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Berühmte letzte Worte: Ich liebe dich

Clyde und Bonnie in einer ergreifenden Inszenierung am Städtebundtheater

Rabiat, empathisch, schonungslos, berührend, geradezu ergreifend. Die Liste der Adjektive ließe sich noch fortsetzen, aber auf jeden Fall ist Janek Liebetruth mit "Clyde und Bonnie" eine Inszenierung gelungen, die niemanden kalt lässt.

Ein junger Mann steht am Bühnenrand und starrt ins Publikum. Irgendwo im Dunkel plätschert elektronische Musik und auf den Hintergrund zeigt eine Videoprojektion szenische Schnipsel eines Paares. Musik und Video laufen in einer Schleife. Der Loop-Effekt bestimmt den Einstieg.  Der Mann hebt den Arm und zieht an seiner Zigarette. Er atmet aus, lässt den Arm sinken und starrt wieder ins Publikum.  Mit dieser einfachen Geste erzeugt Liebetruth Aufmerksamkeit.  Der Mann raucht, der kann doch nicht normal sein.

Zwei werden zu einem: Bonnie und Clyde.
Alle Fotos: Ray Behringer
Es ist großes Schauspiel mit wenigen Mitteln. Jonte Volkmann wirkt wie in Stein gemeißelt, trotzdem merkt man ihm die Anspannung an, der Körper ist steif, die Augen gehen hin und her und offensichtlich rattert es unaufhörlich in seinen Kopf. Jeder kennt solche Situationen, aber nicht in dieser Extremlage. Das vermittelt Volkmann schon zum Start.

Das Ende ist der Anfang. Der letzte Banküberfall von Bonnie und Clyde ist daneben gegangen. Sie liegt tot in einer Blutlache, er ist entkommen. Damit hat Clyde das Versprechen gebrochen, sich nie wieder zu trennen. Von diesem  Punkt aus erlebt das Publikum die Schussfahrt aus der Retrospektive.

In dem Stück von Holger Schober geht es nicht um die historischen Figuren Bonnie Parker und Clyde Barrow. Hier treffen nicht zwei sozial Deklassierte aufeinander, die Rache am System nehmen. Es sind zwei emotional Ausgeblutete, die in einer tödlichen Umarmung zueinander finden, die sich wie zwei Ertrinkende aneinanderklammern und dann doch ganz allein sterben.

Sie ist eine Tochter aus gutbürgerlichem Haus, seit Generationen Apotheker. Er kommt eher aus kleinbürgerlichen Verhältnissen. Sie heißt wirklich Bonnie, sein Spitzname ist Clyde. Wie er wirklich heißt, das tut hier nichts zur Sache. Clyde ist der Stellvertreter einer ganzen Generation junger Menschen.

Nach der Scheidung der Eltern ist der Kontakt zum Vater abgebrochen. Der Hund ist das einzige Wesen, zum Clyde eine Bindung aufbauen kann, doch  der Vierbeiner verschwindet spurlos. Dann stirbt die Mutter bei einem Autounfall. Das ist mehr als ein Neunjähriger aushalten kann. Die Rettungsversuche seiner Großeltern sind nett gemeint, aber hilflos.

Immer wieder:Berühmte letzte Worte und ein Kuss.
Alle Fotos: Ray Behringer
Bonnie wächst in gesicherten Verhältnissen auf. Doch was ihr fehlt, das ist die Emotionalität. Es schockiert schon, wenn sie erzählt, dass sie auf den Beerdigungen ihrer Großeltern zu keinerlei Gefühlen fähig war.  Das Licht geht aus und die Videoprojektion schaltet um und erzählt, wie ausgerechte diese Beiden sich in einer Bar treffen. Aus einer Zufallsbekanntschaft wird eine pathologische Gemeinschaft, das ist die Analogie zu Clyde Barrow und Bonnie Parker.

In dieser Inszenierung sind Schauspiel und Video Partner auf Augenhöhe. Es ist ein Miteinander. Die bewegten Bilder ergänzen und bestätigen und kontrastieren gelegentlich das gesprochene Wort. Zu der langen Reihe der starken Szenen gehört auch der Moment, als Bonnie in ihrer Verzweifelung in die Bilder hineingreift.

 Janek Liebetruth ist nicht der Versuchung erlegen, hier einem Road Movie der Sorte Atemlos vorzulegen. Seine Inszenierung ist eher überraschend bedächtig und der Verzicht auf hektische Bewegungen geprägt. Liebetruth weiß, dass man Dramatik nicht durch Gebrüll erzeugt. Manchmal sind es die kühlen kalten Worte, die fesseln. Der Kontrast von gesprochenen Wort und seinem Kopfkino und der ruhigen Darstellung, das macht sie so beeindruckend. Alles bleibt hängen.

