutten und Ausgegrenzten. Zwischen die Bordelle reihen sich Büros, Spielhallen und kleine Gewerbebetriebe. Die Autorin Dea Loher hat den Ort während ihres Brasilien-Aufenthalts kennengelernt. Ihre Erfahrungen hat sie 2012 zu einen Stück verarbeitet, Das zeigt sich weder als Tragödie noch als Drama ist, obwohl es von beiden viel hat. Es ist einfach ein hartes Stück Doku...

Lieder mit Krokodilstränen

Ein Besuch in der Bar zum Krokodil musste sein Was aus den ersten Blick wie eine amüsante Revue von Evergreens und Gassenhauer erscheint, entpuppt sich als eingängige Zusammenfassung von rasanten gesellschaftlichen Umbrüchen. Auf jeden Fall können Christian Doll und Heiko Lippmann mit dieser Form eines musikalischen Dokumentationstheaters überzeugen Der erste Weltkrieg ist vorbei und Deutschland gehört zu den Verlierer. Das alte Morsche ist zerbrochen und der Kaiser hat sich nach Holland abgesetzt. Regisseur Ulf Dietrich gelingt es, diesen Zustand mit wenigen Mitteln deutlich. Es sind unruhige und ungewisse Zeiten und hektisch patrouillieren die verbliebenen Ordnungshüter vor dem Bahnhof. Klara ist auf der Suche nach ihrem Mann, der aus dem Felde zurückkehren soll. Die Pickelhauben vertreiben sie ein ums andere Mal. Während Mario Gremlich als Unternehmer Wilhelm darüber klagen darf, dass mit dem Krieg nun auch die guten Geschäfte vorbei sind, schwenkte ein Bolschewist eine rot...

Der Schah kam nur bis Berlin

Das Junge Theater rechnet mit der 68er-Generation ab Die Revolution hat Geburtstag und das verlangt nach einem Theaterstück. Weil sie auch in der Provinz stattfand, betreibt das Junge Theater unter dem Titel "GÖ 68 ff" eine Retrospektive mit Nabelschau. Diese entpuppt sich als Dokumentationstheater mit hohen Ehrlichkeitsfaktor, wenn man genau hinschaut und aufmerksam zuhört. Der Einstieg ist stilgerecht. Vom Katheder aus zitiert  Jan Reinartz  den Übervater Theodor W. Adorno. Es geht um Revolution und Anpassung und darum, wie sehr die Erinnerung doch täuschen kann. Das Konzept von Autor und Regisseur Peter Schanz ist einfach. Das Gerüst bilden Interviews mit Zeitzeugen und die diejenige, die sich dafür halten. Der Blick auf den Stückzettel macht deutlich, dass einige Befragte sich 1968 noch weit ab von Göttingen befanden. Da sprach wohl eher der Promi-Faktor als das Prinzip Betroffenheit für die Befragung. Katheder ist das eine Symbol für die Studentenunruhen 68 ...

Von Menschenfeinden und Hundehassern

"Die Hundegrenze" ist eine Dokumentation mit Theatermitteln Eine Menschenleben zählte an der innerdeutschen Grenze nicht viel und ein Hundeleben schon gar nicht. Dies zu zeigen, das gelingt Christian Georg Fuchs in seiner Inszenierung von "Die Hundegrenze" auf beklemmende Weise. Am Sonntag war Premiere im Theater unterm Dach Ausgangspunkt der Aufführung ist die gleichnamige Reportage von Marie-Luise Scherer. 1994 widmete sie sich im Spiegel auf beeindruckende Weise einem Kapitel der deutschen Trennung, das bis dahin weitestgehend vergessen war. Es ging um die sogenannten Trassenhunde, um jene Vierbeiner, die einst die Grenze bewachten. Angekettet und isoliert waren sie dem Wetter ausgeliefert. In einem unmenschlichen System standen die Tiere auf der untersten Stufe. Die emotionslose und klare Sprache, die die Reportage prägt, verdeutlicht die Unmenschlichkeit, das Fehlen jeglicher Empathie. Fuchs orientiert sich an eben diesem Stil. Er über nimmt ganze Passag...

Theater statt Therapie

Theaterjugendclub in Nordhausen wagt sich an die Psyche heran Das muss man dem Theaterjugendclub schon lassen. Mut haben sie. Mit " .... und drin bist du" wagen sich die Jugendliche an das schwierige Thema "Psychische Erkrankungen". Auch wenn nicht alles perfekt ist, so ist doch ein berührendes Stück mit Happy End entstanden, das manchmal auch Beklemmung auslöst aber niemanden alleine lässt. Zentrale Figur der Eigenproduktion ist Sissy. Wegen eines Borderline-Syndrom wird die junge Frau in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen. Damit ist sie drin im System. Im Wechsel von Schauspiel und Videosequenzen zeichnet Roland Winter hier die den Werdungsprozess des Teenagers nach und stellt vielfach die Frage, was denn normal ist und was gestört ist im Rahmen der Pubertät und der veränderten Selbstwahrnehmung. Was bedarf einer Behandlung und was müsste von der Umwelt akzeptiert werden? In Zeiten der Ritalin-Schwemme sind dies Fragen, die durchaus immer wieder auf die...

Bilder des Unbegreiflichen

Junges Theater bringt die Katastrophe von Tschernobyl auf die Bühne Der 26. April 1986 hat die Welt verändert. Damals explodierte der Atomreaktor im ukrainischen Tschernobyl. Der erste GAU tötet abertausende Menschen. Er beendete die Biographien von weitaus mehr Menschen, indem er ein riesiges Gebiet radioaktiv verseuchte, und er tötet noch heute. Mit "Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft" hat das Junge Theater Göttingen die Katastrophe auf die Bühne gebracht. Bei der Premiere am Freitag gab es donnernden Applaus. Ein karge Bühne, im Hintergrund eine weiße Wand, davor ein Streifen mit Erde. Zwei Darsteller sitzen an der Rampe und blicken in den Zuschauerraum, im Hintergrund schleppen drei Darsteller Hausrat an der weißen Wand vorbei. Aus dem Off erzählen mehrere Stimmen zugleich von ihrem Leben vor der Katastrophe. Das erwartet das Publikum beim Betreten des Saals. Pflanzen als Zeichen der Hoffnung. Alle Fotos: Dorothea Heise/JT Dann beginnt das Stück, die Dars...