Donnerstag, 20. Juni 2019

Lazarus bleibt halbtot

Musical am DT Göttingen gefällt nur streckenweise

Die Reanimation ist nur ein Teilerfolg. Das Musical "Lazarus" am Deutschen Theater Göttingen bleibt hinter den eigenen Ansprüchen zurück. Da helfen auch die großartigen Bilder und die Video-Projektionen nur bedingt.

Angekündigt ist das Stück als das Vermächtnis von David Bowie. Das Musical knüpft an den Roman "The Man who fell toEarth" aus der Feder von Walter Tevis. In dessen Verfilmung spielte Bowie 1976 die Hauptrolle des Thomas Jerome Newton.

Der Außerirdische reist durchs  All, um wasser für seinen Heimatplaneten zu besorgen. auf der Erde erlebt er Ruhm und Aufstieg, die große Liebe mit Mary-Lou  und die herbe Enttäuschung. Zum Schluss kann er die Erde nicht mehr verlassen, kann auch nicht leben und nicht sterben und verharrt im Dämmerzustand.

Knapp vierzig Jahre später schrieb Bowie zusammen mit dem Dramatiker Enda Walsh die Geschichte fort. Newton lebt als schwer reicher Exzentriker völlig zurückgezogen in seinem Luxusappartement. Erst tritt Elly in sein Leben als seine neue Assistentin und dann das namenlose Mädchen. Dieses wurde geschickt, um Newton auf seinen Heimatplaneten zurückzuholen.

Lazarus ist aus dem Bett auferstanden.
Alle Fotos: Birgit Hupfeld
Die Inszenierung ist geprägt von einer eigen Optik und die zeichnet sich durch Poesie aus und wird durch das nasse Element bestimmt. Noch bevor sich der Vorhang öffnet hockt Volker Muthmann am linken Bühnenrand und spielt mit dem Wasser. Der Spot von rechts oben wirft faszinierende Reflexionen auf den Vorhang.

Dieser geht hoch und macht deutlich, dass die gesamte Bühne unter Wasser steht. Newton bewegt sich auf die Insel in der Bühnenmitte. Dort empfängt er seinen ehemaligen Kollegen Michael. Muthmann und Gerd Zinck schauen sich minutenlang an und ihre verklemmte Gestik macht die gewachsene Entfremdung der beiden Protagonisten deutlich. Schauspielerisch ist das eine solide Leistung

Dieses Schweigen mag für ein Musical befremdlich erscheinen. Aber die erzwungene Stille ist eben der andere Teil der Poesie in dieser Inszenierung. Dann kommt Andrea Strube als Elly ins Spiel und es ist vorbei mit der Ruhe. Als Elly, die Newton benutzt, um aus ihrer erstarrten Ehe zu fliehen, zeigt Strube in diesem Ensemble der Selbstzweifler eine Darbietung voller Kraft und Entschlossenheit.

Da ist ihr Daniel Mühe als Valentin Ergänzung und Widerpart zugleich. Er fährt eine andere Strategie und Mühes Mimik und Artikulation ist geprägt von Hinterlist und Umwegen, die doch zum Ziel führen.

Wie heißt es so schön: Held nur für
einen Abend.  Foto: Hopfeld
Mit dem ersten Song "Lazarzus" kann Muthmann die Schwachstellen noch übertünchen. Aber je länger der Abend dauert desto deutlich treten die Defizite zutage und die liegen vor allem im musikalischen Bereich. Schauspieler sind eben Schauspieler und Bowies Musik stellt eben doch so seine Anforderungen.

Spätestens bei "Absolute Beginners" wird dies deutlich. Gesanglich ist nicht jeder seiner Aufgabe gewachsen und die in diesem Song so notwendigen Bläser versacken. Die Dynamik ist gleich null. Überhaupt stimmt die Tonmischung nicht. Der Sound ist schwammig und auf dieser Grundlage wirken gerade die weiblichen Stimmen ohne eigenes Zutun gelegentlich überzogen wirken.

