Direkt zum Hauptbereich

Eine Annäherung an Schiller

Laberenz inszeniert die Jungfrau mit Studio-Appeal

Der Krieg ist immer eine Tragödie und deswegen muss Schillers "Johanna von Orleans" auch tödlich enden. Die Frage ist nur, wie der Weg auf den Scheiterhaufen führt. Mit seiner Inszenierung  hat Martin Laberenz eine zeitgemäße Annäherung an Schillers Stück über Berufung und Töten auf die Bühne des Deutschen Theaters in Göttingen gebracht, die eine Antwort auf diese Frage liefert und auch eine Neuinterpretation der Jungfrau ermöglicht.
Dass diese Aufführung ein Herantasten ist, ein Werkstück werden soll, macht der Einstieg deutlich. Der Vorhang ist offen, die Schauspieler sitzen auf der kargen Bühne, unterhalten sich, stehen auf,gehen, kommen wieder. Sie laufen sich warm für die Auseinandersetzung Ensemble gegen Schiller, ist der erste Eindruck. Hier wird gleich gearbeitet, schweißtreibend und nicht hochtrabend, und Schiller wird vom hohen Sockel des deutschen Nationaltheaters geholt.
Da sind immer wieder die Baumstämme.
Alle Fotos: DT/Nils Bröer
Ein paar Stühle,eine Madonnenstatue und immer wieder Holz. Auf jeden Fall weckt das reduzierte Bühnenbild von Volker Hintermeier Assoziationen an die Textarbeit des Studiotheaters. Die Reduktion erlaubt die Konzentration auf den Text, verleiht den Worten ein Übergewicht. Aber der Text ist nicht mehr derjenige von 1801. Er hat ein behutsames Facelifting erlebt. In dieser Inszenierung steht das Original gleichberechtigt neben aktuelle Formulierungen.
Ihren Höhepunkt erreicht der Zeitbezug beim  Duett von Meinolf Steiner als Graf Dunois und Andreas Jeßing als französischer Offizier La Hire. Da wird gewitztelt, gefrötzelt improvisiert und auch schon ausgeplaudert, wer zum Ende der Spielzeit das Ensemble verlassen wird. Das Publikum und die Souffleuse werden in das muntere Spiel in Talkshow-Manier einbezogen. Wie gesagt, Schiller wird vom hohen Sockel des deutschen Nationaltheater heruntergehoben, nicht heruntergestoßen.
Das Spiel mit dem Publikum ist Programm. Bereits in der ersten Szene sucht Florian Eppinger als Vater Thibaut D'Arc den Kontakt zu Zuschauer, als er seiner Tochter Johanna die Herren im Parkett als mögliche Gatten anpreist. Doch der Übergang von der Tragik in die Komik und zurück gelingt nicht immer so gut, wie an diesen Stellen, wirkt manchmal doch sehr gewollt.
Die Tochter steht derweil unter einem Baumstamm, dem Druidenbaum, und schweigt. In dieser an Requisiten armen Aufführung sind der Baum und Ast die zentralen Element. Er ist Lebensspender und Beschützer, sie sind Material für die Schanzen und den Scheiterhaufen. Immer liegt irgendwo Holz herum, liegt im Weg, ist Stolperfalle.
Vanessa Czapla (rechts) hat nur wenige
Momente des Zweifels. 
Zentrale Figur ist eben die Johanna und Vanessa Czapla wird den Erwartungen gerecht. Sie ist die Gottdurchleuchtete, sicher und bestimmt und im Auftrage des Herren unterwegs. Die Gestik ist fest und bestimmt, Die Stimme , lässt nur an den wenigen Stellen Unsicherheit erkennen, an denen Johanna zweifelt. Aber sie wird auch zum kalten Todesengel, als sie, die vermeintlich schwache Frau, den wallischen Feldherren Montgomery mit bloßen Händen erwirkt. Diese Lesart der Jean D'Arc ist eine der Neuerungen in der Inszenierung von Martin Laberenz. Auch das Vorspiel zu diesem Mord aus Berufung gehört zu den Höhepunkten des Abends. Durch einen schwarzen Gaze-Vorhang getrennt , in Gut und Böse geteilt, vermag es Vanessa Czapla in de Titelrolle, dem Schlachtenlenker auf der Flucht ihren Willen aufzuzwingen. Als er die Grenze überschreitet, ist er schon dem Tode geweiht. Als sie später die Rüstung der Berufung und der Jungfräulichkeit ablegt und sich in den englischen Anführer Lionel verliebt, ist auch sie dem Tode geweiht.
Die Dynamik bezieht diese Aufführung aus dem Kontrast zwischen Ruhe und Rasanz. Alle sieben Schauspieler singen und summen zu Auftakt einen Kanon, der vom Innehalten erzählt, erst dann mit das Drama seinen Lauf.Gerenne und Gestolper halten vor einen kurzen Moment inne als der Hof des französischen Königs nach dem Sieg bei Orleans zusammensitzt und wieder diesen Kanon singt und summt. Dann nimmt die Tragödie noch mehr Fahrt auf. Diese Brüche verdichten das tragische Element. Es kann kein lustiges, kein ruhiges Leben im Krieg geben, das ist die neue Botschaft an diesem Abend.

