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Immer noch Holzfäller




Clauy Peymann liest Thomas Bernhard im Jungen Theater

Zum Schluss sagte Intendant Nico Dietrich, der Gast sei immer noch ein Gigant des Theaters. Zuvor hatte Claus Peymann eine Stunde fünfzehn lang diese These reichlich unterfüttert. Seine Lesung von Bernhards „Holzfällen“ im Jungen Theater war ein Ausflug in die Zeit, als Theater noch Angriffslust hatte.

Natürlich liest ein Theatermann von der Bühne hinunter. Auf dieser stellt lediglich ein Ohrensessel in roten Samt. Von der Decke hängt ein weißes Tuch. Darauf ist ein Zitat von Voltaire gedruckt und über dem Sessel drapiert liegt ein weiteres Tuch. Wie ein Leichentuch scheint es eine längst vergangen Zeit zu verdecken.

Aus dem Hintergrund taucht Peymann auf. Er betritt die Bühne, auf der vor mehr als 50 Jahren seine Karriere als Regisseur begann. Die Freude ist wohl echt, sowohl beim Gast als auch beim Publikum.

Dessen Altersdurchschnitt liegt deutlich über 50 und einige der Zuhörerinnen und Zuhörer dürften schon mal Gast im JT gewesen sein, als Peymann hier noch inszenierte. Eine Ära besichtigt sich selbst.

Claus Peymann macht nicht viele Worte. Er gibt eine kurze Einleitung zum Werk und erinnert daran, dass er gerade Intendant des Wiener Burgtheaters geworden war, als Thomas Bernhard mit „Holzfällen“ seinen Spott über die österreichische Kulturschickeria ausgoss. Peymann ist also Zeitzeuge des Skandalwerks von 1986.

Gerade saß hier noch der Bernhard, aber
gleich der Peymann. Alle Fotos: Kügler
Das Leichentuch fliegt von der Bühne. Peymann legt mit Schwung den Ohrensessel frei und wirkt dabei wie ein Zauberkünstler. Der erste Überraschung ist gelungen, das Relikt einer vergangenen Zeit kann besichtigt werden und die Lesung beginnt.

Nein, es ist keine Lesung. Peymann ist ein Theatermann und er inszeniert hier ein Ein-Mann-Stück für Literaturfreunde und Kenner und für seine Bewunderer. Er nimmt Platz im Sessel. Kein Tisch trennt ihn von seinem Publikum.

„Holzfällen. Eine Erregung.“ spielt an einem einzigen Abend. Bernhard aus der Ich-Perspektive das ganze Drumherum um eine Abendgesellschaft in der Wiener Kulturschickeria. Aus einem Ohrensessel heraus beobachtet er die Ankunft der anderen Gäste, erklärt die vielfältige Verstrickungen der Beteiligten und ärgert über sich selbst, dass er die Einladung überhaupt angenommen hat.

Es ist die Position des Erhabenen, des Überlegenen, aus der er den Vorgang des Abends und die Selbstdarstellung der Gäste schildert. Pervers und erbärmlich ist eine Wortkombination, die immer wieder auftaucht. Dabei überschreitet Bernhard durchaus die Grenzen zur Diffamierung und so konnte das reale Ehepaar Lampersberger, das unverkennbar mit dem literarischen Ehepaar Auersberger gemeint ist, zumindest ein zeitweiliges Verbot des Romans bewirken.

Aus dem Ohrensessel heraus trägt der Gast im JT vor. Er trägt vor, er liest nicht. Peymann spielt mit allen Schattierungen des gesprochenen Wortes, Er wird laut und leise und setzt Pausen Verschwörerisch linst er über den Brillenrand ins Auditorium, zu seinen Gästen. Wohlwissend wird an vielen Stellen gekichert, man teilt gewisse Erfahrungen. Publikum und Vortragender sind eine Einheit. Auch wenn man sich 54 Jahre lang nicht gesehen hat. Das zumindest kann Peymann den Anwesenden vermitteln.

