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Macht schlägt Kunst

“Tosca” verschenkt Potenzial in Sondershausen

Mit der Inszenierung von Puccinis “Tosca” verabschiedet sich Regisseurin Annette Leistenschneider aus Nordthüringen und dem Südharz. Entsprechend hoch war die Messlatte bei der Premiere zu den Schlossfestspielen Sondershausen am Donnerstag. Doch die Erwartungen wurden nicht alle erfüllt. Die Aufführung zeigt stellenweise Defizite.

Der Einstieg macht neugierig. Hyun Min Kim huscht als entflohener Häftling über die Bühne. Gekleidet ist der ehemalige Konsul Angelotti wie die Gefangenen in Guantanamo. Dazu hat ihn die Maske in einen Thüringer Wei Wei verwandelt. Das ist eine starke Aussage, in Zeiten in denen die Freiheit der Kunst von vielen Seiten unter Druck geraten ist.

Religion ist ein Erfüllungsgehilfe
der Macht. 
Alle Fotos: Ronny Ristock
Dieses Motiv taucht immer wieder auf, bis es Hye Won Nam in der Rolle der Floria Tosca im zweiten Akt deutlich ausspricht. Der Maler Mario Cavaradossi ist ein anerkanntes Mitglied der römischen Gesellschaft, bis er im Eilzugtempo politisiert wird und sein Leb en geben muss. In dieser Inszenierung trifft Kunst auf Macht, wird zum Spielball und zum Verlierer.

Die zweite Aussage betrifft die Religion. Diese ist immer ein Erfüllungsgehilfe der Macht, verkörpert in der Gestalt des Polizeichefs Scarpia. Manifestiert wird dies am Ende des ersten Aktes, als sich Polizisten aus den Mönchskutten pellen.

Das Taschentuch kann stecken bleiben. Mit den Emotionen hapert es in dieser Inszenierung. Das liegt vor allem an der Musik. Das Loh-Orchester schaltet zu Beginn der Aufführung in das Largo und kommt aus dieser Gangart nicht mehr raus. Mit diesem Mangel an Differenzierung wird jede Menge Potenzial verschenkt. 

Spätestens um 22.00 Uhr stellt sich das Gefühl ein, alles das an diesem Abend schon ein- bis zweimal gehört zu haben. Besonders die Kerker-Szene und die Duette von Tosca und Cavaradossi dort leiden darunter. Wenn man sich seit mehr als 2 Stunden im gebeugten Trauer-Modus bewegt, dann kann man gar nicht mehr tief fallen.

Zudem ist “Tosca” eigentlich eine rasante Oper. Die Handlung ist extrem komprimiert. Innerhalb von 24 Stunden wird eine große Liebe auf die Probe gestellt, bricht eine Welt zusammen und es sterben vier Menschen für nix und wieder nix. Da darf es schon ein bisschen mehr sein an Tempo, Dramatik und Ausdruck. Dann würden die tragischen Szenen im Kontrast dazu besser wirken.

Endlich mal Emotion. 
Foto: Ronny Ristock
Auch das Bühnenbild von Wolfgang Rauschning erfüllt nicht die hoch gesteckten Erwartungen. wie schon bei der “Addams Family” wirkt es beengt und hinein gequetscht in die Kulisse des Schlosses. Eine Öffnung zu den historischen Bauten im Hintergrund liegt doch im zweiten Akt geradezu auf der Hand.

Es drängt sich der Eindruck auf, dass gerade dieses kleinteilige Bühnenbild ein Mehr an schauspielerischen Elementen verhindert. Die Oper bietet zu oft die Abfolge “Auftritt - Rezitativ - Arie - Abgang”.

Entwicklung und Überraschung

Eine erstaunliche Entwicklung zeigt Kyounghan Seo in der Rolle des Mario Cavaradossi. Aus seinem einst rein technischen Gesang hat der Tenor mittlerweile einen durchweg lyrischen Vortrag gemacht. Je länger er in Nordhausen und Sondershausen ist, desto mehr gewinnt er an Ausdrucksfähigkeit. Seine Stimme scheint nun mit Samt unterfüttert. Man darf gespannt sein, zu welchen Leistungen Seo in der kommenden Spielzeit fähig sein wird

Die Überraschung des Abends ist Johannes Schwärsky in der Rolle des Scarpia. Der Bariton kann nicht nur mit einem enormen Stimmumfang überzeugende, den er in Höhen und Tiefen gleichermaßen fehlerfrei auf die Bühne bringt.

Der Heimkehrer ans Theater Nordhausen weist auch mit schauspielerischen Qualitäten zu glänzen. Er kreiert sowas wie eine netten Fiesling. Sein Scarpia ist nicht nur ein Bösewicht sondern auch ein Mensch mit dunkler Seite. Es ist fast schon schade, dass Scarpia sein Leben am Ende des 2.Aktes aushauchen muss.





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