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Lieder mit Krokodilstränen


Ein Besuch in der Bar zum Krokodil musste sein

Was aus den ersten Blick wie eine amüsante Revue von Evergreens und Gassenhauer erscheint, entpuppt sich als eingängige Zusammenfassung von rasanten gesellschaftlichen Umbrüchen. Auf jeden Fall können Christian Doll und Heiko Lippmann mit dieser Form eines musikalischen Dokumentationstheaters überzeugen

Der erste Weltkrieg ist vorbei und Deutschland gehört zu den Verlierer. Das alte Morsche ist zerbrochen und der Kaiser hat sich nach Holland abgesetzt. Regisseur Ulf Dietrich gelingt es, diesen Zustand mit wenigen Mitteln deutlich.

Es sind unruhige und ungewisse Zeiten und hektisch patrouillieren die verbliebenen Ordnungshüter vor dem Bahnhof. Klara ist auf der Suche nach ihrem Mann, der aus dem Felde zurückkehren soll. Die Pickelhauben vertreiben sie ein ums andere Mal.

Während Mario Gremlich als Unternehmer Wilhelm darüber klagen darf, dass mit dem Krieg nun auch die guten Geschäfte vorbei sind, schwenkte ein Bolschewist eine rote Fahne und wird von der Polizei gejagt und kehrt doch zurück.

Der Kampf der Platzhirsche hat Slapstick-Qualitäten.
Foto: Freilichtspiele Hall
Es wirkt wie ein Setzkasten der Revolution, den Dietrich hier entwirft. Die Treppe als Bühne in der Vertikalen erweist sich als Glücksfall. Kleine und große Taten können nebeneinander und miteinander und gegeneinander ablaufen, fast wie  im richtigen Leben. Es ist ein wahres Panoptikum, das sich auf einer horizontalen Bühne nicht in dieser überschaubaren Form entfalten. Dietrich weist die Besonderheiten in Hall bestens und gewinnbringend zu nutzen.

Doch, doch, die 8 Akteure haben durchaus Namen, aber die kommen nicht zur Sprache. Sie vertreten eben Idealtypen, ohne dabei schematisch zu agieren. Das muss man schon mal hinbekommen.

Mario Gremlich spielt den Unternehmer, der die alten Eliten vertritt, die weitestgehend unbeschadet durch den Krieg und die Nachkriegszeit kommen. Große Klappe und breite Brust, Gremlich scheint auf zwielichtige Typen spezialisiert. Es gelingt ihm aber auch, dem Wilhelm heitere, fast schon satirische Seiten abzugewinnen.

Rob Pitcher ist als Hans der Gegenentwurf. Dem Tenor gelingt hier vielleicht die beste schauspielerische Leistung. Als Kriegsversehrter muss Hans sich als Barkeeper durchschlagen. Sein Leben wurde umgekrempelt und entwertet. Ob seine Klara den Versuchungen immer widerstehen kann, bleibt unklar. Schon früh tönt der Enttäuschte deutschnational und nationalsozialistisch.

Pitcher gelingt es, diesen Werdegang mit wenigen Worten deutlich zu machen. Die stärkste Leistung ist sicherlich der Boxkampf mit Nico Went als Heinrich. Zwei Platzhirsche treffen hier aufeinander und benehmen sich wie Clowns. Da passt es, dass sich der Kampf in einem Slapstick-Fight wie bei Buster Keaton auflöst. Dietrich setzt hier mit Zeitlupen und Hghspeed auf Elemente des damals aufregenden Mdeium Film. Das Ensemble hat sichtbaren Spaß daran und das Publikum hat den größten Gewinn. Es gibt reichlich Szenenapplaus.

Wie sehr sich der Regisseur und die Autoren in den Geist der Zeit eingearbeitet haben, zeigt eben auch diese Szenen. Schließlich war Boxen als Symbol über den Überlebenskampf der Sport der 20er Jahre. Sogar Bert Brecht hat sich zu mehreren Lobgesängen hinreichen lassen.

Aber auch das Bühnenbild von Dietrich Teßmann trägt seinen Teil zur Rasanz dieser Inszenierung bei. Aus dem Bahnsteig wir mit wenigen Griffen eine Bar, die sich zum Boxring wandelt und dann als Schiff endet. Das passt.

Jasmin Eberl ist der blonde Engel
und Gremlich liegt zu Füssen. 
Überhaupt die Versuchungen. Das Tief des verlorenen Kriegs wird mit exzessiven Leben verarbeitet. "In der Bar zum Krkodil" lässt diese Beschleunigung wieder Fahrt aufnehmen und die Arrangements treiben die Handlung voran. Doll und Lippmann verlassen sich bei der Beschallung fast ausschließlich auf zeitgemäßes Material. Da gibt es viel Friedrich Hollaender und Zeitgenossen. Auch wenn die Inszenierung durchaus politisch ist, tut der Verzicht auf Brecht, Weil und Eissler durchaus gut. Diese Inszenierung traut dem Publikum genug Beobachtungsgabe zu, also kann man Brachialliteratur verzichten.

Der Exzess war auch eine Form der sexuellen Befreiung. Die Inszenierung wirkt manchmal wie ein Gemälde von George Grosz und mancher Zuschauer wirkt ein wenig verstört, wenn sexuelle Vielfalt so offen thematisiert wird. Das erspart Dietrich dem Publikum aber nicht, es geht ja auch um Dokumentationn und Sex in offener und verklemmter Form prägte das Kulturleben der 20er Jahre. Dabei verdient Jasmin als freizügige und laszive mindestens 8 Punkte auf der Blauer-Engel-Skale 

Kann man die Geschichte einer Epoche nur in Lieder erzählen. Ja, das geht zumindest hier. Niederlage, Rausch, Hyperinflation, Goldene Zwanziger, Aufstieg der Nazis und die vermeintliche Machtergreifung. Mit Musik lässt diese Inszenierung diese Zeit ohne falsche Romantik vorüberziehen, als es dann 1933 bombastisch übertönt.

Dan machen die Autoren noch etwas deutlich, was nur wenigen bewusst ist. Mit der äußeren und inneren Emigration zog die Sehnsucht in deutsche Liederbücher ein. Die Situationsbeschreibung wurde durch Fernweh-Gesänge ersetzt. Lobenswert wie diese Darstellung ist, gerät der Sehnsuchtsteil zu lang und vermittelt einen schmusigen Schluss zu einer Gesichte, die gar nicht gut ausgegangen ist.






Material #1: Die Freilichtspiele Schwäbisch Hall - Offizielle Website
Material #2: Die Bar zum Krokodil - Das Stück



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