Der Spielplan
Das Stück in der Selbstdarstellung




Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Dieter Nuhr offenbart sich als Menschenfreund in Vollzeit

In Goslar zeigt er Werke, die Distanz schaffen Seit dem Auftritt von Christo hat keine Werkschau in Goslar solch ein Aufsehen erregt. Dieter Nuhr stellt dort aus unter dem Titel „Du denkst an durchfahrene Länder“. Es geht um Menschen und Landschaft, denen der Mann vom Niederrhein auf seinen Reisen um die Welt begegnet ist.  Zur Vernissage am 21. Juli war der Garten im Mönchehaus Museum bis auf den wirklich allerletzten Platz belegt. Direktorin Bettina Ruhrberg und Dieter Nuhr machten im Einführungsgespräch deutlich, dass man den Kabarettisten und Künstler voneinander trennen sollte, auch wenn es nicht immer gelingt. Schließlich geht es um zwei Seiten derselben Person.  Dieter Nuhr begann sein Studium als Kunstlehrer 1981 an der Folkwangschule in Essen. Er wollte Künstler werden, sein Vater bestand auf den Lehrer. ein typischer Kompromiss für die alte Bundesrepublik der 70-er und 80-er Jahre. Dass er dann Kabarettist geworden ist, bezeichnete er als Unfall und dann als Glücksfa...

Die Göttin kam aus Bremen - V

  Mit Isabella durch die Toskana des Nordens Gang 4 Als alte Rallye-Hasen kennen wir das morgendliche Ritual. Proviant im Auto verstauen, Startnummer anbringen, Brötchen aus der Schubkarre schöpfen, frühstücken und auf das Briefing warten. In diesem Jahr war die Ungeduld besonders groß.  Wir wollen fahren, fahren, schweben. Deswegen erschien uns das Briefing in diesem Jahr besonders lang, zumal anders als im Vorjahr keine Änderung an der Strecke gab. Das Road Book vom Vortag hatte immer noch Bestand. Immerhin ist das Frühstück eine gute Gelegenheit, mit den Sitznachbarn ein Schwätzchen zu halten.  "Wo kommt ihr her - Seid ihr das erste Mal bei der PS.Speicher-Rallye dabei - Einfach eine tolle Veranstaltung - Ja die beste dieser Art - Das Frühstück ist rustikal, aber in Ordnung - Ja, das gehört einfach dazu - Wie lange will der eigentlich noch reden - Wir wollen auch los - Was fahrt ihr - Wir fahren eine Isabella Borgward".  Winken, cool gucken und bloß nicht die An...

Der Bremer Göttervater aus Hamburg

  Mit dem Borgward seine Isabella durch die Toskana des Nordens Rückwärtsgang  Die Geschichte der Isabella lässt sich nicht ohne die Geschichte der Borgward-Gruppe erzählen. Die taugt nämlich zur Legendenbildung und deswegen gab es vor einigen Jahren mal den Versuch eines Erben, zumindest den Namen zu reaktivieren. Auch das ging nicht gut aus. Doch neben dem Glanz der jungen Bundesrepublik steht Borgward auch für einen beispielhaften Crash, als das Wirtschaftswunder zu lahmen begann. Nicht umsonst gab es im letzten Jahr zu dem Thema einen Vortrag unter dem Titel „Mit Vollgas in den Konkurs“. Wer die einschlägigen Foren und FB-Gruppen durchblättert, stößt immer wieder auf Verschwörungstheorien. Borgward sei das Opfer der missgünstigen Konkurrenz geworden. Meist wird Marke mit dem Stern in diesem Zusammenhang genannt. Was nach heutigen Maßstäben überrascht, ist die Geschwindigkeit, mit der die Borgward-Gruppe in den Abwärtsstrudel geriet und unterging. Gerade mal anderth...