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Das Gift der Sprache

Müllers "Philoktet" als Dreikampf

Bedrängend, bedrückend, beeindruckend und vor allem intensiv. Das Deutsche Theater zeigt derzeit "Philoktet" von Heiner Müller als Dreikampf unterschiedlicher Wortakrobaten.Sieger sind das Publikum und derjenige, der das süße Gift der Sprache am besten einsetzen kann. am Ende bleibt die Erkenntnis, dass ein gemeinsamer Feind nicht ausreicht, um Bündnisse zu schmieden.

Allein schon der Aufführungsort fällt aus der Rolle. Das Göttinger Fridtjof-Nansen-Haus imitiert das, was man zur Jahrhundertwende für eine mittelalterliche Burg hielt. Das Treppenhaus ist trotz seiner riesigen Ausmaße düster und beklemmt mit einem Höhlenambiente. Das grelle Scheinwerferlicht hat nichts mit der lieblichen Sonne des Mittelmeer zu tun.

Vor dem Kamin sind Knochen und Kräuter verstreut. Offensichtlich die Überreste von den Mahlzeiten des Verstoßenen. So ist das Revier markiert. Philoktet bewegt sich zwischen Mensch sein und unter den Tieren leben.

Vor zehn Jahren hatten die Griechen Philoktet auf der Insel Lemnos ausgessetzt. Die Wunde an seinem Fuß heilte nicht und ihr Gestank störte die Gefährten. Seine Schmerzensschreie störten ihren Schlaf. Doch der Krieg gegen Troja geht ins zehnte Jahr und ein Ende ist nicht abzusehen.

Philoktet (rechts) trifft auf Neoptolemos. 
Alle Fotos: Isabel Winarsch
Nun brauchen die Griechen den Feldherren und seinen legendären Bogen. Dieser wird den Krieg entscheiden, lautet eine Weissagung. Ausgerechnet Odysseus, der Philoktet einst mit einer List auf die einsame Insel gelockt hatte, soll ihn nun zurückholen. In der Folge geht es ständig darum, den anderen zu überreden, der Jüngling den Ausgesetzten zur Rückkehr, der Ausgesetzte den Jüngling zur Rache und Odysseus alle anderen sowieso. Als versprühen sie das süße Gift der Sprache.

Zur Verstärkung hat er sich Neoptolemos mitgenommen. Der Jüngling gilt als unbelastet, hat aber noch eine Rechnung mit Odysseus. Der Ithakaer hatte sich die Waffe und die Rüstung seines Vater Achilleus unter den Nagel gerissen.

Regisseur Elias Perrig setzt zum Auftakt auf klare Fronten. Rock, Springerstiefel und Radlerhandschuhe, Moritz Schulze ist als Neoptolemos gekleidet wie der Krieger eines postmodernen Rollenspiels. Auch die Gestik ist eindeutig. Die Worte gepresst, die Fäuste geballt und die Arme nach unten gedrückt, ist er der Zorn in Person. Dieses begrenzte Repertoire ist die Grundlage für das blutige Finale.

Carsten Hentrich zeigt sich als Odysseus wesentlich geschmeidiger. Nur die Springerstiefel zum Business-Dress verraten, dass er Krieger ist. Seine Sprache ist schnell und geschmeidig. Er vermeidet den Kommandoton und macht doch mit Andeutungen und zynischen Erklärungen deutlich, dass er bei diesem Unternehmen das Sagen hat. Selbst auf den Knien verliert Carsten Hentrich nie diese Souveränität. Eer ist damit der bestimmende Faktor in dieser Inszenierung.

Müllers "Philoktet" ist Sprechtheater auf höchstem Niveau. Hier kommt es auf jedes Wort an, der Text treibt die Handlung voran, die Sprache bereitet die Tat vor. Alles ist mit ihr möglich  Sie formuliert die Lüge ebenso wie die Erkenntnisse. Deswegen ist dieses Werk folgerichtig vor allem ein Wortgefecht. Dies verlang von den Akteuren ein Maximum an Artikulationskunst, alle Stimmlage, alle Ausdrucksweisen sind gefordert.

Der Dreikampf Philoktet, Odysseus und Neoptelemos.
Alle Fotos: Isabel Winarsch
Elias Perrig hat die Inszenierung auf ein Minimum reduziert. Er verzichtet auch ein Bühnenbild und selbst auf Requisiten. Nicht einmal der legendäre Bogen, der die Entscheidung im Krieg bringen soll, ist zu sehen. Also soll sich auf das gesprochene Wort konzentrieren. Das fordert das Publikum, aber darin liegt auch der Gewinn.

Der Krieg findet im Kopf statt und in dieser Auseinandersetzung ist die Zunge die Waffe und die Sprache der beiden alten Herren nimmt viele schnelle Wendungen. Der Ausgang ist nicht abzusehen, rasante Wechsel eröffnen immer wieder neue Möglichkeiten.

Deswegen ist die Abwesenheit der Sprache der intensivste Moment der Aufführung. Bar jeden Wortes steht Andreas Jeßing allein in dieser riesigen Halle. Der Blick geht nach oben ins Leere. Er lässt die Schultern hängen und die Stille wirken. Das sind zwei Minuten Gänsehaut. Plant Philoktet um oder ergibt er sich dem Schicksal?

Weil er eben so menschlich agiert und reagiert ist dieser Philoktet dem Taktiker Odysseus unterlegen. Andreas Jeßing macht dessen Zorn ebenso deutlich wie dessen finale Hilflosigkeit. Erzeigt die Zerrissenheit zwischen persönlichen Gelüsten und gesellschaftlichen Zwang. Damit zeigt Jeßing in dieser Aufführung die größte Spannweite.

Als sich die Spannung in Handgreiflichkeiten auflösen, verliert doch der Stärkere. Nicht die Wut, nicht die Urgewalt ist die entscheidende Kraft. Der Taktiker, der Wortgewandte siegt und schafft es, selbst noch das Opfer für seine Pläne einzuspannen. Hentrich hat konsequent daraufhin gearbeitet. In dieser Aufführung trifft ein starkes Stück auf eine starke Inszenierung und starke Darsteller.







Material #1: Philoktetes - Die Sage

Material #2: Heiner Müller - Das Leben

Material #3: DT Göttingen - Das Programm
Material #4: Philoktet - Die Inszenierung

Material #5: Fridtjof-Nansen-Haus - Die Location





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