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Die Fallhöhe nicht deutlich erhöht

Versuch einer Neuinterpretation: „Emilia Galotti“ am Deutschen Theater

Mit diesem Stück hat Lessing einst ein neues Genre gegründet, nämlich das bürgerliche Trauerspiel. In seiner Inszenierung am Deutschen Theater versucht Maik Priebe dem Werk neue Aspekte abzugewinnen. Das gelingt aber nur zum Teil. Am Samstag war Premiere in Göttingen.

Eine junge Frau wird das Objekt fürstlicher Begierde. Sie gerät in das Räderwerk adliger Intrigen. Ihr Glück wird zerstört und die schuldlos Entehrte büßt dies mit dem Leben. Zum bösen Schluss bleiben nur eine zerstörte Familie und zerstörte Existenzen.

Bis Lessing waren Tragödien den Königen und anderen Adligen als Protagonisten vorbehalten. Die Tradition war der Meinung, dass nur diese Personen eine ausreichende Fallhöhe mitbringen damit sich das ganze Drama überhaupt lohnt. Doch der Mann aus der Oberlausitz bewies, dass auch Bürgerliche so tief fallen das es für ein Theaterstück reicht.

Kein Drama ohne Video: Marius Ahrendt schlüpft in
die Rolle der Emilia Galotti. Fotos: Birgit Hupfeld 
Lessing brachte noch eine Innovation mit. Bürgerliche Frauen und ihre Rolle in der Gesellschaft wird erstmals zum theatralischen Thema. Doch sie sind stets Opfer der Umstände und enden tödlich. Auch die Figur der Emilia Galotti ist durch Passivität geprägt. Sie wird mehr behandelt als dass sie handeln.

Für Regisseur Maik Priebe steht damit die Frage von männlicher Herrschaft und weiblicher Duldsamkeit im Vordergrund. Er kündigt an, die Dichotonie von Adel und Bürgertum durch die Thematik von Verhältnis der Geschlechter zu ersetzen. Auch wenn er die Schauspieler in die Frauenrollen versetzt und die Männerrollen von Frauen spielen lässt, symbolisiert durch den Kleidertausch von Gaia Vogel und Marius Ahrendt im Prolog, so ändert dies weder etwas am Ablauf der Handlung noch am Agieren der Protagonisten. Macht und Ohnmacht bleiben dasselbe, egal ob von Männer ausgeübt und von Frauen erduldet oder eben mal andersherum.

Priebe arbeitet die Konstante aber gut heraus. Emilia bleibt die moralische Verfügungsmasse ihres Vaters. Als allein schon der Verdacht aufkommt, sie wäre dem Werben des Prinzen erlegen, hat sie die Gunst des Erziehers verloren. Rosenblätter hin oder her, ob der Adlige die Bürgerliche defloriert, das ist so eindeutig nicht.

Nur hier tritt sie aus ihrer Lethargie hervor und bittet um den Todesstoß. Damit hat Lessing für die nächsten 200 Jahre den Weg für alle gestrauchelten Frauen vorgezeichnet: Ist die Unschuld erst mal weg, dann bleibt nur der Suizid.

Odoardo Galloti bleibt auch von Gaby Dey gespielt ein bürgerlicher Racheengel, der sich mit seinen begrenzten Mitteln vergeblich gegen das heraufziehende Unheil stemmt. Auch Marius Ahrendt legt seine Emilia als Erahnende und Erduldende an. Prinz Gonzaga bekommt durch Rebecca Klingenberg keine neue Wendung. Es sind eben Männer, die hier den Ton angeben, auch wenn sie von Frauen gespielt werden. Da gibt es kein Innehalten, sondern ab durch die Mitte ohne Rücksicht auf Verluste. Deswegen befinden sich die Darsteller fast durchweg in Alarmstimmung.

Eine Prise Empathie hätte hier wohl gut getan. Vielleicht fehlt Priebe auch der Mut zum radikalen Neudenken. Warum nicht aus der Emilia mal einen Emilio machen, aus dem Prinzen eine Prinzessin und die dann in Lack und Leder kleiden? Oder gar Emilia in Lack und Leder und mit Peitsche und dazu ein devoter Prinz?

Für die Höhepunkte sorgt am diesem Abend Gitte Reppin. Für ihren Kammerherren Marinelli erhält sie 10 Punkte auf der Yago-Skala. Mit linkischen Gesten und kleiner Körperhaltung bringt sie einen Intriganten par Excellence auf die knappe bemessene Bühne. Sie vermeidet durchweg den oberen Dezibel-Bereichen und setzt den Text leise und passend. Wie  Gift in den Kelch süßen Weins tröpfeln ihre Worte.

Moment der Entscheidung: Gräfin Orsina (links) und
Galotti treffen auf Marinelli (mitte). Foto. Hupfeld
Der stärkste Augenblick der Aufführung ist das gemeinsame Schweigen mit Gräfin Orsina, der abgelegten Geliebten des Prinzen. Roman Majewski verleiht dieser Rolle philosophische Tiefe und schrille Lächerlichkeit zugleich. Marinellis und Orsinas Duett ist der einzige Moment der Reflexion in dieser Inszenierung, alle anderen Szenen unterliegen einer tödlichen Zwangsläufigkeit. Es ist eben jene abgelegte Geliebte, die um diese Zwanghaftigkeit weiß und als Akt ihrer Rachen den tobenden Vater mit dem Dolch ausstattet.

Die Leistungen von Reppin und Majewski werden an diesem Abend vom Publikum zu Recht mit einer großen Portion Applaus bedacht.

Gefängnisatmosphäre. Ein riesiger Kubus in Sichtbeton-Optik versperrt den Blick in die Tiefe des Bühnenhauses und dazu ein brutales Licht von vorn, das nur die ersten Meter jenseits der Rampe ausleuchtet. Der Rest verschwindet im Dunkel. Gefangen in den eigenen Milieu und keine Rückzugsmöglichkeit, das soll wohl der Bühnenbild von Susanne Maier-Staufen vermitteln.

Dann dreht sich der Kubus und aus dem Monolith wird ein Labyrinth. Doch leider spielt die Aufführung dieses Thema nicht aus. Der drehende Kubus wird auf dem Verkünder einer neuen Szene reduziert, der seinerseits den Spielraum deutlich verknappt. Somit wird er vom Hingucker zum Hindernis.

Angesichts lodernder Sexismus-Debatte die Frage nach den Verhältnissen der Geschlechter zu stellen, ist notwendig. Aber die konsequente Lösung von der Vorlage gelingt Maik Priebe mit dieser Aufführung nicht. So bleibt seine „Emiia Galotti“ ein interessantes Stück über Mächtige und Intriganten und Bürgerliche, die ihnen zum Opfer fallen.





Material #1: Die Biografie von Gotthold Ephraim Lessing
Material #2: Emilia Galotti bei wikipedia


Deutsches Theater #1: Der Spielplan
Deutsches Theater #2: Das Stück





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