Mit kühler Miene zeichnet Jonte Volkmann den Weg vor. Der nächste Schritt folgt konsequent aus dem vorhergehenden. Da ist Swantje Fischer eher für emotionale Achterbahn zuständig und das erledigt sich sehr überzeugend. Aber die Trennlinie sind nicht immer deutlich und damit ist die Theorie, dass Clyde und Bonnie zu einem Ganzen verschmolzen sind, durchaus bestätigt. Aus zwei kann eins werden und dies bis zur letzten Konsequenz. Das machen Fischer und Volkmann mehr als deutlich.

Aber Clyde und Bonnie sind alles andere als die "Natural Born Killers" eines Oliver Stone. "Clyde und Bonnie" ist keine Zurschaustellung der Gewalt, sondern die Folge der emotionalen Verwahrlosung. Damit ist diese Inszenierung keine Crime Story sondern die Geschichte eine wahnsinnigen Liebe, einer bedingungslosen Liebe mit einer erschreckenden Konsequenz. Liebe macht alles möglich, selbst dies.

Bonnie ist tot und kehrt als Engel wieder.
Alle Fotos: Ray Behringer
Genau betrachtet sind die beiden die Karikatur eines Gangster-Pärchens: kein Fluchtauto und die Pistolen sind auch nur Schreckschusswaffen.  Vielleicht findet die ganze Tragödie ja auch nur im Kopf statt?

Die drei Erzählstränge "Ganz früher", "Neulich" und "Eben gerade" werden in einzelne Stationen aufgelöst, aber alles findet in diesem einzigen Moment statt. Bonnie und Clyde sitzen in der Bank fest, draußen wartet die Übermacht der Polizei. Was nun?

Die dramatische Loop-Maschine geht diese Szene ein halbes Dutzend Mal durch, immer in anderen Variationen, aber immer in der geklauten Sprache der Gangsterfilme. Es werden Lösungsmöglichkeiten durchgespielt, die keine echten Alternativen sind. Das macht die Tragik des Moments um so deutlicher. Denn in der Logik von Bonnie und Clyde gibt es nur den einen Weg.

Deswegen ist der Dialog "Berühmte letzte Worte?", "Ich liebe dich" und der anschließende Kuss  die zentrale Szene. Egal, wie oft er gesprochen wird, man weiß, dass es immer der letzte Kuss sein wird. Dazu ist die Sehnsucht nach der gemeinsamen Hochzeit der denkbar stärkste Kontrast.

Abwesende Eltern, überforderte Großeltern, schneller Sex im Auto und der Tod im Kugelhagel. Zwei komplette Leben in siebzig Minuten. Auch dramaturgisch ist die Aufführung eine starke Leistung. Daniel Theuring hat sehr gute Arbeit geleistet: Kein Wort ist zuviel und jeder Satz sitzt.

Durchbrochen wird die Erzählreigen zum traurigen Schluss. Bonnie ist tot und es gibt keine Möglichkeiten mehr, die durchgespielt werden können. Clyde verzweifelt an seinem Überleben. Doch dann kehrt Swantje Fischer als Todesengel zurück und nimmt Clyde mit auf die andere Seite. Mit Gegenlicht und Nebel sicherlich ein wenig konventionell dargestellt, aber eben verständlich und wirksam und bestimmt die eindrücklichste Szene mit hohem Kloß-im-Hals-Faktor.

Im Licht doch wieder vereint.
Alle Fotos: Ray Behringer
Wichtiger Faktor der durchweg gelungenen Inszenierung ist das Bühnenbild von Hannes Hartmann. Einfach, aber eindrucksvoll und die richtige Plattform für ein eindringliches Spiel. Ein rechteckiges Podest, das den Zuschauer schon sehr nah kommt. Im Hintergrund eine Wand aus Multiplex-Platten, davor ein Vorhang aus Schnüren. Das sind die Videoprojektionen immer doppeldeutig und unscharf.  Darüber das Oberlicht aus einem Altbau.

Manchmal diente der Vorhang auch als Versteck. Als Bonnie erschossen wird, reißt Swantje Fischer diesen Vorhang herunter. Einfach Symbolik, aber eben stark.

Ist dies nun die Insel der emotional Gestrandeten oder das Transporterdeck von Raumschiff Enterprise? Egal, auf jeden Fall zeigt diese Anordnung die Vereinsamung von Clyde und Bonnie. Erst als Todesengel dar Fischer diese Spielfläche zerlassen. Die Insel der Unglückseligen existiert nicht mehr.

Rabiat und roh, aber auch voller Empathie und Emotionen. Mit "Clyde und Bonnie" ist Janek Liebetruth eine Inszenierung gelungen, der man noch ein langes Leben wünscht.






Material #1: Bonnie & Clyde - Das Original
Material #2: Der Regisseur Janek Liebetruth
Material #3: Der Autor Holger Schober
Material #3: Selbes Thema - andere Lösung - die Oper



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