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Flucht vor sich selbst

 "Die Winterreise" als Ballett im Theater Nordhausen

Meistens kommt es anderes als man manchmal denkt. Mit einer Aufführung von "Die Winterreise" als Ballettabend hat sich das Theater Nordhausen in die Winterpause verabschiedet. Dabei überzeugt die Choreographie von Ivan Alboresi owohl sie doch einige Längen aufweist. 

In diesem Jahr diktiert erstmal das Corona-Virus den Spielplan. Eigentlich wollte Alboreso die "Carmen" in Szene setzen, doch die zahlreichen Auflagen stoppten das Vorhaben. Doch "Die Winterreise" mit der Musik von Franz Schubert ist mehr als nur Ersatz. Sie passt besser in diese Zeit als die extrovertierte und erotische Carmen.

Mit der affektierten Larmoyanz und dem maßlosen Selbstmitleid in einer konstruierten Realität, die mit der Wirklichkeit nur bedingt deckungsgleich ist, ist die Winterreise die Vorlage für die aktuelle Gemütslage. Statt des grandiosen und tödlichen Finale der Carmen gibt es hier endloses Siechtum. 

Mal eine weibliche Perspektive: 
Gony ist die gefrorene Träne.
Alle Fotos: TNLos
Winterreisen gibt es viele. Auch die Lieder von Franz Schubert ist nur von mehreren zeitgenössischen Vertonungen der 24 Gedicht von Johann Ludwig Müller. Wie es sich für einen Schwerromantiker gehört, konnte er den Ruhm aber nur postum genießen. 

Alboresi schafft es, dem Standardwerk wichtig Ergänzungen hinzuzufügen. Mit dem Untertitel "Stationen einer Flucht" verschiebt sich die Perspektive auf das Seelenleben des Ich-Erzählers. Es ist nur schade, dass sich einige Stationen doch gleichen. Besonders in der zweiten Hälfte wirken einige Szenen redundant. Da unter den derzeitigen Bedingungen eine Pause zur Verarbeitung auf Seiten des Publikums nicht möglich ist, wäre eine Straffung durchaus ratsam. Denn anderthalb Stunden Seelenpein, das  ist schon ein Brett. 

Eigens für die Inszenierung in Nordhausen hat der Komponist Davidson Jaconello Klangcollagen und Electrobeats geschaffen. Diese transportieren die Inszenierung nicht nur 200 Jahre in Richtung "Jetzt". Diese Brücken in die Gegenwart sind auch wichtige Ergänzungen und Kontrapunkte zur traditionellen Instrumentierung. Hier kann sich das Ohr erholen von der Dominanz von Flügel und Bariton.

Dabei profitiert die Choreografie durchaus von der Tradition. Der Bariton hat die Rolle des Ich-Erzählers und Handlungsträger. Deswegen muss Alboresi keinen Gedanken an das Erzählballett verschwenden. Er kann sich auf das konzentrieren, was er am Besten kann und am Liebsten macht: Innere Zustände in Bewegungen umsetzen. 

Philipp Franke hat die Winterreise schon seitz längerem in seinem Repertoire. In dieser Zeit ist die Darbietung gereift. Franke ist nun in der Lage, seinen Bariton akzentuiert einzusetzen. Damit weiß er die schwankenden Stimmungen des Erzählers umzusetzen. Dadurch gewinnt die Winterreise deutlich an Tiefe.

"Stationen einer Flucht" und damit verwundert es nicht, dass das Ensemble immer wieder in Diagonalen über die Bühne hastet. Diese Zurschaustellung innerer Unruhe liegt auf der Hand. Aber ansonsten greift Alboresi in seiner Choreografie in gewohnter Weise auf den gesamten Fundus  tänzerischer Ausdrucksmittel zurück. Klassik trifft auf Moderne trifft auf Break Dance.


Die Grenzen zwischen Musik und Tanz verschwinden.
Alle Fotos: TNLos!
Klassisch drehen sich die Tänzer um sich selbst. Die Pirouetten in den weiten Mäntel wecken Assoziationen an die Derwische. Gelegentlich wird auch gesprungen.  Es sind gewissermaßen Pas de deux mit sich selbst. Das ist nicht nur den Corona-Bedingungen geschuldet. Das alleine zu machen, was sonst nur zu zweit klappt, auch das ist eine Aussage zur Zeit. 

Aber es findet eben auch viel auf dem Boden statt. und dann drehen sie sich auch wieder um sich selbst.

Dadurch gewinnen die Soli an Bedeutung und der Auftritt von Otylia Gony an der dritten Stationen bringt eine zusätzliche Ebene in die Rezeption. Seit der ersten Szene steht sie bewegungslos rechts hinten im Spotlicht. Nun tanzt sie mit sparsamen Platzverbrauch die gefrorene Träne. 

Genau genommen war die Winterreise bisher der Ego-Trip eines verkappten Machos. Junger Mann macht sich falsche Vorstellungen über eine Beziehung, enttäuscht macht er sich über alle Berge und singt anschließend der Welt von seinem verqueren Seelenleben vor. 

Dank Ivan Alboresi kommt nun die Verlassene zu Worte. Warum hat es zweihundert Jahre gedauert, bis endlich jemand fragt, was die Trennung bei der jungen Frau auslöst? Allein für diese neue Opfer-Perspektive gehört Nordhausen Ballettchef in den Olymp. 

Das Bühnenbild von Wolfgang Kurima Rauschning entblättert seine Stärken erst im Laufe der Vorstellung. Damit liefert es aber eine eigenständige Aussage. 

Grün trifft auf Schwarz, aber die Phase der
Hoffnung ist nur kurz.  Alle Fotos: TNLos!
Anfangs verstört es mit seiner sperrigen Do-It-Yourself-Optik. Das ist pure Klaustropobie gezimmert in 45 mal 75er Kantholz. Ab Station vier wird es im Gegenlicht zur Projektionsfläche und dann  öffnet sich die Kulisse Stück für Stück. Die Grenze zwischen Tänzer und Musiker verschwindet sukzessive bis Philipp Franke vom Sänger zum Akteur wird.

Doch die Öffnung retardiert. Die Kulisse senkt sich wieder häppchenweise und Zum Schluss herrscht wieder Klaustrophobie und Einsamkeit und ein Ich-Erzähler der in sich versunken in der Ecke hockt. 

Unterstützt wird dies durch das Farbkonzept der Ausstattung. Baut Birte Walbaum erst aus Schwarz mit einem Hauch weiß, so kommt zwischenzeitlich lindgrün dazu. Die schweren und weiten Romantikermäntel werden vom Tänzerdress abgelöst. Doch die Phase der Hoffnung ist nur kurz. Die Kostüme landen wieder im Monochromatischen. Die Schlussszene sieht Tänzerinnen und Tänzer im schwarzer Regen. Alles was bleibt ist Traurigkeit. 

Es ist fantastische Bilder, die das Ensemble in Tateinheit mit Ausstattung und Licht auf die Bühne des Theater Nordhausens bringen. Bilder, in die man als Zuschauer zu gern versinkt. Aber einige diese Bilder wirken wie Kopien ihrer selbst. Für die Post-Corona-Zeit wäre eine Straffung durchaus angebracht.  





    



 

 

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