Direkt zum Hauptbereich

Pilgertour durch die Kirche

Tenebrae begibt sich musikalisch auf den Jakobusweg

Ungewöhnlich, beeindruckend und herausfordernd und trotzdem ein Erlebnis. Der Tenebrae Choir gastierte im Rahmen der Niedersächsischen Musiktage in der St. Sixti-Kirche. Das Publikum bedankte sich mit donnernden Applaus.

Das 18-köpfige Ensemble gilt als eines der besten weltweit. Hier setzt der ehemalige King's Singer  Nigel Short seine Vorstellungen von aktueller Chormusik um. Das Programm "Path of Miracles" ist gewissermaßen eine Auftragsarbeit an Joby Talbot. Der Komponist hat hier seine Erfahrungen auf dem Jakobsweg in Musik umgesetzt.

Zehn Männer stehen im Kreis auf den Stufen zum Altar. Aus ihrer Mitte ertönt ein Ton, leise und tief und knapp an der Grenze der Hörbarkeit. Dieser archaische Klang kommt tief aus der Vergangenheit der Menschwerdung. Er wirkt nicht über die Ohren, er dringt über das Zwerchfell zum Publikum vor.

Aus einem Ton werden viele. Sie schwellen an, beschleunigen sich im Wechsel und erhöhen die Tonlage. Es ist wie ein musikalischer Tornado. Trotzdem wirkt er meditativ und aus dieser Spannung bezieht der Klang seine Faszination. Solch einen Klang in dieser Harmonie zu erzeugen, das verlangt den Sängern schon einiges ab.

Nicht viel zu sehen, aber viel zu hören: Tenebrae
in St. Sixti Nortehim.     Foto: Thomas Kügler
Gerade eine Balance gefunden, da grätschen von der Empore die Soprane rein. Wie ein Keil fahren die hohen Stimme in den Ring und spalten ihn. Das ist ganz großes Klangerlebnis.

Dann findet sich der Chor auf den Stufen zusammen. Es entsteht aber keine Einheit sondern eine Harmonie in der Vielfalt. Das Programm hat eine babylonisches Gewirr angekündigt. Hier findet es sich in den vielen Stilen und Tonlagen. Kanon trifft auf Gregorianik, Madrigale und Barock, dazu kommt eine Portion Andalusien, Orient und galizische Volksmusik. Manche Stimme läuft Treppen im Schweinsgalopp rauf und runter, manche ruht in sich selbst. In diesem Gewirr noch die Übersicht und die eigene Linie zu behalten erfordert ein höchstes Maß an Koordination.

Dieses Konzept ist sicherlich außergewöhnlich und verlangt dem Publikum einiges ab. Sich darauf einzulassen  lohnt sich allemal und wird belohnt.

Es ist eine unüberschaubare Vielfalt, die sich doch immer wieder auf einen gemeinsamen Nenner einigen kann, die geeint wird durch das spirituelle Erlebnis. Das ist die Klammer die den ganzen Abend bestimmt.

Talbot hat sein Werk in vier Sätze aufgeteilt und sie nach den letzten Stationen des Jakobswegs benannt. Während Roncesvalles mit Tempo und Vielfalt vom Martyrium des Jakobs und der Entstehung des Pilgerpfads berichtet, betont der Burgos-Satz musikalisch das innerliche Erlebnis, das im scharfen Kontrast zu den Grausamkeiten des Textes steht. Die Vielfalt ist nun dem Mittelalter gewichen.

Doch mehrfach gruppieren sich die Sängerinnen und Sänger um. Die Solisten tönen aus den Seitenschiffen. So füllt der Chor den hohen Raum und lotet die klanglichen Bedingungen gotischer Bauten bis zum Optimum aus.

