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Entdeckungstour mit dem Expressionismus-Bus

Nicht immer von Etikett auf den Inhalt schließen, man sollte weiterdenken. Zumindest, wenn es um Kunst. In der Ausstellung „Expressive Überraschungen“ im Kunsthaus Meyenburg geht es nicht nur um die Maler und Malerinnen des Expressionismus und ihre Werke, betont Kuratorin Susanne Hinsching. Es gehe auch um den Ausdruck von Gefühlen und subjektive Ansichten, so die Meyenburg-Chefin weiter. 

Die erste Überraschung ist die Vielfalt. Expressionismus und gefühlsbetontes Malen ist keine deutsche Errungenschaft. Hinsching nennt van Gogh und Munk als die Väter dieser Stilrichtung. Lange bevor sich in Dresden die Brücken-Künstler zusammengetan haben, hatten der Niederländer und der Norweger alle Ingredienzien gefunden, die später den Expressionismus ergaben. Wann genau die Geschichte der gefühlsbetonten, der expressiven Kunst begann, lässt nicht mehr feststellen.

Mammutschau im Kunsthaus

Die aktuelle Ausstellung im Kunsthaus ist eine Mammutschau. Zu sehen gibt es 150 Werke von 90 Künstlern und Künstlerinnen aus West-, Mittel- und Nordeuropa. Die nächste Überraschung: Es ist mehr Frauen darunter als man im Männer-fixierten Deutschland vermuten mag.

So expressiv versinkt die Sonne im
belgischen Meer.
Alle Fotos: Kügler 
Die Belgierin Marie-Francoise Célin Howet überrascht mit ihrem „Coucher de Solei sur la Mer“. Man muss ihren Sonnenuntergang über dem Meer schon aus dem Nähe betrachten, um die expressive Technik zu entdecken. Aus der Ferne wirkt das Gemälde mit den strahlenden Farben eher fotorealistisch. Aber es mach klar, dass nur in Deutschland Expressionismus und Weltenschmerz unlösbar verbunden sind. Im Gegensatz dazu kann die Expressionistin Lebensfreude und Zuversicht an der belgischen Küste finden.

Ähnlich ist die Überraschung beim Blick auf „Byudsigt over København“ von Einar Johansen. Aus der Fern betrachtet scheint der Blick auf Kopenhagen die Stilelemente des Impressionismus zu zelebrieren. Doch der Däne hat dick aufgetragen, sehr dick.

Neun Themen in neun Räumen

Die pastöse Farbe verlässt die Ebene und eröffnet eine dritte Dimension in diesem Gemälde. Das Spiel mit dem Licht wirft Schatten auf die Leinwand und der Wechsel des Blickwinkels zaubert kurzfristige Erscheinung auf das Trägermaterial. Damit war der Künstler aus Dänemark 19349 schon dort, wo andere erst in den 50-er Jahren hingekommen sind.

Pastös: Der kräftige Farbauftrag eröffnet eine
neue Dimension.
Alle Fotos: Kügler 
150 Werke von 90 Künstlern, Gemälde, Lithografien und Plastiken in neun Räumen, säuberlich aufgeteilt nach Themen und Motiven. Sakrale Themen gibt es im Turmzimmer. Unterlegt mit einer Klangcollage wirkt der Raum fast wie ein Andachtsraum. Das ist hart an der religiösen Erfahrung, die einige Künstler in unruhigen Zeiten gemacht haben und die sie geprägt haben

Ein Raum ist den Portraits gewidmet und hier wartet noch eine Überraschung: Charlotte Berend-Corinth, die Ehefrau von Lovis Corinth. Expressionismus und Portraits passen zusammen. Ihre Gemälde zeigen Menschen, denen das Leben ins Gesicht gezeichnet ist, fern ab von der klobigen Technik und der reduzierten Farbigkeit der sonstigen Expressionisten.


Wegweisend bis in die Jetztzeit

Die Expressionisten haben den Verlauf der Kunstgeschichte im 20. Jahrhundert geprägt. In beiden Deutschlands gab es nach dem Weltkrieg eine Renaissance der Ästhetik von Ernst Barlach und Artverwandten, gerade in der sakralen Kunst. Das wird hier deutlich.

Charlotte Berend-Corinth: Portraits von rechts und links.

Die „Jungen Wilden“ in BRD und DDR haben seine Impulse in den 80-er Jahren noch einmal aufgegriffen. Ihre Werke sind von kontrastreichen Farben und groben Pinselstrichen gekennzeichnet. Leider findet sich diese Kontinuität in den „Expressiven Überraschungen“ nicht wieder.

Aber die deutschen Expressionisten waren die ersten, die das Ich zum Zentrum ihres Schaffens gemacht haben. Der schweifende Blick der Impressionisten wurde ersetzt durch die permanente Nabelschau, das Artifizielle ersetzt durch das Laute. Der Weg der Kunst im 20. Jahrhundert verlief von außen nach innen. Die deutschen Expressionisten waren die ersten, die das Atelier zur Couch und das Publikum zur Therapiegruppe gemacht haben. Das ist ihr Erbe.


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