Die Legende von Lazarus ist die Geschichte einer Reanimation. Es scheint, als ob Bowie und Walsh das Musical nutzen wollten, um alten Songs neues Leben einzuhauchen. Dabei ist die Reihenfolge in der Göttinger Aufführung nicht immer schlüssig. Glam-Rock der 70-er mischt sich mit Edelpop der 80-er und mit Balladen der 10-er. Auf der Playlist finden sich sämtliche großen Hits von David Bowie, dennoch wirkt es streckenweise wirkt es wie die Compilation "The second Best of David Bowie". Bekanntes Material wurde hier einfach nebeneinander gestellt. Nur die Popularität der Songs scheint das Kriterium gewesen zu sein. Nicht immer wird die Verbindung von Songs zum Spiel klar. Lediglich "Changes" trägt was zur Handlung bei, wenn Elly klar macht, das sich ihr Leben ändern wird.

In einzelnen Szenen werden die Protagonisten vorgestellt, immer unterbrochen von einem Song, alle hübsch der Reihe. Dann gibt es Rückblenden in die Vergangenheit und einzelne Fetzen. Das nimmt Zeit in Anspruch und wirkt wie eine Revue der zerplatzten Träume. Anstatt hier weiter zumachen, werden nach einer Dreiviertelstunde alle die Fäden zu einem Strang zusammen geflochten und eben damit kommt der ärgerliche Bruch. Die Inkonsequenz. Die Inszenierung bekommt so hat den Charme eines Schülermusicals. Da ist noch Potential für eine dramaturgische Straffung.

Es ist eine Geschichte über die verschiedenen Arten der Reanimation und der Projektion. Elly will ihrem Leben wieder Schwung verleihen und reanimiert Mary-Lou, das Mädchen will die Hoffnung in Thomas Newton reanimieren und was Valentine reanimieren will, das wird nie so klar. Auf jeden Fall will jeder Kontrolle über den Außerirdischen.

Alle zusammen: Absolute Beginners.  Foto: Hopfeld
Da passt sich die Inszenierung von Moritz Beichl bestens ein.  Auf weiten Strecken wirkt sie wie eine Roadshow durch die 70-er Jahre im schwülstigen Sound einer Rock-Oper. Alles ist auf retro getrimmt und ist somit halbtot. Aber er schafft es, großartige Bilder im Glam-Rock-Look entstehen zu lassen. Nur leider sind es meist Unikate, die für sich allein stehen.

Immerhin machen die Video-Projektionen von Moritz Hils  deutlich, dass seit der Filmpremiere über 40 Jahre vergangen sind. Sie stecken voller Symbole, die sich erst später erschließen. Aha-effekt mit Verzögerung. Sie sind aber auch eine sinnvolle Ergänzung, wenn das Mienenspiel von Volker Muthmann in Großaufnahme gezeigt wird.

Das Element mit der Faszination ist aber das Bühnenbild von Valentin Baumeister. Es besticht nicht nur mit dem omnipräsenten Wasser. Er fesselt auch mit den sechs Vorhängen aus Riesenlametta. Sie heben und senken und trennen die Ebenen des Bewussten, des Sichtbaren, vom Unterbewussten, vom Latenten. Sind alle unter, das entsteht auf der Bühne des Dickicht aus Metallstreifen, ein Urwald, der je nach Beleuchtung in unterschiedlichen Farben schimmert. Sind alle oben, dann herrscht die weite Leere der blanke Bühne. Dann ist Einsamkeit angesagt.

Lazarus mag das Vermächtnis von David Bowie sein. Aber vieles wirkt hier aufgewärmt. Man muss schon ein großer Fan sein, um daran Gefallen zu finden.






Material #1: Deutsches Theater - Der Spielplan
Material #2: Lazarus - Das Musical

Material #3: Lazarus - Zwei Legenden

Material #4: David Bowie - Die Biografie
Material #5: Enda Walsh - Die Biografie



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