Im vierten Satz wird daraus sogar eine Prozession und damit umschließt der Chor das Publikum mit Tönen tiefster Meditation. Bevor diese dann aber mal weg ist, nimmt das Werk wieder das Tempo und die Technik des ersten Satzes auf. Damit endet der Vortrag so wie er begonnen hat. Ungewöhnlich, beeindruckend und herausfordernd und trotzdem ein Erlebnis



Material #1: Niedersächsische Musiktage - Das Programm

Material #2: Tenebrae Choir - Die Website
Material #3: Joby Talbot - Der Komponist



Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Viel Abwechslung mit nur einem Instrument

Vier Cellisten beim Kammerkonzert im Kunsthaus Wer Piazzolla spielt, kann kein schlechter Mensch sein. Schon gar nicht, wenn´s gleich zweimal Piazzolla ist. Bis es soweit ist, darf das Publikum einige andere Highlights beim Kammerkonzert der vier Cellisten im Kunsthaus Meyenburg erleben. Das Programm ist zweigeteilt. Vor der Pause gibt es bedächtige Romantik, nach der Pause wird es rhythmusbetont. Kein Grund zur Besorgnis: Das Cello schafft das schon. Das Instrument und das Ensemble bringen dafür ausreichend Potential mit. Erst klassisch, .... Den Auftakt macht Joseph Haydn und sein "Divertimento in D-Dur". Dies hat er einst für eben die Besetzung des Abends geschrieben, für vier Celli. Im zweiten Satz ist das Quartett das erste Mal gefordert. Das Allegro di molto verlangt ein präzises Zusammenspiel, damit der Dialog der Instrument funktioniert und er funktioniert. Im Allegretto des anschließenden Menuetts zeigt Sebastian Hennemann, dass ein Cello tanzen und hüpfen kann...

Eine Inszenierung auf Tratsch-Niveau

 Im DT Göttingen bleibt "Der junge Mann" an der Oberfläche Zu viel Narrativ, zu wenig Analyse. Die Inszenierung von Jette Büshel leidet an Oberflächlichkeit. Die Figuren werden nicht ausgelotet. Deswegen war die Premiere von "Der junge Mann" am 3. November zwar unterhaltsam, ging aber nicht unter die Haut. Das ist schade für das Ein-Personen-Stück auf der Studio-Bühne. In der autofiktionalen Erzählung "Der junge Mann" berichtet Annie Ernaux von ihrer zurückliegenden Beziehung zu einem 30 Jahre jüngeren Mann. Das Buch liegt seit dem Frühjahr in deutscher Übersetzung vor und postwenden haben Jette Büshel und Michael Letmathe ein Stück für das DT Göttingen draus gemacht. Strube bereit zur Berichterstattung. Alle Fotos: Lenja Kempf/DT GÖ Der erste Ansatz verpufft gleich. Seit der Ehe von Brigitte Trogneux und Emmanuel Macron haben Beziehungen zwischen älteren Frauen und jungen Männer so gar nix skandalöses mehr an sich. Auch das Duo Klum-Kaulitz hat null S...

Turandot vergibt jede Menge Chancen

 Puccini-Oper wirkt wie Schülertheater Es bleibt dabei. Mit der Oper "Turandot" setzt das Theater Nordhausen den Reigen der belanglosen Aufführungen fort. Dabei bietet doch gerade dieses Werk von Puccini dutzendweise Anknüpfungspunkte zur Jetztzeit. Stattdessen serviert Benjamin Prins eine Ausstattungsoper, der man den Staub von hundert Jahren anmerkt. Puccini gilt als der letzte Vertreter des Verismo, also der italienischen Operntradition, auf der Bühne die gesellschaftliche Realität abzubilden. Aber auch er musste seine "Turandot" in die Vergangenheit und in ein fernes Land verlegen, um Kritik an der Gegenwart zu üben. Immerhin hatten zwei Jahre zuvor die Faschisten die Macht in Italien übernommen. Somit kann man König Timur durchaus als Abbild des entmachteten Viktor Emanuel III. betrachten kann. Nächste Parallele: Wie die Faschisten berufen sich die neuen Opernherrscher auf eine tausendjährige Tradition. Sohn und Vater können vorerst nicht zueinanderfinden.    ...