Donnerstag, 28. Juni 2018

Wenn das Zentralgestirn wunderschön verglüht

La Traviata im Sinne Verdis weiterentwickelt

So ist es nun mal: Nirgends wird so schön gestorben wie in Verdis Dauerbrenner. Auch bei den Schlossfestspielen in Sondershausen ist die Titelheldin am Ende mausetot. Doch die Inszenierung von Anette Leistenschneider zeigt nicht nur drei Akteure in Höchstform sondern auch einige neue Aspekte.

Das Libretto erscheint wie die Vorlage für eine Tele Novela: Lebedame aus der Pariser Oberschicht trifft auf Jüngling aus gutem Hause. Er ist unsterblich verliebt, sie ziert sich anfangs noch. doch dann schlägt die Liebe mit aller Macht zu und beide beginnen ein ruhiges Leben auf dem Lande.

Dann funkt sein Vater dazwischen, sie opfert sich, er beschimpft. Als beide wieder zueinander finden, ist es zu spät. Die Schwindsucht rafft sie dahin.


Was aus heutiger Sicht banal erscheint, war vor knapp 170 Jahren durchaus revolutionär. Anfang der 1850er Jahre erfindet Verdi die Volksoper. Nicht mehr Adelige und andere vermeintliche Helden stehen im Mittelpunkt das Singspiels sondern die Menschen von der Straße oder dem Rand der Gesellschaft. Dazu gehören der bucklige Hofnarr Rigoletto ebenso wie die Edelprostiuierte Violetta.

Mischung aus Wave Gothic Treffen, "Live and Let Die"
und Familienfeier im S/M-Club. Alle Fotos: Kügler
Um diesem revolutionären Schreiben noch die Krone aufsetzen, macht Verdi eine Frau zum Mittelpunkt seines Werkes. Diesen Weg geht Anette Leistenschneider konsequent weiter. Sie macht Zinzi Frohwein in der Hauptrolle zum Zentralgestirn ihrer Inszenierung. Nur die Vater-Sohn-Szene muss ohne ihre Präsenz auskommen, natürlich logisch.

Anders als in der Nordhäuser "La Traviata" von 2011 ist die Violetta in Sondershausen ist kein Opfer widriger Umstände. Sie handelt bewusst. Erst voller Skepsis erliegt sie dem Zauber und der Macht der Liebe. Eben deswegen verzichtet sie auf Alfredo

Zinzi Frohwein bringt diesem Wandel glaubwürdig auf die Bühne im Lustgarten. Letztendlich scheidet Violetta in Erfüllung ihrer Mission mit jeder Menge Großmut aus dem Leben. Der Wandel von der egozentrischen Lebedame und zur Heiligen ist in dieser Vorstellung deutlich und nachvollziehbar ohne in christliche Erlösung-Elegien umzukippen.

Die Aufführung profitiert eindeutig von Frohweins großem schauspielerischen Talent, für das die Niederländerin schon mehrfach ausgezeichnet wurde. Das die Sopranistin zu den führenden Stimmen am Theater Nordhausen zählt, steht sowieso außer Frage. Dies liegt sicherlich an ihrer Wandlungsfähigkeit. Sie klingt weich und rund, wo Zurückhaltung gefragt ist, doch ohne an Dynamik oder Umfang zu verlieren. Aber sie im zweiten Akt beweist, beherrscht sie auch die Koloraturen und wenn es die Situation erfordert, dann legt sie auch reichlich Vibrato in ihren Vortrag

Kyounghan Seo ist die passenden Ergänzung zu Frohweins Dominanz. Der Koreaner ist wohl der Prototyp eines lyrischen Tenors, auf die großen Gesten verzichtet er. Dies passt vorzüglich zur Rolle des dauerverliebten Alfredo. Nur im dritten Akt darf er dann ganz weit ausholen. Auf jeden Fall sind aber die zahlreichen Duette von Frohwein und Seo gleichzeitig auch die zahlreichen Höhepunkte in dieser Inszenierung.

Violetta legt sich schon mal zum Sterben hin.
Da ist Manos Kia aus ganz anderem Holz geschnitzt. Er wirkt gelegentlich etwas hüftsteif, aber dies bestens passt in die Rolle des Ehrenmanns aus der Provinz. Der Bariton kann auch stimmlich die Standhaftigkeit von Vater Germont umsetzten.

Das Bühnenbild von Christian Floeren erinnert deutlich an seine Arbeit zu den diesjährigen Comedian Harmonists. Die Spielfläche ist weitestgehend freigeräumt, der Fokus liegt auf den Akteuren und die Opulenz des Fin de Siécle findet nur im Kopf statt. Nur im dritten, im Sterbe-Akt, wird deutlich möbliert.

Aber da sind ja noch die vier Buchstaben L,O,V, und E. Erst müssen sie richtig sortiert werden, dann leuchten sie in voller Pracht und dann doch wieder Stück für Stück auszugehen. Als ob man Liebe ein- und ausschalten könnte wie eine Lichtinstallation. Eine gewagte These, die Anette Leistenschneider mit dieser Inszenierung ja widerlegt.

Die Ausstattung reduziert, die Kostüme prachtvoll. Die Inszenierung profitiert von diesem Gegensatz. Dass Nebenrollen und Chor dabei aussehen wie eine Mischung aus Betriebsausflug zum Wave Gothic Treffen, Bond'schen Karneval in "Live and Let Die" und Familienfeier im S/M-Club ist durchaus im Sinne Verdis. Dieser hatte seine Oper durchaus als Zerrspiegel für die Vergnügungssucht des Spätfeudalismus gesehen. Der Spätkapitalismus trägt eben Lack und Leder.

Noch leuchtet die Liebe. 
Mit dieser Ausstattung bringen Leistenschneider und Froenen aber auch eine neue zeitgeistige  Komponente mit ins Boot: die Mystik. La Traviata bekommt in Sondershausen eine dunkle, unerklärliche Seite. Damit geht diese Inszenierung über die Sozialanalyse Verdis hinaus.

Der Auftritt des Todes schon während der Ouvertüre, im Gestalt eines kleinen Blumenmädchen, weist schon frühzeitig auf das unvermeidliche Ende und wirkt gelegentlich konstruiert. Anfangs verweigert Violetta den Tanz mit dem Mädchen, mit dem Tod, im dritten Akt drehen sie dann doch ihre Runde, das ist sehr eingängig.

Der Wechsel von intimen Duetten und rasanten Massenszenen verleihen der Inszenierung ein letztendlich ein hohes Tempo. Dies macht Violettas zweifachen Bruch mit ihren bisherigen Leben umso deutlicher.

Mit sicherer Hand leitet Michael Helmrath das Loh-Orchester durch den Abend. Das Ensemble zeichnet sich durch Zurückhaltung aus, während die Sängerinnen und Sänger immer die musikalische Hauptrolle spielen. Dabei hat Verdi seiner Oper eine bis dato unerreichte Vielfalt an Stilelementen verpasst. Walzer trifft auf spanische Folklore und Spätromantik dräut schicksalergeben. Das Orchester schafft alle Wechsel und selbst in den dunklen Pauken-Passagen bleibt der Klang transparent.






Material #1: Schlossfestspiele Sondershausen - Der Spielplan
Material #2: Schlossfestspiele Sondershausen - Das Stück

Material #3: Giuseppe Verdi - Die Biografie
Material #4: La Traviata - Die Geschichte