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Auf die Kleinigkeiten achten

Tristan und Isolde am Theater für Niedersachsen

Wagner zum Auftakt. Fünf Monate lang wurde das Theater für Niedersachsen renoviert. Zur Wiedereröffnung gab es "Tristan und Isolde". Die Inszenierung von Tobias Heyder zeigte sich der Tradition verpflichtet. Die Darsteller überzeugen mit guten Leistungen, aber den Star des Abends gab es nicht zu sehen.

In seiner Eröffnung scherzte  der Intendant. Man habe sich solch ein Mammutwerk ausgesucht, um die Qualität der neuen Bestuhlung zu testen, so Jörg Gade. Immerhin ist die Dauer der Oper mit 4 Stunden 45 Minuten angegeben. Die Sitzprobe fiel positiv aus.

Ein anderes Ziel der Renovierung war nach Gades Angaben auch die Verbesserung der Akustik. Davon profitierte an diesem Abend vor allem das Orchester.

Abgesehen von modischen Ergänzung bleibt Heyders Interpretation massenkompatibel. Der  Regisseur aus Hamburg scheut das Risiko und liefert eine Aufführung ab, die bestimmt keinen Skandal erregt, weil das Skandal-Potential nur bei genauen Hinschauen entdeckt wird. Mit Julia Borchert und Hugo Mallet in den Titelrollen setzt er auf Sänger, die auf Erfahrungen mit Wagner-Werken verweisen können. Das Publikum ist ihm dafür dankbar.

Tristan und Isolde dem Bett entstiegen.
Alle Fotos: T. Behind/TfN 
Als der Vorhang sich hebt, zeigt das Bühnenbild eine Kajüte und ein zerwühltes Bett. Tristan und Isolde stehen eng beieinander. Durch die Tür links dringt die Realität in das Refugium ein. Tristan und Isolde sind auf den Weg nach Kornwall. Dort soll die Prinzessin ihren Verlobten, den König Marke, übergeben werden.

Heyders Neuerungen sind vorsichtig gesetzt. Sie lassen durchaus die Interpretation zu, dass Tristan und Isolde die Nacht miteinander verbracht haben. So erklärt sich die endlose Litanei über Sühne, Schuld und Huld, die später folgt.

Gerade dieses Werk ist handlungsarm, oft stehen die Figuren im Raum herum und rezitieren über hier Innerstes. Deshalb kommt es auf die Kleinigkeiten an. Aber Julia Borchert und Neele Kramer als Zofe Brangäne durch brechen die Starre immer wieder. Neben faszinierenden Gesangsleistung liefern die beiden auch starke Darstellungen ab. Sie wissen Mimik und Gestik genau zu setzen. Sopran und Mezzosopran ergänzen sich wundervoll und Julia Borchert legt Koloraturen vor, die für Erstaunen sorgen.

Hugo Mallet, einigen noch bekannt aus seinen Zeiten am Theater Nordhausen, ist fast schon ein reiner Wagner-Tenor. Doch den Tristan singt er zum ersten Mal und im ersten Akt wirkt recht gehemmt. Ob dies ein Ausdruck seines schlechten Gewissen angesichts des One-Night-Stands bleibt unklar. Erst im Tristan-Isolde-Duett erwacht er aus seiner Lethargie und sorgt dann für einen Gänsehaut-Moment. So wird unendliche Liebe in Gesang gegossen.

Das begrenzte Bühnenbild sorgt für eine klaustrophobische Atmosphäre. Immerhin wurde die Bühne noch einmal verkleinert und das Geschehen auf einen Sockel etwa einen Meter über dem Boden gestellt. Die Enge eines Schiffs wird fast schon greifbar und die Spannungen an Bord bekommen den passenden Raum. Doch das Schiff erreicht die Küste, die Rückwand hebt und im Nebel und im Gegenlicht erscheint König Marke wie ein Erlöser. Das ist ein starkes Bild, das noch dadurch getoppt wird, dass der Spot plötzlich auf der strahlend weißen Isolde an der Rampe liegt. Überhaupt kann die Inszenierung mit einer starken und schlüssigen Lichtführung punkten.

Tristan ein letztes Mal auf den
Beinen.        Foto: T. Behind/TfN
Hatte der erste Akt schon viel Holz zu bieten, so wird dies im zweiten noch einmal gesteigert. Heyder hat die Handlung in eine Spelunke im Harz-Design verlegt. Vielleicht hätte ein reduziertes Bühnenbild zur reduzierten Handlung besser gepasst. Leider kommt Bühnenbildner Pascal Seibicke erst im dritten Akt auf diese Idee.

Wieder geht Julia Borchert in der Rolle der verzweifelt Liebenden völlig auf.Wie auch im ersten Akt entdeckt man Heyders Neuerung erst beim genauen Hinsehen. Am linken Bühnenrand zeigen die Komparsen die drei Stadien der Paarbeziehung: Frisch verliebt, kriselnd und aufgelöst.

Nun kommt auch mal Uwe Tobias Hieronimi zur Geltung. Sein König hat dem Charme eines Mafia-Paten und als solchen liegt ihm die Treue ganz besonders am Herzen. Der dritte Akt wird dann Levente György als Tristans Vertrauter Kurwenal dominiert. Der Bariton legt eine Arie hin, die die Grenzen seines Stimmfachs durchaus auslotet.

Doch erst das Orchester macht den Abend zum Erlebnis. Dirigent Florian Ziemen erzeugt ein transparentes Klangbild. Süß säuselnde Streicher übergeben an bedrohlich blasendes Blech und eine offenherzige Oboe obenauf. Die TfN-Philharmonie schafft es, die zahllosen wagnerischen Wendungen und tausenden musikalischen Überraschungen großartig darzustellen. Sie ist dem Ideenreichtum des Komponisten mehr als nur gewachsen, sie zelebriert sie geradezu.

Das Orchester macht deutlich, dass bei Wagner die Musik im Vordergrund steht. Alle aneinandergereihten Alliterationen, die wonnig wuselnden Wortverstümmelungen und die gebrochen stolzierenden Stabreime hat sich der Mann aus Leipzig nur ausgedacht, um etwas Text zu seinem musikalischen Überschwang zu haben. Warum er dazu das Orchester aber in den Graben versenkt hat, dass bleibt ewig ein Geheimnis.



Material #1: Theater für Niedersachsen - Die Website
Material #2: Tristan und Isolde - Die Inszenierung

Material #3: Richard Wagner - Die Biografie
Material #4: Tristan und Isolde - Die Oper

Material #5: Fliegender Holländer - Noch ein Wagner am TfN






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