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Theater statt Therapie

Theaterjugendclub in Nordhausen wagt sich an die Psyche heran

Das muss man dem Theaterjugendclub schon lassen. Mut haben sie. Mit " .... und drin bist du" wagen sich die Jugendliche an das schwierige Thema "Psychische Erkrankungen". Auch wenn nicht alles perfekt ist, so ist doch ein berührendes Stück mit Happy End entstanden, das manchmal auch Beklemmung auslöst aber niemanden alleine lässt.

Zentrale Figur der Eigenproduktion ist Sissy. Wegen eines Borderline-Syndrom wird die junge Frau in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen. Damit ist sie drin im System. Im Wechsel von Schauspiel und Videosequenzen zeichnet Roland Winter hier die den Werdungsprozess des Teenagers nach und stellt vielfach die Frage, was denn normal ist und was gestört ist im Rahmen der Pubertät und der veränderten Selbstwahrnehmung. Was bedarf einer Behandlung und was müsste von der Umwelt akzeptiert werden?

In Zeiten der Ritalin-Schwemme sind dies Fragen, die durchaus immer wieder auf die Tagesordnung gehören. Somit gehört "... und drin bist du" auch in die Kategorie Dokumentationstheater der unbequemen Sorte. Wie krank ist eine Gesellschaft, die ihren Nachwuchs erst erkranken lässt, um ihn dann in vermeintlich professionelle Hände abzuschieben.

Das Bühnenbild wirkt auf den Blick wie das Wohnzimmer einer Mittelschichtsfamilie: Bücherregale, eine Leseecke, ein Klavier und als Zentrum ein langer Tisch. In der heilen Welt des alltäglichen TV-Programms trifft man sich an solch einem Ort, um Problem zu besprechen. Die Illusion platzt, als die Lernschwester das Zimmer stürmt und "Kontrolle" brüllt.

Sissy (Alina Rußß, 2 . v.l) wirkt wie die Kindliche
Kaiserin.

Alle Foto: Anja Daniela Wagner
Das ist eine Stärke dieser Produktion. " ... und drin bist du" setzt sich auch mit den Bedingungen auseinander, unter den psychisch Kranke behandelt werden. Der reglementierte Ablauf der Heilungsindustrie nimmt keine Rücksicht auf die Patienten. Ein Hauch von "Goldener Reiter " weckt durch die Inszenierung. Ärzte tauchen nicht im Bild auf, die Arbeit bleibt dem Pflegepersonal überlassen. Durch die räumliche Begrenzung der Studiobühne im Theater unterm Dach wird diese intensive und bedrückende Situation noch einmal verstärkt. Angesichts der Ausgangslage der Eigenproduktion des Theaterjugendclubs kann man dies durchaus schon als eine imponierende Leistung bezeichnen. Es stehen ja nur Amateure auf der Bühne.

In diese Mühle gerät nun Sissy, eingewiesen wegen Borderline. Die Mischung als Resignation, Abtasten und offener Aggression weckt Erinnerungen an "Einer flog über das Kuckucksnest". Düstere Vorahnungen zeichnen sich ab.Ob das gut geht.

Doch damit sind die Gemeinsamkeiten schon am Ende. Die junge Frau hat keine Gemeinsamkeiten mit Randle McMurphy aus dem Roman von Ken Kesey. Während der Kleinkriminelle den Weg über die Psychiatrie wählt, um dem Strafvollzug zu entkommen, erweckt Sissy eher den Eindruck, als wäre ais abegeschoben worden, weil niemand in der Lage ist, sich mit ihr auseinander zu setzen.

"Sissy wie die Kaiserin" ist eine ständig wiederkehrende Formulierung. Doch mit der Märchenprinzessin hat sie nicht gemeinsam. Sie ist eher die Kindliche Kaiserin aus der Unendlichen Geschichte von Michael Ende, aber eher die Kindliche Kaiserin nach dem Zusammenbruchs ihres Märchenreichs.

Elsbeth ist der Störfaktor.
Foto: Wagner
Für diese starke Leistung muss man Alina Ruß in der Hauptrolle gratulieren. Es ist rin reife Leistung, wie sie die Nöte der jungen Frau auf die Bühne bringt, ohne aber im Larmoyanz und Selbstmitleid zu versinken. Sie schafft es, die unterschiedlichen Stadien des Werdungsprozess zu vermitteln. Ihre Emanzipation aus den Zwängen der Heilungsindustrie und von den Mitinsassen ist durchweg glaubhaft.

Das liegt auch daran, dass sie mit Lea Tabatt in der Rolle der Elsbeth einen starken Widerpart hat. Die Namensgebung mit diesen beiden Formen von Elisabeth soll deutlich machen, dass es sich hier um alter egos handelt.  Der verletzlichen Sissy steht die aggressive Elsbeth gegenüber, um zwei Pole der Verhaltensweisen zu schaffen, an denen sich die Mitinsassen ausrichten.

Es überrascht aber wenig, dass sich zum guten Schluss die Sanfte gegen die Soziopathin durchsetzt. Sie darf die Klinik verlassen, während Elsbeth sich weiterhin im ihrem Unglück gefällt. Klinik und Krankheit sind auch eine besondere Form der Bühne.

Durchweg gelungen wäre dieses Werk, wenn sich Roland Winter und die Jugendlichen auf eben diesem Konflikt beschränkt hätten. Aber an einigen Stellen wirk " ... und drin bist du" wie ein Psychrembel, der es auf die Bühne geschafft hat. Dem Publikum werden viele Formen der kranken Psyche aufgetischt. Es ist fast schon ein Büffet der seelischen Erkrankungen. Weniger wäre mehr gewesen.

Siegmund Freud wusste, dass man von Lesen eines Fachbuchs genauso wenig gesund wird wie man vom Lesen einer Speisekarte satt wird. Ähnliches gilt wohl für Jugendtheater. Es kann keine Therapie ersetzen. Aber wie heißt es im Stück so schön? Verrückt zu sein hat heutzutage schon einen gewissen Hip-Faktor.

Aber dennoch bleibt es eine starke Leistung, die die Grenze des Jugendtheaters mit Amateuren auslotet. " ... und drin bis du" ist ein mutige Produktion und sehenswert allemal. Auch für Eltern.






Theater Nordhausen #1: Das Stück
Theater Nordhausen #2: Der Theaterjugendclub
Theater Nordhausen #3: Der Spielplan





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