Dienstag, 2. April 2013

Wagner ohne Gewalt entstaubt


Das TfN inszeniert den Fliegenden Holländer als Oper der Jetztzeit


Ob nun Genie oder Wahnsinniger, 2013 kommt der Kulturbetrieb nicht an Wagner vorbei. Das Theater für Niedersachsen hat sich den fliegenden Holländer vorgenommen und am Karsamstag in Hildesheim die Legende um den niederländischen Kapitän Bernard Fokke in einer entkrampften Inszenierung präsentiert.
Der Anfang ist alles andere als schroff.  Ein Schiff auf der Heimreise, eine aufstrebende Bühnenarchitektur, viel Blau und Weiß, ein Chor und Daniel Jenz als Steuermann künden im Tenor von der Freude der baldigen Heimkehr. Doch die Mächte eines düsteren Himmels verlangen einen Aufschub, Triebverzögerung nicht als Kulturtechnik, sondern als Wesen einer widerspenstigen Natur. Als die Mannschaft des Kapitän Daland sich von den Strapazen des Sturms erholen, taucht aus den Tiefen des Bühnenhauses das Schiff des Holländers auf. Ein Bau wie ein Skelett, ein blutrotes Segel wie ein Totenkopf, eindeutig geisterhaft. Doch der Hingucker ist die Galionsfigur:  der Kapitän, wie ein Gekreuzigter, ein Märtyrer seiner einstigen Arroganz und seines dauerhaften Fluchs. Dieser Holländer ist nicht der Chef auf dem Deck, sondern ein Getriebener seiner Mannschaft, die die Erlösung einfordert. Ihr Schicksal ist mit dem des Holländers unlösbar verbunden. Hier liegt einer der wenigen Schwachpunkt. Vom expressionistischen Hospitalismus der Stummfilmzeit geplagt, wirken die Statisten sehr zombiehaft, sind die sailing deads.
Der Holländer ist ein Gekreuzigter, eine Monstranz
der unchristlichen Seefahrt. Foto: TfN
Auf die Beine gestellt wird aus dem Getriebenen schnell ein Treibender. Der fliegende Holländer kann nur Erlösung erlangen, wenn sich eine Frau findet, die bereit ist ihr Leben zu opfern. Das Versprechen des Reichtums steigert die menschliche Bereitschaft, das weiß der Holländer. Sébastien Soulès in der Titelrolle versteht es mit der  Dynamik seiner Stimme, den Wandel vom Opfer zum Täter glaubhaft zu machen. Deswegen ist ihm Kapitänskollege Daland in seiner Gier mit dem ersten Aufeinandertreffen unterlegen und ausgeliefert. Der Norweger gibt seine Tochter Senta gern, wenn die Mitgift stimmt.
Auch der zweite Akt startet optimistisch. Die Farbgebung und der Bühnenaufbau der erste Minuten wiederholen sich, der Chor der Spinnerinnen singt das Hohelied des Fleißes. Nur Senta passt nicht in diese Idylle und träumt sich in andere Zeiten. Ihr Verehrer Erik fordert die Einlösung ehelicher Versprechen, dies mit Nachdruck und auch Gewalt scheint eine Lösung. Martine Reyners in der Rolle der verhökerten Braut widersteht auch stimmlich den Druck der Gruppe und des enttäuschten Liebhabers. Da kommt der Holländer als Gast des Vaters gerade zur rechten Zeit. Bald ist deutlich: da haben zwei sich gesucht und gefunden. In Zuneigung schmelzen Senta und der Holländer dahin und ihr Duett gehört eindeutig zu den Höhepunkten der Premiere.
Auch im dritten Akt der gleiche Kunstgriff: Die Vorfreude des seefahrenden Volkes wird jäh unterbrochen von Mächten der Finsternis. Es ist Dalands Mannschaft, die in ihrer Feierlaune die  Truppe des fliegenden Holländers weckt, die nun ihren Tribut fordert. Doch als ihr Kapitän seinen Verzicht auf die Liebe der Lebenden erklärt, wird er wieder zum Gekreuzigten, zur Monstranz der unchristlichen Seefahrt. Als alles verloren scheint, opfert sich Senta und die Oper findet ein Happy End, das so nicht zwingend ist.
Auch 2013 muss man Wagner nicht mögen, aber diese Inszenierung, die darf man mögen. Karsten Barthold und Steffen Lebjedzinski ist es gelungen, den fliegenden Holländer zu entstauben und in die Jetztzeit zu bringen, ohne dem Werk Gewalt anzutun. “Der fliegende Holländer” bleibt eine Volksoper, erstickt aber nicht im Historizismus, sondern legt neue Aussagen frei. Da ist die Bereitwilligkeit des Vaters Daland, seine Tochter herzugeben, wenn nur der Preis stimmt, und da ist Sentas Wille, sich dem vorgezeichneten Weg in den Hafen der Ehe zu verweigern. Für Senta ist die Beziehung zum Fremden eine Möglichkeit der Hausfrauenperspektive zu entkommen. Somit ist der Weg in den freiwilligen Tod nicht nur Erlösung für den Verfluchten sondern auch Katharsis für die Braut des Untoten. Auf diesem Weg kann man mit Wagner nicht nur das Premierenpublikum in Hildesheim begeistern.


Die nächsten Vorstellungen am 6., 13., 18. und 23. April