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Am Ende kehrt das Glück zurück

Cinderella als Ballett im Theater Nordhausen

Manchmal komisch und schrill und doch zugleich zärtlich und poetisch. In seiner neuen Produktion vereint Nordhausens Ballettchef Ivan Alboresi schwer Vereinbares. Am Ende von "Cinderella" bleibt dann doch ein Zauber, der noch lange anhält. Am Ende der Vorstellung setzt ein Glücksgefühl ein, dass erest langsam verklingt

Eigentlich mag er ja kein Erzählballett, hatte Alboresi in seiner ersten Spielzeit in Nordhausen betont. Es käme darauf an, Emotionen wirken zu lassen. Doch mit seiner neuen Choreographie „Cinderella“ hat er nun das dritte Erzählballett inszeniert und nach „Romeo und Julia“ zum zweiten Mal zu Musik von Sergei Prokofjew.

Dabei schließt er eine Lücke. Alboresi erzählt die Geschichte vor der Geschichte. Er berichtet vom ersten Aufeinandertreffen von Cinderellas Eltern, vom Werden und Vergehen der Familie und ihres Glücks. Warum ist überhaupt erst jetzt jemand auf die Idee gekommen? Das Werk ist erst jetzt vollständig. Dann führt er auch noch eine neue Figur ein, den Freund des Prinzen. Er ist eine Art des Glücksbringers.

Martina Petrini steht allein auf der spärlich beleuchteten Bühne. Ihre Arme greifen weit um sich. Sie dreht sich, als wollte sie die Vergangenheit einfangen. So ganz ohne Ton ist das schon recht traurig. Erst dann setzt die Musik ein.

Dies wird sich den ganzen Abend so fortsetzten. Die Choreographie wird dominiert vom Modern Dance, dadurch entsteht eine Spannung nur Neoklassik, in die sich immer Romantik und auch Anklänge an den Expressionismus mischen.

Schräges Trio: Stiefmutter (Mitte) und Töchter.
Alle Fotos: Marco Kneise
Nur in der Ball-Szene hebt Alboresi diesen Kontrast auf. Zum Prokofjews Walzer wird hier ganz klassisch mit viel Pirouetten und Hebefiguren im pas de deux getanzt.

Die Ouvertüre ist zu Ende und die Musik verstummt. Der runde Vorhang, der bisher im Raum schwebte, senkt sich über Petrini und hüllt sie in einen Kokon. Joshua Lowe ist nur ein kurzes Soloals Vater vergönnt, dann trifft er auf Ayaka Kikuchi als Mutter. Aus dem Solo wird ein Pas de deux voller Zärtlichkeit. Immer wieder werden Hände ineinandergelegt. Das ist Glück pur, aber es ist nur von kurzer Dauer. Die Mutter verschwindet in den Kokon.

Dann setzt die bekannte Handlung ein. Aber Alboresi erzählt sie ein wenig anders. Die Stiefmutter ist keine Hexe. Camilla Matteucci git ihr ein Gestalt, die ganz im Hier und Jetzt beheimatet ist. Schaupielerisch liefert Matteucci die stärkste Leistung ab. Mimik und Gestik.

In Neonfarben gekleidet und mit Einkaufstaschen bewaffnet wirken die Stiefschwestern Drisella und Anastasia wie Nebendarsteller einer Daily Soap. Immer in leichter Rückenlage stolzierend geben Andrea Guiseppe und Eleonora Peperoni ihnen die passende überzogenen Gestalt. Das ist herrlich überdreht und jeder im Publikum, hat jemanden, an den er gerade erinnert wird. „Cinderella“ kommt damit aus der Marchenecke heraus und wird zur Gegenwartsbeschreibung.

Dazu passt auch die Kofferszene. Sie verlässt die Grenzen des Balletts und greift Elemente des Jazz Dance auf. Das ist erfrischend und erheiternd und in seiner Darstellung eindeutig.

Das Bühnenbild von Wolfgang Kurima Rauschning ist reduziert Es besetht nur aus dem kreisrunden Vorhang, der sich hebt und senkt, der sich öffnet und schließt und einhüllt wie ein Kokon, selbst den Kamin.

Nur in der Ballszene im zweiten Akt wird der Pfad der Reduzierung veralssen. Eine Show-Treppe und viel Bronze zaubern königlichen Glanz in den Tanzsaal. Das ist kein Bruch sondern der Gegenpol, die zweite Seite der Medaille.

Hier kommt nur die personelle Erneuerung ins Spiel. Nils Röhner tanzt den Freund des Prinzen. Der Vergleich macht die unterschiedlichen Auffassungen deutlich. Wirkt Thibaut Nury mit seiner zurückhaltenden Gestik schüchtern und unsicher und nicht zum Glück fähig, setzt Röhner hier deutlich Kontrapunkte. Sein Tanz ist raumgreifend und selbstbewusst.

Schuh als missing link: Prinz findet Cinderella. 
Fotos: Marco Kneise
Waren die Video-Sequenzen bis dahin eine Ergänzung und dienten sie vor allem der Aufheiterung, bekommen sie am Ende der Ballszene eine andere, persönliche Bedeutung. Die Perspektive ändert sich und die Handycam sorgt dafür, dass das Publikum die Positionen von Cinderella und des Prinzen einnimmt. So werden die Zuschauer in das Geschehen hineingezogen.

Nun beginnt der Tanz um den Schuh. Das Tempo erhöht sich für die rastlose Suche und auch hier wird der Prinzenfreund zur treibenden Kraft. Röhner muss aufpassen, dass er Nury nicht "an die Wand tanzt". Ähnlich wie Annette Leistenschneider am Anfang des Jahres in Cendrillon, macht auch Alboresi den Schuh als missing link zu einem Kultobjekt. Schließlich verspricht der Bekleidungsgegenstand einen rasanten sozialen Aufstieg

Doch die stärksten Szenen inszeniert Alboresi dann, wenn die Gruppe ins Spiel kommt wie in der Traumszene. Wie kaum ein zweiter versteht es Nordhausens Ballettchef aus Individuen eine Ganzes zu machen. In wallenden, wogenden Bewegungen entsteht eine unglaublich Dynamik, der Erzählstrang wird dann ausgesetzt und es geht für wenige Minuten um reine Ästhetik.

Prokofjew begann sein Werk, als das Sterben allgegenwärtig war. Die Deutschen hatten einen Belagerungsring um Leningrad gezogen und täglich fielen allein hier dem Krieg rund tausend Menschen zum Opfer. Das ist die größte Bedrohung des Glücks und diese Ballett zeigt den Weg zurück in den Glückszustand auf. Am Ende bekommt Cinderella den Prinzen, der Vater findet die Mutter in einer neuen Dimension und ganz im Hier und Jetzt finden Anastasia und der Prinzenfreund zueinander. Von der Komik in die Lyrik, die Dramaturgie passt. Soviel Happy End war selten.





Material #1: Theater Nordhausen – der Spielplan
Material #2: Cinderella – die Inszenierung


Material #3: Sergei Prokofjew – Die Biografie
Material #4: Cinderellla – Die Musik

Material #5: Cendrillon - die Oper







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