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Mut nur zur Hälfte belohnt

Großartiges Konzert zum Abschluss

Musik großartig, Zuspruch eher mau. Der Mut von Intendant Anselm Cybinski wurde nur zum Teil belohnt. Das dreiteilige Konzert "Die Dunklen hört man doch"war ein großartiger Abschluss der Niedersächsischen Musiktage 2019. Doch im Opernhaus Hannover blieben sehr viele Stühle frei. Das ändert aber nichts an der Leistung der Künstler und an Begeisterung der Anwesenden. Für diese war es ein Ereignis, dass die Grenzen des Konventionellen überschritten hat.

Michael Nyman ist ein Altmeister der Grenzüberschreitung. Der Brite mischt seit Jahrzehnten Elemente aus sogenannter E- und U-Musik. Dabei stellt er sich auch mal gegen den verkopften Mainstream. Bekannt wurde Nyman vor allem durch seine Kompositionen für die die Filme von Peter Greenaway.

Teil eins

Unter dem Titel "Noises, Sound  & Sweet Airs" stehen Ausschnitte aus dem Soundtrack zu "Prospero's Book" auf dem Programm. Es ist gewissermaßen eine szenische Singung. Kaum hat das Niedersächsische Staatsorchester Platz genommen, gehen die Nebelmaschinen an. Dazu schwenkt das Licht auf lila um. Vor dem schwarzen Hintergrund entsteht eine Szene, die an die dunkle Magie des Films erinnert.

Die Solisten betreten die Bühne. Gehüllt in Kostüme, die an barocke Pracht erinnern sollen. Sie nehmen Aufstellung. Dirigent Eduardo Strausser geht in Position. Doch der Vortrag beginnt nicht ehe die Kerzenleuchter leuchten. Hier ist alles inszeniert.

Sänger im Leuchter und viel Lila.
Foto: Krückeberg
Dann legen die Streicher einen Teppich und Nikki Treuermiet setzt mit einen reduzierten Sopran. NIna van Essen nimmt mit ihrem Mezzosopran den Faden auf. Sie sind Miranda und ihr Vater Prospero. Das Glockenspiel beendet den ersten Wechselgesang, aber die Entfremdung zwischen den beiden ist schon jetzt klar.

Nach den Holzbläsern beginnt es von vorn. Ihr Vortrag liegt irgendwo zwischen engelsgleich und sirenenmäßig, schließlich zieht in Shakespeares Vorlage ein Sturm herauf. Das ist Drohung in Musik umgesetzt

Dieses Duett bestimmt den ersten Teil des Abends. Treuermiet und van Essen ergänzen sich sowohl im Wechsel als auch im Gleichklang perfekt, im Belcanto ebenso wie im Staccato. Damit setzen sie Nymans Idee, dass eine Rolle nicht an eine Person gebunden ist, sondern der Text im Vordergrund steht, in idealer Weise um. Dann gehen die Streicher ins Staccato  über und auch Rupert Charlesworth darf ein Stück Prospero übernehmen.

Es ist ein Auf und Ab und ein Hin und Her. Die ständigen Tempi-Wechsel stellen hohe Anforderungen an die Musiker. Aber das Dirigat von Eduardo Strausser bleibt wohltuend zurückhaltend. Das Kopfkino geht an und zeigt Szenen aus Greenaways Film. Musik. Licht und Nebel erinnern an die dunklen, verstörenden und opulenten Bilder des britischen Regisseurs.

Zwischendurch werden die Kerzen gelöscht und wieder angezündet. Die Sänger drehen dem Publikum auch mal den Rücken zu. Alles ist inszeniert, aber eben stimmig. Damit ist der Applaus zur ersten Pause mehr als gerechtfertigt.

Teil zwei

Mut hat Julia Wolfe mit ihrem Werk "Anthracite Fields" bewiesen. Wider dem Zeitgeist hat sie den Bergarbeitern in ihrer Heimat in Pennsylvania damit ein musikalische Denkmal gesetzt. Für das Requiem der Industriegeschichte wurde sie 2015 mit dem Pulitzer Music Award belohnt.

Wie Nyman hat auch Wolfe die Minimal Music längst hinter sich gelassen. Ihr opulentes Werk kombiniert Dissonanzen und Rhythmik mit vielen Spielarten der Vokalmusik. Die Videoinstallation bedeutet eine neue Ebene und gibt dem Gehörten ein Gesicht oder auch viele Gesichter.

Mit den "Bang on a Can All-Stars" konnte Cybinski ein Top-Ensemble verpflichten. Schließlich gelten die New Yorker als Spezialisten für die Bereiche zwischen Klassik, Jazz, Weltmusik und sonstigen Experimenten.