Er ist halt ein Zauberer, immer noch. Peymann hat wohl auch die Jahre für sich weggezaubert. Sein Vortrag ist nicht nur variantenreich sondern auch kraftvoll. Jedes Wort ist sauber gesetzt und mit Nachdruck. Da ist nichts zu viel und alles mit Inbrunst.

Auf jeden Fall zieht er die Gäste in den Bann. Die Darbietung des Textes ist bühnenreif, Wenn der Protagonist sich streckt, dann streckt sich auch der Vortragende. Mit sparsamen Gesten untermauert Peymann das gesprochene Wort und manchmal auch das unausgesprochene, das Verschwiegen, das alle aber erahnen.

Es wird auf jeden Fall nicht langweilig trotz der Menge des Textes. Dieser sprudelt nur so aus dem Vortragenden heraus, fast schon ohne Interpunktion. Es fast schon ein stream of consciuosness im besten Sinne eines Joyce. Damit treffen sich auf der Bühne des JT drei Monumente.

Die Grenze zwischen Darsteller und Dargestelltem ist an diesem Abend aufgehoben. Auch ein Peymann ist Teil dieser Kulturschickeria, die Thomas Bernhard hier so unerbittlich auf‘s Korn genommen hat. Aber das weiß jeder im Publikum, so wie jeder Anwesende ahnt, dass auch sie oder er ein Quentchen Auersberger in sich trägt. Aber das kann man ja schnell wegkichern. Peymann jedenfalls lässt auch immer ein Hauch Selbstironie durchblitzen. Seine Position im Ohrensessel hochoben auf der Bühne ähnelt der des Ehrwürdigen auf dem Gipfel aus einer bekannten Comic-Reihe.

Plötzlich ist er da, der Moment, in dem sich Fiktion und Realität treffen. Der Text spricht von dem neuen Intendanten am Burgtheater, vom deutschen Theatergenie. Auf der Bühne quittiert Peymann sein Auftreten auf dem Papier mit einem schnelle Griff in die Tasche. Schwupps, geht ein Konfetti-Regen auf die ersten drei Reihen nieder. Zweiter Überraschungseffekt geglückt. Einfach aber eindrucksvoll.

Unbeeindruckt und mit einem bübische Lächeln fährt er fort mit der Philipika. Doch als Peymann den Burgschauspieler über das einfache Leben und die wahren Herausforderungen, nämlich dem Holzfällen fabulieren lässt, gibt es für das Publikum noch einmal einen Augenblick des Staunens. Der Mann hat gerade seinen 80. Geburtstag hinter sich gebracht und wütet immer noch und das sogar unterhaltsam. Da bekommt man eine Ahnung davon, welcher Wind der Erneuerung damals durch die deutschsprachige Theaterlandschaft gefegt sein muss. Peymann ließt nicht über das Holzfällen, er ist immer noch der Holzfäller.
Der Ehrwürdige vom Gipfel ist erleuchtet.
Alle Fotos: Kügler 

Je länger der Text dauert, desto fragwürdiger wird die Stellung des Ich-Erzählers. Das kann Peymann wunderbar herausarbeiten. Deswegen klingt die Erkenntnis, dass man ja selbst ein Teil dieser Kulturschickeria sei und ohne sie nicht gönne, nicht nur zwangsläufig sondern auch überzeugend.

Darin liegt wahrscheinlich auch der Reiz des Abends. Es geht nicht um das Bestaunen eines Monumentes sondern um die gemeinsame Reise in eine Zeit, als man sich noch die Meinung sagen durfte, als man noch nicht jeden und alles gut finden musste. Selbsterkenntnis und Selbstironie gehören dabei zum Reiseproviant. Auf jeden Fall schmeckt es allen. Der Applaus ist dann o ausgiebig, dass der Vortragende gar nicht so recht weiß, was er mit so viel Lob soll.







Material #1: Claus Peymann – Die Biografie
Material #2: Das Junge Theater – Der Spielplan
Material #3: Holzfällen. Eine Erregung. – Das Buch



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