Doch gefordert ist an diesem Abend vor allem der NDR Chor. Es gibt viel Text, der durch alle Varianten des Gesangs gejagt wird.  Im Staccato des ersten Satz zählen die Sängerinnen und Sänger hunderte von Namen auf. Sie haben zwei Dinge gemeinsam. Alle tragen sie den Vornamen John und alle sind in den Minen von Pennsylvania ums Leben gekommen. Die Monstrosität liegt im Nicht-Gesagten. Wenn es schon so viele tote Johns gibt, wie sieht es dann mit den Michaels oder den Peters aus?

Der Gesang wirkt begleitet von sägenden Streichern. Doch am meisten muss David Cossin arbeiten. Als Industriestück ist "Anthracite Fields" von schnellen Rhythmen geprägt und das verlangt viel Einsatz am Schlagwerk. Es schimmert viel Expressionismus des jungen Orffs durch.
Dann gleitet des Gesang ins Sakrale ab. Gregorianik und Madrigale schimmern durch. Die neue Religion fußt auf dem Leben Tausender.

Die Opfer bekommen Gesichter, es wird emotional.
Foto: Krückeberg
Dazu werden die Fotos von Bergarbeitern an die Wand projiziert. Die Opfer bekommen Gesichter. Die schwarz-weiß Fotos zeigen Männer zwischen Zuversicht, Stolz und Schmerz. Damit kommt eine emotionale, fast greifbare Ebene in den Vortrag. Die Kopfsache Industriegeschichte rutscht in den Bauch.

Im zweiten Satz steiger sich das Tempo. David Cossin schlägt seine Sticks im rasanten Tempo aufeinander. Dabei hält er immer noch einen Dreivierteltakt. "Breaker boys" erzählt von den Kindern, die die frisch geförderte Kohle in der Hütte aufbrachen und sortierten. Auch dieser Job war nicht nur hart sondern auch lebensgefährlich. Deswegen verschiebt sich der NDR Chor wieder ins Sakrale.

Das Video zeigt Kinder ohne Kindheit. Manche von ihnen sind gerade 10 Jahre alt. Ihre Gesicht  wirken wie die der Erwachsenen: Eine Mischung aus Stolz, Trauer und Schmerz. Doch aus der soziologischen Betrachtung wird hier Beklemmung.

Über den Arbeitskampf in "Speech"  und die industrielle Produktion geht es in "Flowers" um den erarbeiteten Wohlstand. Die Dissonanzen sind verschwunden. es bleibt das Staccato des Industrial Sounds. Im fünften Satz auf der NDR Chor eine vielschichtige Idylle auf. Die Stimmlagen laufen mal miteinander, mal gegeneinander. Aber alle zählen sie die Annehmlichkeit des Lebens auf, dessen einziger Zweck das Backen eines Kuchens zu sein scheint.

Vor dem Happy End kommt der Break. Kurze Pause und dann wird das Thema des zweiten Satzes wiederaufgenommen. Die "Breaker Boys" sind wieder da. Ihre Gesichter starren in das Publikum. Ein eindrucksvoller Schluss. Der Wohlstand beruht auf dem Elend der Kinder in Minen von Pennsylvania. Heute auch noch.

Zum Schluss

Friede den Hütten, Musik den Palästen.
Foto: Kügler
"Garofani rossi" ist recht neu. Erst im August kam das Programm von Daniele di Bonaventura auf dem Markt. Zusammen mit seinen drei Kollegen von Band'Union hat der Italiener zehn Lieder der Arbeiterbewegung und des Widerstands gegen die Diktaturen neu interpretiert. Das dominierende Bandoneon gibt den Material den Stallgeruch des Proletariats. Schließlich ist die Heimat diese Instruments die Gruben des Erzgebirges. Aber mehr als dieser Hauch wird es es nicht.

Mit dem Verzicht auf Gesang haben Bonaventura und seine Kollegen den Material den Zahn gezogen. Das wirkt an vielen Stellen gefällig und nicht kämpferisch. Da ist zuviel Kopf und zu wenig Bauch. Es ist der Soundtrack für Salonbolschewisten und andere Rollkragenpullover. Das ist zu gefällig und der Mitsumm-Faktor zu hoch.

Aber für einen beruhigenden Abschluss dieses beeindruckenden Abends ist es bestens geeignet. Damit zündet die Dramaturgie.


   



Material #1: Die Musiktage - Das Zuhause
Material #2: Die im Dunklen hört  ... - Das Konzert


Material #3: Michael Nyman - Die Biografie
Material #4: Julia Wolfe - Die Biographie
Material #5: Garofani rossi - Das Album der Woche


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